Wehrhof Kaltenstein
Dorf Kaltenstein
Beschreibung
Dort, wo die Arge ihr rauschendes Lied mit dem der Kalte zu einem einzigen Akkord verschmelzen lässt, liegt Kaltenstein, wie eine hölzerne Schnalle im bewaldeten Gürtel des Vorderkosch. In einem weiten Tal, flankiert von nadeldunklen Höhen, steht der kleine Wehrhof unbeirrt in der Landschaft – nicht als Bollwerk gegen die Wildnis, sondern als Hüter einer stillen und Jahrzehnte währenden Ordnung.
Seit fast einem Jahrhundert hat das Haus von Argenklamm hier Wurzeln geschlagen, nachdem es seine alte Felsenkrone – die Burg im Gebirge – an Satinavs Zahn verlor.
Das neue Heim, ein zweigeschossiger Bau mit festem Stein zu Füßen und schlichtem Verputz nach oben hin, trägt die Würde der Vergangenheit, ohne sie zur Schau zu stellen. Drei breite Stufen führen zu einer metallbeschlagenen Eichentür, die trotz ihrer Wuchtigkeit einen einladenden Eindruck erweckt, wie eine dargereichte Hand¹.
Neben diesem Herrensitz steht ein, wuchtiges Blockhaus, das mit seinem tief gezogenen Dach und gemauerten Fundament sowohl Schutz als auch Zusammenhalt bietet. Hier wohnen die anderen Familien des Ortes, allesamt ehrbare Leute, deren Hände die Felder bestellen, Holz spalten, Vieh hüten und so einen unersetzlichen Beitrag dazu leisten, das Leben im Gut aufrechterhalten.
Neben diesen beiden prominenten Gebäuden komplettieren drei mehr oder weniger stattliche Stallungen und zwei kleinere Häuser das Bild des Kaltensteiner Wehrhofes. Die beiden einstöckigen Häuser werden von zwei auf dem Hof lebenden, freien Familien bewohnt. Wer die Stallungen bewohnt sollte dem geneigten Leser auch ohne einen Hinweis meinerseits bekannt sein.
Die hölzerne Palisade, die den Hof umgibt, wirkt weniger wie ein Schutzwall denn wie eine Trost und Schutz suggerierende Umarmung. Zwei Tore führen von Norden sowie Süden auf den Wehrhof. Sie werden flankiert von je einem Wehrturm, die tatsächlich mehr Turm denn Wehr sind, da sie meist unbemannt bleiben. Ich habe ja bereits angedeutet, dass es nicht viele Seelen sind, die den Wehrhof bewohnen.
Nur wenige Schritte vom Nordtor entfernt überspannt eine hölzerne Brücke die Kalte – schlicht, verlässlich und die einzige ihrer Art im ganzen Edlengut. Ihre Bohlen tragen nicht nur Füße, sondern auch die Geschichten derer, die kamen und gingen.²
Rund um den Ort reifen Emmer, Hirse und Raps, deren Ähren sich wie gelbgoldene Wogen im Wind wiegen. Die nahen Wiesen entlang der Kalte, satt und blühend, füllen die Tröge der Tiere und erfreuen die Herzen derer, die die Schönheit darin zu erkennen vermögen. Hier auf diesen tiefgrünen Almen stehen Kühe, Schafe und Ziegen und fressen sich satt.³
Eine Meile flussabwärts erhebt sich die Fronmühle. Hier wird das Korn der Felder zu Mehl, und auf dem angrenzenden Lechminsfeld tanzt einmal jährlich das Dorf in Erinnerung an die Heilige, deren Güte sich nicht nur an diesem Freudenfest in den Menschen hier widerspiegelt.
Nicht zu vergessen ist letztlich der Wutzenhof im Nordosten, eine Schweinezucht, die mit der Bucheckernmast der Wälder zu leben weiß wie ein Fisch mit dem Strom – und deren Besuch ich absichtlich bis zum Ende meines Aufenthaltes aufschob. Denn wenn der Wind richtig steht, bekommt man schon von Weitem einen Vorgeschmack von dem, was einen auf dem Hof erwartet. Wer dort die Arbeit scheut, bekommt’s mit Otgar zu tun und wer die Stille sucht, findet sie nur, wenn die Tiere schlafen. Leider hören sie im Schlaf nicht auch das Stinken auf.
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¹ Ich mag diesen Eindruck in meiner Erinnerung eventuell ein wenig romantisieren, denn die Familie Seiner Wohlgeboren Ulfried Tommeldan von Argenklamm, hat mich mit einer herzerweichender Gastfreundschaft empfangen und für die Zeit meiner Anwesenheit im Edlengut in ihr Heim aufgenommen. Hierfür möchte ich mich an dieser Stelle erneut herzlich Bedanken.
² So wie die des Tommelsbeuger Hofmedicus' und persönlichen Freundes meiner Wenigkeit, Drego Grabschaufler, über die er aber zu meinem nachhaltigen Verdruss beharrlich schweigt.
³ Als ich so inmitten der Tiere stand, konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass eine der Ziegen, ein recht groß gewachsenes, braunweiß geschecktes Exemplar, besonders interessiert an mir war. Zudem war sie ausgesprochen zutraulich und wich nicht zurück, als ich auf sie zuging. Also kramte ich ein paar Krumen Brot aus meinem Beutel und warf es dem Tier hin – rückblickend ein folgenschwerer Fehler, denn fortan wich das Vieh nicht mehr von meiner Seite! Selbst ein im Brustton der Überzeugung gerufenes: "Kusch!" vertrieb das hartnäckige Tier nicht – und damit war ich mit meinen sprichwörtlichen Bosparano auch schon am Ende. Als nächstes stieß dieses gescheckte Biest mich mit seinem Kopf an, wohl eine Aufforderung, ihm mehr meines Brotes zu offerieren. Als ich das unterließ – und ich schwöre bei meiner Schriftsteller-Ehre, dass es sich genau so zugetragen hat – biss mir das meckernde Monstrum dergestalt in den Allerwertesten, dass ich diese Zeilen nun auf dem Bauch liegend zu verfassen gezwungen bin. Ich hätte nicht übel Lust, dem Hirten das gewalttätige Vieh zu beschreiben und ihn zu bitten, mich zu informieren, wenn es sein Ende gefunden hat und ich geräucherte Rache nehmen kann. Aber: Besinne dich Rahjaehr, Zorn und Rachsucht sind schreckliche Wegbegleiter, also atme ich nun tief durch, übe ich mich in Vergebung und verbuche das Geschehene unter 'lustige Anekdoten für regnerische Tage'.
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Auszug aus "Naturbetrachtungen aus Schnakensee" von Rahjaehr
Zusammenfassung
- Name: Wehrhof Kaltenstein
- Lage/Baronie/Grafschaft: Edlengut Kaltenklamm, Baronie Schnakensee, Landtgrafschaft Gratenfels
- Einwohnerzahl: 31
- Dorfherr: Ulfried Tommeldan von Argenklamm
- Bürgermeister:
- Büttel:
- Gutshöfe:
- Tempel: Peraine-Schrein
- Wichtige Gasthöfe:
- Händler/Handwerker/Marktrecht:
Geschichte
Offizielle Quellen
Obwohl Kaltenstein die größte Siedlung des Edlenguts Kaltenklamm ist, leben hier keine drei Dutzend Seelen. Der Ort liegt direkt am Zufluss der Arge in die Kalte, in einem weiten Tal zwischen zwei überwiegend mit Nadelhölzern bestandenen Ausläufern des Vorderkosch, durch das sich die Kalte windet.
Seitdem die Familie von Argenklamm ihren Stammsitz Burg Argenklamm im Vorderkosch vor knapp 100 Götterläufen aufgegeben hat, dient ihnen der Wehrhof als Zuhause und gleichzeitig als Verwaltungssitz des Lehens. Außer der Familie von Argenklamm leben auf dem Wehrhof noch vier weitere Familien, überwiegend Bauern und Handwerker.
Die wenigen Häuser sowie die Stallungen sind weitläufig von einer einfachen Holzpalisade umstanden, die man durch zwei hölzerne Tore betreten kann. Neben jedem der beiden Tore steht zudem ein einfacher Holzturm, der jedoch so gut wie nie besetzt ist.
Neben drei einstöckigen Holzhäusern, wenigen großen und kleinen Holzscheunen und dem ein oder anderen Schuppen, wird der Ort von zwei Gebäuden dominiert:
Ein breites, zweistöckiges Haus mit gemauertem Erdgeschoss und verputztem Obergeschoss sowie einem mit Schieferschindeln gedeckten Dach. Zum Eingang, einer dicken, metallbeschlagenen Eichentür, führen drei breite Stufen, die wiederum von einem Vordach überspannt werden. Hier lebt die Familie von Argenklamm gemeinsam mit einer Magd und einem Knecht.
Gut zwanzig Schritt entfernt davon, ungefähr in der Mitte des kleinen Weilers, steht ein wuchtiges, zweistöckiges Blockhaus mit weit herab gezogenem Dachüberstand auf einem gemauerten Fundament. Hier wohnen die meisten der Unfreien in Kaltenstein.
Nur wenige Schritt außerhalb des Nordtores befindet sich die einzige Brücke über die Kalte im gesamten Edlengut. Um den Wehrhof herum gibt es einige Felder, auf denen überwiegend Hirse, Raps und Emmer angebaut wird. Entlang der Kalte findet man zudem einige saftige Wiesen, die ebenso wie die etwas höher gelegenen Almen als Weidegründe für Kühe, Schafe und Ziegen dienen.
Ungefähr eine Meile südlich von Kaltenstein findet sich die Fronmühle, eine stattliche Wassermühle, in welcher das Getreide des ganzen Guts sowie einiger angrenzender Höfe gemahlen wird, und direkt anbei das Lechminsfeld, eine Festwiese auf dem das jährliche Volksfest zu Ehren der Heiligen Lechmin stattfindet. Die Kalte wurde ab Höhe der Fronmühle weitestgehend begradigt, sodass sie zur Holztrift verwendet werden kann.
Etwa zwei Meilen nordöstlich des Wehrhofs, ebenfalls an der Kalte gelegen, findet sich der Wutzenhof, eine - für Schnakenseer Verhältnisse - größere Schweinezucht, die primär Eichel- und Bucheckernmast in den nahen Wäldern und Bachauen betreibt.
Inoffizielle Quellen
- Aufbruch nach Neukrashof (Prolog zum Neuspielerplot 2022)
"Am Nachmittag, Drego hatte gerade eine Wassermühle passiert, die still am Ufer eines Baches stand, sah er zu seiner Rechten eine weitläufige, nahezu flache Wiese, während sich in einigen hundert Schritt eine hölzerne Palisade am Horizont abzeichnete.
Der Weg dorthin war von kleinen, abgeernteten Feldern gesäumt, auf denen sich jedoch kein Mensch tummelte. Auf der anderen Seite des Baches jedoch grasten gut ein Dutzend Rinder und nachdem der Regen aufgehört hatte zu prasseln, war ihr Muhen das einzige Geräusch neben dem träge dahin plätschernden Bach.
Als er der Palisade näher kam, konnte er erkennen, dass das Tor offen stand. Ein hölzerner Turm, welcher das Tor flankierte, schien unbesetzt.
Er passierte das Tor und befand sich nun in Kaltenstein, das aus einer Handvoll Häuser bestand, die sich innerhalb der weit gefassten Palisade tummelten. Dazu kamen noch einige Scheunen. Direkt gegenüber des Tores, durch das er kam, war eine weitere Öffnung in der Palisade und er konnte erkennen, dass direkt dahinter eine hölzerne Brücke über den Bach führte, der sich um die Palisade zu winden schien.
Noch hinter der Brücke erkannte er eine Person, die mit einer kleinen Schafherde den Karrenweg gen Firun zog.
Neben drei einstöckigen Holzhäusern, wenigen großen und kleinen Holzscheunen und dem ein oder anderen Schuppen, fielen ihm zwei Gebäude ins Auge:
Ein breites, zweistöckiges Haus mit gemauertem Erdgeschoss und verputztem Obergeschoss sowie einem mit Schieferschindeln gedeckten Dach. Zum Eingang, einer dicken, metallbeschlagenen Eichentür, führten drei breite Stufen, die wiederum von einem Vordach überspannt wurden.
Gut zwanzig Schritt entfernt davon, ungefähr in der Mitte des kleinen Weilers, stand ein wuchtiges, zweistöckiges Blockhaus, dessen Fundament gemauert wurde. Unter dem weit herab gezogenen Dachüberstand hing bunte Wäsche an Seilen.
Zu sehen war niemand. Außer dem Plätschern des nahen Baches, welches nahezu von dem Quieken einiger Schweine, die wohl in einem der Ställe im hinteren Bereich der Siedlung untergebracht waren, übertönt wurde, konnte man aus dem verputzten Haus aber auch die fordernden Rufe einer Frau hören.
[...]"
(aus: Der Schollenflüchtige - 1045 BF)