Neuspielerplot 2025 - Flussfahrt auf der Concabella


Zeitraum: Phex 1048 BF

Ort: Entlang des großen Flusses von Crumold über die Baronie Kyndoch, Eisenhuett und Klippag nach Elenvina.

Inhalt: Der Herzog Hagrobald Guntwin vom Großen Fluss bittet Adlige, sein Flusschiff, die Concabella, von ihrer letzten Überholung in Havena in Crumold entgegenzunehmen und rechtzeitig zur Herzogenturnei nach Elenvina zu überführen.

Mit Texten von: Moschkito, Altenpfort, Tanneneck, Eisenmühlen, GutEisbühl, Gellerstock, Firnbronn, GutErlenquell, Talerberg, Landwacht, Rappach
Sowie als SL Ambelmund, DanSch, Kaltenklamm, Knechtstett, Kranick, Iseweine,

Die Geschichte als Datei findet sich hier.

Einladung

“Unsere getreuen Vasallen und Freunde! Um einen Dienst bitten Wir Euch in einer Sache, die zu erfüllen Eure Fähigkeiten benötigt. Unser Schiff, die 'Concabella', wurde in ihrer Werft in Havena überholt und neu getakelt. Bereit zu neuen Fahrten auf Flussvaters Rücken soll sie zur Herzogenturnei zu Beginn des Phexmondes 1048 BF in Elenvina einlaufen. So schicken Wir Euch aus, sie am 25. Tage des Tsamondes in Crumold entgegenzunehmen und sie samt Mannschaft zum dritten Tag des Marktmondes, jenem des listenreichen Phex, unbeschadet in Elenvina vor Anker gehen zu lassen. So folgt gemäß Eurem Eide Unserem Ruf und findet Euch zur rechten Zeit zu Crumold ein!

- Gegeben zu Elenvina im Efferd 1048 BF, Zeichen und Siegel des Herzogs der Nordmarken.”

Echt war die Botschaft unbenommen, die im Hesindemond verschiedenen Adligen der Nordmarken zuging - und in einigen Fällen waren es gar die Barone, die diese Nachricht ihren Vasallen weiterreichten. Böswillige Zungen behaupten, sie hätten dies mit leichtem Herzen und frohem Mut getan, wohlzufrieden darüber, selbst nicht der Einladung zu einer Flussfahrt auf der ‘Concabella’, dem herzöglichen Flusssegler mit bewegter Vergangenheit, teilhaftig zu werden. Die Überführung am Ende des Winters verspricht alles andere als ein Zuckerschlecken zu werden. Doch erwartet die Adligen viel Ruhm, sollten sie es schaffen, das Schiff samt Besatzung heil im Zielhafen anzulanden.

In Crumold

‚Nehmt die ‚Concabella‘ am 25.Tsa 1048 BF in Crumold entgegen.‘
So hatte es in der Einladung geheißen. Allein die Anreise nach Crumold, von Praios her durch das tiefverschneite Elenviner Land, von Firun durch Gratenfels und Albernia, entlang der Reichsstraße III stellte ein Abenteuer ganz eigener Art dar, so dass die Gäste klugerweise einige Tage zusätzliche Reisezeit eingeplant hatten. Die Baronie Crumold war über einen gut befestigten, nun aber im Schnee versunkenen Weg zu erreichen. Schon von der Grenze aus war die Burg zu sehen, wie sie sich über der Einmündung des Rodasch erhob. Nur teilweise vom Burgberg und der Burg verdeckt konnten die Reisenden bereits die Ortschaft Rodaschmund ausmachen.  Ein Bergfried, der gegen Firun die Flussmündung abschirmte und aus der Richtung Firun kaum einnehmbar über einer steilen Felswand thronte, war gen Rahja durch einen Serpentinenweg über den dort etwas flacheren Burgberg erreichbar und kündete bereits von Weitem von Burg Crumolds Wehrhaftigkeit. Zu Füßen des Burgbergs lag Rodaschmund mit seinem Fährhafen und der etwas weiter Rodaschaufwärts liegenden Baustelle einer Brücke, die, so wurde erzählt, auf albernischer Seite ‚Flussfürst Rodasch‘ heißen solle.
Am 25.Tsa würde sie, so war ihnen berichtet worden, auch der albernische Baron Crumolds zur Audienz laden.
Die Tage zuvor lud der ‚Fährmanns Inn‘, das gastfreie Haus im Dorf Rodaschmund, zu Füßen der Burg, ein.
Das Gasthaus war groß und sauber, und ganz offensichtlich waren Flussreisende seine hauptsächliche Kundschaft. Jetzt jedoch, im Winter, war die Flussschifferei zum Erliegen gekommen und fast alle Zimmer waren leer. In der Gaststube herrschte jedoch reges Treiben - die hauptsächliche Abwechslung in Rodaschmund des Winters schien aus gepflegtem Zusammensein in der Schankstube zu bestehen. Der eilfertige Wirt überließ seinen Adligen Gästen den Nebenraum und tischte emsig auf, was Küche und Keller zu bieten hatten. Phelinda verdrehte nicht zum ersten Mal an diesem Tag die Augen. Ihre Stute Grafriede schritt vollkommen unbekümmert durch die Schneewehen, als würde sie das liebe lange Jahr über nichts anderes tun. Auch Stolper stapfte unbeirrt über den verschneiten Weg. Phelindas Problem befand sich nur ein paar Pferdelängen vor ihr: Prinz Eitel, der Hengst ihrer Mutter Salinda, bäumte sich auf. Die in die Jahre gekommene Kauffrau war das Reisen per Karren oder Kutsche gewohnt, nicht aber selbst zu reiten. Das störrische Tier ihrer Mutter tat sein übriges dazu, die Reise zu erschweren. Phelinda hinterfragte für einen Sekunde die Geschehnisse, die sie zur Entscheidung gebracht hatten, ihre Mutter mit auf diese Reise zu nehmen.

Vor etwas über eineinhalb Monaten war eine Sendbotin auf dem Baugrund des künftigen Gutshofs Gellerstock eingetroffen. Die gerodete Fläche verzeichnete nebst drei Zelten inzwischen einen provisorischen Stall und eine Hütte, die als Schlafstätte diente. Phelinda hatte die Botin ihrer Lehnsherrin willkommen geheißen und ihr einen Teller warme Suppe und einen heißen Tee angeboten, was die junge Frau dankend angenommen hatte. Gestärkt und aufgewärmt hatte sie der Ritterin das Schreiben übergeben, welches sie hierher geführt hatte. Da die Arbeiten am Gutshof während der Wintermonate ohnehin still lagen, war Phelinda die Bitte, der Jungfernfahrt der restaurierten ‚Concabella‘ beizuwohnen, sehr gelegen gekommen. Außerdem war der Handelsmond ihrer Familie seit jeher wohlgesonnen. Dieser Gedanke hatte sie auch dazu verleitet, ihre Mutter Salinda in ihre Reisegefolgschaft aufzunehmen. Das Gut würde Markward Kupfergeld in der Zwischenzeit verwalten. Er war ein enger Familienfreund und ehemaliger Prokurist der Kommenda Twergenloch. Phelinda hatte ihm die Auswahl der Burschen und Mägde aus den umliegenden Höfen überlassen, die er zu seiner Sicherheit und Gesellschaft auf das Gut Gellerstock beordern sollte. Einerseits hatte ihre Mutter sich seit der Quest, die Irian von Krankicks Bruder involviert hatte, sehr entschieden gewünscht, stärker in ihr Adelsleben eingebunden zu werden. Dieser Bitte würde Phelinda nun nachkommen. Zum anderen könnten ihr Salindas Erfahrungen als Kauffrau durchaus nutzen auf einer längeren Reise. Ihre eigenen grundlegenden Fähigkeiten im Bereich des Handelswesens hatte Phelinda nie ausbauen können, da ihr über eine Knappschaft der Weg in den niederen Adel eröffnet worden war.

Im Hier und Jetzt zurück kniff die geübte Reiterin und Ritterin die Augen zusammen, presste die Oberschenkel und Waden an Gratfriedes Flanken und überholte Stolper. Sie schloss auf zu Prinz Eitel und ließ Gratfriede ihre ruhevolle Präsenz entfalten. Nachdem sich der Rappe ein wenig beruhigt hatte und nicht mehr zu steigen ansetzte, griff Phelinda in die Zügel hinüber und brachte ihn mit beruhigenden Worten dazu, wieder in ein sanftes Traben zurückzukehren.
„Danke, Phelinda“, drang Salindas gedämpfte Stimme aus der mehrfach um den Kopf gewickelten Wollgugel. Phelinda erwiderte mit einem Lächeln: „Gerne“. In den meisten Situationen war ihre Mutter bestimmend, souverän und teils sogar anmaßend. Krisensituationen förderten bei ihr eindeutig das Beste zutage, ein Gedanke, der Phelindas Laune deutlich steigerte. Gratfriede ließ sich wieder zurückfallen und reihte sich vor dem Leibdiener Odomar ein. Dieser hielt neben dem Zaumzeug der beiden Packpferde Heufried und Schleich auch Stolpers Führzügel in den Händen. Phelinda sagte: „Danke, Odo.“ Mit diesen Worten übernahm sie den ungeschickten Kaltblüter wieder. Das Pony war die gesamte Zeit über treudoof weiter getrottet und war die Ruhe selbst. Die Angbarer Reichsstraße wand sich lang und breit vor ihren Augen. Trotz des weiteren Schneetreibens war das Vorwärtskommen auf der gepflegten Straße weitaus leichter als zuvor. Die kleine Reisegruppe folgte ihr etwa zwei Wochen. Durch Salindas Verhandlungsgeschick blieben sie deutlich unter den geplanten Verpflegungskosten, bis schließlich die Burg Crumold in den Blick rückte. Es war ein stolzes Gemäuer, das vor etwa 20 Götterläufen Zeuge einer bewaffneten Auseinandersetzung zwischen Albernien und den Nordmarken geworden war.
Vorerst ließen Salinda, Odomar und Phelinda die Burg jedoch Burg sein und wandten sich gen des kleinen Flusses Rodasch. An dessen Mündung in den Großen Fluss befand sich das Ziel ihrer Reise: Rodaschmund, ein beschauliches Örtchen, das von Fischfang, Landwirtschaft und den Fährfahrten der Reisenden lebte. Sie folgten der Reichsstraße einige hundert Schritt, bis sie ans äußere Tor einer soliden Palisade gelangten. Die Sonne stand bereits tief und das Tor war verschlossen, doch drei Berittene, von denen eine ein Wappen führte, veranlasste die Stadtwache, das Tor noch einmal zu öffnen. Phelinda schirmte ihr Gesicht gegen die letzten Sonnenstrahlen, die von links in ihre Richtung schienen. Sie sagte an die Stadtwache gerichtet: „Den Zwölfen zum Gruß.“ Sie ballte die Schwerthand, ihre Rechte, zur Faust und führte sie mittig zur Brust. Der Gardist erwiderte den Gruß und sie stellte sich vor: „Phelinda von Twergenloch samt Gefolgschaft.“ Die Wache trat beiseite, um Phelinda passieren zu lassen.
„Praios scheint auf mich herab, wunderbar!“ stand Jerg Wendelin von Mitterberg mit sich selbst redend vor dem Gasthaus. Wölkchen bildeten sich vor seinem Mund und die Sonnenstrahlen brachen sich darin, nachdem er den Schal heruntergezogen hatte und die frische Winterluft einatmete.
Ohne nennenswerte, aber mit Ausschmückungen bestimmt spannende, Vorkommnisse kam er einige Tage vor der vereinbarten Stunde an. Sein in die Jahre gekommenes Pferd Wirsel am Zügel haltend betrachtete er das Gasthaus vor sich. Er band die Stute gewohnt an einen Pfosten. Jerg dachte zurück an seine Heimat und seinen hart arbeitenden Bruder, sprach Ihm zu Ehren in Gedanken ein kurzes Gebet zu Peraine und öffnete die Tür zum Gasthaus. ‚Wärme.‘ Dieses Wort hing wie angewurzelt im Kopf als Ihm eine Mischung aus Pfeifengeruch, Schweiß und Fisch, begleitet von einem Stimmengewirr und das vertraute klackern von Würfeln entgegenkam. Mit einem freudigen Lächeln nickte er neugierigen Blicken zu und ging zielstrebig zum Tresen. „Den Zwölfen zu Gruße. Jerg Wendelin von Mitterberg, ich werde erwartet.“ richtete er selbstsicher und geübt an den Wirt. „Den Zwölfen zu Gruße Edler Herr. Ich darf…“ grüßte der Wirt und stellte sich vor. Höflich aber mit absolutem Desinteresse merkte sich Jerg den Namen des Wirtes nicht und wartete auf die wichtigen Themen. Ihn selbst zum Beispiel.

„…ihr seid mit dem Pferde gekommen?“ fragte der Wirt und unterstrich seine Aussage mit einem offensichtlichen Warten. „Ja. Ihr könnt meine Stute in den Stall bringen lassen.“ entgegnete Jerg mit einer für Ihn angemessenen Portion von Langeweile. „Natürlich der Edler Herr!“ der Wirt rief einen Bediensteten der sich zügig mit einer Winterjacke auf den Weg raus machte. „Wenn der Herr mir folgt, ich werde Ihm sein Zimmer zeigen.“ erklärte der Wirt und gab kurz ein paar Anweisungen an Bedienstete und machte sich auf den Weg. „Ja ja. Ich bin direkt hinter euch. Der Junge kann mein Gepäck vom Pferde direkt nach bringen wenn er fertig ist.“ entgegnete Jerg mittlerweile mit einer leichten Priese von Verzweiflung. ‚Was das doch alles lange dauerte!‘ Der Wirt erzählte auf dem Weg wohl wichtige Dinge, die Jerg aktuell aber nicht interessierten. Er hatte viel mehr Augen für die überraschend schöne Magd und stimmte in Gedanken schon paar Verse rund um Ihre wohlgeformten Lippen und die kleine süße Stupsnase.
„… und wenn was ist, am Tresen wird immer jemand sein.“ beendete der Wirt seinen Monolog über was auch immer. „Ja ja. Danke, ich werde mich nun etwas frisch machen.“ antwortete Jerg und beendete damit das Gespräch. Seine warme Kleidung achtlos über einen Stuhl geworfen saß er sich erst einmal auf das Bett und entsann in Gedanken weiter schöne Versen. Auxilia Freiensteyn hasste es zu spät zu kommen, daher war sie einige Tage vorher aufgebrochen. Sie hasste Schnee. Dick eingemummelt saß sie auf Alrik Donnersturm, dem Pferd ihres Gatten. Sie wollte einen guten ersten Eindruck machen. Sie rieb sich immer wieder die kalte Nase, in der Hoffnung, dass diese durch die kalte Luft nicht zu rot wurde. Ihre Tochter Theodora ritt neben ihr. Sie sollte lernen und ihre Mutter unterstützen. Beim nächsten Mal würde sie ihre andere Tochter Luzia mitnehmen. Doch auch in Altenpfort gab es genug zu tun und genug zu lernen. Vor dem Fährmanns Inn angekommen stiegen die beiden Frauen von ihren Pferden. Sie drückten einem Stallburschen die Zügel in die Hand.
"Es soll doch bitte jemand unser Gepäck ins Zimmer bringen.", sagte Auxilia noch bevor sie sich Richtung Eingangstür begab. Noch bei den wenigen Schritten versuchte sie so viel Schnee wie möglich vom Mantel zu klopfen. Und trat schließlich ein. Etwas unschlüssig blieb sie direkt in der Tür stehen und beobachtete zunächst die Situation im Inneren des Gasthauses. Schließlich nickte Auxilia Theodora zu und die beiden Frauen gingen zielstrebig auf den Tresen zu, während sie die Mäntel öffneten und die dicken Fellmützen vom Kopf nahmen. Auxilia, in ihren Vierziegern, hatte lange braune Haare, welche sie geflochten um ihren Kopf gebunden hatte. Ihr herzförmige Gesicht war unscheinbar, die grau-grünen Augen schienen genau zu beobachten. Sie war schlank und trainiert. Sie hatte ihrer Tochter einiges ihres Aussehens mitgegeben, außer der blauen Augenfarbe des Vaters. Der Gang war entschlossen, sie konzentrierte sich sehr darauf genau so zu wirken. Sie trat an den Tresen. " Travia zum Gruße!

Auxilia und Theodora Freiensteyn aus Altenpfort. Wir würden gerne unser Zimmer beziehen und dann mit einer wärmenden Suppe die Kälte aus den Gliedern vertreiben.", nickte Auxilia dem Wirt zu. Sie lassen sich von einem Knecht auf das Zimmer bringen.
Dort angekommen entledigten sich die Frauen zunächst ihrer Reisekleidung. "Wir sollten uns frisch machen. Und dann, tja, mal sehen was uns erwartet.", Auxilia warf ihre Mütze auf den Haufen aus Mänteln und Handschuhen. Theodora schaute aus dem Fenster und merkte an: "Es scheinen auch noch anderen bereits eingetroffen zu sein." "Nun, denn, dann hinunter. Suchen wir uns einen schönen Platz im Schankraum." Der Weg vom Kammergut war lang und durchaus beschwerlich gewesen. Das Schneetreiben hatte sein Übriges getan, um ein Weiterkommen zu erschweren, und so hatte sich Xanthrax mehrmals gefragt, warum er denn überhaupt dieser Einladung gefolgt war. Es standen wichtige Aufgaben auf seiner Agenda und auch wenn ein echter Angroscho weder Wind noch Wetter scheute, so konnte er mit derlei gesellschaftlichen Gepflogenheiten eher wenig anfangen. Seine Lebensaufgabe führte ihn dorthin, wo er gebraucht wurde und nicht auf … solche Veranstaltungen. Dennoch schien es ein notwendiges Übel zu sein, dieser Einladung nachzukommen. Schwer gerüstet, und in einen dicken Fellumhang gewickelt, mit seinem Feldtornister aus alten Zeiten auf dem Rücken, hatte er die Reise angetreten. Das Reiten war ihm selbst heute noch zuwider. Pferde und er würden nie Freunde werden und Xanthrax stellte sich auf dem Hinweg mehr als einmal die Frage, ob es die richtige Entscheidung gewesen war, dem Vorschlag seines ehemaligen Waffengefährten nachzukommen. Dort zu sein, wo Angrosch es wünschte und dabei eine ordentliche Tracht Prügel auszuteilen war eine Sache, doch ein Lehen zu führen eine gänzlich andere. Administrative und logistische Dinge waren innerhalb der Kor-Knaben niemals ihm zugefallen. Wenn aber die kurzlebigen Menschen dieser Aufgabe Herr werden konnten, dann er, als stolzer Ambosszwerg, erst recht. Die Burg hatte einen durchaus wehrhaften Eindruck auf ihn gemacht. Xanthrax war, sobald in Sichtweite, stehengeblieben und hatte sich das Bauwerk aus der Ferne heraus angesehen. Natürlich gab es zahlreiche Verbesserungsmöglichkeiten, und diese Festung war nicht für die Ewigkeit gebaut worden (zumindest nicht nach zwergischen Maßstäben), aber doch ansehnlich für das, was er sonst so, aus Menschenhand entsprungen, sehen hatte dürfen. Dagegen wirkte das Gasthaus, in dem er unterkommen würde, kärglich. Der Vergleich hinkte, denn was war schon ein Holzbau für Durchreisende im Vergleich zu solidem Mauerwerk? Mit schweren Schritten stapfte er auf die Tür seiner Unterkunft zu und drückte diese auf. Wärme schlug ihm ins Gesicht, mit dem Geruch von Bier und frisch zubereitetem Essen entgegen. Seine Reiseration hatte aus Brot, ein wenig Trockenfleisch und Trockenfisch, wie Wasser bestanden. Der Ausblick auf einen Humpen Helles besserte seine Stimmung schlagartig. Beiläufig öffnete er die Mantelspange seines Umhangs und entblößte dabei das Kettenhemd. Der Helm, welchen er an den Gürtel gehakt hatte, gab ein metallisches Klimpern bei jedem Schritt von sich, während er auf den Tresen zuschritt.

„Wirt, ein Helles und was zu Essen und dazu noch ein Zimmer“, verlangte Xanthrax und klopfte dabei auf den Tresen. Ohne auf den etwas überrumpelten Wirt zu achten, drehte sich der Ambosszwerg um, schnallte den Tornister vom Rücken und lehnte Drakkamalmar, seinen Streithammer, dagegen. Den Fellumhang warf er darüber und sah sich um, wobei er sein Pfeifchen vom Gürtel nahm und es sich stopfte. Das würde also die Bleibe für die nächsten Tage sein. Er hatte schon weitaus schlechter genächtigt. Im Rahmen der Möglichkeiten machte sich Jerg frisch, zog ein etwas hübscheres hellbeiges Hemd mit silbernen Knöpfen und eleganten, roten Bändern an den Handgelenken, zum hochbinden eben jener, an und schlenderte mit seiner Laute zum Tresen.
Da stand er, mit seiner erschreckend durchschnittlichen Größe, dunkelblonden, schulterlangen Haar im Sonnengebräunten Nacken zum Zopf gebunden suchten seine grünen Augen nach der Magd mit den wunderschönen Lippen und nach was zu Essen.
Die Magd sah er nicht, aber seine Hoffnung auf seine warme Mahlzeit war nur ein Tresen weit entfernt neben einem kleinwüchsigen Mann mit viel Bart. Er hatte von diesem Volk viel gehört, aber selbst in der heimatlichen Herberge nur selten gesehen. ‚Wenn die Gerüchte stimmen können Zwerge mindestens Ihre Masse in Bier trinken, ehe Sie auch nur angeheitert sind! Mit Ihm sollte ich nicht um die Wette zechen.‘ ging Jerg durch den Gedanken während er sich mit gebührendem Abstand zum Zwerg am Tresen positionierte und Ihm eloquent, fast melodisch grüßte „Den Zwölfen zu Gruße.“ ‚Meine Neugierde wird irgendwann noch mein Untergang sein.‘ stach der Gedanke Jerg schmerzlich durch den Kopf, während er den Zwerg freundlich anlächelte. Ohne auf eine Antwort zu warten forderte Jerg unmittelbar ein Essen am Tresen ein. Auxilia und Theodora treten in den Schankraum. Zwischen den verschiedenen Düften schwebt auch Essensgeruch zu ihnen und lässt das Wasser im Mund zusammenlaufen. Erst jetzt merken die Frauen, wie hungrig sie waren. Auxilia beobachtete den Raum. Viele Einheimischen hier, einige einfache Leute. Doch am Tresen standen ein gut gekleideter Mann, der mit einem Zwerg sprach. Scheinbar ebenfalls welche der geladenen Adeligen. Auxilia straffte sich 'Nun denn.' Sie positionierte sich jedoch mit etwas Abstand an den Tresen um das Gespräch nicht zu unterbrechen, doch gegebenenfalls sich vorstellen zu können. Xanthrax sah von seinem Pfeifchen auf und musterte jenen jungen Mann, der gegrüßt hatte. Die schwarzen Augenbrauen wanderten dabei nach unten und er inhalierte einen kräftigen Zug Tabak. Der macht auch nicht viel her, ging es ihm durch den Kopf. Der Laute nach zu urteilen eher kein Krieger. Die Kleidung tat ihr Übriges, um den Ersteindruck für ihn zu verstärken. Wie alt der Bursche sein mochte? Konnte kaum dreißig Sommer gesehen haben. Ein Jungspund.
„Garoschem“, nickte er Jerg zu und griff hinter sich, nach seinem Humpen Bier. Der Braten brauchte laut Wirt noch ein etwas. Nach Trockenfleisch und Fisch war ihm ein wenig Warten gleich. Weiterhin im Versuch, das Alter des Mannes abzuschätzen, nippte er an seinem Bier und verzog das Gesicht. Gagelbier – eindeutig. Er hatte dem Dünnbier, welches in Albernia, Weiden, Tobrien und vor allem dem Bornland hergestellt wurde, nie etwas abgewinnen können. Der würzige Geruch hätte ihm schon eine Warnung sein sollen. „He, Wirt“, murrte er und drehte sich um. „Habt Ihr auch noch etwas anders als Gagelbier? Ansonsten ein Schnäpschen als Appetitanreger.“ Dabei schob er dem Wirt den Humpen hin. „Ich vertrage schon was; das ist nicht so ganz mein Fall.“

Xanthrax verkniff sich einen Kommentar zum Thema „gehörige Braukunst“, und wandte sich stattdessen Jerg zu, ohne den Wirt weiter zu beachten. „Wenn Ihr den Geruch nicht mögt, würde ich gleich eine andere Biersorte bestellen“, warnte er ihn und lächelte dabei angedeutet. Es gebot der Anstand potentielle Gäste vor einer Enttäuschung, bezüglich des Bierkonsums zu bewahren. „Ich bin übrigens Xanthrax, Sohn des Xolgram – mit wem habe ich das Vergnügen?“ Aus den Augenwinkeln heraus konnte der Ambosszwerg noch mehr Gäste ausmachen. Nebst den üblichen Verdächtigen (Ortsansässige, der ein oder andere Zecher und einem, der aussah, als würde er alsbald Bekanntschaft mit der Tischplatte machen), fielen ihm zwei Frauen auf. Wie alt diese sein mochten? „Es ist noch genug Platz hier“, meinte er leichthin zu den beiden Damen.
Erfreut über die doch positive Reaktion antwortete Jerg höflichst mit einem Singsang in der Stimme: „Jerg Wendelin von Mitterberg, meine Feinde rufen mich Jerg, meine Freunde Wendelin. Ich bin hoch erfreut euch kennen zu lernen werter Herr Xanthrax, Sohn des…" Jerg stockt kurz „Xolgram? Hab ich das richtig ausgesprochen. Mir sind die Formalitäten eures Volkes noch nicht so geläufig.“ Während die Getränke des Zwerges kommen wurde Ihm eine Fischsuppe aufgetischt und mit bemerkenswert hochnäsiger Stimme kommentierte Jerg „Wunderbar, wurde auch Zeit. Jetzt weiß ich wenigstens was ich beim eintreten gerochen habe. Ich danke der Küche.“
Jerg schnappte sich seine Fischsuppe und rutschte ein Stück und kommentierte dies mit zuckersüßer Stimme „Die werten Damen, ich schließe mich dem herzensguten Xanthrax an, ich denke hier wird genug Platz sein für uns alle.“ „Na, dann hoffe ich, dass wir bei Wendelin bleiben können“, entgegnete Xanthrax und lächelte deutlich erkennbar. Er wiegte den Kopf ein wenig hin und her und nickte auf die Frage hin: „Ja, das ist schon ganz gut gewesen.“ Das Lächeln wurde breiter: „Ich bin nicht der Freund von Formalitäten.“
Der neue Humpen Bier hob zusätzlich seine Laune. Ja, das war deutlich mehr sein Geschmack. Süffig und dabei nicht zu süßlich. So mochte er sein Bräu! Das Schnäpschen tat sein Übriges. Bei den Worten Jergs schmunzelte der Ambosszwerg. Wie ungeduldig die kurzlebigen Völker doch immer waren. Ein Fischsüppchen brauchte auch seine Zeit, vermutete Xanthrax zumindest. „Jetzt bin ich ein wenig neugierig, um ehrlich zu sein, werter Wendelin – jemand wie Ihr hat Feinde?“ Er nippte neuerlich an seinem Humpen und zog genüsslich am Pfeifchen. „Familienstreitigkeiten, Nebenbuhler oder habt Ihr einfach jemanden einen Zahn gekostet?“

„Dann bleiben wir wohl bei Wendelin und Xanthrax?“ antwortete Jerg ein wenig schelmisch. „Ach bisher belaufen sich meine Feinde auf verärgerte Männer mit schlechterem Lautenspiel als ich. Aber Freunde. Freunde hab ich gerne um mich herum.“
Mit einem aufrichtigen Lächeln verbrannte sich Jerg an seiner Suppe. „Verphext und zugenäht!“ kam leicht verärgert über seine ungewollt erhitzte Lippen.
„Soll mir recht sein.“ Xanthrax nippte erneut an seinem Humpen. „Verärgerte Männer mit schlechterem Lautenspiel also.“ Er nickte bedächtig. „Soso – das bedeutet, Ihr könnt also tatsächlich mit dem Ding auch spielen?“ Der Ambosszwerg deutete in Richtung der Laute.

Fast schon beiläufig kippte er sein erstes Schnäpschen und verlangte sogleich nach einem weiteren. „Darf ich fragen, woher Ihr kommt?“ Er bedachte Jerg mit einem mitleidvollen Blick. „Darum bevorzuge ich Braten und einen Schluck Helles. Suppe ist mir sowieso immer zu flüssig.“ Erleichtert lächelte Auxilia die beiden Männern an. Sie nickte Theodora zu und schob den Becher mit verdünnten Bier und die Schale Fischsuppe Richtung der Gesellschaft. "Den Zwölfen zum Gruße.", Auxilia deutet eine Verbeugung mit dem Kopf an. "Auxilia Freiensteyn. Ich habe frisch das Lehen Altenpfort übernommen. Ich bin hier mit meiner Tochter, ich dachte sie könnte etwas lernen. Ich hoffe es ist nicht schlimm, dass ich sie mitgebracht habe." Theodora stand auf und streichte ihr Kleid glatt. Dann stellte sie sich jeweils vor jeden der Herren auf: "Theodora Freiensteyn mein Name. Den Zwölfen zum Gruße! Einen schönen Tag, Eure Wohlgeboren." "Mein Großonkel Ernbrecht Freiensteyn erhielt Altenpfort vor einigen Jahren zur Verwaltung.", setzte Auxilia zur Erklärung an. "Vor seinem Tod empfahl er mich als Nachfolge. Nun bin ich hier. Wir freuen uns Euch kennenzulernen und auf die kommenden Tage."

Mit einem wohwollenden Blick auf den Braten, das Bier und Xanthrax sagte Jerg „Ich komme gleich auf unser Gespräch zurück werter Xanthrax.“ und er wendete sich höflich den Damen zu. Mit seiner süßesten und höflichsten Stimme antwortete Jerg „Den Zwölfen zu Gruße euer Wohlgeboren Auxilia Freiensteyn.“ an Auxilia gerichtet. ‚Sie ist also mindestens eine Junkerin und die kleine Ihre Tochter. Jetzt bloß nichts falsch machen Wendelin.‘ ging Ihm durch den Kopf und an Theodora richtete er folgende Worte „Ebenso den Zwölfen zu Gruße junge Dame Theodora Freiensteyn.“ kurz tief einatmend, eine höfliche Verbeugung zu Auxilia richtend „Ich darf mich vorstellen, ich bin Jerg Wendelin von Mitterberg, Stellvertretend für meinen Edlen Bruder und Ritter Guntar Lucan der IV von Mitterberg. Es gereicht der Wohlgeborenen, wenn Ihr mich mit Edler Herr ansprecht. Der Titel gebührt meinem Edlen Bruder.“ und mit einem verschmitzten Lächeln fügt er hinzu „aber es steht euch frei, mich wie Freunde einfach Wendelin zu nennen.“ und wies höflich auf die freien Plätze. „Immerhin wartet ein Erlebnis über das ich mindestens eine Verse schreiben möchte.“ ‚Verdammt Wendelin! Du und dein loses Mundwerk‘ schoss es Ihm noch schmerzlich durch die Gedanken. Auxilia konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen: „Wunderbar! Wie spannend. Ein Versenschreiber. Ich bin höchst erfreut und gerne, Wendelin, nennt mich Auxilia. Ob ich etwas zu euren Versen beitragen kann denke ich nicht.“ Sie musste lachen. Theodora machte hingegen große Augen. Sie hatte erst jetzt die Laute entdeckt: „Ihr spielt? Ach, wie herrlich. Ich fand letztens in der Bibliothek meines Urgroßonkels einen Hamarro-Roman. Und dort hat er auch so schön von seinen Abenteuern berichtet und singen kann er auch. Die Tochter eines reichen Händlers ist entführt worden und..." "Soso", unterbricht Auxilia ihre Tochter. "Ich wusste nicht, dass du dich mit so etwas beschäftigst..."

Xanthrax beobachtete das Geschehen und schnappte sich nebenher ein Stück Braten. Dichter, Denker, Versschreiber, Sänger auf der einen und zwei adelige Damen auf der anderen Seite. Für ihn waren das alles Künste, denen er nichts abgewinnen konnte. Bodenständiges Handwerk, damit konnte man etwas im Leben erreichen.
„Nun, freut mich“, brummelte er. „Xanthrax, Sohn des Xolgram.“ Dabei deutete er mit dem Daumen auf sich. Sollte er ebenfalls seinen Titel erwähnen? Nein, daraus machte er sich nichts. Geheische um Aufmerksamkeit konnte er ebenso wenig etwas abgewinnen. Ihm war die Tat lieber, denn das Wort.
„Wisst Ihr, Mädchen“, wandte der Ambosszwerg sich an Theodora, „solche Romangeschichten haben meist wenig mit der Realität zu tun. Sie sind verklärt und spiegeln kaum das wider, was tatsächlich geschieht. Ich war bei so einer Rettungsaktion dabei. Südländer ...“ Er schüttelte sich bei dem Gedanken an die Hitze. Leise seufzend nahm er einen weiteren Schluck Bier. „Schmiedekunst und Waffenbau, das sind Fähigkeiten, die dich im Leben nach vorne bringen. Es sei denn, du haust jemandem deine Romanschwarte um die Ohren.“ Xanthrax lachte aus voller Kehle und genehmigte sich ein Stück Braten. „Nun mein Freund Xanthrax bringt da ein paar gute Punkte zusammen. Romangeschichten hinken im besten Fall der Wahrheit hinterher, aber meistens sind sie Träume und Träume sind wie süßer Wein. Zu viel davon und es gibt Kopfschmerzen!“ floskelte Jerg in den Raum. „Und Schmiedekunst ist ein strahlendes Handwerk, mein Bruder bekam erst ein neues Schwert zu seiner Ritterweihe. Mir obliegt das liebgewonnene Familienerbstück.“ Jerg zeigte auf seine Hüfte „ach ich vergaß, es ist in meinen Räumlichkeiten!“ „Und um zu eurer Frage zurück zu kommen werter Xanthrax, ich komme aus der Baronie Witzichenberg im Norden. Mein Bruder führt das Lehen rund um das Edlengut Tanneneck und da er mit der jährlichen Steuer beschäftigt ist und kein Freund der Seefahrt ist, überlässt er mir die Abenteuer mit Schiffen, wilden Piraten und holden Frauen in Nöten.“ erzählte Jerg und beendete seinen Satz mit einem herzhaften kurzen Lachen. Auxilia musste sich dem herzhaften Lachen des Zwerges anschließen und nickte ihrer Tochter zu: "Höre gut zu. Hier lernst du was." und wandte sich an Xanthrax: "Es ist mir eine Freude Euch kennenzulernen!"

„Wenn ich es Euch sage – dort unten, im Süden, ist es heiß und die Leute sind anders. In manchen Gegenden gehört es schon fast zum guten Ton, mal jemanden zu entführen und als Geisel zu halten. Schlimmer als die schlimmsten Raubritter“, brummelte der Ambosszwerg. „Aber nichts, was man nicht mit einem gehörigen Schlag auf den Hinterkopf korrigieren könnte.“ Er lachte erneut lauthals. „Wer mag Schiffsfahrten schon?“ Xanthrax seufzte leise. „Das Geschwanke des Schiffs, dazu noch ein Unwetter und ein paar Schiffer, die einen dazu bringen wollen, sich vom Kettenhemd zu trennen ...“ Nach dem letzten Schluck Bier verlangte er lautstark einen neuen. „Und wie ist das Edlengut Tanneneck so? Viel los?“ Er wandte sich dabei auch an Auxilia: „Bei Euch in Altenpfort ebenso?“ Xanthrax klopfte sein Pfeifchen aus und hängte es an den Gürtel. Mit einem freundlichen „Danke“, gen des Wirts, nahm er einen kräftigen Zug aus dem neuen Humpen und sah Jerg voller Neugier an: „Er hat Euch sein Schwert anvertraut? Das ist eine große Ehre. Ich würde Drakkamalmar niemals aus den Händen geben.“ Den Neuankömmling musterte er abschätzend. „Garoschem“, empfing er Rondragoras und nickte: „Von meiner Warte aus ist noch Platz.“ Der machte schon ein wenig mehr her als Wendelin und er hatte gute Reserven für einen kalten Winter.
„Ich zumindest bin es. Xanthrax, Sohn des Xolgram – sehr erfreut.“ Er räusperte sich. „Ich würde beim Wirt gleich anklingen lassen, dass Ihr kein Gagelbier wollt.“ Das war schon der erste kleine Test: Wenn er dem Dünnbier zugeneigt war, konnte es mit seinem Dasein als potentieller Krieger nicht viel her sein.

So weit war Firunhard noch nie von zuhause fort. Hat er eigentlich schon jemals seine heimatliche Baronie verlassen, fragte er sich. Vielleicht bei einer Jagd in Koschbergen, wo er beim Überschreiten eines Passes die Grenze unwissentlich hinter sich gelassen hatte. Wobei der genaue Grenzverlauf zwischen den Berggipfeln sicherlich ein streitbares Thema war. Bei den Gedanken an die Jagd umschloss er seinen Bogen fester. Würde es sein Onkel Durandus sehen, dass er seinen unbespannten Bogen gelegentlich als Gehstock verwendete, war ihm eine gehörige Ansprache gewiss. Doch der weite Weg, der ihn von weit im Norden der Nordmarken bis zum Ziel seiner Reise, Burg Crumold, führte, machte sich auch langsam beim jungen Jäger bemerkbar.

Die Reise selbst war schon bemerkenswert, richtige Städte hatte er bereits gesehen, hat sich aber an die Warnungen seiner Großmutter Mengarde gehalten. Es sollte sich ja überall zwielichtiges Gesindel rumtreiben. Also zog er es vor, in der Wildnis zu übernachten, wie er es von längeren Jagdausflügen gewohnt war. Doch endlich am Fuße der Burg im Dorf Rodaschmund angekommen betrachtete er noch eine Weile ehrfürchtig den großen Fluss, bevor er sich aufmachte, um in der genannten Gaststätte um Unterkunft zu bitten. ‘Ich werde Großmutter nicht enttäuschen und sie würdig vertreten', dachte sich Firunhard. Die Pflicht, die durch praiosgefällige Ordnung auferlegt wird, musste eingehalten werden. Einer der Leitsätze, den seine Großmutter immer predigte. So trat er mit strenger Mine in den Gasthof ein, um gleich von Anfang seinem zukünftigen Edlen Dasein gerecht zu werden. Das Fellknäuel, das von seinen Beinen aber in die warme Stube schoss, machte aber seinen Plan gleich wieder zunichte. “Perigor, bei Fuß!” rief der hagere Mann durch die Gaststube. Doch sein junger Winhaller Wolfsjäger hörte überhaupt nicht auf ihn. Der schoss lieber von Tisch zu Tisch, beschnupperte eifrig alle Gäste. “Perigor! Hier!” Vergeblich. ’Da liegt noch viel Arbeit vor mir, bis er ein folgsamer Jagdhund aus ihm wird.’ Perigor hingegen hat sich bereits sein Opfer erwählt, bei einem Tisch an dem ein Zwerg offenbar einen Braten gegessen hatte, versuchte er sich mit großen Hundeaugen ein Stückchen zu erbetteln.

“Entschuldigt…” stammelte Firunhard. “Er ist noch in Ausbildung, aber wo bleiben meine Manieren. Ich grüße euch, ich bin Firunhard von Wildklamm.” sprach er in die illustre Runde die sich an diesem Tisch versammelt hatte. "Nein, in Altenpfort ist definitiv nichts los.", lachte gerade Auxilia an Xanthrax gewandt, als sie den Neuankömmling gewahr wurde.

"Hoch erfreut! Ich bin Auxilia Freiensteyn, nebst Tochter.", Auxilia wandte sich an Rondragoras „Wir haben frisch das Lehen Altenpfort übernommen... nah, aber hallo, du!" Als Perigor angerannt kam streckte sie freundlich die Hand zum beschnuppern hin und wandte sich an seinen Herren: "Auxilia Freiensteyn von Altenpfort mein Name und meine Tochter Theodora."

Das ‚Faehrmanns Inn‘ war schnell gefunden. Es lag nicht unweit des Marktes an der Hauptstraße. Phelinda und Salinda stiegen ab. Phelinda reichte ihrer Mutter Gratfriedes Zügel und sagte: „Ich sage rasch drinnen bescheid.“ Dann öffnete sie die
Tür des Gasthauses und war durchaus angetan vom geselligen Treiben im Inneren. Einheimische wie Standesgenossen und -genossinnen standen, saßen und durchquerten den Schankraum. Die Gellerstocker Ritterin öffnete ihre Gugel und wandte sich an den Wirt: „Ich habe draußen drei Reit- und drei Packpferde. Habt ihr dafür Platz im Stall?“ Der Wirt nickte eifrig und hakte mit freudiger Stimme nach: „Und Zimmer?“ Phelindas Mundwinkel verzogen sich zu einem leichten Grinsen. Sie konnte durchaus nachvollziehen, welche Rechnung sich der Gastwirt erhoffte, nachdem sie so viel Stellplatz im Stall belegte. Sie musste ihn jedoch enttäuschen: „Ein Zimmer wird genügen, habt Dank.“ Phelinda nahm den eisernen Zimmerschlüssel entgegen und ging zurück zu ihrer Gefolgschaft. Sie übergab den Schlüssel an Odomar, damit dieser das Gepäck ins Zimmer bringen konnte, nachdem er die Pferde im Stall untergebracht waren. „Den Rest des Abends kannst du verbringen, wie du magst.“ Mit diesen Worten reichte sie ihm sechzehn Heller, den Tagelohn des Leibdieners seiner Mutter. Daraufhin schritten Phelinda und ihre Mutter ins Innere des gastlichen Hauses. Sie waren nach wie vor in ihrer einfachen Reisekleidung aus Leinen und Leder. Standesbewusst trug Phelinda ihren Waffenrock, der auf silbernem Schild einen roten Dukatensack unter einem Schildhaupt von rotem Eisenhutfeh zeigte. Als sie diesmal ins Warme schritt, zog sie diesmal auch die fellbesetzten Handschuhe aus. Jetzt wandte sie sich an die Edelleute, die in der Nähe des Tresens versammelt waren: „Den Zwölfen zum Gruße.“ Danach fuhr sie fort: „Phelinda von Twergenloch zu Gellerstock, und dies ist meine Mutter Salinda Twergenloch, Kommendantin der Kommenda Twergenloch.“ Keineswegs wollte Phelinda ihre Mutter ob ihres Status als Bürgerliche bloßstellen. Nicht, dass es in irgendeiner Weise verächtlich war, eine wohlhabende Inhaberin einer erfolgreichen Handelsgesellschaft zu sein, deren Tochter in den Ritterstand erhoben worden war. Phelinda wollte lediglich mögliche Missverständnisse ausräumen oder gar die unrechtmäßige Anmaßung eines Adelstitels im Raum stünde. Zu ihrer Überraschung neigte Salinda auch lediglich den Kopf und lächelte bescheiden in die Runde.

Auch Auxilia erhob sich und nickten den beiden Frauen zu: "Ich bin Auxilia Freiensteyn, Edle und Ritterin und frisch mit Altenpfort belehnt und meine Tochter Theodora. Schön Euch alle kennenzulernen!"" „Die Zwölfe zum Gruße“ begrüßt Jerg nacheinander die Neuankömmlinge, stellte sich angemessen vor und griff das Gespräch mit Xantrax wieder auf „Tatsächlich war ich auch überrascht, aber ich sage nichts dagegen. So sind zwei scharfe Schwerter in der Familie, auch wenn ich an die Kunst meines Bruders nicht heran reiche.“ Den Blick an Firunhard gerichtet fragte Jerg: „Darf man den Hund streicheln? Mir fehlt mein Hund Zuhause, aber er wird auf dem Hof gebraucht als Wachhund.“

„Na, das ist aber auch nicht sonderlich erfreulich.“ Xanthrax schenkte sowohl Jerg als auch Auxilia einen enttäuschten Blick. „Klingt öde. Gerade für jemanden von Stand.“ Er wollte etwas anfügen, da wurde er schon von einem Hund belagert, der ihn mit großen Augen ansah.
„Ja, du bist ja ein Feiner“, lächelte er gutmütig. „Ein Winhaller, wies mir scheint. Schlaues Bürschchen, noch dazu mutig.“ Ohne zu zögern, wurde der Hund mit einem Stück Braten belohnt, über welches er sich sogleich hermachte. Sein Blick fiel dann auf den Besitzer seines neuen Mitessers. „Wegen mir müsst Ihr Euch nicht entschuldigen. Ein Hund ist oft besserer Weggefährte als so mancher vermeintlicher Freund.“ Perigor wurde mit einem weiteren Stück Fleisch versorgt. „Perigor heißt du also? Na, du weißt, was gut ist.“ Er schmunzelte dabei amüsiert.
„Garoschem. Da habt Ihr einen vortrefflichen Wegbegleiter. Ich kenne mich zwar in der Hundezucht nicht aus, aber auf mich wirkt Perigor so, als würde er beizeiten ein exzellenter Jagdhund werden. Er hat jedenfalls schon einmal ein gutes Gespür für Leute, die ihm wohlgesonnen sind.“
Auch die beiden Neuankömmlinge, in Form von zwei Damen, wurden höflich gegrüßt, wobei sein Interesse vor allem dem Waffenrock galt, welchen Phelinda trug. Da war etwas mit dieser Wappenlehre. Er selbst besaß ja jetzt ebenfalls eins. Nachdenklich kratzte er sich am Hinterkopf.

“Sehr erfreut Eure Bekanntschaft zu machen, euer Wohlgeboren Auxilia Freiensteyn,” sprach Fiurnhard zu der Dame die sich als erstes Perigor widmete. “... und natürlich auch die Eure, Theodora!” fügte er schnell hinzu. Altenpfort? fragte er sich selbst. Wo ist das nochmal gelegen? Wahrscheinlich eher aus dem Süden. Zumindest kennt er es nicht aus den Listen, die ihm seine Großmutter auswendig lernen ließ. Bei der war er schon froh, dass sie sich auf das eigentlich auf das nördliche Gratenfels beschränkte. “Ich habe gesehen Wohlgeboren, ihr seid mit Pferden angereist. Ich hoffe, Ihr hattet keine allzu beschwerliche Reise?” “Ja, natürlich könnt Ihr ihn gerne streicheln.” Wandte er sich an den Mann, der auch das Wort an ihn richtete. “Ich werde ihn als Jagdhund ausbilden, aber an den Menschen soll er gewöhnt sein. Für Perigor ist es aber das erste Mal, dass er von zuhause fort ist. Meist bin ich mit ihm alleine im Wald unterwegs und versuche ihm das beizubringen, was mich mein Onkel angewiesen hat.” Da er langsam von den vielen Neuankömmlingen und neuen Bekanntschaften überfordert wurde, wartete Firunhard mal still ab, ob nicht jemand das Wort an ihn richtete. Jedenfalls setzte er sich zu Ihnen an den Tisch. “Danke für eure Großzügigkeit, werter Xanthrax, doch bitte gebt ihm dann nichts mehr. Ich will ihm eigentlich beibringen, dass es nur nach getaner Arbeit etwas zu fressen gibt. Ein Vorhaben, das meine Schwester auf Gut Eisbühl auch immer erschwert.” “Jedenfalls für mich bitte auch das gleiche Bier, das der Angroscho trinkt.” Nach dem ersten Schluck kramte Firunhard ein kleines Büchlein hervor und kritzelte ein paar Notizen hinein. „Der Schnee hat die Reise etwas verlängert.“, Auxilia schnaubte. „Und ich muss gestehen, dass ich ihn auch nicht sonderlich leiden kann. Er ist nass und kalt. Da ist mir der Frühling lieber. Auf den Almen von Altenpfort blühen die Blumen dann und die Luft ist so frisch. man kann sie auch dann endlich ohne dicken Schal einatmen.“
„Es ist schon gut, Mutter,“ sagte Aerin mit sanfter Stimme, während sie an der Seite ihrer Mutter, der edlen Erlberga von Auenstein, durch die verschneiten Lande von Crumold ritten. Der eisige Wind pfiff über die weiten Felder und ließ die kahlen Äste der Bäume knarren, doch die beiden Frauen, gehüllt in schwere Umhänge mit Pelzbesatz, ließen sich davon nicht beirren. Aerin hatte sich lange auf diese Reise gefreut. Sie konnte sich noch genau an den Morgen erinnern, ihre Familie hatte friedlich in der großen Halle des Gutshofes gespeist, als ein Bote, schwer atmend und mit frostüberzogener Kapuze, eine mit Wappen versiegelte Einladung überbrachte. Nun war der Moment endlich gekommen – eine Gelegenheit für Aerin, ihrer Mutter zu beweisen, dass sie eine würdige Erbin des Gutes war. Wir haben doch oft darüber gesprochen, mein Kind. Ich vertraue dir,“ entgegnete Erlberga, während sie ihre Zügel fest in den Händen hielt. Ihre Stimme war ruhig, doch Aerin kannte den Unterton nur zu gut – die ungesagten Zweifel, die immer in der Luft lagen.chneebedeckte Hügel und die Umrisse eines befestigten Gasthauses tauchten vor ihnen auf. Bald schon erreichten sie den hölzernen Torbogen, unter dem eine Laterne schwankte und schummriges Licht auf die tief verschneiten Pflastersteine warf. Im Halbdunkel wartete bereits ein Stallbursche, ein junger Mann mit rotem Wams, der die Kapuze tief ins Gesicht gezogen hatte. „Den Zwölfen zum Gruße!“ sprach Erlberga mit wohlklingender Stimme. „Sorge gut für unsere Rösser, mein Junge, sie haben einen langen Ritt hinter sich.“ Mit diesen Worten reichte sie ihm ein kleines Trinkgeld. Der Stallbursche verneigte sich hastig und führte die dampfenden Pferde in den warmen Stall. Erlberga wandte sich zu den beiden Waffenknechten, den Zwillinge Grimbald und Gerhild, die in Kettenhemden und mit breiten Gürteln aus Leder auf ihre Befehle warteten. „Seid so gut und kümmert euch um unser aller Gepäck.“ „Jawohl, Euer Wohlgeboren,“ antworteten die beiden wie aus einem Munde und hievten die schweren Satteltaschen mit geübten Bewegungen auf ihre Schultern. Während ihre Mutter die letzten Anweisungen gab, ließ Aerin ihren Blick über das Gasthaus schweifen. Es war ein alter Bau aus grobem Fachwerk, mit geschwärzten Balken und Butzenscheiben, hinter denen warmes Licht flackerte. Der Geruch von Rauch, Gewürzen und gebratenem Fleisch wehte ihr entgegen – der verlockende Duft eines wohlgefüllten Schankraumes. „Lasset uns alsbald für unser Gemach Sorge tragen. Ein gar wohlgefälliger erster Eindruck sei unser Begehr“, sprach Aerin mit fester Stimme und trat auf den Schankwirt zu. „Den Zwölfen zum Gruße! Wir sind die hochwohlgeborenen Gäste, Erlberga und Aerin von Auenstein. Werter Wirt, geleitet uns doch auf unser Zimmer.“ „Wie es Euch beliebt, edle Damen, so folget mir denn“, erwiderte der Wirt, sichtlich in Hast. Aerin ließ ihren Blick flüchtig durch den Schankraum schweifen und erkannte alsbald den Grund für die Unruhe des Wirtes. Die meisten Gäste mochten hiesige Leut’ sein, doch an einem der hölzernen Tische saß ein gemischtes Volk: Menschen verschiedener edler Herkunft, ein Zwerg gar – und ein großer Hund, vielleicht sogar ein Winhaller Wolfsj. Gewisslich hatte der Wirt diesen Fremden vor ihnen die Kammern gewiesen, was n nur in ihrem Vorhaben bestärkte, sich just an diesen Tisch zu gesellen. Die beiden edlen Damen folgten dem Schankwirt die knarrende Holzstiege hinauf in die obere Etage, wo ihr Gemach bereitet wart. Es war wohlgeräumig, mit einem stattlichen Lager, hölzernen Kommoden und Truhen, darinnen sie ihr Gewand und Gut verstauen mochten. Alsbald trafen auch die Waffenknechte ein, und Erlberga machte sich unverzüglich daran, angemessene Kleidung für den Abend zu wählen. Beide trugen Wappenröcke in tiefem Blau, mit silbernen Zierwerken in Gestalt feiner Blätter, gleich jenen, die das Wappen der Auenstein zieren. Nachdem sie sich kurz erfrischt hatten, kehrten sie hinab in die Schankstube und musterten das Treiben. Mit wohlbedachten Schritten trat Aerin, die jüngste der angekommenen Auensteins, auf die zuvor erspähte Gesellschaft zu, setzte ein leutseliges, doch bestimmtes Lächeln auf und sprach mit selbstbewusster Stimme: „Den Zwölfen zum Gruße! Mein Name ist Aerin von Auenstein, und dies ist meine hochwohlgeborene Mutter und Junkerin, Erlberga von Auenstein. Es ist uns eine Freude, Euch kennenzulernen.“

„Ein Glück, dass die Via Ferra und die Reichsstraße besser geräumt sind.“ Trotzdem hatte der Weg durch Talerberg ihn fast einen halben Tag im Zeitplan zurück geworfen. So war es schon dunkel als er in der Ferne die Lichter von Rodaschmund erblickte Den ganzen Tag durchgeritten, um noch rechtzeitig vor der Dunkelheit Rodaschmund zu erreichen und trotzdem hatte er es fast nicht geschafft. Sein Diener Alfin hatte schon seid heute Nachmittag Schmerzen im Allerwertesten und auch ihm tat solangsam alles Weh. Er sehnte sich nach einem Eintopf, einem kühlen Bier und einem Bett. Als er endlich am Gasthof "„Fährmans‘ Inn“ an kam meinte er zu seinem Diener: „Alfin, sei so gut und kümmere dich um die Pferde und das Gepäck. Danach kannst du dich zurückziehen.“ Als Hadebrand eintrat und sich in der Schenke umblickte fiel ihm direkt die Gruppe an adligen ins Auge. Gerade schon wollte er darauf zu schreiten, als ihn sein Magen doch eines besseren belehrte. Also ging er an den Tresen und bestellte ein Bier. Traurig musste er festellen, dass es, statt dem gewünschten Eintopf, nur eine dünne Fischsuppe gab. „Naja, besser als nichts.“, dachte er und bestellte einen Teller davon. Danach begab er sich an den Tisch der adligen Gesellschaft. „Die zwölfe zum Gruße, eure Wohlgeboren. Ich bin Junker Hadebrand von Talergut. Ich hoffe ihr habt noch ein Plätzchen am Tisch für mich frei?“ Danach umrundete er den Tisch um Phelinda zu begrüßen. „Hallo Dame Phelinda, es ist schön euch wiederzusehen.“ „Die Freude ist ganz meinerseits, Herr Hadebrand,“ antwortete Phelinda von Twergenloch. „Es ist viel zu lange her." Bei der Erinnerung an ihren gemeinsamen Dienst an Herrn Irian von Kranick kniff sie die Lippen zusammen. Es war eine durchaus heikle Aufgabe gewesen. Aber immerhin verhieß der neue Auftrag eine entspanntere Zeit. „Darf ich Euch meine werte Frau Mutter vorstellen, Salinda Twergenloch?“ Sie nickte ihrer Mutter zu, die ergänzte:. „Es ist mir ein Vergnügen, mein Herr.“ Sich ihres Standes bewusst verbeugte sich die bürgerliche Kauffrau vor dem Edelmann.

Hadebrand antwortete grinsend „Ich freue mich eure Bekanntschaft zu machen, werte Dame.“ Sie tauschten sich über Neuigkeiten in ihren Lehen aus. Danach wandte sich er wieder seiner Suppe zu. Jerg blickte nach oben, nachdem er den Hund ordentlich gestreichelt hatte. „Ich Stimme meinem Freund Xanthrax hier eindeutig zu. Ein prachtvolles Kerlchen.“
In Ruhe aß er seine Fischsuppe weiter auf, welche mittlerweile schon spürbar an Temperatur verloren hatte, als weitere Begleiter dazu kamen.
Mit der gebührenden Höflichkeit grüßte er die Damen „Den Zwölfen zu Gruße, Eure Hochwohlgeborenen.“ mit fast schon auswendig gelernter Routine ergänzte er „Ich darf mich vorstellen: Ich bin Jerg Wendelin von Mitterberg, stellvertretend für meinen Edlen Bruder und Ritter Guntar Lucan der IV von Mitterberg.“ Jerg rechnete langsam fest damit, dass seine Suppe kalt sein würde, ehe es Ihm gelingen würde, diese zu leeren. „Aber, aber, werter Firunhard, er sorgt eben für den Notfall vor.“ Xanthrax streichelte Perigor und kraulte ihn hinter dem Ohr. „Ein braver Bursche.“ Bei der Bestellung Firunhards sah er erfreut auf: „Wie ich sehe, seid Ihr ein Mann mit Geschmack.“ Er selbst nippte kurz an seinem Bier, um dann fortzufahren: „Eisbühl – darf ich so vermessen sein und fragen, ob Eure Gegend etwas mit ‚Eisbier‘ zu tun hat? Ich meine mich einmal zu erinnern, dass mir jemand davon erzählt hat. Wer war denn das noch gleich?“ Grübelnd strich er sich durch den Bart.

Es regte sich in der Tat etwas in seinen Gedanken. Eisbier musste ein gehaltvolles und kräftiges Bier sein. Irgendeine Geschichte von einem Eiskeller rumorte in Xanthrax´ Kopf herum. Hatte nicht Fugrox, sein Bruder, von dieser Köstlichkeit berichtet? Für ihn stand jedenfalls fest: Sollte Firunhards Antwort positiv ausfallen, würde er beizeiten einen förmlichen Besuch in Eisbühl vornehmen.
Womit er sich schwertat, waren die, in seinen Ohren gestelzten Vorstellungen, mit denen die Leute nacheinander auf sich aufmerksam machten. Für ihn zählten weder Titel noch Wort, sondern Taten. Ausnahmen bestätigten zwar die Regel (man denke nur an den Angarok Rogmarok oder an Bergkönig Arombolosch), dennoch ... sich mit diesen Gebräuchen anzufreunden würde eine Weile dauern.
„Garoschem“, grüßte er die Neuankömmlinge höflich und stellte sich seinerseits als Xanthrax, Sohn des Xolgram vor. Allmählich wurde es voll am Tisch. Erneut schwang die Tür auf und ließ eine unwillkommene winterliche Brise in das Fährmanns Inn hinein. Eine junge Frau, halb verborgen unter einem schweren Stoffmantel und einer Mütze aus Wolfspelz, stand in der geöffneten Tür und ließ einen kurzen Blick durch den Raum schweifen, bevor sie endlich eintrat und den kalten Wind endlich aussperrte, indem sie die Tür hinter sich geräuschvoll zu zog. Noch vor der Tür stehend entledigte sie sich schwungvoll ihres schweren, mit Schnee verkrusteten Wollumhangs, bevor sie diesen unter den Arm klemmte und sich auf den Weg zum Tresen und dem Wirt machte. Gekleidet war die neu Angekommene wie eine Ritterin auf Reisen, mit einem Schwert, Dolch und Geißfuß am Gürtel, zusätzlich waren noch einmal ein Schild und eine leichte Armbrust an ihrem Rucksack festgezurrt. Rüstung trug sie, abgesehen von einem verstärkten Lederharnisch, keine, dafür auch unter dem nun gefalteten Mantel mehrere Lagen feiner Wollkleidung. Dem Gewicht von Ausrüstung und Gepäck zum Trotz trat sie federnden Schritts auf den Tresen zu und wandte sich zunächst an den Wirt, welchen sie mit seinen Flaschen beschäftigt fand.

„Praios zum Gruße, möge uns bald besseres Wetter beschert sein! Mein Name ist Luzia von Nadelgrat, ich wurde auf meiner Suche nach Unterkunft zu eurem Gasthof verwiesen. Hättet ihr noch ein freies Zimmer für mich und ein Bett für meinen Waffenknecht? Nein, er ist noch im Stall – nein, nein, ihr müsst ihm kein eigenes Zimmer zur Verfügung stellen, ein warmes Bett reicht vollkommen. Wunderbar, sehr gut! Und könntet ihr mir gleich auch noch etwas Warmes zu trinken bringen? Ich habe einen langen, kalten Ritt hinter mir – habt Dank.“
Luzia warf dem Wirt ein freundliches Lächeln zu und ließ den Blick noch für ein oder zwei Momente durch den Schankraum schweifen, bevor sie dann ohne weitere Umschweife auf die Gruppe von Standesgenossen zutrat. Ihr eigentlich freundliches Lächeln das ihren Mund seit der Konversation mit dem Wirt umspielte, wirkte etwas schief, dank der gezackten Narbe welche ihre Unterlippe linkerhand spaltete. Doch davon einmal abgesehen wirkte die junge Frau recht offen, als sie mit einer leichten Verbeugung an die Gruppe herantrat.

„Die Zwölfe zum Gruße!“ Und mit einem Blick auf den Angroscho und einem kurzen Moment des Überlegens hinzufügend: „Garoschem! Mein Name ist Luzia Aurea von Nadelgrat, Junkerin zu Firnbronn, hier aufgrund der Concabella Überführung. Und da ich hier, um diese Jahreszeit, so viele Edle in Rodaschmund bei Crumold treffe – Liege ich richtig in der Annahme, dass ich dabei nicht die Einzige bin?“ Wahrlich, Aerin und Erlberga neigten freundlich ihr Haupt zum Willkommgruße der Gruppe und Aerin sprach entzückt und freundlich: „Freut mich sehr, Eure Bekanntschaft zu machen, werter Jerg Wendelin von Mitterberg.“ „Nach der mühseligen Reise fühlet sich unser Leib ein wenig entkräftet, und so begehren wir nach einer Speisung. Wisset Ihr wohl, welche edlen Gaumenfreuden Ihr uns zu empfehlen vermöget?“, sprach da Erlberga und ließ ihren Blick über die Runde schweifen. Während die zwei Frauen sich setzten, trat eine wohlgestaltete, rüstige Maid herzu. Aerin, mit sanftem Lächeln, erhob da ihre Stimme und sprach: „Seid uns willkommen, edle Luiza Aurea von Nadelgrat. Euer Wort trifft den Kern, wir sind allhier, um der Concabella-Überführung beizuwohnen. Setzet Euch zu uns und lasset uns gemeinlich das Nachtmahl genießen.“ Durch den tiefen Schnee und von Storchengarten aus, wo sie Hartuwal, ihren Schwertvater gebeten hatte, für die Überführung der Concabella abgestellt zu werden, war es einiges an Weg gewesen. Anniella wusste, dass auch ihre Mutter bereits einmal auf der Concabella gefahren war, und bei dieser Gelegenheit sogar der Herzogin das Leben gerettet hatte, aber dann auch anwesend war, als das edle Schiff in die Brüche gegangen war. Anniella wollte es sich nicht nehmen lassen, nun endlich dafür zu sorgen, dass das Schiff heil und unversehrt nach Elenvina überführt wurde. Warum dieses Unterfangen allerdings mitten im Winter bei Eis und Schnee unternommen werden musste, war ihr unklar. Sie lenkte das Pferd also in Rodaschmund zum Gasthaus, saß ab, gab das Pferd an den Knecht im Unterstell-Stall, und betrat die Gaststube. Die warme und schon dicke Luft war gewöhnungsbedürftig und nahm Anniella zunächst kurz den Atem. Dann aber ließ auch sie den Blick durch den Raum schweifen, und begab sich auf die Gruppe der Edlen zu, die sich scheinbar alle schon ins Gespräch vertieft fanden. „Die Zwölfe zum Gruße, Anniella von Firnholz mein Name“ begrüßte sie die Runde und stellte sich vor. „Gehe ich recht in der Annahme, dass ihr Euch hier eingefunden habt, um die stolze Concabella zu überführen?“

Fast schon überfordert von so viel „Adel“ an einem Ort konnte Jerg seinen Bruder nun deutlich besser verstehen. Es war anstrengend, jede Etiquette und jeden Titel richtig zu treffen. Nicht zum ersten Mal auf dieser Reise wünschte Jerg sich ein offensichtliches Hilfsmittel um Adel garantiert zuordnen zu können. Seine Fähigkeiten besten Wissens angewandt begrüßte er alle Ankömmlinge und schrieb seine kalte Suppe ab. Die Menge an Leuten hielt den Raum zwar gut warm, aber Phelinda war noch immer kalt von der Anreise. Sie orderte für ihre Mutter und sich eine Fischsuppe. Orte an Flussufern lebten oftmals vom Fischfang und außerdem hatte sie Wild satt, das daheim im Gellerstock nur allzu oft jagte. Umso erfreuter war sie, alsbald einen Teller wohlriechende Fischsuppe, etwas Brot und einen Bierkrug vor sich zu haben. Bevor sie sich über das dampfende Essen hermachte, legte sie jedoch die Unterarme übereinander, schloss die Augen und sprach in Gedanken die ihr Vertrauten Dankworte: ‚Für Fisch aus Flüssen wie den Meeren, werde ich stets Efferd ehren. Dank der Küche, Dank dem Herd, mit denen uns Travia nährt. Brot wie Braukunst sind große Gaben, die wir durch Peraine haben. Im Götterlauf, in allem Sein, fließt eure Gnade in uns ein.‘ Sie brauchte für die kurze Segensbitte nur wenige Sekunden und tunkte im Anschluss die erste Brotscheibe in die Suppe.
Als Anniella sich ihres Umhangs entledigt hatte, und die dampfende Fischsuppe sah, hielt sie den Wirt, der gerade weitere Bierkrüge brachte, an und bat ihn ebenfalls darum. Im gleichen Moment fiel ihr auf, dass sie auch einen Schlafplatz brauchte,und fragte ihn nach dem Gemeinschaftsaal. Hartuwal hatte sie zwar mit den nötigen Mitteln ausgestattet, aber sie war von jeher sparsam, genügsam und vorausschauend. Der Gemeinschaftsraum würde schon einen Schlafplatz frei haben und ihr würde es dort allemal reichen. Dann sah sie sich erwartungsvoll um.
Es war später Vormittag, als Filwald von Landwacht endlich die ersten Gehöfte um die Burg Crumold erreichte. Er hatte sich um einen Tag verspätet, aber das war leider nicht zu vermeiden gewesen. Dabei hatte alles so gut begonnen! Die Einladung des Herzogs der Nordmarken war bereits vor Wochen gekommen und die Vorbereitungen zur Abreise hätten besser nicht laufen können. Im Winter ist auf den Gehöften nicht viel los und Räuberbanden waren zu diesen Zeiten auch keine Gefahr. Er konnte die Amtsgeschäfte des Ritterguts problemlos in die Hände seines treuen Verwalters legen. Die Vorbereitungen für die Reise hatte im Wesentlichen seine Frau übernommen, z.B. die passende Garderobe auswählen. Das waren Dinge, mit denen er sich ungern beschäftigte. Er hatte eigentlich nur zwei Sorten Kleidung: Seine sehr bequeme wattierte Alltagskluft und seinen treuen Schuppenpanzer, der ihn schon vor so manchem gegnerischen Pfeil bewahrt hatte. Er hatte einen Boten zur Akademie der Herrschaft nach Elenvina geschickt, um seinen Sohn Mortak ebenfalls diese Reise zu ermöglichen. Er hatte den neu gekürten Novizen dieser Akademie nun schon seit einigen Monaten nicht mehr gesehen, da wollte er diese Gelegenheit nicht ungenutzt vorüberziehen lassen. Je näher der Abreisetag allerdings rückte, desto mehr Probleme tauchten auf. Es kam zu Streitigkeiten zwischen den Bürgern, die er schlichten musste. Dann brach auch noch mitten in seinem kleinen Dörfchen Blickenfelde ein Feuer aus! Das war schnell zu löschen, aber die Bürger waren misstrauisch. War nicht erst gestern Nacht wieder ein Stern vom Himmel verschwunden? Waren da etwa böse Mächte am Werk? Bei Praios! So gern er seine Bürger hatte, aber ihre Furcht vor jeder Art des Übernatürlichen ging sogar ihm zu weit! Es dauerte lange, seine Bürger wieder zu beruhigen. Zu lange, der Tag der Abreise war bereits angebrochen. Zum Glück war Mortak wenigstens rechtzeitig eingetroffen, und so bat er seine Frau und seinen Sohn bereits loszufahren und sein verspätetes Eintreffen zu erklären.

Nachdem nun endlich alles geregelt und die lautesten Rufe nach Aufklärung der jüngsten Begebenheiten verstummt waren, packte er seine Satteltasche und schwang sich auf seinen treuen Hengst Stolzhagen. Er ritt die direkte Route querfeldein über kleine Wege, mehr oder weniger direkt auf Crumold zu. Das sollte ihm, trotz der widrigen Straßenverhältnisse, mindestens zwei Tage Zeit sparen mit etwas Glück würde er es doch noch rechtzeitig schaffen! Er schaffte es nicht, die Wege waren einfach zu unwirtlich. Er musste endlich mehr Arbeit und vor allem Geld in den Ausbau seines Gutes investieren! Dieser Gedanke war nicht neu, aber er kam auf dieser Reise so oft wie selten zuvor. Drei Tage war er durch die verschneiten Wälder Brüllenbösens und Tandoschs geritten, bevor er endlich auf die wenigstens einigermaßen befestigte Straße von Tandosch nach Crumold traf und das Reiten einfacher wurde. In der ersten Nacht hatte er in einem kleinen Gehöft des Bauern Zehntner übernachtet, den er noch aus früheren Tagen kannte. Dieser hatte sich vielleicht gewundert, den Herrn Filwald von Landwacht, Herr eines eigenen Ritterguts in Brüllenbösen, Veteran etlicher Schlachten und Sieger des Herzogenturney zu Elenvina 1031, unvermittelt und allein, nur mit einer Satteltasche und seinem treuen Ross Stolzhagen, mitten in der Nacht vor seiner Tür anzutreffen! Bei einem kargen Abendessen aber viel gutem Bier konnte der Herr von Landwacht die Sache allerdings schnell erklären. Herr und Bauer lachten am Ende herzlich über die Annahme, zwei Tage schneller zu sein, wenn man mitten durch die Landschaft reitete, als die wenigstens einigermaßen ausgebaute Straßen zu nehmen. Auch wenn das deutlich mehr Weg war.
Die zweite Nacht konnte er bereits in einem Gasthaus an der Straße von Tandosch nach Crumold verbringen. Insgeheim hatte er gehofft, hier auch auf seine Familie zu treffen, aber die waren nicht gesehen worden. Anscheinend warne sie in einem anderen Gasthof untergekommen. Nun ja, morgen würde er endlich in Crumold ankommen und sowohl seine Frau als auch seinen Sohn wiedersehen. Er konnte es kaum erwarten, diese drei Tage kamen ihm viel länger vor. Crumold… Erinnerungen an den Feldzug gegen Albernia kamen ihm in den Sinn, als er nachdenklich die Straße entlang trottete. Firin, sein Erstgeborener, hatte da in erster Reihe gekämpft. Ihm selbst war befohlen worden, zurückzubleiben und die Nachhut zu sichern.
Firin.. wo der jetzt wohl stecken mochte? Er ist ein kämpfender Ritter, wie man ihn sich nicht besser wünschen konnte. Seinen Ritterschlag erhielt er direkt auf dem Schlachtfeld des Tobrienfeldzugs. Gleich im folgenden Jahr kämpfte er an der Seite des Barons von Hlutharswacht im Rabenmarkfeldzug. Seitdem hatte er nicht mehr viel von ihm gehört, aber Filwald war sich sicher, dass es ihm gut ging. Wie hieß nochmal schnell dieses Gasthaus, in dem sich die Edlen des Reiches vorab treffen sollten? Irgendwas mit einem Fluss… nein, einer Fähre… ja, genau: Fährmanns Inn, das war es! Das konnte nicht schwer zu finden sein Nach ein paar Erkundigungen hatte er es gefunden und war endlich am Ziel angelangt. Als er die Gaststube betrat und die vielen neugierigen Blicke auf sich spürte, galten seine Gedanken allerdings nur seiner Familie, einem Bett und einer Wanne mit heißem Wasser,
„Schön, Euch bei uns begrüßen zu dürfen, Euer Wohlgeboren von Landwacht“, kam ihm auch schon die Wirtsfrau entgegen. „Vielen Dank. Bitte zeigt mir das Zimmer, das meine Frau bereits bezogen hat, gute Frau!“. Der Blick der Wirtin wurde grüblerisch. „Eure Frau, Herr von Landwacht? Nun, es tut mir sehr leid, aber wir konnten leider noch niemanden Eurer Familie in unserem bescheidenen Haus willkommen heißen“

Ihre Mutter hatte als Kommendantin der Kommenda Twergenloch sehr häufig mit Angroschim zu tun gehabt. Ein gutes Auskommen mit diesem alten und ehrenwerten Volk war für ein Auskommen im Erzhandel zwingend notwendig. Entsprechend gefiel Phelinda, dass auch zu dieser Expedition mindestens zwei Zwerge dazu gestoßen waren. Ihr Rogolan war zwar rostig, nachdem sie in ihrer Knappschaft und auf Aventiure wenig Kontakt zu Zwergen hatte. Doch einen Gruß und gegebenfalls seichte Konservation beherrschte sie doch noch. Sie hob ihren Krug, in dem sich noch ein Rest Bier befand. Sie grüßte den neusten Zustoß zu ihrer Gruppe und proteste ihm zugleich zu: „Garoschem we-Baroschem!“

„Phelinda von Twergenloch zu Gellerstock, Tochter der Salinda Twergenloch,“ antwortete die Ritterin. Sie mochte die kurze direkte Gegenfrage des Angroscho. Ihre direkte Art war eine der Qualitäten, die Phelinda nach den paar Dutzend Begegnungen schätzte, die sie mit diesem alten ehrenwerten Volk gemacht hatte. Die Ritterin leerte den Bierkrug, stellte das Gefäß auf dem Tisch ab und strich den Waffenrock über ihrem Wams glatt. Eine weiterer Vorzug der Zwerge bestand darin, dass viele Angroschim über die 20, 30 Steine Körpergewicht mehr, die Phelinda mit sich schleppte, wesentlich bereitwilliger hinwegsahen als Menschen es für gewöhnlich taten. Unter ihresgleichen hatte sie für gewöhnlich zu beweisen, dass sie genauso stark und schnell war wie andere Ritter und Ritterinnen. Phelinda ertappte sich dabei, dass sie wieder ins endlose Sinnieren abzuschweifen drohte. Mit einem letzten Wischen fegte sie einige Brotkrümel von ihrem Bauch, die sich während des Essens dort angesammelt hatten. Sie fragte den Angroscho: „Und mit welchem Sohn Angroschs habe ich das Vergnügen?“

„Ein Geschenk meiner Mutter Salinda, dort drüben“ Sie wies auf die ältere Kauffrau, die jedoch in ein Gespräch vertieft mit dem Rücken zu ihnen stand. „Sie hat seine Fertigung in Makamesch bei einem Angroscho-Schmied in Auftrag gegeben.“ Phelinda legte das Schwert in seiner Scheide auf ihren Schoß, sodass der aufwendig gestaltete Schwertknauf aus Messing besser zu sehen war. Es handelte sich um einen kurzen sechsseitigen Obelisk, dessen längsseitige Oberflächen jeweils vertäfelt waren. In die Flächen waren winzige Symbole für einige von Rondras Tugenden graviert: ein Blitz, ein Schwert, der Kopf einer Löwin, ein Kelch, ein Schild und ein Herz. Der Rest des Griffs war schlicht. Eine Parierstange, die in zwei Tetraedern endete. „Was ist die Waffe eurer Wahl?“

Phelinda staunte nicht schlecht, als der Angroscho den verzierten Dolch auf den Tisch legte. Die Qualität einer solchen Waffe konnte selbst das ungeübte Auge erkennen. Auch die als Drachentöter bekannten Spieße waren Phelinda ein Begriff, auch wenn sie sie noch nie zu sehen bekommen hatte, was sie - angesichts ihres Namens und ihrer Bestimmung - auch nicht allzu traurig stimmte.

„Rondmar von Weidenthal hat mich die Wege des Schwertes gelehrt und alles weitere, was mensch wissen muss, um als Ritterin durchzugehen.“ Sie lachte kurz auf. „Nichts im Vergleich zu einer Schulung Togrom Baskanim Loschima Mortar kaMagrax Xorloscha dor-Peschita Drakax [Schule des Drachenkampfs, wörtlich: Gemeinschaft der Kämpfer der Täler der Wacht zum Schutze Xorloschs wider drachischer Übergriffe].“ Sie schüttelte noch einmal den Kopf. Die Zahl dieser legendären Elitetruppe wuchs jährlich nur um ein Dutzend, so hatte sie zumindest gehört. Sie hätte nie erwartet, in ihrem kurzen Menschenleben einem Drachenkrieger zu begegnen, trotz der räumlichen Nähe zu Xorlosch. Sie kam sich mit einem mal sehr unbedeutend vor, aber verbarg dieses Gefühl. Sie wollte ihr Gegenüber nicht in Verlegenheit bringen. Statt in dem Gefühl zu verweilen, besann sie sich eines Besseren lächelte, fest entschlossen, die Anwesenheit des Angroscho zu genießen.

Auf zur Burg

Die Burg des Crumolder Barons zu Crumold wachte auf dem Berg über das Dorf wie eine Glucke über ihre Kücken.
Die Vorburg war eingefasst durch eine wehrhafte Mauer, und gesäumt von einigen Gebäuden, darunter Stallungen, Werkstätten und zwei größeren Gebäuden. Auf dem Hof der Vorburg befanden sich zudem vor den Stallungen ein Reitplatz und am anderen Ende ein Kampfplatz, wo bei der Ankunft der Reisenden durchaus Geschäftigkeit herrschte.
Die Gäste wurden von einem alten gebeugten Mann mit fast kahlem Schädel begrüßt, der sich als Haushofmeister Yann Fredair vorstellte und dem man seine Aufregung anmerkte, verhaspelte er sich doch ein paar Mal bei der Begrüßungsformel. Knechte und Mägde reichten den Gästen zur Begrüßung bereits auf dem Hof erste Getränke.
Der Weg führte durch ein Tor mit Zwinger in die Hauptburg. Auffallend war der trutzige Bergfried und linkerhand desselben ein offensichtlich sehr neuer Palas mit einem wuchtigen, zwei Stockwerke hohen Steinsockel, auf dem sich ein weiteres Stockwerk aus Fachwerk und darauf ein hohes, ausgebautes Dach befand.
Eine massive, beschlagene Tür öffnete sich in eine kleine Halle. An deren Ende führte eine große, hölzerne Treppe in einen gewaltigen, lichtdurchfluteten Saal im Obergeschoss. Seine gesamte linke Seite säumten Fenster zum Hof, rechterhand hingen übergroße Spiegel, die das Licht in den Saal zurückwarfen und dem Raum eine unwirkliche Weite verliehen. An der Stirnseite des Saales standen helle geschnitzte Tische in einem U vor einer mit silbernen Ranken bemalten Wand, deren Mitte ein großes Wappen der Crumolds zierte. Der Haushofmeister kündigte die Gäste an und beschied sie, dass der Herr der hiesigen Lande sie nun empfangen würde. Der Baron der albernischen Baronie Crumold, Illaen Crumold, saß auf einem Podest an der Stirnseite des Raumes auf einem prachtvoll geschnitzten Thron. “Die Zwölfe zum Gruße, Ihr Edlen. Es erfreut mich, Euch hier in meinen Hallen willkommen zu heißen.”

Filwald von Landwacht war noch immer in Gedanken bei seiner vermissten Familie. Wo mochten seine Frau und sein Sohn wohl abgeblieben sein? Aber dies war nun weder die Zeit noch der Ort, um sich darüber Gedanken zu machen! Die beiden waren nicht auf den Kopf gefallen und konnten gut auf sich selbst aufpassen. Wahrscheinlich werden sie in wenigen Stunden auftauchen, mit einer abenteuerlichen Geschichte über dahergelaufene Vagabunden oder sonst was! Er war ein Mann der Tat, nicht der Worte. Somit trat er energisch vor, verbeugte sich tief und sagte: “Filwald von Landwacht, Euer Hochgeboren! Zu Euren Diensten!“

„Die Zwölfe zum Gruße," sagte Phelinda, während sie sich vor ihrer aller Gastgeber verbeugte. „Ich bin Phelinda von Twergenloch zu Gellerstock. Und das ist meine werte Mutter, Salinda Twergenloch, ihres Zeichens nach Kauffrau.“ Die ältere Frau beugte sich deutlich tiefer als ihre Tochter, ein Zeichen ihres Standesbewusstseins und ihres Respekts vor dem Adel. Die Werkstätten verführten Xanthrax buchstäblich ihnen einen Besuch abzustatten. Die Schmiedekunst der Menschen stand denen der Angroschim in jeder Hinsicht nach, Gleiches galt für jegliches Handwerk, aber dennoch – ein weiser Ambosszwerg schaute über seinen Tellerrand.
Der fast kahlköpfige Mann mit dem nervösen Zucken im Gesicht musste so etwas wie der Herold sein. Er würde sich nie gänzlich an derlei Gebräuche gewöhnen. Das Leben bestand aus mehr als Floskeln und Titeln, doch speziell die kurzlebigen Völker verloren sich darin.
Sein erstes Getränk nahm Xanthrax mit gerümpfter Nase zu sich. Es lag nicht am edlen Tropfen, sondern vielmehr an dem Umstand, wie fehl am Platze er sich fühlte. Man kannte sich zwar ein wenig, nur wirklich warm war noch keiner miteinander geworden. Er konnte das auch schlichtweg übersehen haben.
Sein Blick blieb beim Ritter von Landwacht hängen. Irgendetwas bedrückte diesen Mann und er war ihm, ob seines Auftretens, sympathisch. Sollte er nachhaken? Wenn, dann nach den Feierlichkeiten. Sie wurden in den Thronsaal geführt, und Xanthrax musste gestehen, beeindruckt zu sein. Kein Vergleich zu den Räumlichkeiten Bergkönig Aromboloschs, aber für Menschen durchaus imposant. Die Spiegelkonstruktion hatte es ihm im Besonderen angetan. Nach Firunhard (dessen Weggefährten Perigor er liebgewonnen hatte), Phelinda und deren Mutter Salinda, ergriff nun er das Wort und trat vor. Jetzt würde sich zeigen, ob die spärlichen Etikettestunden, die er auf Anraten seines Freundes hin genommen hatte, zu etwas nütze waren: „Garoschem, Euer Hochgeboren. Mein Name lautet Xanthrax, Sohn des Xolgram, Edler von Eisenmühlen und Mitglied der Kor-Knaben. Erfreut Eure Bekanntschaft zu machen. Habt Dank für die Einladung und gute Bewirtung bisher.“ Der Ambosszwerg klopfte sich dabei mit der Faust auf die Brust, sodass das Kettenhemd leise klirrte und neigte sein Haupt angedeutet, um dann Platz zu machen. Aerin staunte ehrfürchtig ob der Pracht des Thronsaales, insbesondere der gewaltigen, kunstvoll verzierten Spiegel. „Ich kenne diesen Blick nur zu gut. So etwas braucht es auf unserer Burg gewiss nicht“, raunte Erlberga ihrer Tochter leise zu. Nicht selten kam es vor, dass Aerin auf ihren Reisen Gefallen an fremdländischer Zierde oder Gewandung fand und alsbald neue Stoffe, Möbel oder gar Wandbehänge in Auftrag geben ließ. „Komm, wir wollen nicht die Letzten sein, die sich dem Baron vorstellen“, sprach Erlberga mit fester Stimme und schritt entschlossen voran. Beide Damen senkten ehrerbietig das Haupt, bevor Erlberga mit wohlgesetzten Worten das Wort erhob: „Euer Hochgeboren, edler Illaen Crumold, wir vom Hause Auenstein sind Euch zu tiefem Dank verpflichtet für Eure gütige Einladung. Mein Name ist Erlberga Praiolind von Auenstein, und an meiner Seite ist meine Tochter, die edle Aerin Praiolind von Auenstein. Wir schätzen es gar hoch, dass Ihr uns solch eine ehrenvolle Aufnahme gewährt und uns gar persönlich empfanget.“ Nachdem diese Worte gesprochen waren, traten sie zurück und reihten sich zu den anderen, die bereits ihre Huldigung vorgetragen hatten. Während der Ankunft in der Burg fiel Aerins Blick auf den ehrenwerten Ritter Filwald von Landwacht, einen Mann gesetzten Alters. Obgleich sein Auftreten ungebrochen von Würde und Pflichtbewusstsein zeugte, schien ihm eine Last auf der Seele zu liegen. Aerin konnte das nagende Gefühl nicht abschütteln, dass ihn etwas bedrückte. Sie nahm sich vor, dem auf den Grund zu gehen aber noch unschlüssig wie. Sie vermochte sich kaum vorzustellen, dass ein Ritter von solch gestähltem Wesen sein Herz einem Jüngling ausschütten mochte.

Luzia betrat den großen Saal der Burg Crumold mit stark aufgewühlten Gefühlen, Gefühle die sie nicht so recht verstand. Nun, da sie hier stand, spürte sie eine seltsame Nervosität, ein Umstand, der sie doch sehr überraschte. Sie war bislang niemals in Albernia gewesen und für einen kurzen Moment, als sie an der Türschwelle zögerte, ging es ihr durch den Kopf, dass dies wohl doch kein Zufall gewesen war. Halb erwartete sie eine Falle oder einen Hinterhalt, halb wusste sie, dass dies absurd war – und ein winziger doch erschreckender Teil ihrer Selbst hoffte gar darauf. Die junge Junkerin musste tief durchatmen, während sie sich dem Podest näherte. Sie war zu jung um sich an den Krieg zu erinnern, nur ihr Vater hatte ihr einmal davon erzählt… einmal, als er kurz zu ihnen zurückgekehrt war. Das war, bevor er das letzte Mal in den Krieg aufbrach. Nicht dass sie sich an seine Erzählung erinnerte, nur daran mit ihm Holzschwerter gekreuzt zu haben - Luzia zwang sich zur Konzentration, ehe ihr die Miene vollends entglitt. Ihr üblicher, freundlicher Gesichtsausdruck mochte ihr im Augenblick unmöglich erscheinen, aber die junge Frau hatte sich nach ihrem kurzen Moment der Schwäche wieder im Griff, und trat somit mit ernstem Blick vor den Baron und verneigte sich höflich. „Praios zum Gruße euer Hochgeboren! Luzia Aurea von Nadelgrat, zu euren Diensten.“

Während die Edlen des Reiches einer nach dem anderen dem Herzog ihre Aufwartung machten, trat Filwald langsam von einem Fuß auf den anderen. Höfische Angelegenheiten waren generell nicht seine Stärke, und er wird froh sein, wenn diese Prozedur vorüber ist. Filwald kannte ihn nicht persönlich, aber seine ganze Art imponierte ihm. Vielleicht eine verwandte Seele? Er beschloss, sich so bald wie möglich sich mit den anderen Anwesenden zu unterhalten. Wenn nur endlich diese Förmlichkeiten vorüber wären! Ein weiteres Mal trat er von einem Fuß auf den anderen. Als die Reihe an Anniella war, trat sie vor, wie sie es vor langer Zeit von Ihrer Mutter gelernt hatte, knickste ordentlich und formvollendet und man konnte ihr ansehen, dass sie es verinnerlicht hatte, hunderte- ja tausende Male geübt hatte: „Habt Dank für die Einladung, Euer Hochgeboren Crumold. Die Zwölfe zum Gruße. Mein Name ist Anniella von Firmholz, Baroness zum Firnholz und Knappin bei Hartuwal von Hornisberg. Es freut mich außerordentlich Eure Bekanntschaft zu machen.“

Ziemlich zu Schluss, auch weil er mit den niedrigsten Stand hatte, kam Jerg hervorgetreten. Zuvor betrachtete er das Kammerspiel, anders konnte er dies nicht bezeichnen, und entsann zur Beruhigung Verse in Gedanken und dachte ‚Auf der Feste, der Landschaft Glucke, ruht in Kraft und voller Pracht… ach irgendwie wollten die Worte nicht… Der Baron scheint aber ein feiner Kerl zu sein und hält sich offensichtlich routiniert an die Etiquette. Vielleicht mag er auch die Schönen Künste?‘ Nervös, dies aber überspielend, stellte er sich vor und verbeugte sich gekonnt: „Den Zwölfen zu Gruße Euer Hochwohlgeboren . Ich darf mich vorstellen, ich bin Jerg Wendelin von Mitterberg, Stellvertretend für meinen Edlen Bruder und Ritter Guntar Lucan den IV. von Mitterberg, welcher sich leider persönlich Entschuldigen lässt. Ich richte im Namen meines Bruders den vollsten Dank aus ob dieser Ehre und Chance.“ vorsichtig richtete sich Jerg mit einem Lächeln wie ein Frühlingswind wieder auf und gesellte sich zu den anderen Wartenden in der Reihe. "Auxilia Freiensteyn von Altenpfort", Auxilia hatte genug beobachtet um sich ebenfalls vorzustellen. Die Burg und all diese Menschen machten ihr einen Knoten in den Magen. 'Bei Rondra! Wenn ich etwas falsch mache? Konzentriere dich. Praios steh mir bitte bei.' schwer schluckend und etwas verkrampft berbeugte sie sich. "Den Zwölfen zum Gruße, Hochwohlgeboren Illean Crumold." Sie war eine schlechte Schauspielerin und das wusste sie. Man würde ihr die Nervosität anmerken. „Theodora Freiensteyn von Altenpfort.“, tat es ihr ihre Tochter nach. Auxilia war etwas stolz, ihre Kinder waren doch sehr viel selbstbewusster als sie es war. Theodora hatte mit fester Stimme gesprochen, anders als der nervöse Unterton ihrer Mutter. „Mögen Travia und Praios Euer Haus schützen und wir bedanken uns für die Gastfreundschaft!", beendete Auxilia mit leicht bebender Stimme, aber eher vor Aufregung als Angst.

Hadebrand war der Letzte der Vortrat. Er hatte den anderen den Vortritt gelassen, um sich selbst nochmal ein Bilde von seiner Gesellschaft zu machen. Gestern war er leider viel zu müde gewesen und hatte sich direkt nach dem Abendessen zur Nachtruhe begeben. Er staunte nicht schlecht. Aus der ganzen Nordmark waren Vertreter zugegen. Auch er grüßte den Baron: „Die Zwölfe zum Gruße euer Hochwohlgeboren. Ich bin Hadebrand von Talerberg. Vielen Dank für ihre Einladung auf eure wunderschöne Burg.“ Dann trat er neben die anderen.
Der Baron betrachtete wohlwollend die höflichen Nordmärker Adligen, die ihm ihre Aufwartung machten. “Seid mir unter der Frouwe Travias Sinn zu Gast auf meiner Burg. Lasst uns Ihr zu Ehren unter meinem Dach ein Mahl genießen, auf dass Ihr ein gutes Andenken an die albernische Gastfreundschaft mit nach Hause tragen werdet. Lasst mich noch einen weiteren Gast an meiner Tafel begrüßen - Frau Abarhild Salmfang, die Kapitänin der Concabella.”
Auf seine Worte hin öffneten die Diener nochmals die Saaltür und eine untersetzte Mittvierzigerin mit braunen, zu einem sehr genauen Dutt gebundenen Haaren, grauen Augen, sauber geschrubbtem Gesicht und einem frisch aufgebürsteten, peinlich sauberen blauen Gehrock mit goldenen Epauletten trat ein und verbeugte sich tief vor dem Baron.
“Euer Hochgeboren, ich danke Euch für die Einladung.”
Die Stimme der Frau war klar, ohne Schnörkel und trug weit. Der Baron klatschte in die Hände und die Diener bedeckten die Tafeln mit weißem Linnen, und luden die Gäste, Platz zu nehmen, ehe sie auftrugen und warmen Würzwein sowie frische, dampfende Brotfladen, Schmalz und Salz als ersten Gang auftrugen. “Auf Eure erfolgreiche Queste!” sprach der Baron und hob grüßend seinen Kelch. “Wohlschmecken wünsche ich Euch.”

Filwald hatte schon befürchtet, die Vorstellungsrunde würde niemals enden. Als dann der Baron noch mehr Gäste ankündigte und sich die Türen wieder öffneten, dachte er für eine Sekunde, seine Frau und Sohn hätten doch noch den Weg zur Burg gefunden. Die Hoffnung wurde nur ebenso schnell wieder enttäuscht, als die Kapitänin ihrer Reise den Saal betrat und sich vorstellte. Allerdings imponierte ihm die kurze, prägnante Art und der schnörkellose Auftritt der Frau Salmfang. Sie machte einen fähigen Eindruck und dass sie ihr Handwerk verstünde.

In kurzen Worten berichtete er von dem Brand in Blickenfelde und der Unruhe unter seinen Bürgern wegen des angeblichen erneuten Sternenfalls, die seine Abreise verzögert hatte. „Mortak, mein Zweitgeborener, ist gerade noch rechtzeitig aus Elenvina angereist, und so habe ich ihn zusammen mit meiner Frau Jocasta vorausgeschickt, um meine verspätete Anreise zu entschuldigen. Als ich allerdings dann einen Tag verspätet hier eintraf, scheint von den beiden jede Spur zu fehlen. Ich hatte ursprünglich gehofft, sie würden vielleicht auf Euch während der Reise treffen und sich Euch anschließen. Habt Ihr vielleicht etwas von ihnen gehört?“

Anniella kam in der Tat etwas weiter oben am Tisch zu sitzen, was ihr durchaus etwas unangenehm war, aber dann kostete sie vom Gewürzwein, nachdem der Baron ihnen zugeprostet hatte, und nahm sich wie alle von dem frischen Brot und dem Schmalz. Dann sah sie sich um, wer ihre Tischnachbarn diesmal waren, und ob sie mit Ihnen ins Gespräch kommen könnte. Die Kapitänin hatte weit unten am Tisch, unter den Edlen und knapp hinter den Rittern, ihren Platz gefunden.



Aerin harrte gar geduldig der Begrüßung des hochwohlgeborenen Barons und ließ indes ihren Blick über die versammelte Gesellschaft schweifen. Sie musterte die ehrwürdigen älteren Herren mit forschendem Auge und sann darüber nach, ob sie selbst oder ihre Söhne wohl bei der blutigen Schlacht zu Crumolds Auen gestritten hätten. Wohl wusste sie um ihre Pflicht als Ritterin wie auch als künftige Junkerin – gleichwohl empfand sie Erleichterung, dass ihre Mutter aufgrund der Schwangerschaften keiner großen Schlacht ihr Schwert geführt hatte und ihr Vater nicht dem Ritterstande angehörte. Da ward Abarhild Salmfang mit lauter Stimme durch den Mund des Barons genannt, und Aerin ward jäh aus ihren Gedanken gerissen. Neugierig richtete sie ihren Blick auf die Kapitänin und betrachtete sie mit wachsamer Aufmerksamkeit. Ihr gefiel ihr tadelloses Gewandes, und sie hoffte, dass auch ihr Schiff solch Reinlichkeit und Zucht widerspiegeln möge. Denn Aerin war schon auf manch anderem, weniger zierlichen Kahn gereist und wusste ein wohl geziertes Schiff sehr zu schätzen. Als sich nun die Gäste nacheinander zu setzen begannen, regte sich in ihr der Wunsch, einem Gesellen ihres Alters – oder doch in dessen Nähe – beizuwohnen. Festen Entschlusses wandte sie sich Aniella zu, denn diese war ihr seit der ersten Begegnung hold und wohlgesinnt erschienen. Mit raschem, aber höflichem Schritt nahm sie neben der jungen Edlen Platz.
„Den Zwölfen zum Gruße!“, sprach Aerin mit frohem Mute und einem Lächeln, das aufrichtig, freundlich und hoffnungsvoll war, „Ich hoffe, meine Frau Mutter und ich dürfen an Eurer Seite verweilen?“ „Seid gegrüsst, selbstverständlich dürft ihr Euch gerne hierher setzen, Aerin von Auenstein. Und selbstverständlich auch Eure Frau Mutter, es ist mir eine Ehre.“ Sie nickte höflich den beiden zu, und nachdem sich beide gesetzt hatten, wünschte sie Ihnen: „Wohlschmecken. Und auf eine gute Fahrt!“ und prostete den beiden Damen zu.
Auxilia lächelte in die Runde während die Diener damit beschäftigt waren den Tisch zu decken. "Wir werden hier sehr freundlich aufgenommen.", sagte sie zufrieden an Theodora gewandt. "Natürlich müssen wir uns noch etablieren, aber wir werden unseren Platz schon finden.", nickte Theodora ihr zu. Sie warteten einen Augenblick um nicht die ersten zu sein, bevor sie sich den lecker duftenden Brotfladen widmeten. Auxilia begann mit einem kräftigen Schluck vom Würzwein. Es tat gut wie er ihren Mund füllte und die Kehle herunterrann. Mit einem Zug war der Pokal geleert. Sie ließ sich lieber als zweites einen Wasserpokal einschenken. 'Ruhig.', gemahnte sie sich. 'Bei Rondra bleib klar bei Verstand und pass gut auf. Du kannst hier viel lernen! Aber der Wein lockert ebenfalls die Zunge und du wirst ruhiger und nicht so versteift.' Theodora musste schon fast amüsiert mit den Augen rollen. Sie bemerkte die Anspannung ihrer Mutter, die alles perfekt - oder zumindest richtig machen wollte. Sie waren neu hier und wollten nicht direkt unangenehm auffallen. Theodora wusste wie es im Kopf ihrer Mutter gerade zuging, wahrscheinlich ging sie sämtliche möglichen Szenarien durch. Theodora war hingegen Stolz. Sie durfte die Familie Freiensteyn repräsentieren. Ihre Zwillingsschwester würde beim nächsten Mal die Mutter auf so wichtigen Terminen begleiten und auch Luzia würde ihre Arbeit gut machen. Sie war Zuhause und wurde in die Verwaltung des neuen Besitzes eingearbeitet und auch Theodora wollte der Familie Ehre machen. Die beiden Schwestern hatten bereits vor der Abreise viel mit einander gesprochen und waren sich ihrer Aufgabe und ihrer Rolle in der Familie bewusst. Theodora musste lächeln, wenn sie an Luzia dachte. Eine zweite Stimme, die ihr die Angst nehmen würde, würde auch ihrer Mutter Auxilia guttun. So lächelte die Tochter ihre Mutter an mit den Worten: „Alle scheinen doch sehr nett zu sein.“
Als sich die Gäste des Barons nacheinander an die Plätze begaben, geordnet nach Rang und Selbsteinschätzung, suchte auch Phelinda einen Platz für ihre Mutter und sich. Sie war sehr froh, in der Nähe der beiden Angroschim zu sitzen gekommen zu sein. Sie langte zu beim frischen Brot und bestrich es ordentlich mit Schmalz, bevor sie etwas Steinsalz darüber streute. Auch der würzige Wein sagte ihr durchaus zu, den sie bereits auf ihrer Aventure im Windhag zu schätzen gelernt hatte. Bevor sie sich an Speise und Trank bediente, sprach sie innerlich Dank an Peraine und Rahja.
„Herr Xanthrax,“ hub sie zum Gespräch an, „Mundet euch der Wein?“ Bereits, als sie mangels eines besseren Gesprächseinstiegs die Frage äußerte, war ihr bewusst, dass sie den Angroscho damit nicht beeindrucken würde. Aber, so redete sie sich die unüberlegte Frage schön, würde es zu einer Unterhaltung kommen, konnte sie den Ersteindruck nur übertreffen. Endlich gab es etwas zu essen. Ihm war dieser ganze Trubel um die Vorstellungen zuwider. Die Frau Kapitänin imponierte ihm, ob ihrer schlichten Art und insgeheim dankte er ihr im Stillen dafür. Noch länger hätte er es nicht ausgehalten. Feine Pinkel – wobei derer relativ wenig zu Gast waren.
„Nun, werte Phelinda,“ – er hob den Würzwein an und wiegte dabei den Kopf hin und her, „ich bin ehrlich gesagt ein Freund der Braukunst, nicht des Weinkelterns. Mir ist die Lust darauf gehörig vergangen, seitdem ich Bekanntschaft mit dem Dattelwein des Südens gemacht habe.“ Er schüttelte sich bei dem Gedanken daran. „Schwer und so süß, dass einem der Mund zusammenklebt.“ Resignierend stellte der sein Getränk ab. Das waren andere Zeiten gewesen. Die Wüste bot mehr Geheimnisse, als man meinte. „Aber ich möchte Euch nicht mit den Geschichten vergangener Zeiten langweilen. Ihr seid noch jung und werdet Eure eigenen Pfade beschreiten.“ Dabei schenkte Xanthrax ihr ein anerkennendes Lächeln. „Viele schlagen den Weg des Kriegers ein, doch nur wenige vermögen ihn zu gehen. Verzeiht die Neugierde, aber was seid Ihr genau und welche Ausbildung habt Ihr durchlaufen? Im Mittelreich existieren einige vorzügliche Schulen oder besser gesagt Akademien.“ Xanthrax musterte sie abschätzend. Seine langjährige Erfahrung sagte ihm, dass Phelinda nicht nur einen durchaus passablen Schwertarm besitzen konnte. Da war mehr. „Zumal, sofern die Frage erlaubt ist, ich noch nicht ganz begriffen habe, warum Ihr einen Titel tragt, aber Eure Mutter nicht.“
Damit nippte er wieder an seinem Würzwein und langte beim Brot zu. Sie kaute, während sie dem Angroscho zuhörte. Nachdem er sich Brot und Schmalz zugewandt hatte, begann sie seine Fragen eine nach der anderen zu beantworten: „Ich habe ab meinem 6. Lebensjahr am Hof meiner jetzigen Lehnsherrin die ritterlichen Tugenden, zu kämpfen und sich zu benehmen gelernt. Nach meiner Zeit als Pagin hat mich Rondmar von Weidenthal als Knappin ausgebildet." Sie seufzte ob der Erinnerung an ihren Schwertvater. Es war eine gute Zeit gewesen, sie hatte viel gelernt, aber sie hatte auch viele ihrer Schwächen konfrontieren müssen. „An seiner Seite habe ich gelernt, das Schwert zu führen, von Pferd wie zu Fuß zu kämpfen, aber auch das Lautenspiel.“ Die Ritterin griff zu ihrem Weinbecher und nahm einen Schluck. Sie nutze den Moment, um zu entscheiden, was sie noch erwähnen wollte: „Meine Aventure schlug mich schließlich nach Windhag, wo ich einen Götterlauf verweilte, bevor ich in die Nordmarken zurückkehrte und mit einem Gut im Gellerstock belehnt wurde, einem kleinen Wald im nördlichen Gratenfels.“ Abermals trank sie einen Schluck, bevor sie ihre Ausführungen fortsetzte: „Mein Haus ist eines von Händlerinnen und Kauffrauen. Meine Frau Mutter ist noch immer in die Geschäfte der Kommenda Twergenloch involviert. Der Beginn meiner Ausbildung im Handelswesen gewährt mir beizeiten einen anderen Blick auf die Dinge als andere Ritter und Ritterinnen. Es waren letztlich gute Geschäfte meiner Mutter mit ihrer Hochgeboren, Baronin Vea III. von Vairningen, die mich in die Gunst kommen ließen, Rondras Wege ergründen zu dürfen.“

Mit dem Messer strich sie Schmalz auf eine weitere Scheibe des noch immer warmen Brotes. An Xanthrax gewandt, fragte sie: „Aber ich komme mir schon vor wie eine Rogelna [Rogolan für: Schwätzerin]. Wie seid ihr dazu gekommen, den mächtigen Streithammer zu ergreifen und ins Feld zu ziehen?“
Xanthrax lauschte Phelindas Schwank schweigend, wobei er gelegentlich wohlwollend nickte. Jemand also, der von klein auf mit dem Kriegshandwerk in Berührung gekommen war, aber auch einen Ausblick auf das Leben abseits davon genossen hatte. „Wenn ich denn einmal Zeit habe, so werde ich Euch in Gut Gellerstock besuchen, Phelinda. Alleine schon aus Neugierde. Ihr und Eure werte Frau Mutter hinterlasst einen bleibenden Eindruck.“ Er nippte wieder an seinem Krug. Die Rittersfrau würde sich die Hörner früh genug abstoßen können, wobei sie das wahrscheinlich bereits ein wenig getan hatte. Er tat sich immer schwer dabei abzuschätzen, wie weit ein Mensch in dessen Leben gekommen war. „Drakkamalmar hat den Weg zu mir nach einer langen und ausgiebigen Prüfung gefunden. Mir war der Pfad eines Schmieds quasi in die Wiege gelegt, ging mein werter Garascho ebenfalls diesem Handwerk nach. Ich wage, zu behaupten, ein ausgezeichneter Grobschmied zu sein; Waffen von mir halten jeglichen Belastungen stand.“ Er dachte versonnen an seine Feuertaufe zurück. Hammer auf glühenden Stahl treffen zu lassen erfüllte ihn selbst heute noch mit großer Freude. „Angrosch hatte jedoch andere Pläne für mich.“ Er bedachte Phelinda mit einem prüfenden Blick. Sie schien Rogolan auszugsweise zu beherrschen, daher konnte ihr auch geläufig sein, dass Angroschim normalerweise nicht träumten. „Eine mich immer wieder aufsuchende Vision brachte mich dazu, eine Pilgerfahrt zu unternehmen. Dort wo Malmar, Angroschs heiliger Hammer, zu hören ist, dorthin führte mich mein Weg. Dem Hammerschlag zu lauschen ließ mich klar sehen und begreifen, was der Vater von Feuer und Stahl von mir wünschte – absolute Perfektion und Hingabe.“
Xanthrax erinnerte sich gut daran, wie es war, dem Dröhnen des himmlischen Hammers zu lauschen. In jenem Moment hatte er sich Angrosch näher gefühlt als jemals zu vor und danach. Er dankte dem Hochgeweihten Xolgorax für dessen Einweisung und Rat von damals. „Viele Jahre brachte ich daraufhin damit zu, jenes Meisterwerk zu schmieden, das mir niemals den Dienst versagte. Drakkamalmar ist mir treuer Gefährte, wohin ich gehe. Er lehrte Novadis, Schwarzpelze, Oger wie auch den Anhängern des Burbra Domron das Fürchten. In meinem Leben war ich vieles: Söldner, Leibwächter, Beschützer ... wahre Erfüllung erlangte ich aber erst durch meinen Beitritt zu den Kor-Knaben. Wo der spätere Angarok Rogmarok wünschte, da waren wir.“ Er klopfte sich beiläufig auf die stolzgeschwellte Brust. „Wir waren die Elite an der Trollpforte, egal ob gegen die 1.000 Oger oder die Heerscharen des Dämonenmeisters.“ Eher beiläufig rieb er sich mit Daumen- und Zeigefinger über die Augen. Viele gute Kameraden hatten im Laufe der Jahre ihr Leben gelassen. Freunde, die sich im Glauben an eine bessere Welt geopfert hatten. „Ich glaube nicht mehr an Zufälle, Mädchen. Angrosch führt mich dorthin, wo ich gebraucht werde. Er hat mir den Weg zu den Kor-Knaben gezeigt und jetzt bin ich hier. Ich kenne euren Oberst noch aus der Zeit beim Söldnerregiment. Wir haben gemeinsam gedient und so bin ich davon überzeugt, dass der Große Vater Dwarosch und mich erneut zusammengeführt hat.“ Xanthrax lachte leise auf: „Und so wurde ich Edler von Eisenmühlen. Angroschs Wege sind unergründlich.“ „Meine Familie stammt ursprünglich aus dem Isenhag. Aber natürlich ist Dwarosch, Sohn des Dwalin, auch über die Grenzen der Grafschaft bekannt. Ich habe schon die ein oder andere beeindruckende Geschichte über den Korgrimm und seine Kampfkunst gehört. Spannend, dass ihr über ihn euren Weg gefunden habt.“ Phelinda ließ den Blick durch die Halle schweifen, nahm einen Schluck Wein und sagte: „Ich bin froh, zwei Angroschim in unserer Gruppe zu wissen. Und noch dazu einen ehemaligen Kor-Knaben. Man weiß nie, was selbst ein vermeintlich leichter Auftrag bringt.“ Ihr Blick verfing sich einen Moment bei der Kapitänin, die einen sehr fähigen Eindruck machte. Das weckte eine neue Frage in ihr: „Wie gewohnt seid ihr die Reise auf Efferds Wegen?“ Jerg gesellte sich möglichst nah an Xanthrax. Der Zwerg schien ein guter Kerl für Abenteuer, Weib und Wein zu sein.

Er beteiligte sich an den guten Speisen und führte entspannt Gespräche mit den Personen am Tisch. Groß beteiligte er sich aber nicht. Zu unsicher war er in sich, trotz seiner Erfahrungen in seiner Region. An einer Burg, zwischen all dem Adel. Wie sehr wünschte er sich die Teile der Ritterausbildung seines Bruders, die Ihn besser hier rauf vorbereitet hätten. Auch wenn sein Bruder und seine Eltern Ihn viel geschult hatten fehlte Ihm doch die Praxiserfahrung. Als der Alkohol etwas geflossen war, das Essen sich zu setzen begann nahm Jerg sich den Mut zusammen und seine Laute zur Hand. Er fing geübt an zu spielen und sang mit einer Tenorstimme folgende Zeilen:
„Ein Fluss, der ruhig fließt, so klar,
Doch birgt er mehr als nur Gefahr.
Das Glück und Pech, sie reiten mit,
Ein ständiger Wechsel – ein steiler Ritt.
Ein Sonnenstrahl, der plötzlich bricht,
Doch hinter Wolken glimmt ein Licht.
Das Pech, es drängt – das Herz verzagt,
Doch Glück zeigt Wege, wie man’s wagt.“
Jerg wechselte für die folgende Strophe zu einem Bariton und änderte den Klang seiner Laute und spielte die nächste Strophe tiefer und melancholie schwang im Gesang mit.
„Die Stromschnellen toben, die Wellen hoch,
Ein Abgrund ruft – ein stummer Fluch.
Doch mutig steht der Mensch und lenkt,
Mit Hoffnung, die das Leben schenkt.“
Fließend wechselte er mit Stimme und Laute zurück, was die Melodie wieder spürbar hoffnungsvoller machte.
„Und wenn der Fluss das Ziel erreicht,
Wenn Nacht sich mit dem Tag vergleicht,
Dann steht Erfolg mit stolzem Glanz,
Ein Lebenswerk – der letzte Tanz.“


„Ich danke dem hohen Herr. Meine Heimat liegt nicht all zu weit weg vom Fluss Tommel. Ich hatte gelegentlich das Vergnügen mit meinem Vater auf dem Fluss zu reisen. Die Tragik der See erlebte ich selbst nie, aber ich lausche den Fischern die Söhne verloren oder den Söhnen die Väter verloren an die See.
Ich war immer überrascht wie Tiefgründig Fischer sein können. Die Zeit auf dem Fluss lässt Sie tief in die Gewässer des Lebens blicken.“ Er stellte die Laute vorsichtig zur Seite „Aber nun wäre ich einem glücklichen Becher nicht abgeneigt und ich freue mich aufrichtig darauf eine Lyrik zu dieser Reise zu schreiben.“ „Und wenn ich offen und ehrlich sein darf, ich schaue in die Runde und sehe fromme und tapfere Herzen. So hoffe ich, dass Praios über uns Wacht, Peraine uns Gesundheit schenkt und Phex ein wenig Glück springen lässt!“.

Aufmerksam verfolgte die nicht gerade schlanke braunhaarige Duttträgerin die Gespräche, taxierte die einzelnen Personen. Sie war gespannt was man ihr da auf ihr Schiff schickte. Eines war ihr bald klar, einige der Herrschaften hielten sich schon für aus ganz besonderem Holz geschnitzt, es würde ganz bestimmt eine interessante Reise werden. So ganz war ihr noch immer nicht klar, warum der Herzog, statt ihre Bitte um sechs geübte Armbruster zu erfüllen, dieses Sammelsurium an Edlen und Rittern geschickt hatte. Gespannt war sie auf die beiden Herren Zwerge.
Zum Einen waren die Kurzgeratenen nicht gerade für ihre Freunde an der Seefahrt bekannt, was bei der Tatsache, dass die Halbhohen sich gerne in möglichst viel Eisen hüllten nicht wirklich verwunderlich war, zum Anderen frönten sie dem Alkohol gerne und viel. Die Kapitänin hatte schon einige Betrunkene beim pissen oder kotzen über Bord gehen sehen. In Kombination mit dem Hang zur Rüstung müsste man einem Unterirdischen wohl am besten den Anker hinterherwerfen, das Einzige was annähernd so schnell zum Grund sinken würde. Ihr Blick wanderte weiter umher, ja das würde eine interessante Fahrt werden, da war sich die Kapitänin jetzt schon sicher. Filwald lehnte sich zurück und betrachtete nun zum ersten Mal in Ruhe die versammelten Gäste. Da er in im Fährmanns Inn keine Gelegenheit gehabt hatte, seine zukünftigen Kameraden auf dieser Bootsfahrt kennenzulernen, machte er sich nun ein Bild von ihnen. Er war etwas überrascht, die Baroness von Firnholz hier zu sehen. Er hatte ursprünglich gedacht, der Aufruf wäre nur an Inhaber kleinerer Lehen wie ihn selbst gegangen. Firnholz lag weit im Norden, sie musste große Mühen auf sich genommen haben, hier her zu kommen. Allerdings schien sie etwas unsicher, ihrem Gastgeber so nahe zu sitzen.
Auxilia und Theodora Freiensteyn aus Altenpfort, offensichtlich Mutter und Tochter. Altenpfort etwas südlich von Landwacht in der Baronie Bollharschen gelegen, kannte er nur vom Durchreisen zur Via Ferra. Auch sie machten einen etwas unsicheren Eindruck. Auxilia scheint sehr darauf bedacht zu sein, dass ihre Tochter keinen Fehltritt der Etikette leistete.
Die Angroschim dagegen ließen sich von dem höfischen Treiben zumindest äußerlich überhaupt nicht aus der Ruhe bringen. Diese Eigenart imponierte Filwald immer wieder aufs Neue. Jerg Wendelin von Mitterberg schien dagegen ein Freund vieler und blumiger Worte zu sein. Das Lied, das er gerade vorgetragen hatte, brachte allerdings eine Erinnerung an eine Geschichte hervor, die sein Vater ihm einst erzählt hatte. Ziemlich genau 50 Götterläufe musste das nun her sein, dass ebenfalls ein Barde mit einem Lied eine Verschwörung am Hofe Gareths aufdeckte, die dann schließlich zu dem Umsturzversuch Answin von Rabenmunds führen sollte. Filwald hoffte, dass es sich dabei nicht um ein böses Omen handelte. Davon hatte er in letzter Zeit wahrhaft genug! Während er noch in die Runde blickte, bemerkte er den prüfenden Blick der Kapitänin auf ihm Ruhen. Sie schien nicht gerade begeistert von der Auswahl ihrer zukünftigen Reisegenossen zu sein, insbesondere die Zwerge hatte sie vorher skeptisch gemustert. „Praios zum Gruße, werte Kapitänin Salmfang! Filwald von Landwacht, es freut mich sehr, Eure Bekanntschaft zu machen. Ihr erschient mir etwas besorgt zu sein. Das hat doch hoffentlich nichts mit unserer bevorstehenden Reise oder der Auswahl der hier versammelten Edlen des Reiches zu tun?“ Mit leicht amüsiertem Blick musterte sie den Landwachter kurz. Ein gepflegter Mann von recht großer Statur mit dunkelblonden Haaren und Vollbart. Dieser Filwald durfte in etwa zehn Götterläufe älter sein als sie selbst. „Der Gleißende auch mit euch, euer Wohlgeboren!“ Sie legte den Kopf leicht schräg: „Besorgnis? Nein, euer Wohlgeboren. Gespanntes Interesse trifft es eher! Eine wirklich….. Hmmm …… außergewöhnliche Zusammensetzung, meint ihr nicht auch, euer Wohlgeboren?“

Wenn Filwald später irgendwann gefragt werden würde, was genau seinen Argwohn erweckt hatte, würde er diesem die Antwort schuldig bleiben müssen. Er konnte es tatsächlich nicht benennen, doch die eigentlich unverfängliche Antwort der Kapitänin ließ ihn hellhörig werden. Wahrscheinlich war es die Art, der Frage auszuweichen und sofort eine Gegenfrage zu stellen. Parade, Riposte, würde er auf dem Turnierplatz dazu sagen. Nur eben mit Worten, statt eines Degens. Wobei er selbst allerdings mit einem Degen wesentlich besser umzugehen wusste.
Vorsichtig geworden musterte er die Kapitänin erneut. Sie wirkte sehr selbstsicher, aber nicht überheblich. Auch schien nicht viel Respekt vor dem hier anwesenden Adel zu haben. Sie machte den Eindruck einer Frau, die genau wusste, was sie wollte und wie sie es bekam. Und, dass sie mehr wusste, als sie sagte.
„Außergewöhnlich, werte Frau Salmfang? Inwiefern außergewöhnlich? Mir scheint, es hat sich hier zu Eurem Geleit doch eine recht stattliche Anzahl nordmärkischer Würdenträger eingefunden. Womit hattet ihr denn gerechnet?“ Die Kapitänin wog ihr Haupt nachdenklich einige Male leicht hin und her, ehe sie antwortete. „Um der Wahrheit die Ehre zu geben, ich hatte seine Hoheit lediglich um sechs geübte Armbruster für die Reise und zur Absicherung gegen Flusspiraten gebeten. Ihr werdet jetzt vielleicht meine Überraschung ob dieser Übererfüllung meiner Bitte ein bisschen nachvollziehen können.“ Sie nahm einen Schluck des Roten aus ihrem Kelch. Genüsslich ließ sie den guten Tropfen die Kehle hinabrinnen. „Was nun eure andere Frage betrifft euer Wohlgeboren, blickt euch doch selbst um. Da ist diese doch noch sehr junge Dame“ Abarhild nickte in Richtung der Anniella von Firnholz: „Mag mich täuschen, aber ich bezweifle, dass sie bereits ihre Schwertleite erhalten hat. Dann der werte Herr dort.“ „Scheint mir durchaus noch voll in Saft und Kraft, doch das sichtliche Ergrauen lässt vermuten er könnte auch der Großvater der vorgenannten jungen Dame sein.“ Sie sah zu Filwald: „Versteht es nicht als eine Wertung irgendeiner Art, doch ist das Spektrum recht breit. Man könnte sagen von Grünschnabel bis Veteran. Auch die beiden Herren Angroschim würde ich wie im übrigen auch euch, werter Ritter von Landwacht, zu den Veteranen zählen wollen.“ Sie ließ nachdenklich ihren Blick über die illustre Gesellschaft schweifen. Ihre ganze Mimik und die Art wie sie gesprochen hatte zeigte Filwald, dass sie ihm keineswegs schmeicheln wollte, es war lediglich eine Feststellung des, in ihren Augen Offensichtlichen. Gedankenverloren fügte sie an: „Ich suche nach der Verbindung. Warum nicht die Armbruster? Warum nicht Dienstritter aus der Stadtmark Elenvina? Warum Adlige quer aus dem gesamten Herzogtum? Man darf gespannt sein!“ Sie griff einen Krug mit Rotem, kurz vor ihrem Kelch stoppte sie, blickte zu dem Edlen und lächelte entschuldigend: „Verzeiht, Seeleute! Nicht gerade die Menschen mit den besten gesellschaftlichen Sitten.“ Sie zwinkerte mit einem verschmitzten Lächeln: „Darf ich euch auch von diesem ganz hervorragenden Yaquirtaler eingießen?“ Auf ihre Geste hin kam hastig einer der Pagen herbei, ergriff den schmählich auf dem Tisch vergessenen Krug und stellte sich bereit, den Gästen des Barons auf Wunsch einzuschenken. Sein Herr würde ihn später zurecht dafür schelten, einen Krug auf der Tafel der hohen Herrschaften stehen gelassen zu haben, anstatt ihnen aufzutragen, wie es Pflicht und Anstand erforderten. Sehr geknickt stand der junge Bursche in seinen feinen Kleidern in den Farben der hiesigen Herrschaft hinter dem Stuhl der Flusskapitänin, bereit, jedem der Gäste reinen Wein einzuschenken.
Die offenen Worte der Kapitänin Salmfang beruhigten Filwald. Tatsächlich wäre er selbst im umgekehrten Fall mindestens ebenso überrascht gewesen, wenn ihm statt einer guten Hand ausgebildeter Armbrustschützen die hier versammelten Landadligen an die Seite gestellt worden wären.
Und er musste der Einschätzung der Kapitänin ebenfalls Recht geben, dass die Schützen wohl eine deutlich bessere Verteidigung gegen Flusspiraten dargestellt hätten. Tatsächlich erinnerte das Aufgebot des Herzogs doch eher an einen gemütlichen Familienausflug. Kurz durchzuckten ihn bei diesem Gedanken wieder die Sorgen um seine verschwundene Familie. Er selbst hatte diesen Auftrag ja ebenfalls eher als kurzweiligen Bootsausflug gesehen. Eventuell musste er diese Einschätzung überdenken. Leider hatte er seine eigene Armbrust daheim in der Waffenkammer gelassen. Er hatte nicht damit gerechnet, sie zu brauchen… Zu der Kapitänin gewandt meinte er lächelnd: „Habt Dank für die ehrlichen Worte, werte Frau Samfang! Nun kann ich Eure Überraschung nachvollziehen!“ Er nahm den von dem Pagen soeben frisch mit Wein gefüllten Becher auf, prostete der Kapitänin zu und nahm einen vorsichtigen Schluck. Der Yaquirtaler war tatsächlich vorzüglich. Gerade deshalb beschloss er, es bei diesem einen Becher zu belassen und sich erstmal nicht nachgießen zu lassen. Zu schnell konnte man sich ansonsten in einem solch guten Tropfen verlieren. Mit einem Augenzwinkern fügte hinzu: „Und ja, Eure Einschätzungen entbehren tatsächlich nicht einer gewissen Grundlage“
„Wahrscheinlich mehr als viele meiner Brüder und Schwestern, aber weit weniger als die meisten Menschen“, beantwortete Xanthrax die Frage und nippte ebenfalls an seinem Wein. „Ich ziehe solides Erdreich unter den Füßen den schwankenden Planken eines Bootes vor.“
Er hatte bereits einige Schiffsreisen unternommen, doch war ihm das nie sonderlich geheuer gewesen. Zumal man sich von seinem Kettenhemd trennen musste. Der Ambosszwerg würde Piraten und Seebären nie verstehen. In seinen Augen alles Verrückte. „Es gibt Orte, an die kommt man leider nur einigermaßen schnell und bequem per Schiff.“ Er wiegte die freie Hand hin und her und sah Phelinda neugierig an: „Und Ihr? Seid Ihr eine Tochter des Meeres?“ Er selbst hatte zwar weniger für die Künste eines Barden übrig, doch diese Worte erzielten eine gewisse Wirkung, auch auf ihn. Die liebliche Stimme tat ihr Übriges. Für manche war das Schwert eben zu schwer, aber die Laute dafür umso leichter.
„Berührende Worte, Wendelin“, flüsterte er dem Barden anerkennend zu, sobald sich die Gelegenheit bot. „Wenn Ihr jetzt noch mit der Laute jemandem eins über den Schädel ziehen könnt, wie Ihr singt, so werden die Krieger auf dieser Reise überflüssig sein.“ Ein sanfter Spott, den er aber spaßend herüberzubringen versuchte. Er war merklich von der Kunst des Lautenspielers angetan und war gespannt, wie er sich schlagen würde. „Ich habe durchaus die ein oder andere Schifffahrt erlebt. Und während meiner Zeit im Windhag bin ich auch mit den Grundlagen des Segelns vertraut geworden. Aber,“ Phelinda stapfte mit dem Fuß auf den Boden, „Grund und Boden ist mir doch allemal lieber.“ Salinda, die sich bisher sehr bedeckt gehalten hatte, ergänzte: „Wir sind nunmal eine Familie des Landhandels. Immer schon gewesen.“ ‚Na toll‘, dachte die Tochter. ‚Ich hatte mich bisher so sehr bemüht, meine Abstammung und meine Person zu trennen. Ich bin keine Händlerin, verdammt.‘ Sie wahrte eine ruhige Miene, nahm sich jedoch vor, später mit Salinda darüber zu sprechen. ‚Einen Schaden hatte der Satz in diesem Moment nicht angerichtet.‘ Eine leise Stimme in ihrem Kopf blieb stur: ‚Trotzdem unnötig!‘ Xanthrax schien sich bei den Worten Salindas überhaupt nichts zu denken. Im Gegenteil: Er schenkte Phelinda einen durchaus bewundernden Blick. Für ihn war die Seefahrt ein Buch mit sieben Siegeln. So einen Kahn zu steuern überstieg seine Fähigkeiten schon bei Weitem. Ein echtes Schiff ... „Wir sind zwar einer Meinung, aber da habt Ihr mir etwas voraus, werte Phelinda.“ Xanthrax grinste schief. „Wie Piraten oder echte Schifffahrer ihr Leben auf einem solchen Schwankwerk verbringen können wird mir immer ein Rätsel sein.“
Er sah sich um. Genau jetzt wäre die richtige Zeit für ein Pfeifchen. Nur ob sich das in so einer Gesellschaft schickte? Er zögerte. Man wollte sich schließlich nicht blamieren.

‚Genau, was ich erwartet hatte.‘ Phelinda verspürte einen großen Drang klarzustellen, dass nur ihre Mutter, nicht aber sie selbst Händlerin war. Mit gehobener Stimme entgegnete sie daher: „Ich muss euch leider enttäuschen. Mich führen keinerlei Handelsgeschäfte irgendwohin.“ Sie schlug die zur Faust geballte Rechte auf ihre Brust. „Ich bin eine Ritterin und Rondra verpflichtet. Jedoch seid ihr natürlich herzlich willkommen, werter Herr von Mitterberg, den Gellerstock zu besuchen, sollte euer Weg euch in den Vairninger Wald führen." In einem etwas versöhnlicheren Ton fügte sie hinzu: „Die Wälder lohnen vor allem im Frühling. Mit etwas Glück, ist es möglich, bei der Jagd einen Hirschwolf zu erlegen.“ „Oh. Bitte verzeiht Hohe Dame. Gerne werde ich schauen, ob ich euerem Angebot im Frühjahr nachkommen kann.“ Jerg lächelte Phelinda freundlich an. „Aber selbstredend seid Ihr als Hohe Dame und Ritterin ebenso herzlich bei uns eingeladen. Ich bin mir sicher, mein Bruder würde nur zu gerne die verschiedensten Kampftaktiken mit euch besprechen. Besser als mit dem Schwert ist er wahrlich nur noch im Philosophieren über das Schwert!“ und Jerg beendete seinen Satz mit einem glucksen. „Hirschwolf klingt ja unglaublich spannend! Ich habe von Reisenden gehört, dass diese magischen Tiere existieren.“ Jerg überlegte kurz und fragte ins blaue hinaus „Hirsche isst man, Wölfe jagt man zum Schutz der Herden. Wie verhält es sich mit einem Hirschwolf?“
„Das Fleisch soll zäher sein als Hirsch," sie nahm eine Gabel vom Wildgulasch und kaute genüsslich darauf herum, bevor sie es hinunterschluckte. „Aber ich selbst habe noch keinen Hirschwolf gegessen, erlegt oder überhaupt gesehen. Lediglich ein Geweih habe ich in einem Gehöft eines meiner Bauern gesehen. Ob er es jedoch schädelecht oder lediglich ein abgestoßenes Geweih war, konnte ich nicht feststellen.“ Sie schnalzte mit der Zunge. „Ich wollte natürlich keinen meiner Leibeigenen der Lüge bezichtigen. Jedenfalls sind sie rar, wohl aber gefährlich. Sowohl ein Geweih als auch Zähne. Aber sehr gerne werde ich mit euch auf die Pirsch nach einem dieser Untiere begeben.“ „Nun werte hohe Dame, wenn ich mir dieses Wildgulasch auf der Zunge zergehen lasse, befürchte ich ist jedes andere Stück Fleisch Leder dagegen. Wie bekommt die Küche das nur so zart hin?“ mit Begeisterung genoss Jerg sein Wildgulasch mit einem guten Glas Wein. „Ich sollte bis zu meinem Besuch bei Ihnen dann offensichtlich an meinen Künsten im Umgang mit dem Bogen arbeiten! Und im Schwertkampf gegen ein Wildes Tier? Nun. Mein Bruder hält mir immer vor, ich solle mit dem Schwert nicht so tänzeln.“
„Ein interessanter Vergleich, Wendelin, wobei Ihr wahrscheinlich einen Satz warme Ohren kassieren würdet, sollten diese Worte den falschen Angroscho erreichen.“ Xanthrax lachte vergnügt auf. Die Zeit war eindeutig reif für ein Pfeifchen. Fraglich war nur, ob er sie sich nun wirklich genehmigen sollte? Die feinen Pinkel unter ihnen würden sich zweifelsohne darüber echauffieren. Ihn interessierte die Meinung anderer herzlich wenig, mit einigen Ausnahmen, aber dennoch ... Er repräsentierte auch seinen Freund und das in ihn gesetzte Vertrauen. So versuchte er, sich stattdessen mit dem Lauschen des kleinen Exkurses in die Jagd abzulenken. Das, und das angekündigte Wildgulasch, brachten ihn auf andere Gedanken. „Bestimmt Xanthrax, aber wir gehen hier alle ein Risiko ein oder nicht?“ und stimmte in das Lachen ein. „Gibt es denn Seitens der Zwerge eine passende Redewendung oder Analogie?“ „Nun, das zu übersetzen würde schwer sein.“ Er grinste Jerg amüsiert entgegen. „Belassen wir es schlicht dabei, dass ich mir dieses Gleichnis aneignen werde.“ Xanthrax wiegte den Kopf hin und her, wobei er über Jergs Worte nachdachte. Nach dem Essen ein Pfeifchen, was für ein Unding – der Genuss sollte im Vordergrund stehen. Menschen mit ihren komischen Gepflogenheiten. Innerlich zuckte er mit den Schultern. Na, was solls? Wenn die anderen glücklich sind und nicht meckerten, konnte er auch noch ein wenig auf sein Pfeifchen warten. Nach dem ersten Gang brachten die Diener große Schüsseln, Schälchen und Platten mit einem herrlich duftenden Wildgulasch, Preiselbeerkompott und dampfenden, appetitlich in Scheiben geschnittenen Serviettenknödeln. Dazu wurde ein passender schwerer Rotwein, ein Schwarzer Geron aus dem Elenviner Umland, ausgeschenkt. Die Diener und einige Pagen des Barons erwiesen sich auf unauffällig und sehr anstellig, so dass kein Teller und kein Glas lange leer blieb.

Der nächste Gang ließ Phelinda das Wasser im Mund zusammenlaufen. Während sie die ihr vertrauten Dankgebete durchging, bewegten sich ihre Lippen lautlos und schnell: ‚Dank der Küche, Dank dem Herd, mit denen uns Travia nährt. Vom Wild speisen wir nach deiner Art, Firun, du lehrtest uns die Jagd. Rahjas Reben spenden Wein und Saft, Quell unserer täglichen Kraft. Im Götterlauf, in allem Sein, fließt eure Gnade in uns ein.‘ Genüsslich begann sie, von Gulasch, Kompott und den Knödeln zu kosten. Nach der gestrigen Fischsuppe und dem Haferschleim heute morgen, kam ihr dieses Festmahl wirklich gut aus. Anniella hatte das Frühstück im Fährmanns Inn wohlweislich ausgelassen, hatte sie doch vermutet, dass zu solch einem Anlass aufgetischt würde. Sie hatte zwischendurch auch bemerkt, wie Seine Wohlgeboren Landwacht die Anwesenden gemustert hatte, nachdem sich alle gesetzt hatten. So nahm sie den frisch gefüllten Becher Wein und prostete ihm zu, als sein Blick auf ihr ruhte und erwiderte den Blick. Was mochte er wohl denken? Als Filwlads Blick dem der Baroness von Firnholz begegnete, fühlte er sich beinahe ein wenig ertappt. Er erhob seinen mittlerweile nur noch halbvollen Becher und erwiderte lächelnd den Gruß. Sie schien gerade in höfliches Geplänkel mit Aerin von Auenstein verwickelt, da wollte er nicht stören. Diese Art der höfischen Plauderei war noch nie seine Sache gewesen. Er nahm sich allerdings vor, sich zu einem etwas späteren Zeitpunkt der Baroness vorzustellen. Bei dieser Gelegenheit konnte er diese auch fragen, ob sie denn bei ihrer Anreise etwas von Jocasta und Mortak gesehen hatte.

Phelinda saß einige Stühle weiter, hörte aber die Frage ihres Standesgenossen. An ihn gewandt, antwortete sie: „Ich bin wohl ein wenig mit der Schifffahrt vertraut. Im Windhag habe ich die Grundlagen des Segelns gelernt.“ Sie trank einen Schluck vom Geroner Schwarzen, bevor sie sich an die Kapitänin wandte: „Freilich, Frau Salmfang, wir werden doch nicht die einzige Besatzung sein, oder?“ Jetzt wollten die feinen Herrschaften es aber wissen. Es kostete sie ihre ganze Selbst- und Körperbeherrschung den Roten im Mund und die Gelassenheit im Blick zu behalten. Sah sie aus als wolle ich bereits das Nirgendmeer überqueren?
Das sollte eine Schiffsüberführung und kein Alveranskommando werden. Tief atmete die Kapitänin durch, bevor sie antwortete: „Ich kann zur allgemeinen Information mitteilen, dass die Concabella über eine erfahrene und vollständige Besatzung verfügt. Das Schiff des Herzogs ist ein zweimastiger Flusssegler von 30 Schritt Länge und bis zu 7 Schritt Breite, da ist es mit Leuten die wissen was sie tun schon nicht ungefährlich nach Elenvina zu gelangen. Ich denke seine Hoheit, Herzog Hagrobald Guntwin vom Großen Fluss hatte eher im Sinn die Concabella vor ungebetenen Besuchern zu schützen als sie zu segeln.“ Sie blickte mit ausdrucksloser Miene in die Runde und dachte so bei sich ‚Den Ein oder Anderen von euch würde ich schon gerne dabei beobachten wie er sich im Krähennest macht‘.
Die Reise durch die winterlichen Nordmarken war hart und beschwerlich gewesen, vor allem durch das Gebirge und weniger langsam, aber dafür umso anstrengender, nachdem sie endlich Elenvina passiert hatte. Und eigentlich war sie gestern bereits angekommen, aber dennoch fühlte sich Luzia, als zum Mahl gerufen wurde und ihre unerwarteten Emotionen von vorher passierten, zunächst noch halb am Verhungern. Ob aus Ablenkung oder Gewohnheit heraus hatte sie sich einen Platz am hinteren Ende der Tafel ausgesucht und sich zunächst in höflicher Stille den wirklich vorzüglichen Speisen gewidmet. Das bedeutete jedoch keineswegs, dass die junge Junkerin nicht aufmerksam den Gesprächen um sich herum gelauscht hatte und die Worte der Kapitänin machten sie hellhörig, vor allem aufgrund der leichten Gereiztheit die sie darin erahnte. Also beugte sich Luzia vor und wandte sich mit freundlichem Lächeln an die Frau.
„Verzeiht, Frau Kapitänin Salmfang- Luzia von Nadelgrat mein Name. Als jemand, die von abseits des Flusses stammt, könnt ihr mir sagen mit welcher Art von… Störenfrieden um diese Jahreszeit denn zu rechnen ist? Meinen Erkundigungen nach, findet im Moment verschwindend wenig Schifffahrt auf dem Fluss statt, ob der Gefahr durch abbrechende Eisstöße.“ Der Blick der Kapitänin wurde mit einem Mal überraschend milde, ja fast schon freundlich: „Ja, bisweilen ist es im Winter arg ungemütlich auf Flüssen herumzudümpeln und Eisschollen können so einem Holzrumpf schon zusetzen, ebenso wie Baumstämme die bisweilen als Treibgut unterwegs sind. Aber gänzlich kommt der Schiffsverkehr auf dem Großen Fluss eigentlich nie zum Erliegen. Vor allem die kleinen Kähne und Flussschiffe sind dann besonders gefährdet, da naturgemäß ihre Rümpfe dünner sind. Seht ihr die Sache mit der geringeren Schiffsaufkommen auf dem Fluss ist das Problem. Im Sommer sind nicht wesentlich mehr Piraten unterwegs als im Winter, aber die Beute ist dann wesentlich geringer, was wiederum die Wahrscheinlichkeit erhöht die Bekanntschaft solcher Gesellen zu machen.“ Sie musterte kurz das Gesicht der jungen Frau. Hübsch, kastanienbraunes Haar, Zöpfe, Narbe an der Unterlippe, interessante Erscheinung. „Sagt, nennt ihr einen kräftigen Bogen oder eine Armbrust euer eigen? Und noch viel wichtiger, könnt ihr damit umgehen? Den Anhängern der Alveransleuin gilt der Bogen und die Armbrust ja oftmals nicht viel, Schwert und Lanze sind ja doch deutlich höher im Ansehen.“ Sie zuckte mit den Schultern: „Mag heroischer sein dem Feind direkt ins Auge zu blicken wenn er den tödlichen Streich bekommt, aber mir ist es lieber das Pack kommt gar nicht erst auf mein Schiff, macht auch nicht so eine Sauerei!“ Ihre Miene war kühl und sachlich während ihrer Rede.
Die Junkerin lächelte leicht, ob der Bemerkung mit der Sauerei. „Nun, selbstverständlich nenne ich eine Armbrust mein, immerhin sind Schützen teil meiner Kriegsfolge. Und wenn ein Feind vor meinen Mauern stünde, würde es diese doch arg in ihrem Nutzen einschränken wenn ich erst warte bis dieser sie überwunden hat bevor ich ihn angreife. Aber nein, seid unbesorgt. Auch wenn ich das Schwert bevorzuge, ich kann sehr wohl mit einer Armbrust umgehen und führe aufgrund der Natur der bevorstehenden Aufgabe auch eine mit mir. Wenn ihr welche an Bord habt, kann ich auch mit einem Spieß oder einer Pike umgehen - Aber davon einmal abgesehen, ihr sagt also, dass uns der Winter nicht etwa als Schutz dient, sondern nur die Wahrscheinlichkeit eines Angriffs erhöht? Wie war denn die bisherige Übersetzung? Ist die Piratensituation denn flussabwärts besser als hier?“ Mit sachlichem Ernst nickte die Kapitänin: „Ich sehe ihr versteht mich. Sehr schön euer Vergleich mit der Burg. Kein Ritter möchte sich mit dem Feind innerhalb der eigenen Mauern herumschlagen und so geht es einem Kapitän mit seinem Schiff.“ Die Offizierin nahm noch einen kleinen Schluck von dem Roten ehe sie in nüchternem Ton fuhr fort: „Nun ihr seid nicht nur ein Ritter der Tat. Nein, wie sich zeigt eine Ritterin der überlegten Tat. Wie es scheinen will ist nicht jedem der Gedanke gekommen, dass eine Fernkampfwaffe auf einem Schiff ein gar nützlich Ding sein könnte.“ Man merkte der Kapitänin zwar nichts an, aber die interessierte Art dieser Luzia von Nadelgrat gefiel ihr: „Tatsächlich ist es so, dass das Delta des Großen Flusses mit zu den von Flusspiraten verseuchtesten Abschnitten zählt. Die in Havena stationierte Westflotte hat es mit zur Aufgabe sowohl gegen die Piraten auf dem Meer der Sieben Winde vorzugehen, ebenso wie gegen die Flusspiraten des Großen Flusses. So hat es sich glücklich gefügt, dass wir Geleitschutz bis Draustein hatten.“ Abarhild lehnte sich zurück, trommelte kurz mit den Fingern auf dem Tisch ehe sie hinzufügte: „Nun versteht mich nicht falsch, die Chancen stehen gut, dass wir nicht von Piraten überfallen werden, aber was wäre ich für eine Kapitänin, wenn ich mich nicht auch auf die Dinge vorbereiten würde, die nur eventuell geschehen?“
„Selbstverständlich Kapitänin, man will auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. Das verstehe ich. Ich frage nur, um mir selbst ein Bild machen zu können, verzeiht mir die Unwissenheit. Ich stamme aus den Bergen im Eisenwald, da hatte ich bislang wenig Gelegenheit Erfahrung mit dem Fluss zu sammeln.“
Luzias Lächeln wirkte tatsächlich eher vorfreudig als nervös auf die neue Herausforderung. Eine neue Aufgabe, und sie versprach auch noch interessant zu werden. „Erlaubt mir noch eine letzte Frage, um hier von meinen eigenen Erfahrungen auszugehen- Verbreiten sich Nachrichten am Fluss ähnlich schnell wenn etwas großes im Gange ist wie das an Land der Fall sein kann? Was ist die Wahrscheinlichkeit, dass jeder Pirat von hier bis Elenvina bereits Gerüchte über die Rückkehr der Concabella vernommen hat?“ Abarhild zog die linke Augenbraue hoch, die Stirn legte sich in Falten und ihr Blick schien die Junkerin für einige endlos scheinenden Wimpernschläge durchbohren zu wollen. Ihre Mimik wurde ungewöhnlich ernst und ihre Stimme war jetzt deutlich leiser: „Nun, es ist wie in jeder Gemeinschaft. Wer dazugehört weiß wo er die Nachrichten bekommt, die für ihn wichtig sein könnten. Da bilden die Flussschiffer keine Ausnahme und wo sich Flussschiffer treffen findet man auch die Spitzel der Flusspiraten. Vielleicht ist euch aufgefallen, dass im ‚Fährmanns Inn‘ niemand wirklich überrascht war, dass sich plötzlich eine größere Zahl ungewöhnlicher Gäste eingefunden hat. Und wenn ein Schiff wie die Concabella Havena in Richtung Flussdelta verlässt ist diese Information den Fluss mindestens doppelt so schnell hoch wie das Schiff selbst und auch jeder Halt wird zuverlässig seinen Weg zu jenen finden die es wissen wollen. Ich denke, dass beantwortet eure Frage.“ Kurz war der Blick noch hart und fast abweisend, dann kehrte das offene und zugewandte Gesicht zurück: „Ihr seid eine kluge Frau, stellt die richtigen Fragen! Seid noch recht jung! Würde mich nicht wundern, wenn man von euch noch so einiges hört und es nicht bei der Verwaltung eines Junkergutes im hintersten, abgelegensten Winkel der Mark bleibt.“ Die Salmfang nickte wie um ihre eigenen Worte zu bestätigen. Das Mädel würde sie im Auge behalten, unter dem Deckmäntelchen der naiven Vomarschderweltjunkerin versteckte sich eine sehr gerissene Frau. Bei ihr würde sie künftig Vorsicht walten lassen und auf jeden ihrer Schritte peinlich genau achten.
Freudig ob Aniellas Antwort nahm Aerin samt ihrer Mutter Platz zur Tafel und begann ein höfliches Geplänkel mit leichter Zunge. „Ihr stammt wohl aus dem fernen Storchengarten, nicht wahr? So seid Ihr gewiss durch meine Heimat, das liebliche Erlenquell, gereist. Ich hoffe, das Geleit war ohne Hindernis und das Wetter hold.“ Zur Vorspeis’ trug Jerg ein gar feines Gedicht vor, welchem Aerin mit gespannter Andacht lauschte. Sie staunte ob seiner Gabe, Worte so kunstvoll zu flechten und aus dem Stegreif Verse zu formen. Einst hatte auch sie sich in der Dichtkunst versucht, doch bald davon abgelassen. Die Schwermut, die in seinen Worten lag, entging ihr nicht – möge es kein dunkles Omen sein. Alsbald ward der erste Gang gereicht, und Aerin war voller Entzücken, denn gutes Mahl war ihr stets eine Freude. „Hüte dich, mein Kind, dass du dich nicht überisst. Wer weiß, wie viele Gänge uns noch bevorstehen“, ermahnte sie Erlerbga. Aerin nickte artig, doch innerlich rollte sie mit den Augen.
Während des Mahles gewahrte sie die aufmerksamen Blicke ihrer Tischnachbarn, nicht minder die der Kapitänin, deren forschender Blick ihr nicht entging. Verwunderlich erschien ihr besonders das prüfende, teils gar missbilligende oder enttäuschte Muster jener Dame. Da riss sie die offene Frage Rondragoraschs aus ihrem Sinn: „Ein Teil unsres Handels geschieht über die Wasserwege, da Erlenquell nahe des Rodasch liegt. Zwar sind wir nicht so seefest wie unsere ehrwürdige Salmfang, doch wissen wir uns zu behaupten.“ Ihr Ton war von leichtem Stolz gefärbt, doch blieb er maßvoll, auf dass man sie nicht des Prahlens zeihen möge. In ihrer harten Ausbildung zur Ritterin hatte sie bald gelernt, dass Angeber stets ein schweres Los trugen. Zumal ihre Fertigkeit mit dem Schwert noch bescheiden war – Aerin zog stets den Bogen oder die Armbrust dem blanken Stahl vor.

Überfordert von den vielen neuen Bekanntschaften und Gesprächen, die sich hier auf der Burg Crumold ergaben und entstanden, war Firunhard etwas zurückhaltend. Wünschte er sich gar die die Einsamkeit des Waldes wieder zurück? Nein, er hatte eine Aufgabe zu erfüllen, er würde seiner Großmutter keine Schande machen. Er wünschte sich nur Perigor an seine Seite zurück, den musste er leider im Hof in den Zwingern zurücklassen. Er nahm an dem Tisch Platz, wo er weitere Junker und Junkerinnen aus dem Gasthof wiedererkannte und auch die Baroness von Firnholz hat sich an diesen Tisch gesetzt. Er blickte in die Runde und ertappte sich leider dabei, wie sein Blick an der Narbe hängen blieb, die einer Junkerin die Unterlippe spaltete. Schnell senkte er seinen Blick und hoffte, dass sein unhöfliches Starren niemand bemerkt hatte. Zumindest nahm er sich nun vor, für den armen Perigor etwas Entschädigung mitnehmen zu können, so verschwand doch das ein oder andere Fleischstück des Wildgulasch in seinen Taschen. Er schnappte dann auch langsam etwas von dem Gespräch am Nachbartisch auf, das sich mit der Kapitänin entwickelte. Also wollte sie eigentlich Armbrust schützen als Geleitschutz, statt diesen bunten Haufens, den der Burgherr hier versammelt hatte. ‘Mit Bolzen kann ich nicht dienen, aber da ein Pfeil viel schneller nachgeladen ist, kann ich sicher hier einen der Schützen stellen, wenn nicht sogar zwei.’ dachte sich Firunhard. So wartete er einen passenden Moment ab um dann sein Wort an die Kapitänin zu richten: “Werte Kapitänin, mein Bogen kann eine Armbrust mit Leichtigkeit ersetzen, darum bin ich gerne zu Diensten.” Die Mittvierzigerin spielte gedankenverloren mit einem Praiosamulett, welches sie unter dem Mantel hervorgeholt hatte, als sich der junge Mann ihr andiente. Sie legte den Kopf etwas schräg und blickte ihn mit leicht zusammengekniffenen Augen. „Hmmm…. Ich werde mir eure Worte merken und wenn ihr ihn mir verratet ganz sicher auch euren geschätzten Namen.“ Während sie sprach wanderte das Amulett unbeirrt zwischen ihren Fingern hin und her. Sie hielt die ganze Zeit über ihren Blick fest auf den jungen Mann, dessen ganze Erscheinung und Gebaren ihr Rätsel aufgab. Er schien in der Etikette sattelfest, jedoch ohne Standesdünkel, die Kleidung von guter Qualität aber ohne Protz und Prunk. Ein gesundes Selbstvertrauen schien im eigenen, zumindest machte er nicht den Eindruck eines Prahlers. Sie schätzte, dass er bestenfalls der künftige Erbe, vielleicht auch der zweit- oder gar drittgeborene eines Ritters, einer Edlen oder Junkerin war und eher Firun denn Rondra zugewandt war. Aber sei’s drum, ein geschickter Bogenschütze konnte rasch den Unterschied zwischen Sieger oder Wasserleiche machen. Da sie sich mit ihrer Frage, ob die versammelten Adligen als Besatzung herhalten sollten, reichlich blamiert gefühlt hatte, hielt sich Phelinda bedeckt, was das Anpreisen der eigenen Fernkampfkenntnisse anging. Überhaupt empfand sie es als überflüssig, sich auf diese Weise darüber aufzuspielen. Auch sie war eine gute Bogenschützin, konnte im Zweifel auch mit einer Schleuder umgehen und auch eine Armbrust wusste sie theoretisch zu bedienen. Allerdings war ihr aus ihrer Übung mit der Waffe bewusst, dass sie zum Laden weitaus länger bräuchte als die meisten professionellen Schützen und Schützinnen. Phelindas Blick schweifte über die Gäste. Es wäre so viel sinnvoller, vor der Abfahrt einfach die Kopfzahl derer abzufragen, die über eine Fernwaffe verfügten, als sich an dieser Stelle darüber im Gerade gegenseitig zu übertreffen zu suchen. Statt sich am Gerade über die eigenen Waffenkenntnisse zu beteiligen, wandte sie sich wieder den Knödeln und dem Gulasch auf ihrem Teller zu, der zum zweiten Mal wiederaufgefüllt worden war. Das Fleisch war perfekt gegart, zerging geradezu auf dem Gaumen. Die Soße, in der es schwamm, war pikant. Sie war nicht zu scharf, aber dennoch gaben Pfeffer und Piment einen deutlichen Beigeschmack. Phelinda meinte, auch Wacholder und Nelke herauszuschmecken. Das Preiselbeerkompott harmonierte wunderbar mit Fleisch und Knödeln, die auf genau den richtigen Punkt gegart waren. Sie waren weder zu breiig noch zu stückig. Nach ihrem fünften Knödel legte jedoch auch die geübte Genießerin das Besteck über den Teller, um anzudeuten, dass er nicht mehr nachzufüllen sei. Phelinda strich sich unter dem Waffenrock über ihr gut gefülltes Bäuchlein. Sie war durchaus gesättigt, würde aber zu einer Nachspeise und dem ein oder anderen Gang dazwischen nicht nein sagen. Nach den Tellern der anderen Gäste zu urteilen, die allesamt bis auf den letzten Krümel geleert worden waren, hatte auch ihnen das Essen gemundet.
So dienstbeflissen und unauffällig das Gesinde auch war, konnte Phelinda doch auch einige bewundernde Blicke ob der Vielzahl der verspeisten Knödel bemerken. Auxilia und Theodroa beteiligten sich nicht an den Gesprächen, Sie hatten komplett den Einstieg verpasst. Alles waren in tiefe Gespräche verwickelt und sie wollten auf gar keinen Fall jemanden in seinen Ausführungen unterbrechen. Zum Glück kam dann der zweite Gang und schweigend dankend nahmen sie ihn entgegen. Das Wildgulasch ließ ihnen das Wasser im Mund zusammenlaufen. Sie hatten bereits jetzt die Hälfte der Namen und Titel vergessen Als das Gespräch sich plötzlich der Kapitänin widmete wurden auch die Freiensteyns hellhörig und hielten die Luft an um auch nichts zu verpassen oder durch Kaugeräusche zu überhören. "Mhm, Piraten.", überlegte Auxilia flüsternd. "Na, herrlich, aber hier sind einige Kampferprobte dabei und ich würde auch noch den ein oder anderen niederringen." Auxilia hatte eine Ausbildung als Ritterin hinter sich und auch wenn dies schon einige Sommer entfernt war und sie viel am Schreibtisch saß waren Leibesertüchtigungen ihr sehr wichtig. Die Verwaltungsarbeit hatte sie nie so sehr gefesselt, dass sie nicht noch genug trainierte.
Zufrieden seufzte sie. Das Essen und trinken war gut, machte sie aber auch etwas schläfrig. Die Luft war warm und das Dröhnen der Gespräche um sich herum lullten sie ein. Ein schöner Spaziergang an der Firunsluft und danach ein warmes Bett. Sie würde bei weiteren Gängen wahrscheinlich etwas zurückhaltender sein. Sie schaute sich in der Runde um, dieser.... ähm, er hieß Firunhard war ebenfalls leise, nahm sie zur Kenntnis. Und diese... Phelinda? Sie schien eine gute Esserin zu sein. So ging es ihr durch den Kopf und musste ein Gähnen unterdrücken. "Nein, reiß dich zusammen!", murmelte Auxilia vor sich hin. Ihre Tochter knuffte sie von der Seite. Ihre Augen leuchteten die Wangen glänzten. "Hast du gehört, Armbrust und dort die sind Händler und Zwerge und..." Manchmal war ihr ihre Tochter doch etwas peinlich, aber sie schaute zu ihrem Tischnachbarn herüber. Halmar oder so... von Schellenberg und gegenüber Rondragoras von Stolzenbruch. Ein älterer imposanter Ritter, der sicher viel gesehen hatte und den jungen hatten sie schon in der Taverne gesehen. Auxilia schüttelte leicht den Kopf um wieder klarer zu werden, an solche großen Zusammenkünfte würde sie sich schon gewöhnen, sie war anpassungsfähig. Und eigentlich war es schön. All diese Menschen zu beobachten und den Gesprächen zu lauschen, ein neuer Teil ihres Lebens.

Die Nachricht, die einer der Pagen Filwald gerade überbracht hatte, verwirrte ihn. Anscheinend waren am Abend seine Frau zusammen mit seinem Sohn Mortak im Fährmanns Inn angekommen, ein wenig verwirrt, aber ansonsten wohl auf. Das merkwürdige daran war nicht so sehr die Tatsache, dass die beiden zwei Tage zu spät waren. Es war vielmehr das, was sie angeblich dazu gesagt hatten. Entweder hatte der junge Page, der die Nachricht soeben gebrachte hatte, hinter den Kulissen selbst ein wenig zu viel von dem edlen Yaquirtaler genascht, oder aber seine Frau hat Stein und Bein geschworen, rechtzeitig angekommen zu sein. Es hätte keinerlei Zwischenfall gegeben, sie hätten gemütliche drei Tage verlebt und wären rechtzeitig angekommen. Es wäre der 22. Tsa, also vorgestern. Filwald nahm sich vor, nach dem Festessen so bald wie möglich selbst zum Fährmanns Inn zu gehen, um sich das selbst nochmal bestätigen zu lassen. ‚Was für eine seltsame Geschichte!‘, dachte er kopfschüttelnd. Anniella bediente sich ebenso reichlich an den Knödeln, dem wahnsinnig köstlichen zarten Fleisch und den restlichen dargebrachten dampfenden Speisen, achtete aber immer auf die Etikette bei Tisch, nicht mit vollem Munde zu sprechen und sich der Serviette zu bedienen, während sie Aerin antwortete: „Eigentlich stamme ich aus dem Firnholz, aber ich bin in Knappenzeit im Storchengarten bei Hartuwal vom Hornisberg, und ihr habt recht, ich bin von dort aus aufgebrochen. Die Reise verlief tatsächlich unauffällig, auch wenn einige der Wege natürlich etwas unwegsam waren, ob der Witterung. Aber ich habe ein trittsicheres Pferd und ein gutes Schafsfell gegen die Kälte, also verlief die Reise in der Tat gut.“ - nach einem weiteren Schluck von dem Roten, fragte sie die beiden Damen: „Seid ihr schon einmal auf einem Schiff gewesen, oder auf dem großen Fluss?“ währenddessen wurde sie aber auch der Begebenheit gewahr, dass ein Bote dem Herrn Filwald eine Nachricht brachte, die auf dessen Gesicht einiges Stirnrunzeln verursachte . Eigentlich hätte Anniella gerne der Kapitänin gelauscht, die wohl allerhand Fragen beantworten musste, und schwer ins Gespräch vertieft war. Sie selbst war schon gespannt auf die Flussfahrt. “Verzeiht, Firunhard von Wildklamm ist mein Name. Ich komme vom Edlengut Eisbühl, welches in der Baronie Schnakensee liegt. Ich vertrete meine Großmutter Mengarde, welche aufgrund ihres Alters diese Reise nicht antreten konnte. Da ich ihr nachfolgen soll, hat sie mich ausgesendet. Nicht nur soll ich diese Aufgabe erfüllen, sondern auch, um Bekanntschaften mit weiteren Herrschaften zu knüpfen. Ich muss euch leider gestehen, ich bin noch nicht oft über die Grenzen unseres Gutes hinaus gekommen. Unser bergiges und stark bewaldetes Gut selbst ist ein vorzügliches Jagdgebiet und daher verstehe ich mich bestens mit dem Umgang eines Bogens.” stellte sich Firunhard bei der Kapitänin vor.
'Dass es neben der Jagd eigentlich nichts gibt, das im Gut einem ein einträgliches Leben verschaffen kann, muss ich ja nicht jedem gleich auf die Nase binden.’ dachte er sich. Dann fuhr er fort: “Mein Onkel Durandus, ein treuer Anhänger des Jagdgottes, hat mich seit klein auf mit zu Jagd mitgenommen. Doch hat er auch darauf bestanden, mir nicht nur die firungefällige Jagd beizubringen. Nach den konfliktreichen Jahren des Mittelreiches, musste ich auch einige andere Übungen absolvieren.” Er war aber heilfroh darüber, dass er diese Übungen noch nie praktisch anwenden musste. Sein Blick streifte am Praiosamulett von Salmfang, sollte er auch auf die Lektionen seiner Großmutter eingehen? Nein, lieber nicht, sonst heißt es er schwafelt herum. Das sein Bogen den anwesenden Rondragläubigen missfallen müsste, den Gedanken verdrängte er lieber aus seinem Kopf. “Eines möchte ich euch aber gleich gestehen. An Bord eines Schiffes war ich noch nie.” Gut gesättigt und gespannt auf das baldige Abenteuer verbracht Jerg den Abend noch in Ruhe, nachdem alle zu Ihren Ruhestätten gegangen sind. Er sprach ein Gebet zu Praios und bat Ihm darum, dass Ihnen nichts widerfahre. Er betete zu Peraine, auf dass er nicht Seekrank wurde und zu guter Schluss zu Phex, dass sich dieses Abenteuer auch für die Familie Mitterberg lohne.

Aufbruch aus Crumold

Leinen los! Es war ein trüber und kalter Wintertag. Der blasse Himmel besaß ebensowenig Farbe wie das unter einer dicken Schneedecke ruhende Land. Wie dicke graue Laken bedeckten die schneeschwangeren Wolken den Winterhimmel und kündeten von ihrer schweren Last. Die Bäume am Fluss ragten wie dürre Finger aus dem Weiß und trugen selbst dicke Hauben, und der dichte Schilfgürtel flüsterte im eisigen Wind. Vertäut an der Mole lag die ‘Concabella’, ein eleganter, schöner Flusssegler mit zwei Masten, bunt bemalten Vordersteven und leuchtend weißem Rumpf.
Bis vor kurzem noch hatten die emsigen Schauerleute das Schiff beladen und Kästen und Fässer an Bord gehievt. Ein Kran an der Mole hob einige in ein Netz gehüllte Ballen an Bord, aus denen ein gewaltiger Schrankkoffer und eine kleine, gerade einmal 40 Finger lange Kiste aus poliertem Steineichenholz ragten, ebenso wie die Reisetruhen der adligen Gäste. Über zwei Wassermaß hatte das Beladen gedauert, und einmal wäre fast ein volles Fass auf dem Kai zerschellt und konnte gerade noch abgefangen werden, ehe zwei kräftige Hafenarbeiter dies an Bord rollten. Die Mannschaft war an Bord angetreten und grüßte achtungsvoll die hohen Gäste, als diese auf Einladung der Kapitänin an Bord kamen.
“Efferd zum Gruß und willkommen auf der Concabella, edle Damen und Herren! Mein Name ist Abarhild Salmfang, ich bin die Kapitänin dieser Schönen hier und freue mich, dass Ihr sie mit nach Elenvina geleitet. Meine Besatzung wird euch zeigen, wo Ihr Euer Gepäck verstauen könnt.”
Die Mittvierzigerin in einer adretten blauen Kapitänsjacke trug ihre braunen Haare zu einem strengen Dutt gebunden, der mit der Übung langer Jahre unter ihre Kapitänsmütze gerammt war. Auf ihrer Schulter thronte ein grüner Regenbogenbuntschreier, dem das kalte Wetter offensichtlich schwer zusetzte und der zu einem runden Federknäuel geplustert war. Die Kapitänin blickte mit großem Argwohn über die Schar der Schaulustigen und taxierte einzelne Personen etwas länger. Einmal nickte sie einem großen, grauhaarigen Mann mit verwegenen Aussehen zu, der sich daraufhin entfernte, oder täuschte der Eindruck und das alles war nur ein Zufall?
Trotz des Wetters hatte sich an der Mole eine große Schar Schaulustiger versammelt, die, dick in Mäntel, Mützen, Schals und Handschuhe gehüllt das Spektakel besah. Der Atem stand den Menschen in dichten weißen Wolken vor dem Gesicht. Ganz vorn standen der Vogt des Grafen, der die Gruppe verabschiedet hatte, sowie seine Diener und Bewaffneten in kostbaren bunten Kleidern. Dahinter drängten sich die Patrizier, Bürger und Tagelöhner sowie ein paar bunt gemischte Reisende, darunter ein Zwerg und ein Elf, die sich am Rand der Gruppe hielten. Eine in grobes Leinen gekleidete Frau mit einem Raben auf der Schulter betrachtete das Schiff mit wachem Blick und fing sich einige misstrauische Blicke der Besatzung zum Lohn.
Der schrille Pfiff der Kapitänspfeife gellte in den Ohren der Leute, als die Kapitänin den Befehl zum Ablegen gab. Betriebsamkeit kam auf, die Leinen platschten ins Wasser und wurden an Bord gezogen, und die Matrosen brachten das Schiff mit langen Stangen vom Anlegesteg und auf den Fluss. Flatternd entrollten sich die Segel und füllte sich mit der frischen Brise, die über den nahen Windhag strich. Langsam und majestätisch glitt die Concabella hinaus auf das Wasser, um flussaufwärts zu segeln.
Die grauen Wellen des Großen Flusses schwappten gegen den strahlend weißen Rumpf, und hin und wieder erklang ein dumpfes Pochen, wenn eine Eisscholle, getragen von der Strömung, dagegen stieß. Eisig kalt war es an Bord, die Luft war frisch und klar wie Kristall und verkündete avesgefälligen Aufbruch. Erste winzige, funkelnde Schneeflocken lösten sich aus den dickbäuchigen Wolken und tanzten wie winzige Ifirnsküsse durch die Luft, kitzelten auf den Wangen der Gäste und und überzogen Reling und Planken mit einer feinen, pudrigen Schicht. Das Gesicht in den kalten Wind gereckt konnte Luzia von Nadelgrat ein verwegenes Grinsen nicht unterdrücken. Nein, keine winterliche Brise und kein Schnee konnten heute ihre Laune trüben! Ihr Waffenknecht war bereits am Vortag mit den Pferden wieder in Richtung Elenvina abgereist, und sie fühlte sich fast wieder wie auf ihrer Aventiure. Fast. Ihre zahlreichen neuen Pflichten blieben ihr doch irgendwo stets bewusst, aber auch diese vermochten ihre Begeisterung nicht zu mildern.

Sie führte wenig Gepäck mit sich, war auf keine Träger oder Hilfe angewiesen, sodass sie es sich erlaubte zunächst noch etwas am Ufer zu verweilen und den komplexen, ihr fremden Tätigkeiten zuzusehen, welche die Vorbereitungen zum Ablegen beinhalteten. Sie wollte jedoch auch nicht durch Verspätung glänzen, sodass sie in Kürze ebenfalls an Board trat. Nicht zu früh, jedoch auch nicht als Letzte. In ihren schweren Winterumhang gehüllt betrat sie das Deck und konnte nicht umhin sich Gedanken um den strömenden Fluss zu machen. In diesen zu stürzen musste um diese Jahreszeit höchst gefährlich sein, die Temperatur des Flusses konnte doch kaum höher sein als die der Umgebung. Luzia hatte eigentlich geplant gehabt, ihr Gepäck zu verstauen und im Anschluss möglichst viel über das Schiff und seine Funktionsweise in Erfahrung zu bringen. Das war bevor sie den bunten Vogel gesehen hatte, der auf der Schulter der Kapitänin saß. In diesem Moment war dieser Plan verworfen – niemals hatte die junge Junkerin einen so prächtigen Vogel in dieser Größe gesehen. Ja, er mochte nicht an die Eleganz eines Adlers oder einer Eule heran reichen, aber machte so viel durch das bunte Federkleid wieder wett. Ihre Neugierde war geweckt. Sie würde die Kapitänin später nach dem Tier fragen, fürs Erste beschränkte sie sich darauf den Vogel zu beobachten. Sie hatte von der Pracht der Vögel im Süden gelesen, jedoch nie selbst einen zu Gesicht bekommen. Nun, in ihren Augen konnte dieser Tag kaum besser werden.

Luzia musterte den ritterlich gekleideten Mann an ihrer Seite mit einem breiten Lächeln. „Nun euer Wohlgeboren, je mehr, desto besser. Aber ich stimme euch voll und ganz zu. Ein prächtiges Tier, welches Frau Salmfang da besitzt. Was für eine ungewöhnliche Farbe! Zu gerne würde ich mir den Vogel einmal genauer ansehen und sein Flugverhalten studieren. Aber seht ihr wie sich der oder die Kleine aufplustert und an die Kapitänin drängt? Ich fürchte heute ist es wohl doch etwas zu kalt für solche Demonstrationen.“ Luzias Lächeln nahm ehrlich bedauernde Form an. Phelinda war sehr froh über ihre gefütterten Reisestiefel und die Wollgugel, die ihre Mutter und sie trugen. Ohne ihr metallisches Rüstzeug fühlte sie sich verwundbar, fast schon nackt. Die große Pavese, ein fast zwei Schritt hoher Schild, lehnte gegen ihre Mutter. Sie hatte im letztem Moment die Verteidigungswaffe auftreiben können. Entsprechend war es auch das Crumolder Wappen statt des Ihren, das den Schild zierte. ‚Aber,‘ so dachte sie, ‚immerhin sorgt das Teil für Deckung, ohne mich beim Kentern an den Grund des Flusses zu ziehen.‘
Phelinda probte die Bewegungsfreiheit von Mantel und Lederharnisch, beugte sich der Probe halber zum Köcher mit Pfeilen herab. Ihre Schleuder und einen Dolch hatte sie ihrer Mutter gegeben, damit sie im Fall eines Angriffs nicht komplett unbewaffnet wäre. Sie hatte ihr die Funktionsweise der Fernkampfwaffe erklärt und einige Stunden lang geübt. Phelinda hoffte insgeheim, dass Salinda die kleinen Steine grob in Richtung möglicher Feinde würde schleudern können und keinen Eigenbeschuss verursachen würde. Mehr war nach einmaliger Übung mit der Schleuder nicht zu erhoffen. Die Besatzung ging kompetent zuwerk. So viel konnte Phelinda definitiv sagen und Frau Salmfang hatte ihre Leute gut im Griff. Sie schritt ein wenig auf und ab, bevor sie neben ihrer Mutter stehen blieb. Schifffahrten. Wie sehr er sie verabscheute. Gut, weit weniger als viele seiner Brüder und Schwestern, aber dennoch zog er festes Erdreich den schwankenden Planken eines Schiffes vor. Xanthrax war weise genug, nicht darauf zu beharren, sein Kettenhemd und sein Plattenzeug anzubehalten. Er hatte bereits genügend Reisen zu Schiff bestritten, als dass ihm die Gefahren des schweren Metalls nicht bewusst gewesen wären. So stand er nun da, seine Habe, mit Ausnahme von Drakkamalmar und seinem Helm, sorgsam im Tornister verstaut. Den Fellumhang hatte der Ambosszwerg um seine Schultern gezogen und die Kriegskleidung gegen festere, verstärkte Kleidung getauscht. Seine dicke Lederschürze, die er zum Schmieden zu tragen pflegte, gestaltete sein Aussehen maßgeblich. Gutes Lederwerk konnte oft ähnlich schützen wie schlechtes Eisen. Er rechnete kaum mit einem Überfall. Sie waren zu viele und einige kompetente Leute an Bord schreckten oft schon ab. Piraten mochten gierig sein, aber nicht dumm. Es sei denn, sie waren verzweifelt ... Xanthrax stopfte sich genüsslich sein Pfeifchen und beobachtete das Treiben an Bord. Er gesellte sich zu Phelinda und paffte sein Rauchwerk dabei. „Behagt es Euch auch nicht, so ganz ohne schützendes Eisen unterwegs zu sein?“ Drakkamalmar hatte Xanthrax in einer Schlaufe am Rücken befestigt.
„Zweifelsohne, aber" Phelinda klopfte auf den menschenhohen Schild, den noch immer ihre Mutter hielt, „ich habe vorgesorgt.“ Die Ritterin lächelte mit einem Blick auf Köcher und den Kompositbogen, der weniger Platz bedurfte als ein Langbogen. „Aber ich wäre überrascht, wenn jemand dieses Schiff angreifen würde.“
Nach einer angemessenen Verbeugung wandte sich Salinda etwas verlegen an den Angroscho. „Herr Xanthrax, wärt ihr so gut, mir etwas von eurem Khaldamtosch [Pfeifenkraut] abzugeben? Meins ist vom Schnee ganz feucht geworden?“ Phelinda nahm ihrer Mutter den Schild ab, damit sie ihre Pfeife rauchen konnte. Nach der Begrüßung der Kapitänin folgte Jerg einem Matrosen zu seiner Unterkunft und legte sein Hab und Gut ab. Das Schwert seiner Familie trug er mit ein wenig Stolz am Gürtel. Soll sein Bruder doch das neue Schwert haben. Jerg hatte mit dieser Klinge seine Familie dabei. Warm eingepackt, das Schwert an der Hüfte und die Laute auf dem Rücken schritt er aufs Deck um beim Ablegen zu zu sehen. Er sah Xanthrax, Salinda und Phelinda zusammen stehen. ‚Die drei kommen wie gerufen!‘ schoss es Ihm durch den Kopf und er gesellte sich zu den rauchenden Trio.

„Den zwölfen zu Gruße, sind eure Kajüten genau so behaglich wie meine?“ „Nun, werter Wendelin, ich war noch gar nicht in meiner Kajüte.“ Er begrüßte den Neuankömmling herzlich und zog an seinem Pfeifchen. Endlich! So ein wenig Tabak war schon etwas Feines. „Wie ich sehe seid Ihr auch gut gerüstet.“ Xanthrax nickte in Richtung des Schwerts an Jergs Seite. „Hoffen wir mal, dass es nicht zum Einsatz kommen muss.“ Zwei Frauen, definitiv der Mannschaft als angehörig zu erkennen, waren gerade damit beschäftigt, Seile aufzurollen. In Ihrer Arbeit plauderten sie angeregt miteinander. Irgendwann allerdings fiel deren Blick immer öfter auf den großen Schild der Adligen und beider Gesicht zeigte mehr und mehr Verwunderung. Leise tuschelten sie miteinander, während sie weiterhin die riesige Pavese beäugten. Ihre Arbeit unterbrachen sie allerdings nicht. Ein leichtes flaues Gefühl hatte Firunhard schon in der Magengegend, als die Concabella ablegte. So war er froh das Perigor sich wieder bei ihm befand. Die “gestohlenen” Fleischstücke von der Tafel hatte er auch schnell weggeputzt. Wo war der verfressene Kerl denn nur? So groß war das Schiff auch wieder nicht. ‘Dachte ich es mir doch, der Nimmersatt hat sich wieder an seinen größten Spender der letzten Zeit herangemacht.’ Perigor stand bei dem finster blickenden Zwerg, der ihm im Gasthaus so viel vom Braten abgegeben hatte. Die Miene des Zwerges entspannte sich, als er sich eine Pfeiffe entzündete, zumindest wirkte das auf Firunhard so. “Garoschem, werter Xanthrax! Die zwergische Braumeisterin unseres Gutes erzählt mir immer die schlimmsten Geschichten über Boote, Schiffe, Flüsse oder gar Meere. Sie meint, der einzige Ort, an dem Wasser gut aufgehoben ist, ist das Innere eines Braukessels.”
Mit diesen Worten trat er zu dem Ambosszwerg, seine Hand wanderte an Perigors Nacken, den er sanft zu kraulen begann. Der mächtige Streithammer am Rücken des Zwerges beeindruckte ihn schon sehr. Hatte der Zwerg nicht gesagt, er habe diesen selbst geschmiedet? Vielleicht kannte er sich ja auch mit Schwertern aus. Die Schwerter von Eisbühel waren wie seine Eltern nicht aus dem Krieg heimgekehrt. “Ich habe gehört, Ihr seid ein Veteran der Schlacht bei der Trollpforte? Habt Ihr da auch schon mit diesem Streithammer gekämpft? Ich kann mich nicht erinnern, jemals so eine gut gefertigte Waffe gesehen zu haben.” „Da sind wir einer Meinung“, pflichtete Xanthrax ihr bei. „Zumal ich keinen Piraten für so dumm halte, sich auf so schwere Beute einzulassen, existieren doch genügend weniger gesicherte Kähne.“ Er nahm einen kräftigen Zug von der Pfeife. „Die auch noch öfter auf- und absegeln. Kleinvieh macht auch Mist.“ Er sah zu Salinda auf und schenkte ihr ein freundliches Lächeln. „Na, wer so nett und freundlich fragt.“ Er griff an seine Gürteltasche und händigte ihr ein kleines Säckchen aus. „Aber Vorsicht, für den Geschmack von Menschen kann er ein wenig zu ... robust sein.“
Als Firunhard ihn ansprach, lächelte er noch breiter. Beiläufig streichelte der Perigor, den der Ambosszwerg erst jetzt wirklich bemerkte. „Garoschem! Da hat sie auch recht, aber will man schnell reisen, so muss man auch das Wasser preisen. So oder so ähnlich.“ Er zuckte mit den Schultern und paffte wieder an seinem Pfeifchen. „Ja, das ist wahr. Ich war auch an der Trollpforte. Sowohl im Kampf gegen den Ogerzug, als auch gegen den Dämonenmeister.“
Xanthrax spitzte leicht die Lippen: „Drakkamalmar ist zweifelsohne ein wunderschönes Stück Schmiedekunst, werter Firunhard und Eure Worte ehren mich, aber neben dem Können von Bergkönig Arombolosch bin auch ich nur ein kleines Licht in der göttlichen Schmiede Angroschs.“ Die Worte seines Gesprächspartners freuten ihn tatsächlich. „Es hat mich auch viele Jahre gekostet ihn zu fertigen, getreu dem Motto ‚Was lange währen soll, braucht auch lange um zu reifen‘.“
Was das anging, waren die Menschen ein zu bedauerndes Volk. In ihrem kurzen Leben konnten sie nichts von wirklichem Bestand schaffen. Dazu fehlte schlicht die Zeit. „Drakkamalmar ist mir stets ein treuer Weggefährte und hat Orks, Novadis, Oger und Kultisten das Fürchten gelehrt.“

Der angesprochene Matrose sah auf und wirkte etwas nachdenklich, so als müsste er erst überlegen, was der hohe Herr meinte. Dann schien es ihm einzufallen: „Ach …äh? .. Oh! Ja, neee! Außer den hiesigen Edelleuten hier is niemand mit an Bord. Elfen bringen auch kein Glück uf dem Wasser. Nur die Leut, die mit Euch an Bord gekommen sind, sind da.“ Dann blickte er aber kurz verschwörerisch nach links und recht, bevor er leiser zu Halmar fortfuhr: „Aber die Alte mit dem Raben hab ich auch gesehen. Hab 'n ganz mulmiges Gefühl gehabt. Die hat geguckt, als ob sie das Schiff verfluchen wollte.“ Sein bärtiges Gesicht zog eine beunruhigte Grimasse. „Lasst uns lieber zu allen guten Geistern flehen, dass niemand hier ihren Unmut auf sich gezogen hat. Aber wenn, dann könnte ich mir vorstellen, dass der alte Schürzenjäger Rahjaman es sich mit der verscherzt hätte.“ Dabei deutete der Matrose so unauffällig wie möglich auf einen anderen Matrosen, der in der Nähe der Kapitänin stand.

Auch die Kapitänin hatte die Blicke des Seemannes und Halmars bemerkt und ihre durchdringende Stimme drang herüber: „Hejda, wirst nicht bezahlt um Maulaffenfeilzuhalten, sieh zu dass du dich an die Arbeit machst, sonst sorge ich persönlich dafür, dass dir die Arbeit nicht mehr ausgeht. Soll gerade sehr schön im Krähennest sein!“ Der Blick lag unheilschwanger auf dem Matrosen. Rahjaman lächelte und ging davon. Der Angesprochene wurde bleich, sah entschuldigend zu Halmar und machte sich an seine Arbeit.

Auxilia hasste diese Kälte und auf dem Wasser waren sie dem kalten Atem Firuns noch mehr ausgesetzt. Sie zupfte die Handschuhe zurecht und zog den Schal enger. Unter Deck zu bleiben war aber keine Option, man könnte etwas verpassen und sie wollte alles sehen. Aufregung machte sich in ihrer Magengrube breit. Sie mochte Seefahrten, das schöne schunkeln und sie war so gespannt, was sie erleben würden. Anniella betrat mit den anderen das Schiff, welches ihr als Flussschiff reichlich groß erschien. Immerhin war es aber ein Prestigeobjekt des Herzogs, und als solches musste es etwas her machen. Sofort als sie an Deck war und den kalten Wind .im Gesicht spürte, überkam sie ein seltsames Gefühl von Aufregung, Abenteuerlust und Freiheitsenpfinden. Das leichte Schaukeln des Schiffes auf den leichten Wellen , das Platschen der wellen an die Uferbefestigung, das Flattern der Fahne mit dem Herzogenwappen und dem Wappen der Nordmarken, der Geruch von Holz, Teer, Takelage Segeltuch und Seil, all das ließ ihr einen Schauer über den Rücken kriechen, und sie fing unwillkürlich an über das gesamte Gesicht zu grinsen. Seefahrer-Mut hatte sie ergriffen, Wind und Wellen würden ihre Freunde werden, und sie hatte fast unwillkürlich das Gefühl irgendwie angekommen zu sein. Während der Reise und des Willkommens war Aerin von großer Dankbarkeit erfüllt, dass sie ihren wärmenden, gar wohlgefütterten Winterrock mit sich führte. Geschneidert in den Farben des Hauses Auenstein – in diesem Winter war's ein dunkles Blau – war das Gewand geziert mit zwei aufrechten Reihen großer, goldener Knöpfe, rund wie die Sonne am Firmament. An den Ärmeln wie auch über der Brust prangten kunstvolle Stickwerke in güldenem Faden, geschwungen gleich den Ranken, wie sie im Wappen ihres Hauses zu finden sind. Erlberga hatte gar darauf bestanden, dass beide wohlgerüstet reisten und ihre Schwerter an die Seite schnallten. Als sie Kunde von Piraten vernommen hatte, ward sie sichtlich beunruhigt. Doch Aerin sprach sie mit fester Stimme an und sprach also: „Sorget Euch nicht. Mein Bogen ist schnell und mein Auge scharf – ich vermag, solches Gesindel aus weiter Ferne aufzuhalten. Und sollte dennoch einer der Halunken Fuß auf das Schiff setzen, so weiß ich wohl, dass du ihn niederstrecken kannst wie ein morsches Gehölz. Zudem befinden sich tapfere Ritter genug an Bord. Ihr werdet sehen – es wird ein leichtes Unterfangen.“ Und mit einem sanften Lächeln fügte sie hinzu: „Wohl wollen wir wachsam bleiben, denn töricht sind wir nicht – doch lasst uns auch ein wenig Freude an dieser Reise finden.“ Als die beiden Frauen das Schiff betraten, überkam Aerin ein sonderbar Gefühl – eine Unruhe, die ihren Geist streifte wie ein kalter Hauch. Unwillkürlich legte sie die Hand an ihren Bogen. Ihr Blick schweifte über die Schaulustigen an der Mole – und da gewahrte sie die Ursache ihres inneren Aufruhrs: ein Elf, ein Zwerg, und eine Frau, auf deren Schulter ein Rabe saß, schwarz wie die Nacht. Auch die Mannschaft der Concabella warf dem Trio argwöhnische Blicke zu.
‚Ein seltsames Trio ist dies wohl, doch will das nicht heißen, dass sie finstre Pläne hegen‘, sprach sie bei sich und ließ die Sehne ihres Bogens wieder ruhn. Nachdem das Schiff abgelegt und die Kapitänin einen Augenblick Muße gefunden hatte, trat Aerin an sie heran. Mit fester, wohlklingender Stimme, zugleich freundlich und bestimmt, sprach sie: „Den Zwölfen zum Gruße! Mein Name ist Aerin von Auenstein. Ich wollte Euch wissen lassen, dass Ihr im Ernstfall auf das Haus Auenstein zählen dürft – und auf meinen Bogen insbesondere.“ „Arrr….Roter Rotz und Seepocken….Arrr!“ gab der Federball auf der Schulter der Kapitänin seinem Unmut Ausdruck. Abarhild lächelte und versuchte das aufgeplusterte, feuchte Elend zu liebkosen, doch wurde dieses Unterfangen mit einem Schnabelpicken entlohnt und mit der Drohung: „Arrr…. Lass euch Kielholen ihr Landratten! Arrr!“ versehen. Die Kapitänin lachte und wandte den Blick der Frau zu: „Immer etwas ungnädig der gute Tarquinio, wenn das Wetter nicht nach seinem Geschmack ist! Die Zwölfe mit euch Aerin von Auenstein, das freut mich zu hören!“ In Gedanken setzte sie hinzu ‚Wird euch im Ernstfall auch wenig anderes übrig bleiben, wenn ihr nicht als Fischfutter enden wollt, ist schließlich keine Vergnügungsfahrt!‘ Sie räusperte sich „Kann ich euch noch in irgendeiner Weise behilflich sein?“
„So Ihr nachmals Muße habet, möget Ihr mir wohl die Verteidigungswerke zeigen. Habt Ihr wohl gar eine Balliste oder ein gleiches Kriegsgerät? Zwar führ’ ich meinen Bogen stets bei mir, doch bin ich auch wohl vertraut mit der Armbrust.“
Aerin schlug sich mit gewissem Stolz an die Brust. Obgleich sie ihr seltsam Empfinden vorhin abgetan hatte, dünkte es ihr klug, es dennoch zur Sprache zu bringen. Sie trat ein wenig näher zur Kapitänin und sprach mit gedämpfter Stimme: „Verzeihet, dass ich so geschwätzig bin. Doch ward mir vorhin ein wunderlich Gefühl zuteil, als ich drei Gestalten an der Mole gewahrte: ein Elf, ein Zwerg und eine Dame, die einen schwarzen Raben bei sich trug. Wohl mag ich allzu vorsichtig sein, doch dünkt mich, es sei vonnöten, Euch dies zu sagen, zumal Ihr auch mit Halunken während der Fahrt rechnet.“ „Nun, es ist….“ „Arrr….. Vom Necker gebissene Landratten! Arrr….“ Der Regenbogenbuntschreier machte seinem Namen alle Ehre, zumindest was den Teil mit dem Schreien betraf. Die Kapitänin lächelte gelassen ob der Unterbrechung und sprach in liebevollem Ton zu dem feuchten Federball: „Ist ja gut alter Griesgram, ich bringe dich gleich in die Kabine.“ Dann wandte sie den Blick wieder der Adligen zu: „Es gibt auf diesem Schiff keine Geschütze und die Waffen die sich an Bord befinden sind Mitgliedern der Besatzung zugeteilt. Ihr müsstet also mit euren eigenen Waffen vorlieb nehmen. Sollte allerdings einer meiner Leute zu Boron gehen steht es euch jederzeit frei dessen Waffen zu benutzen.“ Ein mildes Lächeln legte sich auf das Gesicht der Kapitänin: „Tatsächlich sind mir diese Herrschaften auch aufgefallen! Ich bin ganz eurer Meinung, dass man nie zu viel der Vorsicht walten lassen kann. Die Erfahrung zeigt allerdings, dass jene, die Übles im Schilde führen, danach trachten, nicht aus der Masse herauszustechen, um die potentiellen Opfer nicht bereits im Vorfeld schon in erhöhte Wachsamkeit zu versetzen.“ Sie zwinkerte der Adligen zu: „Im übrigen sind mir Frauen, die Vögel auf ihrer Schulter herumtragen, auch immer suspekt!“ Damit wandte sie sich ab und ging einige Schritte, drehte sich dann aber noch einmal um: „Ihr habt sicher Verständnis, dass ich nicht jeden einzeln durch das Schiff führe, dafür ist unsere Reise auch etwas zu kurz, aber in Bälde wird jemand aus der Besatzung die Herrschaften über das Schiff führen und alles zeigen, was von Wichtigkeit sein könnte und Fragen beantworten. Sollten danach noch Fragen offen sein, könnt ihr euch selbstverständlich wieder an mich wenden, Aerin von Auenstein!“ Sie deutete eine Verneigung an und ging davon. „Doch gewiss, edle Salmfang. Verzeihet die Störung“, sprach Aerin mit einem freundlichen Nicken und neigte leicht das Haupt zum Abschied.

An Deck

Es hatte Filwald viel Überredungskunst gekostet, seine Familie zu beruhigen. Die halbe Nacht hatte Jocasta in der ihr eigenen energischen Art argumentiert, dass das alles nicht stimmen könne. Wie konnten ihnen zwei ganze Tage fehlen!
Es war nicht leicht gewesen, sie davon zu überzeugen, dass dieses Rätsel warten musste und sie jetzt erst mal dringendere Aufgaben hatten. Sie hatte erst eingewilligt, nachdem Filwald auf Praios schwor, die Sache eingehend zu untersuchen, sobald sie ‚diesen Kahn abgeliefert hätten‘, wie sie sich ausdrückte. Mortak war da wesentlich einsichtiger. Vielleicht lag an seiner magischen Ausbildung, bei der er auch mal gern einen ganzen Tag in Meditation verbrachte, ohne etwas von der Außenwelt mitzubekommen. Vielleicht aber auch einfach an der Tatsache, dass er ohnehin eher in sich gekehrt war. Jedenfalls nahm er die beiden verlorenen Tage eher regungslos zur Kenntnis. Dennoch wird es wohl besser sein, die beiden nicht mit auf die Concabella zu nehmen. Auch dies führte wieder zu heftigen Diskussionen mit Jocasta, aber schließlich sah sie die Notwendigkeit auch ein und kehrte mit Mortak nach Hause zurück, um bereits erste Nachforschungen zu betreiben. Er selbst war froh, sich keine Sorgen um die beiden mehr machen zu müssen. Und auch seine Ausrüstung war nun vollständig, inklusive ‚Helmbrandt‘, seinem treuen Bastardschwert und seinem Schuppenpanzer. Beides hatte er in der Kutsche mit seiner Familie vorausgeschickt. Solchermaßen ausgerüstet stand er an der Reling und beobachtete das Ablegen der ‚Concabella‘. Gerade dachte er. was wohl in diesem riesigen Koffer und der vier Spann langen, polierten Kiste sei, als die vereinzelten Gesprächsfetzen seiner Mitreisenden ihn ebenfalls auf die seltsamen Zuschauer aufmerksam machte. Jocasta kam ursprünglich aus der Baronie Nablafurt und hatte einige Verwandte in Nostria und Andergast. Sie erzählt gerne Geschichten aus ihrer Heimat, am liebsten über Hexen und Druiden. Ein Schauer lief ihm über den Rücken… Bei Praios! Diese Dame könnte in der Tat eine Rabenhexe sein. Oder sah er schon wieder Gespenster? Als Filwald bemerkte, dass Halmar diese Dame zusammen mit dem Elf und dem Zwerg ebenfalls musterte, gesellte er sich neben ihn und fragte leise: „Seltsame Zaungäste, nicht wahr, mein Freund? Was haltet Ihr von den Dreien?“

„Ja, der Gedanke mit der Prüfung ist mir auch schon gekommen. Seltsam ist das alle mal. Habt Ihr diesen seltsamen Koffer und dieses polierte Ding gesehen, das mit an Bord gebracht wurde? Und jetzt beobachten uns diese Hexe, ein Elf und ein Zwerg… Ich werd das Gefühl nicht los, dass es weniger das Schiff, als vielmehr seine Ladung ist, die wir bewachen sollen.“

„Keine Ahnung was hier vor sich geht.“, murmelte Auxilia, während sie sich umschaute und die Gesichter der anderen beobachtete. „Etwas liegt in der Luft. Aber auch diese Herausforderung werden wir bestehen.“ Phelinda konnte die Anspannung förmlich spüren. Beunruhigung, beinahe Angst, klang in der Stimme jeder zweiten Person mit, die sich die drei Gestalten an der Mole bezogen. Dahingehend machte sie sich keine Sorgen. Sie waren an Bord mit einer Person, die einen viel exotischeren Vogel auf der Schulter trug, und Raben waren kluge Geschöpfe. Ähnlich wie schwarze Katzen umgab sie einfach sehr viel Aberglaube. Salinda war derweil glücklich mit ihrer Pfeife. Sie hatte zwergisches Pfeifenkraut vor mehr als einem Dutzend Götterläufen kennen und lieben gelernt. Während sie an der Pfeife zog, sah sie sich um. ‚Diese gesamte Situation ist seltsam. Immerhin ist die Besatzung guter Dinge.' Sie war von so mancher Handelsfahrt die Reise per Schiff gewohnt. Tatsächlich beruhigte sie das leichte Schaukeln des Schiffs. Mit kritischem Blick betrachtete Phelinda das Treibholz, das Eis und alles weitere, was im Fluss schwamm. Ihr machte mehr Sorge, dass das Schiff trotz der erfahren Besatzung einer natürlichen Bedrohung anheim fallen könnte, als dass jemand versuchen würde, sie zu bedrängen.
Den Gedanken verwerfend sich an Phelinda anzuschleichen, schritt Jerg neben Sie, nickte Ihr mit einem breiten Lächeln zu und kommentierte sein kommendes handeln mit „Wenn die See uns ruft, singen wir zurück.“ und packte seine Laute aus, lehnte sich an das nächst beste und stabile Holz und begann ein Seemannslied zu Singen, welches er im Gasthaus einst hörte. „Oh, Land, das ich so sehr geliebt, dein Ruf in meinem Herzen blieb.
Der Abschied fällt mir bitter schwer, doch lockt das Meer, es ruft so sehr.“
Jerg stockte kurz. „Das nächste ist der Refrain, wenn Ihr mitsingen wollt, ist das die perfekte Stelle dafür, jeder Refrain wird zweimal gesungen.“ und fing weiter an zu singen und betonte bewusst das erste Wort. „ADIEU, du stilles Heimatland, mein Herz, das trägt des Meeres Band.
Mit Tränen und mit frohem Mut, auf stürm‘chen Wellen liegt mein Gut.
ADIEU, du stilles Heimatland, mein Herz, das trägt des Meeres Band.
Mit Tränen und mit frohem Mut, auf stürm‘chen Wellen liegt mein Gut.“
Die Melodie spielte auf der Laute eine Strophe ohne Gesang, ehe er wieder einsetzte.
„Die Klippen schimmern, fern und kalt, der Wind er singt wie‘ gefällt.
Die Ferne ruft, ein Abenteuer. Doch hier zu stehn, brennt wie Feuer.
Das Segel hebt, der Kurs ist klar, das Herz schlägt schnell, der Welt so nah.
Die Wellen tanzen, weit und frei, der Sehnsucht wiegt schwer wie Blei.“
ADIEU, du stilles Heimatland, mein Herz, das trägt des Meeres Band.
Mit Tränen und mit frohem Mut, auf stürm‘chen Wellen liegt mein Gut.
ADIEU, du stilles Heimatland, mein Herz, das trägt des Meeres Band.
Mit Tränen und mit frohem Mut, auf stürm‘chen Wellen liegt mein Gut.“
Jerg spielte erneut eine Melodie ohne Gesang, ehe er wieder einsetzte.
„Der Hafen fern, das Land verblasst, doch Freiheit ruft von dem Mast.
Das Meer es singt in rauer Pracht, kein Traum erwartet in der dunklen Nacht.
Die Sterne funkeln, leiten mich, ein Kompass weist durch Nebel dicht.
Die Sehnsucht treibt, der Wind peitscht auf, die Wellen beben, spüre des Meeres Lauf.
ADIEU, du stilles Heimatland, mein Herz, das trägt des Meeres Band.
Mit Tränen und mit frohem Mut, auf stürm‘chen Wellen liegt mein Gut.
ADIEU, du stilles Heimatland, mein Herz, das trägt des Meeres Band.
Mit Tränen und mit frohem Mut, auf stürm‘chen Wellen liegt mein Gut.“

Jerg spielte die Melodie zu Ende und lächtelte Phelinda an.
„Meine Heimat ist mein Leben, aber die Musik meine Liebe.“
Tatsächlich machte Phelinda sich nicht viel aus dem Spiel mit der Laute. Sie hatte während ihrer Ausbildung und auf Aventure natürlich auch die Spielregeln der Minne und des Minnespiels gelernt. Mit etwas Stolz konnte sie sogar von sich sagen, so manch einen hohen Herren verführt zu haben, dessen Frau ihn nicht gut genug im Zaume hielt. Aber mehr als einen bloßen Zeitvertreib hatte sie darin nicht finden können. Phelinda war höflich genug, ihre Abneigung gegen das Lautenspiel nicht zu zeigen. Auch wusste sie, dass ihre Mutter dieser Kunst weit weniger überdrüssig war als sie selbst. Entsprechend versuchte sie ihre Mutter, den Refrain mitgesungen hatte, in die Unterhaltung zu involvieren: „Mutter, hattet ihr mir nicht genau von eben diesem Lied nach eurer Reise nah Makamesch erzählt?“ Salinda griff den metaphorischen Ball auf, den ihre Tochter ihr zugespielt hatte. „Ja, wenn ich mich entsinne, war es eine Altfried, die das Lied angestimmt hatte.“ Die Kauffrau versuchte einen Moment lang, sich des Beinamens der Sängerin zu entsinnen. „Ich weiß leider nicht mehr, wie sie weiter hieß. Sie hatte diese Ballade als Auftakt für das Efferdanenlied genommen. Es war ein wunderschöner Abend, auch wenn ich mich nach drei Wassermaßen zurückziehen musste."
„Oh, wie gern würde ich wissen, wer das edle Stück geschrieben hat. Ich lernte es von haltenden Männern und Frauen der Flüsse. Aber vielleicht finde ich eines Tages mehr dazu heraus.“ antwortete Jerg und freute sich sichtlich über die Aufmerksamkeit.
Nach einem Moment des Schweigens fragte Salinda den Sänger: „Könnt ihr nicht noch ein Lied anstimmen, werter Herr von Mitteberg?" Eine solche Entwicklung war es, die Phelinda sich erhofft hatte. Es freute sie, dass ihre Mutter so viel Gefallen am Lautenspiel des Barden hatte. An ihre Mutter gewandt äußerte Phelinda: „Ich werde einmal schauen, ob ich diesen Schild nicht irgendwo untergebracht bekomme, wo er weniger Wind fängt.“ Damit klemmte sie sich den Schild, der die Ausmaße einer kleineren Tür hatte, und verließ die kleine Runde, die sich um das Bardenspiel gebildet hatte. „Nur zu gerne und der Schild versteckt leider euer Antlitz viel zu häufig hohe Dame.“ Jerg lächtelte dabei Phelinda schelmisch an und ohne auf eine Antwort zu warten begann er gängige Volkslieder und Gassenhauer zu spielen. Salinda entschied, das an sie gerichtete ‚hohe Dame' als Kompliment zu werten. Sie war zwar nur bürgerlichen Standes, aber dem lieblichen Minnesang waren ja wenig Grenzen gesetzt. Zudem war ihr kaum anzusehen, dass sie von niederem Stand war, konnte sie sich doch eine kostspielige Gewandung leisten. ‚Ich hoffe bloß, dass ich mich nicht wieder verplapper. Phelinda ist dieses Missverständnis gestern sehr peinlich gewesen.' Eine für eine Menschenfrau relativ kurz geratene Frau kam aus den Tiefen des Schiffes und balancierte ein hölzernes Tablett mit mehreren Krügen darauf in ihren Händen. Sie war bestimmt nicht mehr als anderthalb Schritt groß und damit nur minimal größer als ein Zwerg, doch ihre Größe hinderte sie nicht daran, flink um die anderen Matrosen herum zu manövrieren und dabei gekonnt das Tablett gerade zu halten. Die Krüge waren allesamt mit einer formvollendeten Schaumkrone versehen.

„Mein Name ist Gezelin“ nickte ihm die Matrosin zu. „Schmeckt es euch? Ham‘ wa in Crumold frisch an Bord genommen, das Faß.“ Dann betrachtete sie offensichtlich neugierig den Zwergen. "Einen Angroscho hier zu sehen finde ich seltsam. Aber gefällt mir.“ bekräftigend nickte Gezelin mit dem Kopf. „Euch sieht man selten außerhalb der Berge. Dachte auch, Zwerge und Wasser vertragen sich nicht so.“ Doch anstatt eine Antwort abzuwarten winkte die quirlige Matrosin ab und meinte „Naja, Ihr werdet Eure Gründe haben, nicht! Entschuldigt mich, ich muss weiter und die anderen Gäste noch einen Willkommenstrunk anbieten.“ Daraufhin lächete Gezelin dem Zwergen nochmal freundlich zu und entfernte sich dann. Diese seltsamen Zaungäste ließen Filwald nicht los. Ein Elf und ein Zwerg zusammen, als ob das nicht schon seltsam genug wäre. Und dazu noch diese – vermutete – Hexe. Das konnte kein Zufall sein. Allmählich bereute er schon, Mortak zusammen mit Jocasta wieder nach Hause geschickt zu haben. So ungern er es auch zugab, aber ein wenig magische Unterstützung war manchmal gar nicht ungelegen. Mal ehrlich: Was hätten sie denn einem Hexenfluch oder was auch immer diese Langohren mit ihren Liedern heraufbeschwören können... Was hätten sie dem denn entgegenzusetzen? Ehrlichen Stahl, natürlich. Bei Praios, er hoffte, es möge genügen!
Wieder sah er sich um. Jerg, der Barde, versuchte gerade diese Ritterin aus Gellerstock zu beeindrucken. Wie war noch gleich ihr Name? Phelinda, genau. Diese schien allerdings das Pfeifenkraut des Ambosszergs viel interessanter zu finden. Xanthrax dagegen verkündete gerade, angeregt durch das Nachfragen von Firunhards (der offensichtlich seinen Hund wieder gefunden hatte), ein weiteres Mal, wo er schon überall gegen wen und was gekämpft hatte. Eine beeindruckende Liste, unbenommen. Hatte er gestern nicht sogar erzählt, er wäre an der Schlacht der 1000 Oger beteiligt gewesen? Eine weitere große Legende, die er selber nur aus den Erzählungen seines Vaters kannte. Er ließ seinen Blick weiter schweifen. Die junge von Auenstein legte sich gerade mächtig ins Zeug vor der Kapitänin, wie gut sie doch mit dem Bogen umgehen könne. Allerdings... wäre sie dann nicht am Bug oder wie das vordere Ende dieses Kahns auch immer genannt werden möge, besser aufgehoben? Und überhaupt: Was wussten sie eigentlich über diese Kapitänin? Ja, sie hatte Filwald gestern mit ihrer ehrlichen Art überzeugt. Aber nur, weil sie vorher viel verheimlicht hatte … .
Grundsätzlich scheint hier gerade jeder zu machen, was ihm gerade so passte. Also doch eher ein Bootsausflug. Aber wie sollte man das ändern? Filwald würde gern eine Art Rat zusammenführen, der gemeinsam erstmal die Lage analysierte, Wachen verteilen, sowas in der Art. Aber wie sollte er das anstellen? Auf keinen Fall mochte er sich über die anderen Stellen. Nun, ihm würde schon noch etwas einfallen.
Gespannt lauschte Firunhard dem Zwerg bei seinen Ausführungen zu, während sein Blick abwechselnd von Xanthrax, Bord der Concabella und dem großen Fluss streifte. Momentan war es zwar kalt, die Schifffahrt glich aber eher einer Lustfahrt als einer Queste.
Verteilt an Bord haben sich verschiedene Gespräche entwickelt, es wurde auch über die seltsamen Anwesenden beim Auslaufen des Schiffes gesprochen. “Zuhause haben wir leider keinen fähigen Schmied, der sich auf das Schmieden von guten Waffen versteht. Azurita ist eine fähige Braumeisterin, sie hat auch das auch euch bekannte Eisbier zu dem gemacht, was es heute ist. Nebenbei probiert sie auch immer wieder neue Rezepturen aus. Ich muss ihr immer alle möglichen Kräuter von der Jagd mitnehmen. Auch lässt sie mich von jedem Versuch, ob gut oder schlecht kosten. Sie hat mich auch beauftragt einiges an den Bieren, die es in dieser Gegend gibt, zu kosten und ihr darüber zu berichten.” ‘Aber zu dem Thema wollte ich doch gar nicht!’ zuckte dieser Gedanke durch seinen Kopf. Ich brauche einen Waffenschmied. Also schleunigst zurück! “Aber Schmieden kann sie nicht, wir haben zwar mit Gezelin einen geschickten Handwerker, der vieles flicken kann, aber wenn etwas Schmiedearbeit zu erledigen ist, bringen wir es meistens nach Kaltenklamm. Wobei ich in absehbarer Zeit einen fähigen Schmied beauftragen möchte.” Der stetige Gedanke der letzten Jahre ging ihm wider durch den Kopf: Wenn ich nur wüsste, wie lange es dauert, den Stahl aufzutreiben und auch das nötige Vermögen für den Auftrag selbst. Dann hat das Haus Wildklamm endlich wieder ein Schwert. Langsam gefielen ihm auch die Lieder, die Jerg spielte. Das erste Lied war ihm zu schwermütig. Solche Lieder liebte zwar seine Schwester aber er hatte es doch lieber wenn man dazu tanzen kann. Da passten die erklingenden Gassenhauer viel besser.
Sein Blick viel auf Aerin von Auenstein, erst jetzt bemerkte er, dass sie auch einen Bogen mit sich führte. War er doch nicht unter den Gerugfenen der einzige der sich auf das Schießen verstand. Wie gut war sie wohl? Hat sie schon ein paar kapitale Jagden hinter sich?
“Verzeiht Frau Aerin von Auenstein” trat er direkt und neugierig an die Edle heran. “Schön zu sehen, dass auch ihr mit dem Bogen umgehen könnt. Darf ich so unverschämt sein und bitten ob ich mir euren Bogen ansehen darf?” Xanthrax lauschte Firunhards Worten nachdenklich und inhalierte dabei die letzten Züge seines Pfeifchens. Diese Azurita klang genau nach der Gattung Frau, die er für Eisenmühlen suchte. Er spielte schon seit einiger Zeit mit dem Gedanken selbst Bier herzustellen und zu exportieren. Fraglich war aber, ob die hauseigenen Ressourcen des Guts dafür reichten. Die Wintergerste brauchte man für den Eigenbedarf. „Ich kann Euch vorschlagen, selbst einige Berichte anzufertigen, falls Ihr das möchtet, Firunhard. Eine zweite, fundierte Meinung ist immer gut.“ Gutes Personal war teuer und schwierig aufzutreiben. Ein geschickter Handwerker machte keinen guten Schmied. Das angroschgefällige Handwerk erforderte viel Eifer und Geduld, vor allem aber dessen Segen. „Es ist ein wenig etwas anderes einen Pflug zu reparieren, als eine ordentliche Klinge zu schmieden. Das weiß ich aus Erfahrung. Darf ich fragen, ob Ihr etwas Bestimmtes im Sinn habt?“ Der Ambosszwerg schloss sich Firunhard an, hielt sich aber im Hintergrund und reinigte dabei seine Pfeife. Das würde eine durchaus interessante Fahrt werden. Aerin wandte sich von der Kapitänin ab und ließ ihren Blick über das geschäftige Treiben schweifen. Sie suchte nach ihrer Mutter, doch ihr Auge verweilte alsbald bei zwei anderen Gästen: Jerg und Phelinda. Ersterer hatte seine Laute zur Hand genommen und begann, ein wohlklingendes Lied der Seefahrt anzustimmen. Sein Gesang war klar und sein Spiel gefällig – Aerin lauschte mit stillem Neid, denn wie gerne hätte auch sie die Kunst des Musizierens so meisterlich erlernt.
Sie setzte schon an, näherzutreten, da überkam sie ein plötzlicher Gedanke: Ob Jerg wohl vorhatte, Phelinda mit seinem Spiel zu beeindrucken? So wie er sich darbot, war jener Verdacht nicht gänzlich von der Hand zu weisen. Und so beschloss Aerin, mit höflicher Zurückhaltung Abstand zu wahren.
„Verzeiht Frau Aerin von Auenstein“, erklang da eine Stimme zu ihrer Seite. “Schön zu sehen, dass auch Ihr mit dem Bogen umgehen könnt. Darf ich so unverschämt sein und bitten ob ich mir euren Bogen ansehen darf?” Vor ihr stand der junge Firunhard von Wildklamm, ebenfalls mit einem Bogen an der Seite. Aerin hatte bislang kaum ein Wort mit ihm gewechselt, umso mehr erfreute es sie, nun in ein Gespräch zu kommen. „Aber natürlich, werter Firunhard“, erwiderte Aerin mit einem aufrichtigen Lächeln. „Ihr seid keineswegs unverschämt – im Gegenteil, es ehrt mich, Eure Bekanntschaft zu machen.“ Sie griff an ihre Seite und löste ihren Bogen, während sie fortfuhr: „Während meiner Pagenzeit ward mir der Bogen – wie auch die Armbrust – zugetan. Doch ersterer liegt mir näher. Das Jagen fällt mir leichter mit ihm, und ich schätze seine Eleganz.“ Mit sichtlichem Stolz reichte sie dem jungen Mann ihre Waffe. Der Bogen war aus dunkel poliertem Hartholz gefertigt, verziert mit feinen Schnitzereien in Form von Spiralen und Ranken – angelehnt an die Ranken des Wappens des Hauses Auenstein. Der Griff war kunstvoll mit dunkelblauem Leder umwunden. „So Ihr erlaubt, würd’ ich auch zu gerne Euren Bogen in Augenschein nehmen. Wie habt Ihr den Bogen lieben gelernt?“ Behutsam nahm Firunhard den Bogen Aerins in die Hände. Es war wirklich ein schönes Stück Handwerksarbeit. Er prüfte kurz die Spannung der Sehne. “Hmmm..liegt gut in der Hand… ein höheres Zuggewicht als ich vermutet habe…” murmelte er vor sich hin.

“Entschuldigt, wenn es um Bögen geht, dann vergesse ich manchmal die Menschen um mich herum. Aber eine schöne Waffe habt ihr hier, muss ein fähiger Bogenbauer gewesen sein. Mein eigener Bogen ist nicht so kunstvoll verziert, aber mein Onkel Durandus hat mir von diesen Gepflogenheiten erzählt. Mit ihm baue ich immer meine Bögen und ich darf nur Schnitzereien vom erlegten Wild nach einer erfolgreichen Jagd hinzufügen.” Er gab den Bogen wieder zurück und zeigte seinen. Ein einfacher Bogen, an den man wenige, aber sorgfältige Schnitzereien verschiedenster Tiere angebracht wurden. “Diesen habe ich noch nicht so lange, da ich einen verdienten Bogen immer zuhause dann dem Schrein des Weißen Jägers übergebe. Möge auch euer Bogen euch zu einer erfolgreichen Jagd verhelfen.” An Xanthrax gewandt sprach er: “Meine Eltern sind beide dem Aufruf gefolgt, als es gegen Albernia ging. Leider sind meine Eltern und unsere Schwerter nicht mehr heimgekehrt. Daher habe ich es mir auch zu meiner Aufgabe gemacht, wieder ein Schwert schmieden zu lassen. Jedoch muss ich noch die nötigen Mittel dafür zusammenbringen. Auch ein Grund warum ich diesem Aufruf gefolgt bin.” Zuhause muss ich wahrscheinlich sämtliches Wild erlegen, um genug Geld dafür zu haben, ging es ihm durch den Kopf. Aber das würde nur Firuns Zorn bringen.
„Tut mir leid das zu hören.“ Xanthrax tätschelte Firunhards Arm aufmunternd. „Viele gute Männer und Frauen folgen der Pflicht und oft sind es die besten und mutigsten, welche am Ende nicht mehr zurückkehren.“ Er überlegte angestrengt. Eine neue Waffe schmieden zu wollen, gerade bei diesem Hintergrund, war eine noble Aufgabe. Wenn dieses Schwert denn jemals das Licht erblicken sollte, so musste die Klinge auf den Träger zugeschnitten sein. Er wusste, wovon er sprach. Ein kleines bisschen Unwucht konnte über Sieg und Niederlage entscheiden. Eine gute Waffe war obendrein teuer. In Firunhards Fall musste sie etwas hermachen, edel und dabei funktional sein. „Wisst Ihr was?“, eröffnete er seinem Gesprächspartner, „Ich schlage vor, dass wir uns dieser Aufgabe widmen, wenn wir mit der hier fertig sind. Ich will mir sowieso einmal das Gut Eurer Familie ansehen, da können wir ebenso gut den Aufenthalt dafür nutzen, etwas bezüglich Eures Wunsches zu unternehmen.“ Er klopfte sich auf die Brust. „Ein Angroscho, ein Wort.“ Damit hielt er Firunhard die ausgetreckte rechte Hand hin: „Abgemacht?“ Sofort ergriff Firunhard die Hand des Zwerges. Der starke Händedruck, den er zu spüren bekam, schmerzte etwas, aber damit hatte er gerechnet. In etwas holprigen Rogolan antwortete er: “Angaruschoromdrosch! Ich danke euch Xanthrax, ihr seid gerne willkommen auf Gut Eisbühl. Ich sehe, dass ich Azurita eine Nachricht zukommen lasse, damit ein Bier gebraut wird, das dem Gaumen eines Angroscho würdig ist.” Vorsichtig nahm Aerin den Bogen aus Firunhards Händen entgegen und betrachtete ihn mit wacher Neugier. Zwar war sein Werk nicht so reich verziert wie der ihre, doch stand es dem ihrigen in nichts nach an Tauglichkeit . Nicht wenig staunte sie, als sie den Worten Firunhards lauschte: Er selbst, so sprach er, fertige seine Bögen mit eigener Hand, und nur die Tiere, die er eigenhändig zur Strecke gebracht, dürften in das Holz seiner Waffen geschnitten werden. Er schien kaum älter als sie selbst, und doch war solch Fertigkeit in ihm – wahrlich bewundernswert.
Während Aerin noch den Bogen – oder vielmehr die Geschichte, die sich in sein Holz geschrieben hatte – ehrfürchtig betrachtete, vernahm sie nebenbei das Gespräch zwischen Firunhard und Xanthrax. Mit Letzterem hatte sie bislang nur wenig gewechselt, doch erkannte sie sogleich das gute Herz des Zwergen, als dieser sich anbot, Firunhard ein Schwert zu schmieden – ohne Zögern, ohne Widerwort. Welch ehrenvolle Gefährten ihr auf dieser Reise zuteilwurden! Aerin nahm sich im Stillen vor, noch eifriger zu streben, auf dass sie solch edlen Weggefährten würdig sei.
Nachdem die beiden Männer sich die Hand gegeben, übergab sie den Bogen ehrerbietig zurück in Firunhards Obhut. „Ihr seid ein bewundernswerter Mann, edler Firunhard“, sprach sie mit sanftem Ton. „Verzeiht meine kühne Bitte, doch möget Ihr mir zu gegebener Stunde zeigen, wie solch ein Bogen gefertigt wird – oder mir gar verraten, worauf man zu achten hat?“ Vorsichtig legte sie ihre Hand auf seine Schulter, und mit aufrichtiger Stimme fügte sie hinzu: „Auch sprech’ ich Euch mein Beileid aus für Euren Verlust. Ich mag mir nicht ausmalen, was Ihr durchlitten habt.“ Dann nahm sie die Hand zurück und wandte sich Xanthrax zu. „Auch Ihr, werter Xanthrax, seid ein Mann voll Ehren. Ohne Zögern botet Ihr Hilfe an – welch Herz Ihr tragt, ist wohl aus edelstem Erz geschmiedet. Es ist mir wahrlich eine Freude, solch Reise an der Seite von so redlichen Herren anzutreten.“ Mit diesen Worten lächelte sie beide herzlich an, und in ihren Augen glänzte ehrliche Bewunderung.
„Es reicht mir, wenn wir etwas für Euch zustandebringen, das den Ansprüchen eines zwergischen Schmieds genügt.“ Ein Grinsen stahl sich auf Xanthrax´ Züge: „Wobei ich dem Bier natürlich nicht abgeneigt bin.“ Er winkte in Richtung Aerin ab, wobei für einen Augenblick so etwas wie der Hauch von Röte auf seinen Wangen aufblitzte. „Es scheint, als würden wir alle im selben Boot sitzen, wortwörtlich. Daher halte ich es für angebracht, sich gegenseitig zu unterstützen. Nur gemeinsam sind wir in der Lage, den Schrecken dieser Welt zu begegnen.“ Er zuckte mit den Achseln: „Oder ein hervorragendes Bier zu genießen. Euer Kompliment ehrt mich in jedem Fall.“ “Ich danke euch für eure Worte Aerin.” gab Firunhard an Aerin zurück. “Doch es ist auch schon einige Götterläufe her. Wenigstens habe ich im Gegensatz zu meiner kleinen Schwester Erinnerungen an meine Eltern. Aber genug der traurigen Sachen.” Begann dann Firunhard auszuweichen. “Beim Bogenbau” begann er dann nach einer Pause “ist das Wichtigste das Holz. Jedes Jahr pflanzen wir deshalb einige Eiben, deren Wuchs wir regelmäßig kontrollieren, um zu gegebener Zeit ausreichend Material zu haben. Aber gerne werde ich euch auch mal ein Beispiel zeigen, was mir auch eher liegt als lange darüber zu sprechen. Wahrscheinlich wird es in eurem Gut sogar um einiges mehr an passendem Holz geben, als bei uns in den Bergen. Denn auch einige Obsthölzer eignen sich hervorragend. So ich mich nicht irre, liegt euer Gut nicht weit von hier?”

Dass es so rasch gehen würde, eine Möglichkeit zu finden, ein neues Schwert zu schmieden, mit dem hatte Firunhard nicht gerechnet. Aber er hoffte dann, dass der zwergische Anspruch nicht bedeutet, dass er ein Schwert dann im greisen Alter überreicht bekommt. Aber nicht negativ denken, jetzt auch daran denken, das Material zusammenzubekommen. Da konnte er sich nicht vorstellen, dass es so im Handumdrehen funktioniert, etwas hatte er ja schon ausgespart. Das würde aber vielleicht mal gerade für den Griff und Knauf reichen. “Jedenfalls würde ich auch gerne mal Eisenmühlen auch kennenlernen, bis jetzt war mir nur bekannt das es dort viele Mühlen geben soll.” gab er Anthrax zurück und rieb sich verstohlen die schmerzende Hand. „Oh, Eisenmühlen ist ein vielfältiger Landstrich. Natürlich sind die Mühlen die treibende Kraft, aber es stehen schon Ideen im Raum, wie man daraus noch ein wenig mehr Kapital schlagen kann.“ Xanthrax überlegte kurz. Ja, das mit den Mühlen war so eine Sache. Er bemühte sich auch, um neue Möglichkeiten, das Lehen weiter nach vorne zu bringen. „Eine der Ideen dahinter, wenn auch nicht aus meinem Kopf heraus, befasst sich mit der Herstellung von Papier. Doch dieses Projekt steckt noch ein wenig in den Kinderschuhen.“ Das und die leidliche Sache mit eventuellen Flusspiraten.
Er hatte sich schon ein wenig mit dem Gedanken befasst, eine potentielle Gefahr für die Flussschifffahrt auszumerzen, doch weiter als über ein paar Ideen hinaus war er nicht gekommen. „Ich würde mich jedenfalls freuen, wenn Ihr uns besuchen würdet, Firunhard.“ Dabei wandte er sich an Aerin. „Euch natürlich ebenso, meine Teuerste.“ ‘Papierherstellung?’ dachte sich Firunhard. Vielleicht sollte auch er nachforschen was man in seinem Gut herstellen kann um endlich die Gutskasse aufzubessern. Aber bei den Gedanken an die karge Berglandschaft fiel ihm einfach nichts ein. Braumeisterin Azurita wollte ja immer noch “das nächste Ferdoker” erschaffen. Mit dem Eisbier haben sie sich zwar schon einen guten Namen gemacht. Aber nachdem praktisch an jeder dritten Ecke auch passables Bier gebraut wird, will der Handel einfach nicht in Schwung kommen. Dem Versuch seiner Schwester Basilissa und der Hügelzwergin mit den “Wildenklammer Karamellen” einen Verkaufsschlager zu starten, konnte er einfach nichts abgewinnen. Wer will schon so süßes Zeug kaufen. Sowas konnte er noch nie leiden.
“Ich danke euch Xanthrax für die Einladung, da wir selbst nur eine einfache Mühle in unserem Gut haben, bin ich allein darauf schon gespannt.” „Habt innigsten Dank für Eure freundliche Einladung, edler Xanthrax,“ sprach Aerin mit einem leichten Neigen ihres Hauptes, „und bei Travia, ich nehme sie mit Freuden an. Denn wahrlich, nichts dehnt den Geist so sehr wie eine wohlgeratene Reise, wie ich stets zu sagen pflege.“ Ein Lächeln zierte ihre Lippen, als sie fortfuhr: „Auch ich möcht’ mich erkenntlich zeigen und lade Euch beide ein, mir dereinst die Gunst Eures Besuches zu gewähren. In unserm bescheidenen Erlenquell, gepriesen sei Peraine, gedeihen edle Hölzer, aus denen man vortreffliche Bögen zu fertigen vermag, was auch für Euch interessant sein mag, werter Firunhard.“ Aerin war ganz entzückt bei dem Gedanken, mit ihren neuen Gefährten die goldenen Felder und sanften Weiden ihrer Heimat zu durchwandeln. Je mehr Kundschaft von Erlenquell in die Welt getragen ward, desto wohler ward ihr dabei zumute.
„Da Ihr's erwähnt“, fuhr sie fort und wandte sich mit wissbegierigem Blick an ihre Begleiter, „wir trugen gar den Gedanken, uns in der edlen Kunst der Papiermacherei zu versuchen. Wißt Ihr wohl um Meister ihres Faches – oder seid Ihr etwa selbst darin bewandert?“ Xanthrax konnte ein breites Lächeln nicht verhehlen. Er mochte die beiden Menschen bereits jetzt sehr gerne. Eine gute Freundschaft konnte ein Leben lang dauern und er war der Meinung, dass dies hier der Fall sein durfte. „Nun, meine Freunde – es ist so, dass wir uns bei der Papierherstellung noch quasi in den Kinderschuhen befinden. Auch ich muss mich erst noch um eine aktive Einführung in diese Kunst bemühen; lieber wäre mir aber gleich einen Meister zu finden, der in Eisenmühlen ansässig wird.“ Das mit den Mühlwerken war so eine Sache. Er war viel mehr an einer gut gehenden Schmiede interessiert und Stein überdauerte Papier ohne Frage, dennoch - der Ambosszwerg konnte dem Gedanken durchaus etwas abgewinnen. „Vielleicht könnten wir ja gemeinsam eine Art Projekt gestalten? Oder ich euch, sofern die Herstellung funktioniert, eine Art Sonderpreis einräumen? Das müsste ich mir natürlich alles genau ansehen, aber irgendetwas bekommen wir schon hin. Und wenn es nur eine Bevorzugung bei der Lieferung ist oder ein Probemuster, bei dem ersten Besuch meinerseits in eurer beider Güter?“

Die Sorgen ihrer Mutter über diese Reise mochte sie mitnichten teilen, denn all ihr Erleben bisher war wohltuend und reich an neuer, freundlicher Bekanntschaft gewesen. Hoffnung keimte in ihrem Herzen, da Xanthrax sie als Freundin anredete. Die beiden Gefährten, mit denen sie das Gespräch führte, waren ihr auf Anhieb wohlgefällig, und umso größer ward ihre Freude, da sie spürte, dass solche Zuneigung wohl beiderseits war. Da sprach Aerin, mit glänzendem Blick und festem Mute: „O, was für ein herrlicher Gedanke! Lasst uns vereinen unsere Kräfte und einträchtig nach diesem Ziele streben. Meine Eltern sind wohl mit Recht von bedächtigem Wesen, denn das Handwerk der Papiermacherei ist unserem Hofe fremd und unerprobt. Doch nun, da ich in euch so treffliche neue Freunde gefunden habe, bin ich gewisser denn je: Wir sollen dies Wagnis gemeinsam wagen – mit Herz, Verstand und frohem Mut!“ Das klang schon sehr nach einer Kooperation. Insgeheim war der Ambosszwerg froh, in dem Punkt nicht alleine zu sein. Er begriff nach wie vor nicht, wie Menschen dem Gedanken nachhängen konnten, wichtige Zeugnisse und Erlebtes auf flüchtigem Papier festzuhalten.
Xanthrax selbst hatte das Schreiben und Lesen nur mühsam erlernt. Rechnen war kein Problem und es interessierte einen Ork in der Regel nicht, ob man ihm einen Brief vortragen konnte, bevor man ihm den Schädel einschlug doch – beides war unerlässlich.
„Das bekommen wir schon irgendwie hin. Wenn sich mehrere kluge Köpfe zusammenfinden, dann kann so eine Idee nur etwas werden.“ Er schenkte den beiden ein aufrichtiges und ehrliches Lächeln. Papierherstellung – er hatte erst fast 200 Jahre alt werden müssen, um sich überhaupt einmal mit diesem Thema zu befassen. Firunhard war regelrecht erleichtert, so schnell neue Bande geknüpft, das hatte er sich viel schwieriger vorgestellt. Wenn er nur an die Worte seiner Großmutter dachte, was man nicht alles bei der Etikette beachten muss. Aber eigentlich waren die Neuen Bekannten sehr umgänglich. Vor allem beim Zwerg empfand er es eigentlich so, dass er sich weniger um diese formellen Vorgaben kümmerte, solange man nur ein aufrichtiger Mensch war. Die beiden Güter dürften ja so ziemlich das Gegenteil seiner Heimat sein. Aber das war ja auch ein weiterer “Auftrag”, nachdem er praktisch sein ganzes Leben im Wald oder Gebirge verbracht hat, soll er doch noch zumindest die anderen Seiten des Herzogtums kennenlernen.
Ruhig segelte die Concabella mittig im Fluss, oben im Krähennest hielt ein Mann Ausschau, an den Seiten der Bugterrasse standen zwei erfahrene Matrosen mit langen Staken bereit, um Treibgut, welches dem Schiff gefährlich werden konnte, vom Rumpf abzulenken oder in seichtem Gewässern beim manövrieren der Concabella zu unterstützen. Auch war es ihre Aufgabe das Schiff sicher an einer Anlegestelle zu vertäuen. Auxilia ließ sich den Wind um die Ohren wehen und schloss die Augen. Sie hörte die Gespräche und den Gesang zu. Auxilia atmete tief durch. Theodora war woanders beschäftigt und genoß wahrscheinlich die Fahrt. Oder sie ging einen Matrosen mit ihren Fragen auf die Nerven. So wissbegierig. Woher sie dies wohl hatte? Auxilia beschloss sich ein wenig die Beine zu vertreten. Das Schiff fuhr ruhig, dennoch wippte die erprobte Kriegerin leicht mit den Füßen um den Untergrund auszutesten. Sie war zwas als Ritterin ausgebildet, hatte aber nie viel gekämpft. Aus der Übung wollte sie aber niemals kommen. Sie ging einmal das Oberdeck ab, schaute neugierig auf das Wasser hinab. Sie hatte keinerlei Ahnung von der Schifffahrt, Reling hieß das Geländer, wenn sie sich richtig erinnerte. Sie strich mit der Hand darüber. Das Wasser war so ruhig, schon fast beruhigend das Glitzern der Sonne auf der Oberfläche. Sie fröstelte und zog ihren Schal zurecht. Der dicke Wintermantel verdeckte das darunterliegende Wollkleid mit dem Familienwappen und das Wappen ihres Lehen. Das Schwert hing an der Seite, verborgen unter Fell und Leder. Schließlich beschloss Auxilia einmal den Salon aufzusuchen. Sicher war es dort wärmer.

Auf dem Achterdeck

Das Schiff war havenisch getakelt, es besaß dreieckige, schräg am Mast befestigte Segel, die eine große Wendigkeit auf engen Flussläufen ermöglichen. Die zwei hohen Masten ragten stolz in den Himmel, der vordere trug ein Krähennest– eine kleine, mit einer Reling gesicherte Plattform, von der aus Ausgucke den Flusslauf und mögliche Hindernisse frühzeitig erspähen konnten. Die Segel bestanden aus robustem, fein gewebtem Leinen und waren in einem hellen Cremeton gehalten. Entlang der Kanten trugen sie kunstvolle, blaue und grüne Stickereien mit stilisierten Wellen. Auf dem Achterdeck befand sich der Ruderstand, von dem aus der Steuermann das Schiff mittels eines langen Ruderhebels lenkte. Direkt vor ihm hing an einem robusten Holzbogen eine kunstvolle, bronzene Glocke, die zur Kommunikation mit der Mannschaft verwendet wurde.
Der großgewachsene Steuermann mit dem abgegriffenen Dreispitz auf dem Kopf musterte den Neuankömmling kurz, brummte etwas Unverständliches und widmete sich wieder seiner Aufgabe. Auf die Frage des Adligen brummte der Mann unwillig und rang sich ein: „Laid an ne Johresziet, ne!“ ab, ohne den Mann an seiner Seite weiter zu beachten.
Ein kurzes Schnauben kam vom Steuermann und ein ebenso kurzes „Aye“ war vorerst seine einzige Antwort. Skeptisch schielte er zu Halmar herüber, bevor er wieder den Fluss fokussierte. Nach mehreren Herzschlägen ohne etwas zu sagen ergänzte er dann ruhig: „Saids vorsichtig was ihr sagt. Die Kapitana ist recht praiostreu. Hört ungern unhöfliches über ihn.“
„Ney! An Bord wird es wohl unjemütlich kalt. Sollten vor Anbruch der Nacht in Taindoch ankommen. Da gibbet wohl 'n Gasthaus.“ Der Steuermann griff sich an den Dreispitz und rieb mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand etwas am Hutrand herum. Die Geste wirkte so geistesabwesend, als ob es eine routinierte Handlung sei, die sein Körper da vollführte. Dann, nach einer abermaligen Weile des Schweigens, wagte der Steuermann von sich aus einen Vorstoß: „Das erste Mal auf dem Wasser?“
„Ney!“, antwortete der Steuermann bedächtig, „Die Gude liegt ja mehr in Dock als in Wasser.“ Dann sog er tief die Kalte Luft durch die Nase ein. „Is‘ aber nich die erst‘ Fahrt mit der Teuersten hier.“ Mit seiner rechten Hand strich er beinahe schon behutsam die Ruderstange vor und zurück.

Im Salon

Der Salon ist ein repräsentativer Raum für gehobene Konversation mit Gästen. Hier kann man sich in bequemen Sesseln niederlassen, um zu diskutieren oder in Büchern zu schmökern. Eine reichlich verzierte Tür vom Hauptdeck führt zunächst in einen kurzen, schmalen Gang und dann in den Salon. Eine zweite Doppeltür mit großen, vergitterten Aussparungen, die man mit einem Vorhang schließen kann, führt am Ende des Raumes zur Bugterrasse.
Schmale Butzenglasfenster an beiden Seiten lassen etwas Licht herein. Hauptsächlich wird der Raum jedoch durch die glaslosen, jedoch vergitterten Öffnungen in der doppelflügeligen Tür zum Bug hin beleuchtet, welche man jedoch auch mit kleinen, aber schweren Vorhängen schließen kann. Mit Öl gefüllte Wandlampen sorgen für eine gemütliche Atmosphäre am Abend. In der Mitte des Raums steht ein runder Tisch mit einem kunstvoll geschnitzten Fuß, um den vier lederne Fauteuils mit gedrechselten Armlehnen angeordnet sind. An den Wänden stehen zwei niedrige Bücherregale mit einer kleinen Auswahl an Reiseberichten, Chroniken und Schriften über Seefahrt. Dicke, dunkelrote Wandteppiche dämpfen den Schall und sorgen für eine angenehme Raumakustik. Eine große Seekarte in einem Holzrahmen hängt über einem kleinen Schränkchen, in dem Pokale und Karaffen aufbewahrt werden.
Phelinda stapfte mit ihrer menschenhohen Pavese in Richtung des Raumes, der hinter dem Wachraum lag. Sie hoffte, dort einen Platz für das Monstrum von Schild zu finden, da sie durchaus von der fragenden Blicke und amüsierten Ausdrücke einiger anderer Mitfahrender gewahr geworden war, wenn sie die Pavese bemerkten. Einer der Matrosen, der gerade seinen Rundgang startete, fragte etwas schelmisch: „Welcher Pforte auf Burg Crumold fehlt denn diese Tür, euer Wohlgeboren?" Phelinda streckte den Rücken durch, streckte die Brust durch und reckte das Kinn. Bestimmt antwortete sie dem jungen Burschen: „Sollten wir unter Beschuss geraten, wirst du noch dankbar sein." Danach schritt sie an ihm vorbei in den Salon.
Hinter einer der Sitzgelegenheiten hier konnte sie die Pavese erfolgreich ablegen, worum sie nach dem letzten Spruch auch ganz froh war. Sie nahm auf einer der Sitzgelegenheiten Platz, die um einen runden Tisch standen. Sie setzte beide Ellbogen auf dem Tisch auf und vergrub ihr Gesicht in ihren Handflächen. ‚Warum kann ich nicht einmal etwas richtig machen? Entweder ist es zu viel des Guten wie bei dieser dummen Pavese. Oder ich zeige zu wenig Standesbewusstsein.' Ihre Mundwinkel waren nach unten verzogen und sie konnte ein Schluchzen gerade noch unterdrücken. ‚Und das schlimmste ist, dass Mama hier ist und alles mitbekommt.‘ Um ihre Gefühle wieder in den Griff zu bekommen, löste sie ihre Schwertscheide vom Gürtel und nahm das längliche Futteral zwischen ihre stämmigen Beine. Sie fuhr immer wieder die verschiedenen Symbole auf dem Schwertknauf nach. Insbesondere den Blitz als Symbol der Besonnenheit und den Schild, der für Verantwortung stand, rieb sie sehr. ‚Wenn es doch nur so leicht wäre, Rondras Tugenden zu verinnerlichen.' Nachdem Filwald seinen Rundgang an Oberdeck beendet hatte, wollte er einen Blick ins Innere des kleinen Schoners werfen. Er kletterte die enge Treppe hinunter und betrat den Wachraum. Die beiden dort postierten Matrosen musterten ihn kurz, schienen aber ansonsten wenig Interesse an dem älteren Ritter in Schuppenpanzer zu haben. „Überraschend geräumig“, murmelte er mehr oder weniger zu sich selbst, als er den Salon betrat. An Back- und Steuerbord war jeweils eine lange Bank (oder auch „Back“) angebracht. Das verwunderte ihn etwas, kam doch der Ausdruck „Backbord“ von der Seite, an der die Bänke standen. Die Mitte des Salons nahm ein großer, runder Tisch mit mehren Sitzgelegenheiten ein. Auf einem der Stühle an dem Tisch sah er Phelinda, die Ritterin von Twergenloch sitzen. Sie machte einen etwas betrübten Eindruck.
Er überlegte kurz, ob sie vielleicht eher ungestört sein wollte. Allerdings, wäre das der Fall gewesen, dachte er, hätte sie sich sicherlich nicht zentral an den großen Tisch gesetzt. Forschen Schrittes, wie es nun einmal seine Art war, näherte er sich mit den Worten „Mit Verlaub, Ihr seht etwas betrübt aus, Eurer Wohlgeboren. Dürfte ich mich zu Euch gesellen? Vielleicht ist es mir möglich, Euch behilflich zu sein?“ Als sie die fremde Stimme hörte, blickte Phelinda auf. Der Herr von Landwacht hatte sich dazu gesellt. Sie hatte bisher wenig mit dem Mann gesprochen, aber viel des Aufhebens um seine Familie mitbekommen. Sie streckte sich und klammerte ihre Hände um das Heft ihres Schwertes, welches in seiner Scheide noch immer zwischen ihren Beinen klemmte. An den Dazugekommenen gerichtet, antwortete sie: „Natürlich, mein Herr Filwald." Phelinda schob mit einem Fuß einen der Stühle vom Tisch, um ihm den Platz anzubieten. ‚Viel Wald. Lustig.', schoss es ihr durch den Kopf, einen Gedanken, den sie beiseite schob. „Ach, nichts, was der Rede wert wäre." ‚Er hat schon sehr spezifisch nachgefragt, wie es mir geht. Mit dieser Ausflucht lässt er sich sicher nicht abspeisen.' Einem Fremden wollte sie sich jedoch auch nicht über ihr Leid anvertrauen. Sie nahm sich vor, vorsichtiger zu sein, welche Gefühle sie nach außen zeigte. Jetzt galt es jedoch, eine kluge Antwort zu finden. Mit einem schelmischen Grinsen, ergänzte die Ritterin zu ihrer vorherigen Aussage: „Und wenn‘s zu schlimm wird, lasse ich den Herrn von Mitterberg ein Lied darüber verfassen."

„Ja, ich bin mir sicher, das würde er mit Freuden tun“, ließ Filwald sich lächelnd auf den Versuch ein, das Thema zu überspielen. Er betrachtete die junge Ritterin vor ihm nachdenklich. Sie hatte höchstens zwanzig Götterläufe gesehen, wahrscheinlich weniger. Ihre Haltung drückte Stolz und Würde aus, doch in ihren grauen Augen las Filwald eine Unsicherheit, die sie nicht ganz zu überspielen vermag. Filwald erinnerte sich an Gesprächsfetzen, die nahelegten, dass sie aus einer Kaufmannsfamilie stammte. Wahrscheinlich war die Erhebung in den Adelsstand noch nicht lange her. Die Last der Verantwortung musste enorm wiegen. Es passte sehr gut in das Bild, das er sich von ihr machte, dass sie sich nicht offenbaren wollte. Würde ihm genauso gehen. Er versuchte es anders. „Auch wenn ich mir nicht sicher bin, wieviel so ein Lied helfen mag“, schloss er an die einleitenden Worte an. „Als meine erste Frau, Calderine, damals starb, hätte mir sicherlich kein Barde helfen können. Ich war am Boden zerstört. Erst Jocasta, meine zweite Frau, brachte wieder Freude in mein Leben.“
Er musste schmunzeln, als er an die erste Zeit mit ihr zurückdachte. „Sie kommt aus bürgerlichen Verhältnissen, ist ein ziemlicher Wildfang. Die nostrischen und andergaster Vorfahren sind nicht zu leugnen. Sie hatte es nicht leicht, von meinen Bürgern akzeptiert zu werden.“ Eindringlich sah er nun wieder zu Phelinda, als er fortfuhr: „Aber sie stand immer treu zu sich und mir. Wusste was sie wollte, und das es ihr zustand. Das reichte schließlich aus. Mittlerweile ist sie aus Blickenfelde nicht mehr wegzudenken“.
„Aber ich schweife ab, wahrscheinlich langweile ich Euch nur mit meinen Familienanekdoten. Sagt mal, habt hier unten vielleicht irgendwo schon einen Krug Bier gefunden? Der käme mir jetzt gerade recht, bei dieser Schaukelei von diesem Kahn!“ fuhr er lachend fort und sah sich nach einer Erfrischung um.
„Keines Wegs, Herr Filwald. Habt Dank für eure Wörter.“ Phelinda war frustriert, wie deutlich es geworden war, wie fehl am Platz sie war. Die Ausführungen des Ritters, so gut gemeint sie auch waren, hatten es nur allzu deutlich gemacht. „Bier oder sostige Verpflegung habe ich noch nicht gesehen." Sie erhob sich von dem Stuhl, biss kurz die Zähne zusammen und schaute sich ebenfalls um nach etwas zu trinken. Und vielleicht einer Kleinigkeit zu essen. Der Salon wirkte einladend. Auxilia lüftete etwas ihre Winterreisekleidung. Sie zog die Luft ein und musste schmunzeln: 'Bücher? Dies sollte doch keine Vergnügungsfahrt werden. Warum sollte man sich hier niederlassen mit einem guten Buch - wenn es ein gutes hier denn gäbe.' Dafür war die Seekarte sehr interessant. Phelina und Filwald waren anwesend, aber in ein Gespräch vertieft, wobei sie nicht stören wollte. Also schritt Auxilia mit langen Schritten auf die Karte zu und suchte nach ihr bekannten Orten entlang des Großen Flußes.
Nachdem sich bereits einige Passagiere im Salon einfanden, um der Kälte auf dem offenen Deck zu entgehen, kam ein Matrose herein, der ein Tablett voll mit Krügen transportierte. Der Matrose war recht jung und in eine einfache Hose und Hemd gekleidet. Alles an ihm sah akkurat gepflegt und sauber aus.
Alle Krüge auf seinem Tablett waren von einer schönen Schaumkrone frisch gezapften Bieres geziert. Der junge Mann kam herein und fragte deutlich in Richtung der Anwesenden: „Mag jemand der Gäste ein Willkommens-Bier trinken? Frisch aus dem Fass!“ Auxilia war in der Karte versunken und schreckte leicht auf, als der Matrose mit dem Bier hinter ihr stand. Verwirrt schüttelte sie den Kopf: „Nein, danke. Lieber kein Alkohol. Vielleicht ein frisches Wasser oder einen warmen Tee?“
„Ähm…ja, kommt noch…hohe Dame!“, antwortete der Matrose verlegen und fügte dann noch schnell hinzu: „Ich beeile mich mit dem Bier!“ Hoch erfreut, dass seinem Wunsch so schnell Erfüllung zuteilwurde, griff sich Filwald einen Krug von dem Tablett. Er betrachtete den Matrosen stirnrunzelnd. War er nicht etwas zu gepflegt für einen einfachen Matrosen? „Habt Dankt, werter Herr! Dürfte ich mich nach Eurem Namen erkundigen?“ „Merkan, mein Herr“, antwortete der Angesprochene und deutete eine Verbeugung an. Phelinda nahm einen der Krüge, probierte einen Schluck und entschied, dass ihr das Bier zu stark war für den Moment. Ein dünneres Bier könnte sie problemlos wegstecken, aber nicht dieses. Sie würde ihren Krug später an ihre Mutter weiterreichen.

Der junge Matrose schien überrascht ob der Frage und sein Gesicht verfärbte sich rötlich. „Es…es ist ein Helles, hoher Herr. Mit Hopfen gemacht…glaube ich.“, stotterte er mehr vor sich hin, als dass er sprach. Zu Sicherheit verneigte er sich dann noch tief und ergänzte: „Das Bier wurde in Crumold an Bord gebracht.“ Abarhild hatte Tarquinio in ihrer Kabine abgesetzt, wo der kleine Regenbogenbuntschreier sich nun wieder trocken und aufwärmen konnte. Wenig später rauschte die Kapitänin durch den Salon und trat durch die breite, doppelflügelige Tür hinaus auf die Bugterrasse. Dort standen zwei Matrosen mit Staken, welche die, nicht nur körperlich sehr anstrengende Aufgabe hatten Gegenstände jedweder Art vom Rumpf des Schiffes fernzuhalten. Die Matrosin Oda hatte Backbord und Wipert Steuerbord Posten bezogen. Sie stellte sich neben Oda und spähte mit ihr eine Weile schweigend den Fluss entlang. „Viel Grobzeug da aussenbords!“
„Aye!“ nickte Oda.
Abarhild trat an die Reling, griff in eine Tasche ihres Mantels und warf dann einige Silbertaler über Bord. „Auf das Aralla und ihre Naiaden uns wohlgesonnen bleiben.“ Sie klopfte Oda auf die Schulter und ging kurz zu Wipert.
„Ik hööp uns Landräten laat jo in Roh‘?“ „Dat weer noch keen dar to klöönsnacken.“ „Laat di nich ut Roh föhren un wenn dat toveel warrt segg Bescheed“ „Aye, Kaptain!“
Auch Wipert erhielt einen aufmunterndes Schulterklopfen und die beliebte Mittvierzigerin begab sich zurück in den Salon. Sie blickte sich kurz um und wurde des Matrosen mit dem Tablet mit vollen Bierkrügen gewahr. Sie hob die Augenbraue und trat an den jungen Mann heran. „Ob er mir wohl verraten möchte wer die Idee hatte zu dieser Tageszeit bereits Bier an die Leute auszuschenken, die für die Sicherheit des Schiffes und seiner Ladung sorgen sollen?“ Filwald hatte kaum einen Schluck von dem erfrischenden Bier genommen, als Kapitänin Salmfang durch den Salon rauschte und in Richtung Bugterrasse verschwand. „Was war das denn?“, fragte er in die Runde. „Und ich dachte schon, wir würden jetzt kräftig gemaßregelt, weil wir unter Tags Bier trinken“, warf er lachend hinterher. Als die Kapitänin kurze Zeit später wieder den Salon betrat und seine Befürchtung doch noch wahr wurde, musste er leider einräumen, dass sie tatsächlich einen Punkt hier hatte. War wahrscheinlich nicht die beste Idee gewesen, hier nach Bier zu verlangen. Aber wer konnte auch ahnen, dass das so schnell erfüllt wurde! „Werte Frau Salmfang“, trat er an die resolute Duttträgerin heran. „Ich muss zu meinem Bedauern einräumen, dass diese nun wahrlich nicht sehr durchdachte Aktion unter Umständen auf meinen Wunsch hin erfolgte. Ich bitte um Verzeihung, das war tatsächlich nicht sehr umsichtig von mir.“
Die Kapitänin ließ den Matrosen, der nach Filwald’s beherztem Geständnis nun erleichtert aufgeatmet hatte nicht aus den Augen. „Ich frage mich, was machst du wohl, wenn seine Wohlgeboren es für eine gute Idee hält den Anker zu werfen oder das du über Bord springst?“
Ehe der inzwischen wieder unruhig gewordene Mann etwas erwidern konnte sprach die Kapitänin weiter: „Da ich vor allem wegen letzterem kein Risiko eingehen möchte halte ich es für das Sicherste wenn du das Tablet da auf dem Tisch abstellst und dann flott das Krähennest besetzt. Wird höchste Zeit, dass der Ausguck abgelöst wird, is bannich kalt heute!“ Während der junge Matrose eilig den Salon verließ, ging ihr kühler Blick jetzt erst zu dem Adligen. Mit etwas weniger lauter Stimme als noch eben bei dem Matrosen sprach sie nun Filwald an: „Euer Wohlgeboren, ich weiß nicht wie es um euch und die anderen Ritter, Edlen und Junker steht, aber mir ist sehr daran gelegen, dass die Concabella dieses Mal in Elenvina anlegt und nicht wieder in der Werft in Havena!“ Ihr Blick ging von dem Angesprochenen über die übrigen Adligen und endete wieder bei Filwald. „Es würde mich wirklich sehr freuen, wenn wir das selbe Ziel verfolgen würden und ich denke es wäre auch ganz im Sinne des Herzogs!“ Verlegen stellte Phelinda den Bierkrug ab. Auch wenn sie nur daran genippt hatte, hatte sie einen Krug genommen. „Frau Salmfang," wandte sich Phelinda in einem Ton an die Kapitänin, von dem sie hoffte, dass er versöhnlich klang, „wo können wir Trinkwasser und vielleicht eine kleine Stärkung erhalten?"
In einem noch etwas grummligen Ton antwortete die Angesprochene: „Ersteres aussenbords, das andere in der Kombüse!“ Dann räusperte sie sich und sprach in deutlich versöhnlicherem Ton weiter: „Verzeiht, Wohlgeboren, ich sag Perainitrud sie soll hier aufbacken.“
„Ich denke, Frau Salmfang hat absolut Recht, wir sind tatsächlich nicht zum Spaß hier!“ Schmunzelnd fügte Filwald hinzu: „Nicht nur, jedenfalls“ Er ließ den Blick über die Anwesenden schweifen. Phelinda , Auxilia, Halmar und er selbst waren hier versammelt. Die meisten von ihnen schienen noch oben an Deck zu sein. „Warum rufen wir nicht alle zusammen zu einer kleinen Lagebesprechung? Einteilung der Wachen, entscheiden, wer wo am besten einzusetzen ist.. All so was. Was haltet ihr davon?“, fragt er in die Runde der Versammelten. Sie nickte Filwald anerkennend zu: „Höört sik goot an, wat he doa vörslahn deit.“ Sie schlug mit der Faust auf den Tisch: „Dann lass ich mal Wasser, Tee und eine kleine Stärkung heranschaffen und ihr versucht den Adel hier zu versammeln, euer Wohlgeboren!“ Damit verschwand die Kapitänin aus dem Salon.

Warten war noch nie Filwalds Stärke gewesen, er fühle sich besser, wenn er etwas tun konnte. Insbesondere, wenn er der Meinung war, einen Fehler gemacht zu haben, wollte er diese Schärpe gern mit Aktivität wieder wett machen. So machte er sich denn auch zügig auf in Richtung Oberdeck, um nach den Genannten Ausschau zu halten. Dem nicht getrunkenen Gerstensaft trauerte er allerdings dennoch etwas hinterher. „Nun, heut abend aber dann“, murmelte er noch vor sich hin, als er sich an Deck nach dem Ritter und den beiden Zwergen umsah.



Aerins Auftrag war ihr wohlbekannt und klar wie Quellwasser:
Erstens – dem frostigen Hauch des Draußen zu entfliehen.
Zweitens – Trank und Speis aufzuspüren.
Drittens – ihre Mutter ausfindig zu machen.
Das Ziel ward auch bald erspäht: der Salon, Hort der Wärme und Zusammenkunft. Doch ehe sie den Salon betreten konnte, trat ihr die Mutter schon aus dem Wachraum entgegen.
„Komm“, sprach Aerin mit einem schelmischen Lächeln, „lass uns ein wenig Wärme suchen – und mit Glück findet sich gar schon ein Happen zur Stärkung.“ Sie traten ein in den Salon, wo edle Herren und Damen in erregter Rede standen. Was der Grund der Aufregung war, vermochten sie nicht zu deuten. So setzten sich die beiden an den Tisch, still lauschend und abwartend. Man schien die Gäste allhier zu versammeln, auf dass eine Lagebesprechung folgen möge – ein weiser Entschluss, wie Aerin befand. Zudem hatte sie aufschnappen können, dass bald heißer Tee und ein kleiner Imbiss gereicht werden solle. Gar trefflich. Mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen, der Gewissheit, ihre kleine Mission wohl vollbracht zu haben, ließ sich Aerin tief in den weichen Sessel sinken und schmiegte sich behaglich hinein. Xanthrax war es eigentlich zuwider, dem Aufruf Filwalds zu folgen. Das lag nicht am Ritter selbst, sondern vielmehr ob des Umstandes, dass er, hier auf dem Schiff, wenig auszurichten vermochte. Einer Entermannschaft konnte er das Fürchten lehren, aber alles darüber hinaus ... Er zögerte sichtlich, als ihn der Rittersmann ansprach. Seine fachliche Expertise beschränkte sich in jenem Fall auf weit weniger, als er zuzugeben bereit war. Doch wer war er, als gestandener Angroscho, sich das anmerken zu lassen? „Wo ich gebraucht werde, da gehe ich hin“, nickte er Filwald zu. Damit wandte er sich zum Gehen und machte sich auf in Richtung Salon.

Mast- und Schotbruch

1. Abschnitt

Nach gut drei Stunden auf dem Fluss war an Deck plötzlich ein lauter Ruf zu vernehmen, kurz darauf gefolgt von einem dumpfen Schlag und einem beinahe schon bedrohlich wirkenden Knarzen von Holz. Noch bedrohlicher wirkte dann aber der panische Schrei eines jungen Mannes, der kurz, aber laut nach Hilfe rief, woraufhin eine weibliche und eine männliche Stimme laut vernehmbar zu rufen begannen: “Mann über Bord, Mann über Bord!”. Die Schiffsglocke auf dem Achterdeck begann daraufhin laut und wild zu schlagen, während die Concabella leicht gen Backbord krängte [Anm.: =sich seitlich neigte] und an Fahrt verlor.
Eben noch in ein Gespräch vertieft, fuhren Aerin und Erlberga erschrocken empor. Wohl dem, der Speis und Trank bereits zu sich genommen – sonst wär’s ein nasses Mal geworden. Lautes Rufen und ein dumpfer Schlag hallten durch das ganze Schiff und ließen nichts Gutes erahnen. „Meinst du, dass dies das Werk der Piraten sei?“, fragte Aerin mit leiser Stimme, noch immer gezeichnet vom jähen Schrecken. „Nur ein Weg führt zur Wahrheit,“ entgegnete Erlberga ernst, während sie sich erhob, „wir müssen hinauf – und unsere Pflicht tun.“ Kaum war das Wort gesprochen, da erklang panischer Ruf durch das Schiff: „Mann über Bord! Mann über Bord!“ rief ein junger Bursche mit bebender Stimme.
Die beiden Frauen warfen einander einen raschen Blick zu – und wussten sogleich, was zu tun war: Helfen. „Ich nehme den Vortritt, du bleibst mir dicht auf den Fersen“, befahl Erlberga mit fester Stimme. Aerin griff hurtig zu Bogen und Köcher, rüstete sich, und folgte der Mutter, die sich bereits an Rondragoras’ Seite begab. Rasch, doch mit wachsamer Bedachtsamkeit, begaben sie sich auf das Deck – dem Ungewissen entgegen. Noch bevor der Ruf nach dem über Bord gegangenen Seemann über das Schiff hallte, hatte das gefährliche Knarrzen von Holz Phelinda alarmiert. Ihre Ausbildung als Ritterin ließ sie Ruhe bewahren. ‚Das Geräusch kommt von achtern.‘ Sie wandte sich zum Eingang des Salons, um die Lage auf Deck in Augenschein zu nehmen, als der wiederholte Ruf nach dem „Mann über Bord!“ an ihr Ohr drang. Jetzt zählte jede Sekunde. ‚Wenn wir uns zu weit entfernen, kommt bei der Kälte jede Hilfe zu spät für den armen Kerl.“ Aber wichtiger, als vor lauter Tatendrang gegenseitig über den Haufen zu laufen, war, der Mannschaft nicht im Weg zu stehen. Die Besatzung war sicherlich auf solche Fälle vorbereitet. Während sich um sie herum Aerin, Erlberga und Rondragoras in Bewegung setzten, rannte die Kapitänin durch den Raum und verließ ihn in Richtung der Bugterasse. ‚Die Staken. Gute Idee‘, schoss es Phelinda durch den Kopf. Mit ein wenig Glück, würde sich der Seemann daran festhalten können. Sie wusste jedoch nicht, an welcher Stelle die Concabella ihr Besatzungsmitglied verloren hatte. Und falls die langen Staken nicht reichen würden, wäre ein Seil gut. Daher folgte sie den drei Edelleuten, die den Raum verließen und rief: „Hat wer von euch ein Seil?" ‚Wie ging diese Schlaufe noch mal?', fragte sie sich. ‚Aber erstmal überhaupt ein Seil finden. Konzentrier dich!'

Abarhild, die gerade auf dem Weg vom Salon in die Kombüse war fluchte laut als sie den dumpfen Schlag und das schmerzhafte Ächzen des Schiffes vernahm. So schnell die konnte eilte sie zurück in den Salon und rannte ohne Halt durch auf die Bordterrasse, an die Seite von Oda Hugendubel. “Was’s passiert Mädl?“ Die Angesprochene wies mit dem ausgestreckten Arm nach oben auf das Vorderdeck, wo sowohl Segel als auch Rahe schlaff herab hingen. Jerg fuhr erschrocken herum, während er lautenspielend zusammen mit Salinda steuerbords stand. Die Rah, an der das vordere Segel angebracht war, kippte vornüber und schlug auf das Vordeck auf, während das dicke Tau, welches die Rah oben hielt, durch die Luft peitschte und schließlich Backbord von Deck fiel. Sein Lautenspiel verstummte und Ihm kamen Erinnerungen von Seeläuten in Erinnerung, die von gebrochenen Masten erzählten. In einem Gedanken an mögliche Seile, Splitter, Masten oder was auch immer, die wie Peitschen durch die Luft hätten schnellen können ließ er seine Laute fallen und versuchte sich und Salinda mit einem beherzten Wurf zu Boden in Sicherheit zu bringen.

‚Bei Phex‘s Gold scheißenden Arschloch, verdammt sei die Etiquette‘ ging Ihm im Flug durch den Kopf. Alles passierte schnell und hektisch. In einem Moment knarzte Holz, als würde ein Baum gefällt, im nächsten schrien Leute. Bevor Salinda irgendetwas anderen gewahr werden konnte, spürte sie einen Ruck, mit dem sie zu Boden gedrückt wurde. Sie wollte schreien, hatte aber nicht genug Luft in der Lunge, um irgendeinen Laut von sich zu geben. Die Zeit schien ihr langsamer zu laufen. Erst jetzt wurde sie sich ihrer Situation gewahr. Sie bedachte den beherzten Einsatz des Ritters: ‚Rondra sei Dank!' Intuitiv hatte sich die Kauffrau an den heldenhaften Barden geklammert, der sie gerettet hatte. Er lag noch immer auf ihr und hielt sie dicht am Boden. Nur langsam gelang es ihr, wieder Herrin ihres Körpers zu werden und den Griff ihrer verkrampften Arme und Hände zumindest zu lockern. Auxilia atmete tief durch. Es kam Bewegung um sie herum und es zog sie mit nach Draußen. Sie legte ihre Hand auf den Schwertknauf unter ihrem Mantel, griffbereit für eine schnelle Reaktion. Erst Ruhe bewahren und vor allem die Situation beurteilen.

Filwald war gerade an Deck gekommen, um Rondragoras und die Zwerge in den Salon zur Lagebesprechung zu holen, als plötzlich ein Ruck durch das Boot ging. „Dämlicher Kahn“, dachte er zuerst, in der irrigen Meinung, das Boot hätte eine Welle falsch erwischt. Als die Alarmglocke läutete und der Ruf „Mann über Bord“ ertönte, erkannte er die Bedrohlichkeit der Lage. Schnell eilte er in Richtung des Rufes. Anniella befand sich unmittelbar in der Nähe des von Bord gestürzten, nun im Wasser befindlichen Matrosen, an Deck. Sie hatte aber zunächst nur den Schlag gegen das Schiff und seine Erschütterung gespürt, und als nächstes beherzt die Reeling zum Festhalten ergriffen."- immer eine Hand für das Schiff ! - fuhr ihr urplötzlich in den Sinn, auch wenn ihr im Moment des Schreckens entfallen war, wo sie diesen Satz wohl gehört hatte. Firunhard konnte momentan nichts anderes tun, als sich an der Reling festhalten, als der Boden des Schiffes sich unter ihm zu neigen begann. Durchatmen. Dann sah er sich um, einer der Matrosen ist anscheinend über Bord gegangen. Doch dort sah er, unter anderem, Anniella von Firnholz, zu Hilfe eilen. Aber was war dieser dumpfe Schlag? Er versuchte die Ursache dafür zu finden. Während sein Blick über das Schiff streifte, bekam er doch wieder eine Hand von der Reling los. Instinktiv wanderte die frei gewordene Hand zu seinem Bogen. Firunhard konnte schließlich sehen, dass der Schlag von der Rahe der vorderen Mastes stammen musste, deren Haltetau sich wohl gelöst hatte, weswegen das lange Stück Rundholz gekippt und mit dem vorderen Ende auf dem Vorderdeck aufgeschlagen war. Die Geräuschkulisse riss Luzia von Nadelgrat aus ihren Gedanken um Papageien und ob sie selbst wohl ein Brutpaar beschaffen könnte - sie bezweifelte, dass sich diese in den kalten Wintern ihres Lehens wohl fühlen würden - und hastig sah sie sich nach der Quelle um. Beim Ruf „Mann über Bord“ schüttelte sie ihre Überraschung jedoch ab, packte sich eines der Seile welche an Deck vertäut waren und begann in die Richtung zu eilen.

2. Abschnitt

Der Steuermann brüllte Befehle und drückte das Ruder mit aller Kraft von links nach rechts und wieder zurück, sodass das Schiff sich abwechselnd seitlich gegen die Fluten neigte und an Fahrt verlor. Und dennoch war der in die eiskalten Fluten gestürzte Matrose bereits gut zwanzig Schritt abgetrieben und hatte bereits das Heck des Seglers passiert. Die Enden der Rah, an der das vordere Segel angebracht war, baumelten unkontrolliert von oben nach unten, während das Segel selbst schlaff im lauen Wind flatterte und die Rute zu den wippenden Bewegungen verleitete. Eine Matrosin und ein Matrose machten sich daran, das hintere Segel zu reffen, während zwei weitere Matrosinnen an Deck gerannt kamen und versuchten, die Enden der Taue auszumachen, an denen das vordere Segel befestigt war. Eine der Matrosinnen erfasste die Situation recht schnell und rief der anderen zu: “Das Schot hängt Backbord über! Los, los, los!”, woraufhin die zwei Frauen zur linken Seite des Schiffes eilten und begannen, das dicke Tau, welches über Bord hing, einzuholen. Die Schiffsglocke hörte derweil auf zu schlagen und der Steuermann brüllte von Achtern: “Merkan ‘s über Bord!” Die Kapitänin, die Oda’s Arm gefolgt war nickte besorgt.
Es gab nicht viele Möglichkeiten für das was da passiert war. Aber dem nachzugehen musste warten, jetzt galt es der Lage wieder Herr zu werden und Merkan rasch aus dem Wasser zu bekommen. Hoffentlich war der Kerl noch bei Bewusstsein, je nachdem wie weit er oben war als er abgestürzt war konnte es gut sein, dass er jetzt ohnmächtig im Wasser trieb und ein Umstand der seine eh geringen Überlebenschancen nicht gerade erhöhen würde. Na, zumindest hatte sich ihre schlimmste Befürchtung nicht erfüllt und die Concabella war nicht mit einer großen Eisscholle oder ähnlichem kollidiert und leckgeschlagen. Sie klopfte der Matrosin auf die Schulter.
„Halt weiter die Augen auf, nicht das uns jetzt noch was rammt!“
Damit drehte sie sich um und eilte hinauf an Deck.

‚Hoffentlich ist das Schiff nicht Leck geschlagen, durch den Knall. Es wird irgendwas unter der Wasserlinie gewesen sein, gegen das wir gestoßen sind.‘ dachte Anniella bei sich. Dann begann sie sich in Richtung der Matrosen achtern zu bewegen um zu sehen, wo sie helfen konnte. Sie stieg auf die Aufbauten des Oberdecks, um beim Reffen des Segels zu helfen. Segel reffen heißt erstmal nur einholen, also packte sie hinter dem Matrosen geradewegs mit an, um das Schot zu holen, welches zum Reffen des Segels diente, und so die Mannschaft zu unterstützen.

Phelindas Frage nach einem Seil hatte keine Antwort erhalten, was angesichts der chaotischen Situation verständlich war. Sie war den Leuten gefolgt, die sich aus dem Salon nach draußen bewegt hatten. Sie konnte erkennen, dass die Fahrt sich verlangsamte und das Schiff von links nach rechts schwankte, vermutlich ein Manöver des Steuermanns, um die Concabella weiter auszubremsen. Wie sie es erwartet hatte, war die Besatzung damit beschäftigt, der Lage Herr zu werden. Sie sah, dass die Herrin Aniella an einem Tau werkelte. Um an einem sinnvollen Vorhaben teilzuhaben und nicht noch mehr Chaos zu verursachen, fragte sie: „Kann ich euch zur Hand gehen, Herrin?" „Hallo, ich weiß nicht genau. Ich helfe hier auch nur den beiden. - aber sag nicht Herrin zu mir, ich bin selbst noch Knappin.“ antwortete Anniella. „Wir sollten vielleicht zusehen, dass niemand über die eingeholten Taue stolpert, aber ich weiß nicht, wo man die. festmacht und richtig zusammenrollt, dass sie keinen Platz mehr wegnehmen.“ sagte sie zu Phelinda. ‚Ah, richtig‘, schoss es Phelinda durch den Kopf. Sie hatte Anniella mit einer der anderen Damen verwechselt Ihr Erinnerungsvermögen an Gesichter war um Längen schlechter als ihr Namensgedächtnis. ‚Aber egal. Jetzt gilt es, diese Leine aufzuschießen.' Sie erinnerte sich, wie sie im Windhag zahllose Taue auf- und abwickeln – und die entsprechenden Fachwörter lernen – musste. Entsprechend wanderte ihr Blick von der Leine die Reling entlang, auf der Suche nach einem Belegnagel, auf dem sie die Leine befestigen könnten. Auxilia stand oben an Deck. Um sie herum Chaos. Sie verstand nichts von den gebrüllten Befehlen. Unschlüssig sah sie sich um. Soweit sie es beurteilen konnte, waren genug helfende Hände dabei die Situation unter Kontrolle zu bringen. Jeder wusste, was zu tun war und es wurde an allen Seiten geholfen. So entschied sie, sich an die Seite zu drücken um niemanden im Weg zu stehen und hielt die Augen auf und Hände bereit, um spontan zupacken zu können, wo Hilfe gebraucht wurde.
Zwei Stufen auf einmal nehmend, hastete Luzia auf das erhöhte Deck hinauf. Sie wusste nicht genau, wo sich der über Bord gegangene Matrose befand, aber ihr war klar, dass es schnell gehen musste. Deshalb hielt sie sich gar nicht lange mit Ausschau oder Knoten auf, sondern schleuderte das Seil, ein Ende um den Arm gewickelt, in den großen Fluss. Doch noch während sich das lange Tau im Flug entfaltete, sank ihr die Hoffnung. Der Matrose war bereits weit abgedriftet. Das würde eine knappe Sache werden. Als Firunhard beim vorderen Mast angekommen war, erblickte er das Rundholz, das auf Deck aufgeschlagen war. Es waren schon ein paar damit beschäftigt, die Taue wieder zu versorgen und so versuchte er zumindest das Rundholz so zu sichern, dass es niemandem beim Schwanken des Schiffes gefährlich werden konnte oder gar über Bord geworfen werden konnte. Jerg stand ein wenig zittrig wieder auf und Verhalf Selinda auf die Beine. „Bitte verzeiht werde Dame, ob der ruckigen Aktion.“ schnappte sich, ohne auf eine Antwort zu warten seine Laute und schritt ein wenig orientierungslos über das Deck.
Filwald war kaum an der Backbordseite angekommen, als um ihn herum dass Schiff zu explodieren schien. Von überall her kamen plötzlich Leute, jeder schrie durcheinander. Aber so richtig zu wissen, was zu tun war, schienen die wenigsten. Er machte da keine Ausnahme, das war ihm völlig klar. So versuchte er wenigstens, nicht im Weg zu stehen. Plötzlich wurde Filwald stutzig. Was hatte die Kapitänin gerufen? Wer war da ins Wasser gefallen? Merkan? Der sehr höfliche und für einen Matrosen viel zu gut gekleidete Matrose, der ihnen vorhin netterweise die Bierkrüge gebracht hatte. „Das‘ ja ein seltsamer Zufall“, dachte er. Was hatte Salmfang noch gemeint, um ihn zu bestrafen? Er solle ins Krähennest. Filwald spähte nach oben. War da oben irgend etwas zu entdecken? Ein loses Tau= Oder vielleicht sogar jemand anderes? Der Blick nach oben verriet ihm jedoch, dass das Krähennest verwaist war.

3. Abschnitt

Der Steuermann wies, während er mit dem Ruder kämpfte, auf einen Seilhaufen, in dessen Mitte ein etwa fassgroßes, rundes Holzgebilde lag. „Die Schwimmboje, schnell!“, rief er Rondragoras zu, hinter dem nun auch Luzia auf das Achterdeck gerannt kam und eine ebensolche Konstruktion bereits in Händen hielt. Beim Blick über die Reling konnte man den unglücklichen Matrosen sehen, der knapp ein Dutzend Schritt flussabwärts trieb und immer wieder mit den Armen wedelte, so als wolle er auf sich aufmerksam machen.

Dankbar für die Hilfe machte Luzia etwas Platz für Rondragoras und hielt sich mit einem Bein gegen die Reling bereit den Matrosen aus dem Fluss zu ziehen. Gleichzeitig reckte die Junkerin den Kopf um zu sehen wo sich der Schwimmer befand.
Zwischenzeitlich konnte das große Schot, ein dickes Tau, welches die Rahe hielt, von den beiden Matrosinnen dank der Hilfe von Anniella und Phelinda wieder an Bord gezogen werden. Die Hände begannen bei dieser Tätigkeit recht schnell stechend zu schmerzen, denn das eisig kalte Wasser hatte das Seil bereits durchtränkt. Eine der Matrosinnen wies auf eine wuchtige Klampe unten am Mast: „Da muss es ran!“ Glücklich, auf die Klampe am Mast hingewiesen worden zu sein, entsann Phelinda sich der wichtigsten Schritte beim korrekten Aufschießen der Leinen. Im Windhag hatte sie so manche Wuhling verursacht, also Tauwerk schlecht aufgewickelt, bevor sie die richtige Technik gelernt hatte. Und glücklicherweise waren diese Erlebnisse noch keine drei Götterläufe her. An Anniella gewandt, sagte die Ritterin: „Wir müssen immer gleich lange Rollen bilden.“ Sie zeigte ihr, wie sie sich das Aufwickeln vorstellte und wollte Anniella direkt in die Arbeit mit einbinden, denn mit jeder Berührung des Taus schmerzte ihre Hand mehr. ‚Die Törns können entweder die Matrosen machen oder ich kümmer‘ mich drum.‘ „Wow, schwer und eisekalt“. entglitt das Erstaunen Anniellas Mund. „Gut, also, wie wäre es, wenn ich das dicke Tau hebe und Dir anreiche und Du es da auf den Nagel packst? Ich gebe Dir genug Seil, und Du musst nur darauf achten, dass es oben zu liegen kommt. Dann können wir die Schlingen gut übereinander heben, und genau gleich lange Schlaufen machen. Ja?“ Anniella wollte sichergehen, dass sie es richtig verstanden hatte. Phelinda war froh über die schnelle Auffassungsgabe der jungen Frau. Sie hatte sich deutlich schlechter geschlagen auf ihrer Aventiure, als sie das Segeln gelehrt wurde. ‚Wenn wir das hier heil überstehen, ist ein großes Lob fällig.‘ Aber für den Moment war dafür keine Zeit und so sagte sie stattdessen: „Genau!“, während sie das nasse, kalte Tau annahm und darauf achtete, die Schlingen etwa gleich groß zu formen, bevor sie sie an der Klampe befestigte.
Firunhard hingegen, der auf das Bugkastell geeilt war, kostete es beinahe seine ganze Kraft, die große Rahe, die nur noch lose am Mast baumelte, in Zaum zu halten. “Aaaaarrrggg” entkam es Firunhard. Das Rundholz war doch schwerer zu bändigen als es sich vorgestellt hatte. Hätte er sich aber auch denken können, die Erinnerungen an die Flößer, denen er immer gerne zugesehen hatte wurde wach. Langsam konnte er sich auch vorstellen warum dieser Beruf als gefährlich angesehen wurde. ‘Vielleicht kann ich das Rundholz zumindest vorübergehend irgendwie verklemmen, befestigen oder verzurren, bis das die Matrosen helfen können.’ schoss es ihm durch den Kopf. Mit seinen mittlerweile vor Schweiß brennenden Augen sah er sich in seiner unmittelbaren Umgebung um. Abarhild erreichte das Deck verschaffte sich einen kurzen Überblick, fluchte: „Wo ist dieser Ratberp, schon wieder?“ Dann eilte sie weiter zum Steuermann.
Ein ziemlich rundlicher Matrose mit Backenbart und Halbglatze trat etwas behäbig zu Firunhard. Er blickte recht stumpf zu ihm herüber und meinte dann mit monotoner Stimme: „Braucht ihr Hilfe?“ Langsam wieder zu sinnen kommend sah er Firunhard und einen Matrosen mit einem Brett hantieren „Hey, ich helf euch, sagt mir nur wo ich drücken oder ziehen soll!“ und stellte sich dazu, sichtlich erleichtert etwas zu tun zu haben, was sich richtig anfühlt.
“Ich kann euch nur bitten auch festzuhalten. Leider habe ich keine Ahnung von Schiffen. Nur das nichts weiteres über Bord gehen soll.” Dankbar blickte er den Mann an dessen Lautenspiel er doch auch sehr genossen hatte, daneben würde er mit seiner Flöte nur peinlich aussehen. ‘Wo steckte eigentlich Perigor?’ schoss es ihm durch den Kopf. Er sah den Wolfsjäger, den Zwölfen sei Dank, noch an Bord. Den Schwanz hatte sein Begleiter aber eingezogen und versuchte, niemanden vor die Füße zu laufen. An Jerg gewandt sprach er: “Ich hoffe der Matrose, weiß was er tut, das Ding ist echt schwer.” „Natürlich weiß ich was ich tu.“ maulte der dicke Matrose herum, ob Firunhards Worte und so zurückhaltend er eben noch wirkte, schob er sich mit grimmiger Mine die Ärmel hoch und packte mit an. Seine starken Arme zogen kräftig, so dass für Jerg und Firunhard die Last um einiges leichter wurde. Filwald war anscheinend als einziger Mittschiffs geblieben während alle anderen wie von der wilden Hummel gestochen kreuz und quer durcheinander liefen. Er beschloss, sich erstmal einen Überblick zu verschaffen, wer wo was schon tat. Dort würde er dann wahrscheinlich nur im Weg stehen. Rondragoras und Luzia waren am Achterdeck und versuchten, den über Bord gegangenen Matrosen ein an einem Tau befestigtes Fass oder etwas Derartiges – genau konnte Filwald das von seiner Position leider nicht erkennen – zuzuwerfen. Das andere Ende des Taus schienen Phelinda und Anniella befestigen zu wollen. Die junge Ritterin schien sich in ausschweifende Erklärungen zum korrekten Aufwickeln eines Taus auszulassen. Seltsamer Zeitpunkt für eine Schulung in Seemannskunde, dachte Filwald kopfschüttelnd. Auf der anderen Seite des Schiffs am Bug kämpften Firunhard und Jerg mit einer Art Holz. Sie hatten bereits die Unterstützung eines weiteren Matrosen. Hier konnte er also auch nicht helfen. Wen er nicht sah, waren die Zwerge und die beiden Auensteins. Waren die noch unter Deck geblieben? Filwald hoffte inständig, dass nicht noch mehr Passagier über Bord gegangen waren… Mit gemischten Gefühlen spähte er vorsichtig über die Reling. Das Wasser führte etliches Schwemmgut mit, das hier und da mit unschönem klacken und kratzen am Schiffsrumpf entlang polterte. Weitere Personen entdeckte Filwald aber nicht im Wasser

Filwald schaute genauer hin. Welcher Art war wohl dieses Schwemmgut? Konnte es sich vielleicht um eine Art Angriff mit Baumstämmen oder ähnlichem handeln? Oder waren es nur normale Eisschollen? Filwalds Augen entdeckten vornehmlich Eisschollen, die aber teilweise schon eine beängstigende Größe hatten, wenn man nur mit einem Ruderboot unterwegs gewesen wäre. Der starke Rumpf des Flussseglers jedoch, schob sich recht mühelos durch das Treibeis. Hier und da trieben auch natürliche Gegenstände wie Äste, zusammen gefrorene Blätterklumpen oder Grasbüschel vorbei oder ein größeres Stück Rinde. Nichts davon jedoch größer oder dicker als ein Unterarm.

Und wo zum Praios waren die Zwerge hin verschwunden? Einer jener Zwerge, Xanthrax, tauchte alsbald neben dem Ritter auf. Seinen Streithammer hielt er dabei mit der rechten Hand umklammert. Anstatt sich bei dem Trubel einzumischen, gesellte er sich zu Filwald. Ihm selbst war klar, wie wenig Hilfe er hier bot. Dafür waren die Matrosen und Seemänner gedacht. „Wisst Ihr, was passiert ist? Ich habe nur eine Erschütterung gespürt, Schreie gehört und dann“, er deutete mit der freien linken Hand in Richtung der Mannschaft, „bin ich bereits nach oben geeilt. Werden wir angegriffen?“ Genau solche Momente riefen ihm wieder in Erinnerung, warum er Boote so sehr hasste.

„Bei Praios! Was bin ich froh, Euch zu sehen, werter Herr Xanthrax!“, antwortert Filwald erleichtert, als er die Stimme des Angroscho neben sich vernahm. „Ich hatte schon fast befürchtet, Ihr wäret ebenfalls über Bord gegangen. Nein, es scheint kein Angriff vorzuliegen“. Nachdenklich fügte er hinzu: „Zumindest kein offensichtlicher. Etwas scheint das Boot gerammt zu haben und ein Matrose ist backbords über Bord gegangen. Aber ich denke, unsere werten Mitstreiter und die tapferen Matrosen haben die Sache im Griff. Lasst uns lieber aufpassen, dass nicht noch etwas schlimmes passiert!“ Ganz vorne am Bug des Schiffes stand hingegen Halmar und spähte nach wie vor von Ufer zu Ufer. Doch so sehr er sich auch anstrengte, etwas verdächtiges zu erspähen, an den Ufern schien alles ruhig.

4. Abschnitt

Luzia und Rondragoras warfen die Schwimmboje in hohem Bogen vom Achterkastell des Schiffes und sie traf nur ein halbes Dutzend Schritt vor dem panisch schwimmenden Matrosen auf die Oberfläche des Flusses. Das Seil jedoch glitt schnell über die Reling und ein Blick über die Schulter verriet den beiden Rittern, dass es sich in wenigen Augenblicken abgewickelt haben musste. Der noch immer mit dem Ruder kämpfende Steuermann wies auf die Schwimmboje, welche am Heck des Schiffes hinter dem Ruderstand festgemacht war: „Nehmt die da!“, rief er den beiden zu. Kurz entschlossen gab Luzia die erste Boje auf und eilte zu der Heckboje, auf welche der Steuermann verwiesen hatte. Die Junkerin hievte das Fass hoch, dann blickte sie zu Rondragoras, ohne sich lange mit Formalitäten aufzuhalten. „Helft mir, bitte, wir schleudern das Ding gemeinsam auf drei, Achtung auf seinen Kopf.“ Mit dem Kinn wies sie in Richtung des Schwimmers.
Abarhild erreichte den Steuermann.
Der Mann mit den tätowierten Unterarmen war sichtlich gestresst. Die Kapitänin legte beruhigend die Hand auf seine Schulter. „Hast die Sache gut im Griff, Diemut!“ Sie blickte zum Heck.
„Hilf den Beiden Merkan zu retten, ich übernehme!“ Die leicht übergewichtige Frau war trotz des Gerennes überraschend gut bei Atem. Der Steuermann eilte zu den beiden Rettern während die Kapitänin das Steuerruder übernahm. Am vorderen Mast versuchen Phelinda und Anniella das dicke Tau um die Klampe am Mast zu wickeln, was sich als nahezu unmöglich erwies. Die Fasern des Taus waren vom eiskalten Wasser durchtränkt und steif gefroren. Die Hände der beiden Frauen schmerzen bei jedem Griff, wie von tausend Nadeln gestochen. Es dauerte nicht lange, bis die Eiseskälte erst Phelindas Finger, dann ihre Handflächen durchdrang. Die anfänglichen Schmerzen, die dem Empfinden einer Verbrennung nahekamen, wurden immer stärker, bis sie verschwanden. Zunächst waren es die Finger, die nicht länger schmerzten, als brannten sie, dann weitere sich die Taubheit auf ihre Handballen aus. Als sich in Unterarmen und Ellbogen der stechende Kälteschmerz ausbreitete, wurde Phelinda bewusst, dass sie sich den Tod holen würden, wenn sie so weiter machten. Sie rief über den Wind und sonstigen Tumult: „Wir müssen unsere Arme schützen! Kannst du das Tau für einen Moment halten?" Noch während sie auf die Antwort wartete, suchten Phelindas Augen bereits nach trockenem Stoff, den sie über ihre schmerzen Gliedmaßen legen könnte. Anschließend würde sie das Tau halten, damit die Knappin sich einen geeigneten Schutz suchen könnte. Auch Anniellas Hände waren bald taub vor Kälte. Zudem ließ sich das Tau immer weniger zu den sogenannten „Törns“ legen, wie sie eigentlich beabsichtigt hatten. Immer wieder nahm sie eine Hand, sobald sie frei war an den Mund um sie mit ihrem warmen Atem zu wärmen. Aber bald spürte sie ihre Finger nicht mehr. „Ich weiß nicht, ob wir das überhaupt schaffen, das aufzuwickeln, es ist steif gefroren!“ antwortete Sie Phelinda. Auf dem Burgkastell hielten Firunhard und Jerg die lose Rahe so gut wie möglich in der senkrechten Stellung, sodass sie nicht vom lauen Wind und der Bewegung des Schiffes hin und her geschwenkt wurde. Der Matrose hingegen ging zu einem Brett mit einer Reihe Belegnägeln und begann damit, dort ein Seil abzuwickeln, welches wohl mit dem Segel, das an der Rahe zerrte, verbunden gewesen ist. Man sah ihm an, dass ihm diese Tätigkeit Schmerzen verursachte.
“Einer von uns sollte dem Matrosen direkt zur Hand gehen”, sagte Firunhard zu Jerg. “Er sieht mir auch ziemlich mitgenommen aus. Könnt ihr alleine festhalten oder wollt ihr zum Matrosen?” „Mir zittern jetzt schon die Arme! Ich fürchte, wenn Ihr los lässt fliege ich mit dem Brett mit!“ kam unter Anstrengung aus Jerg hervor. „Packt Ihr es alleine? Dann schau ich nach dem Seemann!“ “Ja, helft dem Matrosen. Ich werde es schon schaffen.” presste Firunhard hervor. Inständig hoffte Firunhard, dass die letzten Jahre das Training am Bogen und die Kletterpartien auf der Jagd nun bezahlt machten. Der Matrose, der vorhin so zögerlich schien, guckte stur auf das Seil, das er abwickelte. Auch wenn sich sein Gesicht hier und da vor Schmerz kurz verzog, schien er doch gewillt zu sein, unbedingt zu helfen. Mit geübten Griffen hatte er irgendwann das Seil weitestgehend abgerollt und sah zu Jerg und Firunhard zurück. „Achtung! Auffangen!“ rief er nur, während er mit einer schwungvollen Geste ausholte und das abgewickelte Stück zu den beiden Männern herüber warf.
Kaum seinen Satz beendet kam das Seil bereits angeflogen. Reflexartig drehte sich Jerg um und griff nach dem Seil. Es gelang Ihm auch und ein Stoßgebet zu allen zwölf Göttern kam Ihm durch den Kopf, dass Firunhard mehr Muskeln hat als er, sonst würde das Abenteuer hier schnell sehr schmerzhaft werden. Ein seufzen ging durch Ihn durch, als die Muskeln vom Brett befreit wurden, nur um vom schweren Seil erneut gefordert zu werden. Kaum hatte Jerg losgelassen, bewegte sich die Rahe. Schmerz fuhr ihm durch den linken Arm, schaffte es aber doch noch irgendwie die Rahe festzuhalten. Wenn das mal hoffentlich nur blaue Flecken geben wird. Den Bogen wird er die nächsten Tage wohl nur unter Schmerzen spannen können. Mit einem fast flehenden Blick sah er auf und hoffte das Jerg das Seil schleunigst um die Rahe band. Jerg war kein Matrose und so waren Ihm die üblichen Knoten nicht bekannt. Er wickelte das Seil mehrfach um die Rahe und zog es bei jeder Wickel fester. Am Ende knotete er es mit dem erst besten Knoten, der Ihm vom Angeln bekannt war fest. „Halt noch einem Moment durch Firunhard!“ kam nochmal aus Jerg und in einer Vorahnung wickelte er das Rest Seil einfach noch einige male um die Rahe ehe er sie verknotete. „Das hält hoffentlich lang genug, bis ein Seemann den Knoten prüft!“ und ein freundlicher Klaps kam auf Firunhards Schulter hernieder. „Gut gemacht, besser als ich mit meinen Milchbrötchen Armen. Mein Bruder würde mich auslachen, wenn er das gesehen hätte!“
“Ich danke dir Jerg, ich hätte es nicht anders machen können.” Mit diesen Worten streckte Firunhard ihm den Arm entgegen. Nachdem Jerg ihm aufgeholfen hatte, fuhr er fort. “Ich weiß, wie ich eine Sehne am Bogen befestigen muss, aber die komplizierten Knoten der Matrosen sind mir ein Rätsel.” "Also, dein Bruder sollte doch eher stolz auf dich sein.” Mit einem Blick auf die Rahe fügte er noch hinzu: “Aber wahrscheinlich brauchst du dir nicht die Mühe machen, ein Lied über unsere Heldentat zu komponieren.” Er fragte sich immer noch, was eigentlich den ganzen Schlamassel ausgelöst hat, sah sich aber um ob noch jemand seine Hilfe benötigte. „Nicht dafür, wir sitzen ja alle im selben Boot!“ und ein schiefes Lächeln sollte aufmunternd wirken, die Wirkung blieb dahingehend zweifelhaft. „Ich schaue wo noch Hilfe angebracht wäre.“

5. Abschnitt

Der unglückselige Matrose kämpfte weiterhin gegen die eiskalten Fluten an. Als sich das Seil der ersten Schwimmboje jedoch straffte, wenige Schwimmzüge bevor er die Boje erreicht hatte und die nahende Rettung mit einem Ruck dem Schiff folgte und von im weg gezogen wurde, schienen ihn seine Kräfte zu verlassen.
Doch da kam bereits die nächste Schwimmboje angeflogen. Luzia und Rondragoras warfen diese mit aller Kraft über das Heck des Schiffes und das hölzerne Fässchen flog sicher zwanzig Schritt weit, bevor es platschend auf der Wasseroberfläche aufschlug. So nahe bei dem Matrosen, dass er sogar für einen Augenblick den Kopf einzog. Das Seil wickelte sich auch hier schnell ab, jedoch hatte der in Not geratene die Boje schnell erreicht und klammerte sich dann zitternd an dieser fest. „Haltet euch gut fest!“ Luzia brüllte über das Rauschen des Flusses hinweg, in der Hoffnung der Matrose möge sie hören. Die Junkerin griff sich das Seil der Boje und begann dieses mit Mühe wieder einzuholen. „Noch einmal, gemeinsam. Die Strömung ist hier ziemlich stark.“ fügte sie leiser an Rondragoras gewandt hinzu. „Ich hoffe nur der Mann kann sich trotz der Kälte festhalten.“ Der Steuermann eilte wie befohlen Luzia und Rondragoras zur Unterstützung um den Kameraden aus dem Fluss zu bergen. Indessen steuerte die Kapitänin die Concabella weiter, in dem von Steuermann Diemut Häberle, begonnenen Zickzack-Kurs, um die Fahrt des Schiffes weiterhin möglichst gering zu halten. Erleichtert sah Rondragoras, wie sich helfende Hände um das Seil schlossen, um den armen Matrosen an Bord zu bekommen. Die eiskalten Seile, das schlüpfrige Deck und das Gewicht der Bojen hatte Rondragoras Kräfte langsam schwinden lassen. Wie peinlich es doch wäre, der Junkerin hintenan zu stehen bei der Rettung des Matrosen. „Holen wir die Boje und den armen Mann ran an die Concabella!“ Behutsam gab Rondragoras den Takt vor, um den Armen nicht kurz vor seiner Rettung durch einen harten Ruck am Seil zu verlieren.

Erlberga verspürte eine halbwegs Linderung ihres Gemüts, da kein feindlich Angriff erfolgt war – zumal nicht unmittelbar. Und doch war ihr die ganze Begebenheit sonderbar zumute. Ein jäher Knall, ein Segel, das schlaff herabbaumelte, und ein Mann, der über Bord ging – all dies schien nicht dem Zufall entsprungen. Die Ursache war ihr noch verborgen, doch roch es fast nach übler List – nach Sabotage gar. „Wohl möglich“, sprach Erlberga nachdenklich, „dass jener Mann etwas erblickte, das im Verborgenen hätte bleiben sollen – und dafür ins Wasser gestoßen ward.“ Sogleich stieg in Aerin das Bild jener drei finsteren Gestalten auf, die sie unlängst am Kai gesehen hatte. „Mag wohl sein“, erwiderte sie leise, doch entschlossen. „Wie dem auch sei – wir wollen auf der Hut sein. Zuerst jedoch gilt’s, den Mann zu retten.“ Ohne Zögern traten sie an Luiza und Rondragoars heran. „Bedarfet Ihr unserer Hilfe?“, rief Aerin mit fester Stimme. Noch ehe eine Antwort kam, hatten Mutter und Tochter bereits ihre Hände ans Seil gelegt – bereit, ihren Teil zu tun.

Während Phelinda sich suchend an Deck umsah, wie sie ihre Hände vor der eisigen Kälte schützen konnte, kam eine der beiden Matrosinnen zu ihr gelaufen und hielt ein Paar Lederhandschuhe in Händen, welches sie der Ritterin reichte: „Hier Herrin. Habt Dank.“ Dankbar ergriff Phelinda die Handschuhe und streifte sie sich über, während Anniella das Tau hielt. In den schweren Arbeitshandschuhen konnte sie ihre Hände zwar noch schlechter fühlen, aber die Kälte würde sich nicht noch weiter ausbreiten. Recht unbeholfen, angesichts der tauben Hände, griff sie wieder nach dem Tau.
Anniella kam derweil der Gedanke, dass das Schot in diesem Zustand wohl kaum zu einem ordentlichen Kopfschlag getaugt hätte. Wenn es beim Setzen des Segels heute Morgen bereits in diesem Zustand gewesen ist, hätte bereits ein kleiner Fehler beim Belegen gereicht, um nicht fest auf der Klampe zu sitzen.
„Wenn das Tau so bleibt, kann das mit dem Segel jederzeit wieder passieren! Man müsste es irgendwie auftauen und dann mit mehreren Leuten richtig befestigen und korrekt wickeln, damit sowas nicht nochmal vorkommt!“ sprach Anniella die Ritterin und die bei ihr stehende Matrosin an. Woraufhin sie sich erneut warmen Atem in die hohlen Hände hauchte. ‚Es würde genügen, das Eis zu brechen. Es muss nicht tauen. Und von ein paar stumpfen Schlägen würde das Tau keinen Schaden nehmen', schoss es Phelinda durch den Kopf. Einzig, ob sie die Zeit hatten, auf dem Tau herumzuknüppeln, war fraglich. Ihr kam noch ein weiterer Gedanke: ‚Salz würde eventuell gegen das Eis helfen.' Weil sie ihre beiden Einfälle als unzureichend abtat, wartete sie, ob und wenn ja mit welchen Ideen sich die Matrosin zu Wort melden würde.
Die Matrosin, welche die Handschuhe gereicht hatte, kratzte sich nachdenklich am Kopf und blickte skeptisch auf das dicke Tau. „Irgendwie schon komisch, dass es so schlampig befestigt war. Die Kapitänin wird nicht erfreut sein. Wir sollten es erst mal provisorisch frei klopfen. Dat sollt reichen, bis wir heut Abend anlegen.“ Dann suchte die Frau den Blick der anderen beiden und guckte etwas unschlüssig. „Für weiteres würde ich die Kapitänin fragen wollen.“ Dann zeichnete sich ein herzliches Lächeln ab. „Habt Dank für eure tatkräftige Hilfe Hohe Damen. Ich kümmere mich um alles weitere. Geht doch wieder in den Salon und wärmt euch auf. Kaltes Wasser führt ganz schnell zu Erfrierungen.“ Unschlüssig blickte Phelinda zu Anniella hinüber. Einerseits war ihr etwas unbehaglich zumute, des Problems nicht vollständig Herrin geworden zu sein. Intuitiv würde sie lieber noch ein wenig mit Anniella am Seil herumwerkeln. Andererseits hatte die Matrosin natürlich recht. Die Handschuhe hatten lediglich verhindert, dass sich die Taubheit weiter ausbreitete. Die Anweisung, sich aufzuwärmen, war daher mehr als verlockend. Sie beschloss, sich nach der Knappin zu richten. Sicher würde sie besser als die Kauffrauentochter wissen, welches Handeln am standesgemäßesten wäre. In Anniellas Ohren klang noch das „provisorisch Freiklopfen“ nach, und ihr war klar, dass die Matrosin sie als hohe Gäste an Bord behandelte, weshalb sie das Angebot sich aufzuwärmen, ausgesprochen hatte. Aber auch Anniella wollte angesichts des eingefrorenen Tauwerks noch nicht klein beigeben. „Wenn wir Euch beim Weichklopfen helfen sollen, sagt Bescheid, zusammen geht es schneller und warm wird uns dabei sicher auch.“ wandte sie sich erneut an die Matrosin.

Auxilia rief einem nahen Matrosen zu: „Decken! Wenn er herauskommt, braucht er Wärme! Etwas Warmes.“ Die nächst stehende Person der Mannschaft nahm den Ruf Auxilias auf und rannte sofort los. Der Wind trug noch ein bestätigendes: „Aye aye“ herüber, bevor das Schiffsmitglied im Schiffsbauch verschwunden war.

6. Abschnitt - Gerettet! Nachbesprechung im Salon

Viel Mühe hatte es gekostet, den über Bord gegangenen Matrosen Merkan wieder an Bord zu hieven. Nur durch die tatkräftige Hilfe der Passagiere konnte der Mann aus den eiskalten Fluten gezogen und das demolierte Segel, als auch die entsprechenden Masten gesichert werden.
Das Zutun der Adligen war der Mannschaft ein enormer Nutzen, so dass die Seeleute am Ende die restlichen Arbeiten allein erledigen konnten. Der durchnässte Matrose wurde dick in Decken gewickelt unter Deck verfrachtet und an die Smutje Perainitrud Hinnerbecker erging der Auftrag, literweise Tee zu kochen, damit nicht nur der Verunglückte gewärmt würde, sondern auch die fleißigen Helfer sich aufwärmen konnten.
Nachdem das Schiffspersonal soweit wieder die Kontrolle über das Schiff erlangt hatte, wurden alle Gäste zur Besprechung und Verarbeitung der Erlebnisse in den Salon geladen. Nachdem die Matrosin Phelinda und Anniella erneut ebenfalls zum Aufwärmen unter Deck geschickt hatte, und Ihnen versicherte, alles Weitere von nun an im Griff zu haben, waren auch die beiden Frauen dem Ruf von heißem Tee und einem warmen Salon gefolgt. Anniella suchte sich mit einer Tasse dampfendem Kräutersud einen geeigneten Platz, um die Ansprache der Kapitänin zu erwarten. Vom Salon aus, hatte Salinda ihre Tochter Phelinda mit einem Tee in der Hand in eines der leeren Quartiere unter Deck geführt. Dort hatte sie andere Kleidungsstücke aus dem Gepäck geholt und Phelinda beim Umziehen geholfen. Sie hatte die Arme ihrer Tochter bei dieser Gelegenheit in Augenschein genommen und festgestellt, dass trotz der Unterkühlung keine bleibenden Gewebeschäden zu erkennen waren. Phelinda hatte ihre Mutter gefragt, wie es ihr während der Unfälle ergangen war.
Eilig waren die beiden anschließend in den Salon zurückgekehrt, wo Phelinda sich einen weiteren Tee erbat, den sie auch erhielt. Sie grübelte seit längerem, wie es wohl zu dem Unfall gekommen sein mochte. Fremdverschulden schied aus ihrer Sicht vermutlich aus, es sei denn, dass dieses auf magischem Wege bewerkstelligt worden wäre. Sie ließ den Blick über die Anwesenden schweifen. ‚Ob jemand von ihnen… ?‘ Noch ehe sie den Gedanken zuende gedacht hatte, verwarf sie ihn. ‚Aber wenn doch?‘
Angesichts der anstehenden Beratschlagung, holte Phelinda ihr Wachstafel-Triptychon und den zugehörigen Griffel aus einer Tasche und notierte darauf die bisherigen Geschehnisse. Seit ihrer Kindheit war sie im Umgang mit Griffel und Wachstafel geschult worden und es hatte sich stets als hilfreich erwiesen, auch in Rondras Diensten dieses wiederverwendbare Schreibmedium mitzuführen. Sie lehnte sich an eine Wand des Salons und war bemüht, ob ihres Schreibeifers unter ihren Standesgenossen und -genossinnen nicht aufzufallen. Auxilia griff einfach auch nach einem Tee, auch wenn sie gar nichts gemacht hatte und schaute fragend in die Runde. Sie wartete ebenfalls ab, was nun kommen sollte.

Als Jerg merkte, dass der Matrose gerettet war, gesellte er sich zu den anderen in den Salon und hörte Aufmerksam zu. Sein Lachen war vergangen, zu düster der Tag und zu verzwickt die Lage. Er lauschte den Gesprächen und trank was wärmendes. Den Göttern sei Lob und Preis, der Matrose ward gerettet aus seiner Not. Da sanken Aerin und ihre Mutter, der Müdigkeit und Sorge ledig, mit erleichtertem Seufzen in den Sessel nieder. Dankbar empfingen sie den dargebotenen Trank und kosteten behutsam davon. Aerin, der das warme Getränk wohl gefiel, erfreute sich des Tees; ihre Mutter jedoch, hegte keine große Liebe zu solchem Trunk, doch da ihr nichts Wärmendes beschieden war, nahm sie den Tee ohne Murren an. Obgleich Aerin wohlgesinnt war über das geschickte Miteinander von Schiffsvolk und Gästen, schweiften ihre Gedanken bald wieder zu jenem Gespräch, das sie mit ihrer Mutter geführt hatte. Leise, fast flüsternd, sprach die junge von Auenstein: „Meinst du, wir sollen wohl von möglicher Sabotage reden, sobald all die Gäste hier versammelt sind?“ Da antwortete Erlberga, mit sanfter Stimme und bedächtigem Ton: „Wahrlich, ich mein’s auch, dass der ein oder andere solch einen Gedanken bereits heget im Stillen. Doch lasst uns erst sehen, wohin das Gespräch uns führen mag.“ Filwald war froh zu hören, dass der Matrose Merkan wieder heil an Bord gekommen war. Er nahm sich allerdings vor, den Jungen mal in Ruhe noch zu befragen, was da oben im Krähennest passiert war. Aber erst, nachdem sich die ganze Aufregung gelegt haben wird. Jetzt war er erstmal gespannt, was diese Salmfang zu sagen hatte. Wahrscheinlich wird sie gleich wieder vom Leder ziehen und ihnen allen vorwerfen, nichts richtig zu machen. Das wird lustig werden, dachte er schmunzelnd, als er den Salon betrat. Da die Kapitänin noch nicht zu sehen war, sondern wohl an Deck noch einige Dinge regeln musste, und alle anderen erst so nach und nach im Salon eintrafen, fragte Anniella: „Wie geht es dem Matrosen? Ich hoffe, der heiße Tee hilft ihm, und er kann sich aufwärmen und ausruhen. Haben wir eigentlich Heilkundige unter uns?“ Viel Wirbel um nichts also. Kein Angriff durch Flusspiraten, Wegelagerer oder gar irgendwelche gedungenen Meuchelmörder. Unvorsichtige Schiffsbesatzung, schlechtes Wetter oder einfach nur Pech – das hatte sie erwischt. Xanthrax war dennoch froh, dass dem Matrosen nichts passiert war. Ein kaltes Grab im Fluss war wahrlich nichts, das man jemandem wünschte. „Wie wärs denn mit einem ordentlichen Muntermacher? Nach der ganzen Aufregung würde ein Schnäpschen wohl jedem gut tun“, fragte der Ambosszwerg in die Runde im Salon. Er konnte einen vertragen und wenn er auch mit Tee verdünnt sein mochte.
„Lasst das nur die Kapitänin nicht hören, sonst schickt sie gleich den nächsten armen Kerl ins Krähennest“, antwortete Filwald lächelnd auf die Forderung des Zwergs, sich an die Folgen seines eigenen Wunsches nach Bier erinnernd.
„Bevor Ihr auch nur einen Schluck trinkt, egal ob Bier oder Brand, solltet ihr an Deck gehen und etwas davon über die Reling kippen. Ich habe gehört, das ist der Brauch, wenn man den Flussvater um den Schutz für das Schiff und die weitere Fahrt bitten will.“ antwortete Anniella. Den Schutz der Götter und des Flußvaters zu erbitten, könnte helfen. Nachdem Firunhard an Deck noch ein kurzes Dankgebet an die Zwölfe gerichtet hatte, trat er grüblerisch in den Salon hinein. Der Großteil der anwesenden Mitreisenden war schon zugegen. Dem geretteten Matrosen, den seine neuen Freunde aus dem Fluss gezogen hatten, dürfte es auch den Umständen entsprechend gut gehen. Aber was war eigentlich passiert, dass es zu dieser Aufregung überhaupt gekommen ist. Bis jetzt konnte er sich einfach keinen Reim darauf machen. Also lieber mal bei einem heißen Tee aufwärmen und den anderen zuhören, vor allem was die Kapitänin zu sagen hatte. Eine Matrosin mit pausbäckigen Gesichtund rundlicher Figur rangierte ein Tablett mit dem in Auftrag gegebenen Tee durch den Salon und ließ jeden ein warmes Getränk nehmen, der mochte. Perainitrud hatte die Aufregung nur am Rande mitbekommen, da sie Vorräte inspiziert hatte. Bis der Tumult bis zu ihr vor drang, war das meiste bereits vorbei. Nichts desto trotzt aber war sie nicht minder besorgt. Nur bröckchenweise hatte sie erfahren, was passiert war und erst, als Merkan der Matrose durchnässt unter Deck gebracht wurde, dämmerte ihr, was sich etwa abgespielt hatte. Trotzdem wollte sie es noch genauer wissen und fragte hier und da die Passagiere: “Was ist denn nu genau passiert? Unser Merkan wird wohl nicht freiwillig ins Wasser gesprungen sein. Ist da oben noch alles heile? Oder hat er nu endlich die Abfuhr seines Lebens erhalten und wollte nicht mehr?“ Vor Auxilia blieb sie stehen, guckte teilnahmsvoll und fragte: „Euch hat der alte Schwerenöter aber nicht belästigt, oder?“

Die angesprochene Matrosin nickte Halmar kurz bestätigend zur Frage ihres Namens und stellte das Tablett zwischenzeitlich ab, um von der Kanne, welche sich ebenfalls auf dem Tablett befand, noch eine weitere Tasse voll zu schenken. Anschließend blickte Perainitrud zu Halmar und winkte ab. „Ach der Merkan hat immer mal wieder ein Auge auf eine bestimmte Matrosin. Ich glaube derzeit ist er Gezelin hinterher, aber ich befürchte, die ist nicht seine Kragenweite.“ Die Smutje wirkte einen Moment sichtlich amüsiert über ihre eigenen Worte. Mit vor der Brust verschränkten Armen fuhr sie fort: „Der erste Maat ist da aber noch schlimmer. Aber man sacht ja auch Namen sprechen … oder so. Nech!? Naja, wenn man schon Rahjaman heißt, hat man wohl auch von sich 'ne besondere Vorstellung.“ Wieder grunzte Peraintrud amüsiert vor sich hin.

„Weiß man jetzt eigentlich schon, was genau uns getroffen hat?“, fragte Filwald in die Runde der versammelten Adligen und Matrosen. Filwald sah sich um. Von der Kapitänen noch keine Spur im Salon. „Ich dachte, wir würden jetzt Auskunft von Frau Salmfang erhalten. Wo ist sie denn nun?“ Er fuhr fort, an die Allgemeinheit gerichtet: „Und hat man bereits herausgefunden, was genau mit Merkan passiert ist? Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein ausgebildeter Matrose bei einem solch kleinen Ruck gleich vom Mast fällt. Gibt es Zeugen des Vorfalls? Was sagt er denn eigentlich dazu?“

Die in Plauderstimmung befindliche Perainitrud sah neugierig und auch alarmiert zur Tür, als diese auf schwang und Rondragoras eintrat. Fast schon erleichtert wandte sich sich dem Tablett mit Tee zu und bot dem gerade hinzugekommenen Passagier das Getränk an.
„Merkan sacht gerade noch nix. Hab dem vorhin auch heißen Tee gebracht und der schnorchelte wie ein Stein. Sah etwas bläulich um die Schnute aus. Ich glaub, der braucht n Augenblick, bis der wieder das Babbeln anfängt.“ Dann fokussierte Perainitrud Filwald: „Was da passiert ist würd ich auch gern wissen. Irgendwer blöckte was von Mastbruch? Oder hab ich das falsch verstanden? Aber eigentlich ham wa ja alles kontrolliert vor der Abfahrt. Da war alles in Ordnung.“ Dann senkte die Smutje die Stimme: „Uns hat bestimmt die Alte mit dem Raben verflucht. Der hat bestimmt irgendwas nicht gepasst.“ Man sah der rundlich gebauten Frau an, dass ihr ein Schauer über den Körper lief.
„Das, denke ich, übernehmen die Matrosen – mal abgesehen davon, dass es hier äußerst dürftig aussieht, was einen guten Schluck angeht“, meinte Xanthrax zu Anniella und Filwald. „Eine gute Frage, was den Jungen erwischt hat. Es sieht mehr nach einem Missgeschick denn einem gezielten Anschlag aus.“ Er kratzte sich im Bart. „Oder nach einer Finte, um uns abzulenken, und in Sicherheit zu wiegen. Wenn aber jemand ein wenig Licht ins Dunkel bringen kann, dann die Frau Kapitän. Oder sonst jemand mit dementsprechender Erfahrung.“ Damit konnte er, auch mit fast 200 Götterläufen, nicht dienen. Schiff- und Seefahrt würden ihm wohl auf ewig verschlossen bleiben. Xanthrax hatte hier einen sehr interessanten Punkt angemerkt. Filwald konnte sich das eigentlich nicht vorstellen, aber man sollte es nicht ignorieren. „Ein Ablenkungsmanöver? Diese Möglichkeit ist ein wenig beunruhigend, denn es würde bedeuten, dass gerade jetzt der eigentliche Angriff stattfindet.. Wer genau ist derzeit eigentlich im Krähennest? Wer hält am Bug Ausschau?“ Fragend blickte Filwald in die Runde.

Phelinda hielt sich bewusst im Hintergrund, während sie den Gesprächen zwischen der Smutje und ihren Standesgenossen und -genossinen lauschte. Wann immer relevante Fragen oder Anhaltspunkte aufgeworfen wurde, ritzte sie diese mit dem Messinggriffel in die Wachstafel. Als nichts relevantes mehr geäußert wurde und sie auf die Kapitänin warteten, las sie ihre bisherigen Punkte: ‚Bei Abfahrt Schiff seetauglich.
Problem mit Schot und Rahsegel ➔ vorerst provisorisch repariert.
Merkan über Bord ➔ wieder an Bord/Rettung wie?
Zeugen/Ablauf?‘
Phelinda hatte den Rest der Tafel frei gelassen, um später gegegebenenfalls weitere Fakten oder Fragen zum Geschehen notieren zu können. Auf der gegenüberliegenden Tafel ihres Tryptichons hatte sie angefangen, die Mutmaßungen über die Motive und Hintergründe mitzuschreiben:
‚Sabotage?
Merkan ➔ Schwerenöter/Frauenheld ➔ Liebäugelei Motiv für Gezelin?
Erster Maat Rahjaman (nur Tratsch)
Unfall?
Alte Frau mit Rabe?? Fluch?
Finte/Ablenkungsmanöver?‘
Beim vorletzten Punkt verdrehte sie leicht die Augen. Bereits bei der Abfahrt hatten sich alles misstrauisch über die arme Alte geäußert und den Angroscho und den Elfen, die ebenfalls am Kai standen. Sie war sich ziemlich sicher, dass die Geschehnisse an Bord nichts mit den drei Figuren zu tun hatten, aber sie wollte die Sorgen und Gedanken ihrer Standesgenossen nicht komplett abschreiben. Einige hatten einige Lenze mehr Erfahrung als sie.

Erste Vermutungen

Die Kapitänin machte sich daran das Schiff zu inspizieren und mit den Matrosinnen, die sich um den Mast und das Segel gekümmert hatten, zu sprechen. Auch den erfahrenen Wipert befragte sie zu seinen Beobachtungen. Was sie nun sah und hörte zeichnete dann doch ein Bild, das ihr so überhaupt nicht gefiel und doch könnte es auch noch bedeutend schlimmer sein. Nun war es an der Zeit sich in den Salon zu begeben und mit den Adligen zu sprechen. Auxilia nippte am Tee. Sie spürte wie sich die Wärme in ihrem Körper ausbreitete. Währenddessen beobachtete sie über den Becherrand die Anwesenden. Innerlich seufzte sie erleichtert. Sie war zwar körperlich fit, aber einen echten, so einen richtigen Kampf auf Leben und Tod war doch doch einige Sommer her. Es war damals gegen Strauchdiebe bei der Ruine Altenpfort gewesen. Ein Schiffskampf hätte noch einmal eine ganz andere Herausforderung dargestellt. Auf diese musste sie es nicht unbedingt ankommen lassen. Bei Praios war nichts schlimmes passiert. der Matrose gerettet und alle wohlauf. Sie schloss kurz die Augen beim zweiten Schluck und dankte den Göttern. Wann immer das Gespräch verebbte und sie damit die Gelegenheit hatte, nippte Phelinda an ihrem Tee. Allein das Heißgetränk in den Händen halten zu können, war schon ein wohliger Genuss. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie dabei, wie sich die anderen verhielten. Eine Edeldame, ‚Aurelia? Nein, das ist es nicht. Auxilia? Ja‘, blickte sich aufmerksam um. Ihr ruhiges Verhalten war Phelinda sympathisch. „Was nun schlussendlich das Schiff getroffen hat, ist vielleicht mit dem Strom der Wasser talwärts und längst außer Reich- und Sichtweite“ sprach Anniella nun laut und vernehmbar für alle. „Wenn ich das recht mitbekommen habe, gibt es gerade mit der Schneeschmelze und im Winter mit dem vielen Wasser auch immer wieder viel Treibgut! - Zudem haben Phelinda und ich bereits festgestellt, dass die Taue steif gefroren sind und unmöglich vernünftig festgemacht werden konnten, oder richtig aufgeschossen werden konnten. Wir haben eiskalte Hände bekommen beim Versuch, die Schlingen korrekt zu legen beim Einholen des Segels. Es kann also gut und gerne ein Missgeschick gewesen sein, ein Windstoß und das Segel bläht sich in die falsche Richtung und der Merkan kann sich an einer vereisten Stelle nicht richtig festhalten . Die vereisten Pfützen an Deck haben so manchem von uns ja ebenfalls zugesetzt!“ - dann holt sie aber nochmals aus: „ Und bevor nicht eindeutig geklärt ist, wie alles zusammen hängt, möchte ich doch sehr davor Warnen, verdächtige Anschuldigungen oder unbegründete und haltlose Vermutungen loszulassen oder irgendwelche Sabotagegerüchte in die Welt zu setzen. Manchmal spielen nämlich ganz irdische unglückliche Verkettungen der Umstände dazu, dass sowas passiert.“ Dabei blickte sie erst die Smutje, aber dann auch den Zwerg und die beiden Damen an, die eingangs miteinander getuschelt hatten. „Warten wir ab, was die Kapitänin zu sagen hat!“ Anniella hatte gar nicht mitbekommen, dass sie aufgestanden war, und setzte sich nun schnell wieder und nahm noch einen Schluck von dem Tee.
Perainitrud blickte Aniella beeindruckt und nachdenklich an. Dann nickte sie langsam zur Schlussfolgerung der Dame und meinte halblaut: „Aye! Da mag was dran sein.“ Aufmerksam hörten Aerin und Erlberga Aniella zu, wohl wissen, dass sie nicht das ganze Bild des Geschehens im Blick hatten. Erlberga hob gemessen die Stimme, während sie den Blick ruhig über die Anwesenden schweifen ließ: „Was sich aus den Berichten und Beobachtungen ergeben mag, deutet zunächst darauf hin, dass wir es mit einem Werk der Kälte zu tun hatten: Die Schoten, von Eis steif gemacht, konnten die schwere Rahe nicht mehr sicher halten. So löste sich der Querbalken und fiel nieder, was sowohl den vernommenen Schlag als auch das gefährliche Peitschen der Taue und die Krängung unseres Schiffes erklärt. Es liegt nahe, hierin ein unglückliches Zusammenspiel aus Winterhärte und mangelhafter Vorbereitung zu erkennen – ein technisches Missgeschick, wie es selbst den wachsamsten Mannschaften widerfahren kann. Indessen, so klug es ist, wie die Baronesse von Firnholz riet, keine leichtfertigen Gerüchte von Sabotage oder gar Meuchelei in die Welt zu setzen, so wäre es doch ebenso töricht, bösartige Absicht gänzlich auszuschließen. Wahrer Dienst an der Gemeinschaft ist es, wachsam zu bleiben, ohne vorschnell Verdacht zu hegen. Möge der Flussvater uns lehren, dass stille Wasser manchmal trügen – und wir dennoch getrost unsere Pflicht tun.“ Auch hier nickte Perainitrud beipflichtend den klugen Worten. „Meine Damen, Eure Gedanken tragen viel Wahrheit in sich. Am wahrscheinlichsten wird es wohl gewesen sein, dass Merkan am angefrorenen Mast irgendwie gerutscht ist und deswegen den Halt verlor. Schlimm genug, bei dem Wetter den Fluss befahren zu müssen. Aber wenn der Herzog sich was in den Kopf setzt ist das halt so.“ Schicksalsergeben zuckte die Smutje mit den Schultern und sammelte ein paar leer getrunkene Tassen ein.
Phelinda ergänzte fleißig auf der Wachstafel, in der sie die Fakten notiert hatte, die neusten Punkte, die von der Gruppe angesprochen wurden: ‚Treffer? Kollision?
Treibgut?
Schoten seit wann festgefroren?
Schlag durch Aufprall der Rah?
Peitschende Taue
Krängung des Schiffs‘
Auf der Tafel, die die gemeinsamen Spekulationen und Hintergrundmutmaßungen enthielt, ergänzte Phelinda:
‚technisches Missgeschick
mangelhafte Vorbereitungen??
Winterhärte'

Sie hoffte sehr, dass die Kapitänin später in der Lage wäre, kohärent zusammenzufassen, was genau sich wo ereignet hatte. Sie hatte nämlich vollends den Überblück verloren, obwohl sie anfangs gedacht hatte, die Abläufe verstanden zu haben. Über die gemeinsamen Überlegungen zu den Hintergründen sann sie gar nicht erst nach. Grübelnd saß Firunhard im Salon und ließ sich von dem heißen Tee die kalten Finger wärmen. Der Arm schmerzte zwar noch, aber er versuchte sich nicht anmerken zu lassen. Diese Anniella hat gut gesprochen, nur weil vielleicht ein paar Zufälle sich unglücklich verknüpfen darf man nicht gleich die schlimmsten Verschwörungen annehmen. Aber irgendwie konnte er sich nicht vorstellen, dass so ein Schiff mit einer erfahrenen Mannschaft einfach ein größeres Stück Treibgut übersehen hat. Sind da nicht ein paar Matrosen eigens dafür zuständig, das zu überwachen? ‘Leider hab ich von der Organisation auf einem Schiff gar keine Ahnung.’ dachte er zu sich selbst und streichelte langsam Perigors Kopf, welchen sein Hund ihn, um etwas Liebe zu erbetteln immer wieder gegen seine Beine stieß. Hoffentlich konnte die Kapitänin den Matrosen Merkan befragen, darauf wartete er schon sehr gespannt. Nach dem Abarhild dafür gesorgt hatte, dass alle Posten, einschließlich des Krähennestes wieder besetzt waren, ging sie noch kurz zu Merkan. Als ob er auf die Kapitänin gewartet hätte öffnete er die Augen als Abarhild Salmfang an seine Hängematte trat.

Sie wechselten kurz ein paar Worte.
Danach erhielt Merkan den Befehl sich bis zum Erreichen des ersten Zieles zu erholen und die Kapitänin machte sich nun endgültig auf den Weg in den Salon.
Auf dem Weg traf sie den Maat Rahjaman Bockschlag, den sie gleich mitnahm und ihn auf dem Weg in den Salon über ihre Erkenntnisse informierte. Wenig später betraten die beiden Seefahrer den Speisesaal. Die 44-jährige mit den braunen, zu einem strengen Dutt gebundene Haar stellte sich in die Mitte des Salons und blickte in die Runde. Als sie das Gefühl hatte die Aufmerksamkeit aller Anwesenden zu haben begann sie mit fester und lauter Stimme zu sprechen: „Zu allererst möchte ich mich bei allen die sich an der Rettung Merkan’s beteiligt haben und auch bei jenen, die tatkräftig bei der Sicherung von Mast und Segel geholfen haben recht herzlich bedanken. Ohne ihre Hilfe wäre es unmöglich gewesen Merkan zu retten. Danke!
Ich habe mich inzwischen sehr genau informiert um herauszufinden was im Detail passiert ist.“ Kurz erläuterte sie was sie dazu gemacht hatte um dann mit ihrem Fazit zu enden Mit sichtlich bedrückter Miene sagte sie: „Es war leider eine unglückliche Verkettung von, zum Teil vermeidbaren Ereignissen. Ich hoffe sehr dass sich so etwas nicht noch einmal wiederholt. „Ursache war letztendlich ein gefrorenes Tau, welches sich in diesem Zustand nicht richtig befestigen ließ. Als Merkan zum Krähennest aufgestiegen ist, hat sich das Tau aus der Klampe gelöst und es kam zum Ausrauschen des Taus. Dabei hat es den Matrosen getroffen, was in Verbindung mit der leichten Krängung des Schiffes durch das Aufschlagen der Rah auf das Vordeck dazu führte, das er den Halt verlor und in den Fluss stürzte.“ Sie blickte erneut jeden der Anwesenden an. „Danke noch einmal für die schnelle Hilfe, ich werde das bei meinem Bericht an den Herzog selbstverständlich erwähnen.“ Dass sich so alle Geschehnisse in einen Ablauf fügten, gefiel Phelinda. In Richtung der Kapitänin nickte sie zweimal bedächtig, entschied sich aber dagegen, etwas zu sagen. Es war schon viel zu viel Aufhebens gemacht worden um die Geschehnisse des heutigen Tages. Stattdessen strich sie still einen Teil der Notizen in ihrem Triptychon, verteilte Häkchen und Ergänzungen hinter anderen. Ein abschließender Blick wies ihre drängendsten Fragen als geklärt aus. Sie würde zu einem geeigneten Zeitpunkt die Wachstafeln anwärmen und für ihren weiteren Dienst nutzbar machen.

‚Bei Abfahrt Schiff seetauglich ✓
Problem mit Schot und Rahsegel ➔ vorerst provisorisch repariert.
Merkan über Bord ➔ wieder an Bord/Rettung wie? ➔ Unsere Hilfe
Zeugen/Ablauf?
Treffer? Kollision?
Treibgut?
Schoten seit wann festgefroren? ✓
Schlag durch Aufprall der Rah? ✓
Peitschende Taue
Krängung des Schiffs ➔ durch Rahsegel
Gefrorenes Schot ➔ Ausrauschen des Taus


Sabotage?
Merkan ➔ Schwerenöter/Frauenheld ➔ Liebäugelei Motiv für Gezelin?
Erster Maat Rahjaman (nur Tratsch)
Unfall? ✓
Alte Frau mit Rabe?? Fluch?
Finte/Ablenkungsmanöver?
technisches Missgeschick ✓
mangelhafte Vorbereitungen??
Winterhärte ✓‘


„Da stinkt doch was zum Himmel“, murmelte Filwald vor sich hin. Er war nicht gewillt, die Geschichte von dem „gefrorenen Tau, das aus heiterem Himmel einen Matrosen vom Mast fegt“, einfach so zu glauben. Er versuchte, die Blicke von Xanthrax und Halmar einzufangen. Er konnte sich nicht vorstellen, dass diese beiden überzeugt worden waren. Filwald nahm sich vor, das mit ihnen am Abend zu besprechen

Ankunft in Taindoch

Am späten Nachmittag tauchte Backbord eine größere Siedlung am Ufer auf, die noch einige Meilen entfernt lag.
Es hatte zwar aufgehört zu schneien, allerdings blies nunmehr ein frostiger Wind von Norden her, sodass es noch einige Grad kälter wirkte, als es ohnehin gewesen ist. Immerhin sorgte der Wind dafür, dass die Wolkendecke hier und da aufbrach, doch da der Abend nahte, blieb es weiterhin dämmrig und die Praiosscheibe versteckte sich noch immer hinter einer dichten Wolkendecke fern im Westen. So herrschte den ganzen Tag über bereits ein dämmriges Zwielicht, welches kaum Helligkeit und keinerlei Wärme spendete.
Dem kräftigen Wind war allerdings zu verdanken, dass die Concabella nun langsam Fahrt aufnahm und das Örtchen mit seiner wehrhaften Mauer und den breiten Anlegestellen zügig näher kam. Bei der Siedlung handelte es sich um den Marktflecken Taindoch, dem größten Ort der Baronie und zudem einem Zentrum des uralten Handels. In der Ferne, landeinwärts hinter der Stadt gelegen, konnte man weite Felder und wellenförmige Wiesen erkennen. Der ältere, rundliche Matrose mit dem stattlichen Backenbart wusste, ganz ohne Nachfrage, zu berichten, dass es sich bei den wellenförmigen Gebilden um „Hopfenstöcke am Gerüst“ handele.
Da sich im Tsa für gewöhnlich nur wagemutige Kapitäne auf den Großen Fluss trauten, war mehr als ausreichend Platz für den stattlichen Flusssegler, um eine Anlegestelle zu finden. Ganz so, als hätte man es über Jahre hinweg einstudiert – und wahrscheinlich ist es auch genau so gewesen – arbeiteten die Matrosinnen und Matrosen Hand in Hand und bis man die Concabella fest vertäut hatte und schließlich der Steg zum Festland angelegt werden konnte, vergingen nur wenige Augenblicke. Zuletzt wurden noch die übrigen funktionstüchtigen Segel eingeholt, doch während dies geschah, machte sich der Steuermann bereits auf den Weg zur kleinen Hafenmeisterei, während zwei Matrosinnen zielsicher ein hell beleuchtetes Gebäude an der schmalen Hafenpromenade ansteuerten. Kapitänin Salmfang empfahl ihren Gästen, das in der Regel durch Händler und wohlhabende Reisende frequentierte Gasthaus „Zum Flussvater“ aufzusuchen, da eine Übernachtung auf dem Segler aufgrund der Witterung und der Strömung ungemütlich werden würde. Zudem stand ohnehin nicht jedem Gast eine angemessene Unterkunft auf dem Segler zur Verfügung. Von einem Besuch in der „Zappelnden Forelle“, dem Etablissement, in welchem wohl die beiden Matrosinnen ihren Landgang verbringen mochten, riet Abarhild Salmfang hingegen ab.
„Was für die Matrosinnen gut genug ist, kann mir auch nicht schaden, und ich kann mir kein teures Gasthaus leisten. Außerdem brauche ich nicht viel, ich habe mein Schafsfell und ein paar Münzen für Bett und Bier, das wird genügen, um nicht im Freien übernachten zu müssen, in dieser Hundskälte. Außerdem ist es nicht weit vom Schiff.“ meinte Anniella, vor die Wahl gestellt, wo sie übernachten sollte. Dann wartete sie, ob ihr jemand folgen würde. Abarhild zuckte mit den Schultern: „Wie ihr meint, aber die Matrosinnen wollen dort Trinken und nicht Schlafen, denn die Forelle ist eine Kneipe und keine Herberge! Es gibt dort keine Übernachtungsmöglichkeiten!“ „Nun, dann müssen wir uns wohl an den „Flussvater“ halten. Verstehe.“ antworte Anniella und schnappte sich ihr Bündel. „Verzeiht, Kapitänin Salmfang?“ Luzia von Nadelgrat trat an die geschäftige Kapitänin heran, ein entschuldigendes Lächeln auf den Lippen, aber bestimmt genug um Dringlichkeit zu vermitteln. „Ist es denn wirklich weise das Schiff über Nacht ohne Schutz zu lassen? Ich möchte nicht sagen, dass jemand aus der Stadt sich dessen bemächtigen würde, aber wir sind dem Fluss zugewandt völlig offen. Jedes Beiboot könnte im Schutz der Dunkelheit einfach heranrudern, oder liege ich hier falsch?“
Die Frage nach der Sicherheit des Schiffs überraschte Phelinda ein wenig. Sie hatte nur einen Teil der Besatzung das Schiff verlassen sehen und war fest davon ausgegangen, dass der Rest an Bord bleiben würde. Sollte dem nicht so sein, teilte sie die Bedenken. Sie beschloss, die Antwort der Seefahrerin abzuwarten.
Die Kapitänin blickte kurz irritiert: „Haltet mich bitte nicht für schwachsinnig! Die Mannschaft schläft natürlich an Bord und wechselt sich mit der Wache ab. Aber es steht euch selbstverständlich frei ebenfalls auf dem Schiff zu schlafen und euch meinethalben auch an der Wache zu beteiligen! Ich selbst nächtige auch in meiner Kabine.“
Die Junkerin ließ sich vom Ton der Kapitänin nicht beeindrucken, sondern überspielte diesen und lächelte die Frau weiterhin freundlich an. „Ihr versteht mich falsch. Das hat nichts mit Schwachsinn zu tun - Wir wurden hier her gebeten, um dieses Schiff zu schützen. Ich frage also nicht, um an eurer Kompetenz oder der eurer Mannschaft zu zweifeln. Ich möchte lediglich meiner eigenen Pflicht nachkommen.“ Luzia nickte der Kapitänin zu und wandte sich bereits ab um zu gehen, zögerte jedoch noch einmal. „Ich weiß so gut wie gar nichts über Taindoch, aber unter den wenigen Dingen die mir bekannt sind ist, dass Piratenangriffe hier nichts Unbekanntes sind. Ich denke ihr werdet es mir nachsehen, wenn ich heute Nacht hier bleibe?“
Die Auseinandersetzung zwischen der Junkerin und der Kapitänin war Phelinda unangenehm. Sie schürzte die Lippen, während sie aufmerksam zuhörte. Ihre Mutter hatte ihr mehr als einmal erzählt, wie unangenehm es als Bürgerliche sein konnte, in so einen Streit zu geraten. Einer Bürgerlichen kann jedes Wort im Mund umgedreht werden, wohingegen Stand und Status Adlige in aller Regel schützte. Es handelte sich also oftmals um ein Duell mit sehr ungleichen Waffen. Sie dachte: ‚Bleibt zu hoffen, dass das nur ein einmaliges verbales Scharmützel ist und keine dauerhaften Auswirkungen hat.' Sie blickte zu Salinda herüber, die um einen neutralen Ausdruck bemüht war. Ihre Tochter erkannte jedoch die Zeichen der Anspannung unter der Fassade. Phelinda hoffte inständig, dass sich ihre Mutter nicht einmischen würde. Uuups etwas dünnhäutig die Junkerin von Nadelgrat, dachte sich die Kapitänin, beließ es aber bei einem ebenfalls freundlichen, dennoch aufrichtigen Lächeln und entgegnete: „Geschätzte Junkerin von Nadelgrat, ich sehe es euch nicht nur nach, ich begrüße es durchaus, wenn ihr euch dem herzoglichen Auftrag so vorbildlich widmet. Ich würde euch dennoch empfehlen im Flussvater zu speisen, oder, so ihr die Concabella nicht verlassen wollt, mir zu gestatten euch eine warme Speise auf das Schiff bringen zu lassen.“ Abwartend blickte sie die junge Frau an.
„Nachdem ich nicht annehme, dass am frühen Abend irgendetwas passieren wird, habe ich nichts dagegen einzuwenden, das Schiff für eine Weile zu verlassen.“ Die Junkerin zuckte mit den Schultern. „Von daher - eine hervorragende Idee. Mir ging es vor allem um die Nacht, nachdem ich annahm, dass jedwede Piraten oder sonstwelche Parteien mit Interesse an der Concabella um diese Zeit agieren würden. Aber wie gesagt, ich bin nicht in meinem Element, daher verlasse ich mich hier lieber auf eure Expertise. Einen schönen Abend, Kapitänin Salmfang.“
Xanthrax konnte dem Namen beider Gasthäuser wenig abgewinnen. Zu viel Wasser, zu wenig Land. Der Flussvater oder die Zappelnde Forelle. Er war gewillt, dem Vorschlag der Frau Kapitän zu folgen. Nicht, dass er etwas gegen ein zünftiges Gelage mit einigen trinkfesten Kumpanen einzuwenden gehabt hätte, doch Erfahrung ließ ihn auch wissen wie schäbig und billig die gepanschte Brühe in solchen Absteigen sein mochte. Anstatt jedoch vorzupreschen, entschied sich Xanthrax dafür, auf die anderen Mitreisenden zu warten und dann zu entscheiden. Wenn der Großteil tatsächlich in der fragwürdigen Kaschemme untersteigen würde, täte er es ihnen gleich – zumindest, wenn das für seine mittlerweile liebgewonnenen Gefährten galt. Luzias Einwand bekam er am Rande mit. Da hatte die Dame nicht unrecht, aber das war wohl das Bier der Frau Kapitän. Die würde schon wissen, was sie macht. Bisher hatte die Frau klug und umsichtig gehandelt. “Dann möchte ich mich euch gerne anschließen, werte Baroness von Firnholz.” sagte Firunhard vielleicht etwas zu förmlich. Aber wenigstens dürfte er nicht der einzige sein, der auf jeden Kreuzer und Heller aufpassen musste. “Perigor, bei Fuß”.

Er kannte von der Jagd schon so einige kalte Nächte, war aber froh darüber, so manche dieser ‘Hundskälten’ mit einem Hund überstanden zu haben. Was er aber im Kreise von Edelleuten nicht wirklich an die große Glocke hängen möchte.
Von klein auf hatte Phelinda gelernt: Wer den Kreuzer nicht ehrt, ist des Hellers nicht wert. Entsprechend geneigt war sie intuitiv, die günstigere Unterkunft zu nehmen. Aber sie hatte durch ihre Mutter auch gelernt, was eine Investition ist. Um ihr eine Knappschaft zu ermöglichen, war ihre Mutter einige - rein öknomisch betrachtet - sehr nachteilige Geschäfte eingegangen. Es handelte sich um eine Anlage, die sich langfristig auszahlen würde, und die sie - so hatte Salinda es ihr eingeschärft - nicht durch Sparen am falschen Ende gefährden sollte. Daher würde sie der Empfehlung der Kapitänin folgen und standesgemäß im „Zum Flussvater" nächtigen, was sie mit wenigen Worten kundtat: „Meine Frau Mutter und ich werden uns beim Flussvater einquartieren." Sie verblieb im Kreis ihrer Reisegefährten und -gefährtinnen und wartete, ob sich ihr jemand anschließen würde. Die Kapitänin lächelte freundlich: „Wenn es euch genehm ist, euer Wohlgeboren so begleite ich euch und eure Frau Mutter ins Gasthaus „Zum Flussvater“. Wenngleich ich dort nur zu Essen gedenke.“

Kapitänin Salmfang lächelte Halmar zu: „Es ist nie verkehrt den Flussvater auf seiner Seite zu haben!“

Die Frau in dem blauen Gehrock mit Goldepauletten blickte den Mann verblüfft an und hob anerkennend die rechte Augenbraue: „Sehr überraschend eine solche Geste von jemandem zu sehen, der eher dem Land verbunden ist. Ihr scheint dem Element Wasser den gebührenden Respekt zu erweisen, anstatt skeptisch gegenüber zu stehen!“ Sie schien kurz zu überlegen. „Könnte mir vorstellen, dass ein Opfer von so unerwarteter Seite doch große Anerkennung findet.“

Erlberga trat neben ihre Tochter, hob leicht das Kinn und flüsterte ihr zu: „So sehr mich das einfache Lager in den dicken Wänden eines Schankraums auch nicht schreckte, so steht es uns doch gut an, das Gastrecht jener Herberge anzunehmen, die uns empfohlen wurde. Es geziemt sich, dem Urteil der Kapitänin zu folgen – nicht allein aus Höflichkeit, sondern auch aus dem Bestreben, dem Auftrag, der uns hierher führte, mit Anstand und Disziplin zu begegnen.“ Aerin wollte die Unterhaltung zwischen Luiza und der Kapitänin aufmerksam folgen und nickte ihrer Mutter daher nur kurz zur Bestätigung zu. In der Ausbildungszeit gab es oft kleinere Unstimmigkeiten aus denen später heftigere Auseinandersetzungen folgten. Damit es gar nicht erst dazu kommen konnte, trat sie näher an Luiza und der Kapitänin heran und sprach mit fester, doch freundlicher Stimme: „Die Concabella zu schützen, ist ein ehrenhafter Gedanke, dem ich voll beipflichte. Doch Wächterin zu sein heißt nicht, auf jeden Tritt das Schwert zu ziehen – sondern mit klarem Blick Gefahren zu erkennen, noch ehe sie sich regen. Vielleicht gelingt dies besser mit warmem Essen und offenen Ohren in einem Gasthaus, wo die Zungen locker und die Gerüchte reichlich sind.“ Sie lächelte Luzia zu. „Ich denke, unsere Pflicht ruft uns nicht allein ans Deck – sondern auch dahin, wo man von den Dingen spricht, die nicht offen ausgesprochen werden.“

Luzia hielt inne und sah Aerin für einen Moment überrascht an, bevor für einen Moment ein schiefes Lächeln über ihr Gesicht kroch, welches dank der vernarbten Lippe der Junkerin wohl grimmiger wirkte als beabsichtigt. „Wohl gesagt, da möchte ich euch gar nicht widersprechen. Wenn ich mich euch anschließen darf-?“ Filwald war unentschlossen. Auf der einen Seite war die Aussicht auf ein gutes Essen und ein warmes Bett sehr verlockend. Außerdem schienen alle Ritter, mit denen er den heutigen Tag noch einmal durchsprechen zu wollen, ebenfalls dieser Meinung zu sein. Die Gelegenheit ist sehr verlockend. Vielleicht zu verlockend. Allerdings hatte er noch nie die Gesellschaft der einfachen Leute gescheut. Filwald war zuhause in Landwacht auch deshalb so wohl angesehen, weil er sich noch nie viel auf seinen Titel eingebildet hatte. War ein Pferd zu besohlen oder ein Kalb auf die Welt zu bringen und es fehlten noch zwei kräftige Hände, er war zur Stelle ohne Fragen zu stellen. Und er wollte tatsächlich die Mannschaft des Seglers ein wenig besser kennen lernen. Allerdings würde er in dieser Hafenkaschemme sicher nicht mit seinem Schuppenpanzer und Bastardschwert auftauchen. Filwald war froh um seine einfache Kluft, die er sich noch eingepackt hatte… und den Dolch in seinem Stiefel. Er wandte sich an die Kapitänin: „Werte Frau Salmfang, anscheinend nehmen die meisten hier die Annehmlichkeiten des Flussvaters war. Dann sollte es sich doch einrichten lassen, mir hier an Bord eine Kabine zuzuweisen, richtig? Wenn ihr so freundlich wärt, mir zu sagen, welche Hängematte ich beziehen darf, würde ich mich dort gerne umziehen und dann vor dem Schlafen gehen einen Abstecher in die Forelle machen“. So, der Stein war geworfen, jetzt war er gespannt auf die Wellen….
Auxilia nickte ihrer Tochter zu: „Nein, an bord zu übernachten wäre wohl ungemütlich und nicht standesgemäß.“ Ihr wurde vor der Abreise eingebläut sich ihrem neuen Stand entsprechend zu benehmen. Also stiegen die zwei Frauen von Bord und machten sich Richtung Flussvater auf. „Dazu scheint es auch nicht genügend Platz zu geben.“, stimmte die junge Freiensteyn zu. Müde und erschöpft hing Jerg seinen Gedanken hinterher. Da er neugierig war nutzte er die Chance und übernachtete auf dem Schiff. Arbahild lächelte dem in Schuppenpanzer gerüsteten und mit Bastardschwert bewaffneten Adligen anerkennend zu: „Vorzüglich, ein so erfahrener Ritter ist sicher eine zusätzliche Bereicherung für die Wachmannschaft. Ein Wechsel eurer Garderobe halte ich in der Tat auch für eine sehr gute Idee, vor allem, wenn ihr beabsichtigt in die Forelle zu gehen. Aber tut den Mädels den Gefallen und setzt euch nicht zu ihnen, könnte mir gut vorstellen, dass sie nicht nur Bier im Sinn haben, wenn ihr versteht!?“ Sie lächelte verschmitzt: „Apropos Rahja, unser Maat Rahjaman Bockschlag zeigt euch wo ihr nächtigen könnt. Ich nehme an ihr findet ihn im Salon.“ Gerade wollte sie sich abwenden, da fiel ihr aber noch etwas ein: „Ach, ein kleiner Hinweis in eurem, wie in meinem Interesse, die Forelle ist nicht gerade für ihre herausragende Küche und die Frische der dafür verwendeten Zutaten bekannt.“ Sie nickte dem Edlen von Landwacht freundlichen zu und machte sich nun endgültig auf den Weg zum Flussvater.
„Vielen Dank, werte Frau Salmfang“, antwortete Filwald ihr lächelnd. Diese Dame überraschte ihn immer wieder! Mal kratzbürstig wie eine junge Seelöwin, mal nett und umgänglich. Kopfschüttelnd begab er sich auf den Weg zum Salon, um sich von Rahjaman seine Kabine zeigen zu lassen.

Abarhild betrat die Gaststube. Für die Jahreszeit war der Flussvater recht gut besucht. Die wohlbeleibte Kapitänin im Dienste des Herzogs der Nordmarken grüßte hier und da einige Gäste, plauderte kurz mit dem Wirt und setzte sich dann an einen großen, freien Tisch. Von ihrem Platz aus hatte sie fast den ganzen Gastraum und die Eingangstür im Blick. Abarhild Salmfang war ganz offensichtlich gut gelaunt und genoss die ruhige Atmosphäre im Flussvater. Nachts auf der Concabella Es war zwischenzeitlich finsterste Nacht. Aufgrund der dichten Wolkendecke war weder das abnehmende Madamal noch ein Stern am Firmament zu sehen. Die Concabella lag ruhig am Kai der kleinen Stadt, in welcher man nach und nach auch die letzten Lichter erlöschen sah, vor Anker. Der Flusshafen lag in einer kleinen Bucht und war so etwas vor der Strömung geschützt, sodass nur selten Treibgut am Bug des Schiffes entlang schrammte. Auf dem Hauptdeck hatte man an den Masten jeweils eine Öllaterne entzündet, die den Bereich zwischen den Aufbauten zwar ausreichend beleuchtete, jedoch bereits auf Achter- und Bugkastel konnte man nur mit Mühen einen Schemen wahrnehmen. Auf den Unterdecks hatte man am hinteren Mast auch eine kleine Öllaterne entzündet, welche die Treppen spärlich beleuchtete. Das sorgte immerhin auch dafür, dass man auch den Flur zu den Gästekabinen noch nutzen konnte. Gerade wurde der erste Wachwechsel vollzogen und die Matrosin Oda hatte den fülligen, mit Backenbart und Halbglatze ausgestatteten Wipert geweckt, der missmutig und in eine dicke Decke gehüllt nach oben schlich und seine Runde vom Achterkastell über das Hauptdeck zum Bugkastel machte…und wieder zurück. Nach einem Mahl war Luzia zurück auf die Concabella gekehrt und hatte es sich in einer der Kabinen gemütlich gemacht. Doch gelang es ihr diese Nacht nicht so einfach in den Schlaf zu fallen. Es war nicht das Essen, oder die Umgebung des Schiffs, es war vor allem die Interaktion mit der Kapitänin welche die junge Adelige weiterhin beschäftigte. Die Junkerin von Firnbronn war noch neu im Amt, war hoch aufgestiegen, und gerade in solchen Situationen war ihr aber ein grober Mangel an Erfahrung viel bewusster als ihr lieb war. Sie war klar unter dem Eindruck gewesen, sie und die anderen Gäste nähmen hier eine Art Sicherheitsfunktion ein, auch wenn manche unter ihnen wohl mehr Kampferfahrung besaßen als andere - und nun hatte sich der Gedanke eingeschlichen, dass sie die Situation möglicherweise falsch eingeschätzt hatte. Nicht, dass sie als ehemalige Dienstritterin nicht gewillt wäre, zur Ehre ihres Dienstherrn Gesandte zu spielen, aber sie hatte sich klar für eine andere Aufgabe vorbereitet auf den Weg gemacht. Nicht, dass sie dies jemals zugegeben hätte, aber diese Unsicherheit, so klein sie auch sein mochte, störte Luzia. Mit einem Seufzen erhob sie sich, wickelte sich in eine, dann eine zweite Decke, und machte sich auf den Weg an Deck. Die kalte Nachtluft würde ihr die Grübelei schon austreiben. Es war schon recht spät in der Nacht, als Filwald von der „Forelle“ wieder den Weg zurück zum Boot antat. Alles in allem war es ein recht lustiger Abend gewesen. Aufgrund der Warnung der Kapitänin bezüglich des Essens hatte er es bei einem Brot mit Wurst und Käse belassen, was wahrscheinlich tatsächlich eine sehr gute Idee gewesen war. Wenigstens hatte er nun endlich einmal an diesem langen Tag einen ordentlichen Humpen wohlschmeckenden Bieres bekommen.

Still und friedlich lag die Concabella vor ihm an dem kleinen Anlegesteg. Anscheinend war gerade Wachwechsel gewesen. Der Seemann, der jetzt missmutig an Deck auf und ab ging, sah nicht begeistert aus, Filwald konnte es ihm nicht verübeln. Um keine unangenehme Überraschung zu provozieren, wartete Filwald ab, bis die Wache wieder an der Stelling war um dann grüßend die Arme zu heben und sich zu erkennen zu geben: „Guten Abend, mein Herr! Ich bin Filwald von Landwacht und habe die Ehre heute auf Ihrem Boot zu übernachten.“ Der rundliche Matrose kam an die Reling gelaufen und lehnte seinen Oberkörper hinüber. Er sah nach unten und murmelte dann: „Wird schon passen…“, vor sich hin, ehe er Filwald mit einem Wink bedeutete, die Planke zu erklimmen. Als Filwald mitten auf der Planke stand, schien Wipert ihn auch zu erkennen: „Ah, ihr seid‘s!“, rief er aus und Filwald sah, wie der ältere Mann einen Knüppel oder ähnliches, welchen er hinter seinem Rücken hielt, zurück in seinen Gürtel schob. „Wart‘s in der Forelle gewesen, hehe. Na, kommt schon hoch!“

„Vielen Dank, guter Herr!“, entgegnete Filwald. Er war froh, sich an seinen eigenen Wachdienst erinnert und sich angekündigt zu haben. Das hätte gerade noch gefehlt, hier mit eine Knüppel eins übergebraten zu bekommen. Filwald überlegte, wie er wohl seinen nächtlichen Rundgang durch das Boot beginnen sollte. Am besten wäre es wohl, erst einmal seine Kabine aufzusuchen und sich von dort aus umzusehen. Er wollte sich eben das Kasino auf den Weg zum Zwischendeck machen, als er stutzig wurde. Da vor ihm schlich jemand die Treppe herauf. Deutlich konnte er das Knarzen der Stufen hören. Waren Eindringlinge an Bord? Diebe etwa? Sollte er Alarm geben? Gerade noch rechtzeitig erkannte er die in eine Decke gehüllte Junkerin von Firnbronn, die ihm langsam entgegenkam. Jetzt erinnerte sich Filwald, dass auch sie die Nacht an Bord bleiben wollte. „Guten Abend, Euer Wohlgeboren, ich grüße Euch! Könnt ihr nicht schlafen?“ gab er sich auch hier gleich zu erkennen. Vielleicht hätte sie Interesse, das Boot mit ihm gemeinsam etwas in Augenschein zu nehmen?

„Von Landwacht, richtig? Ich glaube wir hatten noch nicht die Ehre miteinander zu sprechen.“ Luzia war überrascht um diese Stunde noch irgendjemanden von ihren Standesgenossen auf dem Schiff anzutreffen, überspielte diese Überraschung jedoch gekonnt. „Der Formalitäten wegen - Mein Name ist Luzia von Nadelgrat.“ Die Junkerin blinzelte und unterdrückte mühevoll ein Gähnen, streckte jedoch die Schultern durch und stand aufrechter als noch vor einigen Momenten, als sie Filwald gegenüber eine leichte Verbeugung andeutete. „Und ihr habt leider recht, der Schlaf möchte sich heute nicht so richtig einstellen.“ „Ich bitte um Verzeihung, da habt Ihr selbstverständlich absolut Recht. Ja, ich bin Filwald von Landwacht, erfreut Euch kennen zu lernen, Luzia von Nadelgrat. Ich war irrtümlich der Ansicht, die offizielle Vorstellung bei Hofe vorgestern hätte der Förmlichkeit genüge getan“. Er konnte sich eines leichten Schmunzelns nicht erwehren, hoffte allerdings, dass dieses in dem trüben Lichte des Kasinos nicht zu erkennen war. „Ihr wart auf dem Weg an Deck? Ich kann Euch versichern, dass dort derzeit nicht viel Aufregendes passiert. Es ist kalt, und ein mies gelaunter Matrose mit Halbglatze dreht seine Wachrunde. Ich hätte tatsächlich gerne die entgegengesetzte Route genommen und mir ein Teil des Bootes angesehen, den wir noch nicht kennen.“ Er hielt inne. Gerade wurde ihm klar, dass die Kapitänskajüte direkt an das Kasino anschloss. Deutlich leiser fuhr er fort: „Aber vielleicht sollten wir uns lieber unten in einer der Kabinen weiter unterhalten.“ Mit vielsagendem Blick nickte er in Richtung der Kapitänskajüte und hoffte, Luzia würde den Hinweis verstehen. „Nein, nein, ich stimme euch an sich zu, aber wir haben bislang noch nicht miteinander gesprochen und ich habe die Erfahrung gemacht, dass es immer von Vorteil ist höflich zu sein. Ihr kommt gerade aus dem Ort? Alles ruhig dort?“
Luzia nickte. Die Junkerin hatte nicht erwartet, irgendetwas aufregendes an Deck zu finden. Sie erwartete auch keine Probleme im Ort, außer vielleicht eine Rauferei, aber es schadete schließlich niemals, sicher zu gehen. Auf die Einladung des Ritters hin stutzte sie kurz, schien es ihr doch sehr unangebracht, bevor sie Filwalds Blick folgte und begriff. Luzia verfiel in einen Flüsterton. „Natürlich, natürlich. Bitte, nach euch.“ „Bitte entschuldigt vielmals diesen Überfall. Keinesfalls wollte ich Euch in eine kompromittierende Lage bringen“, sagte Filwald, nun wieder in normaler Lautstärke, nachdem er die Kabinentüre hinter ihnen beiden leise verschlossen hatte. „Ich möchte nur, wenn es irgendwie geht, heute Abend nicht noch die Aufmerksamkeit unserer … nun ja, doch hin und wieder etwas lebhaften Kapitänin erregen. Ich denke nicht, dass sie es gutheißen würde, uns hier auf ihrem Boot herumschleichen zu sehen.“ Tatsächlich konnte er sich gut ausmalen, was diese resolute Dame für einen Aufstand vom Zaun brechen würde. Instinktiv huschte ihm ein schmunzeln über das Gesicht bei dieser Vorstellung.
Prüfend musterte Filwalds sein Gegenüber. War es klug, sie in seine Überlegungen einzuweihen? Sie machte einen etwas unsicheren Eindruck.. Nun, vielleicht besser nicht. „Bitte entschuldigt nochmals die Störung. Gute Nacht, Euer Hochgeboren.“ Damit verließ Filwald die Kabine der Edlen so leise wie sie sie betreten hatten. Der heutige Abend in der Forelle war recht informativ gewesen.Das Essen, nun ja,das weniger. Aber aus den Unterhaltungen der Mannschaft hatte er ein wenig mehr über dieses Boot erfahren können. Auf diesem Deck, am Heckende dieses Ganges, müsste sich das sogenannte ‚Herzogquartier‘ befinden. Ein interessanter Name, fand er. Ein Deck darunter befand sich anscheinend im Bug ein Lagerraum. Wäre auch nicht uninteressant, aber um da hineinzugelangen, müsste man durch den Mannschaftsraum. Im Heck dagegen scheint ein weiter Lagerraum zu sein, die Matrosen nannten den ‚Schatzkammer‘. Es würde ihn doch zu sehr interessieren, wie diese gesichert ist. Und davor scheint nur die Kombüse und eine Vorratskammer zu sein, wenn man der Beschreibung glauben schenken darf.
Filwald beschloss, sich heute abend erst mal dieses Herzogquartier anzusehen. Am morgen würde er dann wegen irgendeinem Vorwand mal in der Kombüse vorbei gehen und einen Blick auf das Schloss der ‚Schatzkammer‘ werfen. Langsam und vorsichtig schlich er den Ganh in Richtung Heck entlang. Am Ende des Ganges schaute er sich um, ob er eine Tür zu diesem ‚Herzogengemach‘ finden konnte. Eine doppelflügelige Eichentür mit dem kunstvoll geschnitztem Wappen der Nordmarken führte vom Mittelgang in das dahinter liegende Gemach. Im flackernden Schein der kleinen Öllaterne wirkte die Türe irgendwie bedrohlich und der springende, gekrönte Barsch des Wappens schien aufgrund des Schattenwurfs zu zappeln.
In der Rechten der beiden Türen war neben einem gedrechselten Türgriff auch ein großes Türschloss zu sehen. Ein leichter Druck auf den Knauf verriet Filwald, dass die Tür verschlossen war. Das Wappen der Nordmarken auf einer Tür zu einem Raum mit Namen „Herzogengemach“. Es wunderte Filwand kein bisschen, dass die Tür verschlossen war. Wahrscheinlich verwahrte die Salmfang den Schlüssel irgendwo in der Kapitänskajüte auf. Oder, sie trug ihn sogar mit sich herum. Filwald musste grinsen bei dem Gedanken, die Kapitänin könnte vielleicht einen geheimen Schlüssel an einer Kette um den Hals tragen. Mehr aus einer Laune heraus als in Hoffnung, tatsächlich etwas zu finden, schaute er sich die Türe dennoch etwas genauer an. Vielleicht war der Schlüssel ja sogar irgendwo im Rahmen versteckt? Oder das Wappen barg einen geheimen Mechanismus? „Was für eine blöde Idee, das kann doch nicht funktionieren!“ schalt er sich in Gedanken, als er prüfte, ob sich der Barsch vielleicht etwas bewegen ließ. Oder vielleicht die Krone? Er tastete vorsichtig über das kunstvoll verarbeitete Holz und als die Flamme der Laterne hinter ihm kurz züngelte, wirkte es beinahe, als zwinkerte der gekrönte Barsch ihm zu. Wenn er dies Tat, dann wohl aus Spott, den Filwalds Suche nach einem Mechanismus blieb erfolglos.
Insgeheim war Filwald froh, vor der verschlossenen Türe kapitulieren zu können. Wenn er schon in das Privatgemach des Herzogs der Nordmarken einbrechen sollte, dann wäre er dabei zumindest ungern alleine. Lächelnd machte er sich auf den Weg zu seiner Kabine, als sein Blick auf die Türen zu dem Raum am bugseitigen Ende des Ganges viel. Was sollte da nochmal dahinter sein? Ein Garnisonsraum oder sowas. „Nun ja, mal lauschen kann nichts schaden“, dachte er sich. Ob wohl Geräusche hinter der Tür zu hören waren? Filwald horchte in die Stille, doch außer einem stetigen Schnarchen aus dem Bauch des Schiffen, wo sich die Mannschaftsquartiere befanden, und dem sachten Plätschern des Flusses, könnte er kein Geräusch vernehmen. Die Holztüre zur Garnison schien auch nur durch einen nach oben klappbaren Riegel gesichert, den man auch vom Flur aus durch einen hölzernen Zapfen, welcher durch einen Schlitz geführt war, anheben konnte. „Nun, was sollte schon schief gehen“, dachte sich Filwald, als er leise versuchte, den Zapfen anzuheben. Ein großer, fauchender Tatzelwurm würde schon nicht hinter der Tür lauern. Böse Zungen würden behaupten, der schliefe ein Deck über ihm, schoss es ihm durch den Kopf. Er konnte gerade noch ein Grinsen ob dieser frechen Gedanken verhindern, als er vorsichtig versuchte die Tür zu öffnen und einen Blick in die Garnison zu erhaschen. Durch die kleine Laterne, die im Gang am Mast baumelte, fiel nur ein sehr spärliches Licht in den großen Raum am Bug des Schiffes. Filwald konnte im Schatten mindestens zwei Doppelstockbetten ausmachen, die an den Seiten standen, sowie eine lange, aber sehr schmale Tafel mit kleinen Bänken in der Mitte des Raumes. Zudem befand sich zur Rechten, ungefähr in der Mitte des Schiffes, eine schmale, hölzerne Wendeltreppe, die sowohl nach oben, als auch nach unten führte. Hinter der Türe, die nach links hin aufschwang, stand eine schmucklose, hölzerne Koste, deren Decken offen stand. Was sich auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes, also direkt am Bug, befand, war in der Dunkelheit nicht mehr zu erkennen.
Filwald wunderte sich über die Betten, denn noch mehr als in den Gästekajüten, konnte in den Doppelstockbetten zumindest im oberen Teil nur dann jemand halbwegs ruhig schlafen, wenn das Schiff angelegt hatte oder der Fluss ausnahmsweise nur sehr träge dahin floss.
Von dieser Wendeltreppe hatte er schon gehört. Sie sollte oben in der Wachstube vor dem Salon enden. Und unten? Das wusste Filwald nicht, die Matrosen in der Forelle waren da recht wage. Aber sie müsste ihn eigentlich in die Nähe des Lagerraums im Bauch des Bootes führen, überlegte er.
Auf jeden Fall mussten ziemlich genau unter ihm die Mannschaftsquartiere liegen. Er durfte also kein Geräusch machen, wenn er sich hier weiter umsehen wollte. Vorsichtig, einen Fuß langsam vor den anderen setzend, betrat er den Raum. Zunächst wollte er einmal einen Blick in die Koste links werfen, deren Deckel ohnehin schon offen stand. Er öffnete die Tür nur soweit, dass kein Lichtstrahl auf die Wendeltreppe fiel, um keine ungewollte Aufmerksamkeit von unten zu provozieren. Die Kiste beinhaltete zur Enttäuschung von Filwald nichts weiter als einen dünn gefüllten Strohsack. Als er sich umwandte, erkannte er an der rechten Bordwand nun auch schemenhaft einen geschlossenen Schrank. Das Schnarchen von unten drang jedoch nur gedämpft zu ihm hinauf. Filwald schloss daraus, dass am Fuße der Wendeltreppe noch zumindest eine Türe die Treppe von den Mannschaftsquartieren trennen musste. Ein wenig beruhigt von dem gleichmäßigen Schnarchen aus dem Bauch des Schiffes öffnete Filwald die Türe noch ein wenig. um etwas mehr Licht in den Raum zu lassen. Dann zog er seinen schweren Dolch aus dem Stiefel und benützte diesen, um damit das Licht der Laterne in den Raum zu reflektieren. Er beleuchtete zunächst die Seitenwände auf der Suche nach weiteren Schränken, dann ließ er den Strahl über die seltsamen Doppelbetten gleiten. Welchen Zweck sollten diese nur erfüllen? Kein normaler Mensch konnte in den oberen Betten schlafen! Warum diese dann aufbauen? Warum nicht einfach Hängematten, wie sonst auch üblich an Bord von Schiffen mit begrenztem Platz? Zu Guter Letzt ließ er den Strahl das Bugende des Raumes erleuchten. Ob sich dort wohl ein weiterer Schrank versteckte? Und Filwald sah seine Vermutung bestätigt: Den Abschluss des Raumes, an der engsten Stelle, dem Bug des Schiffes, bildete ein wuchtiger, geschlossener Schrank. Zudem stand hinter der Wendeltreppe noch ein mit einem Deckel verschlossenes, brusthohes Fass. Zwischen den Betten waren in den Wänden noch verschlossene, hölzerne Klappen, die etwa den Durchmesser eines Unterarmes hatten und wahrscheinlich Tageslicht herein ließen, wenn man sie öffnete.

Filwald öffnete die Türe noch einen klein wenig weiter, damit er gerade noch ein etwas Licht auf den hinteren Schrank fiel. Wenn er schon mal hier war, wollte er wenigstens mal einen Blick hineingeworfen haben. Langsam näherte er sich dem Schrank am Bug. Ein wenig albern kam er sich schon vor, mitten in der Nacht durch Boote zu schleichen und in Schränken zu schnüffeln, die wahrscheinlich nur mottenzerfressene Decken und Hängematten enthielten. Aber seine Neugierde war geweckt. Ob der Schrank überhaupt schlossen war? Vorsichtig versuchte er, ihn zu öffnen und einen Blick hinein zu werfen. Trotz der Dunkelheit wurde Filwald eines schnell offenbar: Der Schrank war leer. Im durch die Türe dringenden Zwielicht der flackernden Laterne konnte er jedoch einige Ösen und Lederbänder sehen, die an der innenseitigen Rückwand des Schrankes angebracht waren. Es sah so aus, als könne man damit etwas (oder jemanden?) fixieren.
„Da brat mir doch einen 'nen Stroch!“, schoss es Filwald durch den Kopf, als er die Lederriemen im Inneren des Schranks sah. Er konnte sich gerade noch beherrschen, das nicht laut zu sagen. Dieser ganze Raum kam ihm langsam mehr wie eine Gefängniszelle vor… oder wie ein Schmuggellager. Sehr seltsame Dinge scheinen sich hier abzuspielen, und er war entschlossen herauszufinden, welche. Gerade als er den Schrank wieder leise verschloss, meinte er eine Stimme durch die Luken zu hören. Verdammt! Kam jetzt noch jemand an Bord? Er hatte die Mannschaft bereits friedlich in Borons Armen vermutet. Jetzt aber schnell raus hier! Auf Zehenspitzen schlich er sich zurück zur Tür, verschloss diese wieder so leise es ihm möglich war und machte sich auf den Weg zu seiner Kabine. Wer immer da gekommen war, Filwald hoffte, er hatte ihn weder gesehen noch gehört.

Filwald hörte plötzlich das Quietschen und Scharren einer sich öffnenden Holztüre. Der Lautstärke des Geräuschs entsprechend schätze er, dass es eine der Türen der Gästekabinen sein musste. Erst als er über sich schwere Schritte hörte, schloss er daraus, dass jemand die Wachstube betreten haben musste und vielleicht jeden Moment die Wendeltreppe hinunter gelaufen kam. ‚Bei den Niederhöllen, selbstverständlich!‘, schoss es Filwald durch den Kopf. Wenn jetzt noch ein Mannschaftsmitglied an Bord kam, würde dieses sicherlich in die Mannschaftsquartiere im Deck unter ihm wollen. Und die Wendeltreppe war der schnellste Weg dorthin. Fieberhaft ging er seine Möglichkeiten durch:
Er konnte sich hier im Dunkeln verstecken und hoffen, dass, wer immer auch durch die Treppe runter kommt, ihn nicht sieht. Risiko: Verdammt hoch. Solche Heimlichtuerei war nun wirklich nicht seine Stärke. Sein Sohn Mortak, bei dem sähe das anders aus. Der machte solche Sachen dauernd. Der würde sich jetzt unsichtbar zaubern und dem nächtlichen Heimkehrer wahrscheinlich noch den Schlüssel zur Schatzkammer aus der Tasche ziehen. Das war einer der Gründe, warum er mit seinem Sohn meistens über Kreuz lag.
Er konnte einfach offen hier bleiben und so tun, als wäre er selbst erst die Treppe nach unten gekommen und auf seinem Weg in die Kabine. Risiko: Gering. Wer auch immer da herunterkommt, Filwald war sich sicher, dass er durch seine Autorität die Oberhand in der Situation bekommen würde. Nur würde dann auf jeden Fall die Salmfang erfahren, dass er hier in diesem Raum gewesen war. Und das… nun, das wollte er um jeden Preis verhindern. Also wählte er die dritte Möglichkeit. Risiko: Beträchtlich. Allerdings wäre sein Gewinn, dass (noch) niemand wusste, dass er diesen seltsamen Schrank gesehen hatte. Mit einem Stoßgebet, bei dem er sich selbst nicht sicher war, ob es an seinen Leitgott Praios oder eher dessen schelmischen Bruder Phex gerichtet war, versuchte er so leise und gleichzeitig schnell wie möglich die Türe zu erreichen und hindurch zu huschen. Mit etwas Glück würde er diese dann noch soweit zuziehen können, dass kein verräterisches Licht mehr durch den Spalt fiel. Noch während Filwald langsam zur Türe schlich, hörte er von oben, wie in der Wachstube über ihm einer der Hocker über die Dielen gezogen wurde und sich jemand mit lautem Ächzen und Stöhnen hinsetzte. „Woll‘n wa‘ ma‘ seh‘n, was die Kapitänin dem guten Wipert mitgebracht hat!“, erklang es von oben brummelnd und kurz darauf konnte Filwald das Ploppen eines Korkens vernehmen. Unbemerkt konnte er den Raum wieder verlassen und begab sich zurück in seine Kajüte.
„Puh, das‘ ja grad nochmal gut gegangen“, murmelte Filwald vor sich hin, als er die Kajütentür hinter sich schloss. Zumindest hat es etwas gebracht, auch wenn er nun mehr Fragen als vorher in seinem Kopf hatte. Doch die werden warten müssen auf morgen.

Kurz zuvor: Gut gelaunt und nicht mehr ganz nüchtern, aber noch im Vollbesitz ihrer geistigen und körperlichen Fähigkeiten marschierte Abarhild, leise ein etwas frivoles Lied über käufliche Liebe, Trinkgelage, Eifersucht und Prügelei singend an Bord der Concabella. Freundlich grüßte sie Wipert, erkundigte sich nach Auffälligkeiten und warf ihm dann im Weitergehen eine tönerne Flasche zu: „Kleine Einschlafhilfe für nach der Wache!“ Gekonnt fing der dickliche Matrose, mit dem dichten Backenbart und dem spärlichen Haupthaar die Flasche auf. „Fürsorglich wie imma Kaptin. Der Flussvater soll stets n Aug auf euch ham!“ „Und uff di, Wipert!“ Damit verschwand sie durch die Tür ins Offizierskasino, umrundete die lange Tafel und schloss die Tür zu ihrer Kajüte auf. Als sie eintrat flatterte der grüne Regenbogenbuntschreier aus der Dunkelheit auf ihre Schulter und zupfte an ihren Haaren herum. „Auch wenn’s für dich aussieht wie ein Misthaufen, du wirst keine Würmer oder Käfer finden!“ gluckste sie, schob die Tür zu und verschloss sie. „Bei Efferdsbart, spät zurück!“ Abarhild stupste den Vogel sanft gegen den Schnabel: „Bist du mein Vater?“ Der Schulterhocker plusterte sich auf und krächzte: „Kielholen, verdammtes Neckerfutter! Kiiiielholen!“ Die Kapitänin setzte sich auf ihr Bett und begann ihre Stiefel auszuziehen. „Jaja, Tarquinio, aber erst morgen, heute will ich nur noch schlafen und jetzt weg da damit ich den Rock ablegen kann.“ Mit einem Satz und ein paar Flügelschlägen war er auf Abarhilds Kopf und zupfte erneut an ihren Haaren. „Kannst du das lassen du grünes Suppenhuhn?“ Sie stand auf und legte den Gehrock auf den Schreibtisch, während der Buntschreier munter weiter an ihren Haaren herumrupfte. „Tarquinio, ich warne dich, Perainitrud kennt bestimmt ein hübsches Rezept für gebratene Taube. Großartig was anderes bist du ja auch nicht.“ Ein empörtes Gekrächze erklang und der Grünling flog davon. Kopfschüttelnd kehrte die Kapitänin zu ihrem Bett zurück , legte den Harbener Säbel samt Waffengurt ab und neben das Kopfkissen. Der Griffkorb, der den Träger vor Verletzungen schützte, war mit allerlei efferdgefälligen Motiven verziert, die der abergläubischen Trägerin Rechnung trugen. Seufzend ließ sie sich auf ihr Bett fallen.

Durch Eis und Schnee

Der nächste Morgen hielt eine ungemütliche Begrüßung parat. Nicht nur, dass eisiger Wind an den Kleidern zerrte, sobald man einen Fuß vor die Tür setzte, auch munteres Schneegestöber hüllte die Landschaft in helles und kaltes Weiß.
Der Schnee tanzte so ergiebig vom Himmel, dass man den Blick kaum aufrichten mochte. Jede verirrte Flocke brannte kalt auf der Haut und in den Augen, sofern sie eine ungeschützte Stelle zum Landen fand.
Die Matrosen der Concabella murrten leise vor sich hin, als sie die Gemütlichkeit des Erlenauer Gasthauses hinter sich lassen mussten, um die Gäste wieder aufs Schiff zu bringen und den Flusssegler abfahrbereit zu machen. Wind und Schnee trugen wahrlich nicht zur Hebung der Laune bei, aber jeder wusste, wo sein Platz war und was er oder sie zu tun hatte. Allerdings schienen die Matrosen bei jeder Arbeit auf dem Deck höchstens ein Mindestmaß an Aufwand zu investieren und waren nicht verlegen darum, Arbeiten und Gründe zu finden, um im Inneren des Schiffes verbleiben zu können. Später als gewollt gab Kapitänin Salmfang das Kommando zur Weiterfahrt und der prachtvolle Zweimaster setzte sich in Bewegung und glitt majestätisch durch den fallenden Schnee. "Immerhin scheint das Ding heute Fahrt zu machen", brummelte Halmar vor sich hin und zog die Fellmütze über die Ohren. "Auf dem Großen Fluss bei Schneegestöber ... da wär mein Kamin in Perainehuth nun schon angenehmer. Aber immer noch besser als Tobrien damals." Er gab sich einen Ruck und stapfte durch das Schneegestöber zur Kapitänin rüber. "Werte Frau Salmfang, wenn Euch Schiff und Mannschaft mal ein paar Augenblicke Zeit lassen, sollten wir besprechen, was wir gestern in Faroldsheim in Erfahrung gebracht haben. Vielleicht können wir uns dazu aber irgendwohin zurückziehen, wo es weder schneit noch zu viele Ohren in der Nähe sind ...". Fragend sah er die Kapitänin an.

Aerin stand auf dem Deck, den Mantel eng um die Schultern gezogen, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, während der Schnee kalt auf den Stoff prasselte. Sie lauschte Halmars Kommentar und musste trotz der Kälte kurz schmunzeln. Als sie Halmar zu Kapitänin Salmfang gehen sah, blieb sie einen Moment am Achterdeck stehen, zog die Handschuhe fester über die Finger und blickte über das weiß verhüllte Ufer. Ihr Blick schweifte dabei wachsam den Fluss entlang, als könnte jeden Moment eine Spur, ein Boot, ein Zeichen des ominösen Edelmanns auftauchen. Dann trat sie entschlossen einen Schritt näher zur Reling und wandte sich leise an Erlberga, die in der Nähe stand: „Lasst uns schauen, was die Kapitänin zu berichten kann. Vielleicht wissen wir dann mehr — und können gemeinsam entscheiden, wie wir weiter vorgehen.“ Daraufhin stapfte sie leichten Schrittes, das Gewicht gut auf den rutschigen Planken verteilend, langsam hinter Halmar her in Richtung des Achterdecks — bereit, sich dem Gespräch mit der Kapitänin anzuschließen, wenn es die Situation erlaubte.

Während Aerin sprach, stand Erlberga mit verschränkten Armen neben ihr, der Mantel sorgfältig geschlossen, der Blick aufmerksam über die Schneelandschaft gerichtet. Ein kaum merkliches, aber warmes Lächeln umspielte ihre Züge. Sie legte Aerin kurz die behandschuhte Hand an den Arm — eine Geste, die gleichermaßen Bestätigung wie stillen Stolz ausdrückte. „Dann lass uns gehen, mein Kind.“ Abarhild ließ ihren Blick kurz über das Schiff wandern, dann nickte sie: „Im Augenblick sollte alles ruhig bleiben. Folgt mir!“ Damit ging die Kapitänin voran und führte Halmar und die Anderen zum Offizierskasino. Die robuste Frau setzte sich und bot jenen, die ihr hierher gefolgt waren ebenfalls Platz an. Als alle Platz genommen hatten blickte sie Halmar auffordernd an: „Bitte Ritter Halmar von Schellenberg, berichtet was ihr in Faroldsheim in Erfahrung bringen konntet.“
Als Kapitänin Salmfang mit kurzem Nicken den Weg zum Offizierskasino wies, wechselten Erlberga und Aerin einen kurzen Blick. Ohne ein Wort folgten sie der Einladung – die Mutter mit ruhiger Entschlossenheit, die Tochter einen halben Schritt dahinter, aufmerksam, aber etwas verhaltener. Als sie den Raum betraten, wählten Halmar und Abarhild bereits ihre Sitzplätze. Beide setzten sich nebeneinander und zwar so, dass sie alle Anwesenden gut im Blick hatten. Gespannt hörten sie den Ausführungen Halmars zu.
Halmar guckte sich im Offizierskasino um. Von der Besatzung war niemand zu sehen. Sie waren also unter sich - die Kapitänin, Aerin, Erlberga und er selbst. Halmar überlegte kurz, wie er das Thema am besten angehen wollte und seufzte innerlich auf. Sein Gegenüber zu lesen und darauf einzugehen, war noch nie seine Stärke gewesen. Also nickte er den drei Damen nur kurz zu und verfiel dann in seinen üblichen, kurzen, militärischen Habitus: "Seht, Kapitänin, wie Ihr frage auch ich mich, was ein Haufen Adeliger auf diesem Schiff soll." Mit den Händen zog er auf dem Tisch den Umriss eines Schiffes nach, als gelte es einen taktischen Plan zu zeichnen. "Wenn man den Gazetten Glauben schenken mag, dann hatte die Concabella seit dem Stapellauf immer wieder Probleme. Auch der Vorfall mit dem Segel vorgestern ließ mich an Sabotage denken. Gestern in Faroldsheim berichtete uns nun ein Kind, ein edel gekleideter Fremder habe den Dorfbewohnern verboten, der Concabella beim Vorankommen zu helfen. Kindesmund tut Wahrheit kund. Und die Dorfvorsteherin hat es dann bestätigt. Vielleicht wusste oder ahnte man in Elenvina so etwas und schickte uns deshalb auf diese Fahrt. Wir haben also mit Sicherheit einen Gegner da draußen an Land und vielleicht einen Komplizen hier an Bord. Ich wüsste nun gern: Könnt Ihr Euch einen Grund vorstellen, warum die Fahrt der Concabella verzögert werden soll? Wer hätte etwas davon, wenn wir Elenvina zu spät erreichen? Gibt es, bei allem Respekt, möglicherweise jemanden, der Euch persönlich schaden will - habt Ihr einen Feind? Und wie erklärt Ihr Euch die bisherigen Probleme Eures Schiffes?" Halmar blickte die Kapitänin unumwunden an, legte dann aber den Kopf etwas schief und versuchte ein Lächeln.
Die Kapitänin hatte eine besorgte Miene und schien angestrengt zu überlegen. „Hmmm…“, entfuhr es ihr und sie sah mit zusammengekniffenen Augen im Raum umher. „Ihr stellt wahrscheinlich die richtigen Fragen, doch fällt mir keine Antwort darauf ein. Das Schiff dient als schmückendes Beiwerk des Herzogenturniers. Aber ob es in Elenvina vor Anker liegt oder nicht, davon hängt das Turnier nicht ab.“
Dann schien ihr ein Gedanke zu kommen und sie fixierte Halmar und Erlberga nacheinander: „Aber…vielleicht will jemand einen der Eurigen daran hindern, rechtzeitig zum Turnier einzutreffen.“ Erlberga hatte Halmars Worte ruhig verfolgt, die Hände vor sich auf dem Tisch gefaltet. Nur ein leichtes Nicken und das Heben einer Braue verrieten, dass sie bei bestimmten Punkten innerlich reagierte – insbesondere als von einem möglichen Komplizen an Bord die Rede war. Als Abarhild ihre letzten Worte sprach, erwiderte die Junkerin den Blick der Kapitänin fest, aber nicht anklagend. „Es wäre nicht das erste Mal, dass politische Spiele über Bande gespielt werden“, sagte sie leise, aber mit Nachdruck. „Doch wer auch immer uns hier Steine in den Weg legt, spielt mit mehr als nur unserem Ruf. Solche Mittel... deuten auf Verzweiflung oder Skrupellosigkeit hin.“
Aerin, die bisher aufmerksam zugehört hatte, warf ihrer Mutter einen schnellen Seitenblick zu, ehe sie leise das Wort ergriff: „Verzeiht, Kapitänin – aber wenn es tatsächlich darum geht, jemanden von uns zu verzögern, müsste man wissen, wer auf diesem Schiff eine so wichtige Rolle spielt, dass es sich lohnt, solch ein Risiko einzugehen.“ Sie schwieg einen Moment. „Aber wenn wir es nicht wissen – vielleicht weiß es der Gegner.“ Sie beugte sich etwas vor. Ihr Blick war offen, aber auch wachsam. „Wenn jemand von Bord aus mit den Leuten am Ufer in Kontakt steht... gibt es eine Möglichkeit, das festzustellen? Ungewöhnliche Landgänge? Boten?“ Erlberga legte ihrer Tochter einen kurzen Blick auf die Schulter – ein stummer Zuspruch. Dann richtete sie sich etwas auf und wandte sich erneut an die Kapitänin: „Habt Ihr vor dieser Fahrt irgendeine Warnung erhalten? Gerüchte über die Concabella oder ihre Route? Jemand, der ungewöhnlich viel Interesse an den Gästen oder an der Besatzung zeigte?“ Halmar fragte sich, ob die Kapitänin ihm richtig zugehört hatte. Möglicherweise konnte sie ihm nicht folgen. Er hatte in seinem Leben schon mit vielen klugen Menschen aus den unteren Ständen zu tun gehabt. Aber Praios Ordnung hatte schon auch seine Gründe. Oder, und das schien Halmar wahrscheinlicher, sie wollte ihm nicht folgen. Ihre Antwort schien ihm jedenfalls ein Ablenkungsmanöver zu sein. Vielleicht wollte sie nur instinktiv sich und ihre Mannschaft schützen. Oder es steckte mehr dahinter ... .

Er riss sich zusammen und erwiderte in freundlichem Tonfall: "Es könnte natürlich sein, Kapitänin, dass auch einer der in Crumold an Bord gekommenen nicht nach Elenvina gelangen soll. Nichts ist ausgeschlossen. Allein, das erscheint mir recht unwahrscheinlich. Wie ich eingangs sagte: Mir scheint, dass wir in Crumold auf die Concabella geschickt wurden, gerade weil" - Halmar betonte das letzte Wort - "es hier Probleme gibt, nicht umgekehrt. Wie ist es denn der Concabella in den letzten Monaten ergangen? Ich kenne, wie gesagt, nur die Gerüchte aus dem Boten. Es wäre interessant, eine fachliche Einschätzung von Euch zu bekommen." Noch während er das sagte, wanderten Halmars Gedanken zurück Mole in Crumold. Da hatte es nicht nur viel neugieriges und seltsames Volk gegeben. Sondern auch einen gewaltigen Schrankkoffer und, vielleicht noch wichtiger, eine kleine, gerade einmal 40 Finger lange Kiste aus poliertem Steineichenholz. Möglicherweise hatte die Kapitänin ja doch Recht, und die Concabella hatte ein "neues" Problem. Das aber vielleicht nicht so sehr in den Mitreisenden als vielmehr in ihrer Ladung bestand. Halmar beschloss, später darauf zurückzukommen. Erstmal sollte die Kapitänin ihm antworten. Die Kapitänin schien angestrengt zu überlegen und ihre Stirn legte sich dabei in Falten. Nach einigen Augenblicken schüttelte sie den Kopf: „Nein, mir ist kein Zwischenfall bekannt, der sich vor Crumold ereignet haben sollte. Und dort seid nur ihr, hohe Herrschaften, neu an Bord gekommen.“
Dann legte sich ein leichtes Lächeln auf ihre Lippen, ehe sie fortfuhr: „…und die alten Geschichten…“, sie machte eine wegwerfende Handbewegung, „…das ist nur Flussschiffersgarn!“

Stake und Fracht

Auxilia zog ihren Mantel dichter an ihren Körper und versuchte jede Schwachstelle für den eisigen Wind unzugänglich zu machen. Sie kniff die Augen gegen das Schneegestöber zusammen und atmete schwer aus, sodass kleine Wölkchen vor ihrem Mund erschienen. „Ich. Hasse. Schnee. Bei Firun.“, schimpfte sie leise grummelnd vor sich her.
Filwald hatte geschlafen wie ein Stein. Nach der recht kurzen Nacht an Bord war er doch sehr froh gewesen, wieder ein still liegendes Bett ohne kratzende Geräusche neben der Wand zu haben. Entspannt lies er seinen Blick über das Oberdeck gleiten. Mal sehen, ob sich jemand von der gestrigen Gesellschaft ebenfalls an Deck befand. Er würde doch zu gerne wissen, wie jetzt das nächste Vorgehen sein würde. Gleichzeitig ließ er den Blick in Richtung Ruder schweifen. Ob Diemut wohl bereits wieder am Ruder stand? Filwald hätte gerne mal ein Wort mit dem Steuermann gewechselt. Dick in einen warmen Lodenmantel eingehüllt, seinen alten Dreispitz wie immer auf den Kopf, stand Diemut Häberle natürlich schon wieder am Steuerruder und blickte über den Großen Fluss. Sein Gesichtsausdruck war verschlossen, was aber auch an dem bis zur Nase hochgezogenen Schal lag. Nur seine Augen ließen eine Ahnung seiner schlechten Laune aufblitzen. Unwillig schielte er ab und an zum Himmel, senkte den Blick aber sofort wieder, wenn die tanzenden Flocken sich förmlich auf seine ungeschützte Haut stürzten. Mehr als sonst griff sich Diemut an die abgegriffen Stellen seines Hutes, rieb diese und rückte die schützende Kopfbedeckung zurecht, dass ihm das Wetter nicht im Gesicht erreichte.
Nachdenklich betrachtete Filwald den Steuermann. Wahrscheinlich wird er mindestens ebenso abweisend sein wie die Kapitänin, aber einen Versuch war es wert. Filwald holte zwei Tassen heißen Tees aus der Kombüse, mit denen er sich auf den Weg zum Steuerrad machte. Dort angekommen stellte er eine davon neben Diemut ab. „Verdammt kalt heute morgen. Ich holte mir ohnehin gerade eine Tasse zum aufwärmen und dachte, vielleicht könntet Ihr ebenfalls eine gebrauchen.“ Filwald wandte sich zum gehen. Er konnte sich nicht vorstellen, dass den Steuermann anzusprechen eine gute Idee war. Entweder er kam von selbst, oder gar nicht. Der Steuermann neigte seinen Kopf zur Seite und sah Filwald an. Nach einem Moment der Ruhe, der Edle wandte sich bereits um, sprach Diemut ihn doch an: „Efferd dankt‘s, hoher Herr. Könntet…ihr vielleich…nen Augenblick die Staake halten? Dann mach ich mir die Finger am Becher warm.“
„Selbstverständlich!“antwortete Filwald und versuchte dabei, mehr Selbstbewusstsein auszudrücken als er im Moment empfand. Er war schon einige Male per Schiff gereist, doch noch nie war er in die Verlegenheit gekommen, eines zu steuern. Nun, wie schwer konnte das schon sein, dachte er, als er sich der Staake näherte. Auf der anderen Seite waren Steuermänner nicht umsonst meistens die rechte Hand des Kapitäns, wurde es ihm mit einem Schlag bewusst. Es würd also schon irgendwas dran sein..
Da er sich sicher war, dass Diemut seine Unsicherheit bemerken würde, versuchte Filwald, seine Schwäche in einen Vorteil zu verwandeln. Mit einem entschuldigendem Lächeln bemerkte er: „Ihr müsst allerdings wissen, dass ich solch eine Tätigkeit noch nie durchgeführt habe. Bitte korrigiert mich, am besten noch, bevor ich irgend etwas Dummes mache.“ Damit übernahm Filwald die Staake. Der Steuermann griff grinsend nach dem Becher und und versuchte Filwald zu beschwichtigen: „Ach, dat leeft, einfach nur gerade halten. Und der gute Diemut tut ja anbei steh‘n, falls was is‘, ne?“. Die lange Ruderstange schienen die Worte des Steuermanns jedoch nicht zu interessieren, denn Filwald spürte auf der Stelle, wie die Staake - zu zumindest nannte Diemut sie - wie von einem starken Arm gezogen nach rechts ausschlagen wollte. Es kostete einiges an Kraft, um sie in der mittigen Position zu halten. Der Steuermann hingegen blies mit dicken Backen in seinen dampfenden Becher und man konnte sehen, wie er gegen ein breites Grinsen ankämpfte.

„Na, is‘ doch ganz einfach, ne?“, sagte er schließlich, als Filwald das Ruder halbwegs unter Kontrolle gebracht hatte. Filwald erinnerte sich an eine seiner ersten Reitstunden. Sein Vater selig hatte ihm Arthak, den wildesten Hengst des gesamten Gestüts. ausgesucht, der bei auch nur der kleinsten Störung sofort durchging. Als Filwald das Tier gerade einmal so weit hatte, in etwa in die Richtung zu gehen, die er sich vorstellte, ließ sein Vater ein großes Lagerfeuer entzünden und Trommeln schlagen. Arthak stieg sofort auf und versuchte, so schnell wie nur möglich Land zu gewinnen. Filwald wusste nicht, was er tun sollte, also presste er die Schenkel zusammen so gut er konnte, nur, um nicht herunterzufallen. Arthak galoppierte einige hundert Schritt, dann wurde er langsamer. Nach nur wenigen Minuten blieb er ganz stehen. Filwalds Beine krallten sich noch immer in seine Seiten. Sein Vater kam wutschnaubend angelaufen: „Bei Praios, lass endlich deine Beine los! Das arme Tier bekommt ja gar keine Luft mehr!“ Dann wurde er heruntergehoben. Arthak brach nie wieder bei Störungen aus, wenn Filwald anwesend war. Mit ähnlicher Entschlossenheit und stoischer Miene antwortete Filwald nur: “Störrischer als gedacht. Aber ich halte sie auf Kurs“. Jeder Muskel, von der Wade bis zum Nacken, war vollauf beschäftigt, um nach außen die stoische Gelassenheit aufrecht zu halten. Der Steuermann sog die kalte Luft durch die Nase ein und klammerte sich an den wärmenden Becher. Mit skeptischer Miene sah es den Fluss hinauf und murmelte vor sich hin: „Wird nich‘ so ruhig bleiben, nehm‘ ich an. Tückisches Wetter.“

Das klang beunruhigend. Filwald vertraute auf die Fähigkeiten des Steuermanns, das Wetter und den Fluss richtig einzuschätzen. Unbewusst verstärkte er seinen Griff um die Staake und versteifte seine Haltung. Ein wenig kam er sich vor wie bei einem Reiterangriff, kurz bevor die Lanze im Ziel einschlägt und der Ruck den ganzen Körper durchfährt. Eigentlich hatte er vor, den Steuermann zu den seltsamen Beobachtern bei ihrer Abfahrt und den neuen Informationen aus dem Dorf gestern zu befragen. Nun schien ihm das Wetter einen Strich durch die Rechnung zu machen. Obwohl... Vielleicht konnte man beides miteinander verbinden. „Ihr tragt Sorge, dass schlechtes Wetter aufzieht?“ wandte er sich an Diemut. Er wartete bewusst einige Sekunden, bevor er nachsetzte: „Oder erwartet Ihr noch andere Schwierigkeiten? Vielleicht wegen unserer … Fracht?“ Die gesamte Zeit konzentrierte Filwald sich auf die Steuerung des Schiffes. Nur bei dem letzten Wort warf er einen kurzen Blick auf den Steuermann. Ob sich seine Miene wohl verändern würde? Der Steuermann sah mit skeptischem Blick zu Filwald: „Fracht? Welche Fracht?“, dann streckte er ihm den Becher mit dem noch immer dampfenden Tee hin, von dem er nur wenige Schlücke genommen hatte: „Ich tu‘ mir das mal anschauen. Der Fluss riecht nach Eis.“

„Selbstverständlich, bitte sehr“, entgegnete Filwald. Er konnte nicht leugnen, etwas Erleichterung zu empfinden, dem erfahrenen Seemann die Staake wieder anzuvertrauen. Insbesondere wenn jetzt tatsächlich "‚tückisches Wettter‘ kommen sollte, was immer auch damit gemeint sein sollte. Als Diemut das Steuer wieder in der Hand hatte, streckte Filwald streckte sich und zog prüfend die Luft ein. Allerdings konnte er nicht finden, das er Eis roch. Muss wohl so eine Redewendung sein, dachte Filwald. Laut sagte er:“Nun, wir haben doch ein ganzes Netz an Gegenständen mit an Bord geladen, bevor wir abfuhren. Ich denke, einige davon werden aus Sicherheitsgründen in der Schatzkammer aufbewahrt, richtig?“

Ein langgezogenes „Aye!“ war Diemuts einzige Antwort auf Filwalds Frage. Aber der Tonfall machte deutlich, dass es Bestätigung und Gegenfrage zugleich war. Der Steuermann blickte neugierig zu Filwald, in der Annahme, dass der Edelmann sich weiter erklären würde worauf er eigentlich abzielte. Filwald erinnerte sich an die Worte von Oda, Eventuell war das ein Weg. Eher beiläufig antwortete er: „Ich fragte mich nur, ob vielleicht irgendetwas .. gefährliches an Bord gekommen ist. Etwas, das auf keinen Fall den falschen Leuten in die Hände fallen darf.“ Filwald hatte wieder den länglichen Behälter vor Augen. „Etwa.. ein Zauberstab, zum Beispiel?“ Der Steuermann wurde mit einem Mal bleich im Gesicht, was man trotz des hochgezogenen Schals gut erkennen konnte. Er klopfte mit der freien Hand dreimal auf die Staake, die noch immer unter Filwalds Händen lag und sagte aufgebracht: „Sacht doch sowas nicht! Albensachen an Bord bringen unglück. Will‘ nicht hoffen, dass wir mit sowas den Flussvater verärgern!“ Dann sah er Filwald tief in die Augen: „Habt ihr die Kapitänin schon gefragt? Was sagt sie?“

Das hatte gesessen, die Deckung war für einen Augenblick aufgebrochen. Jetzt hieß es nachsetzen. Die Kapitänin ins Spiel zu bringen schien Filwald ein verzweifelter Versuch, die stoische Ruhe, die des Steuermanns Schildwall gegen die Welt zu sein schien, wieder herzustellen. Das wollte Filwald nicht zulassen. Er ignorierte die Frage, konterte stattdessen: „Nun, ich denke nicht, dass der gute Flussvater verärgert wurde. Ich mache mir vielmehr Sorgen um eine Gruppe von Fremden, die anscheinend unsere Fahrt sabotieren wollen. Sie schreckten nicht einmal davor zurück, ein komplettes Dorf in Angst und Schrecken zu versetzen, nur um zu verhindern, dass uns geholfen wird!“ Nun war es an Filwald, dem Steuermann gerade ins Gesicht zu blicken, als er fortfuhr: „Habt Ihr eine Ahnung, um wen es sich dabei handeln könnte?“ Der Steuermann öffnete mehrfach seinen Mund und klappte ihn wieder zu, ohne dass daraus ein Ton entwich. Seine Augen verrieten aber völlige Überforderung mit der Andeutung, dass jemand die Fahrt des Schiffes sabotieren wolle. „Wo…wo sind diese…Fremden?“ , frug er zögerlich und sah sich dabei ganz behutsam um. So als erwarte er, dass plötzlich eine dieser Fremden hinter ihm stünde.

Bei Praios, war das ein harter Hund! Stellte dieser Kerl sich doch glatt einfältiger als ein Feldkaninchen! Oder.. war das am Ende gar keine Verstellung? Zum wiederholten Mal verwünschte Filwald sich, seinen zauberkundigen Sohn zusammen mit seiner Frau wieder nach Hause geschickt zu haben. Mit Hellsichts- und Gedankenmanipulationszaubern kannte Mortak sich gut aus, für ihn wäre es ein leichtes, hier für Aufklärung zu sorgen. So musste sich Filwald mal wieder auf seinen gesunden Menschenverstand verlassen. Soweit er wusste war ein Steuermann die rechte Hand des Kapitäns. Seine Augen und Ohren für die Sorgen und Nöte der Mannschaft und gleichzeitig der wichtigste Mann für die Navigation und Steuerung des Schiffes. Filwald konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass diese Position jemand mit eher beschränkten geistigen Fähigkeiten ausfüllen konnte. Aber Filwald beschloss, sich erst einmal auf sein Spiel einzulassen: „Die Fremden? Nein, nein, die sind noch nicht an Bord!“. Nachdenklicher fügte er hinzu: „Jedenfalls denke ich das. Nicht, dass die sich doch an Bord geschlichen haben, und vielleicht gerade eben die Schatzkammer plündern..“ Der Steuermann kniff die Augen zusammen und fixierte Filwald argwöhnisch: „Habt ihr bei diesen ‚Fremden‘ denn schon eine Idee, wer das sein könnte? Schätze gibt‘s hier nämlich keine zu heben. Ihr wisst doch was!“ Der Steuermann musste sich erkennbar zurückhalten, um Filwald bei seiner letzten Frage nicht auf die Brust zu tippen und so zog er seine Hand schnell wieder zurück.

Langsam bekam Filwald den Eindruck, dass der Steuermann eine recht gute Vorstellung von dem hatte, was hier gespielt wurde. Und wenn er, dann sicherlich die Kapitänin auch. Doch anscheinend waren sie genauso beunruhigt wie er selbst über die Vorgänge, die sich hier abspielten. Wenn nicht sogar noch mehr.. Filwald beschloss, die Karten auf den Tisch zu legen. Vielleicht bekam er dadurch ein wenig mehr Licht ins Dunkel: „Nun, wir waren doch gestern in diesem Dorf, um Treidler anzuwerben“, begann er langsam. „Die Leute dort waren total verunsichert. Geradezu eingeschüchtert. Sie berichteten von einem ‚Fremden‘, der ihnen bei Strafe verboten hatte uns zu helfen.“ Wieder fixierte Filwald den Steuermann, sah ihm gerade ins Gesicht, als er fortfuhr: „Wer könnte dieser Fremde wohl sein? Und was will er von der Concabella?“

Ein neuer Tag, ein neues Glück

Wind und Wetter machten dem Angroscho wenig aus und er war die Kälte auch gewohnt. Dennoch hüllte selbst
Xanthrax betrat das Deck und sah sich um. Es waren schon einige Leutchen auf – Leutchen, die er kannte. Etwa wie Aerin, der er kurz zuwinkte. Er wollte jedoch nicht stören und beließ es dabei. Ein wenig verloren wirkend stand er an Bord, die Hände in die Vordertaschen seiner schweren Lederschürze geschoben. Er beneidete die Schiffsbesatzung nicht um ihr Tun, gerade jetzt nicht. Anniella hatte die Nacht mit den anderen im Wirtshaus verbracht und war einigermaßen unglücklich darüber, dass niemand dem Hinweis gefolgt war, dass im Letzten Ort jemand Vögel aufgescheucht hatte, wo es doch der gleiche Mann hätte sein können, der sich als Edelmann ausgab, und die Dorfbewohner bedroht hatte. Jetzt stand sie unentschlossen mit einem Becher warmen Tee in den Händen an Deck der Concabella mit einem Schafsfell, und war ebenfalls üüber das dichte Schneetreiben unglücklich. Konnte denn bei so dichtem Schneegestöber der Mann im Krähennest überhaupt etwas sehen? Sehen, wo die Ufer waren, und wo sich die Concabella befand? Beim kalten Biss der aggressiven Brise, welche über den großen Fluss blies, blieb kaum eine Möglichkeit sich müde zu fühlen. Genau dies war auch der Grund, weshalb es Luzia von Nadelgrat an diesem Morgen an Deck zog. Nach zwei Tagen eintönigem Segeln hatte die Junkerin den Großteil ihres Interesses für die Flussreise selbst verloren. Zwar wünschte sie, das Segelhandwerk näher zu betrachten und sich die Funktion des Schiffes erklären zu lassen, aber ihr war durchaus bewusst, dass sie nur im Weg wäre.
Mit einem leichten Seufzen ließ sie einen Blick über die Landschaft schweifen, konnte aber nichts Alarmierendes in der schneebedeckten Landschaft entdecken. Also widmete sie sich dem Rest der Gesellschaft, welche sich bereits an Deck eingefunden hatte. Einige hatten sich durchaus schon von der Wärme im Inneren der Concabella losreißen können und schienen sich mit Kapitänin und Steuermann zu besprechen. Im Moment nicht gewillt sich ungefragt einzumischen, gesellte sich Luzia stattdessen zum dem Angroscho, der alleine an Deck stand.

„Garoschem, euer Wohlgeboren, und einen guten Morgen. Zugegeben, kein besonders angenehmer Morgen, aber immerhin ist uns der Wind heute freundlicher gesonnen.“ Trotz des unangenehmen Schneetreibens lächelte sie Xanthrax freundlich zu. „Ich glaube ich habe mich euch nie vorgestellt, Luzia von Nadelgrat, und verzeiht mir mein spärliches Rogolan.“ „Guten Morgen, werte Dame“, erwiderte Xanthrax den Gruß und musterte die Frau neben ihm. Er hatte sie zwar gesehen, doch nie wirklich mit ihr zu tun gehabt. Nein, daran würde er sich erinnern. Sein Blick blieb für einen Wimpernschlag an ihrer Narbe hängen – Narben erzählten Geschichten, das wusste er aus eigener Erfahrung. „Ich bin des Garethi genügend mächtig, als dass wir uns nicht in meiner Muttersprache unterhalten müssten“, gab er freundlich zurück. „Ihr habt Euch aber sehr gewählt ausgedrückt – die Betonung stimmte.“ Er überlegte. Wie sollte er Luzia einschätzen? Dem Auftreten nach weit weniger wie jemand, der steif auf Etikette und Protokoll versessen war als viele der Menschen, die er im Laufe seines Lebens kennengelernt hatte. „Ich denke, wir hatten tatsächlich noch nicht das Vergnügen – Xanthrax, Sohn des Xolgram. Erfreut Eure Bekanntschaft zu machen.“ Er neigte das Haupt ein wenig und schenkte ihr ein Lächeln. „Wie mir scheint, so seid Ihr auch nicht von der Sorte Mensch, der die Kälte sonderlich viel ausmacht.“
„Oh nein, ich stamme aus den Bergen im Südosten, ursprünglich aus Alborath, aber mein Lehen liegt dort noch einmal deutlich höher. Nicht allzu leicht, um diese Jahreszeit hier herunter zu reisen, das kann ich euch sagen. Es mag heute kalt sein, aber das Wetter ist nicht allzu grimmig. Ich denke solange wir auf keine Eisstöße treffen, dürften wir heute gute Fahrt machen.“ Angroschim einzuschätzen war Luzia schon immer schwergefallen, auch wenn sie durchaus schon mit dem ein oder anderen gesprochen hatte. Es war vor allem das hohe Alter das sie erreichen konnten, welches die junge Frau ehrfürchtig machte. Aber selbst sie konnte sagen, dass der Angroscho vor ihr durchaus erfahren und kompetent sein musste.
„Sagt Xanthrax, ich bin mir nicht mehr völlig sicher, aber euer Gut, Eisenmühlen, liegt ebenfalls im Eisenwald, oder?“ „Aus Alborath also, soso“, brummelte Xanthrax freundlich und strich sich dabei durch seinen Bart. „Und Euer Lehen ist noch höher gelegen? Von Alborath aus beginnt doch der Anstieg in den Eisenwald selbst.“ Er überlegte. Alborath war tatsächlich das Tor hinauf in den Eisenwald und er versuchte Luzia einem Lehen zuzuordnen, doch er vermochte es nicht. In solchen Dingen konnte er sich nie wirklich behaupten. Stattdessen ging er dazu über, ihre Frage zu beantworten.

„Ja, das Kammergut liegt in der Bergfreiheit Eisenwald. Unser Nachbar ist das Gut Ebertann.“ Er bedachte sie mit einem entschuldigenden Blick. „Verzeiht, werte Luzia, aber Ihr habt mir etwas voraus – der Neugierde halber würde ich gerne wissen, wo Euer Lehen genau liegt. Mir ist nämlich kein ‚Nadelgrat‘ bekannt.“
Ein leichtes Grinsen zeichnete sich in Luzias Gesicht ab. „Das verwundert mich mitnichten, denn Nadelgrat ist der Titel meiner Familie. Mein Vater war der erste Ritter dieses Namens. Aber nein, aber nein, mein Lehen ist das Junkergut Firnbronn, etwas in südöstlicher Richtung von Alborath. Allerdings muss man zunächst die Via Ferra hinauf reisen, und sich bei Altenpfort praioswärts wenden, entlang des Dschadirs. Ich sitze an der Grenze zu Almada.“ Die Junkerin zuckte mit den Schultern, behielt aber ein freundliches Lächeln im Gesicht. „Im Prinzip das praioswärtige Vorgebirge des Eisenwaldes. Ich werde euch in keinster Weise Vorwürfe machen wenn ihr das Tal nicht kennt, wir sind dort ziemlich abgelegen. Eine ruhige Gegend, für den Moment.“ Für einen Moment war dem Gesicht der Junkerin nicht abzulesen, ob dies etwas Gutes oder etwas Schlechtes war, bevor sie den Moment gekonnt überspielte. „Ich hoffe das beantwortet eure Frage, euer Wohlgeboren?“
„Tut es, vielen lieben Dank“, beantwortete er ihre Frage. „Nur tut mir bitte einen Gefallen, werte Luzia – lasst dieses ‚Wohlgeboren‘ weg. Ich war noch nie ein Freund von Titeln und Rängen. Die meisten, die sie tragen, haben sie erhalten, weil ihre Vorväter oder Mütter etwas erreicht haben und glauben, Sie seien dadurch quasi unverwundbar oder weit über dem ‚gewöhnlichen Fußvolk‘. Nennt mich einfach Xanthrax, damit bin ich weitaus glücklicher.“ Er überlegte kurz und tippte sich ans Kinn: „Nadelgrat. Almada. Ein nettes Eckchen habt Ihr da schlussendlich über. Der letzteren Beschreibung nach zumindest. Und ein zünftiger Winter stählt den Körper, wie auch den Geist. Zumal er eine Möglichkeit ist, am Kaminfeuer Geschichten auszutauschen.“ Dabei bekommt seine Stimme einen verträumten Unterton. „Und dazu ein kräftiges Bier. Hach ja.“ Er schüttelte den Kopf und sah Luzia wieder an: „Mögt Ihr mir noch ein wenig mehr über Euer Lehen erzählen, werte Luzia? Ich bin neugierig.“
Die Junkerin lachte bei den Worten des Angroscho leise. „Gut Xanthrax, ich werde es mir merken! Und ich verstehe eure Haltung.“ Etwas scherzhaft fügte sie hinzu. „Aber ihr müsst verstehen, wir sind doch etwas kurzlebiger als ihr, da müssen wir doch etwas auf den Taten unserer Väter und Mütter pochen.“
„Und ja, ein nettes Eckchen, außer im etwas langen Winter. Aber ich darf mich nicht beschweren, sonst wird es bei uns im Sommer um so heißer. Aber leider, leider, mit einer Bierbrauerei kann ich nicht prahlen, ich habe lediglich eine kleine Brennerei in meinem Lehen. Wir sind etwas zu hoch, und der Boden eignet sich nicht für groß angelegten Ackerbau.“ „Tue ich, aber dennoch – ich weiß ja, was ich kann und woher ich bin.“ Er grinste zurück. „Vielen lieben Dank für das Verständnis, werte Luzia.“ Bei dem Wort „Brennerei“ wurde der Angroscho hellhörig. „Ihr brennt also selbst Schnaps? Welche Sorte denn? Wie würdet Ihr den Geschmack beschreiben? Eher scharf oder eher mild?“ Damit schien sein Interesse geweckt zu sein. „Ihr habt nicht zufälligerweise eine kleine Kostprobe bei euch? Und wie weit sind wir denn, mit unser beider Lehen, voneinander entfernt?“ „Natürlich-“ Mit einem Grinsen musterte Luzia den Angroscho. „Aber es bin nicht ich selbst, die brennt, es gibt in Talgrund die Brennerei Kolter. Ich glaube nicht, dass ihr sie kennen werdet, die Mengen sind klein, und viel weiter als Alborath handeln sie nicht. Aber ich habe etwas dabei, wenn ihr wollt.“ „Es sind gerade die kleinen Brauereien und Brennereien, die oft die vorzüglichsten Tropfen hervorbringen, werte Luzia.“ Xanthrax´ Freude, ob der eventuellen Kostprobe war nicht zu verhehlen. „Wenn Ihr mir denn etwas überlassen würdet – gerne.“

„Natürlich, natürlich. Wisst ihr was, im Moment sind die Fläschchen bei meinem Gepäck, aber ich werde sie später beim Abendmahl mitnehmen, dann könnt ihr gerne eine Kostprobe nehmen.“ Dieser Morgen war kein guter für Phelinda von Twergenloch. Die aufkommende Kälte hatte sie schon am Vorabend beim Einschlafen frösteln lassen. Da ihr Quartier im Gasthaus ein Eckzimmer war, drang von zwei Seiten Kälte durch die Fensterläden. Als dann auch noch Mitte der Nacht Krämpfe hinzukamen, war sie endgültig um den Schlaf gebracht. Bis in die frühen Morgenstunden rang sie ihrem Körper ein paar Stunden Schlaf ab. Mit eng ums Gesicht gewickelter Gugel und in ihren Mantel gehüllt, war Phelinda direkt unter Deck gegangen und hatte sich in eine Ecke zurückgezogen. Die Krämpfe hatten seit der Nacht nicht nachgelassen, im Gegenteil. Die Schmerzen, die sich hinzugesellt hatten, strahlten vom Unterleib in den Rücken und die Beine aus. So saß die Ritterin auf einem Schemel im Flur des Zwischendecks, zwischen dem vorderen Raum und den Kajüten. Sie lehnte an die Außenwand des Schiffs und eine Trennwand zu den Quartieren. Zu allem Überfluss wurde ihr vom Schaukeln der Concabella oder aufgrund ihres Gemeinzustands leicht übel. Sie hoffte, an dieser Stelle niemandem im Weg zu sein.



Das Lächeln der Junkerin ließ nach und sie biss leicht auf ihrer Lippe herum, wo die Narbe war. „Ihr meint was die Wahrscheinlichkeit der Sabotage angeht? Ich war nicht dort, an Land, aber ich muss ehrlich sagen dass ich dem Bericht glaube. Es ändert vieles, aber gleichzeitig ist mir etwas unklar wie die Verhältnisse um unsere Fahrt nun stehen.“ Die junge Frau ließ ihre Stimme zu einem Flüstern herab sinken, bis nur mehr Xanthrax und Rondragoras sie hören konnten.
„Versteht mich nicht falsch, aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich dabei um ein Piratenkomplott - zumindest hoffe ich das. Aber der Gedanke der sich mir aufdrängt ist ein Komplott politischer Natur.“ Luzia beendete ihre Vermutung mit betont neutralem Gesichtsausdruck und musterte ihre beiden Standesgenossen. Rondragoras war nur wenig älter als sie selbst, aber Xanthrax hatte sicherlich viel gesehen und die war neugierig auf seine Einschätzung.
„Piraten würden sich weniger die Mühe machen, die Treidler abzuhalten, sondern eher versuchen, uns dadurch in ihre Arme zu treiben.“ Xanthrax sprach ebenfalls so leise, dass nur seine beiden direkten Gesprächspartner etwas davon verstehen konnten. Er schob dabei die Hände in die Taschen seiner Schürze. „Und wir sind, auch wenn wir vorwiegend Edelleute sind, doch eine recht kampfstarke Truppe. Mit der Mannschaft sowieso.“ Er überlegte und wiegte den Kopf hin und her. Natürlich waren Piraten immer eine Option, das wusste er zu gut, vor allem wenn er an sein eigenes Lehen dachte, doch dafür waren die vergangenen Ereignisse zu ... durchgeplant. Ein gewöhnlicher Pirat war nicht darauf aus, eine Schifffahrt zu behindern, sondern sie gänzlich anzuhalten, abzuräumen, um dann wieder zu verschwinden. „Da wäre es weitaus besser, uns in einer Engstelle festzusetzen. Und was hätte ein Pirat davon, uns ‚nur‘ zu behindern? Im Rahmen des Möglichen ist diese Einschätzung selbstverständlich, aber das erscheint mir wenig zielführend. Zumal die Einheimischen uns auch in eine Falle hätten locken können, an eine günstige Position, wo wir auf dem Präsentierteller gewesen wären. Oder uns in Sicherheit wiegen.“ Xanthrax zog die rechte Hand aus der Schürzentasche und strich sich dabei nachdenklich über den Bart. „Hinzu kommt das Risiko, dass jemand plaudert, wenn wir zu sehr nachbohren. Ich war nicht dabei, ich kenne den genauen Hergang nicht und weiß dementsprechend auch nicht aus erster Hand, wie das Ganze wirklich abgelaufen ist, aber die meisten Dörfler geben bei etwas Druck schon nach.“ Er schüttelte für sich selbst den Kopf. „Nein, das passt nicht recht zusammen.“ Der Gedanke, jemand möchte ihre rechtzeitige Ankunft verhindern, erschien ihm da schon glaubwürdiger. Die Frage war nur: Warum? „Wir haben noch ein Problem – wenn wir von Sabotage ausgehen, dann bedeutet das mindestens eine Person an Bord, die uns nicht wohlgesinnt ist. Eher ist von mehreren auszugehen. Sicherer wäre es für den oder die, welche unser rechtzeitiges Eintreffen verhindern wollen.“ Xanthrax tippte sich nachdenklich ans Kinn. Es war ebenso gut möglich, dass er auf dem Holzweg war, aber ganz daran glauben mochte er nicht. „Der oder die Saboteure spielen ein gefährliches Spiel, wenn dem so ist. Die Chancen entdeckt zu werden sind hoch – eine unachtsame Bewegung, ein seltsames Verhalten und man ist schon verdächtig. Uns außerdem sinken zu lassen wäre nicht in seinem Sinne, ist so ein Bad im kalten Fluss doch kaum förderlich für ein gesundes und langes Leben und das würde auch ihn selbst betreffen.“ Der Ambosszwerg bedachte seine beiden Gesprächspartner mit einem ernsten Blick. Er wartete auf eine Einschätzung ihrerseits, vor allem, was die eigenen Vermutungen anging.

„Das stimmt natürlich, aber dabei ist eine umsichtige Vorgehensweise vonnöten.“ Er hielt seine Stimme weiterhin gesenkt. „Falsche Verdächtigungen führen zu nichts und auch wenn wir einen harten Kern haben sollten, manchen würde ihr Nervenkostüm reißen.“ Xanthrax selbst war ein Vertreter der Devise „mit der Axt ins Haus fallen“, nur war das hier nicht angebracht. Eine kluge und taktische Planung führte zum Erfolg. „Anhand der bisherigen Situation gehe ich aber stark davon aus, dass uns niemand tot sehen will, sondern nur anderweitig beschäftigt. Und ich hoffe, dass ich recht habe.“ Ebenfalls in einem leisen Tonfall meldete sich nun auch Luzia wieder zu Wort. „Nein, nein, nein, diese Aktion kann sich fast gar nicht gegen uns persönlich richten, oder zumindest bei den meisten von uns. Die Concabella gehört unserem Herzog, und soll bis Anfang Phex wieder in Elenvina sein, wenn die Turnei beginnt. Wenn überhaupt, vorausgesetzt es handelt sich hierbei um eine politische Sabotage, dann kann ich mir nur vorstellen, dass es darum geht die Ankunft des Schiffs für diesen Prestigeträchtigen Zeitpunkt zu verzögern. Eine Bloßstellung sozusagen.“ Die Junkerin sah jedoch selbst nicht ganz überzeugt aus. „Zumindest ist das was ich mir bislang zusammenreimen konnte.“

Eisgang - Kampf gegen die Elemente

Fahrt durch den Schnee

Der Himmel war grau und kalte Böen rissen an den Segeln und Gewändern, doch trieb der Nordwind dafür auch die Concabella gegen die Stromrichtung voran. Die Wellen des Flusses schlugen gegen den Rumpf des Schiffes und lieferten den bereits nach wenigen Meilen nur noch monoton anmutenden Rhythmus, zu dem die Matrosen ohne rechte Begeisterung ihre Aufgaben verrichteten. Unterbrochen wurde jener nur durch das gelegentliche Schaben dünner Eisschollen, deren Dichte rasch zunahm.
Kapitänin Salmfang blickte skeptisch auf die Wasserfläche und den Himmel. Sie schien mit sich zu ringen, doch schließlich fasste sie die Entscheidung, die Fahrt fortzusetzen. Das bisschen Eisgang durfte sie nicht aufhalten, der Weg, den sie sich für heute vorgenommen hatten, war noch weit genug. "Oda!" befahl sie die Hugendubel zu sich. "Du übernimmst die erste Eiswache am Bug!" "Jawohl, Kapitänin." quittierte die angesprochene mehr murrend denn wahrhaft begeistert den Befehl und machte sich auf den Weg zu ihrem Posten, den sie mit zugezogenem Mantel und grimmigem Blick einnahm. Wenigstens war sie hierdurch von der Aufgabe befreit, mit dem jetzt all die Matrosen betraut waren, die nicht mit dem unmittelbaren Fahrbetrieb des Schiffes beschäftigt waren: hierzu zählte vor allem das Oberdeck wieder und wieder vom rasch schmierig werdenden, nassen Schnee zu befreien. So vergingen die ersten Stunden ihrer Fahrt.

Ratberp Salmfang und Yendan Wladjeff waren dazu eingeteilt, die Seile in regelmäßigen Zeitabständen zu überprüfen. Sie waren des öfteren auch mal in den Wanten am Klettern. Ansonsten schaufelten sie das Deck vom Schnee frei. Gezelin Rempler und Veriya Tuchner halfen beim Schnee schaufeln. Diemut Häberle, der Steuermann, stand stoisch am Steuerruder des Schiffes und trotzte dem Wetter. Ab und zu wechselte er sich mit der Kapitänin ab. Firunhard war mit Perigor an Deck und neben dem Ausschauhalten etwaiger Gefahren versuchte er die Ausbildung seines Hundes weiterzuführen. Er übte also bekannte und auch ein Paar neue Tricks, wie sie an Bord eines Schiffes möglich waren.
Luzia war an Deck und unterhielt sich.
Aerin grüßte Firunhard aber gesellte sich zu Luiza und unterhielt sich mit ihr, da sie das bisher noch nicht so gut konnte. Erlberga war ebenfalls auf dem Deck, eher am Reling um zu beobachten. Beide hatten ihre Schwerter dabei, Aerin noch ihren Bogen.
Xanthrax unterhielt sich ebenfalls mit Luzia.
Halmar stand gedankenverloren in der Nähe von Luzia, Aerin und Xanthrax. Bisher hatte er sich nicht wirklich am Gespräch beteiligt, wenn man von gelegentlichem, zustimmendem Brummen absah. Sein Blick wanderte durch das Schneegestöber über den Fluss und die Hände waren immer wieder damit beschäftigt, Schal und Fellmütze zurecht zu ziehen. Filwald war am Ruder zusammen mit Diemut.
Auxilia konnte nicht unter Deck bleiben. Zwar war es warm, aber auch langweilig und ein wenig die Beine zu vertreten war nie verkehrt. Also machte sie sich auf an Deck. Sie schaut auf das Wasser, die vorbeifließenden Schollen. Gedankenverloren. Die frische Luft und das Dehnen der Glieder taten gut. Wenig später gesellte sich auch Anniella dazu.
Wenige Schritt neben Halman ächzte Gezelin, als sie gewahr wurde, dass sie, kaum, dass sie fertig geschippt hatte, abermals gleich wieder von vorne beginnen durfte. Sehnsüchtig ging ihr Blick zu Halmar und Auxilia, die als adlige Gäste an Bord weilen durften, ohne derart niedere Arbeiten verrichten zu müssen. Auxilia grinste. Das würde gut tun. Bewegung für die kalten Gelenke und gegen die kalte Umgebung. Eine gute Übung. Sie sah sich um und entdeckte einen Besen. Damit konnte man doch sicher gut die letzten Schneewehen wegfegen, wofür die Schaufeln zu grob waren. Eifrig machte sie sich an die Arbeit.
Auxilia machte die körperliche Arbeit Spaß. Sie hatte etwas zu tun und trainierte gleichzeitig. Außerdem konnte sie ihren Hass auf den Schnee damit frönen. Unter Deck Jerg von Mitterberg verblieb an diesem schneereichen Tag in einer der Gäste-Kajüten, mummelte sich tief in Decken und versuchte einer aufsteigenden Seekrankheit Herr zu werden. Merkan Klippstein, der über Bord gegangene Matrose, lag ebenfalls mit einem beginnenden Dumpfschädel in einer Koje und wurde von der Smutje Perainitrud Hinnerbecker umsorgt und gepflegt. Die Matrosin Daria Handlos unterstütze Perainitrud nach vollen Kräften, aber auch nur, weil sie so die Gelegenheit hatte, sich immer mal wieder Kleinigkeiten aus der Kombüse stibitzen zu können. Wipert Eidelhaus war der Meinung, unter Deck alles auf Hochglanz bringen zu müssen und wedelte beständig mit dem Besen über die Böden. Der erste Maat Rahjaman Bockschlag kontrollierte auffällig oft den Salon, rückte Möbelstücke zurecht oder inspizierte die Kombüse, um dort mit Perainitrud oder Daria ein Pläuschchen zu halten.. Nachdem ihr der Aufenthalt im Flur zu kalt geworden war, hatte Phelinda sich in das nächstgelegene Quartier geschleppt. Zu ihrem Glück befand sich niemand hier. Die Gugel und die Handschuhe legte sie auf den Schreibtisch, bevor sie ihren Wintermantel öffnete. Sie war sich inzwischen sicher, woher ihre Schmerzen herrührten. Gerne hätte sie ihre Beinkleider gegen die andere Hose aus dickerem Stoff getauscht, die für diese Umstände auf Reisen mitnahm. Aber der Anblick der schweren Wolldecke zog die durchgefrorene Ritterin in ihren Bann. Weiterhin unter großen Schmerzen und mit gekrümmter Haltung näherte Phelinda sich dem Bett und kuschelte sich in die Decke ein. Inständig hoffte sie, dass ihr Aufenthalt keine Flecken hinterlassen würde. ‚Liebe Frau Tsa. Eingefahren ist Dein Reigen in die meinen Eingeweiden. Ich spüre ihn wohl deutlich wüten, aber Du wirst mich behüten! Verschone mich vor großer Pein, lass es nur wenig Tage sein.' Als sie das Stoßgebet beendet hatte, fühlte sie sich bereits etwas wärmer durch die Decke. Eis voraus (zunächst für SC an Deck) Seufzend erhob Gezelin sich und wollte sich erneut auf in Richtung Bug machen, als sie jäh erstarrte. Halmar und Auxilia fuhren herum und konnten es jetzt ebenfalls erkennen: sie hielten geradewegs auf eine ganze Schar Eisschollen zu, die sich an dieser Stelle des Flusses offenbar ineinander verhakt und teils übereinander geschoben hatten. Im selben Moment nahm es auch Firunhard wahr, und Diemut Häberle, dem Steuermann, entfuhr direkt neben Filwald ein „Beim Flussvater!“, als sich ihm offenbarte, auf was sie zuhielten. Auxilia ließ den Besen fallen. Sie wusste wieder einmal nicht, was sie tun konnte und rief nur: „Eisschollen." Der Besen war nicht lang genug, aber vielleicht fand sie etwas, womit sie die Schollen beiseite schieben konnte. Wo waren diese Stangen, mit denen man sich vom Ufer abstoßen konnte. Damit könnte man doch sicher die Schollen beiseite schieben oder ein Riemen, oder so etwas. Bei Praios, das war es also, das Diemut hatte kommen sehen. Filwald bereitete sich auf den Einschlag der Welle vor wie bei einer Tjoste, kurz vor Einschlag der Lanze. Filwald wurde im nächsten Augenblick förmlich vom Steuermann angeschrien: „Beidrehen! BEIDREHEN!“ In dieser Situation war der Steuermann die viel erfahrenere Person, deshalb hatte Filwald gar kein Problem damit, sich dessen Kommando unterzuordnen. Beherzt sprang er an die Staake und zog zusammen mit Diemut in die Richtung, die dieser für die beste zu halten schien. Mit großer Mühe und nur der Geistesgegenwart und der blitzartigen Reaktion Filwalds geschuldet gelang es, das Schiff hart steuerbord beizudrehen. Wäre der Wind nicht gewesen, hätte das Manöver gelingen können, doch presste er die Concabella unerbittlich weiter gegen den scharfkantigen und alles andere als geraden Rand des Eisstaus. Was zuerst als Kratzen begann wurde rasch ein Schrammen und sehr schnell zu einem Splittern und Krachen, ehe sie schließlich seitwärts am Eisrand zum Stehen kamen.

Das Holz ächzte und knarrte, während die Wellen gegen die Seiten des Schiffes schlugen. In Gezelin, die sich gerade noch so schwerfällig erhoben hatte, kam auf einmal Bewegung. Zuerst eilte sie zur Backbordseite. Schon der erste Blick veranlasste sie, laut nach den anderen Matrosen zu rufen. „Wir haben ein Problem!“, gellte ihr Schrei, während sie hastig zum Steuerhaus lief. Die Besatzung auf Deck versammelte sich schnell, und die Anspannung war spürbar. Das Schiff hatte einen tiefen Riss im Rumpf erlitten und begann, sich unruhig im Wasser zu wiegen. „Nicht gut!“ Diemut sah Filwald mit aufgerissenen Augen an. „Eis! Wir sind auf Eis aufgelaufen!“ meldete sich nun auch Oda, die Eiswache, krächzend vom Bug aus zu Wort! „DU BLINDE SEEKUH! DAS HABEN WIR BEREITS SELBER BEMERKT!“ brüllte Diemut vom Steuer aus in Richtung Bug erzürnt, von wo Odas späte Warnung erklang.

Filwalds erste Reaktion wäre gewesen, die Concabella frontal auf die Eisschollen zuzusteuern. Bei einem Reiterangriff ist es die schlechteste nur mögliche Reaktion, kurz vor dem Einschlag der Lanze dem Pferd eine andere Richtung zu geben. Ganz egal, was der Gegner machte, Du musst Deine erste Richtung immer beibehalten. Deshalb ist der Start eines Sturmangriffs so ein heikles Manöver. Filwald war daher erst etwas verblüfft, als der Steuermann „Beidrehen“ rief. Doch ein Schiff war kein Pferd, und Filwald dachte, Diemut würde wissen, was das Beste war. Doch anscheinend sind Schiffe und Pferde sich ähnlicher als gedacht und das Manöver hatte nun nicht zu einem Auflaufen auf einer Scholle, sondern einem komplett aufgerissenen Rumpf geführt. Filwalds vertrauen in die Fähigkeiten des Steuermanns sanken. „Verdammt, Mann! Schlagt Alarm, offenbar hat das Eis unsere Seite aufgerissen. Wir brauchen ein Leckteam. Jemand muss mit Pechdecken das Leck von außen abdichten! Macht hin!“ Filwald sah Halmar und Xanthrax an Deck, nahe der Wendeltreppe zu den Unterdecks. Filwald versuchte, ihre Aufmerksamkeit durch lautes Rufen und Winken zu erregen. Jemand musste unter Deck und den Leuten unter Deck heraushelfen. Man musste kein alter Seebär sein, um zu erkennen, dass das aktuelle Geschehen für Schiff und Mannschaft nicht förderlich war. Die energische und lautstarke Aufforderung „beizudrehen“ tat ihr Übriges. Mit müh und Not konnte er sich am nahen Geländer festklammern und so eine unsanfte Bekanntschaft mit den Planken des Schiffes machte. „Ich weiß wieder, warum ich Schifffahrten hasse“, murrte er und vergewisserte sich über das Befinden seiner Gesprächspartner. War jemand verletzt? Hatte es wen erwischt? Oder war gar etwas Schlimmeres passiert? Vom unerwarteten Aufprall überrascht wurde Luzia zunächst auf das Deck geschleudert, rappelte sich einen Moment später jedoch bereits wieder auf. Kurz sah sie zurück auf ihre Gesprächspartner, ob diese verletzt worden waren und nickte Xanthrax kurz zu, dann hastete die Junkerin mit eiligen Schritten zur Reling auf der Schlagseite um zu sehen ob sie dort Hand anlegen konnte. “Perigor, bei Fuss!" rief Firunhard um zumindest seinen Gefährten im ausbrechenden Chaos bei sich zu wissen. Da er keine Ahnung hatte was er jetzt zu tun hatte rief er dem nächstbesten Matrosen zu: “Wo muss ich helfen?” Die Matrosin Veriya, die vorhin noch mit Gezelin Schnee geschaufelt hatte, rappelte sich auch gerade von ihren vier Buchstaben wieder zurück auf die Beine. Sie wirkte noch etwas verwirrt von den plötzlichen Chaos, hörte aber Firunhards rufen und blickte zu ihm herüber.
Trotzdem brauchte sie einige wenige Herzschläge, bis sie die Gesamtsituation gedanklich erfasst hatte. Dann aber deutete sie in Richtung Reling, wo das Schiff mit den Eisschollen kollidiert war und rief: „Wir müssen die Eisschollen beiseite schieben! Vielleicht mit dem Ruderboot!“, schlug Veriya vor. "Und zwar schnell, ehe es so viele sind, dass wir gar keine Chance mehr haben." Eilig machte sich sofort daran, das kleine Beiboot zu Wasser lassen zu wollen. Dem Ruf der Matrosin folgend lief Firunhard auch zum Ruderboot und half die Leinen zu lösen und das Boot so schnell wie möglich einsatzbereit zu machen. “Perigor bleib!” rief er zu seinem Hund, sobald er auf das Boot springen konnte. “Soll ich rudern oder soll ich versuchen die Eisschollen beiseite zuschieben?” wandte er sich an die Matrosin. „Mir wurscht!“ antwortete Veriya knapp, während sie den Seilzug für das Beiboot festhielt, damit es nicht sofort von Deck rutschte. Dann blickte sie in Richtung der verbleibenden Leute, Matrosen als auch Passagiere, und rief lauthals: „Heyda! Wir könnten hier noch ein oder zwei helfende Hände gebrauchen. Gezelin komm helf mir das Beiboot zu Wasser zu lassen.“ Während Firunhard sich zum Bug des Bootes begab, sah er sich nach einer geeigneten Stange, Axt oder wie auch immer Matrosen so etwas nennen mögen, um. Einfach irgendein Werkzeug, um die Eisschollen abzuwehren. Wenn seine erste Schiffsreise so weitergeht, dann war es wahrscheinlich auch seine letzte. Bereit die Concabella vor den Eisschollen zu verteidigen wartete er darauf, dass das Ruderboot endlich Fahrt aufnahm. Von der Schifffahrt und ihren Handgriffen mochte Luzia nicht viel verstehen, aber sie hatte in den letzten Tagen durchaus aufmerksam auf die Tätigkeiten an Deck geachtet, und so kam sie nun ebenfalls zum Beiboot angerannt, und in den Armen hatte sie drei der langen Stangen, mit denen sie in den letzten Tagen auf dem Vorderdeck einige Matrosen kleinere Eisschollen beiseite schieben hatte sehen. Sie wusste nicht, ob sich dieses Vorgehen einfach so auf die große Scholle übertragen ließ, aber sie war mehr als bereit es auszuprobieren und ein zusätzliches Paar Hände schien hier auf jeden Fall gefragt zu sein. Gezelin war inzwischen Veriya zur Hilfe gekommen und packte bei der Seilwinde fürs Runterlassen des Bootes mit an. Veriya meinte zu Firunhard und Luzia dann: „Ihr habt Stangen mit gebracht. Sehr gut! Wir lassen euch herunter, dann müsstet Ihr versuchen so gut es geht, die treibenden Eisstücke von der Wand weg zu schubsen. Ihr könnt nicht abdriften, denn wir werden am Bootsbug ein Seil mit der Reling verbinden, dass Euch an Ort und stelle hält. Bitte versucht soviel Schollen wie möglich weg zu schieben, denn alles was nicht gegen den beschädigten Rumpf schlägt, bringt uns Zeit für die Reparatur. Sobald aus dem Unterdeck die Entwarnung kommt, dass das Leck gestopft wurde, können wir euch wieder zur Seilwinde ziehen und an Bord nehmen. Aber seid gewarnt, dass da unten kann holprig werden.“ Dann suchte der Blick der Matrosin fragend die Gesichter der Beibootbesatzung ab. „Alles klar? Oder gibt es noch Fragen?“ Luzia, mittlerweile behände in das Beiboot geklettert, nickte der Matrosin zu. „So weit alles klar. Lasst uns loslegen, bevor wir volllaufen und die ganze Situation noch unangenehmer wird. Sollten wir weitere Leute brauchen werden wir nach oben schreien.“ Der Blick der Junkerin suchte zunächst den von Firunhard, anschließen den der restlichen Matrosen. „Alle bereit?“ “Bereit!” antwortete Firunhard. “Dann lasst uns so viele Eisschollen wie möglich von unserem Schiff fernhalten. Größere Eisschollen sollten wir aber sicher mit vereinten Kräften angehen. Ich werde nicht zögern, euch dann um Hilfe zu rufen.” Er machte sich am Bug bereit und versuchte die Eisschollen auszumachen, die der Concabella am gefährlichsten werden könnten. Das kleine Beiboot wurde von Veriya und Gezelin zu Wasser gelassen und gemeinsam kämpften Luzia und Firunhard gegen Kälte und Eisschollen, während sie das Schiff von seiner misslichen Lage befreien wollten.

Derweil beim Frühstück

Anniella hatte den Becher mit Tee vom Frühstück längst ausgetrunken und zurück in die Kombüse geschafft, und war wieder an Deck getreten, und machte sich weiter Sorgen wegen dem Schneegestöber, als die Concabella an der Breitseite von den Eisschollen aufgerissen wurde. Der mächtige Schwenk, den das Schiff beim Versuch, der Kollision noch auszuweichen, getan hatte, hatte sie wieder ruckartig nach der nächsten Reling greifen lassen um sich festzuhalten.
Das Erste was ihr danach einfiel, war nach Verletzten zu fragen, und als klar war, dass das Schiff „verletzt“ war, nach dem Status Quo zu schauen. „IST JEMAND VERLETZT? Jemand über Bord? Wo sind Phelinda und Jerg? WIR MÜSSEN ALLE AN DECK HOLEN!! Merkan, Perainitrud, fehlt noch jemand?“
Endlich war es Phelinda unter ihrer Decke warm geworden, als das Schiff jäh seine Fahrtrichtung gen Steuerbord änderte. Die Drehung erfolgte so abrupt, dass es die Ritterin schier an die Außenwand ihrer backbordseitigen Kajüte presste. Furchtbarer noch als dieser Schreck wirkte jedoch das folgende laute Krachen und Splittern, das aus Bugrichtung, so glaubte sie, geradewegs auf sie zuraste. Erst als es an ihr vorbeigegangen war und wenig hinter ihr geendet hatte, ihr Raum aber noch immer unversehrt schien, wurde Phelinda klar, dass - was auch immer hier passiert war - sich ein Deck unter ihr zugetragen haben musste. Waren ihre Schmerzen bis gerade auf dem Weg sich zu beruhigen, setzten nach der abrupten Bewegung heftige Kopfschmerzen ein. Während sie Nacken, Glieder und den Rest ihres Körpers auf Verletzen überprüfte, bat Phelinda eine Heilige der Peraine um Unterstützung gegen ihre Leiden: „Celissa Ulfaran Martyra, morbi mei malaque mea, molli mox minuenda ea. [Bosp: Märtyrerin Celissa Ulfaran, all mein Schmerzen, all mein Wehen, lass sie bitte schnell vergehen.]"
Nachdem sei sich sicher war, keine ernsten Verletzungen oder offene Wunden erlitten zu haben, richtete sie sich auf. Nacken und Rücken, ohnehin von der verkrampften Haltung verspannt, schmerzten vom Aufprall gegen die Bordwand. Aber das war nun erst einmal nebensächlich. Eine Wucht, die sie aus dem Bett schleudern konnte, musste dem Schiff einen deutlich empfindlicheren Schaden beigebracht haben als ihr. Auch wenn es kein allzu heller Tag war, kam Phelinda das wenige Licht, das durch das Butzenglas-Fenster einfallende Licht unfassbar gleißend vor. Heute war wirklich nicht ihr Tag. Sie hielt ihre Augen vorerst geschlossen, um wenigstens eine Schmerzquelle auszublenden. Sie tastete sich zur abgelegten Kleidung vor, zog sich an, so schnell es ging und stand nach einer Zeit , deren Länge sie nicht genau absehen konnte, bereit, dem neusten Problem des Schiffs nachzugehen.
Da Phelinda meinte, die Geräusche aus einem tieferen Deck vernommen zu haben, machte sich auf den Weg in Richtung der Treppen im mittleren bis hinteren Teil des Schiffs. Widerwillig öffnete sie dabei ihre Augen, um nicht versehentlich irgendwen umzulaufen oder über etwas zu stolpern. Ihre Kopfschmerzen nahmen dies als Anlass, sich noch einmal zu intensivieren. Das hektische Getrappel etlicher Füße auf dem Deck über ihr tat sein Übriges, Phelindas Kopfschmerzen anzufachen. Schreie gellten ebenfalls und gelangten geradezu lächerlich wenig gedämpft an ihr Ohr. Als die Ritterin am Treppenabgang angelangt war, gesellte sich von unten eine weitere Stimme zu dem Gewirr, das im Kopf der Ritterin immer mehr zur Kakophonie zu werden drohte. "Zu Hilfe!" Jetzt erkannte Phelinda, dass es die Smutje war, die da rief. "Hier kommt Wasser rein! Hört ihr? WAS-SER-EIN-BRUCH IM MANN-SCHAFTS-RAUM!" Danach waren deutlich leisere Worte zu vernehmen, die jedoch nur als einzelen Fetzen bei Phelinda angelangten. "... raus hier... krank!" Eine tiefere und daher etwas besser zu verstehende Männerstimme ließ vermuten, dass Perainitrud nicht überzeugend genug auf Merkan gewirkt hatte, denn er schien sich ihren Aufforderungen - wenngleich kraftlos klingend - so doch unwirsch zu widersetzen. "Das ist mir… orkdreckegal, wir saufen sonst ab. Hol Hilfe. Schnell!"

"Du... kaum... stehen..." Scheinbar gab sie ihr Streben auf, denn wieder erklang: "WAS-SER-EIN-BRUCH IM MANN-SCHAFTS-RAUM!" Auxilia wurde durch den Aufprall mit dem Eis fast aus der Balance gebracht, aber sie konnte sich noch auf den Beinen halten und sah sich um, wie sich die Situation um sie herum entwickelte. „Efferd, steh uns bei!", raunte Phelinda, bevor sie sich wieder in Bewegung setzte. Als die Treppe in Sicht kam, war sie einen Moment lang unentschlossen. Noch immer kamen Schreie aus dem Unterdeck. Ihre Gedanken überschlugen sich in ihrem fiebrigen Kopf: ‚Sofort. Hilfe. Nach unten? Helfen!?' Sie kniff die Augen zusammen und spannte jeden Muskel an, um für eine Sekunde die furchtbaren Schmerzen ausblenden zu können. Jetzt, wo sie wieder einigermaßen Herrin ihrer Gedanken war, verwarf Phelinda ihren ersten Einfall, planlos ins Unterdeck zu stürzen. Stattdessen kamen ihr stakkatohaft die richtigen Eingebungen: ‚Pumpen? Sonst: Eimer, Töpfe! Weitergeben-Reihe. Leck-flicken.‘ Auch weiterhin entlud sich mit jedem Schritt, den sie tat, die Erschütterung weiter in verstärkten Kopf- und Nackenschmerzen. ‚Auch Pumpen,' schrie eine Stimme in ihrem Kopf gegen den Schmerz an, ‚brauchen Besatzung!'

Mehr schlecht als recht gelang ihr der Halt bei der Treppe. Noch immer kamen Rufe aus dem Unterdeck hinauf, die sie vorerst ignorieren musste. Statt nach unten, wandte sich Phelinda nach oben. Aufgrund ihres miserablen Zustands stürzte sie beim Versuch, die steile Treppe zu nutzen. Auf allen Vieren krabbelte die Ritterin dem Oberdeck entgegen. Phelinda von Twergenloch wusste, was sie zu tun hatte. Jede Faser ihres Körpers wehrte sich. In ihrem Kopf rumorten Eindrücke von noch mehr Schmerz, während sie die Stufen hinaufkroch. ‚Das wirst du bereuen!', manifestierte sich wiederholend die Drohung ihres Unterbewusstseins in ihrem Kopf. Als ihr Kopf gerade durch die Luke auf das Oberdeck herausragte, gab Phelinda den Hilferuf weiter: „WASSER-EINBRUCH! Wir brauchen HILFE. Kommt UNTER DECK!" Und tatsächlich bewahrheiteten sich die Drohungen ihres Unterbewusstseins. Jedes Wort, das Phelinda gebrüllt hatte, hallte zehn mal so laut in ihren Ohren weiter. Selbst, als sie ihren Hilferuf beendet hatte, klang es noch nach. Zudem hatte sich ihr Blickfeld auf einen schwarzen Tunnel reduziert und sie fühlte sich, als würde sie begraben. Dumpfer Schmerz und ein immenser Druck lasteten auf ihr und ließen sie auf der Treppe zusammensacken. Während sie mit ihrem Bewusstsein rang, hoffte sie inständig, dass ihr Ruf Gehör gefunden hatte. Als Phelindas gebrüllter Ruf durch das Schiff gellte, fuhr Aerin der Schreck durch Mark und Bein. Die Worte „Wasser-Einbruch!“ klangen nicht nur laut – sie waren auch verzweifelt, gequält, beinahe schmerzhaft. Aerin, gerade auf halber Treppe, wirbelte herum – und sah im nächsten Moment Phelindas Gestalt, wie sie taumelnd die letzte Stufe erklomm und dann förmlich auf den Knien zusammensackte. Ihr Gesicht war blass, ihre Züge gezeichnet vom Schmerz, aber der Wille – dieser eiserne Wille – war da. „Phelinda!“ Aerin stieg mit zwei schnellen Schritten nach oben, ließ sich neben ihr auf ein Knie nieder. Ihre Hand ging an die Schulter der Ritterin, fest, aber nicht grob. „Ich bin hier, haltet durch.“

Dann rief sie mit fester Stimme über das Deck hinweg – laut, aber nicht panisch: „Wasser im Mannschaftsraum! Wer helfen kann, folgt mir jetzt!“ Ein kurzer Blick zu Luzia, Halmar, Xanthrax, Erlberga, dann noch einmal zu Phelinda. Aerin sprach nun leiser, aber nicht weniger ernst: „Wenn Ihr stehen könnt, kommt mit. Wenn nicht – bleibt hier, aber lasst mich wissen, wenn ich jemanden zu Euch schicken soll.“ Mit einem knappen Nicken erhob sie sich wieder, zog das Schwert fester an ihre Seite – und machte sich erneut bereit, ins Dunkel des unteren Decks hinabzusteigen. An ihrer Schulter spürte Phelinda einen bestimmten, aber nicht unangenehmen Druck. Sie öffnete die Augen und schaute zu Aerin auf. Der Rückhalt der Ritterin gab ihr die Kraft, sich die letzten beiden Stufen hinauf zu ziehen. So war sie zumindest nicht im Weg.

Auf Aerins Frage hin antwortete Phelinda mit letzter Kraft: "W-W-Wein..." Ihr Kopf sank aufs Brustbein, bevor sie ihn erneut hob und mit zittriger Stimme ergänzte: "Oder Schnapps." Sie kniff die Augen zusammen, hielt sich den Unterleib und sagte schwach: "Schmerzen." Danach sackte die Ritterin endgültig in sich zusammen. Dass Aerin eine Gruppe unter Deck führte, bekam sie mit. Es war genau das, was die Aktion bezweckt hatte. Ein flüchtiges Lächeln huschte über das runde Gesicht der Ritterin. Sie krabbelte zum Mast und lehnte sich an den hölzernen Pfeiler. An den Mast gelehnt betete Phelinda ein Dankgebet auf Bosparano an die Heilige, die sie zuvor um Beistand gebeten hatte: 'Salve Celissa, gratia plena, Mater Peraine tecum. Fortunata tu in civibus Bosparano, et Fortuna pauperibus et aegrotis donetur. Sela. (Bosp.: Gegrüßt seist due Celissa, voll der Gnade, die Mutter Peraine ist mit dir. Mit Glück beschienen bist du unter den Einwohnern Bosparans und Glück schenkst du den Armen Kranken. Sela.)' Sie wiederholte in ihrem Kopf die Verse immer wieder, um bei Bewusstsein zu bleiben. Sie hatten genug Probleme, auch ohne eine bewusstlose Adlige. Während sie sich beinahe in Trance betete, hielt Phelinda die Augen trotz ihrer Schmerzen offen. Sie wollte nicht verpassen, wenn jemand zu ihrer Unterstützung nahte.

Angrosch sei Dank, schien es zumindest so, dass seinen beiden Gesprächspartnern nichts Schlimmeres passiert war. Er fluchte stumm. Das hatte gerade noch gefehlt – gemeinsam mit diesem Kahn zu ersaufen. Angroschim waren nicht für Schiffe geschaffen worden, selbst wenn diese bloß auf Flüssen segelten. Ein Abwägen war erforderlich – er sah die angeschlagene Phelinda, aber auch das Schiff erforderte seine Aufmerksamkeit. Routiniert prüfte er mit einem kurzen Blick, ob sie äußerlich irgendwo blutete oder anderweitig verletzt war. Geistesgegenwärtig griff er in seine Schmiedeschürze und zog einen Flachmann hervor. Ein feiner Tropfen, normalerweise für besondere Anlässe vorbehalten oder als eiserne Notreserve. Doch war das nicht ein besonderer Anlass?
„Ich komme sofort nach“, meinte er in Richtung von Rondragoras und gesellte sich zu Phelinda. „Ruhig, Mädchen“, redete er ihr gut zu. „Wo hats dich erwischt?“ Er hielt ihr dabei den Flachmann hin. „Nichts, das ein guter Schluck nicht korrigieren könnte, oder?“ Sie hatte ihren Kehrvers auf Bosparano nur zweieinhalb mal wiederholt, als die vertraute Gestalt von Xanthrax Sohn des Xolgram in Sicht kam. Als er einen Flachmann hervorholte, war Phelinda positiv überrascht, dass ihre Bitte nach Alkohol so rasch beantwortet wurde. Mit schwacher Stimme antwortete Phelinda dem Freund und Retter in ihrer Not: "Schukaschem, Garoscho Groschin Dorkrovin [Habt Dank, Bruder eines anderen Volkes]." Ihr schien es angemessen, ihren Dank in der Sprache der Angroschim auszudrücken. Phelinda hob den Flachmann an und trank einen Schluck. Ihre Kehle brannte von dem hochprozentigen Destillat und sie öffnete die Augen. Die schmerzlindernde Wirkung ließ noch auf sich warten, aber ihre Lebensgeister kehrten zurück. Auf Rogolan führte sie weiter aus: "Lû'koxal Angroschin hol t'ma dor schafam, zunhador hal [Wenn ein zwergischer Schnapps mich nicht heilen kann, dann kann es nichts.]" In der Sprache der Angroschim ließ sich vieles so viel schneller sagen. Die Ritterin seufzte einmal und nahm sich dann das Recht heraus, einen zweiten größeren Schluck zu nehmen. Angesichts ihres Gewichts wollte sie nicht zu wenig trinken und die beabsichtige Wirkung verfehlen. Vorsichtig richtete Phelinda sich auf und griff dankbar die Hand des Angroscho. "Vielen Dank, Xanthrax." Als sie vor ihm stand, bemerkte sie den fragenden Ausdruck in seinem Gesicht. Sie gab ihm den Flachmann zurück und setzte zu einer Erklärung an: "Ich habe meine..." Dann entschied sie sich, dass sie diese Information nicht für alle an Bord kommunzieren wollte und sagte: "Hosch minda'zrom damin [Ich habe meine monatliche Blutung]. Ax er'xomschogrod minalamim kascha zô era [Und seit dem Sonnenaufgang sind meine Schmerzen nur schlimmer geworden]." Es war kaum Zeit vergangen, aber Phelinda fühlte sich bereits deutlich mehr wie ein Lebewesen als noch ein paar Momente zuvor. An Xanthrax gewandt sagte sie: „Jetzt sollten wir unseren Freunden helfen." Die Ritterin drehte vorsichtig Kopf in Richtung der Luke, durch die ein großer Teil der Edelleute vor wenigen Augenblicken verschwunden war. Ihr Schmerz war indes nicht verschwunden, aber sie würde ihn aushalten können. ‚Hoffe ich zumindest.' Xanthrax schien sichtlich erleichtert zu sein, dass Phelinda es wieder auf die Beine geschafft hatte. Er schenkte ihr ein verständnisvolles Lächeln. „Das ist auch keine Schande“, entgegnete er und begutachtete sie einen Moment kritisch, wobei er seinen Flachmann wieder in die Schürzentasche gleiten ließ. „Ruht Euch noch ein wenig aus“, schlug er ihr in einem väterlichen Tonfall vor, ehe er sich aufmachte und Rondragoras hinterhereilte. Auf dem Weg nach unten kamen den Passagieren der dicke und gemütliche Wipert entgegen, der mehrere Eimer in Händen hielt. Sein Gesicht war von Panik gezeichnet und von der sonst so unerschütterlichen Gemütlichkeit war nichts mehr zu sehen. Erstaunlich schnell konnte der beleibte Mann durch die den beengten Schiffsraum manövrieren, bis er allerdings an der verstopften Treppe anhalten musste. Dem ersten der im begegnete warf er einen Eimer zu und kläffte energisch: „Eimerkette bilden!“

Phelinda stand alles andere als sicher auf dem Deck, als Xanthrax den anderen nachgestürmt war. Sein Rat war eigentlich ein guter. Allerdings war ihr auch bewusst, dass ihre Kopfschmerzen nicht besser würden, wenn das Boot tatsächlich sinken würde. Sie beschloss daher, an der frischen Luft über Deck zu bleiben, würde aber die Eimer annehmen, wenn sie aus dem Bauch des Schiffes hochgereicht würden. Entsprechend platzierte sie sich neben der Luke, die unter Deck führte, und wartete auf den ersten Eimer. Der Abstieg unter Deck war wie das Hineintauchen in eine kalte, schwere Decke. Es roch nach nassem Holz, Pech und Metall – und da war Wasser. Mehr, als gut war. Ein paar Gestalten bewegten sich hektisch, aber für Aerin war jetzt keine Zeit, um Einzelne zu erkennen oder Kommandos zu erwarten. Sie wusste, was zu tun war. Sie griff nach dem Eimer, ging in die Hocke, schöpfte. Das Wasser war eiskalt. Sie richtete sich auf, drehte sich um, reichte weiter – zu einer Silhouette, einem Arm, der nach dem Eimer griff. Dann wieder vor, wieder schöpfen. Der Rhythmus kam fast von selbst: Schöpfen – drehen – weiterreichen – zurückgreifen. Kein Platz für Nachdenken, nur Tun. Manche Eimer, die sie auffing, waren zu schwer, übervoll. Einer kippte fast in ihren Händen, kaltes Wasser schwappte über ihren Ärmel. Aerin biss die Zähne zusammen, stellte ihn ab, griff nach dem nächsten. Sie versuchte, nicht hektisch zu sein. Die Bewegungen sollten ruhig bleiben, sicher, verlässlich. Nicht die Stärkste sein – aber eine, auf die man sich verlassen konnte. Ein Gedanke flackerte auf: Wie viel Wasser passte in den Rumpf, bis es zu spät war? Sie schob ihn weg. Ein Eimer rutschte ihr beinahe aus den Fingern. Sie fing ihn ab, keuchte – dann stand sie kurz still. Durchatmen. Nicht nachgeben. Sie schüttelte die feuchten Haare aus dem Gesicht, zog das Schwert an ihrer Seite enger an den Körper – fast mechanisch. Dann arbeitete sie weiter. Schöpfen. Drehen. Weiterreichen.

Anniella hatte sich nach dem Hilferuf von Phelinda ebenfalls nach der direkten Ansage von Aerin mit den anderen unter Deck begeben und das Schöpfen von Aerin aufgenommen. Sie ergänzte als nächstes die Kette, die sie gemeinsam bildeten. Jemand hatte von irgendwo Eimer organisiert, und es ging nur: Voller Eimer Richtung Treppe, leerer Eimer Richtung Aerin.Sie standen inzwischen sicher knietief im eiskalten Wasser. Sie gab die schwappenden Eimer mit dem eiskalten nassen Inhalt, den Aerin ihr anreichte an den nächsten in der Kette weiter. Wichtig war, dass an der Treppe unten jemand stand, der den Eimer jeweils nach oben heben konnte, und jemand oben an der Luke, der den Eimer entgegen nahm und an Bord oder über die Reeling ausleerte. Insgeheim hoffte sie, dass sie das alle nicht lange tun mussten, und jemand Erfahrenes von der Mannschaft berets dabei war, die beschädigte Stelle von außen abzudichten.
Die Eimerkette wurde flugs von weiteren Matrosen ergänzt, da wo die Lücke zu groß war, um eine flüssige Bewegung der Schöpfbehälter aufrecht zu erhalten. So zog sich alsbald eine lange Menschenschlange aus dem Unterdeck bis hin zum Deck, die wie ein Uhrwerk stetig die vollen Eimer aus dem Schiff und die leeren Eimer wieder ins Schiff transportierte. Das Keuchen der Passagiere und Matrosen war vor allem im Bauch des Schiffes zu vernehmen und manch einem der Seefahrer stand purer Schweiß im Gesicht, obwohl die Leute teilweise im kalten Wasser standen. Die Kapitänin und der erste Maat standen nicht in der Schlange, sondern hatten sich schon ziemlich zu Beginn der Havarie zum Loch begeben und versuchten nach besten Können den Wassereinbruch einzudämmen. Nach dem dritten Eimer, den Phelinda über die Reling wuchtete, hatten sich auch an Deck mehr Leute in die Eimerkette eingereiht, sodass sie jetzt nur weit weniger Wegstrecke zurücklegen musste. Der hochprozentige Schnapps aus Xanthrax‘ Flachmann hatte wahre Wunder vollbracht. Mit der Eiseskälte des Wassers kam sie so bestens klar. Auch wenn es ihr jetzt deutlich besser ging, war Phelinda natürlich klar, dass sie das nicht ewig würde durchhalten können. Auch waren ihre Schmerzen so groß gewesen, dass der Alkohol sie zwar betäubte, aber sie waren dennoch da. Aber wenn sie zuvor vordergründig und in jeder Faser ihres Körpers spürbar waren und fast ihr gesamtes Bewusstsein in Anspruch nahm, waren sie nun im Hintergrund. Dumpf und pochend, aber für den Moment aushaltbar. Seit ihr Kopf sich nicht mehr anfühlte, als würde er jeden Augenblick bersten, hatte Phelinda jedoch auch wieder angefangen, aktiv über die Situation nachzudenken. Auch die heutigen Geschehnisse mochten womöglich ein weiterer Unfall sein, aber angesichts der gestrigen Geschehnisse in dem Weiler und der langen Kette von Missgeschicken, drängte sich doch mehr und mehr der Verdacht auf, dass die Verdachtsmomente und Überlegungen zu Sabotage vielleicht doch handfester waren als sie zunächst gedacht hatte.

Etliche Zeit verging, und das nur schwach hinter den Schneewolken zu erkennende Praiosmal begann bereits, sich dem westlichen Horizont entgegen zu neigen. Schließlich, nach harter gemeinsamer Arbeit, gelang es einerseits, die Eisschollen zu bewegen und größeren Schaden am Rumpf der Concabella abzuwenden, und andererseits das eindringende Wasser in Schach zu halten. Nach einer kleinen Ewigkeit drang das kräftige Organ der Kapitänin durch das Unterdeck “Loch gestopft! Wassereinbruch eingestellt." Eine hörbare Erleichterung schwang in ihrer Stimme mit. Mit ein paar letzten kräftigen Rucken schaffte es die Concabella, sich aus dem eisigen Griff zu befreien. Erleichterung durchströmte die Besatzung, als sie das Schiff wieder in den Fluss lenkten. Firunhard und Luzia wurden zurück an Bord gezogen und nicht nur Veriya und Gezelin, die beide an der Seilwinde verblieben waren und das Beiboot genau beobachtet hatten, klopften den zwei Passagieren anerkennend auf die Schulter. Trotz Beschädigung des Schiffes konnte die Reise fortgesetzt werden. Eine kalte, ungemütliche Nacht Was für ein Tag! Nicht auszudenken, wenn das Schiff an den Eisblöcken ernsthaften Schaden genommen hätte oder gar gesunken wäre. Die Edlen standen im frostigen Abendwind und zeigten trotz der Erschöpfung aus den Ereignissen des Tages eine erhöhte Aufmerksamkeit. Den Matrosen alleine war wohl nicht zu trauen. Es war niemand darauf erpicht, auf den letzten Meilen der Wegstrecke die nächste unliebsame Überraschung zu erleben! Wenigstens der Schneefall war mittlerweile moderat.

Oda, die bedauernswerte Matrosin, welche mit ihrer Unachtsamkeit den Unfall verursacht hatte, war nach einer saftigen Standpauke der Kapitänin mit eingezogenem Schwanz verschwunden – wer konnte es ihr verdenken. Später, als der Nachmittag schon weit fortgeschritten war und das Zwielicht über das Land kroch, war schnell klar, dass die Dunkelheit heute früh hereinbrechen würde. Es schneite immer noch, als würde Travia ihre Betten ausschütteln. “Bis Turehall sind’s noch vier Stunden.” Diemut Häberle, der Steuermann, rieb sich besorgt über seinen Nacken, um den er den dicken Wollschal geschlungen hatte, auf dem eine feuchte Schneeschicht saß. Er wischte eine Handvoll des pappigen, nassen Zeugs ab und warf sie angewidert in den Fluss. “Man sollte im Winter nicht auf’s Wasser!” brummte er missmutig und rieb sich seine vor Kälte roten Händen an seinen Beinkleidern. “Das schaffen wir nie!” “Da hast du wohl recht.” Die Kapitänin Salmfang trat neben ihn. Die Falten auf ihrer Stirn, die sich schon den ganzen Nachmittag über eingegraben hatten, verfestigten sich. “Wir suchen uns einen guten Platz zum Anlanden am Ufer und Vertäuen die Gute hier über Nacht.” entschied Arbahild dann. Nicht viel später befand der Steuermann, dass das Ufer sich als guter Landeplatz eigne. Für ungeschulte Augen sah es wenig anders aus als das andere Ufer. Auf der rechten Seite, gen Windhag, war das Ufer mit Schilf, Gebüsch und Weiden bestanden. Auf der Nordmärker Seite, zur linken Hand bei der Fahrt flussaufwärts, verliefen Straße und Treidelpfad, die Bäume waren darum gerodet, doch auch hier markierte ein Schilfgürtel den Übergang zwischen Fluss und Land. Die Stelle, die Meister Häberle sich ausgesucht hatte, verfügte über eine Böschung am Ufer, die fast anderthalb Schritt emporragte und von kahlen Stengeln von Nessel, Mädesüß und Baldrian bestanden war . Nur ein schmaler Schilfsaum erzählte, dass der Große Fluss hier schnell tiefer wurde. “Ab ins Beiboot - nehmt die Leinen mit und macht uns fest!” befahl er den Matrosen. Vor sich hin fluchend mühte er sich, das Schiff ungefähr auf einer Stelle zu halten. Das Beiboot besaß vier Riemen und hatte für acht Menschen gut Platz. “Man sollte echt nicht im Winter auf’s Wasser!” brummte der Steuermann mürrisch in seinen Bart.”

Die Besatzung des Ruderboots erhielt zwei Leinen, die vorn und achtern an der Concabella vertäut waren, einige Heringe und zwei Hämmer, um selbige einzuschlagen. Mit einem Knirschen von Firn und Schnee gelangte der Nachen ans Ufer. Die Strömung zog und zerrte an dem kleinen Boot und versuchte, es wieder auf den großen Strom hinauszuziehen. Die Böschung aber war einen halben Schritt tief mit Schnee bedeckt, unter dem sich einzelne Platten aus gefrorenem Schneematsch angesammelt hatte. Mit dem Wetter angepassten eisigen Minen begannen die eh schon durchnässten Matrosen die Concabella an Land fest zu machen. Schließlich lag die Concabella vertäut vor Anker. Mitten im Nirgendwo, mehrere Meilen vor Turehall. Mitten im dichten Schneegestöber. Kein gastliches Haus lockte an der Anlegestelle, versprach Wärme, heißen Würzwein oder gar einen warmen Eintopf und frischgebackenes Brot. Statt dessen blieben die Vorräte der Concabella, wenig Raum für viele Menschen und die kleine Kombüse, die es immerhin schaffte, heißen Grog für alle bereitzustellen. Doch Schlafplätze gab es nicht annähernd genug, so dass es eng, dafür aber warm zu werden versprach.

2. Reisetag / Aufbruch aus Taindoch

Während sich diejenigen Adligen, welche die Nacht in dem zwar nicht unbedingt standesgemäßen, aber immerhin gutbürgerlichen Gasthaus verbrachten, sich am frühen Morgen ausgeschlafen und erholt mit einem kleiner Wegzehrung, welche die Wirtin für jeden gepackt hatte, auf den Weg zur Anlegestelle machten, erging es denjenigen, die beschlossen auf dem Schiff zu nächtigen, weniger gut. In der Nacht hatte der kräftige, jedoch frostig kalte Wind noch stetig an den Butzenglasfenstern gerüttelt und immer wieder konnte man Eisschollen oder Treibgut an der Bordwand entlang schrammen hören. Es war eiskalt, klamm und zu allem Unglück drang aus dem Mannschaftsraum tief im Bug des Schiffes ein lautes Schnarchen durch die Planken, sodass die Nacht kaum Schlaf und praktisch keine Erholung bot. Jetzt, am frühen Morgen allerdings, war kaum noch eine Brise zu spüren und als man die Leinen löste und die Concabella träge zur Mitte des Flusses hin steuerte, blähten sich die beiden großen, havenischen Segen kaum merklich und der Steuermann sah mit zusammengeschobenen Augen in den wolkenbedeckten Himmel.
Beinahe schon mitleidig blickten die Handvoll Fischer, welche mit ihren Nachen ebenfalls bereits auf dem Fluss unterwegs waren und Netze in die Strömung hielten, zum Segler hinauf. Ihre Flussgefährte hatten allesamt Ruder an Bord, mit denen sie sicher schneller voran kamen.
Immerhin schien zumindest am Vormittag auch kein Schnee erwartet zu werden und so kroch die Kälte heute nicht ganz so erbarmungslos durch die Maschen der Umhänge und Westen der armen Gestalten, die an Deck ihren Dienst verrichten mussten.
Am Bug des Schiffes, jenseits der Reeling der Bugterrasse, standen zwei Matrosen, die mit einem dicken Tau um die Hüften an einem Poller gebunden wurden und mit langen, eisenverstärkten Staken versuchten, Eisschollen und anderes Treibgut so gut wie möglich vom Schiff fernzuhalten. Diese Tätigkeit war, wenn auch ungemein wichtig, wohl der unbeliebteste Dienst auf dem Schiff, war man aufgrund der Gischt bereits nach wenigen Minuten komplett durchnässt und zudem der eisigen Witterung schutzlos ausgesetzt. Wenn eine größere Scholle oder ein dicker Baumstamm auf das Schiff zutrieben, riefen die beiden laute Befehle an eine Matrosin auf dem Oberdeck, welche die Anweisungen an den Steuermann weitergab, sodass dieser ein Ausweichmanöver starten konnte.
Und obwohl die Mannschaft sehr eingespielt schien, krachten immer wieder Schollen und Hölzer an die Bordwand der Concabella und manch einer schickte ein kurzes Stoßgebet an Efferd und hoffte, das der Segler dank des Steineichenholzes wirklich so robust war, wie die Kapitänin zu Beginn der Flussfahrt noch versichert hatte. Der kaum spürbare Wind, die starke Strömung und die häufigen Ausweichmanöver sorgten dafür, dass man kaum Fahrt machte und die imposante Landwehr, eine sicher vier bis fünf Schritt hohe und ebenso tiefe Buchenhecke, welche den Markt Taindoch in einem Radius von fünf Meilen umgab, erst zur Mittagsstunde passierte. Missmutig trat die Kapitänin neben den Steuermann.
„Der Launenhafte macht seinem Namen heute alle Ehre. Ich überleg ob‘s nicht g‘scheider wär beizudrehen un in den Hafa vo Taindoch zurückzukehren und morgen auf besseren Wind zu hoffen.“ Die Salmfang sah sich um. Der grüne, wegen der Kälte dick aufgeplusterte Federball saß wieder auf ihrer rechten Schulter und tat ebenfalls seine Meinung kund: „Arrr…. Vom Necker gebissene Landratten! Arrr….Umkehren… umkehren… umkehren! Arrr…. Vorwärts immer, rückwärts nimmer, ihr Makrelen! Arrr….“ Diemut und Abarhild begannen gleichzeitig zu lachen!
„Vielleicht sollten wir ein Tau am Bug befestigen und das andere Ende Tarquinio in seinen großen Schnabel klemmen damit er die Concabella flussaufwärts zieht.“ Der Regenbogenbuntschreier machte sich lang, streckte sich nach vorn und blickte unter Abarhild’s Kinn zu dem Steuermann. „Arrr…. Meuterei! Arrr….Holt die Seepocke Kiel! Arrr….“ Grinsend blickte die Kapitänin zu ihrem Steuermann: „Er mag deinen Vorschlag nicht!“ Sie zwinkerte Diemut belustigt zu, dann wurde ihr Blick wieder ernst. „Aber ernsthaft, wenn es nicht auffrischt sind wir zu Sonnenuntergang noch immer in Sichtweite von Taindoch ! Selbst bei gutem Wind brauchen wir zwischen acht und zehn Stunden bis Turehall. Im Moment machen wir nicht einmal einen Knoten Fahrt gegen die Strömung. Bei 34 Meilen…..“ Sie ließ den Satz unvollendet.

‚Zuerst hatten wir kein Glück und dann kam auch noch Pech dazu.‘ Phelinda blickte missmutig über das Deck des Flusseglers, dessen Segel dem Schiffsnamen heute keine Ehre machten. Sie stand auf dem Achterdeck. Über ihren Gambeson hatte sie einen Mantel und ein Fell gelegt. Außerdem schützte eine fest zugezogene Gugel ihren Kopf und ein Paar Handschuhe ihre Finger. Sollten sie wieder mit Hand anlegen müssen, war sie heute definitiv besser vorbereitet als am Vortag.
‚Ich frage mich, ob es in Taindoch nicht vielleicht ein paar Treideler gibt? Dann ließe sich das Schiff vielleicht mit der Kraft von Mensch oder Tier antreiben.' Sie kannte jedoch die Gegend nicht gut und wusste nicht, ob Treidelpfade am Ufer angelegt waren, von denen aus das Schiff stromaufwärts gezogen werden könnte. Sie notierte den Einfall auf ihrer Wachstafel, die sie gestern wieder geglättet hatte. Vielleicht bot sich später die Gelegenheit, ihre Mutter bezüglich des Treidelns zu fragen. Salinda wusste oftmals über solche Dinge bescheid. Besorgt, da das Schiff nicht wirklich vorankam, trat Erlberga ans Heck, zog das Reisefell etwas enger um die Schultern und wandte sich ruhig an die Kapitänin – ohne die Rangordnung zu verletzen, aber mit dem Ton einer Frau, die gewohnt ist, Verantwortung zu tragen: „Wenn das Schiff dem Willen des Windes ausgeliefert ist, und selbst die Götter uns heute kein Lüftchen gönnen, vielleicht gibt es in Taindoch Treideler, die man gegen Silber verpflichten kann? Der Pfad längs des Ufers schien mir eben gut befestigt, und wer Hopfen anzieht, weiß in der Regel auch mit Zugvieh umzugehen.“ Ihr Blick wandte sich kurz zu dem stumpf flatternden Segel und dann wieder mit einem schelmischen Lächeln zur Kapitänin. „Und sollten sich in Taindoch weder Ochsen noch Treidler finden lassen – nun, so gäbe es an Bord ja durchaus ein paar adlige Rücken, die man notfalls mit einem Seil versehen könnte.“

Der Steuermann stand ruhig und gelassen vor dem großen Rad. Seine Augen huschten kurz zu Edlen von Auenstein und betrachten diese nachdenklich. Anschließend meinte er zur Kapitänin: „Aye, da pflichte ich Ihrer Wohlgeboren bei. Kapitänin. Sollten vielleicht das nächste Örtchen ansteuern und dort fragen. Nach Taindoch zurück würde ich aber nicht empfehlen.“ Er überblickte entspannt das Ufer zur linken. „Sind ja nu auch schon soweit gekommen.“ „Da sagst Du etwas Wahres, mein guter Diemut. Guter Einwand. Damit wandte sich die Kapitänin von ihrem Steuermann ab und der Adligen, mit einer freundlichen Miene zu. „Hochgeschätzte Junkerin Erlberga von Auenstein, welch ein ganz ausgezeichneter und wirklich überraschender Einfall! Wer solche guten Einfälle hat, sollte auch die Lorbeeren dafür einsammeln dürfen. Was würden euer Wohlgeboren davon halten, im nächsten Weiler den wir erreichen, an Land zu gehen und für die Concabella einige Treidler anzuheuern?“ Sie überlegte einen Augenblick und meinte dann: „Natürlich sollten euch einige der anderen, hier versammelten Adligen begleiten. Ohne Bedeckung möchte ich euch unter keinen Umständen in einem fremden Weiler herumlaufen lassen. Was meint ihr Wohlgeboren von Auenstein, wollt ihr eurem klugen Rat eine nützliche Tat folgen lassen und uns Treidler bis Erlenau besorgen?“ Mit einem leicht herausfordernden Blick musterte die Kapitänin die Junkerin, die sich wohl langsam ihrem fünfzigsten Götterlauf näherte. Eigentlich wollte die Kapitänin nur ihren Steuermann testen, aber nach dem diese neunmal kluge Adlige meinte, sich in die Gespräche anderer einmischen zu müssen wollte die Salmfang mal sehen ob diese Dame Worten auch Taten folgen lassen konnte.

Erlberga verharrte einen Atemzug lang in Gedanken. Ob ihre Worte die Kapitänin in ihrem Stolz verletzt hatten? Möglich. Doch sie verwarf den Gedanken sogleich. Abarhild Salmfang wirkte auf sie wie eine Frau mit festem Stand im Leben – von solider Art, pragmatisch, nicht aus jenem dünnhäutigen Stoff. Ungeduld war ohnehin keine neue Regung in ihr. Wenn ein Ziel vor Augen lag, warum dann zögern? In Elenvina wartete ihre Tochter Ada, und Erlberga hatte sich wahrhaftig darauf gefreut, sie endlich wiederzusehen. Das größte Problem waren jedoch die Piraten. Die Geschichten über Überfälle auf dem Großen Fluss waren keine bloßen Spukmärchen. Und Aerin – tapfer zwar –, hatte bisher nur mit jenen gekämpft, die in Turnieren, im Übungsgarten oder auf Befehl die Waffe führten. Piraten jedoch kämpften um Beute. Oder Blut. Vielleicht auch beides. ‚Es hilft alles nichts“, dachte sie bei sich, während ihr Blick flussaufwärts wanderte. ‚Je länger wir hier verweilen, desto wahrscheinlicher ein Überfall und das soll so gut wie möglich verhindert werden. Das Wichtigste ist jetzt das Fortkommen. Nicht Befindlichkeiten – weder meine noch die der Kapitänin oder sonst jemandes.‘, dachte Erlberga entschlossen. Ihr Entschluss stand fest und blickte die Kapitänin freundlich und unbeirrt an. „Ich wollte gewiss nicht vorschreiben, wie Ihr euer Schiff zu führen habt, Kapitänin – mein Anliegen war rein praktischer Natur. Wir alle teilen dieses Fahrzeug und sein Schicksal, und ich halte es nicht für unziemlich, einen Gedanken beizusteuern, der uns gemeinsam voranbringen könnte.“ Sie machte eine kleine, einladende Geste gen Ufer: „Wenn der nächste Weiler tatsächlich eine Möglichkeit bietet, Unterstützung zu finden, übernehme ich den Gang dorthin gern.“. Erlberga wandte sich Halmar zu, erwiderte sein Angebot mit einem kleinen, dankbaren Neigen des Hauptes und sprach mit ruhigem Ernst: „Meine geschätzte Junkerin von Auenstein, keine Sorge ich würde mir von euch auch nicht vorschreiben lassen wie ich das Schiff zu führen habe und seid versichert auch die Besatzung nicht. Selbst seine Hoheit Herzog Hagrobald vom Großen Fluss würde sich damit zurückhalten und bestenfalls unter vier Augen Bedenken bezüglich meiner Entscheidungen mit mir besprechen, aber sicher niemals meine Autorität vor der Mannschaft in Frage stellen. Also könnt ihr unbesorgt sein, von einer Junkerin fühle ich mich ganz sicher nicht in meiner Stellung bedroht. Natürlich steht es euch jederzeit frei eure Gedanken zu äußern und ich habe euch lediglich die Gelegenheit gegeben euren nützlichen Einwurf in die Tat umzusetzen.“ Mit einem freundlichen Lächeln blickte sie von Erlberga zu Hilmar und wieder zurück „Gibt es sonst noch Fragen?“ Die Kapitänin hatte keineswegs verächtlich geklungen aber sehr klar und deutlich ihren Standpunkt mitgeteilt. So waren Seeleute einfach, offen und ehrlich, immer gerade heraus.

‚Na, die traut sich ja was', schoss es Phelinda durch den Kopf. Sie verzog das Gesicht und war froh, mit dem Rücken zur Kapitänin, dem Steuermann und der Adligen zu stehen Gerade nach dem gestrigen Streit über die Bewachung des Schiffs hielt Phelinda es für unklug, die Kapitänin so zu belehren. Und das noch vor einem Teil ihrer Besatzung. Ihr kamen die für ihren Geschmack viel zu oft und viel zu offen vorgetragenen Zweifel an der Kompetenz der Kapitänin in den Sinn.
Mit nach unten gezogenen Mundwinkeln folgte Phelindas Blick dem Flug einer Möwe. Kapitänin Salmfang hatte sich in ihren Augen bereits mehrere Male bewährt, was sie von einem guten Teil ihrer Standesgenossen und -genossinnen nicht behaupten konnte. ‚Mir kommt so manche Anekdoten meiner Mutter in den Sinn. Wie oft hat sie doch adligen Geschäftspartnern nach dem Mund reden müssen? »Ein vortrefflicher Handel, euer Wohlgeboren von und zu..., ihr seid ein geborener Verhandlungsführer«, dabei hatte der gute Baron ein kleines Vermögen für Ware, die ihren Preis niemals wieder hereinholen würde, völlig ohne jede Not verbrannt; darunter Salindas Investition in dessen Unternehmung.‘ Sie konnte die Verzweiflung ihrer Mutter über solche Situationen besser nachvollziehen denn je. Freilich, da war sich die junge Ritterin sicher, Kapitänin Salmfang war nicht auf den Mund gefallen und ließ sich nicht von oben herab behandeln. Um jedoch nicht in den Konflikt involviert zu werden, stieg sie vom Achterdeck hinab, während die Kapitänin antwortete. Sie würde nach Boromosch, Xanthrax oder Salinda suchen, Leute, die sich nicht über allem erhaben und die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben wähnten. Während sie die hölzernen Stufen nach unten stieg, kam ihr in den Sinn: ‚Nach dieser Fahrt benötige ich erstmal etwas Zeit für mich. Vielleicht gehe ich im Gellerstock ein wenig jagen.' Ein flüchtiges Lächeln huschte über ihre Lippen, als sie an das heimische Gut dachte, das sich noch im Aufbau befand. Ein ordentliches Dreckswetter war das. Nicht ob der Kälte, sondern vielmehr, weil sich der Kahn einfach nicht weiterbewegen wollte. Xanthrax murrte leise. Darum bevorzugte man auch den Landweg. Er fühlte sich, neuerlich, in seinem Denken bestätigt.
„Wir Angroschim sind einfach nicht für diese Art der Fortbewegung gemacht“, stellte er für sich selbst fest. Hinzu kam noch die Langeweile. Es passierte einfach nichts. Die Matrosen waren alle im Dienst, keiner wollte sich ein kleines Getränk unter den wachen Augen der Frau Kapitän erlauben und an Kartenspielen war auch nicht zu denken. Da blieb nicht mehr viel übrig. Resignierend kontrollierte er seine Ausrüstung auf Vollständigkeit, prüfte den Sitz Drakkamalmars an seinem Rücken und machte sich dann, in seinen Fellumhang gehüllt, auf den Weg nach oben. Dabei lief er einer wohlbekannten Person über den Weg.
„Angrosch zum Gruße, Phelinda“, lächelte er erfreut auf. „Na? Ist Dir die ewig gleiche Aussicht an Deck auch zu langweilig geworden?“ Mit zusammengekniffen Augen und einem zu verzogenen Mundwinkeln war Phelinda die Holztreppe hinabgestiegen. Als sie die vertraute Stimme hörte, löste sich ihr Gesichtsausdruck und sie fühlte sich direkt um ein vielfaches wohler. „Garoschem, Garoscho Garoschin Dorkrovin [Sei gegrüßt, Bruder eines nicht-nahen Stammes/Volkes].“ Fast ohne es zu merken, war sie auf Rogolan gewechselt und verwendete eine der Ehrenbezeichnungen, die ihre Mutter des Öfteren Angroschim gegenüber verwendet hatte. Da ihr Gegenüber das Gespräch in ihrer Muttersprache eröffnet hatte, erwiderte sie die Geste. Sie wollte sich jedoch auch nicht aufdrängen und da ihr Gegenüber seine Frage auf Garethi gestellt hatte, erhielt er in dieser Sprache auch seine Antwort: „Nicht nur das. Ich bin auch auf der Suche nach besserer Gesellschaft, weshalb ich umso vergnügter bin, euch so schnell gefunden zu haben.“ Xanthrax lächelte bei Phelindas Worten erfreut. „Na, da hat wer aber gut aufgepasst, als es um Rogolan ging.“ Er war durchaus angetan von ihren Worten und ihrem Gebaren, nur war es für ihn persönlich unhöflich, andere auszuschließen, zumindest, wenn es keinen triftigen Grund dafür gab. Die Sprache der Angroschim war nicht jedermanns Stärke. Aber das war ganz sicher nicht der Beweggrund seiner Freundin, ihn in seiner Muttersprache anzusprechen. Sie wollte ihm eine Freude machen und das war ihr gelungen. „Das freut mich aber. Wenn ich mich schon zu besseren Gesellschaft zählen darf und kann.“ Er bedeutete ihr mit einem Handwink, ihm zu folgen. „Wie war die Nacht? Gut geruht? Es wundert mich, dass man auf diesem Kahn überhaupt ein Auge zubekommt. Liegt sicher an der Frau Kapitän und den Navigatoren – die Kiste schaukelt weit weniger als befürchtet.“ Er setzte sich auf ein verwaist wirkendes Fass und ließ die Füße baumeln. „Mir persönlich verläuft die Reise ein wenig zu ereignislos – der Unfall von gestern ausgenommen. Normalerweise, wenn ich so ein Schiff betrete, kommt es mindestens zu einem zünftigen Überfall.“ Der Ambosszwerg seufzte. „Wenn wir noch ein paar Leutchen zusammenbekämen, könnten wir etwas zum Zeitvertreib spielen. Eine gepflegte Runde Boltan wäre schon ein Anfang. Oder ein nettes Liedchen von Wendelin.“

„Geschlafen habe ich hervorragend. Der „Flussvater“ hat für guten Schlaf gesorgt. Habt ihr denn an Bord geschlafen?", fragte Phelinda ehrlich interessiert. Anschließend griff sie einen anderen Gesprächsfaden auf: „Und so wenig ich vor einem Kampf zurückschrecke, so froh bin ich doch, dass wir derartiges bisher vermeiden konnten. Allein schon um der Besatzung halber." Zuletzt stellte sie klar: „Bei den Balladen der Barden müsst ihr Vorlieb nehmen mit meiner Mutter. Für eine Runde Boltan bin ich jedoch zu haben. Alternativ würde ich mich auch einer Runde Paschok anschließen.“ Nach einem Moment des Nachdenkens ergänzte Phelinda noch ein Spiel: „Thematisch am passendsten wäre natürlich eine Runde Schiff, Kapitän und Mannschaft, meint ihr nicht?" Die Ritterin konnte ein schelmisches Grinsen nicht unterdrücken. „Na, wenigstens war die Nacht erholsam.“ Xanthrax legte die Hände auf die Knie und überlegte nachdenklich. „Wir befinden uns auf einem Schiff und ein Teil von uns ist ja immerhin als Eskorte hier – oder so ähnlich. Ich gebe Euch aber recht, werte Freundin - der beste Kampf ist der, den man gar nicht ausfechten muss.“ „Würfelspiele“, er verzog das Gesicht. „Na, in der Not ist einem auch das Recht. Wenn sich keiner für Boltan findet, dann eben sowas. Ich bin sogar bereit für eine Runde Hyggeliks Beute und das Spiel ist mir grundsätzlich zuwider. Da war nämlich mal so eine Sache in Chorhop ... sagen wir einfach, niemand der ganz bei Trost ist, möchte da hin.“ Phelinda hob die Augenbrauen und fragte: „Was hat euch denn so tief in den Süden verschlagen?" Dass es einen Angroscho so weit von den heimatlichen Hallen weg verschlagen hatte, überraschte sie. Selbst das jüngste Bergkönigreich Angrolosch war meilenweit entfernt von Chorhop. Ihr fiel auf, dass es sie womöglich nichts anging, was Xanthrax dorthin geführt hatte. Daher ergänzte sie: „Natürlich nur, sofern Ihr davon erzählen mögt." Außerdem führte sie an: „Bei einer Runde Boltan wäre ich auch dabei." Dann fiel ihr ein, wie schlecht es um das Vermögen Ihres Familienzweigs stand, nachdem es sehr viele Dukaten verschlungen hatte, sich um einen Gefallen seitens derer von Vairningen verdient zu machen. Eine Knappschaft und anschließende Belehnung, so die Auffassung ihrer Mutter, war das eingesetzte Kapital wert. Dennoch mussten sie nun darauf aus sein, ihre Ausgaben gering zu halten. Entsprechend schränkte Phelinda ihre Zusage um folgende Beschränkung ein: „Sofern der Einsatz nicht zu hoch ist."
„Das ist eine gute Frage.“ Xanthrax ließ die Beine weiterhin frei baumeln und bekam einen verträumten Gesichtsausdruck, während er ausholte: „Ich bin Laufe meiner Tätigkeit als Söldner viel herumgekommen. Chorhop war so ziemlich das Südlichste, mit einer Ausnahme. Ich weiß nicht, inwieweit Euch das Prozedere um die Stadtältesten oder besser gesagt die ‚besten‘ Posten in der Stadt bekannt ist. Mein damaliger Brotgeber gelangte an eines der Lose der Lotterie – jene, welche die obersten Ämter der Stadt vergeben. Für diese Dinger wird gemordet.“
Der Ambosszwerg verzog sichtlich angewidert das Gesicht. Er war drauf und dran geekelt auszuspucken, hielt sich dann aber zurück – einerseits aus Höflichkeit Phelinda gegenüber, andererseits musste die Sauerei schließlich auch jemand wegmachen. „Chorhop gleicht einer Mischung aus Spiel- und Tollhaus. Beutelschneider und Strauchdiebe sind noch das Geringste, was Ihr dort treffen könnt. Eine einzige Schlangengrube.“ Er redete sich sichtlich in Rage. Noch nie hatte er etwas derart Lästerliches wie dieses Chorhop gesehen. „Wer am Vortag noch ein armer Bettler war, steigt am Tag der Losziehung zu einem der Herren der Stadt auf. Männer und Frauen, verzehrt von Gier und Habsucht. Freunde und Weggefährten werden für den Preis der Macht einfach beiseitegelegt oder noch Schlimmeres. Ich war ein Jahr dort und kann Euch sagen, werte Freundin: Meidet dieses Loch. Dort habe ich einen guten Freund verloren, aber nicht an einen Meuchler oder Räuber, sondern an den Geschmack von Macht und Reichtum.“ Er seufzte bedauernd. Ab da hatte er das Dasein als Söldner für seinen damaligen Auftraggeber an den Nagel gehängt. Diese Stadt vermochte aus dem frommsten Menschen den größten Halsabschneider zu machen. Er verfluchte sie, sie und den Stadtherren. „Eine zünftige Partie Boltan unter Freunden hingegen“, fing er sich und straffte die Schultern, „hebt das Gemüt. Was haltet Ihr denn von einem Kreuzer Einsatz pro Runde?“ Er griff dabei in seine dicke, schwere Schürze und zog ein kleines Päckchen hervor, abgewetzt und abgegriffen, aber frei von größeren Beschädigungen. „Wenn es Euch nichts ausmacht, verwenden wir meine Karten? Sie sind zwar stark bespielt, aber tun ihren Dienst noch und sind frei von jeglicher Zinkerei.“
Phelinda nickte dem Angroscho zu und grinste. Dann antwortete sie: „Sehr gerne. Ich habe ohnehin keine Karten dabei." Noch immer grinsend, sagte sie: „Aber vielleicht sollten wir aus dem Weg gehen?" Sie hatten schon eine Weile auf dem Oberdeck gestanden und auch wenn sie niemandem direkt im Weg waren, war es doch einer der wichtigsten Bereiche des Schiffs für die Besatzung. Da der Angroscho nicht protestierte, bewegte sie sich auf den Salon im vorderen Teil des Schiffs zu. Auf dem Weg ging sie auf seine Bericht über die Lage in Chorhop ein: „Als Tochter einer langen Linie von Kaufleuten kann ich freilich keine Orte verdammen, an denen Phex gefröhnt wird." Eine Aussage, die sicherlich für Überraschung sorgte. „Das Fallen Würfelbecher und Rollen der Münzen sind schließlich beinahe zeremonielle Handlungen, wie ein mir bekannter Phexgeweihter zu sagen pflegte." Sie stieß die Salontür auf, trat ein und hielt sie für ihren Begleiter offen. An Xanthrax gewandt ergänzte sie noch: „Dennoch kann man es auch mit dem Glücksspiel natürlich übertreiben.“ Phelinda erinnerte sich nur zu gut an die Ermahnungen ihrer Mutter bezüglich Spielern und der Einschärfung, dass es einen großen Unterschied gibt zwischen einer Anlage und einem Spieleinsatz. ‚Eine Geldanlage wägt ab zwischen dem Risiko und der Einschätzung, basierend auf Erfahrung, dem vorliegenden Sachverhalt und Personenkenntnis. Eine Anlage lässt sich rechnerisch kalkulieren. Der Einsatz dagegen teilt mit der Anlage nur das Risiko, ist eine Spekulation auf Glück.‘ Phelinda hatte sich, während sie den Salon betraten, in ihren Erinnernugen verzettelt. Sie hoffte, dass es wie gewöhnlich maximal ein paar Augenblicke waren und keine längere Pause. Eilig schob sie noch hinterher: „Und es tut mir leid, dass Ihr einen Freund an das schnelle Geld und den Rausch des Spiels verloren habt."

Xanthrax folgte Phelinda und lauschte bedächtig ihren Worten. Natürlich hatte die junge Frau recht, und er wollte es sich wahrhaftig nicht mit dem Fuchsgott verscherzen, nur wenn diese Stadt tatsächlich unter seinem Schutz, unter seiner Schirmherrschaft stand, so wollte er schlussendlich so wenig wie möglich mit ihm zu tun haben. „Das muss Euch nicht leidtun. Er hätte sich auch anders entscheiden können. Für uns und gegen die Stadt und deren Reichtümer.“ Verdrossen hob er die Schultern an. „Auch wenn mich Euer Mitgefühl sehr rührt.“ Er besah sich Phelinda genauer. So jung und dabei doch weise. Die Dosis machte das Gift und das schien sein Gegenüber begriffen zu haben. Im Gehen zum Salon hin wurden sie beide angesprochen. Xanthrax besah sich sein Gegenüber kurz und lächelte wohlwollend. „Ach ja, die Schifffahrt – wem bekommt die schon? Ein absolutes Fiasko.“

Sie setzten sich an den runden Tisch, der Phelinda gerade wie für eine Partie Boltan gemacht schien. Während der Angroscho die Karten mischte, ging Phelinda in sich und verhandelte in Gedanken mit dem Herrn des Handels und Glücks. In Gedanken ging sie Verse und Kehrverse des Beistandsgesuchs durch, welches sie als phexgefällige Litanei kennengelernt hatte. ‚Beistand ist mir lieb und teuer, sag, wie hoch ist deine Steuer.
„Gibst du mir 200 Heller jetzt, so steht dir bei der Herr Phex.“
Nimmer, das ist viel zu viel, weit weniger steht auf dem Spiel.
Nen Taler würde ich geben für deinen Segen.
„50 Heller und 1 Schritt Seide, so freuen wir uns beide?“
Nimmer, das ist zu viel, weit weniger steht auf dem Spiel.
Zwei Taler und täglichen Dank biete ich für deine Bank.
„Solltest du doch groß gewinnen, würde mir so viel entrinnen.
Ein Zehnt wie bei den Opfergaben will ich von deinem Einsatz haben.“
Nimmer, das kann ich nicht riskieren, ich könnt ja doch verlieren.
Von tausend Münzen Gewinn, sei eine für dich drin.
„Ein Hundertstel von dem Gewinne ist mehr nach meinem Sinne.“
Bringst du mir Glück, so kriegst du es in Kupfer zurück.‘
Die Worte der Phexenbitte waren ihr so vertraut, dass sie nur wenige Sekunden für das kurze Gebet brauchte. Und sie ließ während des Betens auch nicht ihr Boltan-Gesicht entgleiten, um ihren beiden Gegenspielern nicht auf die Nase zu binden, dass sie göttliche Hilfe erbat. Xanthrax teilte die Karten aus und das Spiel konnte beginnen. „Seht Ihr, darum mag ich Euch“, grinste er Phelinda zu. „Ihr seid bodenständig geblieben.“
Er setzte sich an den Tisch, um zu mischen. Es war schon eine geraume Weile her, dass er sich mit Boltan die Zeit vertrieben hatte. Natürlich war er ein guter Spieler. Als Söldner gab es nicht viel, was man in der spärlichen Freizeit tun konnte. Zumindest nicht, wenn man irgendwo in der Wildnis unterwegs war. „Was wollt Ihr denn spielen?“, fragte er während des Mischens. Ganz klassisch „Fünfas“ oder Halbe Lanze, Entsatztrupp oder Brabaker Bluffen? Er kannte sie alle. Natürlich. Wahrscheinlich hatte der Ambosszwerg schon Boltan gespielt, als die Eltern seiner Mitspieler noch Kinder gewesen waren. Wie sollte es auch anders sein? Er teilte einmal die Karten aus und wartete auf die Festlegung des Spielprinzips. Jede Variation hatte seine Tücken und nur wer diese ausreichend kannte, wusste wie der Sieg zu erringen war. Doch darum ging es hier ja gar nicht – sondern um eine Partie mit Freunden und welchen, die es werden konnten.
„Fünfas, ein Kreuzer als Mindesteinsatz, maximal drei Karten austauschen?“, fragte Phelinda in die Runde. Sie schnalzte mit der Zunge, verzückt von der Aussicht auf ein angenehmes Kartenspiel in geselliger Runde. Das Boot schaukelte auch kaum, angesichts des ruhigen Wetters nicht verwunderlich.
„Also ganz klassisch“, stellte Xanthrax fest. Die einfachste Version beinhaltete oftmals auch die größten Tücken. Das wusste er aus eigener Erfahrung. Doch hier ging es nicht ums Gewinnen, sondern um den Zeitvertreib und es wäre unfair, wenn er, als jemand mit mindestens der dreifachen Lebenserfahrung, sich dadurch einen Vorteil verschaffen würde. Er stellte den Kartenpack neben sich ab und legte einen Kreuzer in die Mitte. Links neben ihm saß Phelinda, dementsprechend war sie mit dem „Sprechen“ dran. Xanthrax besah sich sein Blatt. Ein leeres Fass. Er lächelte. Genau das Richtige für einen Einstieg mit Leuten, die wahrscheinlich wenig mit Boltan am Hut hatten. „Nun denn, wie sieht es aus?“, erkundigte er sich in Richtung Phelinda. „Warten oder schlagen?“ Phelinda lehnte sich zurück, während sie vorsichtig unter die ihr zugeteilten Karten lugte, die sie bewusst verdeckt hielt. ‚Luft 7, Humus 5, Erz 2, Erz 5, Wasser Fürst‘ Gar nicht mal so schlecht. Sie sagte an: „Zwei Kreuzer" und legte die entsprechende Geldmenge in die Tischmitte. „Sagt, werter Xanthrax, wie ist es um das Verhältnis von Angroschim und Angroschax zu Menschen bestellt in eurer Baronie? Vogtei? Seht mir bitte nach, dass ich es vergessen habe." Während sie beisammen saßen, genoss Phelinda die Wärme des Salons. Schlicht drinnen zu sitzen, statt an Bord Frost und Wind ausgesetzt zu sein, war eine deutliche Verbesserung. Wo sie so darüber nachdachte, war ihr tatsächlich sogar beinahe etwas zu warm. Entsprechend öffnete sie den schweren Ledermantel und legte ihn zu der bereits zuvor abgelegten Gugel. Währenddessen lauschte sie der Antwort des Angroscho. „Ihr meint im Edlengut?“ Xanthrax besah sich seine Karten nachdenklich. Damit konnte man wahrlich keinen Blumentopf gewinnen. Dabei strich er sich durch den Bart. „Nun, in Eisenmühlen herrscht ein Miteinander, was mein Volk und die Menschen anbelangt. Gerade die Menschen profitieren von unseren handwerklichen Fähigkeiten.“ Das stimmte so. In knapp 400 Jahren konnte man einfach mehr erlernen und schaffen, als in nur 80, vielleicht 100 Götterläufen. Zwergische Handwerker waren gern gesehen und in Eisenmühlen gab es eine durchaus beachtliche Anzahl an Vertretern seines Volkes. „Ich wage zu behaupten, dass Eisenmühlen wahrscheinlich deutlich schlechter dastünde, würde die Vogtei Nilsitz nicht innerhalb der Bergfreiheit Eisenwald liegen. Euch ist es leider nicht beschienen, wirklich langfristige Werke zu schaffen. Ausnahmen bestätigen die Regel, das schon, aber unser Mauerwerk ist solider, unsere Schmiedekunst beständiger ... ihr wisst ja selbst, wovon ich spreche.“ Dabei klang Xanthrax nicht arrogant oder überheblich, sondern schlicht feststellend. „Wie ist das denn bei Euch so, Phelinda? Habt ihr viele Angehörige meines Volkes in Euren Ländereien zu Gast?“

Während das Spiel seinen Gang nahm, bedachte Phelinda die Antworten ihres Gegenübers. Ein Edlengut im Nilsitz also. Das sagte ihr trotz der fernen Lage deutlich mehr. Aufgrund der Handelskontakte ihrer Mutter war sie mit den Bergfreiheiten und -königreichen in der Nähe des großen Flusses vertraut. Sie antwortete daher: „Verzeiht, ich hatte euer Gut nicht einordnen können. Isnatosch und Nilsitz sind mir natürlich ein Begriff." Ob der Anmerkungen des Angroschim musste die Ritterin schmunzeln und sagte: „Zweifelsohne sind Angroschim und Angroschax unangefochten im Schmieden und Bauen." Ihr Blick kam kurz auf dem Schwert zu ruhen, das brav in seiner Scheide steckte. In den bronzenen Knauf am Ende des Hefts waren rondragefällige Symbole eingraviert. Zudem waren Griff und Klinge perfekt ausbalanciert, eine wahre Meisterarbeit. „Es hat schon seinen Grund, dass ich mein Schwert von einer Schmiedin eures Volkes habe fertigen lassen." ‚Wenngleich es nur von gewöhnlichem Stahl ist.', dachte Phelinda und seufzte. Sie hatte in Kikki Sammastochter eine Angroschna während ihrer Aventure im Windhag gefunden. Und wäre das nicht schon eine Seltenheit genug, war sie auch noch eine Waffenschmiedin, die bereit war, ihren Auftrag auszuführen. Die Frage nach Angroschim im Gellerstock ließ Phelinda mit einem lachenden und einem weinenden Auge an ihr heimisches Lehen denken. Der Gellerstock war zum größten Teil ein Wald. Ein halbes Dutzend Familien hatte ein paar Lichtungen in den Wald geschlagen und zwei, drei Siedlungen aufgebaut. Viel mehr beherbergte ihr Lehen nicht. „Leider nein, Xanthrax. Mein Gut kann umfasst ein paar Gehöfte, nicht mehr. Und das einzige, was einen Angroscho dorthin verschlagen könnte, wären die Holzvorkommen." Nach einer Sekunde schob sie mit einem Grinsen hinterher: „Also falls ihr zufällig einen Neffen, eine Nichte oder einen Vettern kennt, denen es an neuen Bezugsquellen für Holz mangelt…" Sie ließ den Satz ins Leere laufen. Sie waren am Spielen, das Geschäftliche konnte warten.

Ein wenig verschlafen stand Jerg auf und machte sich ordentlich. Zog saubere Kleidung an und schnappte seine Laute mit der er auf Bord herum spazierte und erst mal alle vorbeikommenden Personen grüßte. Er stellte sich die Frage was er hier tat. Dieses Adelszeug ist nicht seine Welt, aber er ist verpflichtet das beste zu geben und das tat er, bis zum Zeitpunkt seines Scheiterns. Gedankenverloren zupfte er an einer Seite ohne eine Melodie zu spielen. Anniella hatte zu guter Letzt doch im Gemeinschaftssaal des Gasthauses „Zum Flußvater“ genächtigt, und sich von der Küche Salbeibutter für die aufgesprungene Haut ihrer Hände geben lassen. Das Abendessen war ruhig verlaufen, ebenso wie die Nacht, und die Wirtin hatte Ihnen am nächsten Morgen sogar ein Proviant-Päckchen mitgegeben, das war ein Service, der sogar über das normale Maß hinaus ging, Anniella hatte sich erkenntlich gezeigt. Als sie mit dem Schiff in Taindoch abgelegt hatten, hatte sich Anniella an Bord ein einigermaßen windgeschütztes Plätzchen gesucht, wo sie der Mannschaft nicht im Weg stand, aber ebenfalls schnell bemerkt, dass der Wind so gar nicht mehr wehte, und die Concabella kaum vorwärts kam. Als Jerg mit seiner Laute an ihrem Platz vorbei kam, sprach sie ihn kurzerhand an: „Guten Morgen Jerg wollt ihr uns zum Zeitvertreib und gegen die trübe Stimmung nicht vielleicht etwas spielen?“
Jerg blieb stehen. Er überlegte kurz wie die Dame hieß und wie Ihr Stand war. Sie war eine Tochter eines Barons oder Baronin. Also eine Baroness. Ihr sollte er definitiv keine Bitten abschlagen! Mit einem Lächeln antwortete er: „Aber gerne euer Hochwohlgeboren. Sinnt es euch eher nach was freudigem oder wollt ihr der Stimmung und dem Wetter mit etwas Melancholie begegnen?“ und nahm seine Laute nun ordentlich in die Hände und kontrollierte kurz ob die feuchte Luft die Saiten verstimmt hatten, während er auf eine Antwort wartete. Ihm schoss durch den Kopf: ‚Kunst… Kunst kann ich. Ach Bruder. Wäre ich nur mehr wie du. So Rechtschaffend und Ehrenvoll. Aber du hast den Gauner, den Gossentreiber, den Weiberheld auf diese Reise geschickt. Bruder, was wolltest du erreichen?‘ Anniella antwortete: „Nur Wohlgeboren, meine Mutter ist die Baronin. Spielt eine fröhliche Weise, damit hier ein wenig Schwung in den morgendlichen Trübsinn kommt!“ sprachs und feixte Jerg an. Mit gehobenem Kinn und durchgedrücktem Rücken schritt Salinda Twergenloch über das Deck des Flusseglers. Ihr Blick wanderte von links nach rechts, aber ihren Kopf hielt sie die gesamte Zeit über nach vorn gerichtet. In einem dunkelblauen Chaperon war ihr blondes Haar verborgen, während ein seidener Schleier etwaige Strähnen verbarg, die sich aus der Kopfbedeckung lösen mochten. Zudem trug sie eine im selben Blau gefärbte lange Tunika, die mit weinroten Borten gesäumt war, weinrote Knöpfe und Akzente hatte. Darüber trug sie einen schweren Ledermantel von roter Farbe mit dunkelblauen Ziernähten und Akzenten. Sie hatte zudem einen roten Lippenstift aufgetragen, ihr Gesicht gepudert, und Khol auf den Augenlidern aufgetragen und zur Kleidung passende Handschuhe angezogen. Während sie auf dem Schiff auf und ab Schritt, hielt Salinda Ausschau nach einer bestimmten Person, die ihr nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte. Als langjährig erfolgreiche Kauffrau hoffte sie, dass Phex ihr noch ein kleines Bisschen mehr Glück zuführen können würde. Gerade nachdem sie diesem Mann so unverhofft am gestrigen Tag nahegekommen war. Es dauerte auch nicht lange, bis sie Jerg von Mitterberg fand, der sich gerade anschickte, einer der Hofdamen ein Lied zu singen. Grazil schritt sie auf die beiden zu, ließ ein zartes Lächeln ihre Mundwinkel heben, ohne sich zu Wort zu melden. ‚Diese starken, kräftigen Arme‘, sinnierte Salinda. Ihre Rettung vor einem möglichen Unfall hatte ihr ungemein imponiert. ‚So geistesgegenwärtig und ein wahrer Ehrenmann.‘ Sie fühlte sich in ihre Jugend zurückversetzt, fühlte sich an ihren damaligen Schwarm erinnert. ‚Nur war Ingrawin weder so schön, noch hatte er eine solche Stimme oder irgendein musisches Talent.‘ Aerin hatte sich für diesen Tag etwas vorgenommen.
Schon seit Tagen war ihr der Gedanke gekommen, Jerg eines seiner Lieder entlocken zu wollen – oder irgendein anderes Stück aus jenem Schatz, den er mit sich trug. Beim letzten Mal war sie zurückgewichen, als sie ihn mit Phelinda gesehen hatte. Er hatte so sehr gewirkt, als wollte er der jungen Ritterin imponieren, dass Aerin es nicht für angebracht hielt, sich einzumischen. Vielleicht hatte sie sich geirrt. Vielleicht auch nicht.
Doch heute sollte es nicht an ihrer Zurückhaltung scheitern. Musik war ihr Freude, Trost und Sehnsucht zugleich. Wie oft hatte sie sich gewünscht, eine Stimme zu besitzen, die tragen konnte, oder Hände, die ein Saiteninstrument führten wie eine Feder – doch weder war ihr das eine oder das andere gegeben. Was blieb, war das Lauschen. Und das Staunen. Ihre Schritte führten sie ohne große Umwege zu ihm. Jerg war nicht schwer zu finden – und wie es der Zufall wollte, war er nicht allein. An seiner Seite erkannte sie Anniella, die sie freundlich kannte, und Salinda Twergenloch, deren Haltung stets eine gewisse stille Würde ausstrahlte.

Aerin blieb einen Schritt entfernt stehen und verneigte sich leicht, höflich und offen zugleich. „Den Zwölfen zu Gruße“, sagte sie mit klarer, freundlicher Stimme. „Bitte verzeiht die Störung – aber es ist mir ein Anliegen, heute endlich zu hören, was Euch an Lied und Klang durch Herz und Finger fließt, Jerg. Ich liebe die Kunst, auch wenn sie mich nie erwählt hat.“ Dabei legte sie den Kopf leicht zur Seite, mit einem Lächeln, das zugleich hoffnungsvoll wie auch ehrlich war. Sie hoffte sehr, dass ihre Bitte nicht zu unverschämt war. Anniella ließ es sich nicht nehmen, zu bemerken: „Guten Morgen, Aerin. Wir wollten Jerg gerade ebenfalls darum bitten, etwas erbauliches an diesem trüben Tag beizusteuern, ihr kommt also gerade richtig.“ „Oh, aber gerne die Damen“ Jerg zog die letzten Details an seiner Laute nach. Diese Flussluft ließ die Seiten sich schnell verziehen. Ein Problem, um das er sich später kümmern würde. „Nun die Damen, hier kommt ein illustres Stück, welches ich in einer Taverne aufschnappte.“ Jerg fing an zu spielen und es folgte jenes Lied Die Sonne küsst das weite Land, goldene Pfade leuchten uns den Weg, mit freiem Geist und frohem Verstand, wird jeder Schritt zum Glücksgeweh. Die Welt erstrahlt in farb’ger Pracht, Erinnerungen webt das Morgenlicht, jeder Atemzug birgt neue Macht, und Hoffnung ruft uns leise und schlicht. Ahoi, wir ziehn in froher Fahrt über Wogen, die das Glück uns schenkt, frei wie der Wind, der ewig weht, wird jeder Tag zum Lied, das uns lenkt. Abenteuer locken am fernen Horizont, die Seele tanzt im leichten Takt, im Reigen, wo Freude heimlich wohnt, Ahoi, wir zieh‘n in froher Fahrt. Im sanften Glanz der Abendröte leuchtet dein Blick wie Tau am Morgen, zarte Töne wecken Liebesgeböte, und lösen alte, stille Sorgen. Unter funkelnden Sternen vereint, fließen unsere Träume wie ein Gedicht, ein leiser Kuss, der Zeit erscheint, erzählt von Liebe im milden Licht. Ahoi, wir ziehn in froher Fahrt ins Reich der Nacht, wo Sterne glühn, wo zarte Klänge Herzen berührn, und sanfte Träume werden zart genährt. Romantik weht im weichen Mondenschein, Sehnsucht tanzt im Schein der Nacht, ein Kuss, der alle Zweifel vernichtet gar sacht, Ahoi, wir ziehn in froher Fahrt. Ein Seemann wankt, vom Wein berauscht, singt Trinksprüche in das Nachtgewand, während sein Lachen über Deck verrauscht, und ihm die Küste hold zur Hand. Ein frecher Fisch, so keck und munter, sprudelt hervor aus dem welligen Reigen, die beiden plaudern – immer bunter, flirtend im salzigen Ozean, ganz eigen. Ahoi, wir zieh‘n in froher Fahrt mit Lachen, das wie Wellen schallt, wo Seemann und der Fisch sich gemahlt, und jeder Spaß den Alltag umgart. Der Wein und Witz die Nacht durchwehen, der Wind trägt Frohsinn übers Meer, ein skurriler Reigen, der mit Freude erfüllt, Ahoi, wir zieh‘n in froher Fahrt. Der Tag erwacht in hellem Funkeln, im goldnen Licht, so klar und rein, die Schatten schwinden, leise funkelnd, laden uns zum Neubeginn ein. Ein Pfad aus Hoffnung liegt vor uns bereit, Freundschaft trägt uns weit und frei, jeder Schritt belebt uns mit Leichtigkeit, während die Welt singt ihre Melodie. Ahoi, wir ziehn in froher Fahrt im Morgenrot, im frischen Glanz, wo jeder Klang erwacht im Tanz, und Neues ruft in sanfter Art. Mit jedem Schritt, der uns beflügelt, erstrahlt das Leben, hell und klar, unsre Herzen froh und unbezwungen, Ahoi, wir zieh‘n in froher Fahrt.

„Fabelhaft!“ Anniella klatschte herzhaft Beifall, als Jerg den letzten Ton hatte verklingen lassen. „Ihr habt eine schöne Stimme. - Wenn wir doch nur in der Tat mit froher Fahrt dahin ziehen könnten!“ meinte sie mit Blick auf die schlaff hängenden Segel…. Aerin applaudierte zusammen mit Aniella: „Das war wunderschön!“, sagte sie, ohne es sich zu verkneifen. Ihre Stimme klang beinahe überrascht über die eigene Begeisterung. „Ich wusste ja, dass ihr musiziert, aber… das war wirklich etwas Besonderes, vielen Dank für die spontane Darbietung.“ Sie sah ihn offen an, mit einem strahlenden Lächeln, beinahe wie ein Kind, das ein neues Lieblingslied entdeckt hat. „Spielt Ihr eigentlich noch andere Instrumente?“ Sie deutete auf die Laute, die er in der Hand trug. Sie hoffte sehr, dass sie bei seiner nächsten Darbietung dabei sein kann, jedoch traute sie sich nicht ihre Gedanken auszusprechen. Etwas errötet ob des Lobes antwortete Jerg „Spielen wäre übertrieben. Ich kann grundsätzlich etwas Flöte spielen, aber mir fehlt der Gesang dabei. Die Laute wurde meine Wahl, da ich mit Ihr Klang und Stimme vereinen konnte. Von meinem Großvater lernte ich noch ein paar Melodien auf seinem alten Jagdhorn. Also ja, ich kann und mit den Jahren will ich auch noch mehr lernen. Vielleicht ist es mir irgendwann vergönnt ein Spinette zu spielen und darauf zu lernen.“ Er schaute die Damen an. „Habt Ihr vielleicht ein Gesangswunsch? Von derben Gassenhauern aus der Taverne bis hin zu klassischen Stücken geht einiges. Aber Elfengesang, den bekomme ich nicht hin! Keine Ahnung wie die Elfen das machen mit Ihren Zungen!“ während Jerg auf eine Antwort wartete und während er erzählte strich er beiläufig über die Seiten und erzeugte einen Ton, der ein wenig an den Klang erinnerte den die Seile im Wind machten.
Aerin lächelte, ihre Wangen nun auch leicht gerötet, und hob die Hand ein wenig, als wollte sie betonen, wie beeindruckt sie war. „Ich finde es wundervoll, wie vielseitig Ihr seid, Jerg! Ich glaube, selbst nur ein wenig Flöte spielen zu können, ist schon mehr, als ich je schaffen würde.“ Sie schmunzelte, fast ein wenig schelmisch. „Ein Spinette? Da seht Ihr mich schon ganz gespannt lauschen, wenn es so weit ist. Ich liebe Musik – sie weckt etwas in mir, das ich mit keinem Schwert und keiner Feder ausdrücken kann.“
Dann neigte sie den Kopf leicht zur Seite, ein neugieriger Glanz in den Augen. „Aber...einen Wunsch? Hm. Ich mag die alten Geschichten sehr, die in Liedern erzählt werden. Etwas, das Herz und Ohr fesselt – vielleicht ein Lied über eine Heldin? Oder über eine listige Figur, die mit Klugheit und Charme ihr Ziel erreicht?“ Sie lächelte ihm warm zu. „Nur bitte kein allzu trauriges Lied, ja? Wir haben gerade genug Herausforderungen um uns herum.“ Dann schaute sie zu Anniella: „Oder was meint Ihr, werte Anniella?“

Ganz gegen seine Gewohnheit, mit der ersten Dämmerung aufzustehen, war es bereits helllichter Tag als Filwald die Augen öffnete. Nach seinem nächtlichen Rundgang war er beinahe wie ein Stein ins Bett gefallen. Weder das Rütteln des Windes noch das Schlagen der Eisschollen hatte er noch mitbekommen. Dennoch merkte er die recht kurze Nacht auf der harten Matratze in jedem Knochen. „Ich werd langsam zu alt für so einen Scheiß“, murmelte er vor sich hin, als er aus dem Bett kroch und sich anzog. Ja, das halbe Hundert Götterläufe machte sich langsam bemerkbar. Er beschloss, erst einmal die Kombüse aufzusuchen. Vielleicht kannte der Smut ja ein Geheimnis, um ihn wieder munter zu bekommen?
Es war nicht die Smutje Perainitrud, die nach der ganzen Aufregung gestern um Merkan im Salon die Passagiere mit heißem Tee versorgte, sondern es stand eine andere Matrosin in der engen Kochnische des Schiffes, als Filwald dort vorbei sah.
Die Matrosin wurde gestern mehrmals von der Kapitänin Oda genannt und sortierte gerade getrocknetes Obst in verschiedene Näpfchen. Anscheinend bereitete sie kleinen Leckerein für den Salon vor. Verwundert hob sie den Blick und sah Filwald umunwunden an. „Tach! Was hat euch denn hier herunter verschlagen? Flieht ihr dem Wind und dem kalten Wetter?“ „Einen wunderschönen guten Morgen, werte Dame! Oda, richtig? Nein, ganz im Gegenteil. Ich hatte nur etwas zu wenig Schlaf bekommen. War etwas zu lange in der ‚Forelle‘, wenn Sie verstehen“, meinte Filwald augenzwinkernd. „Deshalb frage ich mich, ob Sie hier etwas haben, um die Müdigkeit zu vertreiben. Vielleicht einen Tee? Oder von mir aus auch einen Fruchtsaft. Irgend was in dieser Art?“ Die Matrosin begann breit zu grinsen. „Türlich hab ich da was.“ Und sie drehte sich zu einem eisernen Wasserkesselchen um, der auf einer Art Stövchen stand. Mit einer Hand hob sie das Kesselchen an, mit der anderen angelte sie recht zielsicher aus einem Regal eine Tasse. Dann floss anschließend eine dunkle Flüssigkeit aus dem einen Behälter in den anderen. „Etwas Eichelsud belebt die Geister. Mögt ihr noch einen Schuss Rum hinein?“ „Oh, normalerweise liebend gern!“, grinste Filwald zurück. „Nur bitte nicht so früh, und nicht nach dieser Nacht. Ich denke, ich muss mich erst noch an diese Schaukelei gewöhnen“, fügte er mit einem Augenzwinkern hinzu. Dankbar nahm er die Tasse mit dem dunklen, heißen Gebräu. Während er etwas darüber pustete, um es etwas abzukühlen, schaute er sich wie zufällig in Richtung des Hecks um. Dort hinten sollte eigentlich diese ‚Schatzkammer‘ sein, von der er gehört hatte. „Sagt bitte, gute Frau“; wand er sich erneut an Oda, „Wie ihr schon seht, bin ich auf Schiffen noch nicht gut bewandert. Aber mir kommt dieses Deck so kurz vor.“ Er nickte in Richtung Heck. „Fast so, als müsste sich dort hinten noch ein Raum befinden. Ist dem so?“. Die Matrosin nickte. „Aye! Da ist noch was. Aber das ist nur für die Kapitänin zugänglich. Für alle Normalsterblichen ist da das Schiff zuende.“ Oda grinste den Adeligen an. „Da werden wohl die privaten Habseligkeiten des Herzogs aufbewahrt oder so.“ Sie zuckte teilnahmslos die Schulter. „Weiß nicht ob der da seine goldene Unterwäsche verwahrt oder was da sonst so drinne ist. Müsst ihr die Kapitänin fragen.“ „Ja, oder ein silbernen Tellerhalter, damit die Suppe nicht rausläuft. All das, was man halt an Bord so wirklich braucht“, viel Filwald in das Lachen mit ein. Etwas nachdenklicher fügte er dann hinzu: „Wisst Ihr vielleicht, ob beim Beladen des Schiffes irgendwas da hinein gelegt wurde? Oder betritt die Kapitänin den Raum tatsächlich immer nur alleine?“

Filwald sah in Odas Blick, dass sie auch ziemlich neugierig war, was da so in der Kammer verwahrt wurde. „Hm …. ich weiß nicht recht. Den Schlüssel hat die Salmfang jedenfalls. Vielleicht weiß auch der erste Maat was da so drinne ist. Aber sacht, warum seid ihr so interessiert an der Kammer? Vermutet ihr irgendwas unanständiges dort drin?“ Etwas Unanständiges? Filwald musste kurz nachdenken und überspielte die Pause damit, dass er in die heiße Tasse blies. Versteckt hinter dem dampfenden Schwaden des Tees musterte er Oda nachdenklich. Vielleicht könnte er sie anspitzen, ihm bei seinen Nachforschungen zu helfen wenn er ihre Neugierde weiter anstachelte. Aber es war nicht seine Art, Leute zu belügen, nur um einen Vorteil zu erhalten. Und, wer weiß? Vielleicht erreichte er mit der Wahrheit dasselbe.
„Etwas Unanständiges? Nun, das weiß ich leider nicht“, bekannte er offen. „Obwohl es natürlich sein könnte“, fügte er mit einem Augenzwinkern hinzu. Seine Mine wurde wieder ernster, bevor er fortfuhr. Er wählte seine Worte mit Bedacht. Solange sich sein Verdacht nicht erhärtete, gab es keinen Grund, die Mannschaft zu beunruhigen. Und Filwald war sich sicher, dass jedes seiner Worte hundertfach ausgeschmückt in fünf Minuten an den Rest der Mannschaft weiter getratscht würde. „Tatsächlich mag es völlig harmlos sein. Mir ist beim Beladen des Bootes nur dieser gewaltige Schrankkoffer und eine kleine, etwa 40 Finger lange Kiste aus poliertem Steineichenholz aufgefallen. Ich wunderte mich nur, wem diese wohl gehörten. Habt Ihr etwas von dem Verbleib dieser Gegenstände gehört?“ Aufmerksam musterte er Oda, als er auf die Antwort wartete. Odas Miene verzog sich zu einer ahnungslosen Grimasse, als sie den Kopf schüttelte. „Ney … die werden wohl da drin sein - in der Kammer. Vermute ich!" Dann widmete sie sich einen kurzen Augenblick nachdenklich ihrer vorherigen Tätigkeit. „Ich könnte mir vorstellen, dass das irgendwie Mitgebsel für den Herzog waren. Vielleicht Geschenke vom Baron zu Crumold? Wer weiß, was der dem Herzog so mitgeben will.“ Sie zuckte eine Schulter und spekulierte: „Vielleicht ein Schwert oder neue Kleider für die Herzogengemahlin. Die scheint ja immer etwas extravagant zu sein.“ Nach ihren Worten sah sie Filwald wieder aufmerksam an. „Glaubt ihr, der Crumolder hat dem Herzog vielleicht irgendwas schlimmes eingepackt, was wir jetzt unwissentlich nach Elenvina schippern?“ Das fehlte Filwald gerade noch: Eine Panik unter den Matrosen aufgrund eines von ihm gestreuten Gerüchts über eine gefährliche Fracht. Ohh, die Salmfang wäre nicht erheitert, ganz und gar nicht! Nein, ganz egal welchen Verdacht er selbst hegte, noch war nicht die Zeit, die Mannschaft aufzubringen. Erst brauchte er mehr stichhaltige Beweise. „Kämpfe nie auf einem Schlachtfeld, dass Dein Feind auswählt“, war einer der Lehrsätze seiner Knappenzeit. Und Filwald hat sich stets bemüht, dem zu folgen.

„Etwas Schlimmes? Bei Praios, nein, auf keinen Fall! Man würde sicher nichts gefährliches an Bord eines Schiffes bringen, ohne die Mannschaft davon in Kenntnis zu setzen! Wahrscheinlich habt Ihr völlig Recht mit den Geschenken“, versuchte er Odas Zweifel zu zerstreuen. Dabei war er absolut aufrichtig, weshalb er sich auch auf seinen Gott und alveranen Leitstern berief. Er konnte sich tatsächlich nicht vorstellen, dass die Gegenstände „schlimm“ oder „gefährlich“ waren. Deshalb hatte er die reine Wahrheit gesprochen. Sein Verdacht ging eher in die Richtung, dass sie „wertvoll“ waren, zumindest für bestimmte Personen. Aber das musste sich erst noch herausstellen… Zu Oda gewannt fuhr er leutselig fort: „Habt jedenfalls vielen Dank für den Tee, ich fühle mich gleich 10 Stunden wacher und bereit für was immer dieser Tag bringen mag!“ Im gehen drehte er sich beiläufig nochmals um:“ Ach ja, bitte entschuldigt meine Vergesslichkeit: Wie war nochmal der Name des ersten Maats? Und wo könnte man den normalerweise finden?“ „Den Diemut? Na, am Steuer hoffe ich, wo er hingehört!“, die Matrosin lachte laut auf und zwinkerte Filwald verschwörerisch zu, ehe sie mit deutlich gedämpfterer Stimme fortfuhr: „Wenn‘s was herausfindet oder ich noch was erfahren tu‘, dann könnt‘ man sich ja nochmal besprechen, nicht?“ Dann sah sie sich kurz um, als Schritte auf der Treppe erklangen. „Muss jetzt aber weitermachen.“, fügte sie noch kurz an, ehe sie sich wieder ihrer Arbeit widmete. Filwald klopfte sich mit Faust auf die Brust und hob die Hand anschließend zum Abschiedsgruß. Während er ihr verschwörerisch zuzwinkerte meinte er, deutlich vernehmbar: „Habt vielen Dank für den Tee! Gerne komme ich bei Gelegenheit wieder um dann vielleicht auch mal den ‚Schuß‘ auszuprobieren!“. Damit drehte er sich um und betrat das Oberdeck. Das schlechte Wetter machte Luzia von Nadelgrat unruhig. Nicht zum ersten Mal seit Beginn dieser langen Reise fragte sich die Junkerin, ob in ihrem Lehen noch alles reibungslos ablief, oder sich die Krisen schon aufgestapelt hatten und nur auf ihre Rückkehr warteten. Dennoch hatte sie sich an Deck begeben, mehr der Gesellschaft wegen, als des Ausblicks der sich heute kaum veränderte. Sie hatte sich einen Platz abseits der Geschäftigkeit gesucht, wo sie nun saß und den Auslösemechanismus ihrer Armbrust ölte. Tatsächlich hielt sie aber beide Ohren offen und folgte mehr den Gesprächen um sie herum, die Arbeitsschritte zur Waffenpflege hatte sie häufig genug durchgeführt, dass diese leicht und ohne viel Nachdenken von der Hand gingen.

Die Anwerbung

Der nächste Weiler, der am Ufer zur Linken in den Blick der Edelleute kam, bot einen bedauernswerten Anblick. Hinter einem schmalen Deich, der zudem bereits an einigen Stellen aufgrund der Wassermengen überspült wurde, lagen einige windschiefe Hütten verstreut, die zum Teil auf Stelzen erbaut waren und aus dem Wasser hervor ragten. Direkt hinter dem knappen Dutzend Hütten begann bereits ein dichter Auwald, sodass auf den ersten Blick gar nicht erkennbar gewesen ist, wie man diesen Weiler auf dem Landweg überhaupt erreichen konnte. Als man sich dem Örtchen näherte, konnte man erkennen, dass an den Häusern jeweils kleine Boote befestigt waren und zudem schmale Treppen oder sogar Leitern von Türen bis hinab auf den schlammigen Boden führten. Wenn der Fluss nach der Schneeschmelze oben in den Bergen noch mehr Wassermengen trug und der Pegel mindestens einen Meter höher stand, konnte man mit Sicherheit nicht mal trockenen Fußes sein Haus verlassen. Doch noch war es kalt genug, dass der nasse Boden zwar einige große und kleine Pfützen trug, diese jedoch allesamt gefroren waren und sich so milchig schimmernde Eisflächen mit dunkelbraunen Erdflecken abwechselten. Die hier hausenden Menschen lebten wahrscheinlich überwiegend vom Fischfang, denn auf der gegenüberliegenden Uferseite tummelten sich, vor einer sicher eine Meilen langen Flussinsel, einige Bötchen. Die Concabella hielt auf den Deich zu und sowohl im Gesicht des Steuermannes als auch der Kapitänin konnte man ablesen, dass diese vom Anblick des Weilers wenig begeistert waren. Als der Flusssegler schließlich sacht auf Grund lief und man den Anker ausgeworfen hatte, wandte sich Abarhild Salmfang mit sorgenvoller Miene an Erlberga: “Ihr seid Edelleute und Ritter, wenn jemand die Bewohner dieses Schlammlochs davon überzeugen kann, dieses Schiff zu treideln, dann ihr. Viel Erfolg!” Mit einem Nicken gab sie einem Matrosen das Kommando, eine Strickleiter herab zu lassen, sodass man die gut zweieinhalb Schritt bis zum vereisten Boden überwinden konnte.



Noch bevor die Strickleiter hinabgelassen wurde, wandte sich Erlberga ihrer Tochter zu. Der kalte Wind zupfte an den Umhängen der beiden Frauen, doch ihre Stimme war ruhig und bestimmend, ohne jeden Tadel. „Aerin.“ Die junge Frau blickte auf, aufmerksam wie stets, als ihre Mutter sie mit diesem Ton ansprach – einem, den sie seit Kindertagen kannte: freundlich, aber unausweichlich. „Was uns dort unten erwartet, ist keine Herausforderung für die Klinge. Und doch ist es eine Prüfung – eine, der du dich stellen musst.“ Erlberga sah einen Moment über das Wasser, zu den schiefen Hütten am Rand des Auwalds. Dann sprach sie weiter, ruhig, fast beiläufig – doch mit fester Absicht: „Mir ist bewusst, du hast nie das Schwert gesucht – und ich erkenne an, dass du es nie führen wirst wie andere aus der Familie. Deine Stärke liegt nicht in der Klinge, sondern im Wort. Und gerade deshalb, Aerin, ist dies deine Aufgabe.“ Sie wandte sich ihrer Tochter nun ganz zu. „Du weißt, wie man Menschen erreicht – mit Haltung, mit Verstand, mit Herz. Rittersein heißt nicht nur, den Schild zu heben. Es heißt, ein Anliegen mit Anstand zu vertreten. Besonders dann, wenn es keinen Glanz verspricht, sondern Schlamm, Kälte und ein Bitten, das mehr Würde verlangt als jedes Duell.“ Sie legte Aerin kurz die Hand auf den Arm. „Ich erwarte von dir, dass du die Menschen dort unten – so arm sie sein mögen – mit Würde behandelst. Und dass du ihnen begreiflich machst, warum wir ihre Hilfe brauchen. Nicht von oben herab. Nicht als Befehl. Sondern als Bitte, der man sich nicht leichtfertig entziehen kann.“ Erlberga ließ ihre Hand sinken, ihre Stimme war nun leiser: „Eines Tages wirst du in meinem Namen sprechen. Heute kannst du zeigen, dass du es schon vermagst.“ Ein Moment des Stolzes flackerte in Aerins Brust auf, still und doch tief. Dass ihre Mutter ihr eine Aufgabe solchen Gewichts anvertraute – und nicht die Klinge, sondern das Wort als Werkzeug sah – bedeutete ihr mehr, als sie mit vielen Worten hätte sagen können. Sie straffte unwillkürlich die Schultern. „Jawohl, Mutter“, antwortete sie knapp, doch mit spürbarem Feuer in der Stimme. Erlberga lächelte kurz und lief ruhig in Richtung Halmar, Aerin begleitete sie und überlegte sich die richtigen Worte - freundlich, bestimmt, überzeugend. Sie würde versuchen, so viele der Menschen wie möglich für ihr Anliegen zu gewinnen. Erlberga betrachtete schweigend die winterlich-feuchte Siedlung. Der Anblick war trostlos, doch es lag kein Hohn in ihren Augen – nur stille Überlegung. Als sie sich schließlich an Halmar wandte, klang ihre Stimme ruhig und fest:
„Ein Ochsengespann wird sich hier wohl nicht finden. Aber vielleicht doch ein paar kräftige Arme, die mit etwas Silber, Brot und gutem Wort zu gewinnen sind.“ Sie blickte den schmalen, vereisten Damm entlang, der sich wie eine schwankende Linie durch das Ufer zog. „Wenn der Pfad hält, so ist der Weg bereitet. Und je eher wir uns darum kümmern, desto eher werden wir Elenvina erreichen. Lasst uns bald an Land gehen. Wenn wir von diesen Leuten Hilfe erbitten wollen, dann nicht vom Deck herab.“

„Das beste, das man in Alborath kaufen kann.“ Die Junkerin sah auf und lächelte. „Es freut mich, dass wir in dieser Hinsicht auch fernab in der Provinz nicht nachstehen.“ Luzias Tonfall war scherzhaft, jedoch nicht spöttisch. „Von Stolzenbruch, ich bin gestern bei all der Aufregung gar nicht dazu gekommen, aber ich wollte euch danken, für die schnelle Hilfe bei der Rettung des Matrosen. Das war eine knappe Sache.“ Sie streifte ihren Handschuh ab und bot Rondragoras einen Handschlag an.
Für einen Moment fixierte Luzias Blick ihre Armbrust, bevor sie sich verhalten umsah. Auf dem Schiff gab es nicht wirklich einen Ort an dem man sich ruhig unterhalten konnte, was immer sie sagte, es würde auch von anderen gehört werden, den Seeleuten wie auch ihren Standesgenossen. Ihre Antwort erfolgte vorsichtig, in einem halblauten Ton. „Ich denke, die Überführung findet zu dieser Zeit statt, weil unser Herzog das Schiff benötigt. Und ihr habt schon Recht, wir sind nicht zwingend eine Eskorte im herkömmlichen Sinn, allerdings nehme ich an, dass wir als Stellvertreter unserer eigenen Lehensherren in erster Linie deren Stand und deren Ruhm am herzöglichen Hof möglichst erhöhen sollten. Und sollten wir dabei Freundschaften und gute Beziehungen zu unseren Standesgenossen aufbauen, so ist das sicher auch nicht nachteilig.“ Ein kurzer Blick umher versicherte der Junkerin, dass niemand allzu sehr auf sie zu achten schien, und sie verdrängte ihre ernste Miene mit einem verwegenen Grinsen. „Das ist natürlich nur Spekulation, aber ich mache mir keine Sorgen: Die Piratengefahr bleibt, nach allem was ich über diesen Fluss weiß, trotz allem bestehen.“
Nach dem wackeligen Abstieg über die Strickleiter musste man niederhöllisch darauf achten, auf dem teilweise vereisten Geläuf vorsichtig einen Fuß vor den anderen zu setzen, denn ansonsten konnte man leicht ausgleiten und den Damm hinab purzeln.
Filwald war unentschlossen. Eigentlich dachte er nicht, dass in diesem Dorf irgendeine Gefahr drohen solle. Und wenn, dann würde Halmar damit mit Sicherheit gut zurechtkommen. Was für Kämpfer sollten sich in solch einem Weiler schon in den Hinterhalt legen! Auf der anderen Seite war die Aussicht, diesen Kahn mal für einige Zeit zu verlassen, recht verlockend. Nach seiner ersten Nacht an Bord mit dem ganzen Schaukeln und Knarren und Schlagen von – was auch immer – an die Bordwand, hätte er tatsächlich nichts gegen einen guten Fußmarsch. „Ich hoff nur mal, dass wir den Kahn nicht selber ziehen müssen“, murmelte er leise vor sich hin, als er die Strickleiter hinabkletterte. Das war mit seinem Schuppenpanzer, den er wieder angelegt hatte, keine ganz leichte Angelegenheit. Aber verzichten wollte er auf diesen hier draußen nicht, genauso wenig wie auf seinen treuen schweren Dolch, der wieder in seinem Stiefel steckte. Auch wenn die geübten Matrosen sich wahrscheinlich köstlich über ihn amüsierten, hatte er es schließlich doch heil nach unten geschafft und folgte Halmar und den anderen. Erlberga hatte Halmars Angebot mit einem knappen, aber dankbaren Nicken entgegengenommen. „Ihr habt Recht, werter Halmar,“ sagte sie ruhig, während ihr Blick seiner kräftigen Gestalt zur Strickleiter folgte. „Es ist klug, wenn ihr vorangeht. Ein gutes Schild wirkt am besten vor dem, was zu erwarten ist – nicht dahinter. “ Dann schritt sie zur Strickleiter, den Umhang festgezogen gegen den Wind, der noch immer kalt vom Wasser her über das Deck strich. Bevor sie die erste Sprosse betrat, drehte sie sich kurz zu ihrer Tochter um. „Du sprichst für unser Haus – und ich bin bei dir, aber ich werde nicht vor dich treten. Du kannst das.“ Mit ruhigem Schritt setzte Erlberga den Abstieg an. Aerin blieb einen Moment stehen. Ein flüchtiges Frösteln, das nichts mit der Kälte des Flusses zu tun hatte, fuhr ihr über den Rücken. Die Worte ihrer Mutter hallten in ihr nach – nicht laut, nicht mahnend, aber gewichtiger als vieles zuvor. Die Verantwortung lastete schwerer, als sie gedacht hatte. Nicht nur Erlbergas Blick lag nun auf ihr, sondern auch der anderer Edler und der Besatzung der Concabella. Scheiterte sie, so fiel nicht nur ein Schatten auf sie selbst – sondern womöglich auf das ganze Haus. Kurz senkte sie den Blick, atmete tief durch. ‚Jetzt ist nicht die Zeit für Zweifel.‘ Ein entschlossener Ruck mit dem Kopf – beinahe unmerklich – ließ den Anflug von Unsicherheit verfliegen. Dies war ihre Gelegenheit, zu zeigen, dass sie mehr war als nur Anhängsel im Schatten ihrer Mutter. Mit gefasstem Gesicht trat sie an die Strickleiter, griff nach dem Seil und begann hinabzusteigen. Nicht hastig, nicht zögerlich – sondern mit jener Mischung aus Vorsicht und Willen, die sie auf ihren Wegen gelernt hatte. Unten angekommen folgte sie ihrer Mutter, Halmar und Filwald. Die Kapitänin blickte der Gruppe hinterher und war gespannt was die adligen Herrschaften erreichen würden. Sie blickte zu Dietmut: „Fischerboote? Ich hoffe das war ein Scherz!“ Jerg beobachtete von der Reling aus die illustre Gruppe und konnte Teile des Gespräches im Wind hören. Er überlegte ob er mitkommen sollte entschied sich aber dagegen. Leise sprach er vor sich hin „Und das Parlament der Krähen zieht dahin, entschwindet in der ferne. Folgt dem Ruf des Aases zu unbekannten Schatten.“ Er hoffte nur, dass alle unbeschadet zurückkommen. Aber er sah gute Menschen dabei. Aerin war eine junge Frau mit wirklich guten Chancen in der Politik der Nordmarken und vielleicht darüber hinaus. Er teilte die Meinung Ihrer Mutter, dass Sie das gut stemmen wird und mit Filwald hat sie einen ordentlichen Ritter zum Schutze dabei. Er sprach ein kurzes Gebet zu Peraine für die Gesundheit der Gruppe und ein kurzes Gebet zu Phex und schnippte einen Kreuzer in die See, auf dass Ihnen kein Unglück widerfuhr. Er fing an auf dem Boot anfing umher zu schlendern und sich ein wenig nützlich machen und hoffte darauf vielleicht den ein oder anderen Kniff von den Matrosen zu lernen.
Als man sich dem Dorf, das gut 100 Schritt hinter dem Damm lag, langsam und achtsamen Schrittes genähert hatte, kam der Gruppe Edelleute eine ältere Frau entgegen, die eine eine Mütze tief ins Gesicht gezogen und zudem einen fleckigen Schal vor Nase und Mund gebunden hatte, sodass von ihrem Gesicht nicht viel mehr als die faltigen Augen zu erkennen waren. Aufgrund ihres leicht gebückten Ganges und der Tatsache, dass sie das linke Bein ein wenig nachzog, wirkte sie auf jeden Fall wie eine Greisin. Umso mehr überraschte eine kräftige Stimme, die fast schon jugendlich forsch klang und unter dem Wollschal hervor kam, als sie eine Verbeugung andeutete und die Fremden begrüßte: “Hohe Herrschaften, seid willkommen in Fährsche. Was tut so hohe Gesellschaft denn bei uns kleinen Leut’ hier?”
Als Filwald sah, wie Halmar sich schützend vorne postierte um Aerin den Vortritt bei der Begrüßung zu ermöglichen, ließ er sich instinktiv zurückfallen und schirmte die Gesellschaft nach hinten ab. Diese Person, die sich ihnen näherte, schmeckte ihm nicht.Er konnte sich nicht helfen, sie erinnerte ihn an die Hexe, die sie bei ihrer Abfahrt gesehen hatten. Suchend blickte er sich um, ob er irgendwo Anzeichen von dem Zwerg oder Elf sähe. Oder der Krähe. Einen Elfen oder Angroscho konnte er zwar nicht erspähen, aber aus der Ferne waren krächzende Laute hören, die durchaus von mehreren Krähe stammen konnten. Filwald hielt weiter nach Krähen Ausschau, während er der Verhandlungsführung von Aerin folgte. Die Worte waren höflich, doch der Klang hatte etwas Unerwartetes – fest, fast herausfordernd, mit einem Ton, der weder ganz alt noch ganz einfältig klang. Diese Frau war kein hilfloses Mütterlein. Aerin trat aus der Reihe hervor, den Kopf aufrecht, die Schultern entspannt. Sie hielt nicht den Atem an, sondern atmete ruhig durch, so wie sie es im Bogentraining gelernt hatte – nicht anspannen, sondern standhalten. Ihre Hände lagen locker vor dem Leib gefaltet, fern von Schwert und Gürtelschnalle, ein Zeichen: Sie kam mit Worten, nicht mit Stahl. Die Beine leicht versetzt, stand sie fest, aber nicht breitbeinig – nicht wie eine Kämpferin, sondern wie jemand, der seine Schritte bewusst wählt. Nichts an ihrem Stand wirkte gekünstelt oder aufgesetzt. Sie war eine Tochter ihres Hauses – aber sie war auch ein Mädchen, das den Leuten ins Gesicht sehen konnte, ohne Maske, ohne Pomp.
Als sie sprach, neigte sie den Kopf, dass Respekt spürbar wurde. Ihre Stimme trug, nicht durch Lautstärke, sondern durch Ruhe und Klarheit. Der Blick – wach, freundlich, offen – ruhte auf der Frau, nicht fordernd, nicht herablassend, sondern wie jemand, der weiß, was er will.
„Den Zwölfen zum Gruße, gute Frau. Mein Name ist Aerin von Auenstein, Tochter der Erlberga von Auenstein vom dem Gut Erlenquell. Wir kommen im Namen des Reiches, auf dem Weg nach Elenvina.“ Sie ließ den Blick nicht sinken, sprach klar, aber mit Wärme. Sie ließ einen Moment verstreichen, um die Stimmung und Mimik der Frau genau zu beobachten, dann fuhr sie fort – mit einem leichten Lächeln. „Unser Schiff liegt in der Strömung fest, der Wind hat uns verlassen. So kam der Gedanke auf, ob sich hier gute Leute fänden, die bereit wären, mit Seil und Kraft den Flusspfad ein Stück weit zu helfen. Nicht umsonst, versteht sich – es soll ein gerechter Lohn gezahlt werden.“ Sie schwieg, um der Frau Raum zur Antwort zu geben. Doch ein Gedanke stahl sich in ihr Bewusstsein – war diese Frau wirklich, wer sie schien? “Ohjeh, ohjeh, die Herrschaften haben’s aber schlecht gefügt!“, rief sie aus und warf ihre Arme dabei anklagend in die Höhe. “Es is’ doch noch gar keine Zeit zum Treideln! So gern’ wir das tun woll’n, so dürfen’s wir nicht!” Das Wehklagen der Alten wurde immer lauter und es wirkte beinahe so, als wolle Sie die edlen Gäste anklagen ob eines unmoralischen Angebots, womit man sie in Versuchung führen wollte: "Ingrimm', ab Ingrimm’ dürfen wir erst beim Treideln helfen! So hat’s der Herr gefügt! Vorher dürfen’s nur die aus der Stadt machen!”. Anklagend wies sie mit ausgestrecktem Arm den Fluss hinab. Dann senkte sie ihre Stimme, beugte sich verschwörerisch nach vorne, zeigte mit krummen Zeigefinger den schlecht instand gehaltenen Deich entlang und raunte: “Ist aber auch so keine gute Idee, mit dem Treideln. Ist überspült hier und da. Müssen den erst noch wieder ganz machen, wenn’s an der Zeit ist. Weil, wenn der Ochs sich vertritt, dann stürzt er noch in die eisigen Fluten oder, noch schlimmer, bricht sich die Haxen!” Aerin wich nicht zurück, als die Frau ihre Klage lautstark erhob. Sie ließ sie gewähren – denn wer etwas bewegen wollte, musste erst hören, was die Leute bewegte, sagten ihre Eltern immer. Erst als das Raunen zu einem Flüstern wurde und die Greisin mit krummem Finger auf den Deich deutete, trat Aerin einen Schritt näher. Sie sprach leise, aber klar – wie jemand, der nicht überreden will, sondern gewinnen. „Ihr habt gute Gründe, vorsichtig zu sein – und ich will Euch zu nichts drängen, das Euch oder Eurem Vieh schadet. Götterläufe haben Euch gelehrt, was man dem Boden zutraut – und was nicht.“ Sie ließ den Blick kurz über den Deich wandern.
„Doch wir stehen unter heiligem Auftrag. Das Reich ruft, und jeder Tag zählt. Manchmal kommt das Notwendige vor dem Richtigen – und verlangt, dass man Wege sucht, wo keiner ausgeschildert ist.“ Sie beugte sich nun ebenfalls leicht vor – nicht zu tief, aber gerade so, dass Nähe entstand. „Was, wenn wir nicht auf Ochsen warten? Was, wenn es nur ein paar kräftige Männer braucht, mit sicherem Tritt und einem Silberstück Lohn? Nicht für einen Götterfrevel – nur für einen guten Anfang?“ Dann lächelte sie – aufrichtig, fast verschmitzt: „Wenn man die Sache gut erzählt, war’s am Ende vielleicht sogar Ingrimm, der uns den Weg gewiesen hat.“

Die Häuser lagen im Hintergrund ruhig da und außer einer neugierig vorbeihuschende Katze, die mitten in ihrem Lauf kurz innehielt und mit gespitzten Ohren zu der Ansammlung von Menschen sah, war keine Bewegung im Dorf auszumachen.
Die Alte hörte Aerin aufmerksam zu. Als die Frage jedoch auf die kräftigen Männer kam, weiteten sich deren Augen und sie sah die Adlige nachdrücklich an. „Aber die können sich doch auch was tun bei dem kaputten Damm. Stellt euch vor, die rutschen aus und brechen sich auch irgendwas. Dann ham die Familien große Not, ihr Brot und Butter zu verdienen. Außerdem liegen viele von ihnen krank im Bett. Dumpfschädel oder Keuche oder so. Ist halt jetzt die Zeit für Rotz und Schnodder.“ Bei ihren letzten Worten klang ihre Stimme so schicksalsergeben, dass es einfach einleuchtend erschien. Filwald wurde etwas unruhig. Diese ganze Situation hatte etwas Befremdliches. Zunächst einmal kam eine einzelne, dem Anschein nach alte, Frau ihnen entgegen und verhinderte damit, dass sie sich dem Dorf weiter näherten. Die Stimme und Wortführung wollte allerdings nicht so recht zum Äußeren der Frau passen. Dann hatte sie sich, im Gegensatz zu Aerin, nicht einmal vorgestellt. Wer waren sie, dass sie hier mit Leuten redeten, deren Namen, geschweige denn Status, sie nicht einmal kannten! Aerin schien stillschweigend davon auszugehen, dass sie es hier mit der Dorfältesten zu tun hatte, die das Sagen hatte. Das mochte stimmen oder auch nicht. Zumindest hätte Filwald doch ganz gern gewusst, mit wem sie hier redeten.
Von der Gesprächsführung her kam er sich allerdings vor wie zuhause in Blickenfelde am Markttag. Es wurden die Götter beschworen, Alveran und die Niederhöllen benannt, um klar zu machen, dass das, was man wollte, absolut komplett ganz und gar unmöglich war… nur um den Preis um ein paar Dukaten in die Höhe zu treiben. War das hier auch so? Wollte diese Frau nur mehr rausschlagen? Oder wollte sie sie am Weiterkommen behindern? Was war mit den anderen Dorfbewohnern? Nun, die Antwort auf diese Frage lag wahrscheinlich darin, wer sie war. „Kenne Deinen Feind, dann gewinnst Du jede Schlacht!“, pflegte sein Vater selig immer zu sagen. Weise Worte, dachte Filwald, als er gespannt lauschte, wie Aerin die Verhandlung weiter betreiben würde. Er behielt diese neugierige Katze im Blick. Waren das nicht auch Hexenvertraute? Jetzt waren auch die ersten Bewohner des Dorfes, das noch ungefähr 50 Schritt entfernt lag, zu sehen. Zumindest konnte man in der ein oder anderen Fensteröffnung ein von Schatten nur unzureichend verborgenes Gesicht erkennen und aus einem der Stelzenhäuser kam ein Junge die Leiter zum Grund hinab gestiegen, wobei er vor der letzten Stufe absprang und einen großen Satz über eine vereiste Pfütze hinweg machte, die sich am Fuße der Stiege gebildet hatte. Dort blieb er jedoch zögerlich stehen.

Firunhard wurde nicht schlau aus der ganzen Situation. Er war zwar heilfroh, dass Aerin das Gespräch führte, denn ein geborener Redner war er nicht. So hielt er sich eher im Hintergrund. Sollte aber nicht zumindest die Kapitänin darüber Bescheid wissen, wann wer bei diesen Treideln helfen durfte. Etwas, was er sich noch gar nicht vorstellen konnte, ein Schiff mit einem Ochsengespann flussaufwärts zu ziehen. Aber die Alte hatte ja gleich ein paar Entschuldigungen bei der Hand, es ist also Verboten, die Leute sind krank und es ist zu gefährlich. “Vielleicht sollten wir dann zumindest Hilfe bei der Versorgung der kranken Leute anbieten” murmelte Firunhard vor sich hin. Warum sonst niemand vom Dorf angelaufen kam, wirkte seltsam auf ihn. Wenn sich in Eisbühl auch nur ein einfacher Kiepenkerl verirrt hatte, lief praktisch das ganze Dorf zusammen. Aerin warf einen raschen Blick zu dem Jungen, der aus dem Haus gekommen war, und nickte ihm mit einem freundlichen Lächeln zu. Doch dann ließ sie ihren Blick ganz kurz über den Deich gleiten, dann weiter zu den Hütten, wo sich noch immer kein Mensch zeigte – außer vereinzelten Gesichtern hinter Fenstern, die hastig verschwanden, sobald man sie bemerkte. „Und doch wundert es mich, dass Ihr allein zu uns gekommen seid,“ sagte Aerin leise, beinahe verwundert. Ihre Stimme blieb freundlich, doch es lag nun ein leises Nachfragen darin – keine Anklage, nur die feine Schärfe einer, die sich nicht mit der ersten Geschichte zufrieden gibt. „Ein Dorf wie dieses – das wird doch gewiss von mehr als einem Paar Augen beschützt. Oder habt Ihr Eure Leute weggeschickt, bevor wir kamen?“ Aerin trat einen halben Schritt zur Seite, sodass ihre Begleiter besser zu sehen waren, falls es notwendig sein sollte. „Verzeiht, doch wir reisen nicht nur mit Auftrag – wir reisen auch mit Verantwortung. Wenn wir etwas erbitten, dann nicht von Unbekannten.“ Ihr Blick ruhte wieder auf der Alten, freundlich, offen, aber mit der wachen Klarheit einer jungen Adligen, die wusste, wann man zwischen den Zeilen hören musste. „Wie darf ich Euch nennen?“ „Unsine,“ murmelte die Alte auf Aerins Frage, während sich aus dem Auwald hinter dem Dorf ein kleiner Schwarm Krähen aus den Ästen erhob und mit lautem Gekrächze landeinwärts flog. „Unsine Brassig. Hiesige Ortsvorsteherin von Faroldsheim.“
Dann, als wäre es das Natürlichste, lenkte sie das Gespräch sanft zurück: „Und vielleicht könnten wir selbst ein wenig helfen? Wir bringen einiges mit: starke Hände, gute Ohren, und vielleicht auch ein paar Kräuter oder Salben aus den Vorräten an Bord. Wenn es Kranke gibt, wäre es schade, wenn wir einfach weiterziehen, ohne gefragt zu haben, ob wir etwas tun können.“ Sie lächelte warm, drehte sich leicht zur Seite, damit auch der Junge sie hören konnte. „Und dich, Junge – war das ein Mutprobe-Sprung? Oder wolltest du uns helfen, den Weg zu finden?“ Ein junger Bursche, der kaum das Knappenalter erreicht hatte, rannte schließlich mit wild wedelnden Armen die knapp fünfzig Schritt zu den Edelleuten herüber, wobei er mehrfach auf dem vereisten Geläuf ins Rutschen geriet und zu stürzen drohte, sich aber jedes Mal noch gerade so fangen konnte. “Halt! Halt! Tut ihr nichts! Sie kann nichts dafür!”, rief er laut aus. Die Frau selbst drehte ihren Kopf zu dem Jungen und man konnte sehen, wie sie diesen leicht schüttelte, doch der Bursche ließ sich davon nicht abhalten weiterzulaufen, bis er schließlich, mit nur dünner Wollkleidung und Schuhen, die diese Bezeichnung kaum verdient hatten, schwer atmend vor der Gruppe von Edelleuten im Schnee stand.
Er warf der Dorfältesten zwar noch einen kurzen Blick zu, aber begann ganz freimütig zu sprechen: “‘S ist so ein Edelmann hier gewesen, der hat gesagt, dass wir nicht helfen dürfen, sonst kommt er mit anderen Leuten zurück und macht unser Dorf wieder kaputt.” Er war zwar noch außer Atem, aber die Worte sprudelten dennoch wie ein Wasserfall aus seinem Mund: “Wir sollen’s auch dem Vogt nicht sagen, das war auch verboten. Aber der Vogt ist eh’ nie hier, daher haben wir gemacht, was der Mann gesagt hat. Und der Damm war sowieso noch kaputt, da hätten wir gar nicht helfen können, was wir dem Mann aber nicht gesagt haben, sonst hätte der sich sicher noch eine andere Gemeinheit überlegt!” Während der junge Bursche sprach, senkte die Frau ihren Kopf und ließ ihre Schultern hängen. So langsam fügten sich die Steine zusammen. Filwald erkannte seinen Irrtum, von diesem Dorf und der alten Dame schien keine Gefahr auszugehen. Doch die Gefahr war vorhanden. Offensichtlich wurden sie beobachtet und ihre Fahrt sollte sabotiert werden. Jetzt galt es, zum einen den Dorfbewohnern klarzumachen, dass sie ihnen helfen konnten - und würden - und zum anderen. mehr über ihre eigentliche Gegner zu erfahren. Filwald setzte noch immer großes Vertrauen in Aerin und ihre Verhandlungsführung. Sie hatte das bisher großartig gemacht und würde das auch weiterhin tun. Dementsprechend hielt er sich weiterhin beobachtend im Hintergrund. Der aufgestiegene Krähenschwarm machte ihm Sorgen. Sah er schon Gespenster? Er war sich nicht sicher.. Aerin ließ den Jungen ausreden, ohne ihn zu unterbrechen. Sie sah ihn mit weichem Blick an, ein kleines, aufrichtiges Lächeln umspielte ihre Lippen, während sie sich leicht nach vorne neigte, um ihm auf Augenhöhe zu begegnen. „Das hast du gut gemacht,“ sagte sie leise, warm. „Es braucht Mut, so zu sprechen, und ich danke dir dafür.“ Sanft legte sie ihm kurz die Hand auf die Schulter, ehe sie sich wieder aufrichtete. Dann wandte sie sich der älteren Frau zu. Ihre Stimme blieb ruhig und freundlich, doch in ihrem Ton lag nun ein fester Kern: „Ich verstehe, warum Ihr gezögert habt, werte Frau Brassig. Niemand hier soll leiden müssen, weil andere euch mit Angst binden. Ihr habt getan, was ihr konntet, und das verdient Respekt.“ Sie atmete einmal ruhig durch, drehte sich dann leicht, sodass ihre Stimme auch für ihre Begleiter und die anderen hörbar war. „Doch ich kann nicht allein über das entscheiden, was als Nächstes geschieht. Wir reisen nicht als Einzelne, sondern als Gefährten. Lasst uns zunächst beraten.“
Wieder schaute sie zu der alten Frau zurück und sprach sanft: „Aber Ihr seid nicht allein in dieser Lage. Wir sind hier – und wir hören euch.“ Ihre Haltung blieb offen, freundlich, nicht drängend, aber mit einer leisen Entschlossenheit. Für den Moment gab sie weder Versprechen noch Forderungen, sondern sammelte nur die Fäden, um sie gleich gemeinsam mit der Gruppe zu ordnen. Dann drehte sie sich ein Stück zur Seite um nur mit ihren Begleitern zu reden. „Das hier ist größer, als nur ein Schiff, das den Fluss hinauf muss. Jemand hat es darauf angelegt, dass wir scheitern, und hat dabei sogar diese einfachen Leute eingeschüchtert. Ich möchte gerne herausfinden, wer dieser Edelmann ist und diesen Leuten hier helfen, aber ich kann das nicht alleine entscheiden. Wir sollten alle zusammen beraten, wie wir hier weiter vorgehen.“ „Seh ich ganz genauso“, meldete sich Filwald auf Aerins Frage. „Bei Praios, hier läuft irgendeine Sache, die mir ganz und gar nicht gefällt. Ich wäre dabei, diesen Leuten zu helfen und gleichzeitig herauszufinden, wer uns hier sabotiert. Und warum!“ Die Frau erhob wieder schicksalsergeben ihre Arme: „Ihr hohen Leut‘, es ist doch so, dass es gar nix machen tut, wer daran Schuld hat, weil‘s ohnehin nicht geht, mit dem Treideln!“ Dann legte sie ihren Arm um die Schultern des Jungen, der zitternd neben ihr stand, und drückte ihn an sich.

Während die Frau noch zögerlich ihren Kopf hin und her wog und die Augen dabei unschlüssig zusammen kniff, schüttelte der Junge bereits seinen Kopf und antwortete: „Nee, aber er hat ganz nett ausgeschaut, eigentlich. Und hat auch so geredet. Nur was er dann gesagt hat, das war böse.“ Vom Dorf kam währenddessen eine Frau in ebenfalls recht ärmlicher Kleidung gelaufen, die sich zwar eilte, aber dennoch vorsichtig von einem Fuß auf den anderen balancierte und versuchte, nicht auszugleiten. Doch glückte ihr dies nicht und sie rutschte aus uns landete auf etwa halber Strecke unsanft auf dem Hosenboden, wobei ihr ein erstickter Schrei entfuhr. Der Junge und die Alte blickten sich sodann erschrocken um und der Bursche riss sich los: „Mama!“, rief er laut aus, während er der am Boden liegenden Frau zu Hilfe eilte.

Noch ehe der Junge sie ganz erreicht hatte, war Aerin bei der Gestürzten. „Ganz ruhig, ich bin da“, sagte sie leise, ging neben der Frau in die Hocke und reichte ihr beide Hände. „Nicht bewegen, wenn Ihr Euch verletzt habt.“ Ihr Blick musterte rasch das Bein der Frau, dann sah sie ihr in die Augen. „Könnt Ihr stehen?“ Die Frau wirkte regelrecht erschrocken, als Aerin auf sie zu kam, Hastig versuchte sie, sich mit ihren Armen ein Stückchen nach hinten zu ziehen, was auf dem durchgefrorenen Geläuf jedoch nicht gelingen wollte. Mit schreckgeweiteten Augen entgegnete sie der Ritterin: „Ja…ja, Herrin!“, ehe ihr Sohn bei ihr war und sie in den Arm nahm. Halmars Stimme erreichte sie, sie blickte über die Schulter zurück zur Gruppe, ihr Blick ruhte einen Moment auf dem Ritter Sie richtete sich auf, strich sich mit einer beiläufigen Geste den Mantel glatt und trat langsam wieder zur Gruppe. Dort blieb sie stehen, hob den Kopf und erwiderte Halmars Blick. „Ihr habt recht, Halmar – wir stehen nicht nur vor einer Herausforderung, sondern vor mehreren. Und ich sehe keinen Grund, voreilig zu handeln.“ Sie machte eine kleine Geste zurück zum Dorf, wo sich mittlerweile erste neugierige Gesichter in Türspalten und Fenstern zeigten. „Aber ich sehe auch keine Feinde. Nur verängstigte Menschen, eingeschüchtert von Drohungen und allein gelassen mit einem Problem, das größer ist als sie selbst.“ Sie sah ernst in die Runde. „Wir sollten zur Concabella zurückkehren und die Kapitänin in Kenntnis setzen. Und dann entscheiden wir gemeinsam. Ich bin bereit, an Land zu bleiben, wenn es der Gruppe dient – aber nicht ohne Abstimmung, nicht ohne Rückhalt.“ Ein kurzer Seitenblick zu Erlberga – der Blick einer Tochter, die wusste, dass am Ende nicht Mut allein zählte, sondern auch das rechte Maß. „Und was diesen angeblichen Edelmann angeht – wer andere mit Drohungen zur Untätigkeit zwingt, der will uns aufhalten. Nicht nur auf dem Fluss. Vielleicht sollten wir bald herausfinden, warum.“

Die Rückkehr der Adligen wurde neugierig erwartet und aufmerksam lauschte die Kapitänin dem Bericht der Landmannschaft. Die Nachricht, dass die Leute sich hier haben einschüchtern lassen, um nicht zu helfen, umwölkte ihr Gesicht mit tiefer Sorge. Aber auch wenn sie das ein oder andere derbe Wort fallen ließ, blieb ihr nichts anderes übrig als die herrschenden Tatsachen als gegeben hinzunehmen. Artig, aber trotzdem irgendwie zerknirscht, bedankte sich Arbahild Salmfang bei den Adligen für den Versuch zu vermitteln und rief dann quer übers Deck, dass die Concabella sich wohl doch nur auf Efferds Wohlwollen verlassen musste und die Fahrt ohne Treidler weiter gehen sollte. So begann das übliche Gewusel der Matrosen, das Schiff wieder mittig auf den Fluss zu manövrieren und die Fahrt ging äußerst gemächlich weiter.

Abendliche Ankunft

Am Abend endlich konnte man mit dem schwindenden Licht die Umrisse der nächsten Siedlung erkennen: Das Dorf Erlenau schälte sich aus der Landschaft und lockte mit gemütlichen Häusern, die sich um einen großen Platz arrangierten. Der Platz war zum Großen Fluss hin offen und die landeinwärts gelegenen Häuser mit ihren hölzernen Fassaden bildeten eine optische Barriere vor dem dichten Wald im Hintergrund. Das Dorf wirkte recht idyllisch mit den schneebestäubten Dächern und den rauchenden Schornsteinen. Ein paar Rahmen waren am Ufer aufgebaut, in deren eingespannte Fischernetze sich Frost und Schnee verfing. Eine Handvoll mit raureif beglänzter Ruderboote ruhte unweit der Rahmen in der sandigen Böschung, wo sie ihrer nächsten Nutzung harrten. Ein Hund bellte im Hintergrund und eine Katze saß aufgeplustert auf einem Faß und beäugte die Ankunft der Concabella. Ein Gebäude war deutlich als Gasthaus zu erkennen. Nicht nur weil es erheblich größer war als die umliegenden Gebäude, sondern auch, weil noch Licht aus den verschlossenen Fensterläden drang und jedes Mal, wenn jemand durch die zum Fluss gelegene Eingangstür trat, lebhaftes Geschwätz mit in den Abend schwappte. “Verehrte Gäste, Willkommen in Erlenau!” erklang die feste Stimme der Kapitänin über das Deck. Abarhild Salmfang hatte den Blick gen Ort gerichtet und schien zugleich erleichtert und zufrieden das heutige Etappenziel doch noch erreicht zu haben. “Anker runter und das Schiff für die Nacht vorbereiten. Veriya und Rahjaman - ihr setzt die Gäste aufs Festland über. Sobald alles erledigt ist, kommen wir nach.”

Aus dem Irgendwo im Nirgendwo nach Klipphag - Der vierte Reisetag

Am nächsten Morgen pfiff der Wind heulend über den Fluss, fing sich in den vereisten Wanten und polierte die gefrorenen Planken. Es schneite noch immer, und die Flocken wehten waagrecht. Die Leinen am Ufer waren unter einem Spann Neuschnee verborgen, die Heringe festgefroren im vereisten Grund.

Müde und ziemlich verknittert lösten die Matrosen die Leinen und hissten das Hauptsegel. Ein Schauer aus Eisstücken und Schnee ergoss sich über das Deck, was die Kapitänin zu einem wütenden Aufbrüllen veranlasste. Rasch scheuchte sie zwei der Matrosen, das Deck zu reinigen, ehe der Schnee noch festgetreten zu Eis gefröre.

Langsam, wie ein lahmes Tier, glitt die Concabella schwerfällig wieder in das Fahrwasser im Großen Fluss. Die Segel ächzten im Wind, als dieser sie füllte, und brachten die Concabella auf ihren mühseligen Weg stromaufwärts. Firun schickte seinen Gruß mit einem eisigen Hauch aus den Bergen mit tanzendem Flockenwirbel, der das Schiff auf seinem Weg den Tag über begleiten würde. Der heutige Tag barg zur Verwunderung vieler, keine großen Unannehmlichkeiten oder bösen Überraschungen. So schaffte das Schiff mit seiner Besatzung und den Passagieren heute etliches an Fahrt, bis irgendwann jemand lautstark die Meldung über das Deck rief: "Klippag voraus!“ Und dann konnte es auch jeder sehen: auf der einzigen Anhöhe in der Umgebung erblickten die Reisenden von weitem die mächtige Burg. Am Fuß des Berges lag das Ziel des heutigen Tages – Klippag. Die mächtigen Geschütze schützten den Hafen vor Angriffen, auch musste die Reichsstraße gut im Blick der Besatzung liegen. Der Ort lag in winterlicher Ruhe, Rauch stieg aus vielen Kaminen empor. Die vielen Mühlen am Fluss standen still. Es mochte um die 2000 Seelen beherbergen – mehr Menschen, als in manch einer Baronie in Nordgratenfels lebten. Nachdem das Schiff angelegt hatte, führte Wipert auf Geheiß der Kapitänin die Edlen zum besten Haus am Platz – den Göttern sei Dank wieder eine Nacht in einem Bett. Der „Ratshof“ war ein schmuckes, zweistöckiges Fachwerkhaus. Das Schild über dem Eingang wiegte sich sanft im Abendwind, es wies das Gebäude als Schankstube und Gasthof aus. Der Schankraum war geräumig. Die Einrichtung war gemütlich, aber rustikal.
Tische und Stühle aus robuster Eiche, mit wollenden Sitzkissen auf Ihnen. Im Kamin brannte ein Feuer, welches den Raum mollig wärmte. An den Wänden einfache Holzstiche mit Alltagsszenen. Eine Treppe führte ins obere Stockwerk. Hinter der Theke stand der Wirt und bereitete Getränke vor. Der Mann war groß und grobkörnig. Obwohl er beschäftigt wirkte, schien er alles im Blick zu haben. Zwischen den Tischen huschte ein adrettes Mädchen, vielleicht 20 Sommer, und ein etwa gleichaltriger Knabe hin und her, um Bestellungen aufzunehmen. Die beiden sahen sich auf den zweiten Blick recht ähnlich, es könnte sich um Geschwister handeln. Die einfache Bevölkerung war hier nicht anzutreffen, die anwesenden Gäste waren Reisende und es mochte auch der ein oder andere Händler im Schankraum zu sehen sein.

Mit schweren Schritten stapfte Phelinda der Gruppe von Edelleuten hinterher. Sie hatte ihre Gugel so eng zugeschnürt, dass ihre Augen gerade so aus der Kopfbedeckung herausschauten. Sie trug zudem alle anderen wärmenden Kleidungsstücke, die sie auf dieser Reise mitführte: Handschuhe, schwere Stiefel und ihren gefütterten Mantel. In der vergangenen Nacht hatte man der Ritterin aufgrund ihrer Schmerzen einen trockenen Schlafplatz an Bord überlassen, aber der modrige Geruch und ihre Regelschmerzen hatten sie dennoch um einen Großteil ihres Schlafs gebracht. Leider war auch die Kombüse vom eindringenden Wasser geflutet worden war. Daher hatte sie auch sehr lange auf einen schmerzlindernden Mädesüßtee warten müssen, den Perainitrud ihr letztlich brachte. An Land war wohl ein Feuer gemacht worden.
Ihre Hände hatte sie tief in den Manteltaschen vergraben. Sie kaute auf einer bitteren Kräutermischung herum, die Oda ihr gegeben hatte. Sie hemmte den Schmerz, betäubte aber auch ihren Mund. Phelinda war eine der letzten, die das Gasthaus betrat. Schnurstracks bewegte sie sich auf den Kamin zu und pflanzte sich vor das prasselnde Kaminfeuer. Nach der Eiseskälte der vergangenen Nacht würde sie niemand hier wegbekommen. Nach einer Weile fragte die Bedienstete sie, ob sie etwas benötige. Sie bat um Tee und eine Wolldecke, welche ihr auch sogleich gebracht wurden. Dieses Haus war deutlich gehobener als die vorherigen Unterkünfte. Sie beobachtete die Flammen im Kamin und spürte, wie die Wärme vom Kamin ihre Glieder wärmte. Während sie sich körperlich erholte, dachte sie über die Geschehnisse der letzten Tage nach. Sie würden bald darüber sprechen müssen. ‚Wer ist eigentlich auf der Concabella geblieben?' Der Gedanke löste eine gewisse Panik in ihr aus. Auf gar keinen Fall wollte sie nach dem Ablegen morgen erneut in eine Krise geraten. Schleppend erhob die Ritterin sich aus dem Stuhl beim Feuer und schlurfte auf ihre Kameraden und Kameradinnen zu. Mit heiserer Stimme sagte sie: „Peraine zum Gruße." Phelinda blinzelte, lächelte sacht und fuhr fort: „Wer ist eigentlich auf dem Schiff geblieben?" Sie war zu ausgelaugt, zu schwach und zu müde, um anhand der Anwesenden selbst darauf zu kommen. Zur Erklärung schob sie hinterher: „Ich hab‘s vorhin wohl einfach nicht mitbekommen, als wir aufgebrochen sind."
Aerin fror noch, als sie den Gastraum betrat, obwohl sie längst nicht mehr im Schnee stand. Die Wärme schlug ihr fast zu plötzlich entgegen – nicht wie eine Umarmung, sondern wie eine ungewohnte Nähe, auf die ihr Körper noch nicht vorbereitet war. Sie blieb einen Moment im Türrahmen stehen. Dampf stieg von ihren nassen Ärmeln auf, ihr Mantel klebte schwer an Schultern und Rücken. Neben ihr trat auch Erlberga ein, wortlos, aber mit dem aufmerksamen Blick, der ihrer Mutter stets eigen war. Während Aerin zögerte, bewegte sich Erlberga mit ruhiger Selbstverständlichkeit zum Haken an der Wand und begann, Mantel und Handschuhe sorgfältig auszuziehen. Dabei musterte sie den Raum – nicht nervös, aber wachsam, wie jemand, der gelernt hatte, neue Orte immer erst zu prüfen, bevor er zur Ruhe kommt. Schließlich nickte sie Aerin knapp zu und deutete mit dem Kinn Richtung Kamin. Dort saß Phelinda – dick eingepackt, eine Tasse in der Hand, die Finger blass vor Kälte oder Erschöpfung - wahrscheinlich beidem. Sie trat an Erlberga heran, murmelte leise: „Ich geh zu ihr, nur kurz.“ Erlberga musterte sie einen Atemzug lang, dann legte sie ihr eine Hand auf den Unterarm – eine kleine, feste Geste, ganz ohne Worte. Einverstanden. Aerin nickte und ließ ihre Mutter zurück, die sich inzwischen einen freien Platz suchte, in Reichweite der anderen Edlen. Aerin blieb in höflicher Entfernung zu Phelinda stehen und sagte leise, aber hörbar: „Peraine zum Gruße, Ritterin von Twergenloch.“ Ein ehrlicher Gruß, aufrichtig und freundlich – keine Förmlichkeit, sondern Respekt. „Ich wollte nur nach Euch sehen. Ihr habt uns gestern alle wachgerüttelt – zur rechten Zeit, obwohl es Euch kaum auf den Beinen hielt. Ich finde, das war… bewundernswert.“, ihre Stimme war nun wärmer, etwas weicher. Sie zögerte einen Moment, dann fügte sie hinzu – leiser, persönlicher: „So viele wären einfach liegen geblieben. Ihr habt Euch trotz allem aufgerafft. Ich denke, ohne Euch… wäre es anders ausgegangen.“ Sie schenkte der Ritterin ein kleines, aufrichtiges Lächeln. Kein Mitleid, sondern Anerkennung – und vielleicht auch ein wenig Verbundenheit. „Geht es Euch heute ein wenig besser?“, fragte sie schließlich – zurückhaltend, aber nicht distanziert. Ihre Haltung blieb offen. Sie drängte sich nicht auf, wartete aber auf eine Antwort – und bot im Schweigen ihre Gesellschaft an, wenn sie gewünscht war. Überrascht blickte Phelinda die junge Junkerin an. Sie schluckte einmal, bevor sie zur Antwort ansetzte: „Danke. Ich denke…" Sie musste tatsächlich einen Moment nachdenken, ihr Geist war nicht so rege bei der Sache wie sie es gewünscht hätte. „Nun, viele von uns hätten sicher…" Sie brach erneut ihren Satz ab. „Wie dem auch sei, ich habe nicht mehr als meine Pflicht getan." Sie ballte die rechte Hand zur Faust und schlug sich auf den Brustkorb. Sie war sich sicher, auch wenn sie nicht viele Worte gewechselt hatten, eine rondratreue Ritterin vor sich zu haben. Der letzte Schluck Tee wärmte sie durch die Wand der steinernen Tasse. Sie überlegte, was sie noch sagen sollte. „Wirklich, habt Dank. Euer Lob bedeutet mir viel." Phelinda fuhr mit dem Daumen und Zeigefinger ihre Augen entlang und verharrte einen Moment beim Nasenrücken. „Was Eure Frage nach meinem Wohlbefinden angeht." Sie seufzte leise und ergänzte flüsternd: „Es ist das Los, das unserem Geschlecht zugefallen ist." Ihre Mimik zuckte einmal kurz, als ein Ziehen ihren Unterleib durchfuhr. „Allerdings wäre es schön, wenn Frau Tsa und Frau Peraine sich bald einigen würden, wie lange meine Leiden noch andauern sollen." Phelinda trank den letzten Schluck ihres Tees und entschied sich, noch einen Satz zum Gesagten hinzuzufügen: „Euer Handeln gestern war ebenfalls bemerkenswert. Die anderen und Ihr habt genau reagiert, wie ich es mir erhofft hatte."

Aerin senkte leicht den Kopf, als Phelinda sich mit dem Faustschlag auf die Brust bedankte – eine Geste, die ihr mehr sagte als viele Worte. Es war keine Pose, keine Eitelkeit. Es war Stolz, der sich mit Pflichtbewusstsein mischte. Etwas, das Aerin zutiefst ehrte. „Wenn wir alle nur unsere Pflicht so erfüllen würden“, erwiderte sie leise, fast mehr zu sich selbst. „Dann wäre vieles leichter in dieser Welt.“ Sie trat einen kleinen Schritt näher, ohne sich aufzudrängen, und musterte Phelindas Gesicht aufmerksam, als sie von den Götterfrauen sprach. Aerins Mund zuckte fast zu einem Schmunzeln – nicht spöttisch, sondern verständnisvoll. „Möge Peraine sich bald durchsetzen“, sagte sie schlicht – und meinte es von Herzen. Dann senkte sie leicht den Blick, nicht aus Unsicherheit, sondern aus einem Moment des Respekts, als Phelinda ihr das Lob zurückgab. „Danke“, sagte Aerin nach einer kurzen Pause. Ihre Stimme war nicht lauter geworden, aber fester. „Ich habe nur reagiert. Ihr habt gehandelt.“ Ein Atemzug Stille. „Ich wollte einfach, dass Ihr das wisst“, fügte sie dann noch an – ernst, ohne Pathos. „Manchmal sagt es einem keiner.“ Dann neigte sie leicht den Kopf zum Abschied und lächelte sie an. „Wenn Ihr etwas braucht – ein Gang zur Kombüse oder… einfach Gesellschaft – sagt es.“ In ihren Augen begannen Tränen sich zu sammeln, die Phelinda jedoch mit dem letzten bisschen Willenskraft unterdrückte. Sie war gerührt von den Worten der Edelfrau, von ihrem Mitgefühl und der Anerkennung; und stolz, diese Anerkennung gewonnen zu haben. Sie würde Aerins Angebot auf jeden Fall beizeiten annehmen. Aus Erfahrung mit solchen Zuständen wie dem jetzigen wusste sie, dass ihre Stimme ihr Gefühlsleben offenbaren wollte. Vor Aerin würde sie das nicht stören, aber nicht vor den restlichen Edelleuten und der Schiffsbesatzung. Sie würde das Beben nicht kontrollieren können, würde vielleicht sogar schluchzen. Daher lächelte sie bloß, so genuin und ehrlich wie es ihr in ihrem Zustand gelang, und nickte. Phelinda hoffte, dass die Geste verstanden werden würde. Aerin erwiderte das Lächeln, als hätte sie genau verstanden, was Phelinda ihr mit dem Nicken sagen wollte. Sie sagte nichts weiter – nicht aus Verlegenheit, sondern weil es nichts weiter brauchte. Für diesen Moment war alles gesagt.

Mit einem letzten, warmen Blick wandte sie sich ab, ließ Phelinda den Raum, den sie vielleicht brauchte – aber sie würde in der Nähe bleiben. Als sie sich abwandte, war ihr Schritt nicht schwer, aber gedämpft, als würde etwas in ihr nachhallen. Sie ging langsam, nicht aus Müdigkeit, sondern um einen Moment für sich zu haben, um zu denken. ‚Sie war kaum noch bei Kräften, und doch hat sie sich aufgerichtet – für uns.‘ Aerin schob die Hände in die Ärmel ihres Mantels, als suchte sie darin Halt. ‚Ich weiß nicht, ob ich das auch gekonnt hätte. Wenn mein Körper mir so wehgetan hätte... hätte ich dann auch die Kraft gehabt, nicht nur an mich, sondern an alle zu denken?‘ Der Gedanke war nicht bitter, nicht neidisch – aber ehrlich. Sie wusste, dass sie Mut hatte. Doch das hier war mehr als Mut. Es war Größe. Haltung. Und es war nicht nur Phelinda. Seit Beginn der Reise hatte sie immer wieder Menschen erlebt, die weit über sich hinausgewachsen waren: Halmar mit seiner ruhigen Führungsstärke oder Xanthrax mit seinem unerschütterlichen Pragmatismus. Und nun diese Ritterin, die zwischen Schmerz und Pflicht nicht zögerte. Aerin atmete tief durch. ‚Ich bin jung. Ich habe noch viel zu lernen. Aber ich will das. Ich will so sein wie sie – vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen… aber irgendwann.‘ Sie hob den Kopf, als hätte sie sich selbst daran erinnert, warum sie hier war. ‚Ich muss mich anstrengen. Nicht um Lob zu bekommen. Sondern damit ich eines Tages auch jemand bin, auf den andere sich verlassen können.‘ Mit diesem Gedanken ging sie weiter durch den Schankraum. Leise, aufrecht, in sich ruhend – ein stilles Versprechen an sich selbst.

Auxilia war dick eingemummelt als sie die Taverne betrat. Neugierig schaute sie sich um. Vielleicht gab es hier etwas gutes zu Essen oder zu trinken, was es auf dem Schiff nicht gab. In der Nähe eines Kamins würde doch sicher ein Platz frei sein. richtig die Glieder durchwärmen und etwas deftiges Essen. Eine herrliche Aussicht. Zunächst erkundigte sie sich mit einem freundlichen „Travia zum Gruße!“ beim Wirt nach einem Tagesgericht. Die Gaststube war angenehm warm und obwohl belebt, nicht zu voll. Auxilia und wer sonst noch etwas zu Essen haben wollte, bekam dies auch ohne lange warten zu müssen. Es gab die Auswahl zwischen einen deftigen Fischeintopf und eine Brotzeitplatte mit Käse & Wurst, dazu eine würzig-warme Tunke. Die Passagiere und die Mannschaft machten es sich gleichermaßen bequem. Wobei die Matrosen in einer Ecke an einem großen Tisch sich geschlossen sammelten. Nur die Kapitänin platzierte sich auch auf einer der Bänke am Feuer und streckte die Füße in Richtung der wärmenden Lichtquelle. Arbarhild Salmfang sah Phelinda einen Moment nach und rief ihr dann hinterher, als sie die Worte der Ritterin hörte: „Die ham im Hafen Wachen. Heute gönnen wir uns alle ein ordentliches Bett.“

Bei Praios, was für eine verrückte Fahrt bis jetzt! Filwald war froh über diese Verschnaufpause in einer Gaststätte. Seit der ersten Stunde an Bord kam er sich vor wie ein Getriebener, ständig den Ereignissen um ihn herum hinterherlaufend. Er hoffte inständig, sich endlich mit den anderen mitfahrenden Adligen unterhalten und abstimmen zu können. Was diese über den seltsamen Schrank dachten, den er vorgestern Nacht in der Garnison entdeckt hatte, zum Beispiel. Oder was sie nun mit der Information über die Fremden anfangen sollten, die anscheinend Ihren Weg sabotieren wollten. Gleichzeitig würde ihn aber auch die Gespräche der Mannschaft und das Verhalten der Kapitänin interessieren. Er konnte im Moment noch weder Halmar noch Xanthrax ausmachen, mit denen er gerne als allererstes geredet hätte. So beschoss Filwald, sich einen großen Humpen Bier an der Theke zu holen und sich dann an einen Platz zwischen den Adligen und der Mannschaft zu setzen. Auf diese Weise hoffte er, den Gesprächen auf beiden Seiten lauschen zu können. Bei der Antwort der Kapitänin zuckte Phelinda unwillkürlich zusammen. ‚Ja, die Wachen. Die werden nur nach Gefahren von außen suchen und niemanden von uns aufhalten.‘ Das war wirklich kein kluges Vorgehen. Sie hatte es zuvor nicht mitbekommen. Allein schon körperlich würde sie nicht zum Schiff zurückkehren können. ‚vielleicht sollte ich in Erfahrung bringen, ob es in der Stadt einen Heiler gibt. Wenn niemand anderes auf den Gedanken kam…‘ Aber sie verwarf den Gedanken. Vielleicht machte sie sich ja auch zu viele Sorgen. Vielleicht würde ja alles gut werden. Auxilia machte sich hungrig über die Fischsuppe her. Sie brach sich etwas von dem warmen, frischen Brot ab und genoss den Bissen mit geschlossenen Augen. Aerin schob den Moment des Nachdenkens sanft beiseite und trat an die Theke. Der Wirt war groß gewachsen, wirkte geschäftig, aber nicht unfreundlich. Sie wartete einen Atemzug, bis er kurz aufblickte, dann neigte sie respektvoll den Kopf.
„Travia zum Gruße“, sagte sie mit einem freundlichen Lächeln. „Ich hätte gern eine Fischsuppe, bitte. Und vielleicht ein Stück Brot dazu, wenn noch etwas da ist.“ Der Wirt nickte knapp, machte sich gleich daran, den Wunsch zu erfüllen. Aerin nahm die dampfende Schale mit beiden Händen entgegen, bedankte sich noch einmal leise – dann blickte sie sich um. In der Nähe des Kamins sah sie Auxilia sitzen, die in ihre eigene Schüssel vertieft war. Der warme Lichtschein warf weiche Schatten auf die Bank, und der Duft der Suppe vermischte sich mit dem Rauch aus dem Kamin. Ein angenehmer Ort – und eine vertraute Person.
Aerin ging langsam hinüber, trat an den Tisch und lächelte leicht. „Travia zum Gruße, Auxilia“, sagte sie sanft. „Ist hier noch ein Platz frei?“ Sie hob ihre Schüssel leicht an. „Ich dachte, vielleicht schmeckt die Suppe in Gesellschaft noch ein wenig besser.“ Ihre Stimme war ruhig, freundlich, ohne sich aufzudrängen. Man konnte darin sowohl Höflichkeit als auch echtes Interesse hören. Auxilia wandte sich mit einem Lävcheln zu Aerin: „Aber natürlich setzt Euch doch bitte! In Gesellschaft und sitzend.“ Sie schob ihre Schüssel etwas beiseite. „Es ist schön warm hier und die Suppe ist herrlich. Sie tut gut.“ Aerin setzte sich mit einem leisen „Danke“ auf die Bank gegenüber von Auxilia. Die Wärme des Kamins, das sanfte Klirren von Schüsseln und Humpen, der vertraute Duft von Fischsuppe – all das half, die Anspannung des Tages langsam von ihr abgleiten zu lassen. Sie atmete durch, legte das Schwert so, dass es niemanden störte, und begann zu essen. Die Mannschaft an ihrem auserwählten Tisch wurde mit jedem Moment, in dem die Wärme ihre Glieder und anscheinend auch Gemüter erwärmte, ausgelassener. Lautes Lachen, und Schwätzen war von den Matrosen des Flussschiffes zu vernehmen, so dass sich bereits einige der anderen Gäste unangenehm berührt zu deren Tisch umsahen oder erhoben, um den Gastraum zu verlassen. Phelinda hatte sich glühend-warmen Würzwein und etwas Brot bringen lassen und knabberte daran, während sie den Rest der Gruppe beobachtete. Sie fühlte sich unendlich müde, heute würde kein langer Abend werden für sie. Salinda Twergenloch lehnte derweil an einer Wand. Sie beobachtete das muntere Treiben. Sie sorgte sich über Phelindas Zustand. Aber gerade gab es nichts, was sie in dagegen tun konnte. Sie beschloss, zur Theke herüberzugehen und den Gastwirt anzusprechen.
Während sie auf die Theke zuging, zog sie ihre Hose etwas höher, sodass ihre Knöchel hervorlugten. Zudem setzte sie ihr freundlichstes Lächeln auf. „Travia und Praios zum Gruß, werter Herr", sprach sie den Mann an. „Ich wollte nur gerade fragen, ob es vielleicht eine kräuterkundige Person in diesem Ort gibt, von der ich etwas gegen Schmerzen erwerben könnte?" Erlberga, die sich bislang still gehalten hatte, hatte das Gespräch zwischen Aerin und Phelinda mit halbem Ohr verfolgt – nicht aus Neugier, sondern aus Besorgnis. Erlberga hörte auch, wie Salinda sich nach kräuterkundigen Personen erkundigte und trat nun einen Schritt näher. Ihre Stimme war ruhig und sachlich: „Ich habe in meinem Gepäck auf dem Zimmer eine kleine Flasche Wacholderöl. In Kombination mit einem warmen Tuch hat es mir schon oft bei Bauchkrämpfen oder bei Kälte geholfen.“ Sie sah kurz zu Salinda, dann zum Kamin, wo Phelinda sich an ihre Tasse klammerte. „Ich kann es holen – wenn sie es möchte.“ Ohne großes Aufheben drehte sich Erlberga dann um, bereit, nach oben zu gehen. Doch bevor sie losging, sagte sie leise, fast beiläufig zu Salinda – aber mit einem Blick, der zu Phelinda hinüberglitt:
„Was sie gestern getan hat – trotz der Schmerzen, trotz allem – das war nicht nur tapfer. Das war wahrer Mut. Ihr habt eine Tochter mit wahrer Größe, solche Menschen braucht unser Reich.“ Salindas ganze Aufmerksamkeit hatte dem Gastwirt gegolten, sodass sie ein wenig aufschreckte, als Erlberga sie ansprach. ‚Phexenskind', schoss es ihr durch den Kopf, ‚das hat mich kalt erwischt.' Trotz Erlbergas leisem Tonfall schien der Wirt zu ‚wissen, ahnen, hören?‘, was die Edelfrau vorschlagen würde und nickte schlicht in deren Richtung. Das angebotene Öl klang nach einer sehr guten Idee. „Das wäre herzallerliebst, euer Wohlgeboren." Ein warmes Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. Als sie Erlbergas Lob ihrer Tochter hörte, wurde sie etwas rot im Gesicht. „Ich weiß. Ich könnte nicht stolzer sein." In ihrem Hinterkopf flüsterte eine Stimme in berechnendem Tonfall: ‚Genau so, wie es geplant war.' Gedanklich schob sie sie beiseite. Sie sagte sich: ‚Ja, das war und ist der Plan. Und der Adelszweig meines Hauses wird hoffentlich gedeihen. Aber ich bin stolz auf sie. Wie sie ihre Rolle angenommen und auszufüllen begonnen hat, ist ihr Verdienst allein.' In Erwartung des Öls, welches Erlberga ihr holte, bat Salinda den Gastwirt, ein heißes Tuch vorzubereiten. Nachdem dieser versprach, heißes Wasser und Tuch kommen zu lassen, wandte sich Phelinda zur Feuerstelle. Nach ein paar großen Schritten stand sie neben ihrer Tochter. „Phelinda, Junkerin Erlberga hat angeboten, uns etwas Wacholderöl für einen Wickel zu geben. Ich habe zugestimmt. Ich hoffe, das war in deinem Sinne?" Phelinda blickte zu ihrer Mutter auf, lächelte und antwortete mit gedämpfter Stimme: „Natürlich, Ma… Mutter." Erlberga verließ den Schankraum mit ruhigen Schritten. Oben in ihrer Kammer angekommen, öffnete sie ihre Reisetasche mit der gleichen methodischen Sorgfalt wie in all den Jahren zuvor. Es dauerte nicht lange, bis sie das kleine Fläschchen aus dunklem Glas fand, sorgfältig zwischen Stofflagen gebettet. Sie hielt es kurz in der Hand, betrachtete das Etikett, das von heimischer Handschrift zeugte – das Öl stammte noch aus der Hausapotheke ihres Guts.
Als sie wieder zurückkam, hielt sie die kleine Flasche bereits in der Hand, in der anderen ein Stück sauberes Leinentuch, das sie ebenfalls aus ihrer Tasche mitgenommen hatte. Der Wirt hatte, wie versprochen, heißes Wasser aufbereitet, und Salinda war bei ihrer Tochter am Feuer. Erlberga trat still dazu, reichte das Öl und das Tuch an die Mutter weiter, nickte Phelinda dabei fast förmlich zu – aber in ihrem Blick lag ein ehrlicher Respekt. „Ein paar Tropfen davon reichen, in das warme Tuch eingerieben und auf den Unterbauch gelegt“, erklärte sie sachlich. „Ich hoffe sehr, dass es Euch so gut helfen wird, wie mir.“

Salinda nahm Flächschen und Tuch entgegen. „Habt Dank!", sagte sie und auch Phelinda hauchte: „Danke." Dann machte Salinda sich daran, den Ölwickel für ihre Tochter vorzubereiten. Die Kauffrau überlegte, ob es besser wäre, wenn sie sich aufs Zimmer zurückzögen, aber verwarf den Gedanken. Solange das Kaminfeuer prasselte, war es der beste Ort. Seit der Unterhaltung mit Aerin war Phelinda moralisch gestärkt, aber ihr Körper rumorte wieder stärker. Der Tee hatte nur zeitweilig Linderung verschafft. Entsprechend froh war sie, bald einen Ölwickel zu bekommen. „Mama", flüsterte sie Salinda zu, „kannst du dich vielleicht zwischen die Menge stellen, wenn du den Wickel anlegst?" Anfangs verstand Salinda gar nicht, worum es Phelinda ging. Auch als es ihr dämmerte, fand sie den Wunsch unnötig. ‚Als ob nach gestern irgendwer über ihren Bauch herziehen würde.' Aber sie fügte sich. Ihre Tochter hatte sich verdient, mit ein paar Eigenarten durchs Leben zu ziehen. Entsprechend positionierte sich die Kauffrau so, dass niemand Phelinda sehen konnte, als sie deren Kleidung anhob, um den Wickel zu platzieren. Ein sanftes Lächeln auf dem Gesicht ihrer Tochter zeugte von Dankbarkeit.
Salinda setzte sich in die Nähe, dann fiel ihr aber ein, dass Phelinda ihren Tee ausgetrunken hatte. „Kann ich dir noch einen holen?" Kaum hatte ihre Tochter genickt, war die ältere Frau mit der Tontasse an der Bar. „Könnten wir noch einen Tee bekommen? Mädesüß, wenn ihr habt. Sonst etwas anderes beruhigendes. Kamille zum Beispiel." Der Wirt nickte und machte sich ans Werk. Als Salinda zurückkehrte, setzte sie sich erneut zu ihrer Tochter. Während die Ritterin trank, ließ Salinda den Blick durch den Raum schweifen. Sie überlegte, sich auch noch etwas zu trinken zu holen. An einem Tisch saßen die Ritter Firunhard und Filwald.
Auch Firunhard nahm sich vom Fischeintopf. Sogar reichlich, obwohl ihm die Gaben Firuns lieber waren als die Efferds. Aber der Einsatz auf dem Beiboot hatte ordentlich an den Kräften gezehrt und so würde er alles nehmen, was man ihm vor die Nase stellte. Er hätte gehofft, Luzia von Nadelgrat zu erblicken, konnte sie aber noch nicht erblicken. Zu gerne würde er noch mit ihr ein paar Worte über den gemeinsamen Einsatz wechseln. Er versuchte die Blase an seiner Hand zu ignorieren, warum musste er auch einen Handschuh während der Aktion verlieren. Glücklicherweise konnte er den Handschuh sofort wieder aus dem eiskalten Wasser fischen, aber mit der bloßen Hand an der Stange war eine Blase schnell zugezogen. Aber das war maximal eine Unannehmlichkeit für die nächsten Tage, die Frau von Twergenloch sah doch um einiges mehr mitgenommen aus, da aber schon die Auensteins ihre Hilfe angeboten hatten, unterließ er es vorerst sich hier einzumischen. So wanderte sein Blick durch die Gaststube. Lieber war es ihm normalerweise draußen in der Natur, aber zurückzukehren in eine warme Stube, das hatte auch immer etwas für sich. Nachdem er sich langsam aufgewärmt hatte, nahm er sich auch einen Humpen und prostete vor dem ersten Schluck dem Ritter Filwald zu, der ihm gegenüber Platz genommen hatte. “Wenige Tage unterwegs und es ist wahrscheinlich mehr passiert als in einem Mond auf meinem Gut Eisbühl.” „Ein Glas Wein bitte", richtete sie die Anfrage an den Wirt. Als sie ihr gewünschtes Getränk erhalten hatte, ging sie zu Firunhards und Filwalds Tisch. „Darf ich mich dazu gesellen?" “Es wäre mir eine Freude", antwortete Firunhard und deutete auf einen der freien Plätze. “Nach all den Strapazen der letzten Tage wurde es Zeit, dass wir uns wieder etwas erholen können. Wenn ich mich recht erinnere, hatten wir eigentlich bis jetzt noch nicht die Gelegenheit uns zu unterhalten. Ich habe nur mitbekommen, dass Ihr unter Deck gewesen seid wie die Conchabella Leck geschlagen hat. Eine Situation die ich mir gar nicht ausmalen möchte.” „Das war meine Tochter Phelinda. Ich war an Deck und habe den ein oder anderen Eimer über die Reling gekippt. Das war aber auch wirklich ein Unglück.“ Die Kauffrau nippte an ihrem Glas. „Ein Glück, dass so viele tapfere und tatkräftige Rittersleute zur Seite standen."
“Oh, verzeiht Euch verwechselt zu haben. Aber es ist mir auch eine Freude mit euch zu sprechen, denn ich hatte bis jetzt selten die Gelegenheit mit einer Kauffrau zu sprechen. Zu uns nach Eisbühl kommt meist nur ein Kiepenkerl. Wenn sich ein Händler doch mal zu uns verirrt, lässt sich meine Großmutter es nicht nehmen, mit ihm Verhandlungen zu führen. Ich bin ja schon froh, wenn ich mein erlegtes Wildbret und die dazugehörigen Felle und Pelze mittlerweile verkaufen darf.” Merkte Firunhard augenzwinkernd an. “In der Tat ist es großartig, dass so viele dem Ruf des Barons gefolgt sind. Ich glaube, jede helfende Hand an Bord hatte schon ordentlich zu tun.” fuhr er fort. “Obwohl mir schon manches ziemlich seltsam vorkommt.” Murmelte er dann noch vor sich selbst hin.
“Aber erzählt mir doch, womit handelt Ihr in Twergenloch?” fragte er vielleicht etwas naiv. Wenn er sich die gut gekleidete Kauffrau so ansah, kam sich Firunhard in seiner einfachen Lederkleidung ziemlich schäbig vor. “Und wenn ich so direkt sein darf, wie geht es eurer Tochter? Sie wirkte mir mehr mitgenommen als der Rest der Besatzung.” Salinda Twergenloch lauschte nickte mehrfach, als der Edelmann über sein Gut erzählte, von dem sie tatsächlich noch nie gehört hatte. „Eisbühl klingt nach einem Gut im Norden, richtig? Meine Phelinda hat den Gellerstock im Vairninger Wald zum Lehen. Ich sollte mich viel besser auskennen… aber ich schweife ab." Sie nippte an ihrem Wein und lächelte. Sie waren wirklich in einer guten Stube untergekommen. Auf die Frage nach den Geschäften in Twergenloch musste sie grinsen. „Pardon, erst meine Tochter wurde geadelt und der Zuname Twergenloch war ursprünglich halb Herkunftsbezeichnung, halb Spottname. Die ältesten Zweige meines Hauses haben ihren Ursprung nämlich in Twergenhausen, aber das ist lange, lange her. Jedenfalls hat die Großmutter meiner Großmutter die Kommenda Twergenloch gegründet, also eine Handelsgesellschaft. Sie hat als Kommendatarin die Unternehmung nach außen vertreten und die Reiserisiken auf sich genommen, musste dafür aber auch wesentlich geringere Einlagen einbringen. Unter der Ägide ihrer Tochter, die dann bereits Kommendantin war, ist die Kommenda Twergenloch dann erstmals in den Erz- und Eisenwarenhandel in Gratenfels eingestiegen. Und das mit großem Erfolg, bis heute ein wichtiges Standbein. Wir haben darüber gute Kontakte zu den Angroschim erhalten und vermitteln inzwischen auch umgekehrt unregelmäßig Güter wie Holz und Lebensmittel an die Bergfreiheiten und -königreiche. Meine Tochter ist sogar Angrosch-Akoluthin in Eisenhuett im Kosch geworden. Also Afra, nicht Phelinda natürlich. Sie ist sogar Teil des Tempelstifts, Cellaria, wenn ich es richtig verstanden habe."
Salinda hatte das Talent, erst sich in ihren langen Ausführungen und dann den roten Faden gänzlich zu verlieren; eine Eigenschaft, die auf Phelinda übergegangen war. Peinlich berührt fragte sie: „Was hattet ihr wissen wollen? Ahja, wie es Phelinda geht. Nun," sie dachte kurz nach. ‚Sie war so bemüht, die Sache diskret zu halten. Besser, ich ich bleibe bei dem Kurs. Sonst wird sie wieder nur sauer auf mich.' Daher führte Salinda ausweichend aus: „Ihre Säfte sind ein wenig aus dem Gleichgewicht geraten. Aber ich kenne mich mit Heilkunde nicht sonderlich aus. Sie scheint aber auf dem Weg der Besserung zu sein." Salinda ärgerte sich etwas, so aus der Form zu sein. Nicht, dass sie zuvor nie den Faden verloren hätte. Aber auf ihren Geschäftsreisen war ihr das doch meist geglückt. Seit sie aber das Tagesgeschäft weitestgehend abgegeben hatte und sich primär auf Gut Gellerstock aufhielt, hatten sich ihre Eigenheiten stärker ausgeprägt denn je. Vermutlich, weil es jetzt keine allzu großen negativen Konsequenzen hatte, sie auszuleben. Xanthrax traf etwas verspätet ein. Er wischte sich den Schnee von den Schultern seines Fellumhanges und strich sich über den Bart, um einzelne Eiskristalle daraus zu entfernen. Die Lokalität war deutlich mehr nach seinem Geschmack – dem Geruch des Essens nach und auch dem Bier folgend. So ein feiner Humpen war genau das, was er jetzt brauchte. Ohne große Umschweife bestellte er sich sogleich einen Humpen, nahm diesen entgegen und bat äußerst höflich um eine Brotzeitplatte. Nach Fisch war ihm nicht zumute. Gerade, wenn man ein solch deftiges Mahl zur Alternative hatte. Er bezahlte kurz angebunden und machte sich auf in Richtung der Menschen, mit denen er gereist war. Jedem schenkte er ein Nicken und ein freundliches Lächeln, sein Hauptinteresse schien jedoch Filwald zu gelten, zu welchem er sich auch sogleich gesellte.

„Sagt, habt Ihr noch Platz?“, wollte er wissen und wartete, ob es genehm war, sich zu ihm zu setzen. Nachdem sie einige Sekunden wartete, antwortete Salinda, obwohl sie selbst eben erst dazugestoßen war: „Herr Xanthrax, so setzt euch doch bitte." Mit dem Fuß schob sie einen Stuhl vom Tisch, und bedeutete dem Angroscho mit einer einladenden Geste, sich zu setzen. „Und falls Ihr noch etwas von diesem vorzüglichen Pfeifenkraut hättet, könnte ich meine eventuell noch einmal einmal damit stopfen?" „Zu freundlich.“ Xanthrax nahm das Angebot gerne an. Nachdem er Bier und Platte abgeladen hatte, griff er in eine seiner unzähligen Schürzentaschen und hielt Salinda ein kleines Beutelchen duftenden Pfeifenkrauts entgegen. „Eigentlich eine zünftige Idee“, pflichtete er ihr bei und würde, nachdem sie sich bedient hatte, sich selbst daran machen, ein Pfeifchen zu stopfen. „Wie geht es Euch denn, werte Dame?“ Er entzündete seine Pfeife und paffte ein wenig vor sich hin.
Bereitwillig griff sie zu dem starken Kraut und stopfte ihre hölzerne Pfeife. „Ach, mit allem, was in den letzten Tagen passiert ist… zudem geht es meiner Tochter gerade alles andere als gut." Sie blickte zu Phelinda herüber, die bei der Feuerstelle saß und sich erholte. „Ich habe schon die ein oder andere Reise erlebt. Aber…" Ihr fehlten die Worte, um weiter zu reden. Stattdessen entzündete sie die Pfeife und nahm den ersten Zug. „Wie ergeht es Euch denn mit den Vorkommnissen?" Xanthrax´ Blick wanderte zu Phelinda und er machte einen besorgten Gesichtsausdruck. Ruhe war die beste Lösung für eine rasche Genesung. Sofern man von Ruhe sprechen konnte auf dieser Reise. „Nun, das zu beantworten ist schwierig.“ Er dämpfte seinen Ton. „Wisst Ihr, ich bin, im Vergleich zu euch allen, zu alt und habe zu viel gesehen, als dass ich von bloßen Zufällen ausgehen könnte. Ich weigere mich, an die Unfähigkeit oder Schlamperei der Mannschaft zu glauben. So viel Pech kann einfach niemand haben, auch nicht wir.“ Der Ambosszwerg zog an seiner Pfeife. „Nein, da steckt mehr dahinter, aber ich komme nicht darauf was und vor allem warum?“ Er strich sich nachdenklich durch den Bart. „Eine zufriedenstellende Antwort kann ich Euch also nicht geben, werte Salinda.“ „Davon gehe ich bei jedem Angroscho aus," sagte Salinda mit einem Lächeln, „dem ich außerhalb seiner heimatlichen Stollen begegne. Angrosch sei Dank, dass unser beider Völker Wege der Verständigung gefunden haben." Sie nahm einen tiefen Zug und schob den Pfeifenrauch ringförmig aus dem Mund, ein Trick, den sie von einer Brumborna in Steinbrücken gelernt hatte. Persönlich konnte sie mehr mit den Angroschim aus den Gebirgen anfangen, aber Barina Kupperholdt war eine freudige Ausnahme, die ihren Vettern und Basen im Efferd sehr ähnlich war. ‚Ohne die Angroschim will ich mir gar nicht ausmalen, wo das Reich heute stünde. Von den Nordmarken ganz zu schweigen.' Die Kauffrau trank einen Schluck Wein, seufzte und antwortete auf die Ausführungen ihres Tischnachbarn: „Nun, in meiner Erfahrung mit Menschen lässt sich das Tun und Handeln meist auf zwei Beweggründe zurückführen: Macht und Gold. Es wäre vielleicht ratsam, bei nächster Gelegenheit in versammelter Runde zu überlegen, wer profitiert, wenn die Concabella nicht, nicht rechtzeitig oder nur stark beschädigt ankommt."

Die warme Stube, das ungewohnt starke Bier.. Kaum dass die unmittelbare Bedrohung vorbei war und Filwald sich etwas entspannen konnte schweiften seien Gedanken zurück nach Lichtenfelde. Was war nur in den zwei Tagen mit seiner Familie geschehen? Wieso hatten sie zwei ganze Tage verloren? Konnte das mit dem weiteren Sternenfall zu tun haben, der just am Vorabend seiner geplanten Abreise seine Pläne ruiniere? Oder steckten die Andergaster Verwandten seiner Frau dahinter? Mal wieder? Bei Praios, das war soviel Elfen- und Hexenblut in ihrer Blutlinie, es grenzte an ein Wunder, dass sie vernünftig geblieben war! Nur undeutlich wurde er sich bewusst, dass um ihn herum Leute redeten. Mühsam tauchte er aus seinen düsteren Gedanken auf und versuchte, den Gesprächen zu folgen. Der Ritter der bei Firunhard platz genommen hatte, war sehr in seinen Gedanken versunken. Etwas, das bei dem Herrn von Landwacht öfter vorkam, wenn Firunhard so darüber nachdachte. Etwas dürfte seine Gedanken immer in die Ferne schweifen lassen. Zwar dachte er auch selbst gerne über Eisbichel nach, vor allem wie es seiner Schwester zu hause erging. Aber normalerweise ist um diese Jahreszeit in dem abgelegenen Ort nicht viel mehr zu tun, als die Vorbereitungen auf den Frühling abzuschließen. Oder mit Onkel Durandus auf die Jagd zu gehen, aber das war eigentlich seine Aufgabe. Das Bild, das seine Schwester abgeben würde, wenn sie schlecht gelaunt hinter ihrem Onkel durch den tiefen Schnee stapfen müsste, rief doch ein kleines Lächeln in sein Gesicht. So bemerkte er, dass er selbst dem Gespräch, das sich zwischen der Kauffrau vom Twergenloch und Xanthrax entwickelte, auch noch kaum mehr folgte. Wie konnte er nur den Ritter fragen, ob ihn etwas beschäftigte, oder gar bedrückte, ohne dabei ungebührlich zu sein? “Sagt Ritter Filwald, schweifen eure Gedanken in letzter Zeit auch immer wieder nach Hause und zur Familie?” versuchte Firunhard das Gespräch zu beginnen.

Anniella war mit allen anderen nach den arbeitsreichen und aufregenden Stunden an Bord der Concabella in das Wirtshaus gestiefelt. Die Wärme der Gaststube genossen sie alle gleichermaßen und ab und an legte Anniella ein Stück Holz nach, wenn das Feuer ein weiteres Scheit in Licht, Wärme und Asche verwandelt hatte. Auch sie hatte sich für die Fischsuppe entschieden, dazu einen Schluck heißen Gewürzwein. Nachdem sie die Überlegungen von der Kauffrau Salinda gehört hatte, dachte sie an die Umstände, die dazu geführt hatten, dass das Schiff Wassereinbruch hatte. Der Matrose hatte immer wieder gesagt, dass man im Winter nicht aufs Wasser ging und man eigentlich in dieser Zeit nicht fahren sollte. „Die Eisschollen auf dem Wasser und dichter Nebel und Schneefall waren kein Werk einer Sabotage oder eines „Anschlags“ auf das Schiff, das war ein normales Naturphänomen des Winters! Wen wollt ihr beschuldigen? Firun? Ifirn?“ richtete sie das Wort an die Tischnachbarin, deren Worte sie gehört hatte. „Das mag natürlich sein und Ihr schmeichelt meinem Volk sehr, werte Salinda, aber ihr Menschen habt euch bisher als äußerst kompetent und vor allem stur bewiesen, was eure Ländereien und die Verteidigung dieser betrifft. Manche von euch machen uns Angroschim Konkurrenz, was Mut und Willen angeht.“ Xanthrax lauschte ihren Worten aufmerksam und genoss sein Pfeifchen. An ihren Worten war etwas dran. Nur bisher konnte er dem Ganzen nicht so recht einen Sinn abringen. Kleine, aber ausgeprägte Sabotageakte stellten das probateste Mittel dar, sie verspätet eintreffen zu lassen. Es gab zu viele Variablen: Wer war das Hauptziel? Warum? Was hatten der oder die vermeintlichen Auftraggeber davon? „Wisst Ihr“, setzte er an, nahm die Pfeife aus dem Mund, um einen Schluck Bier zu genießen, ehe er wieder mit dem Rauchen fortfuhr, „politische Ränkeschmiede sind nicht meine Stärke. Und mit Unterstellungen sollten wir uns alle zurückhalten. Das wäre gegenüber der Mannschaft ungerecht. Der Idee selbst, kann ich aber etwas abgewinnen. Natürlich ohne Beschuldigungen.“ Auf Anniellas Worte erwiderte er fürs Erste nichts. Sie hatte dezidiert Salinda angesprochen und nicht ihn und so, wie er seine Gesprächspartnerin einschätzte, war sie nicht auf den Mund gefallen. Ihre Gedanken würde sie zweifelsohne mit fundierten Argumenten untermauern können. Salindas Augen funkelten in Richtung der Edelfrau. ‚Was bildet die sich ein?', schoss es ihr durch den Kopf. Sie hatte sich mit Xanthrax unterhalten und in eine fremde Unterhaltung mit einer Anschuldigung einzusteigen, entbehrte der höfischen Umgangsformen, die sie gewohnt war. Noch bevor sie etwas erwiderte, gelang es ihr jedoch, ihre gewohnte Beherrschung zurückzugewinnen. Ruhig entgegenete sie: „Mir ging es nicht um die Wetterphänomene oder die Besatzung. Aber die Leute in Faroldsheim wurden eingeschüchtert, uns nicht zu helfen. Das waren weder Firun noch Ifirn!" Für Salinda war die Sache damit geklärt. Sie hatte kein Gespräch mit der Adligen anfangen wollen und hoffte, dass dieser die Antwort genügte. Über Xanthrax Worte dagegen dachte sie noch eine Weile nach. ‚Mut und Willen, hmm. Zahl und Verbreitung, noch viel stärker.' Sie lächelte wohlwollend in Richtung des Angroscho. Sie verspürte größte Hochachtung gegenüber seinem Volk. Aber viel fiel ihr nicht ein, das sie auf sein Lob erwidern konnte, weshalb sie es bei einem „Habt Dank" beließ.
„Für die Wahrheit muss man nicht danken“, erwiderte Xanthrax so breit lächelnd, dass die Lippen beinahe die Augen zu erreichen schienen. „Ich habe an der Seite vieler Menschen gefochten und einige lieb und teuer gewonnen. Hätte Euch Väterchen Angrosch nur ein wenig länger auf Dere geschenkt, ihr könntet noch viel außergewöhnlichere Dinge vollbringen.“

Auxilia schaute aus den Augenwinkeln zu den gröllenden Matrosen hinüber: „Das brauchen sie ab und zu, sonst wird man bestimmt verrückt. Auf dem Schiff ist man ja immer in Bereitschaft. So können sie mal alles rauslassen.“ Auxilia hatte ihr Suppe geleert. Sie ließ immer etwas Brot übrig um die Reste in der Schale sauber aufzuwischen und nichts zu vergeuden. Das Brot war innen weich und außen knusprig. Diese letzten Bissen genoss sie besonders. Einen tiefen Schluck aus dem geminzten Wasser rundete ihren Genuss ab. „Ihr habt recht“, sagte sie schließlich nach Auxilias Bemerkung über die Matrosen. „Sie tragen schwer. Und wenn man das nicht manchmal loslässt… dann zerdrückt es einen irgendwann.“ Ihr Blick glitt kurz zu dem Tisch, an dem der Streit sich zusammenbraute. Sie runzelte leicht die Stirn, aber mischte sich nicht ein. Als Auxilia mit Brot und Wasser den letzten Rest der Mahlzeit genoss, ließ Aerin ihren Löffel ruhen und sah ins flackernde Feuer. Ihre Stimme war leise, aber deutlich: „Ich finde, wir hatten Glück. Dass es nicht schlimmer kam mit dem Wasser. Und… dass wir solche Leute bei uns haben.“ Sie meinte nicht nur Phelinda – sie meinte viele von denen, die unter Deck geholfen hatten. Doch ihr Blick blieb für einen Herzschlag auf Auxilia ruhen, voller Anerkennung. Die Kapitänin saß auch weiterhin am Feuer auf einer Bank und nippte kontinuierlich an einem warmen Würzwein. Wortlos, aber sehr aufmerksam beobachtete sie ihre Mannschaft, die da in etwas Entfernung am Tisch versammelt ihren Landgang feierten. Auch wenn es aussah, als kümmerte sich die Kapitänin nicht um die lauter werdende Meute, war sie sich doch des langsam ausufernden Gehabes bewusst. Immer wieder guckten die verengten Augen zu den Matrosen herüber, die da Karten spielten, lebhaft schwätzten, sich anfrotzelten und ihren Lohn mit einem Bier nach dem anderen verprassten. Die beiden Schankleute, das junge Mädchen und der ebenso junge Bursche, waren bald hauptsächlich damit beschäftigt, den Verlangen nach Bierhumpen am Matrosentisch zu sättigen, was wiederum andere der noch verbliebenen Händler hier ärgerte und in ihre Zimmer verscheuchte.
Arbarhild Salmfang seufzte, als ihr Becher leer war. Einfach stellte sie ihn neben sich auf die Bank und raunte Phelinda in der Nähe kurz zu: „Hoffentlich eskaliert das da drüber nicht. Ich werde den Rabauken mal eine Schlafmöglichkeit besorgen.“
Daraufhin stand sie auf und wackelte zum Wirt herüber, um mit ihm Übernachtungsmöglichkeiten zu besprechen. Das Gespräch dauerte nicht lange und man konnte sehen, wie die Kapitänin ein kleines Säcklein mit Münzen überantwortete. Der Wirt machte nochmal eine deutende Geste und danach schlenderte die Kapitänin der Concabella zum Matrosentisch herüber.
Gerade rechtzeitig, denn der Maat Rahjaman und der Matrose Ratberp fingen gerade an sich lauter anzuschreien und Rhajaman knallte ein paar mal die Faust vor Wut auf den Tisch. Ohrenscheinlich ging es um eine Frau, die beide Männer kannten und bei der sie sich uneinig waren, wen die Dame wohl eher begünstigen würde. Die umsitzenden Mannschaftsmitglieder fanden das sehr amüsant und stachelten das Streitgespräch mit unqualifizierten Kommentaren an. Als sich Ratberp zornig erhob, um auszuholen und Rahjaman einen Faustschwinger zu verpassen, schnellte die Hand der Kapitänin dazwischen und hielt Ratberps Faust mit eisernen Griff fest. „Genug gezecht für heute!“ war der Salmfang ihr befehlsgewohntes Organ zu hören und es wurde schlagartig still am Matrosentisch. „Ich habe euch eine Bettstatt im Matratzenlager besorgt. Treppe hoch bis es nicht mehr weiter geht, dann die hinterste Tür.“ Mit herrischem Blick schaute sie die Matrosen an. „Morgen geht die Fahrt früh weiter, also ab in die Kojen alle Mann!“ Und Rahjaman und Ratberp sah sie besonders streng an: „Und ihr zwei spart euch lieber die Kraft, um morgen fähig fürs Auslaufen zu sein. Ich brauche keine weiteren malträtierten Mannen.“ Nach der Ansage der Kapitänin begannen die Stühle und Bänke über den Boden zu rutschen, als sich die Besatzungsmitglieder dem Befehl der Kommandantin beugten. Während sich die Matrosen zurück zogen, betrachtete Arbarhild die Passagiere und auch in deren Richtung raunte sie düster: „Für die hohen Herrschaften empfehle ich das selbe. Macht die Nacht nicht zum Tag und nutzt jede Minute Schlaf. Es geht morgen früh zeitig weiter. Wer nicht rechtzeitig am Schiff ist, bleibt hier.“ Sie lupfte kurz an ihrer Jacke herum und wandte sich dann zum gehen mit den Worten: „Ich empfehle mich.“

Aerin zuckte fast erschrocken zusammen, als plötzlich die Kapitänin sich zwischen die beiden Matrosen warf. Aerin sah sich halb um, aber der Moment war schnell vorbei – Salmfang hatte die Lage im Griff. Beeindruckend, wie immer. Der Tonfall ließ keinen Widerspruch zu. Als Arbarhild auch die Passagiere ins Visier nahm und ihre dunkle Mahnung aussprach, schmunzelte Aerin unwillkürlich. Sie ließ den Löffel sinken und sah wieder zu Auxilia. „Da ist sie wieder, unsere Kapitänin“, murmelte sie. „Ich schätze, das war das Zeichen, dass man besser keinen zweiten Krug bestellt.“ Sie nahm den letzten Bissen Brot auf, wischte die Suppe sauber aus der Schale und seufzte leise. Zufrieden, aber auch erschöpft. Dann wandte sie sich wieder Auxilia zu, einen sanften, aber festen Ausdruck im Gesicht: „Schön, dass wir mal ein paar ruhige Minuten hatten. Ich glaube… das tut uns allen gut.“ Auxilia lächelte: „Wir haben wirklich Glück mit unserer Kapitänin! So muss das sein. Und ruhige Momente tun allen gut. Eine kurze Verschnaufpause… wer weiß, was uns noch auf dieser Reise begegnet.“ Auf die Worte der Kapitänin konnte Phelinda nur gähnen und murmelte zur Antwort: „Das klingt grundsätzlich nach einem guten Plan." Sie erhob sich aus der gepolsterten Sitzgelegenheit, auf der sie die Zeit im Schankraum verbracht hatte. Das Feuer im Kamin war ohnehin heruntergebrannt. Die Glut wärmte nach wie vor, aber sie wollte den Schankraum hinter sich lassen, bevor sie ihr Quartier bezog. Sie schlurfte zur Theke, noch immer missmutig und von Schmerzen geplagt. An den Gastwirt gewandt fragte sie: „Gibt es einen Raum, der über Nacht besonders warm bleibt?" ‚Und überhaupt, schlafen wir in Gemeinschaftsräumen oder gibt es Einzel- und Doppelzimmer?' Sie blickte zu ihrer Mutter herüber, die an einem der Tische bei einem Teil ihrer Gefährten und Gefährtinnen saß. Salinda wirkte entspannt eingebunden. ‚Wenn es Doppelzimmer gibt, können wir uns ruhig eins teilen. Mama kann später nachkommen.' Sie gähnte den Mann hinter der Theke an und schob ein „Verzeihung!" hinterher. „Das wärmste Zimmer wird wohl schon das Gemeinschaftslager sein. Allerdings wohl auch das Lauteste.“ entgegnete der tiefe Bariton des Wirtes, gefolgt von einem Schmunzeln, als er so angegähnt wurde. „Ansonsten haben wir aber noch einige Doppel- und Dreibettzimmer übrig. Nur die Einzelzimmer sind leider schon alle belegt.“ Er wischte mit einem Tuch über seine Theke und blickte abwartend. „Dann würde ich mit meiner Mutter eines der Doppelzimmer belegen." Mit der rechten Hand strich sie sich einige der Strähnen aus dem Gesicht, die sich aus ihrer Frisur gelöst hatten. Phelinda unterdrückte mit Mühe ein weiteres Gähnen. „Könnte ich den Schlüssel bekommen? Und ein Glas warme Milch mit Honig, sofern möglich, wäre herzallerliebst." Der Wirt hatte keine Einwände und nickte der jungen Dame nur zu. Dann holte er unter der Theke ein Kistchen mit einem Sammelsurium an Schlüsseln hervor, kramte darin etwas herum und übergab Phelinda eins der Exemplare, an dessen ringförmigen Kopf ein Lederstück mit einer eingebrannten Nummer zu erkennen war. „Erdgeschoss, den Flur ganz durch, die vorletzte Tür links.“ sagte er, als er das Kistchen wieder unter die Theke räumte und Phelinda den Schlüssel mit der anderen Hand zuschob. „Milch mit Honig kommt sofort.“ Dann drehte er sich um, um die Bestellung zu bearbeiten. Nachdem der Wirt ihr den Schlüssel übergeben hatte, wandte sich Phelinda kurz an ihre Mutter und sagte, dass sie bereits aufs Zimmer gehen würde. Sie nannte ihr die Raumnummer und wandte sich wieder zum Tresen. Dort stand ihre Milch mit Honig inzwischen bereit, die sie dem Gastwirt dankbar aus der Hand nahm. Sie verabschiedete sich, indem sie der verbliebenen Gruppe zunickte. Nun, da ihre Tochter zu Bett gegangen war, fühlte sich Salinda Twergenloch um einiges freier in ihrem Handeln. Sie musste nicht länger mit einem Auge über Phelindas Wohlergehen wachen und fragte in die kleine Runde, die verblieben war: „Ja, es ist spät, aber wie wäre es mit einem kleinen Runde Würfeln?" Zusammen mit der Frage hatte sie einen Würfelbecher aus einer Tasche gekramt und die Spiellust ließ ihre Augen glitzern. „Ist irgendwer dabei?"
„Würfelspiele waren nie meins, aber wer bin ich, dem zu widersprechen?“ Xanthrax hob den Bierkrug an. „Was schwebt Euch denn vor? 21 Kreuzer, Größte Heuer, Hai und Hering oder Paschok? Nur nicht Hyggeliks Beute – das hängt mir zum Hals heraus.“
Ein wenig Abwechslung konnte nicht schaden und ein Zimmer würde nachher auch noch frei sein. In Windeseile überlegte Salinda, welches Spiel ihr am ehesten geneigt war. 21 Kreuzer war ein reines Glücksspiel, so wie sie es kannte. Größte Heuer hatte sie erst ein oder zwei Mal gespielt und immer verloren. Die Wahl blieb zwischen Paschok und und Hai und Hering. Sie überlegte: ‚Außer Xanthras hat bisher niemand zugesagt… Paschok funktioniert am besten mit mehreren Mitspielenden und viel Täuschung.‘ Sie nippte kurz am Wein. ‚Und einen Angroscho täuschen, ist beinahe unmöglich.‘ Dann verkündete sie: „Hai und Hering!" Bei diesem Spiel waren Strategie, Stochastik und Risiko-Bewertung gefragt, alles Fähigkeiten, die ihr als Kauffrau lagen. Aufgrund ihrer beruflichen Vergangenheit unterhielt Salinda eine kontinuierliche spirituelle Beziehung mit Phex, die in vielerlei Hinsicht einem Rahmenvertrag glich. Für seinen Beistand ließ die Kauffrau seiner Kirche regelmäßig Spenden und Opfergaben in Form von Münzen zukommen. Außergewöhnliches Glück unterlag, je nach Bereich, in denen es auftrat, besonderen Auflagen. Und bei Schlechtleistung oder Zahlungsverzug gab es klar vereinbarte Konventionalstrafen.

Kurzum, Salinda fühlte sich mehr als bereit für ein schönes Glücksspiel und wähnte den Gott von Glück, Einsatz und Handel hinter sich. Sie fuhr mit der Zunge ihre obere Zahnreihe entlang. Sie war gespannt. Phelinda hatte ihr gesagt, dass der Angroscho des geschickten Kartenspiels mächtig war. Sie würde sehen, wie es um seine Fähigkeiten mit den Würfeln stand. Xanthrax schmunzelte unverhohlen. Hai und Hering, schlicht, einfach und dabei von Glück abhängig. Ein guter Bluffer konnte viel wettmachen, aber eben nicht alles. Und er hatte das Gefühl, in seinem Gegenüber jemanden zu haben, der dieses Spiel wahrscheinlich nicht erst zum fünften Mal spielte. Doch er ebenso wenig. „Nun denn, Hai und Hering, so soll es sein.“ Xanthrax bedeutete dem Knaben kurz angebunden, er möge doch zum Tisch kommen. „Mein guter Junge, seid so nett und bringt uns ein paar saubere Becher und Würfel, wenn denn vorhanden.“ Er kramte in einer seiner Schürzentaschen herum und förderte einen Heller zutage, den er dem Schankjungen in die Hand drückte. „Ich bin normalerweise ein Freund des Kartenspiels, müsst Ihr wissen“, erklärte er Salinda, während der Junge zur Theke zurückkehrte und nach den gewünschten Utensilien fürs Würfelspiel suchte. „Und obwohl ich Würfelspiele nicht sonderlich mag, so ist das Zinken der Würfel ebenso einfach wie der Karten, wenn man geübt ist. Das hat schon einige Male zu einer zünftigen Tavernenschlägerei geführt.“ Er kicherte bei dem Gedanken daran. „Davon gehen wir hier aber nicht aus, gerade bei uns beiden.“ Er zwinkerte Salinda verschwörerisch freundlich zu. Betrügen war nie sein Ding gewesen und so schätzte er seine Mitspielerin ebenso ein. Das bedeutete aber nicht, dass er sie nicht als „mit allen Wassern gewaschen“ betrachtete.
Der Junge kam mit mehreren Bechern zurück, in denen es bereits leise klackerte, bedankte sich für den Heller und machte sich dann wieder an die Arbeit. Xanthrax griff in seine Schmiedeschürze und kramte zwei abgegriffene Würfel hervor, schlicht, rudimentär, aus Holz gefertigt. Klassische Spielwürfel. „Verzeiht, aber ich werde meine eigenen beiden verwenden, wenn gestattet.“ Damit nahm er auch schon die Würfel aus den Bechern, suchte sich fünf zusammen und warf sie offen auf den Tisch, den Hering.
Folgende Zahlen waren zu erkennen: fünf (5), vier (4), sechs (6) , fünf (5), und fünf (5).
„Ich weiß, normalerweise wird zuerst der Hai ausgewürfelt, aber seht es mir nach. Für die erste Runde würde ich es so zählen lassen.“ Xanthrax bewegte die Pfeife im Mundwinkel von rechts nach links und würfelte mit seinen beiden Würfeln in einem der Trinkbecher. Vorsichtig hob er den Rand an: eine Zwei (2) und eine Drei (3). Damit war kein Blumentopf zu gewinnen, doch das wusste Salinda nicht. Ebenso wenig wie er ihr Ergebnis kannte. „Obergrenze ein Silbertaler?“ Er sah zu Salinda hinüber, sie mit einem prüfenden Blick musternd. Seiner Wenigkeit war die „Schlappe“ nicht anzuerkennen. Das wetterzerfurchte und vernarbte Gesicht, umrahmt von den schlohweißen Haaren und die grünen Augen blinzelten nicht einmal verräterisch. Nur wer ein äußerst guter Menschen- oder besser gesagt Zwergenkenner war, konnte das Zucken des rechten Mundwinkels erkennen und das flüchtige Beben der Nasenflügel, wie auch das leise Zittern der schwarzen, rechten Braue. Mit einem Grinsen hatte Salinda die beiden Hornwürfel gezeigt, die sie selbst nutzen würde. „Nichts läge mir ferner als jemandem die eigenen Würfel zu verwehren.", hatte sie Xanthrax geantwortet. Auch auf die vorgeschlagene Obergrenze hatte Salinda nur genickt. ‚Ein Silbertaler ist eine sinnvolle Grenze. Zumindest fürs Erste‘, war ihr Gedanke gewesen. Zeitgleich mit Xanthrax schüttelte sie den Tonbecher. Während sie darunter auf ihr Ergebnis lugte, behielt sie den Angroscho am äußersten Rand ihres Blickfelds. Sie bemerkte, dass sein rechter Mundwinkel zuckte. ‚Bleibt nur die Frage,' fragte die erfahrene Spielerin, ‚ob das ein gutes oder schlechtes Zeichen ist.' Gleichzeitig besah sie ihr Ergebnis: eine Sechs (6) und eine Vier (4). Salinda kniff die Augen zusammen und schürzte die Lippen. Vor langer Zeit schon hatte sie die Tricks und Kniffe im Glücksspiel von ihrer Mutter gelernt. Es war oftmals einfacher, die intuitiven Gesten und Mimik durch eine ungewöhnliche Reaktion zu ersetzen, statt sie komplett zu unterdrücken. Jedenfalls förderte sie zwei Heller zu Tage und legte sie als Einsatz in die Tischmitte. „Eine weise Entscheidung.“ Er pflichtete ihr bei, was die Obergrenze angeht. Ein Zusammenkneifen der Augen war oft ein Zeichen der Unsicherheit oder ein ausgesuchter Bluff. Salinda war schwer einzuschätzen. Und sie hatte Erfahrung. Davon ging er aus.
Zwei Heller. Ein passabler Preis. Nicht zu viel, als dass sie zu hoch gegriffen hätte, aber auch nicht so wenig, als dass man von einer Niete ausgehen würde. Natürlich konnte das alles bedeuten. Vorsichtig oder im Versuch, ihn in eine Falle zu locken. Er bewegte die Pfeife wieder zum anderen Mundwinkel hin. Gewieft. Er erhöhte auf fünf Heller. Mehr als Salindas bisheriger Einsatz, genau in der Mitte zur Grenze hin. Hai und Hering war nicht nur ein Glücksspiel, es hatte auch etwas mit Taktik zu tun, mit Auftreten und auch Schauspiel. Auf Anniellas Worte hin hob er kurz leicht kritisch die rechte Braue. Er wünschte ebenfalls eine geruhsame Nacht, die Pfeife vor sich hin paffend. Der Angroscho wusste nicht so recht, wohin er sie zuordnen sollte. Besorgt um das Wohlergehen der Mannschaft und das Kollektiv, pflichtbewusst, vielleicht ein wenig auf die Obrigkeit verhaftet – oder auch nicht. Wer war er schon, das zu beurteilen? Damit wandte er sich wieder dem Spiel zu, keine Miene verziehend.

Auxilia hörte das Gespräch mit dem Wirt und nickte. Sie beschloss das Gemeinschaftszimmer zu nehmen, dies würde schon genügen und warm sein. Sie trank noch den letzten Schluck von dem geminzten Wasser und holte sich auch noch eine Milch mit Honig. Es klang zu verführerisch als Nachtisch. Anniella war überhaupt nicht nach Glücksspiel, und sie vermeldete: „Die Kapitänin war eindeutig in ihrer Ansage. Es wäre besser, hier nicht mehr allzu lange zu verweilen, sondern sich auszuruhen und schlafen zu gehen. Wir haben einen Sieg errungen, aber die Schlacht ist noch nicht geschlagen.“ Anniella hatte nicht vor, noch zu bleiben, erhob sich und verabschiedete sich: „Eine geruhsame Nacht, macht nicht mehr so lange!“ Sie verzog sich ebenfalls in den Gemeinschaftsraum.
Es war bereits zu spät fortgeschrittener Stunde, als sich die Tür zum Gasthof noch einmal öffnete und den winterlichen Atem der Tsanacht in die warme Stube einließ. Schnell zog Luzia die Tür wieder hinter sich zu, bevor sie sich kurz umblickte und nach einem Nicken zu den wenigen noch im Hauptraum verbliebenen Standesgenossen zunächst einmal den Weg zum Tresen suchte. Dort angekommen suchte sie ein kurzes Gespräch mit dem Wirt. „Gehe ich richtig in der Annahme, dass die Kapitänin Salmfang sich bereits für die Nacht zurückgezogen hat? Wäre es möglich, ihr noch eine Notiz zukommen zu lassen? Im Fall, dass sie noch wach wäre. Oh, und bevor- habt ihr einen Becher warme Milch? Nein, nur gegen die Kälte und strapazierte Nerven. Habt Dank.“ Die Junkerin nickte dem Wirt dankend zu und einige Münzen wechselten den Besitzer, bevor sie sich mit einem Becher in der Hand am Tisch mit dem Rest der verbliebenen Gesellschaft niederließ. „Guten Abend die Herrschaften.“ Sie nickte in die Runde, konnte aber nur ein leichtes Lächeln zustande bringen. Tatsächlich wirkte von Nadelgrat deutlich mitgenommener als der Rest der Gesellschaft sie kannte, ihr Gesicht war trotz der Wärme etwas blass und unter den Augen zeichneten sich bereits leichte Schatten ab.
Weil sie ein erneutes wütendes Funkeln aufkommen spürte, schloss Salinda für einen Moment die Augen. So sehr sie sich bemühte, Anniella von Firnholz gute Intentionen unterstellen zu wollen, empfand sie ihr Verhalten doch als bevormundend und überheblich. Salinda war eine erwachsene Frau, trotz ihres bürgerlichen Standes frei und in der Lage selbst zu entscheiden, wann sie zu Bett gehen würde. „Sieben Heller, mein Guter", erwiderte sie in Xanthrax‘ Richtung. Das Spiel versöhnte sie wieder mit ihrer aktuellen Situation. Ein kalter Luftzug von der Tür ließ sie kurz aufschauen. ‚Wer kommt zu so später Stunde noch hierher?‘ Doch sie wollte sich nicht ablenken lassen und ihre Augen wanderten zurück zum Spiel. Als dann die junge Junkerin mit der gespaltenen Lippe – ‚Luzia von Nadelgrat', rief sich Salinda ins Gedächtnis – zu ihnen stieß, war ihr bereits wieder zum Lächeln zumute. Sie antwortete dem Neuzugang zur Tischgesellschaft: „Euch auch einen guten Abend, Euer Wohlgeboren."
Erst als sie sie begrüßte, fiel Salinda auf, dass die Dame sehr mitgenommen wirkte. Die Art, wie sie die warme Milch umklammerte, und ihre Kleidung zeugten davon, wie kalt sie sich fühlen musste. Salinda, die jetzt schon einige Stunden im Inneren verbracht hatte, schlussfolgerte, dass Luzia von Nadelgrat die Gästin gewesen sein musste, die vor kurzem den Gasthof betreten hatte. „Darf ich fragen," sie zögerte einen Moment – ‚Ob ich das wirklich fragen kann?' –aber die Neugierde überwog und sie fragte: „was Euer Wohlgeboren bewogen hat, dieses Sauwetter draußen zu verbringen?" Salinda war unsicher, ob es die Reise, das Wetter oder beides war, was Luzia so mitgenommen hatte. Aber sie war genuin besorgt um die junge Frau. „Ich war- Anforderung von Ersatzmaterial für unser Schiff von den lokalen Behörden. Man sollte annehmen in herzöglicher Mission sei das einfacher, aber hier wird im jede Planke gefochten als gäbe es in den gesamten Ratslanden keine Bäume mehr.“ Luzia unterdrückte ein Gähnen. „Entschuldigt mich, ich glaube ein Bett ruft meinen Namen. Ich wünsche noch viel Glück.“ Und mit einem Nicken zum Würfelspiel und einem zweiten in die Runde zog sich die Junkerin zum Schlafen zurück.
Sieben Heller. Entweder war Salinda eine äußerst geschickte Täuscherin oder tatsächlich in Besitz eines außergewöhnlichen Würfels. Natürlich war der Betrag nicht so hoch, als dass er massiv wehgetan hätte, und es reizte ihn auch, das Spiel noch weiterzutreiben, doch es ging um den Spaß und auch um Anerkennung. Xanthrax zumindest. Er legte die rechte Hand auf seinen Becher, überlegte ein wenig hin und her, um am Ende den Kopf zu schütteln. „Werte Salinda, Ihr habt Euch den Einsatz redlich verdient.“ Ein guter Krieger wusste, wann er seine Waffen zu strecken hatte. „Guten Abend“, nickte er in Richtung von Luzia. Ah ja, da war etwas, er erkannte die Frau. Doch wollte er sich nicht in das Gespräch zwischen Salinda und ihr einmischen. Gespannt sah er bei dem Würfelspiel zu, Firunhards Großmutter sah ja sowas gar nicht gerne. Geld musste ehrlich verdient sein, nicht mit phexischen Mitteln. Sie hatte es in Eisbichel sogar verboten, dass um Geld gespielt wurde. Firunhard hatte aber schon bemerkt. dass sich aber so mancher der Leute dann einfach heimlich wo getroffen hatte. Er überlegte kurz, ob er sich auch beteiligen sollte, ließ es aber dann bleiben. Da er doch ziemlich erschöpft war, war es ihm doch lieber, sich zurückzuziehen. So verabschiedete er sich von seinen Mitreisenden und legte sich ins Gemeinschaftslager. Aerin hatte die Suppe genossen – nicht wegen ihres Geschmacks, sondern wegen der Ruhe, die in dieser kurzen Mahlzeit gelegen hatte. Das Gespräch mit Auxilia, das warme Licht des Kamins, der friedliche Moment zwischen all den Anstrengungen – all das hatte für einen Augenblick den Eindruck vermittelt, als wäre das Schlimmste überstanden. Kurz darauf verabschiedete sich Anniella. Ihre Stimme, sachlich und bestimmend wie so oft, schnitt klar durch das Stimmengewirr. Aerin blickte auf, als die Adlige aufstand. „Wir haben einen Sieg errungen, aber die Schlacht ist noch nicht geschlagen.“ Aerin senkte leicht den Blick. In Anniellas Worten schwang Wahrheit. Sie nickte der Ritterin höflich zum Abschied zu, sagte aber nichts. Als auch Firunhard sich verabschiedete, folgte Aerin seinem Weg mit den Augen. Der junge Mann wirkte erschöpft, aber aufrecht. Mit einem warmen, fast dankbaren Lächeln nickte sie ihm zum Abschied zu. „Er weiß, was Pflicht bedeutet.“

Gerade wollte Aerin sich erheben, als sich aus dem Hintergrund eine vertraute Stimme näherte – ruhig, unaufgeregt, aber mit dem feinen Klang von Autorität. „Kommt, Aerin“, sagte Erlberga mit einem schlichten, freundlichen Blick, „wir sollten uns Anniellas Rat zu Herzen nehmen und nun schlafen gehen.“ Sie blieb vor ihr stehen, ohne zu drängen, und fügte in beinahe verschwörerischem Tonfall hinzu: „Man kann nicht die ganze Welt retten, wenn man sich selbst vergisst. Heute haben wir genug getan.“
Aerin öffnete den Mund, um etwas zu erwidern – vielleicht ein Einwand, vielleicht nur eine Floskel –, aber dann ließ sie ihn wieder schließen. Stattdessen nickte sie langsam. „Du hast recht“, sagte sie schließlich leise. Sie legte die Hand an die Rückenlehne ihres Stuhls, blickte noch einmal zur kleinen Runde – zu Auxilia, Salinda, Luzia und Xanthrax – und sagte mit ruhiger Stimme: „Wir verabschieden uns für die Nacht. Ich hoffe, Ihr findet noch etwas Ruhe – wir werden sie brauchen.“
Dann ging sie mit Erlberga an ihrer Seite aus der Stube.
Filwald schüttelte energisch den Kopf, um endlich die schwermütigen Gedanken zup verscheuchen, die in gefangen hielten. Bei Praios, das war doch sonst nicht seine Art! Es war Zeit, sich wieder in den Griff zu bekommen. Die Probleme zuhause in Lichtenfelde werden mit Sicherheit noch da sein, wenn er zurück kommt! Etwas träge sah er sich um. Anscheinend war die Mannschaft und die Mehrzahl der Adligen schon zu Bett gegangen. Xanthrax saß noch hier, anscheinend in ein Würfelspiel mit Salinda vertieft. Bei den Niederhöllen! Wie hatte er ein Würfelspiel verpassen können! Er wandte sich an seine beiden Tischgenossen: „Ich muss mich vielmals bei Euch entschuldigen, anscheinend haben die Ereignisse der letzten Tage zusammen mit der Sorge um meine Familie mich etwas mehr belastet, als ich für möglich gehalten hätte. Bei Prajos, ich hatte gerade mal ein einziges Bier! Ich versuch mal, noch etwas Nachschub zu bekommen. Darf ich Euch bei dieser Gelegenheit auch noch etwas mit abzweigen lassen?“ Hoffnungsvoll blickte er auf Xanthrax, aber auch einem Absacker mit Salinda wäre er nicht abgeneigt. Gleichzeitig hier er Ausschau nach dem Wirt. Mit etwas Glück war hier noch etwas Premer Feuer oder ähnliches zu ergattern. Der Wirt war im Gespräch mit den beiden Schankleuten und sie schienen recht angeregt ein Thema zu erörtern. Die junge Frau lachte kurz, als der Wirt einen Witz machte und der Bursche schüttelte grinsend den Kopf. Ein kurzer Blick ging durch den Gastraum, wo zu guter Letzt nur noch die kleine Gruppe Adliger um ihr Würfelspiel herum saß. Abermals wurden leise unter den dreien Worte getauscht, dann konnte man beobachten, wie das Geschwisterpärchen vom Wirt verabschiedet wurde. Mit ein paar Handgriffen hatte er schnell die Theke aufgeräumt und ging dann herum, um hier und da einige der Lichtquellen auf den umliegenden Tischen zu löschen. Es wurde schummeriger in der Gaststube. Er trat an den Tisch der Würfelspieler heran und sah einen von ihnen kurz über die Schulter. „Laufen die Geschäfte gut?“ fragte er freundlich und verschmitzt lächelnd und sah jeden nacheinander kurz ins Gesicht. Bevor jedoch irgendwer eine ausführlichere Antwort geben konnte, ergänzte er schon: „Ich würde alsbald die Gaststube schließen. Es ist spät und meine Frau wird sehr ungehalten, wenn sie keine wärmende Quelle neben sich weiß.“ Dabei zwinkerte er spezifisch Salinda kurz schelmisch zu. Mit einem Blick nach rechts und links versicherte sie sich, dass sie wirklich die letzten im Schankraum waren. Beim Kommentar des Wirts musste Salinda unwillkürlich an ihren verstorbenen Ehemann Gunther denken. ‚Boron ist unser letzter Richter‘, wiederholte sie in Gedanken den Satz, der ihr von klein auf beigebracht worden war. Ihr Gunther hatte auch immer zitternd unter zwei bis drei Decken gelegen und verlangt, dass sie die Bilanzen beiseite und sich neben ihn legen solle. Mit einem melancholischen Lächeln bedachte die Kauffrau den Gastwirt. In Richtung ihres Gastgebers sagte sie daher: „Keine Sorge, wir bleiben auch nicht mehr lange auf. Wäre ein letztes Gläschen Schnapps denn noch drin?" In Filwalds Richtung schob sie zwei der Würfel, die die Bedienung gebracht hatte. „Eine letzte Runde?" Ohne abzuwarten, würfelte Salinda: eins (1), eins (1). Das konnte gut oder schlecht sein. Nachdem die anderen Zeit hatten, ihre Haie jeweils zu ermitteln, würfelte sie den Hering hinterher: vier (4), drei (3), fünf (5) und fünf (5). Sie befeuchtete die Lippen und hob die Augenlieder etwas, ganz, als wolle sie ihr Erstaunen und ihre Freude über den Wurf verbergen, aber als gelänge es ihr nicht. Sie hoffte nicht länger darauf, Xanthrax täuschen zu können. Aber Filwald hatte noch nicht gegen sie gespielt. Um ihre Finte zum Erfolg zu führen, stieg sie hoch ein: „Sechs Taler!" Sie schob die silbernen Münzen in Richtung der Tischmitte.

Nun, eigentlich hatte Filwald nicht vor, noch in ein Würfelspiel einzusteigen. Aber auf der anderen Seite war das wahrscheinlich genau das richtige, um sich die trüben Gedanken zu vertreiben. Jocasta und Mortak werden schon heil wieder zuhause angekommen sein. Und die zwei verlorenen Tage.. Es wird schon eine vernünftige Erklärung dafür unter Praios Strahlen zu finden sein! Den Würfelbecher ergreifend wandte er sich vordergründig an den Wirt: „Guter Herr, ich weiß, Ihr wollt zu Bett, und das ist Eurer gutes Recht. Mit Eurer Erlaubnis würden wir gerne hier noch ein Weilchen verweilen. Und wenn ihr vielleicht den ein- oder anderen Krug Premer Feuer - oder etwas ähnliches - hier lassen könntet, es soll Euer Schaden nicht sein. Dafür verbürge ich mich“ Er hatte seinen Blick gerade soweit an Salinda vorbei gerichtet. dass er sie noch gut aus den Augenwinkeln mustern konnte. Sie schien eine erfahrene Spielerin zu sein, soviel verriet ihm schon ihr beherzter Griff nach den Würfeln und die Initiative einer neuen Runde. Sie schien einen guten Hai gewürfelt zu haben, jedenfalls gab sie sich Mühe, ihre Freude zu verdecken. Nur: Dann machte das hohe Einsteigen keinen Sinn. Aus seiner Erfahrung zeigten nur die Generäle dem Feind gleich zu Beginn der Schlacht sehr viele Ritter, die keine anderen mehr hatten. Nun. es würde sich zeigen, ob er Recht behielt. Und dann auch noch die passenden Würfel zum Kontern. Nun blickte er zum ersten Mal Salinda direkt an, währen er den Würfelbecher langsam schüttelte. „Sechs Taler? Sehr gerne, das soll mir der Spaß Wert sein“: Er behielt sie weiter lächelnd im Blick, während er den Würfelbecher zum zweiten Mal auf den Tisch fallen ließ. Sein Hai war eine Eins (1) und eine Fünf(5) gewesen. Darauf gab er allerdings nichts. Er musterte Salinda weiterhin lächelnd, als er den Becher anhob: Eine Zwei (2), Drei ( 3), Fünf (5) und Sechs (6). Das konnte sehr gut nach einer Straße aussehen. Aber würde sie das kaufen? Jetzt würde es sich zeigen, aus welchen Holz sie geschnitzt war. „Nun, ich würde gerne um weitere 6 Taler erhöhen“, meinte er, sich lächelnd zurücklehnend, während er die Taler in die Mitte schob.

„Selbstverständlich, werter Filwald. Einem Schnäpschen wäre ich nicht abgeneigt“, erwiderte er lächelnd auf die Frage nach einem kleinen Absacker. Bei Angrosch, das war eine gute Idee. Zumal Würfeln durstig machte. „Lieber Herr Wirt“, antwortete er freundlich lächelnd. „Wenn es Euch keine Umstände macht, würden wir gerne noch diese eine Partie zu Ende spielen. Wir sind auch leise und anständig genug, als dass wir unsere Sachen selbst verräumen. Dafür verbürge ich mich. Seid doch bitte so gnädig und lasst einem, in Euren Augen, alten Mann, die Freude an einer Partie mit Freunden.“ Xanthrax war sichtlich erfreut ob des Umstandes, dass Filwald sich zu ihnen gesellte. Das gutmütige Lächeln wurde breiter, mit einem Nicken verbunden, vor allem bei der Erwähnung von „Premer Feuer“. Es verschwand jedoch auch ebenso rasch wieder, wie er seinen Hai betrachtete. Eine Vier (4) und eine Fünf (5). Mit Blick auf den Hering paffte er seine Pfeife, die bereits am Ausgehen war. Sein Blick, seine Züge, sie verrieten beinahe nichts. Er verhielt sich wie immer beim Spielen, mit einem gewissen Maß an stoischem Ernst. „Wir haben uns auf einen Silbertaler als Obergrenze geeinigt“, erklärte er Filwald. „Wobei ich mit einem höheren Einsatz kein Problem habe, sofern ...“ Xanthrax griff dabei in den Taschen seiner Schürze herum, wo es leise klimperte, klackerte und auch rasselte. „Wo habe ich sie denn?“ Er suchte weiter herum, bis er zwei einzelne, goldene Dukaten hervorzog. Sie mussten bereits älter sein, das Gold angelaufen und fahl im Licht der Kerzen. Das Konterfei zeigte einen sehr zierlich wirkenden Kaiser, mit erhabenem Gesicht und der Raulskrone auf dem Haupt. „Ich setze die.“ Und damit schob er die Dukaten in die Tischmitte. „Die trage ich schon seit vielen Jahren bei mir“, erklärte er beiläufig. „Angrosch möge es mir verzeihen, aber ich denke, selbst wenn ich verlieren sollte, so sind sie bei einem von Euch in guten Händen.“ Doch Xanthrax war sich sicher, gar nicht verlieren zu können. Und wenn doch, dann würde er sich tatsächlich freuen. Denn ein langjähriges Erinnerungsstück ginge an jemanden, den er schätzte und mochte. ‚Dieses Spiel ist verphext. Und das nicht zu meinen Gunsten.' Ihrem Ausscheiden ging der Fall ihrer Mundwinkel voraus. Salinda sagte: „Ich passe, so gut sind meine Würfel nicht." Es war schade um die sechs Taler, aber wenn jemand bereit ist, mit Dukaten rein zu gehen, sollte sie ihre Finte aufgeben. Sie verfolgte dennoch mit Spannung, wie das Spiel weiter gehen würde. Filwald war mit seinen sechs Talern ebenfalls sehr hoch mitgegangen.

Ein wenig bedauerte Filwald, dass er sich an Beginn der Runde beinahe ausschließlich auf Salinda konzentriert hatte. Dieses Spiel hätte er wahrscheinlich zu seinen Gunsten drehen können, auch ohne einen nennenswerten Wurf. Doch das beherzte Einsteigen von Xanthrax hatte ihn auf dem falschen Fuß erwischt. Wie er es in einer solchen Situation gerne tat, versuchte er zunächst Zeit zu gewinnen. Schmunzelnd und mit der für ihn typischen hochgezogenen linken Augenbraue lehnt er sich langsam zurück und betrachtete den Vogt aus Eisenmühlen. Allerdings lehrte ihn seine Erfahrung, dass aus dem Gesicht eines Zwerges Rückschlüsse auf dessen Gedanken zu ziehen in etwa so erfolgreich war, wie der Versuch, das Eherne Schwert zu einem Kniefall für einen leichteren Übergang zu überreden. Und ja, Xanthrax war hier keine Ausnahme. Also musste Filwald sich auf seine Situationseinschätzung verlassen. Und die waren nicht gut. Er wünschte sich, tatsächlich eine Straße gehabt zu haben. Dann wäre er mitgegangen, selbst auf die Gefahr hin, eine hohe Summe zu verlieren. Das wäre ihm der Spaß wert gewesen. Aber mit nichts in der Hand Kopf und Kragen zu riskieren, das war nicht seine Art. Lachend schüttelte Filwald den Kopf und strich seine Würfel ein. „Herzlichen Glückwunsch, werter Herr Xanthrax! Nein, bei diesem Preis bin ich ebenfalls raus. Aber, vielleicht nehmt ihr den Gewinn und ladet uns beide auf einen Becher ein?“ Mit einem Seitenblick auf den Wirt fügte augenzwinkernd hinzu: „Von was auch immer wir hier noch zu bekommen erwarten dürfen“. Noch leiser, beinahe schon flüsternd, fügte er an beide Adlige gewandt noch hinzu: „Vielleicht könnten wir bei dem Trunk noch ein wenig die letzten Tage revue passieren lassen. Sobald wir allein sind…“ Der Wirt hatte die restlichen Spieler einen Augenblick allein gelassen und kam gerade mit einem kleinen Tablett daher, auf dem vier Schnapsbecher zu sehen waren, als er den Spielsieg des Zwergen mitbekam. „Na da hat Phex wohl jemanden ein glückliches Händchen geschenkt.“ sagte der Wirt, als er die Schnapsbecher vor den Spielern platzierte. „Oder vielmehr glückliche Würfel.“ Dann griff er selber zum letzten Becherchen und prostete den letzten Gästen zu. „Werte Herrschaften, ein Absacker aufs Haus und ein Prosit auf den Gewinner.“ Anschließend kippe er den scharfen Obstbrand in sich hinein. „Ich werde nun die Lichter löschen und abschließen. Die letzte Kerze lasse ich hier am Tisch brennen, damit ihr ins Gemeinschaftszimmer findet. Eine borongefällige Nacht wünsche ich allerseits.“ Dann ließ er seinen Worten Taten folgen, bereitete die Gaststube und die Theke soweit vor, als dass er den Schankraum allein lassen konnte und ging dann zu Bett.

Als der Wirt gegangen war nahm Filwald einen Becher, stieß mit seinen Adelsgenossen an und leerte ihn dann in einem Zug. Leise begann er dann, in kurzen Worten von seiner ersten Nacht an Bord zu berichten: „Wie ihr ja wisst, bin ich in der ersten Nacht an Bord der Concabella geblieben. Ich habe mich in dieser Nacht etwas in der Garnison umgesehen, dem Raum am Bug des Schiffes unterhalb des Salons. Dieser Raum sieht mehr wie ein Gefängnis als ein Aufenthaltsraum aus. Am Bugende befindet sich ein Schrank, in dem sch Lederriemen wie zum Festbinden eines Gefangenen befinden. Eine echt merkwürdige Einrichtung für einen Flusssegler, finde ich.“ Er ließ seine Worte im Raum stehen. Ihn würde interessieren, was Salinda und Xanthrax davon hielten. Vielleicht sah er ja auch nur Gespenster und es gab eine vernünftige Erklärung dafür … ‚Eine Gefängnisausstattung? Hm, wer weiß, wozu das dient.' Salinda schnalzte mit ihrer Zunge. „In der Tat eine…" Sie überlegte kurz. „… interessante Inneneinrichtung." Sie biss sich auf die Unterlippe. „Aber," sie blickte vom Angroscho zum Menschen, „ihr müsst es mir nachsehen, dass ich nicht sicher bin, ob dieser Umstand nicht auf spezielle Bedarfe des Herzogs zurückgeht? Oder?" Ein verschmitztes Lächeln bildete sich auf Xanthrax´ Lippen. Er hatte gewonnen. Wahrscheinlich auch zu Recht. Filwalds Worte stießen bei ihm auf offene Ohren und so nickte er auf dessen Vorschlag hin. „Selbstverständlich.“ Dem Wirt drückte er, bevor dieser zu Bett ging, den Gewinn, mit Ausnahme seiner eigenen zwei Dukaten, in die Hand und bedankte sich freundlich: „Vielen lieben Dank, guter Mann. Es war uns eine Freude, bei Euch unterkommen zu dürfen.“
Damit wandte er sich seinem Becher zu und lauschte Salinda und Filwald. „Nun, ich denke, der Herr Herzog wird schon einen Grund dafür haben. Ich hoffe es zumindest. An ein paar Lederriemen alleine kann ich aber noch nichts Ungewöhnliches festmachen.“ Er wiegte den Kopf hin und her und überlegte angestrengt. Taue, Verbandsmaterial, Schiffsbedarf – solche Dinge, damit rechnete man, aber auch nicht direkt dort. Oder doch? „Es ist auf jeden Fall eine interessante Art von Raum, wenn ich das so sagen darf.“ Dabei verschmälerte er die Augen ein wenig und musterte Filwald eingehend. „Vielleicht hat eben genau etwas an diesem Raum mit unseren Schwierigkeiten zu tun? Oder etwas, das wir transportieren und gar nichts davon wissen?“ Das war nämlich naheliegend, wie ihm jetzt auffiel. „Dieses Rätsel werden wir aber nicht so schnell lösen können, befürchte ich.“ "Nun, ich denke nicht, dass gerade dieser Raum für unsere Probleme verantwortlich ist, jedenfalls nicht direkt“, antwortete Filwald. Nach einer kurzen Pause fügte er nach: „Gestern morgen, bevor diese Eisschollen uns gerammt haben, war ich am Steuer miit Diemut, dem Steuermann. Ich wollte ihm mal auf den Zahn fühlen und fragte ihn, was er über diese Fremden wisse, die uns behindern wollen“ Filwald machte eine nachdenkliche Pause. Leicht den Kopf schüttelnd redete er weiter: „ Dieser Steuermann.. .ich werd aus ihm nicht schlau. Er tut so, als könne er nicht bis drei zählen. Als hätte er die Naivität eines Kleinkindes. Aber ich nehm ihm diese Charade nicht ab. Ich denke, er versteckt sich hinter dieser Maske. Und als ich ihn dann direkt auf die Leute angesprochen habe, die die Dörfler bedrohten, da war er regelrecht erschrocken! Ich denke, er und die Kapitänin, beide wissen genau, was hier läuft. Und ich denke ebenfalls, dass es etwas mit den Gegenständen auf sich hat, die wir an Bord genommen haben. Einen Tag früher habe ich mich mit einer anderen Matrosin unterhalten. Ich habe angedeutet, dass etwas für die Fahrt gefährliches in der Schatzkammer liegen könnte. Sie war höchst interessiert. Und auch beunruhigt …“ „Das sind ja alles aufmerksame Beobachtungen", sagte Salinda. „Vielleicht sollten wir morgen auf dem Schiff weitere Nachforschungen anstellen. Für heute jedoch…" Sie musste herzhaft Gähnen und konnte sich gerade noch rechtzeitig die Hand vor den Mund halten. Dann ergänzte sie noch mit schläfriger Stimme: „Neben diesem konkreten Problem, möchte ich Euch beide aber auch bitten, mit zu überlegen, welche Spieler und Spielerinnen es im großen Ganzen gibt." Sie befeuchtete die Lippen, bevor sie noch ergänzte: „Irgendjemand muss davon profitieren. Und wenn wir nichts konkretes wissen, sollten wir uns Gedanken machen, wer zu den Parteigängern und -gängerinnen des Herzogs gehört und wer nicht.“ Sie wartete einen Moment, bevor sie ergänzte: „Auch unter denen, die die Concabella begleiten.“
„Nun, drei Paar Augen sehen mehr als eines und das Gleiche gilt auch fürs Hören.“ Er nickte Filwald zu. „Das ist eine wichtige Information und war ein kluger Schachzug. Neugierde hat schon allzu oft jemanden zu einer verräterischen Handlung bewogen. Mein Kompliment.“
„Sehr vernünftig gesprochen!“; antwortete Filwald. „Ich werde mich auch ins Bett begeben, mal sehen, was der morgige Tag bringen wird!“

Alarm!!

Die Betten der Gaststätte waren ausreichend bequem, um schnell in einen erholsamen Schlaf zu finden, sobald man sich zur Ruhe begeben hatte. Die Nacht schritt voran und boronischer Frieden lag über allem. Während ungestörte Stille alle Reisende im Gasthaus umfing, regte sich etwas im Dunkeln um die Unterkunft herum. Das leise, protestierende Quietschen einer Tür war zu hören, die vorsichtig bewegt wurde. Dann kehrte wieder Frieden ein.
Wenige Augenblicke später jedoch, begann es vom Großen Fluß her hektisch zu werden.
Rufe der Wächter des Hafenviertels, welche sonst still und unbemerkt ihren Dienst taten, hallten auf einmal durch die Gassen. Irgendetwas schien die Leute in Aufregung zu versetzen. Zu den besorgten Rufen mischte sich nach gar nicht langer Zeit der rhythmische Ton einer Glocke, die von einer unbekannten Gefahr kündete. Lichter wurden in den Häuser entzündet und auch die längst zu Bett gegangenen Wirtsleute wanderten verunsichert, mit einer Kerze in der Hand, zurück in die Gaststube, um nach dem Rechten zu sehen. Es dauerte nicht lange, da sammelten sich neben den Wirtsleuten sowohl verängstigte, als auch neugierige Gäste im Hauptraum. Es wurde gefragt, ob es brennt oder ob Flußpiraten angreifen würden, doch der Gastwirt tat sein Möglichstes, die Besorgnis der Gäste auszuräumen.
Er wusste selber nicht, was die Aufruhr verursachte und konnte erstmal nur mitteilen, dass die Glocke ein Alarmzeichen der Hafenwache ist, was einige Gäste in ihrer Annahme bestärkte, es handelte sich um einen Angriff von Flußpiraten. Schon liefen die ersten wagemutigen Recken in ihre Zimmer zurück, um ihre Waffen zu holen. Auch wenn der Wirt ihnen just noch hinterher rief, dass das nicht nötig sei, krachte auf einmal am verschlossenen Haupteingang eine hämmernde Faust gegen das Holz der Tür. Von draußen rief eine panisch untermalte Stimme: “Macht auf!! MACHT AUF!! Die Concabella!!” Verwunderung und Entsetzen machte sich auf dem Gesicht des Wirtes breit und seine Augen flogen suchend durch die Menge der Anwesenden. Noch ehe er sein Ziel gefunden hatte, klang aus der Masse der Anwesenden die Stimme der Kapitänin Salmfang: “Die Concabella? MACHT SOFORT DIE TÜR AUF!” Dies ließ sich der Wirt beim herrischen Ton der zuletzt sehr laut gesprochenen Worte nicht zweimal sagen. Auch wollte er tunlichst vermeiden, weiteren Groll der Kapitänin zu erregen, denn sie wälzte sich bereits durch die Menschenmasse in Richtung Eingang und schob mit kräftigem Griff jeden vor ihr befindlichen Gast schonungslos zur Seite.

Eilig schloss der Hausherr die Tür auf und ein eisiger Wind pfiff in den Gastraum, als sich der Durchgang nach draußen auftat. Ein rotbäckiger Nachtwächter der Hafenwache stand vor der Durchgang. Er hielt eine Laterne in der Hand, die entweder durch die Kälte zitterte oder durch arge Anstrengung, denn sein Atem ging schnell, so als wäre er vor kurzem ziemlich schnell gelaufen.

“Die Concabella ist los! Sie driftet ab. Die Strömung des Flusses nimmt sie mit. Wir sind zu wenige um sie zu halten. Es ist bereits ein Mann ins Wasser gegangen. Wir benötigen Eure Hilfe.” Dann drehte er sich auch schon um und machte sich auf den Rückweg in Richtung Hafen, ungeachtet ob sein Hilferuf Beachtung fand oder nicht. Wer ein guter Beobachter war und im passenden Moment zur Kapitänin sah, konnte erkennen, wie ihr bei der Offenbarung des Wächters sämtliche Farbe aus dem Gesicht wich und es ihr einen Herzschlag lang den Atem verschlug. Doch schon im Augenblick des nächsten Augenzwinkerns dröhnte ihre Stimme durch den Schankraum: “ALARM! ALLE MANN ZUM SCHIFF! Wipert - du holst Mäntel und Decken!” Dann nahm sie die Verfolgung in Richtung Hafen auf. Die Betten waren tatsächlich die besten Schlafstätten, die Salinda und Phelinda seit Beginn ihrer Reise hatten nutzen können. Phelinda war trotz des Ölwickels und Tees mit einem dröhnenden Schädel ins Zimmer getaumelt und hatte selig Borons Segen empfangen und war ins Reich der Träume hinübergeglitten.

‚Hammerschlag folgte auf Hammerschlag. Und die fertigen Schmiedewaren landeten klirrend auf einem großen Haufen. ‚Warum?', fragte Phelinda. ‚was tue ich hier?' Sie blickte sich um. Starke Männer und Frauen, in Waffen standen herum. Immer wieder tuschelten sie miteinander. Einige lachten und zeigten auf sie. ‚Was habe ich…?' Phelinda blickte an sich herab. Sie trug die Kleidung einer ärmlichen Krämerin. „Das bin ich nicht!", schrie sie voller Inbrunst, doch das Kriegsvolk um sie herum lachte nur noch lauter.' Solche und ähnliche Albträume plagten die junge Ritterin im Laufe der Nacht immer wieder. Teils schreckte sie kurz auf, teils ging ein Traum in den nächsten über. ‚Auf einem Pferderücken fand sich die Ritterin wieder. ‚Gratfriede? Bist du es?‘. Sie blickte auf das Pferd, doch das Tier war ihr unvertraut. Erst als das Donnern der Hufe machte sie darauf aufmerksam, dass sie in ihrem vollen Waffenkleid ritt. Die Lanze, die ihr im Arm lag, war aufwendig dekoriert. ‚Ein Tjost?' Verzweiflung kam in ihr auf. In einem Buhurt wüsste sie sich zu behaupten, aber den Tjost hatte sie immer schon gehasst und gemieden. Insgesamt sagten Turneien ihr nicht zu.' ‚Entgegen jeder Erwartung gelang es Phelinda, ihren Gegner vom Pferd zu stoßen. Doch dann kam völlig unerwartet ein anderer Ritter und hob sie aus dem Sattel ihres Pferds. Weitere Reiter und Reiterinnen ritten gegeneinander an und teils über sie hinweg. Regelmäßig musste sie in ihrem Kettenhemd der Stampede der Pferde ausweichen. Der Boden, eben noch erden und mit Gras bewachsen, wandelte sich zu Stein. Glatter, kalter Stein von dunkler Farbe. Um sie herum reckten sich breite rechteckige Säulen in die Höhe. Auch sie waren von dunkler Farbe. Weiterhin musste sie beschlagenen Hufen ausweichen. Die Pferde stiegen und ihre Hufe sausten haarscharf neben ihr nieder. Aus der Ferne kam zum Dröhnen der Pferde ein Klingeln dazu. Immer mehr und immer lauter klangen sie in ihrem Ohr. ‚Glocken?‘ Sie nahm einen süßlichen Räuchergeruch wahr. ‚Bin ich', sie war irritiert, ‚in einem Tempel?' Dann traf ein Pferd ihren Bauch und sie wusste, dass sie die Verletzung nicht würde überleben können…' Mit einem schmerzenden Leib und einem dröhnenden Schädel wachte Phelinda auf. Das Pferdegetrappel war noch immer zu hören. Und das Klingen der Glocken auch. Sie öffnete die verklebten Augen. Nach und nach wurde sie sich ihrer Umgebung gewahr. Es handelte sich wohl um das Getrampel von Stiefeln, nicht um die Stampede von Pferden. ‚Und bei diesen Glocken muss es sich…‘, sie biss die Zähne zusammen, um nicht loszuschreien ‚um Alarmglocken handeln!' Damit war Phelinda endgültig wach. Sie blickte zu ihrer Mutter, die bereits dabei war, sich anzuziehen. „Bei Boron," beschwerte sich Phelinda: „womit haben wir das verdient?" Ihr Kopf pulsierte, Tränen standen ihr in den Augen. ‚Eine Krise jagt die nächste.'
Bereits einige Minuten zuvor war Salinda aus dem Schlaf gerissen worden und hatte mitbekommen, was los war. Sie hatte sich angezogen und war dabei, die Stiefel anzuziehen, als ihre Tochter ebenfalls wach wurde. Sie drehte sich Phelinda zu und erklärte: „Das Schiff, es hat sich gelöst." Die Ritterin setzte sich ruckartig in ihrem Bett auf und dachte: ‚Ich wusste doch, dass es keine gute Idee ist, das Schiff allein im Hafen zu lassen.' Doch Salinda legte ihre Hand auf die Schulter der Frau. „Bleib, Phelinda," sie wiederholte mit Nachdruck: „Bleib!" Die Kauffrau zog sich ihren Mantel über, griff nach ihren Handschuhen und der Geldkatze. ‚Ich habe es gesagt, ich habe es gesagt, ich habe es gesagt, …' wiederholte Phelinda. „Du bist noch immer nicht bei Kräften. Du kannst nicht helfen! Ich werde an deiner statt gehen!" Bestimmt legte Salinda ihrer Tochter die Decke von ihrer Seite des Bettes über. Noch einmal wiederholte sie: „Bleib! Bitte!"
Salinda hatte keine Zeit, sich davon zu überzeugen, dass ihre Tochter nicht doch zur Hilfe eilen würde. Es war bereits viel zu viel Zeit verstrichen. Im Gehen schloss sie den Mantel und zog die Handschuhe über. Im Schankraum angekommen fragte Salinda in die Runde: „Was ist der Plan?" Glocken. Sie waren immer ein Warnzeichen. Zumindest zu jener späten Stunde. Xanthrax fuhr aus dem Schlaf hoch, die dünne Decke rutschte ihm dabei vom Oberkörper. Lärm von draußen. Dazu Geschrei von unten – er vermeinte, die Stimme der Frau Kapitän auszumachen. Und sein Gehör täuschte ihn nicht: Es war etwas mit dem Schiff. Rasch zog sich Xanthrax notdürftig an, band sich die Schmiedeschürze um und warf sich den Fellumhang über die Schultern. Seine restlichen Sachen, vor allem den Großteil der Rüstung, mit Ausnahme des Helmes, ließ er zurück. Drakkamalmar schnallte er sich hastig auf den Rücken und eilte in den Gemeinschaftsraum. Dort verschaffte er sich einen kurzen Überblick, um sich dann zu Salinda zu gesellen. „Die Probleme wollen wohl nicht abreißen“, meinte er zu ihr. „Sehen wir zu, dass wir zum Schiff kommen.“ Jerg kam zu sich. Die letzten Tage waren unerträglich, eine Mischung aus Erbrechen und Fieber. Begleitet von wilden Träumen und dem Gefühl, dass sich alles viel zu schnell dreht. Irgend jemand half Ihm zu trinken, was zu essen.
Jerg wird sich bedanken müssen, aber erst einmal hinsetzen. Wo ist er? „Seine“ Kajüte? „Oh mein Kopf“ kam es aus ihm raus, während er sich aufrichtete. Und wie er fröstelte.

Filwald hatte das Gefühl, gerade erst die Augen geschlossen zu haben, als ihn das Gepolter an der Tür wieder aus dem Schlaf weckten. Er wollte sich gerade wieder umdrehen, dachte, es nut geträumt zu haben, als der die panischen Rufe hörte. „Bei Prajos, dieser Dreckskahn kann einen wohl nicht mal eine Nacht in Frieden lassen, oder?!“; schimpfte er vor sich hin, während er aufsprang, sich in seine Hosen und wattierten Unterrock warf (für den Schuppenpanzer nahm er sich nicht die Zeit), und nach draußen stürmte um zu sehen, was genau nun schon wieder auf dem von allen Alveranern verlassenen Kahn vor sich gehen mag.

Am Hafen

Beim Anleger Bei Ankunft im Hafen am Ankerplatz der Concabella, konnte man den mächtigen Rumpf des Flußseglers schon etliche Schritt vom Ufer entfernt ausmachen. Das anmutige Schiff mit den gerafften Segeln stand leicht quer zur Strömung, so dass der gierige Sog des Wasser genügend Fläche hatte, um es weiter und weiter vom Ufer zu lösen. Eigentlich war das Schiff nachtbereit mit hochgezogen Segel und Festhalteleinen am Anleger vertäut worden, aber dennoch entschwand es langsam und unaufhaltsam stromabwärts in die Richtung, aus der es am Tage herkam Zwei Hafenwächter waren am Liegeplatz der Concabella zugegen und versuchten, eine Person aus dem Wasser zu ziehen. Sie hantierten mit einem Seil und einer Hakenstange herum, den nassen und nach Luft schnappenden Mann im Wasser zu bergen.

Der Hafenwächter, welcher beim Gasthaus die schreckliche Kunde verbreitet hatte und noch vor der Kapitänin zurück zum Hafen geeilt war, blieb in seinem Lauf stehen, als der Anlegeplatz des herzoglichen Flussseglers zu sehen war. Mit ausgestrecktem Arm deutete er auf die wegtreibende Concabella. Zur Kapitänin und den nachfolgenden Leuten sprach er deutlich: “Es liegen vier Lotsenboote einen Kai weiter. Damit könnten Leute übersetzen und Seile auffangen, die an der Reling befestigt ein weiteres Abdriften verhindern. Schnell beeilt euch! Ich gehe meinen Leuten helfen, Gunnar aus dem Fluss zu ziehen. Anschließend werden wir die Seile vorbereiten und am Poller festbinden, damit sie dann herüber geworfen werden können.”
Arbarhild Salmfang sah fassungslos zum stolzen Schiff herüber, das sich allmählich von der Anlegestelle entfernte. Doch nur einen Augenblick später drehte sie sich zu den ihr nachfolgenden Leuten um und deutete auf zwei. „Ihr da! schnappt euch ein Lotsenboot und setzt zur Concabella über. Und betet zu Efferd und allen Flusswesen, dass euch die zugeworfenen Seile nicht aus den Händen rutschen.“ Luzia von Nadelgrat war am Morgen dieses fünften Reisetages bereits früh aufgewacht, und hatte beschlossen vor dem Aufbruch des Schiffs noch den lokalen Praiostempel aufzusuchen. Es war mittlerweile nicht mehr häufig, dass sie sich in einer größeren Stadt wiederfand, da wollten die Gelegenheiten gut genutzt werden. Als sie jedoch die Alarmglocken vom Hafen her tönen gehört hatte, war die Junkerin umgekehrt. Bereits vom ersten Moment an war sie überzeugt gewesen, dass dieser Alarm nur mit der Concabella in Verbindung stehen konnte.
Es hatte nicht lange gedauert, bis sie den Hafen erreicht hatte, im ersten Moment war Luzia jedoch nur sprachlos gewesen, als sie das Schiff abtreiben sah. Ohne jegliche Erfahrung in der Schifffahrt oder auf dem Fluss überschlugen sich in ihrem Kopf Handlungen, die sofort wieder verworfen wurden. Erst als die Kapitänin den Anlegeplatz erreichte und anfing Befehle zu erteilen konnte sie die lähmende Unsicherheit abschütteln und eilte zu einem der vom Hafenmeister angezeigten Lotsenboote und beeilte sich die Knoten zu lösen, während sie den Matrosen und dem Rest der Reisegesellschaft zuwinkte sich zu beeilen. Die Matrosin Oda Hugendubel fühlte sich ebenfalls von der Kapitänin ihrem strengen Tonfall angesprochen, tätig zu werden. Fast zeitgleich eilte sie mit Luzia zu den Lotsenbooten. Als sie feststellte, dass die Junkerin ebenfalls die Boote zum Ziel hatte, sagte Oda zu Luzia: " Könnt ihr rudern? Setzt euch ins Boot und ich löse die Leinen, dann rudert schon voran. Ich nehme eins der anderen Boote." Xanthrax wusste, wo seine Grenzen lagen. Rudern war keine seiner Stärken. Ebenso wenig würde er sich freiwillig in ein Lotsenboot begeben – nicht weil ihm der Mut fehlte, sondern weil ihm klar war, wie hinderlich er bei diesem Unterfangen sein würde. Doch es gab etwas, mit dem er helfen konnte.
Er folgte dem Hafenwächter und begutachtete die Situation. Nach einigen Augenblicken und einem kurzen Überlegen nahm er Drakkamalmar vom Rücken und ging zu jenem Mann, der sich mit dem Seil abmühte. „Seid so nett und bindet das Seil gut fest.“ Dabei hielt er ihm den Hammerkopf hin und bedeutete ihm, knapp unterhalb des Waffenkopfes das Seil gut festzubinden. Sollte dieser Aufforderung nachgekommen werden, würde er das Seil rasch herausziehen, dem anderen Retter das Ende hinhalten und ihn darum bitten, die Stange festzubinden. Sofern dieser das Gleiche tat wie sein Kollege, nämlich Xanthrax´ Wunsch nachzukommen, würde dieser die Stange in Richtung Gunnar werfen.
„Versucht die Stange zu packen!“, rief er ihm zu. „Und haltet euch dann gut fest. Klemmt sie unter Eure Arme.“ Der Plan dahinter war simpel: Die Stange bot größeren Halt und auch Grifffläche, als das nasse Seil und zur Not konnte Gunnar sie tatsächlich unter die Achseln klemmen. Drakkamalmar als eine Art „Hebel“ nutzend, wäre es Xanthrax, vielleicht mit Hilfe der beiden Männer, aber eventuell auch ohne, war er doch ein hartgesottener Söldner mit dementsprechenden Kräften, möglich Gunnar aus dem Wasser zu fischen. Salinda war mit dem Rest zum Hafen geeilt. Einer der ersten Gedanken, als sie des nächsten Unglücks gewahr wurde, war Beistehende anzuwerben. Mehr als einmal in ihrem Leben hatte sie Probleme erfolgreich lösen können, indem sie Geld darauf warf. Allerdings gingen die Edelleute so schnell in eine koordinierte Rettung der Concabella über, dass sie den Plan vorerst verwarf. Statt also Teile ihres Vermögens zu verwenden, beschloss sie zu helfen. Sie folgte Xanthrax und dem Hafenwächter, vermutlich um dem ins Wasser gestürzten Gunnar zu helfen. Aufmerksam lauschte sie den Instruktionen des Angroscho und würde helfen, wo sie konnte, falls sie gebraucht wurde.
Die unvermittelten Anweisungen des Zwerges, der bei den Hafenwächtern auftauchte, stießen erst auf Verwirrung. Allerdings erschloss sich einem der Wächter die Absicht, die der Zwerg hinter seinen Worten hegte. „Eine gute Idee.“ stimmte der Retter Xanthrax zu und begann das Seil wie angewiesen fest zu machen. Schnell war aus Rettungsstange und dem Hammer ein Provisorium zur Wasserrettung geschaffen. Die Hafenwächter traten etwas zurück, damit der Zwerg Platz hatte, auszuholen und die Stange zum Ertrinkenden zu werfen. Dabei meinte der Mann, der Xanthrax‘ Plan sofort verstanden hatte,: „Bitte werft die Stange so, dass Ihr den armen Gunner nicht am Kopf trefft“. Seine Stimme klang leicht besorgt und auch der Blick des anderen Hafenwächters am Anleger sah bang zum Zwergen. „Keine Sorge, guter Mann – ich werde mein Bestes geben“, meinte er zu dem besorgten Hafenwächter. Xanthrax nahm die Stange in die Hand, prüfte ihr Gewicht, auch den Schwerpunkt und sah dabei routiniert aus, als hätte er sein Leben lang nichts anderes getan. Hier machte sich die Ausbildung zum Schmied, aber auch der Blick über den Tellerrand als gelegentlicher Handwerker, bezahlt. Nach Abschluss seiner Investigation nickte er. Der Ambosszwerg holte aus und warf die Hafenstange dann, wobei er etwas unterhalb von Gunnars Nase zielte. Ein einfacher Trick, der auch beim Bedienen einer Rotze half: Immer auf die Nase, wenn man wen treffen wollte. Nur hier war Gegenteiliges der Fall, daher setzte er etwas unterhalb an.
Wenn nicht irgendeine unvorhergesehen Störung eintreten sollte, würde der Wurf wohl auch passen und die Stange in Gunnars Greifnähe befördern. „Greift danach und klemmt sie Euch unter die Arme!“, rief er dem Schwimmenden noch einmal zu zu. Dabei winkte er Salinda und die Hafenwächter zu sich. Der unbeholfen umher platschende Gunnar hörte weniger die Worte, aber er griff instinktiv nach der Stange und begann sich festzuhalten. Sobald Gunnar die Stange gepackt hatte, würde er, gemeinsam mit Salinda und etwaigen Helfern, den Schiffbrüchigen aus dem Fluss fischen. Drakkamalmars Griff war erstaunlich bequem anzufassen, das darum gewickelte Leder weich und schmiegte sich gut an die Hände an.

Mit vereinten Kräften sollte es dann möglich sein, Gunnar wieder an Land zu bringen. Wenn niemand auf die Idee käme, würde ihm Xanthrax gleich seinen Fellmantel um die Schultern hängen und nach seinem Flachmann in den Untiefen seiner Schmiedeschürze hervorfischen und ihm unter die Nase halten. „Trinkt erst mal einen Schluck und beruhigt Euch. Dann erzählt Ihr uns, was passiert ist.“ Er würde dabei einen prüfenden Blick zu Salinda werfen und sie wortlos um eine Beteiligung am Gespräch bitten. Zwei Leute sahen und hörten eben mehr als eine Person und vielleicht fand sie ja andere Worte als er? Der frisch gerettete Hafenwächter Gunnar prustete und sprutzte Wasser. Und mit vereinten Kräften konnte er an den Anleger zurück gehievt werden. Die beiden trockenen Wächter ließen Worte der Erleichterung von sich, nachdem ihr dritter Mann gerettet war.
Gunnar wusste gar nicht wirklich, wie ihm geschah, doch der Flachmann vor seiner Nase hielt seinen Geist in eine Richtung fokussiert. Eilig griff er das hingehaltene Angebot und tat einen tiefen Schluck. ‚Sehr gut!', jubelte die Kauffrau innerlich. Salinda lächelte gutmütig, was die dunklen Ringe unter Salindas Augen in Bewegung versetzte. Neben der Freude über die Rettung des Mannes regte sich auch Sorge in ihr. Sie sah Xanthrax mit dem Fellmantel auf den Mensch zugehen und hielt den Angroscho zurück, indem sie ihn an der Schulter festhielt. Sie entledigte sich ihres Wollmantels und sagte: „Schnell, raus aus den nassen Sachen!" Salinda war schon des Öfteren per Schiff gereist und hatte die ein oder andere Rettung aus dem kalten Nass erlebt. Nachdem er einen Schluck Schnapps hatte zu sich nehmen können, half Salinda ihm, aus der nassen Kleidung zu kommen. Danach würde er sich mit ihrem Wollmantel abtrocknen können und dann in den Fellumhang des Angroscho gehüllt ins Warme geführt werden. Um eine mögliche Unannehmlichkeit der Situation zu überspielen, hakte Salinda nach: „Ihr seid beim Versuch, die Concabella zu halten, ins Wasser gestürzt, ja?" Gunnars Nicken zwischen all dem Zittern war kaum auszumachen. Das ihm die Kleidung entledigt wurde, ließ er ungerührt zu und mit Hilfe der beiden anderen Hafenwächter war der unfreiwillige Schwimmer recht schnell notdürftig trocken gelegt. „J-j-a, Hohe Dame.“ sagte Gunnar auf Salindes Worte und stammelte schlotternd weiter: „Ich w-w-ar der erste, d-der das Sch-schiff wegtreiben s-ah. Hab die Glocke gel-läutet und als meine Kumpanen kamen, b-bin ich zum S-S-eil und wollte es nachziehen. Ein un-beholfener Schritt. Dann l-lag ich im Wasser.“ Salinda legte ihren Arm um die Schulter des Mannes und führte in Weg vom Wasser. Während sie ihn langsam in Richtung der Häuser führte, hakte sie weiter nach: „Habt ihr zuvor oder, während die Concabella sich löste, etwas bemerkt? Eine Gestalt an Bord oder das Platschen eines Ruderpaars?" Während sie sprach, griff sie in die Geldbörse. Nachdem der Mann geantwortet hatte, würde sie ihm ein paar Kupferstücke zustecken. Es mag seine Pflicht gewesen sein, aber er hatte Einsatz gezeigt. Außerdem würde er mit etwas mehr in der Tasche eine etwaige Erkältung besser wegstecken können. Nicht zuletzt, so wusste Salinda, konnte Kupfer dem Erinnerungsvermögen und der Redebereitschaft vieler Leute nachhelfen. Der nasse Hafenwächter nieste einmal laut. Schniefend überlegte er kurz und zuckte die Schulter. „Naja, es sch-schien alles ruhig. Hab nichts auffälliges gehört o-oder gesehen. Aber was platschen hatte ich gehört. Kurz nach einem lauteren Peng - so als wär‘ ein unter Spannung befindliches Seil gerissen." Ein Schlotteranfall packte den Mann, den er erst mal zähneklappernd über sich ergehen lassen musste. „Dachte das Peng wäre vom Anlegerseil, weil es ganz schlaff am Poller hing.“ Xanthrax hielt sich zurück. Salinda machte hervorragende Arbeit und das bestätigte er ihr auch mit einem angedeuteten Nicken. Es brachte außerdem nichts, Gunnar von zwei Seiten zu bedrängen. Der arme Mann war durchgefroren und zitterte am ganzen Leib.
Seinen Flachmann nahm Xanthrax zurück und lauschte den Worten des Hafenwächters. Er strich sich dabei nachdenklich durch seinen Bart. Ein lautes Platschen – das konnte natürlich vom Seil stammen, das im Wasser gelandet war. Das würde auch auf das „Peng“ passen. Nur waren ihm das zu viele Zufälle. Ein Süppchen wäre eine gute Idee. Oder etwas Warmes zu trinken. Am besten beides. Er würde Salindas Reaktion selbstverständlich noch abwarten beziehungsweise gleich versuchen, Gunnar in Richtung Gasthaus zu lenken. So etwas und eine Geste der Freundlichkeit konnte Vertrauen schaffen – und wem man vertraute, dem brachte man auch mehr Aufmerksamkeit entgegen, ebenso wie es erlaubte, einen etwaigen Fehltritt leichter zuzugeben.

Salinda stützte den Hafenwächter auf dem Weg in Richtung des Gasthauses. Währenddessen steckte sie ihm zwei Dutzend Heller zu. An den Mann gewandt erklärte die Kauffrau: „Eure Entbehrungen und besonderer Eifer sollen Euer Schaden nicht sein." Sie legte ihm die Münzen in die Hand, umschloss die Finger mit ihrer und zwang die Hand sanft sich zu schließen. „Nutzt es, um euch gegebenenfalls richtig untersuchen zu lassen." Auch wenn der Zwerg und die Adelige das Gasthaus im Sinn hatten anzusteuern, war der Weg dorthin doch viel zu weit. Beim Erinnern sind sie vorhin bestimmt gute fünf bis zehn Minuten gelaufen - oder irgendwas dazwischen. Einer der beiden anderen Hafenwächter, die um Xantharx und Salinda herum eierten und ebenfalls ihren Kameraden helfen wollten, meinte: „Lasst uns Gunnar in die Hafenwache bringen! Dort ist schon ein heißer Tee bereitet. Das wird der Arme sicherlich nötig haben.“ und der andere Hafenwächter eilte bei den Worten voraus, um den Weg zu weisen. Es war wirklich nicht weit, keine zwei Minuten und Xanthrax und Salinda konnten den zitternden Gunnar in eine warme Wachstube verfrachten, in der es angenehm nach würzigen Tee roch. In der warmen Stube angekommen setzte Salinda den Mann auf einen Stuhl nahe der Wärmequelle. An die restlichen Hafenwächter gewandt raunte sie: „Habt ihr trockene Kleidung für Gunnar? Und ein paar Decken?“ Während Gunnar sich mit dem Tee wärmte, holte Salinda ihre Tabula Cerata hervor, ein rechteckige Tafel aus Gebein mit, die beidseitig mit Wachs beschichtet war. Während der Mann langsam wieder zu Kräften kam, kritzelte sie mit dem Bronzegriffel schnell ins Wachs, was er bereits erwähnt hatte:
‚Aud. Peng - gerissenes Seil?
Aud. Platsch
Vis. Anlegerseil schlaff am Poller.‘
Viel war es noch nicht, was der Mann hatte beitragen können. Salinda blickte zu Xanthrax herüber, der seinerseits sie anschaute. Das genügte ihr, um das Gespräch mit dem Mann zu beginnen. Sie hatte ihm nichts vorweg nehmen wollen. Der unterkühlte Hafenwächter hatte inzwischen etwas Farbe zurückgewonnen und begonnen seinen Tee zu trinken. Das nahm Salinda als Anlass, die Befragung zu starten. „Also, ich würde gerne die Geschehnisse noch einmal durchgehen“, sagte sie. Sie deutete auf ihre Wachstafel und erklärte: „Ich will sicher sein, dass wir alles haben." Sie legte das rechte Bein über ihr linkes und fixierte den Mann, der ihr gegenüber saß. „Ich würde gerne versuchen, den Ablauf noch einmal ganz in Ruhe nachzuvollziehen. Dazu würde ich dich bitten, gleich die Augen zu schließen und dich mit mir in die Situation zurückzuversetzen. Ist das in Ordnung für dich, Gunnar?" Ihr war wichtig, dass der Mann aus freien Stücken kooperierte, da es für die Befragungstechnik, die sie ausprobieren wollte, essentiell war. Wenn sich die Person wehrte, funktionierte sie so gut wie gar nicht.
Xanthrax nickte Salinda anerkennend zu. Ihr Verhalten zeugte von Organisation und auch einem gewissen Maß an Professionalität. Er beobachtete sie bei ihrem Tun und zündete sich ein Pfeifchen an. „Es soll natürlich auch nicht Euer Schaden sein, Gunnar. Und alles, was hier besprochen wird, abgesehen vom Ablauf, bleibt unter uns. Zumindest, wenn es Euch persönlich betrifft.“ Xanthrax klopfte sich auf die Brust: „Das schwöre ich bei Angrosch.“
Er musterte Gunnar eingehend und behielt ihn dann während des Gesprächs im Auge, wenn auch deutlich subtiler als man bei einem Zwerg meinen mochte. Sein Hauptaugenmerk galt offensichtlich seiner Pfeife; den Hafenwächter beobachtete er nur aus den Augenwinkeln heraus, gelegentlich durchbrochen durch ein freundliches, aufforderndes Lächeln und einem anerkennenden Nicken. Gunnar, der langsam den blauen Unterton der Unterkühlung verlor, kam in der warmen Umgebung nach und nach wieder zu seinem alten Selbst zurück. Eifrig schlürfte er an einem warmen Getränk, das irgendwer ihm gereicht hatte und schien hauptsächlich darauf konzentriert. Dann aber hob er den Kopf und sah Salinda und den Zwergen nacheinander nachdenklich an. Man konnte in seinem Gesicht förmlich sehen, dass er innerlich mit irgendwas am ringen war. „Ihr schwört, dass alles hier gesagte unter uns bleibt?“ versicherte er sich abermals vorsichtig in Richtung Zwerg, blickte dann zu Salinda und fragte: „Kann ich selbiges bei Euch auch annehmen?“ Seine eine Hand begann sich dabei fester um die Münzen zu krampfen, die ihm Salinda zuvor zugesteckt hatte.
Die beiden anderen Hafenwächter sahen sich nur an und verschwanden anschließend einvernehmlich in einen Nebenraum und schlossen die Zimmertür hinter sich, so dass das Gespräch unter den drei Personen blieb. „Selbstverständlich", sagte Salinda. „Ich schwöre bei Phex und den 11 anderen Göttern auf mein Leben und das Vermögen meines Handelshauses." Sie war froh, dass der Hafenwächter von sich aus noch etwas beizusteuern hatte und sie ihn nicht detailliert befragen musste. Jetzt war sie gespannt, was Gunnar ihnen erzählen würde. Der nasse Hafenwächter sah noch einmal von einem zum anderen und sein Gesichtsausdruck bekam etwas beklommenes. So, als wäre er sich nicht ganz sicher, was jetzt das richtige war, zu tun. Gunnar faste sich nach ein paar Herzschlägen allen Mut zusammen, den der gerade aufbringen konnte, senkte sie Stimme noch ein wenig und berichtete: „Also hohe Herrschaften …. wenn es mir nicht zum Ungunsten ausgelegt wird, kann ich vielleicht doch etwas berichten. Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich hier vielleicht ungerechtfertigt jemanden in Verdacht bringe oder so.“ Er stockte einen Moment, schluckte und setzte nochmal neu an zu sprechen: „Als ich meine Runde tat, da habe ich an einem anderen Anleger jemanden von der Mannschaft gesehen. Eine Matrosin machte gerade ein kleines Ruderboot fest, als ich auf meinem Wachgang vorbei kam.“ Gunnar suchte in den Blicken seiner beiden Zuhörer nach Anzeichen, ob er gefahrlos weitersprechen konnte oder ob sich bereits erste Regungen zeigten, ihn doch verurteilen zu wollen. „Sie eilte sich zu berichten, dass sie nach der Concabella gesehen hat, weil wohl noch irgendwer auf dem Schiff zurück gelassen wurde. Anschließend drückte sie mir auch eine Münze in die Hand .. ein Silbertaler gar! Und meinte, ich sollte vergessen, dass ich ihr begegnet bin.“ Gunnar zuckte unbeholfen die Schultern. „Ich habe mir nichts gedacht und da ich die Frau im Geleit der Mannschaft gesehen habe, glaubte ich ihr das. Daher weiß ich auch nicht, ob ich hier jetzt nicht falsche Verdächtigungen erwecke.“
Bei Gunnars Worten hob Xanthrax überrascht die Augenbrauen an. Also waren ihre Vermutungen doch richtig gewesen. Jemand aus der Mannschaft; eventuell sogar mit Zugang zu sämtlichen Räumlichkeiten. Das war schlecht. Der Ambosszwerg warf Salinda einen prüfenden Blick zu, ehe er Gunnar anerkennend auf die Schulter klopfte. „Das war sehr mutig von Euch. Ich habe Männer und Frauen getroffen, die das nicht getan hätten.“ Xanthrax überlegte kurz. Es war ein Anfang, doch damit alleine würden sie nichts wirklich bewirken können. Deswegen räusperte er sich und ließ die Hand auf Gunnars Schulter ruhen: „Es wird Euch selbstverständlich nicht zu Euren Ungunsten ausgelegt. Doch wir bedürfen dennoch Eurer Hilfe. Könnt Ihr uns die Frau beschreiben? Wir werden selbstverständlich Euren Namen weder erwähnen noch sonst etwas oder überhaupt auf Euch aufmerksam machen.“ Ein Silbertaler war nämlich recht viel für eine vermeintlich normale Tätigkeit am Schiff. Verdammt viel. Da musste etwas faul sein - und erinnerte sich an Filwalds Erzählungen über jene Matrosin, die ein besonderes Interesse an seiner Behauptung gehegt hatte.
Gunnar benötigte einen Moment, sich die Gestalt wieder vor Augen zu führen, doch dann fing er recht zielsicher zu beschreiben an. Während er sprach wurde ziemlich schnell klar, dass Xanthrax und Salinda die besagte Matrosin auch schon des öfteren unter den Mannschaftsmitgliedern gesehen hatten. Soweit sie es zuordnen konnten, umschrieb Gunnar ziemlich genau die Äußerlichkeiten der Oda Hugendubel. Damit hatte Salinda nicht gerechnet. Es erklärte, warum die Besatzung des Kahns wie vom Unglück verfolgt wirkte. Aber die Kauffrau wusste auch nicht, ob die Matrosen Und Matrosinnen schon ewig zusammen arbeiteten oder erst vor kurzem zusammen gefunden hatten. So oder so würde Die Kunde von der Verräterin sicher die eine oder den anderen überraschen. An Xanthrax gewandt sagte sie: „Ihr habt mir Sicher einiges voraus, was solche Abenteuer angeht. Was nun?“

„Eine sehr gute Frage.“ Xanthrax schenkte Gunnar einen dankbaren Blick und steckte ihm einen ganzen Silbertaler zu. „Den habt Ihr Euch redlich verdient. Wir werden Euch nicht in Schwierigkeiten bringen.“ Er bedeutete Salinda ihm nach draußen zu folgen, wo man sich ungestört unterhalten konnte. Nach einem kurzen Vergewissern, ob sie auch wirklich alleine waren, setzte er sich langsam in Bewegung und sprach mit gedämpfter Stimme: „Ich weiß nicht, wem wir überhaupt trauen können. Der Frau Kapitän traue ich nicht zu, entgegen den Wünschen des Herzogs zu handeln, aber trotzdem.“ Xanthrax kramte in seiner Brusttasche nach seinem Flachmann, einen kräftigen Schluck nehmend, ehe er ihn auch Salinda hinhielt. Ein Schnaps, der nicht brannte, aber doch wärmte – gute Qualität, eindeutig. Vom Geschmack her handelte es sich um einen Schnaps aus den Früchten der Eberesche. Dabei verstaute er auch seine Pfeife. „Und wir dürfen nicht zu auffällig vorgehen, immerhin haben wir Gunnar unser Wort gegeben.“ Er strich sich nachdenklich über das Kinn. „Sie direkt zu konfrontieren bringt nichts. Wir haben auch keine wirklichen Beweise. Nein, das ist nicht des Rätsels Lösung ...“ Er sah zu seiner Begleitung auf. „Wir könnten aber einmal vorsichtig vorfühlen, wenn wir bei einer Nachbesprechung sind, ob es denn Neuzugänge bei der Mannschaft gab. Das in Erfahrung zu bringen sollte möglich sein. Wenn die gute Frau länger dient, wird es schwierig, wenn nicht, dann haben wir etwas in der Hand. Wie klingt das für Euch?“ Salinda nahm einen Schluck vom Schnapps, dessen Wärme ihre Lebensgeister zurückrief. Ihr Blick glitt über die nächtliche Szenarie, die ihnen Klipphag bot. „Ich bin nicht sicher. Wenn beispielsweise wer anders sie auch noch gesehen hat, wäre eine Konfrontation vielleicht sogar weise." Sie hauchte einen tiefen Seufzer aus, der in der kalten Luft eine Wolke bildete, die nur aufgrund des hellen Mondlichts sichtbar war. „Was mich vielmehr interessiert und mich dazu neigen lässt, euch zuzustimmen: Hat sie allein gehandelt?" Salinda kramte ihre Pfeife hervor und stopfte sie mit dem Tabak, den sie in der der Stadt am Vortag hatte kaufen können. „Ich würde gerne Phelinda die Informationen anvertrauen, die wir erworben haben. Ich bürge für ihre Aufrichtigkeit. Was hieltet ihr davon, Filwald mit ins Vertrauen zu ziehen? Seine Sorgen gestern Abend wirkten aufrichtig und wir brauchen Verbündete." Salindas Worte machten Sinn. Eine direkte Konfrontation konnte den ganzen Spuk um die vermeintliche Sabotage lüften, wenn sie denn noch weitere Zeugen auffinden konnten. Es bestand natürlich auch die Möglichkeit, sehr hoch zu spielen und selbst zu behaupten, die Frau gesehen zu haben, doch das war nicht in seinem Sinne – und sie hatten Gunnar ihr Wort gegeben. „Es wird sicher eine Nachbesprechung geben, sobald sich der erste Trubel gelegt hat. Wenn wir dort die Ohren spitzen, dann erfahren wir schon, ob jemand noch die gute Frau gesehen hat oder nicht.“ Xanthrax verstaute seinen Flachmann wieder in den Untiefen seiner Schürzentaschen und steckte sogleich seine Hände hinein. „An Filwald habe ich auch schon gedacht. Verschlimmern können wir sowieso wenig, zumal wir uns davor hüten, jemanden direkt zu beschuldigen. Ein wenig Wirbel könnte sogar guttun. Entscheiden können wir uns nach dem Gespräch mit Eurer Tochter und Filwald immer noch, wie wir schlussendlich vorgehen. Ich bin dafür.“ „Sehr gut. Wollen wir dann zurück ins Gasthaus? Phelinda war vorhin nicht genug bei Kräften, um mit hinaus zu stürmen. Aber ich bin unsicher, wie lange wir hier verweilen werden." Sie blickte zum Hafenbecken, in dem die Concabella nicht länger lag. „Und je früher wir dem Schiff nachsetzen, umso schneller werden wir zu unseren Freunden und Freundinnen aufschließen." „Einverstanden.“ Xanthrax nickte Salinda zu. „Ihr könnt stolz auf Eure Tochter sein – sie ist sehr tapfer.“ Diese Aussage ließ er schlicht so stehen. „Ich hoffe nicht allzu lange. Mir geistert schon seit geraumer Zeit die Frage im Kopf herum, ob diese ganzen Pausen von der Frau Kapitän eingeplant sind oder nicht. Wenn ja, würden sie dem Saboteur eine Möglichkeit zur Routine geben. Und ich hoffe durch unser Wissen den Hintermann oder die Hinterfrau ebenso ausfindig machen zu können.“

Gasthaus Ratshof

Als Salinda und Xanthrax wieder im Ratshof einkehrten, erwartete Phelinda sie bereits. Der Gastwirt selbst war nicht zugegen, aber einer der Jungen war zurückgekehrt und hatte Wasser aufgesetzt. An ihre Tochter gewandt fragte Salinda: „Geht es dir wieder etwas besser?" Die Ritterin antwortete mit einem schiefen Grinsen: „Etwas besser, ja. Peraine sei Dank." „Das freut mich zu hören.“ Xanthrax nickte Phelinda ehrlich erfreut lächelnd zu. „Wenn Ihr wieder auf dem aufsteigenden Ast seid, kann das nur von Vorteil für unsere Gruppe sein.“ Salinda blickt einmal zum Jungen hinter dem Tresen herüber, fragte aber nichts. Ihre Tochter verstand jedoch auch ohne Worte und gab leise zurück: „Ich weiß auch nicht. Als ich runter kam, war er bereits da. Vermutlich wollte der Wirt sein Gasthaus in Sicherheit wissen." Phelinda befeuchtete ihre Lippen. „Ich habe alles gepackt, würde aber gerne noch einen Schluck Tee zu mir nehmen." Salinda sagte: „Dann werde ich das Gepäck holen. Xanthrax, könntet Ihr Phelinda auf den neusten Stand bringen?" Er setzte sich zu Phelinda und bestellte sich einen Tee, den er sogleich mit einem kräftigen Schuss Schnaps verfeinerte. Diesen schob er seiner Tischnachbarin zu und legte die Hände im Schoß zusammen. „Eure Mutter und ich haben einige interessante Erkenntnisse gewinnen können, welche unsere Vermutungen zu untermauern scheinen.“ Xanthrax begann dann von ihrem Gespräch mit Gunnar zu berichten, ebenso über die Beschreibung, welche auf Oda passte, sparte dabei aber Namen und weitreichende Details aus. Aus den Augenwinkeln heraus beobachtete er dabei immer wieder den Jungen und bemühte sich um einen beiläufigen, unauffälligen Ton, der aber durchaus als leise einzustufen war.
„Unser nächster Schritt wird sein, sich mit Filwald zusammenzusetzen und der vermutlich folgende Nachbesprechung beizuwohnen“, schloss er das Gespräch ab. „Was haltet denn Ihr davon?“ „Das klingt nach einem soliden Plan." Phelinda nippte an ihrem Tee mit etwas Koxal darin. Sie schmeckte den Geschmack der Vogelbeeren heraus. Dieser Sohn Angroschs hatte wirklich einen vorzüglichen Geschmack, was Alkohol anging. „Wir sollten uns alsbald auf den Weg machen und zur Concabella zurückkehren." Phelinda war wohl aufgefallen, dass Xanthrax den Jungen kritisch beäugt hatte. Mehr als verständlich, angesichts der Brisanz ihres Gesprächsinhalts. Jetzt jedoch brauchte sie ihn. „He, Junge. Komm doch einmal herüber." Sie hatte sich den Namen nicht merken können und ihr Ton war schärfer als gewollt. Mit mehr Ruhe und Wärme in der Stimme fragte sie nun nach: „Haben die anderen noch Gepäck im Haus, das wieder an Bord der Concabella muss?" Sie war sich bewusst, dass die meisten vermutlich nur mit leichtem Gepäck gereist waren, aber in der Eile während des nächtlichen Alarms mochte etwas zurückgeblieben sein. Phelinda trank den Rest ihres Tees in gemächlichen Zügen. Dann teilten die drei das Gepäck unter sich auf, das wieder auf das Schiff zurückwollte. Phelinda trug den leichtesten Teil, doch ihr Rücken beklagt sich dennoch bei ihr. Aber immerhin löste nicht jeder Schritt eine Kaskade Schmerz nach der anderen. Xanthrax nickte abschließend und tat es Phelinda gleich, wobei er ihr, unauffällig, eine Stützmöglichkeit anbot. Er wollte ihr keine Blöße geben. Sie war eine stolze und aufrechte Frau und so behandelte er sie auch. Selbstverständlich beteiligte er sich auch am Gepäcktragen. Das war schließlich das Mindeste. Als Filwald die Concabella davon treiben sah, war sein erster Gedanke, das Boot irgendwie wieder einzuholen und festzumachen. Die Befehle der Kapitänin rannten bei ihm offene Türen ein. Als er aber bereits Oda und Luzia auf einem Boot dem Dreckskahn hinterher paddeln sah, zögerte er. Zeitgleich entdeckte er Jerg, der anscheinend an Bord geblieben war. Es sollten ja eigentlich noch weitere Matrosen an Bord geblieben sein. Mit etwas Glück würden die diesen niederhöllischen Kahn schon wieder in den Griff bekommen, auch ohne ihn. Alleine wäre er ohnehin keine große Hilfe, ihm fehlte eine Hand, die die Seile werfen konnte. Filwald verzögerte seine Schritte weiter. Der Kahn hatte sich mit Sicherheit nicht alleine vom Kai gelöst. Wenn diejenigen, die ihn frei gemacht hatten ihn entführen wollten, warum trieb der dann langsam und gemächlich von dannen? Warum waren nicht alle an Bord überwältigt und über Bord geworfen, die Segel gehisst und die Concabella bereits über alle Wellen verschwunden? Oder waren die Täter am Ende noch hier, an der Anlegestelle? Sollte das nur wieder ein weiterer seltsamer Zug in einem Spiel sein, dessen Regeln er noch nicht verstand? Filwald blieb am Kai stehen. Er hielt einmal Ausschau nach der Concabella, ob er irgendwelche Aktivitäten von fremden Leuten sah, die versuchten, das Boot segelbereit zu machen. Gleichzeitig blickte er sich im Hafen um, ob er jemanden bemerkte, der das Boot eventuell los gemacht haben könnte.
Während Filwald sich umsah bemerkte er folgendes: Das Seil, mit dem die Concabella am Poller im Hafen festgemacht war, sah so aus, als hätte sich jemand mit etwas scharfen daran zu schaffen gemacht. Die zerfaserten Litzen der Seilstränge deuteten daraufhin, dass sie nicht natürlich gerissen waren.
Auch fiel Filwald beim Umherblicken auf, dass das Ankerseil des Flußseglers zerfranst am Schiffsrumpf hing. Es war ziemlich offensichtlich, dass wenn ein marodes Seil den Kahn nicht mehr am Poller des Anlegers hätte halten können, zumindest der Anker dafür sorgen sollte, dass das Schiff nicht weg driften konnte. Doch so wie Filwald schnell begriff, musste der Anker der Concabella abgeschnitten am Flussgrund liegen. Irgendwelche auffälligen Personen konnte er hingegen nicht ausmachen. Diejenigen, die zu sehen und allesamt hier anwesend waren, waren damit beschäftigt, die Situation in den Griff zu bekommen. Fluchend kam Firunhard am Steg, an dem die Concabella eigentlich liegen sollte, an. Hatte er doch tatsächlich nicht sofort den Alarmruf gehört. Tief geschlafen hatte er, erst als ihm ein anderer Gast wachrüttelte und fragte, wohin seine Mitreisenden so plötzlich hingerannt sind, war der Schlaf schlagartig verschwunden. Über die Treppe wäre er auch fast gestürzt, da er sich schon im Laufschritt die Stiefel angezogen hatte. ‘Hoffentlich wird mir diese Peinlichkeit dann nicht vorgeworfen. Wenn es denn nur bei einer Peinlichkeit bleiben wird und nicht durch mein Fernbleiben etwas Schlimmes passieren konnte.’ Keuchend sah er sich um, was nicht so einfach war, da doch ein paar Fünkchen, die so ein Sprint mit sich brachte, vor seinen Augen flimmerten. Zwei Boote dürften schon am Flusssegler angekommen sein. Wie konnte er nun doch noch helfen?
Der dicke und stets gemütlich wirkende Matrose Wipert kam kurz nach Firunhard ebenfalls am Anleger an. Er war vollgepackt mit Decken und etlichen Mänteln, die er auf Geheiß der Kapitänin herbringen sollte. Etwas verstört blieb Wipert neben Firunhard stehen und sah zur abtreibenden Concabella. „Beim Barte des Westwinddrachens!“ entglitt es ihm entsetzt. Doch sein Entsetzen wurde jäh vom harschen Ton der Salmfang fortgewischt. „Wipert! Endlich! Du tranige Seerobe. Das hat wieder mal viel zu lange gedauert. Verteil die Mäntel an die Mannschaft. Die zittern alle wie Espenlaub. Und Ihr da!“, die Kapitänin deutete ungeniert auf Firunhard, „Schnappt euch eins der Lotsenboote da drüben und setzt rüber! Ich glaube der erste Maat braucht jede Hilfe, die er bekommen kann.“ Dabei klatschte sie ungeduldig in die Hände um den rundlichen Matrosen Wipert, als auch Firunhard, zur Eile zu drängen.

Die Suche nach den Seilkappern hatte Filwald einiges an Zeit gekostet, leider vergeblich. Mehr als die offenkundigen Spuren, dass jemand die Taue durchgeschnitten hatte, konnte er nicht erkennen. Als er gerade wieder zum Anleger zurück kam, höre er die Aufforderung der Kapitänin an Firunhardt. Wenigsten hier konnte er sich eventuell noch nützlich machen dachte er, als er Firunhardt zurief: „Wartet, ich helfe Euch!“. Mit diesen Worten machte er sich zielstrebig auf den Weg zum übrig gebliebenen Lotsenboot. Das ließ sich Firunhard nicht zweimal sagen, schnell die Scharte wieder ausbessern. Schnell sprang er an Bord des Lotsenbootes und schnappte sich die Ruder. Übermütig wollte er gleich ablegen. Doch als Filwalds Ruf erklang, war er doch froh, weitere Unterstützung zu haben. Er reichte Filwald die Hand, damit dieser leichter an Bord kommen konnte. “Setzen wir gleich über, ich weiß ja noch nicht mal was eigentlich passiert ist, aber mal zu Concabella, dann sehen wir weiter.” Mit diesen Worten setzte er sich wieder zum Rudern und begann zum Schiff überzusetzen. Den leichten Schmerz der durch seine Hand wegen der letzten zugezogenen Blase ignorierte er. “Habt ihr vielleicht schon eine Ahnung, was eigentlich vorgefallen ist?” wandte er sich an Filwald während er versuchte mit kräftigen Ruderschlägen volle Fahrt aufzunehmen. „Jemand scheint das Ankertau und die Festhalteleinen gekappt zu haben, als die Concabella unbewacht im Hafen lag“, antwortete Filwald, während er mit dem anderen Ruder das Lotsenboot ebenfalls zur Flussmitte hin steuerte. „Soweit ich weiß,war Jerg dort alleine in der Nacht. Ich schätze, jemand will das Boot entführen. Nachdem das Abtreiben bemerkt wurde, sind einige Matrosen und Edle bereits mit zwei Booten übergesetzt. Ich hatte gehofft, im Hafen die Schuldigen stellen zu können, konnte aber leider niemanden entdecken. Mit etwas Glück, sind die noch an Bord“ Der Weg war mit zwei Ruderern dann doch schneller zu bewältigen als man als unerfahrener Flussschifffahrer vielleicht gedacht hatte. Und auch das Gespräch tat sein übriges, die ungewisse Zeit der Überquerung gefühlt zu verkürzen. So kamen Filwald und Firunhard ebenfalls bei den Lotsenbooten an, die bereits am Rumpf der Concabella längst gemacht hatten und in deren unmittelbaren Nähe auch die Kletterseile hoch zur Reling baumelten. “Dann mal hoch mit uns!” rief Firunhard Filwald zu und schnappte sich das erste Seil und kletterte an Bord der Concabella. An Bord zückte er doch vorsichtshalber seinen Dolch, da doch Filwald von einer versuchten Entführung gesprochen hatte. Er wartete auf den Ritter, diesem möchte er doch den Vortritt lassen. Sollte es doch zu einem Handgemenge oder gar Kampf kommen, wird dieser sicherlich mehr Erfahrung haben als er selbst. Seinen Bogen wollte er in diesem beengten Raum vorsichtshalber nicht einsetzen, sonst könnte er jemanden von seinen Begleitern treffen.

Auf der Concabella

Wackelig auf den Beinen ging Jerg aus der Kajüte heraus, nachdem er sich ein Hemd übergezogen hatte, auf dem kein Erbrochenes klebte. Es war sein letztes sauberes Hemd, wie er feststellen durfte. Auf Grund der starken Kälte in dem Raum suchte er seine dickste Kleidung heraus. Er spürte die Stille, das trippeln von Menschen fehlte, aber das Boot es knarzte und schwankte hin ung her. Flau im Magen stieg er die Stufen hoch und stellte erschrocken fest, dass sich das Schiff wirklich bewegte und irgendwie war keine Menschenseele zu sehen. Entweder er ist tot oder etwas gehörig schief gelaufen. Während er über das Boot lief kam Ihm in Erinnerung, dass er in einer Phase ausufernden Selbstmittleides die Matrosen davon überzeugte, dass er auf dem Boot bleiben wird. Leise sprach er vor sich hin „Jerg, deine Melodramatik, wenn es dir nicht gut geht tut dir nicht gut…“ Hastig sah er sich um. Sein flaues Gefühl wisch nun einer beginnenden Panik.
„Bei den zwölf Göttern, wenn diese Reise vorbei ist lauf ich nur noch zu Fuß!“ kam es aus ihm heraus und er suchte hastig das Oberdeck ab nach jemanden der sich mit Schiffen besser auskannte als er. Jerg, der auf eigenen Wunsch auf dem Schiff zurück gelassen wurde, lief durch die Decks der Concabella und stellte fest, dass er wirklich ganz allein war. Die Matrosen hatten seine Entscheidung nicht nachvollziehen können und ihn mehrmals versucht zu überzeugen, mit an Land zu gehen, doch nach einem herrisch bestimmenden „Lasst dem Herren seinen Willen, er ist alt genug!“ der Salmfang, ließen die Seeleute den edlen Herren mit seinem Willen und heißen Steinen in der Kajüte zurück. Nun war er die einzige Seele, die mit dem Schiff, im Sog der Flussströmung, abdriftete. Zumindest dachte er das, bis er ein lautes Krächzen, Schreien und Zetern aus einer Richtung vernahm. Auf dem Zwischendeck konnte Jerg aus Richtung des Hecks vom Innern des Schiffes “Alarmmm, Alarmmm!“ vernehmen. Die Stimme hatte etwas unmenschliches an sich, war aber klar und deutlich zu verstehen. Jerg, dessen Aufmerksamkeit in Richtung der seltsamen Stimme gelenkt wurde, konnte sehen, wie die Tür zum Offizierskasino offen stand und sein Blick bis zur noch dahinter liegenden Tür der Kapitänskajüte reichte, die ebenfalls offen stand.
Aus der unverschlossenen Tür zur Kapitänskajüte kam die Stimme in ungebrochener Lautstärke „Alarmm, Eindringling, Alarmmm“ Ging Jerg dem Gezeter nach, betrat er alsbald das Refugium der Salmfang. Die Kajüte der Kapitänin war eines herzoglichen Schiffes würdig. Die Wände mit schönem dunklem Holz verkleidet, die Gemälde an den Wänden zeigten maritime Szenen. Ein gemütliches Bett war an der rechten Seitenwand aufgebaut worden. Die Mitte des Raumes wurde durch einen großen Tisch dominiert, welche für Lagebesprechungen wunderbar genutzt werden könnte. An der Wand der Tür gegenüber stand ein großer Schreibtisch, übersät mit Papieren. An der linken Seitenwand stand eine Kommode sowie ein Standkäfig. In diesem saß ein buntgefiederter Papagei, welcher weiterhin aus Leibeskräften brüllte „Alarmmm, Alarmm, Eindringlinge...“ Als Jerg in den Raum kam, schien das Tier seine Bemühungen nochmals zu verstärken. Die Kommode war geöffnet, Sachen raus gerissen und wahllos in dem kleinen Zimmer verstreut. Irritiert sah sich Jerg um. Egal was passiert sein könnte oder sollte. So sollte eine Kommode nicht aussehen! „Vogel, sei mal leise! Oder erzähl mir zumindest was hier passiert ist!“ stöhnte Jerg auf. Durch das bewegen des Bootes wieder etwas flau im Magen war seine Laune doch nochmal spürbar gesunken. Der Blick viel zu der Kommode. „Sieht aus, als ob jemand was gesucht hat. Wurde er gestört oder war er fündig geworden?“ „Damit dir nicht kalt wird du Kauz. Ich mach dir die Tür zu. Das hier soll die Kapitänin besser wieder sortieren!“ Die Matrosin Oda hatte es so eilig mit dem Lotsenboot zur Concabella über zu setzen, dass sie sich mächtig ins Zeug legte und ein beträchtliches Tempo vorlegte. Sie wartete auch nicht auf weitere Unterstützung ihrer Matrosenkollegen, die fluchend am Kai zurück blieben. Böse Andeutungen wurden ihr hinter geworfen, dass ihr Heldenmut das Versäumnis der Eisschollenangelegenheit den Großmut der Kapitänin auch nicht schneller besänftigen würde und machten sich am dritten Lotsenboot zu schaffen, um hinter Oda und Luzia überzusetzen.

Der Nachthimmel über Klipphag war von Hektik zerschnitten – Glockenklang, Rufe, eilende Schritte. Aerin trat fröstelnd aus der Seitentür des Gasthauses. Ihre Stiefel waren hastig geschnürt, das Haar noch nicht ganz geflochten. Neben ihr atmete Erlberga schwer, aber wachsam. „Endlich,“ murmelte Aerin. „Da vorne – Rondragoras!“ Sie hatte ihn zwischen den Menschen erkannt, gerade dabei, mit kräftigen Ruderern in ein Lotsenboot zu steigen. Aerin hob den Rocksaum leicht an und eilte los. „Wartet, Herr Rondragoras!“ rief sie, kaum war sie nahe genug. Ihre Stimme war etwas atemlos, aber entschlossen. „Bitte... nehmt uns mit! Wir…“ Sie warf einen kurzen Blick zu Erlberga, die nickte und mit einem leisen „Ich erklär’s schon.“ die Worte übernahm. „Verzeiht unsere Verspätung, Herr. Wir… wir waren bei einer Heilerin im Obergeschoss.“ Ihre Stimme war klar, aber man merkte ihr an, dass sie das nicht leichtfertig sagte. „Ein Gast hatte Fieberkrämpfe im Schlaf, und wir konnten sie nicht allein lassen. Aerin blieb bei ihr, während ich Hilfe holte. Als wir zurückkamen, war das Gasthaus schon halb leer.“ Aerin ergänzte leise: „Wir wollten sofort hinterher, aber… es war niemand mehr da. Und die Hafenstraße, sie war voller Leute, wir haben einen Moment gebraucht, euch zu finden.“ Sie sah auf das treibende Schiff in der Ferne und ballte die Hände. „Wir möchten gerne mitkommen um zu helfen.“ Sie trat einen Schritt näher ans Boot, bereit, einzusteigen, die Kälte der Nacht und die Müdigkeit in ihren Gliedern schienen keine Rolle mehr zu spielen. Kurz nachdem sich Aerin zu Rondragoras ans Boot gesellt hatte, kamen auch schon zwei weitere Matrosen angelaufen und folgten dem aufbrausendem Tonfall des Junkers zu Kronenhag. „Darf ich mal, werte Dame!?“ drängelte sich der eine an Aerin vorbei, während der zweite sie ungefragt, aber sanft, mit ins Boot manövrierte. Entschuldigend meinte der Mann, der sie vorsichtig schob: „Verzeiht, aber es bleibt wohl keine Zeit um Anstandsfragen zu stellen, setzt Euch. Die Kapitänin will, dass das Schiff eingeholt wird.“

Aerin stolperte fast einen Schritt nach vorn, als der Matrose sie sanft, aber bestimmt ins Boot manövrierte. Einen Augenblick lang wollte sie protestieren, doch als sie den ernsten Ausdruck in seinem Gesicht sah, presste sie die Lippen zusammen und nickte nur. „Schon gut,“ murmelte sie knapp und setzte sich so, dass sie niemanden im Weg war. Der kalte Nebel vom Fluss kroch ihr in den Kragen, aber sie hielt den Blick fest auf das dunkle Wasser gerichtet, während die Ruder mit kräftigen Schlägen eintauchten. Neben ihr knirschte das Holz, als Erlberga Platz nahm, und das gleichmäßige Atmen der Ruderer füllte die Stille zwischen den Befehlen. „Kein Platz für Anstandsfragen“, murmelte sie leise, mehr zu Erlberga als zu irgendjemand anderem, und zog den Mantel enger um die Schultern. Als der dunkle Rumpf der Concabella schließlich auftauchte, wie ein riesiger Schatten im schimmernden Wasser, pochte ihr Herz spürbar schneller. Der Fluss trug sie sanft an das Schiff heran, und kaum hatten sie den Rumpf erreicht, griff Aerin entschlossen nach dem nassen Seil, das ein Matrose hinaufgeworfen hatte. „Dann mal los“, flüsterte sie, mehr zu sich selbst als zu irgendjemand anderem, und zog sich mit festen Griffen hoch, das Schwert an ihrer Seite klirrte leise. Oben auf dem Deck empfing sie kalte Nachtluft und das ferne Kreischen eines Vogels, das aus dem Inneren des Schiffs drang. Sie holte einmal tief Luft und sah sich um – bereit, jede Aufgabe anzunehmen, die sie erwartete.

Feind entdeckt

Luzia ihrerseits hatte noch niemals ein Ruder in Händen gehabt und wusste, dass sie die kurze Reise alleine nicht schaffen würde. Ungeduldig saß sie in ihrem Lotsenboot, das Anlegeseil nur mehr lose in einer Hand haltend, und winkte den Matrosen zu. Einige davon erkannte sie wieder, auch wenn sie die Namen der Männer und Frauen nicht kannte, und die Junkerin rief ihnen ungeduldig zu. „Kommt hierher, an die Ruder. Schneller, wir haben nicht den ganzen Tag, die Concabella treibt immer weiter ab.“ Alsbald sich drei Matrosen zu ihr gesellt hatten ließ Luzia das Seil los und legte mit ihrer Gruppe ab, erst etwas später als Oda. Doch als sie die Geschwindigkeit sah, mit der die geübten Matrosen in Richtung des Schiffes rudern konnten, war sie überzeugt die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Selbst begnügte sie sich damit, im Bug zu sitzen und den Matrosen Ermutigungen zuzurufen, als die kleine Gruppe schnell zur abtreibenden Concabella aufschloss.
Die erfahrene Matrosin in ihrem Lotsenboot war durch kräftige Ruderschläge schnell bei dem Flusssegler angekommen und machte sich ohne Umschweife daran, die Concabella zu betreten. So dauerte es nicht lange, bis auch sie auf dem Deck stand und das Kreischen des Papageien aus der Kajüte der Salmfang wahrnahm. Ein paar Herzschläge lang konnte man sie an Deck stehen sehen, nachdenklich in Richtung Heck schauend, dann schien sie sich für etwas anderes entschieden zu haben und sie machte sich auf zum Abgang in den Kahn hinein. Luzia und drei Matrosen waren nicht ganz so schnell wie Oda, aber auch das zweite Lotsenboot erreichte bald den Rumpf des Schiffes. Eilig wurde ein im Boot vorhandenes Seil mit mehreren Überhandknoten und einem befestigten Enterhaken am Ende zur Reling hoch geworfen. Auch wenn diese provisorische Kletterhilfe recht abenteuerlich erschien, half sie doch dabei, auf das Schiff zu gelangen. Zwei der drei Matrosen warteten ab, während der erste Maat Rajhaman bereits das Seil ergriff und den Aufstieg aufs Schiff begann. Luzia ergriff als Nächste das Seil, wandte sich jedoch noch einmal an die beiden anderen Matrosen, bevor sie sich bewegte. „Der Letzte bindet dieses Boot bitte fest. Sie gehören der Stadt Klipphag und ich möchte den Verlust nicht verantworten. Alles klar?“ Und mit diesen Worten zog sich die Junkerin überraschend schnell am Seil hoch, während sie sich mit den Füßen gegen die Seite der Concabella stabilisierte. Nicht lange nach Rajhaman schwang sie sich über die Reling auf das Deck des Flussseglers.
Oda war bereits irgendwo verschwunden und zu Luzia, nebst Maat neben ihr, drang das Gekreische des Vogels der Kapitänin. Mit etwas Anstrengung konnte man es aber im Bauch des Schiffes Rumpeln hören, so als wälzte sich jemand sehr ungestüm durch das Unterdeck. Der Maat sah ziemlich irritiert drein. Seine Aufmerksamkeit lag voll und ganz in der Richtung, von wo es lauthals Alarm kreischte. Etwas abwesend meinte Rahjaman zu Luzia: „Ich schau mal da nach dem Rechten.“ und deutete hin zum Offizierskasino mit der dahinter liegenden Kajüte der Kapitänin. Doch Rajhaman kam nicht weit. Bereits als er sich umdrehte, spürte er wie sich die Hand der Junkerin fest um seine Schulter schloss. „Ich verstehe nichts von Schiffahrt, weder zur See, noch zum Flusse. Das ist eure Aufgabe. Ihr drei-“ Ihre Hand beschrieb einen kleinen Kreis, welcher den Maat und das Seil einschloss, auf dem die anderen beiden Matrosen das Schiff erkletterten- „seht zu, dass ihr die Concabella unter Kontrolle bekommt. Das bezieht sich auch auf Oda, weiß Praios wohin sie verschwunden ist. Wenn ihr sie seht, dann soll sie euch bitte helfen.“ Ein kurzer Blick über die Schulter verriet Luzia von Nadelgrat, dass das dritte Lotsenboot nicht gefolgt war, und sie kämpfte einen kurzen Moment der Frustration nieder, setzte dann in einem gelassenen Befehlston fort. „Wenn ihr das Schiff mit so wenigen Händen nicht zurück in den Hafen bekommt, schaut, dass ihr uns an die rechte Flusseite bekommt. Zur Not setzt uns auf eine Sandbank. Besser das und auf weitere Hilfe warten, als ziellos abzudriften. Ich werde derweil nach dem Rechten sehen, sicher stellen, dass unser gestriges Leck noch dicht hält und eventuelle Eindringlinge neutralisieren. Alles klar?“ Die Junkerin sah in die Runde, mittlerweile waren die anderen beiden Matrosen ebenfalls am Seil hochgeklettert. „Dann los. Zeit das Herzogsschiff zu retten - Oh, und Rajhaman: Als erstes, verschließt bitte den Aufgang zur Vorderseite des Schiffs.“ Selbst ohne den Lärm der aus der Kapitänskajüte drang schrie jeder Instinkt in Luzia, dass hier rein gar nichts aus Zufall heraus geschehen war, und sie eilte mit gezogenem Dolch in die Richtung aus der sie das Geschrei vernahm.
Das verdutzte Gesicht des ersten Maats war sicherlich zu anderer Zeit Gold wert, gesehen zu werden. Unter den gegebenen Umständen allerdings mündete der verwunderte Blick Rahjamans in einem Nicken und er orientierte sich zu seinen Kumpanen um, die just die Reling erklommen hatten.
Mit befehlsfester Stimme wies er die beiden anderen Matrosen an, sich um die Takelage zu kümmern, während er selber verkündete, sich dem Ruder anzunehmen. Solange sich also die drei Mannschaftsmitglieder um das Schiff kümmerten, konnte sich Luzia getrost der Kapitänskajüte widmen. Der Weg durch das Offizierskasino war schnell zurück gelegt und dann stand Luzia auch schon neben Jerg in der verwüsteten Kajüte der Salmfang. Der Anblick war der selbe, den sich schon Jerg einige Minuten zuvor offenbarte: eine geöffnete Kommode und Sachen, die raus gerissen und wahllos in dem kleinen Zimmer verstreut waren. In dem Moment, als Luzia von Nadelgrat die Kabine betrat, fanden ihr und Jergs geschultes Auge in dem ganzen Durcheinander einen Brief, der mit dem Wappen des Barons von Kyndoch gesiegelt war. Allerdings schien das Siegel bereits einmal gebrochen worden zu sein und nur notdürftig wieder zusammengeflickt. Der Brief war augenscheinlich vom Baron zu Kyndoch an die Kapitänin persönlich adressiert. Der buntgefiederte Vogel in seinem Käfig wurde schon heiser, doch unermüdlich krähte er weiter: „Alarm! Alarm, Alarm! Eindringlinge!“, bis er auf einmal in eine Tirade aus Schimpfwörtern verfiel, „Seepockiges Pack! Finger weg! Matrosenabschaum! Blinde Seekuh, trollige! Dumme Eisschollenwache! Lass das! Finger weg! Alarm!“
„Oh. Werte Dame von Nadelgrat. es freut mich, dass ich nicht alleine hier bin. Aber wie kamt Ihr hierher?“
Verwirrt schaute Jerg zu der Luzia von Nadelgrat hin. „Und ich weiß wie das aussehen mag! Aber ich schwöre bei Praios, dass ich nichts getan habe! Ich bin nur dem lärmenden Vogel gefolgt!“ Wenn Jerg noch Farbe im Gesicht hatte, war diese nun weg, während er sich verzweifelt umschaute und einen auffälligen Brief erblickte, aber nicht traute danach zu greifen. „Von Mitterberg?“ Im Moment als die Junkerin Jerg erblickte, spielten sich für einen Moment Überraschung, Verwirrung und Misstrauen in ihrer Mine ab, bevor sie wieder Kontrolle errang und sich ihre Gesichtszüge glätteten. „Das Schiff treibt frei am Fluss, habt ihr irgendwelche Eindringlinge gesehen, gehört, irgendetwas?“ Die Intensität mit der die dunklen Augen der Junkerin Jerg anstarrten war, als würde sie versuchen seine Gedanken selbst zu ergründen, bevor sie seinem Blick zum Brief folgte. „Was geht hier vor? Seit wann seid ihr hier, Jerg?“ Ihr war bewusst wie verwundbar sie durch diese Konversation wurde, wenn ihre Vermutung stimmte und sich tatsächlich noch mehrere Eindringlinge auf dem Schiff aufhielten, weshalb sie die Türe zur Kabine mit dem Fuß zu stieß, jedoch ohne sich dabei von Jerg abzuwenden. Nun würde sie zumindest einen Moment der Warnung erhalten, sollte jemand versuchen sich ihr von hinten anzunähern. Unruhig schaute Jerg zu Luzia. „Ich habe mein Schwert in der Kajüte, ich hatte nicht erwartet dass ich mehr zu tun habe als meinen Magen erneut zu entleeren!“ Jerg begab ich vorsichtigen Schrittes in die Richtung aus der er ursprünglich gekommen ist. „Kommt Ihr mit Werte Dame von Nadelgrat? Ich würde mich doch wohler fühlen euch mit eurem Schwert an meiner Seite zu wissen.“ Jahrelange Erziehung in höfischem Gebaren und an den Waffen hatten Luzia eine gute Kontrolle über ihre Mimik verliehen, sodass aus ihrem Gesicht wenig abzulesen war, doch sie zögerte. Jerg war ihren Fragen ausgewichen, so viel musste ihr klar sein, auch wenn es der Junkerin unangenehm war, wie verdächtig ihn das in ihren Augen aussehen ließ - nein, aussehen lassen musste. Sie ließ noch einmal ein prüfendes Auge durch die Kajüte der Kapitänin gleiten, suchte nach Anhaltspunkten oder Inspiration, bevor sie mit der Hand auf die Tür wies. „Natürlich, bitte nach euch.“ „Danke werte von Nadelgrat.“ Jerg ging vor zur Kajüte. Vorsichtig spähte er um jede Ecke auf dem Weg. „Zu Ihrer Frage von eben, ich bin nur Augenblicke vor Ihnen angekommen und ich wüsste selbst gerne, was hier los ist.“ Jerg spähte um eine Ecke in seine Kajüte hinein. „Sieht leer aus. Aber mir gefällt die Sache generell nicht.“ Jerg kramte in seinen Sachen herum und nahm das alte Familienschwert in die Hand. „Ich bin nicht so gut wie mein Bruder im Schwertkampf, aber besser damit als nur mit meinen Fäusten!“
Er schaute Luzia von Nadelgrat ernst an. „Danke, dass Ihr an meiner Seite seid. Ich bin zwar der Narr und das Sorgenkind in meiner Familie, aber ich bin kein Halunke. Wollt Ihr, dass ich vorgehe? Falls Ihr mir nicht traut, habe ich Verständnis dafür.“
Während des gesamten Weges zu Jergs Kabine hatte Luzia die Ohren offen gehalten, ob sie das Rumpeln im Inneren des Schiffes abermals hören konnte oder ob von Oda irgendetwas zu hören oder zu sehen war. Gerade deshalb hielt sie ihre Antworten in einem leisen Konversationston, über den das Gluckern des Flusses an den Schiffsplanken und das Rumpeln der Matrosen an Deck noch klar verständlich war. „Ich gehe davon aus, dass jemand des Nachts hier eindrang und hinterher alle Kabel kappte, welche die Concabella am Hafen fest machen sollten. Die tatsächliche Frage ist, ob sich noch jemand hier befindet.“ Während Jerg sich ausrüstete, wartete Luzia vor seiner Kabine und spähte stets nach Links und Rechts, entspannte sich aber langsam. Sie wollte ihm nicht zu einhundert Prozent vertrauen, noch nicht, und sie würde ihn bei sich behalten, aber auf der anderen Seite wirkte Jerg ehrlich genug als dass sie nicht dachte er hätte etwas mit der Situation zu tun in der sie sich im Moment befanden. Er wirkte auch nicht dümmlich genug, um sich hinterher noch in der Kapitänskabine erwischen zu lassen. „Nein, ich denke es ist besser ihr bleibt hinter mir Jerg. Bitte haltet zumindest einen, wenn nicht zwei Schritt Abstand - es ist nicht wahrscheinlich, aber falls hier noch jemand lauert, dann brauche ich den Platz, bevor ich euch noch anspringe und wir uns gegenseitig behindern. Wir überprüfen jetzt noch den Laderaum und das Leck von Vorgestern, ob das noch dicht hält. Und wir haben noch eine Matrosin, Oda, die sich hier irgendwo herumtreibt.“ Luzia drehte sich ein letztes Mal in Jergs Richtung um, legte den Finger auf die Lippen und begann in Richtung des Abgangs voran zu schleichen, der weiter in den Bauch des Schiffes hinab führte.

Der kalte Wind vom Fluss biss Aerin ins Gesicht, als sie sich über die Reling der Concabella zog. Ihre Hände fühlten sich vom Rudern klamm an, aber der Adrenalinschub ließ sie die Kälte kaum spüren. Neben ihr landete Rondragoras mit einer geschmeidigen Bewegung auf dem Deck, Erlberga folgte kurz darauf. Das Schiff schwankte leicht unter ihnen, das Holz knarrte, und für einen Moment war nur das gleichmäßige Plätschern des Wassers gegen den Rumpf zu hören. Doch dann schnitt ein gellender Schrei durch die Nacht: „Alarm! Alarm! Eindringlinge!“ Aerin fuhr herum. Die Stimme klang schrill, fast wie von einem Menschen – aber sie konnte sie keiner Person zuordnen. Sekunden später folgte das heftige Rumpeln aus dem Inneren des Schiffes, so als würde jemand unten Möbel über den Boden reißen. Erlberga stellte sich automatisch dicht neben Aerin, die Hand am Schwertgriff. „Das kommt aus der Kapitänskajüte“, murmelte sie leise, mehr zu sich selbst. „Irgendwas stimmt hier nicht.“ Aerin ließ den Blick über das Deck schweifen. Es war still, zu still – nur ein paar Matrosen liefen hektisch an den Taue entlang, versuchten, das Steuer unter Kontrolle zu bekommen. Weiter vorn am Bug sah sie, dass jemand das Lotsenseil sicherte. Doch von der Kapitänin selbst fehlte jede Spur. Sie sah zu Rondragoras hinüber, der angespannt das Deck musterte. „Habt Ihr das gehört?“ fragte sie leise, wobei sie kaum die Lippen bewegte. „Da unten geht etwas vor sich…“ Für einen Moment zögerte sie, dann deutete sie in Richtung Niedergang. „Wir könnten nachsehen. Oder…“ Sie senkte die Stimme noch mehr und ließ den Blick kurz zum flatternden Großsegel wandern, „…erst oben helfen, das Schiff zu stabilisieren. Wenn wir abtreiben, nützt es nichts, zu wissen, was da unten vorgeht.“ Das Kreischen ertönte erneut, diesmal lauter und mit einem wirren Schwall an Schimpfwörtern. Aerin spürte, wie ihr Herzschlag schneller wurde. Ihr Blick glitt zwischen Rondragoras und Erlberga hin und her – sie würde deren Einschätzung abwarten, aber ihr Instinkt sagte ihr, dass sie bald handeln mussten. Als sich Jerg und Luzia aus der Kapitänskajüte zurück übers Deck zu den sehr minimalistischen Passagierkajüten begaben, konnten beide kurz einen Blick auf Aerin von Auenstein und Rondragoras von Stolzenbruch erhaschen, die dabei waren, auf das der Deck der Concabella zu klettern. Aber ungeachtet der beiden neu angekommenen Adelsleute, setzten Luzia und Jerg ihren Weg fort, damit sich der Edle ausrüsten konnte. Im Schiffsbauch, auf dem Deck wo die Gästekajüten waren konnte man noch eine Etage tiefer ein Rumpeln hören. Irgendwer schien ziemlich schwere Gegenstände über den Holzboden des Schiffes zu ziehen, doch dann war einen Augenblick Ruhe.
„Wie Ihr wünscht werte von Nadelgrat.“ Jerg folgte Ihr. „Hab ich das richtig gesehen, Ihr kamt glücklicherweise nicht ganz alleine?“ Jerg sah Luzia bedenlich an. „Von dem Leck hab ich gar nichts mitbekommen in meinem Delirium. Während Ihr euch um alles gekümmert hab, quälte mich eine Übelkeit wie ich sie nie erlebte.“ er schaute Nachdenklich zu Luzia. „Habt Ihr mal darüber nachgedacht, ob jemand vergiftet werden sollte und ich nur zufällig das falsche Glas bekommen habe? Ich halte mich zumindest nicht für wichtig genug, dass ich das Ziel sein sollte.“ er schaute sich um während er Ihr folgte. „Vielleicht die gleiche Person, die die Kabel sabotiert hat?“ Jerg schwieg eine Moment und ergänzte dann. „Oder ich bin einfach kein Mann für die See.“ und lachte halbherzig während das Schiff sich leicht bewegte und Ihm erneut flau im Magen wurde. Luzia seufzte innerlich auf. Sich in den Bauch des Schiffes zu schleichen, um dort eventuelle Eindringlinge zu überraschen konnte sie mit Jerg offenbar vergessen. Vielleicht auch richtig so, reflektierte sie, als sie am Abgang stand. Diese Stufen sahen ohnehin so aus als würden sie bei jedem Schritt ein Knarzen abgeben das durch das gesamte Schiff hinweg erklingen würde. Dann würde sie eine andere Taktik anwenden. Wenn schon kein Anschleichen, so konnte ein guter alter Ansturm womöglich noch Überraschung erwirken. „Das Problem ist - dies ist nicht die See: Dies ist ein Fluss. Mir wurde versichert, dass die Bewegung hier eigentlich in keinster Weise mit der See zu vergleichen ist. Ihr denkt stattdessen ihr wurdet vergiftet? Bei welcher Gelegenheit?“ Luzia verwendete bewusst einen unbekümmerten Konversationston, während sie sich innerlich sammelte. Bewegung sah sie dort unten keine, aber das hieß gar nichts. Mit einem Winken des Handgelenks bedeutete sie ihrem Begleiter noch ihr zu folgen, dann ließ die Junkerin jede Vorsicht sein und sprang förmlich die Treppe hinab zum Unterdeck, die Waffe für den Fall eines Hinterhalts bereits erhoben.
„Vermutlich nur meine Fantasie, welche mit mir durchgeht. Wahrscheinlich war nur das Essen schlecht.“ Jerg schaute sich um. „Ja, das stimmt es ist ein Fluss. Nicht die See.“ Das Schwert hielt Jerg fest in den Händen, bereit jederzeit zu parieren. „Wo geht‘s nun hin? Ihr wirkt, als ob Ihr einen Plan habt.“ Kaum hatte er das ausgesprochen, winkte Luzia seltsam mit Ihrem Handgelenk und ehe sich Jerg versah, tanzte sie in seinen Augen fast schon in einer unglaublichen Geschwindigkeit und Eleganz die Treppe zum Unterdeck herunter. Jeder Fuß von Ihr saß perfekt und Jerg war begeistert von Ihrer Eleganz im Kampf. Einen Moment später registrierte er, dass er besser hinterher sollte und mit deutlich weniger Eleganz und deutlich langsamer kam er Ihr hinterher. Luzia, Jerg und jeder der den beiden folgte kam im Unterdeck auf folgende Szenerie zu: sobald man den Abgang herunter kam, führte normalerweise ein schmaler Gang in Richtung Heck an der Kombüse und dem Vorratsraum zu einer eisenbeschlagenen Holztür, die bisher stets verschlossen gewesen war. So wie die Passagiere mitbekommen hatten, war dort wohl die Schatzkammer des Flussseglers verortet und bisher endete jeder Blick am massiven Türblatt mit seinen zwei Schlössern und dem Riegel zu dem Raum. Nun war aber der schmale Gang zur Kombüse und in Richtung Heck mit allerlei Zeug verstellt worden. Ein Regal aus der kleinen Schiffsküche versperrte den Durchgang in Richtung Schiffsende und einige Vorratskisten blockierten ebenfalls ein Durchkommen. Aber die Barrikaden waren durchschaubar genug, um die Matrosin Oda an der Tür der Schatzkammer auszumachen, mit einem Handbeil bewehrt und gerade dabei, ordentlich auszuholen, um mit der scharfen Klinge des Handbeils sich Zugang zur Schatzkammer zu verschaffen. TOCK - das Beil fuhr hernieder und hinterließ eine erste Kerbe am Schloss der Tür. TOCK - ein weiterer Hieb traf das Holz. Oda, die dort am hinteren Ende stand, versuchte mit verbissenem Gesicht das Holz der Tür zu bezwingen.

Luzia zögerte kaum einen Moment, und begann sofort, die ersten Kisten auf die Seite zu zerren. Überraschenderweise hatte sich die Matrosin nicht einmal umgewandt, als die Junkerin hinter ihr in den Gang trat, aber sie war sich beinahe sicher, dass sie nicht lange unbemerkt bleiben würde. Auch dass Oda sich im Moment an der Schatzkammer zu vergreifen schien wunderte sie nicht viel. Luzia wusste nicht, welches Motiv die Matrosin hatte, aber reflektieren konnte sie später. Im Moment war, zumindest in ihrem Kopf, entschiedene aber ruhige Aktion vonnöten. Dass Oda die Barrikade genau am Beginn des kleinen Korridors errichtet hatte war ein Glücksfall, wie es Luzia entfernt durch den Kopf ging. Weiter im Inneren, und sie hätte kaum Platz gehabt diesen Krempel zur Seite zu hieven. Glücklicherweise hatte sie Jerg mitgenommen, mit dessen Hilfe sich die improvisierte Barrikade in Windeseile in ihre Einzelteile auflöste. Das Regal kippte sie in einem letzten kleinen Kraftakt schräg zur Seite, bevor es ihr gelang sich darüber hinweg zu zwängen und zur Matrosin selbst vorzudringen. „Runter mit dem Beil.“ Luzias Befehl ertönte zwar laut und gut vernehmbar, zeugte aber auch von Ruhe und Gelassenheit und war mir einem sanften Lächeln auf den Lippen gesprochen worden. Ihr Schwert hielt die Junkerin gesenkt, die Spitze zeigte zu Boden. Jenes Lächeln erreichte jedoch nicht die dunklen Augen, welche unverrückt auf den Händen der Matrosin lagen und der Körper der Junkerin war gespannt wie ein Torsionsgeschütz. Sie wollte Blutvergießen vermeiden, aber wenn es dazu kam, dann würde sie sicher gehen dass es nicht ihr Blut auf den Planken sein würde. „Bitte Oda, legt das Beil hinunter. Und dann erklärt uns, was das ganze hier soll, wenn ihr so freundlich wärt.“ Um sich selbst machte sich Luzia kaum Sorgen, sie wusste wie man sich zur Wehr setzte, aber sie wollte unter keinen Umständen, dass die Matrosin das Beil in einer Verzweiflungstat durch den Schiffsboden versenkte, der nach allem was sie wusste genauso gut einen Schritt wie einen Zoll unter ihren Füßen liegen konnte. „Verfluchter Trollmist“ ließ Oda ihre Wut über die störrische Tür von sich. Das sie von Luzia und Jerg dabei erwischt wurde, wie sie sich gewaltsam Zugang zur Schatzkammer bahnte, schien sie kaum zu bekümmern. Wütend drehte sie sich um und blickte die Sprechende an, als wäre Luzia persönlich dafür verantwortlich, dass die Tür nicht so schnell nachgab, wie Oda sich das wünschte. Mit einem Angriffslaut, den man vielleicht schon mal beim Sturm eines Immanspielers auf einen Gegner gehört hatte, nahm Oda Luzia in den Fokus, duckte sich und rannte in geduckter Haltung, Schulter voran, in die Junkerin von Nadelgrat. Mit Wucht warf sich Oda gegen den Leib der anderen Frau, das Handbeil zwar noch fest in der einen Hand, aber so haltend, dass es weder Oda selber noch jemand anderes verletzte. Mit Kraft schob Oda Luzia ein Stück den Gang zurück und beide Leiber steuerten auf Jerg zu. Die Matrosin war offensichtlich nicht gewillt auf irgendwelche Fragen Antworten zu geben, sondern versuchte nun aus der beengten Umgebung mittels schierer Kraftanstrengung zu entkommen. Unwillig, die Matrosin ins blanke Schwert laufen zu lassen, ließ Luzia die Waffe auf die Planken klirren, und packte die anstürmende Frau stattdessen mit beiden Händen. Es dauerte einen - nein zwei Momente, während denen sie nach hinten geschoben wurde, bis sie einen guten Griff hatte und in der Lage war, sich mit ihrem vollen Gewicht gegen Oda zu stemmen. Die Frau war stark, doch zu ihrem Unglück galt das auch für die ausgebildete Ritterin. Doch die Junkerin war keinesfalls bereit, sich hier im Bauch eines frei treibenden Schiffs eine Kraftprobe mit einer Bewaffneten zu liefern, die möglicherweise zu allem bereit war. Einige Momente hielt sie ihren Widerstand aufrecht, bemühte sich, Oda zum Stillstand zu bringen, bevor sie nachgab und die Matrosin mit sich zog, im Versuch sie über ihr Bein zu werfen, so wie sie es von ihrem Schwertvater damals gelernt hatte. Luzia hoffte einfach inständig, dass Jerg sich hinter ihr bereit hielt, für den Fall, dass beide Frauen zu Boden gingen. Jerg machte einen Schritt zur Seite und wich den stürzenden Frauen aus. Rücksichtslos, dass Oda eine Frau war, ging er hin und tritt mit voller Kraft gegen die Hand, die die Axt hielt um Sie zu entwaffnen. Das Beil flog scheppernd davon. Dann stieg er von hinten auf und Schlug Oda fest mit dem Schwertknauf auf den Hinterkopf in der Hoffnung Sie zu Betäuben. Ein überraschtes Ächzen drang noch von der Matrosin, ehe sie reglos mit der Junkerin verschlungen liegen blieb und sie halb begrub. Die betäubte Oda hebte er von Luzia herunter und reichte Ihr die Hand. „Braucht Ihr eine helfende Hand von Nadelgrat?“ Er schaute zu Oda herüber. „Mit einem ähnlichen Schlag betäuben wir Schweine, wenn Sie wild geworden sind und drohen andere Tiere zu verletzen.“ Luzia packte die dargebotene Hand und richtete sich wieder auf. „Gute Arbeit von Mitterberg.“ Die Junkerin grinste leicht. „Gute Arbeit. - Wie schwer ist sie denn verletzt? Wir sollten sie fesseln, für den Fall, dass sie schnell wieder bei Sinnen ist.“ Luzia schaute auf die Matrosin hinab. „Ich glaube, dort hinten lose Seile gesehen zu haben, die einmal den ganzen Krempel hier gehalten haben. Wenn unsere Freundin sie nicht zu sehr zerschnitten hat, könnten wir sie damit sicher stellen.“ Dann wurde die Junkerin schlagartig wieder ernster und kniete sich über die niedergeschlagene Matrosin, um deren Hände zu packen und auf die Bodenplanken zu drücken - nur für den Fall. Luzias Zopf hatte sich in der Auseinandersetzung gelockert und als sie nachdenklich den Kopf schüttelte, entkamen diesem einige Haarsträhnen. „Zwölfe, was für ein Durcheinander dieser ganze Tag doch ist.“ „Ich hoffe, nicht tödlich verletzt. Ich weiß nicht, wie fest so ein Menschen Schädel ist.“ Er schaute zu Oda. „Ich hatte aber auch Glück. Sie lag so fest auf euch, dass ich einen freien Angriff hatte. Aber nun von Nadelgrat. Wisst ihr, was hier los ist?“
Jerg suchte nach einem Seil im Lagerraum. Lange suchen musste er nicht und er schnitt sich mit seinem Schwert gute zwei Schritt von einem Seil auf dem Boden ab. Er ging zurück zu Luzia, die Oda zu boden drückte und fing an das Seil um die Hände zu binden. „Ich habe nich- Naja, das stimmt nicht ganz. Das Schiff hat sich diesen Morgen losgemacht, oder viel wahrscheinlicher, wurde losgemacht.“ Luzia zögerte nur kurz, als sie sich die Worte zurecht legte. „Ich weiß nicht, ob Oda hier etwas damit zu tun hatte. Also dem Lösen des Schiffs. Sagt, wie lange wart ihr bereits in der Kajüte der Kapitänin, bevor ich euch dort gefunden habe?“ Die Junkerin überlegte, wie viel Zeit Oda gehabt hätte, diese zu durchsuchen, nachdem sie auf das Schiff geklettert und aus ihren Augen verschwunden war, oder ob sie vielmehr direkt hier in den Laderaum vorgedrungen war. Luzia überprüfte, ob die Fesseln der Matrosin saßen, bevor sie ihr Schwert wieder auflas und auch das Beil in ihren Gürtel steckte. „Kurz. Vielleicht wenige Minuten.“ Jerg schaute Luzia an. „Ihr scheint damit anzudeuten, dass noch mehr daran beteiligt waren als nur Oda?“ Jerg schaute zu Oda. „Ich weiß es nicht. Jedenfalls war diese Aktion fast schon lächerlich.“ Er schaute mit aufgerissenen Augen zu Luzia „Was ist, wenn Oda eine Ablenkung war?“ Luzia lächelte schief. „Was wenn Oda gar nichts damit zu tun hatte - nein, es tut mir Leid, aber ich denke nicht, dass sie die Verantwortliche für diese Situation ist. Ich würde sagen wir haben es bei ihr entweder mit einer Opportunistin zu tun, oder mit einem Missverständnis. Ich könnte natürlich falsch liegen. Aber das können wir entwirren, wenn die Frau Kapitänin wieder das Schiff betritt. Ich werde nur kurz überprüfen, dass wir noch nicht sinken, dann schaffen wir unsere Gefangene an Deck, dort können wir sie beaufsichtigen und gleichzeitig helfen, dieses Schiff zu retten.“ Luzia richtete sich auf, damit Jerg aber nicht lange allein mit Oda war, beeilte sie sich aber dabei, einen kurzen Blick in den Mannschaftsraum zu werfen, nur um zu überprüfen, ob das Leck das die Eisscholle im Schiff hinterlassen hatte noch dicht hielt. Das Leck war unangetastet und wies weiterhin die nötige Stabilität auf, die die notdürftige Reparatur gebracht hatte.

Die Gefangene

Aerin hatte kaum den Fuß auf das Deck gesetzt, da schien das Schiff ihr eine Geschichte ins Ohr zu flüstern – aber nicht in Worten, sondern in Knarren, in Rufen, in einem merkwürdigen Schweigen unterhalb der Planken. Das Kreischen des Papageis hatte aufgehört.
Stattdessen hörte sie jetzt dumpfes Poltern, irgendwo unter Deck. Es klang nicht wie das Trappeln von Matrosenstiefeln oder das Rutschen von Kisten. Es war schwerer. Erlberga trat an ihre Seite, das Schwert noch nicht gezogen, aber die Finger am Knauf. Auch sie lauschte. „Das war nicht der Wind.“ Aerin sah zu Rondragoras hinüber. „Irgendetwas stimmt hier nicht. Hört Ihr das auch?“ Sie deutete vage in Richtung des achterlichen Niedergangs. „Irgendetwas geht da unten vor sich…“ Gerade in dem Moment ertönte ein kurzer, harter Laut, ein dumpfer Aufprall. Fast wie… ein Körper, der zu Boden ging? Aerin machte einen Schritt in Richtung Luke, dann hielt sie inne. Ihr Herz pochte schneller, die Nerven waren gespannt. Wenn es Eindringlinge gibt…, dachte sie, dann könnten sie versuchen, uns oben zu überraschen, wenn wir alle unten sind. Sie wandte sich wieder Erlberga zu, flüsterte leise: „Bleib du an Deck, sieh dich hier um – notfalls ruf um Hilfe. Ich geh runter.“ Ihre Hand wanderte zum Griff ihres Schwertes, den sie bis jetzt nicht gezogen hatte. Sie nickte Rondragoras einmal ernst zu, dann nahm sie leise, aber entschlossen die ersten Stufen hinab in den Bauch des Schiffes. Aerin trat leise auf die hölzernen Stufen, die hinab in den dunkleren Bauch der Concabella führten. Jeder Tritt gab ein leises, aber unmissverständliches Knarren von sich. Sie hielt inne, hielt den Atem an. Kein Laut, kein Schrei. Nur ein leises Schaben – vielleicht ein Kleidungsstück auf Holz –, dann Stille. Das Schwert in ihrer Rechten fühlte sich kalt an, ihr linker Arm war leicht vor den Körper gehoben, bereit, einen Stoß abzuwehren. Der Gang war dämmrig, dennoch bewegte sich weiter vor, Schritt für Schritt, bis sie die improvisierte Barrikade sah ; und die beiden dahinter. Im schwachen Licht erkannte Aerin Luzia von Nadelgrat, die sich gerade über eine bewusstlose Gestalt beugte. Neben ihr kniete Jerg, der mit ruhiger Hand Seile verknotete. Die Matrosin, Oda, lag mit geschlossenen Augen da, gefesselt, aber offenbar lebendig. Eine rote Schwellung zeichnete sich über ihrer Stirn ab, das Ergebnis eines gut gezielten Hiebs. Aerin ließ das Schwert leicht sinken, trat aber nicht näher. Ihre Stimme war ruhig, aber bestimmt: „Was… bei den Zwölfen… ist hier geschehen?“
Sie blickte abwechselnd zu Luzia und Jerg. In ihrer Haltung lag kein Vorwurf, aber wachsame Anspannung. „Geht es euch gut? Gab es Verletzte?“ Ihr Blick wanderte zu der bewusstlosen Oda und dann musterte sie Luzia auf Kratzer, auf Blut, auf Erschöpfung. Auch Jergs Gesicht war gerötet aber er stand aufrecht, schien wie Luiza unverletzt. „Wir haben die Matrosin dabei angetroffen, als sie versucht hat sich Zugang zur Schatzkammer hier zu verschaffen.“ Luzia zuckte mit den Schultern und half Jerg dabei die benommene Oda anzuheben, indem sie diese auf einer Seite unter der Schulter packte. „Keine Erklärung, sie versuchte nur davonzukommen als wir sie konfrontierten. Von daher habe ich Beschlossen, dass wir uns ihr erst einmal annehmen, bis die Kapitänin eintrifft und aufklären kann ob es sich dabei um ein Missverständnis handelt - oder um ein Verbrechen. Könnt ihr uns hier mit der Barrikade etwas helfen? Es ist etwas eng um jemanden gut tragen zu können.“ Jerg hiefte Oda mit an um Sie weg zu bringen. Sein Schwert wieder in der Schwertscheide verstaut. „Wie Oda aud die Tür einschlug und auf Sie zustürmte werte von Nadelgrat grenzte doch eher schon an Wahnsinn.“ Jerg schüttelte den Kopf. „Ich bin nur froh, dass Ihre Axt Sie nicht verletzt hat!“ Aerin hörte schweigend zu, die Stirn leicht gerunzelt. Ihre Augen ruhten einen Moment länger auf Oda, dann wanderten sie zur aufgebrochenen Barrikade – und schließlich zurück zu Luzia. „Ein Einbruch in die Schatzkammer…“, wiederholte sie leise, mehr zu sich selbst als zu den anderen. Ihre Stimme war ruhig, fast nachdenklich, aber nicht ohne Gewicht. Dann nickte sie knapp. „Gut reagiert“, sagte sie schließlich mit leiser Anerkennung an Luzia gerichtet, während sie sich vorbeugte, um mit einem kräftigen Ruck eine der noch im Weg liegenden Vorratskisten zur Seite zu ziehen. „Wenn sie wirklich schuldig ist, war das ein mutiger Griff. Und wenn nicht…“, sie sah wieder zur bewusstlosen Matrosin, „…dann klärt sich das, sobald die Kapitänin an Bord ist.“ Mit einem letzten Schub beförderte Aerin die Kiste gegen die Wand und schuf so genug Platz, dass die drei gemeinsam mit Oda durch den Gang kamen. Sie richtete sich auf, warf Jerg einen knappen Blick zu, dann sagte sie: „Wir brauchen einen sicheren Ort für Oda. Wisst Ihr, ob wir hier auf dem Schiff einen Raum als Arrestzelle umfunktionieren können? Alternativ können wir sie auch an einem Pfosten unter Deck festbinden. Was meint Ihr?“ „Ich denke mit einer der Hängematten in einer Kajüte könnte man Sie fesseln. Um Sie herumbinden wie ein Teigfladen am Stock beim Grillen.“ Jerg schaute bedenklich zu Oda hinab und dachte mit ein wenig Wehmut an die einfachen Tage zurück, als er und sein Bruder an Sommerabenden den Abend an einem kleinen Lagerfeuer verbrachten. „So wie Sie sich benommen hat, mache ich mir eher sorgen, dass Sie sich selbst was antun wird.“ „Das bezweifle ich - immerhin haben die Kabinen nicht wirklich ein Schloss, sondern nur einen Riegel. Die Kapitänskajüte wurde aufgebrochen und… nun, sonst bleibt nur der Vorratsraum, nehme ich an. Aber ich habe nicht den Hauch einer Ahnung wer den Schlüssel hätte.“ Luzia schüttelte den Kopf. „Wir nehmen sie einfach mit nach oben, und fesseln sie an Deck. Dort können wir sie im Auge behalten, falls sie sich losmachen möchte. Und… ich würde gerne eine allzu unwürdige Behandlung vermeiden. Es kann immer noch sein, dass es sich hierbei um ein Missverständnis handelt. Weiß von euch jemand was wir noch transportieren?“ Die Junkerin nickte mit dem Kinn in Richtung der Tür zur Schatzkammer. „Es kann immer noch sein, dass sie auf Order der Kapitänin versucht hat etwas zu retten. Aber das klären wir, wenn wir die Concabella in sicherer Lage wissen.“ Gemeinsam mit Jerg, machte sich Luzia daran, die Matrosin die Treppen hinauf zu bugsieren. „Es ist immer noch zu berücksichtigen, dass die Situation nach wie vor verzwickt ist. Aerin, wie weit sind wir schon abgedriftet gewesen, als ihr hier herunter kamt? Wie gut war die kleine Besetzung in der Lage uns wieder in Fahrt zu bringen? Dann ist da immer noch die Frage dessen, wer in die Kabine der Kapitänin eingestiegen ist? Denn Oda hier geht sich zeitlich nicht aus, sie hat das Schiff nicht lange genug vor mir betreten.“ Luzia‘s Gesicht war so ernst wie ihr Tonfall. „Verehrte Standesgenossen, wenn es uns gelingt dieses Schiff sicher wieder zurück zum Rest der Gesellschaft bringen, dann schulden diese uns heute Abend unsere Getränke.“
„Ich weiß nicht, wie weit wir abgetrieben sind. Als wir aufs Deck kamen, war das Ufer bereits ein gutes Stück entfernt, und die Stadtlichter… sie waren kleiner, als mir lieb war.“ Ihre Stimme war ruhig, aber man hörte, dass sie die Situation noch immer innerlich sortierte. Aerin nickte knapp, als Luzia ihre Entscheidung erklärte, Oda lieber an Deck zu bringen.
„Das ist vernünftig“, sagte sie mit fester Stimme. „Dort oben ist sie für alle sichtbar, niemand kann ihr unbeobachtet zu nahe kommen und wir können uns gleichzeitig auf das Schiff konzentrieren. Ich helfe sehr gerne beim Tragen.“
Sie trat einen Schritt näher an Oda, bereit beim Tragen zu helfen. Ihre Stimme blieb weiterhin ruhig, aber ihre Augen waren wachsam. „Ihr habt recht, Luzia. Wir dürfen kein Urteil fällen, bevor wir die ganze Geschichte kennen. Aber wenn jemand im Auftrag der Kapitänin handelte, hätte er oder sie es sagen können – vor allem, wenn er oder sie ertappt wird. Was den Einbruch in die Kajüte betrifft – ich weiß nicht, wer es war. Aber ich glaube nicht an Zufälle. Jemand wollte etwas. Und jemand wusste, dass die Kapitänin nicht an Bord war.“ Dann, mit einem schiefen Lächeln, das einen Hauch Wärme in ihr ernsteres Gesicht brachte, fügte sie leiser hinzu: „Und wegen der Getränke – ich hätte da keine Einwände. Vorausgesetzt, wir sind bis dahin nicht alle zu erschöpft zum Anstoßen.“ „Dass hier nichts ein Zufall war stimmt auf jeden Fall. Ich bin mir nur nicht sicher, ob wir hier eine Opportunistin oder eine wirkliche Übeltäterin schleppen. Aber das ist nun nicht unser dringenstes Problem.“ Aufgrund der Anordnung der Treppen, die in den Bauch des Schiffs führten, war es kein weiter Weg, der die Gruppe wieder hinauf an Deck führte und Luzia konnte das Tageslicht bereits wieder hell die Treppen herab fluten sehen.

Mehr Helfer auf der Concabella

Kurze Zeit nach als Aerin kamen auch Filwald und Firunhard an der Concabella an. Sie sahen gerade noch, wie die Edle von Auenstein die Treppe hinunter ging und in dem Bauch des Bootes verschwand. Hören konnten sie derzeit nichts außergewöhniches. Fragend sah Filwald Firunhard an: „Nun, wohin jetzt? Die anderen scheinen dort drunten zu sein. Wollen wir ebenfalls dort runter? Am Bug gibt es aber noch eine Treppe, die hinunter zu einem Manschafsraum führt. Meint Ihr, wir sollten uns lieber dort umsehen?“ Die Matrosen, die zuvor mit den anderen Adligen auf das Schiff gekommen waren, beschäftigten sich damit, einen notdürftigen Ankerersatz herzustellen, der das Schiff möglichst weiter vom Abdriften abhalten sollte. Eilig hastete einer der Schiffsmitglieder an Firunhard und Filwald vorbei und meinte gehetzt: „Schnell! Wir benötigen sämtliche Seile und Taue, die es zu finden gibt.“ Dann hielt er auf seiner Mission, die eben angesprochenen Materialien selber zusammen zu suchen, kurz inne und ergänzte: „Und wenn Ihr schwere Dinge herbeischaffen könnt, die als Anker dienlich sind, immer her damit.“ Dann ließ er die beiden Männer stehen und eilte davon. “Ihr habt gehört, etwas Schweres, was die Matrosen als Anker nutzen können. Sehen wir, dass die Concabella gesichert ist und erst dann suchen wir nach den Verantwortlichen für diese Tat. Zu lange möchte ich mich aber damit auch nicht aufhalten.” rief er Filwald zu. Er sah sich um nach etwas, was er in wenigen Augenblicken herbeischaffen konnte. Sicherlich war es von höchster Wichtigkeit, das Schiff zu sichern, nicht dass ein größerer Schaden entstehen würde, aber er wollte endlich herausfinden, wer für die ganzen Vorfälle verantwortlich ist.
„Da habt ihr sicherlich Recht!“, stimmte Filwald Firunhard zu. Er überlegte fieberhaft, wo er etwas so schweres auftreiben könnte. ‚Die Schatzkammer!‘ schoss es ihm in den Sinn. Filwald machte sich auf den Weg ins Unterdeck.Etwas verwundert sah er einige seiner Stammeskollegen die bewusstlose Oda an den Weg heraufbringen. Er wunderte sich noch, was da wohl vorgefallen war, als er sich an der Gruppe vorbeischob und die Treppe hinunter ging. Der Gang hinunter war problemlos zu bewältigen. Als Filwald jedoch im Unterdeck ankam wurde auch er dem Durcheinander gewahr, das sich vom Abgang aus erstreckte, um die Ecke zur Kombüse bog und an dieser vorbei an einer sehr massiven, aber nun recht malträtierten Tür endete. Er musst über ein paar Hindernisse steigen, bis er vor der Tür der Schatzkammer stand. Irgendwo konnte er auch ein achtlos hingefallenes Handbeil sehen. Die Tür zur Schatzkammer war verschlossen. Man konnte aber auf einen Blick sehen, wie hier jemand versucht hatte, mit einem scharfen Gegenstand wie eine Axt oder ähnlichem, sich Zugang zu verschaffen. Jedoch scheiterte das Vorhaben an der massiv gebauten und eisenverstärkten Tür mit ihren mehreren Schlössern. Hier kam Filwald nicht weiter. Im Vorbeigehen an der Kombüse jedoch konnte Filwald einen Blick auf mehrere eiserne Kessel und Kochgeschirr erhaschen, die sicherlich gut zu einem notdürftigen Anker verbaubar waren. „Was hier wohl vorgefallen war?“, wunderte sich Filwald. Kurz warf er einen Blick auf das Handbeil und die angeschlagene Türe. Aber die war zu massiv, wer mochte wohl versuchen, mit diesem Winzling diese massive Türe einzuschlagen. Schnell sammelte er einiges Kochgeschirr zusammen und begab sich wieder zum Oberdeck,

Abdriften aufgehalten! Das Schiff liegt auf Reede

Für alle an Deck war es wohl ein verwunderlicher Anblick, als die drei Adeligen mit einer gefesselten Oda wieder an Deck auftauchten, trotz der sehr ungewöhnlichen Situation in ein ruhiges Gespräch vertieft, während alle drei dabei anpackten, die langsam wieder zu sich kommende Matrosin an einen geeigneten Platz zu verfrachten. „Nun, ich schlage vor wir fesseln sie an die Basis des hinteren Masts, einfach weil sie dort kaum im Weg sein wird, aber wir können sie dort auch wunderbar im Blick behalten.“ Luzia sah Jerg und Aerin Bestätigung suchend an. „So können wir sie… zwischenlagern. Sollten wir eine Decke holen? Ist doch etwas kühl heute, so festgebunden an Deck.“ Mit leicht gerunzelter Stirn besah sich die Junkerin die Tätigkeiten am Schiff, welches mittlerweile über deutlich mehr helfende Hände verfügte als noch bei ihrer Ankunft. Kurz sah sie sich um und rief dann mit lauter Stimme, die auf einem Schlachtfeld nicht fehl am Platz gewesen wäre. „Rahjaman! Wie ist die Situation? Ist die Concabella wieder unter Kontrolle?“ Jerg machte sich seine Gedanken dazu. Er stand bei Oda und fesselte Sie mit den Händen hinter dem Mast fest. „Sie ist festgebunden und Sie atmet." erwähnte er kurz angebunden und schaute in die Nacht hinein. Er merkte nun langsam wieder die Kälte, je mehr die Ruhe in Ihm zurück kam. Der erste Maat stand konzentriert am Steuerruder und drehte beflissentlich das Rad. Dadurch das Rahjaman die Routine beim Steuern fehlte, ging er ziemlich vorsichtig vor. Vielleicht war dies auch dem Hintergrundwissen zum Leck im Unterdeck geschuldet, aber die Concabella hätte sicherlich unter erfahrener Führung schneller in Richtung Land manövriert werden können. Denn trotz aller Anstrengungen war die Concabella schon ein gutes Stück wieder den Fluss hinab getrieben.
Die anderen Matrosen taten ihr möglichstes, das Verhindern des Abdriften zu unterstützen und wuselten emsig übers Deck. Notdürftig hatten sie einen Ankerersatz zusammengebastelt, den sie beim Ankommen auf dem Deck der drei Adligen, mit viel Kraft über die Reling hievten und zu Wasser ließen. Einen kleinen Moment war es spannend, ob das Tau zu halten versprach. Nachdem es sich aber mit einem Ruck anspannte und das Schiff sich um den Punkt der Befestigung zu drehen begann und schließlich im Treiben innehielt, ging ein erleichtertes Aufatmen durch die Matrosen. Als Rahjaman sich sicher war, dass sie die Kontrolle über das Schiff zurück erlangt hatten rief er: „Anker fest! Wir liegen auf Reede!“ Dann erblickte er die Truppe mit der gefesselten Oda und quakte vom Heckaufbau: „Was bei allen Flussnixen geht da vor? Warum habt ihr ein Mannschaftsmitglied gefesselt? Lebt sie noch?“ Flüchtig sicherte er das Ruder und kam vom hinteren Deckaufbau herunter und näherte sich den Passagieren. Luzia nickte ihm, wie sie hoffte, beruhigend zu. „Sie lebt, hat nur einen kräftigen Schlag auf den Kopf bekommen. Wir haben sie beim Aufbrechen der Schatzkammer gefunden, und auf die Frage was sie da denn tut, hat sie sich auf mich gestürzt.“ Luzia zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht was das ganze sollte, aber das soll die Kapitänin herausfinden. Wir hatten auch Eindringlinge in das Schiff, zumindest bevor wir hier ankamen, wobei ich vermute, dass sich diese aus dem Staub gemacht haben, bevor die Concabella gelöst wurde. Jedoch muss ich fragen, auf eurer Seite ist das Schiff soweit wieder unter Kontrolle, richtig?“ Aerin ließ ihren Blick über das Deck gleiten. Das Tau am improvisierten Anker hielt, das Schiff hatte das Treiben eingestellt – wenigstens das. Rahjamans Ruf bestätigte, was sie gehofft hatte: Sie hatten die Concabella vorerst stabilisiert.
Sie nickte anerkennend, sowohl Luzia als auch Rahjaman zugewandt. „Gut gemacht“, sagte sie knapp, aber mit echter Erleichterung in der Stimme. „Wenn der Anker hält, haben wir uns wenigstens eine Atempause verschafft.“ Dann trat sie näher zu Oda, die nun gut gesichert an den Mast gefesselt war. Die Matrosin regte sich bereits leicht, wirkte benommen, aber lebendig. Aerin überprüfte flüchtig den Knoten, warf Jerg ein zustimmendes Nicken zu, dann richtete sie sich wieder auf. „Was auch immer ihr Motiv war, das wird die Kapitänin klären müssen. Aber bis dahin sollten wir sicherstellen, dass es nicht zu weiteren… Überraschungen kommt.“ Sie trat einen Schritt zurück, verschränkte kurz die Arme vor der Brust und hob dann wieder den Blick zum Rest der Gruppe. „Wir haben eine Schatzkammer, die jemand aufzubrechen versucht hat. Eine Kapitänskajüte, in der jemand gewühlt hat. Und ein Schiff, das sich mitten im Morgengrauen wie von selbst losreißt.“ Ihr Blick wanderte von Luzia zu Jerg, dann zu Rahjaman, der sich inzwischen genähert hatte. „Ich denke, wir müssen davon ausgehen, dass hier nicht nur eine Person gehandelt hat. Eventuell haben sie auch noch nicht das gefunden, was sie suchen und wir müssen mit weiteren Sabotageakten oder Ähnliches rechnen.“ Ein leiser Atemzug, dann entspannte sie sich ein wenig: „Aber fürs Erste haben wir das Schiff. Jetzt gilt es, es sicher zurückzubringen. Danach finden wir Antworten.“ Mit einem leichten Kopfnicken zu Luzia fügte sie hinzu: „Sagt, sollen wir uns noch aufteilen? Einer von uns bleibt bei Oda, während die anderen nach dem Rechten sehen – Steuerstand, Laderaum, Leck prüfen? Wenn noch jemand an Bord ist, müssen wir ihn finden, bevor es zu spät ist.“ Dann, mit einem kurzen, fast müden Lächeln, leiser: „Und vielleicht bringt jemand tatsächlich schon den ersten Krug Wasser – oder Tee. Ich glaube, den haben wir uns verdient.“

Luzia lächelte leicht. „Von Auenstein, ich denke ich habe gute Neuigkeiten: Das Leck hält dicht! Den Laderaum zu überprüfen wäre vermutlich noch eine gute Idee, auch wenn ich nicht unbedingt glaube, dass sich dort noch etwas verbirgt. Aber sicher ist sicher.“ Luzia überlegte kurz, sah sich um und nickte dann. „Rahjaman, benötigt ihr hier oben unsere Hilfe? Ihr seht aus, als hättet ihr die Situation gut im Griff, liege ich richtig? Ich würde eben mit der Ritterin von Auenstein den Laderaum überprüfen und sicherstellen, dass sich keine weiteren Eindringlinge verstecken und nichts weiteres verwüstet oder sabotiert wurde.“ Die Junkerin nickte Aerin zu, wartete allerdings noch auf die Antwort des Matrosen. Der Maat war immer noch sichtlich irritiert über die Verwahrmethode und -gründe der Matrosin, stemmte aber nur die Fäuste in die Hüften und nickte etwas abwesend auf Luzias Frage. „Aye“ kam es aus ihm hervor, während er sichtlich am Grübeln war. „Ich möchte einwerfen, dass wir die Kapitänskajüte sichern sollten.“ Jerg zeigte in die entsprechende Richtung. „Bevor die Werte von Nadelgrat und ich ins Lager gingen, war dort ein heilloses durcheinander.“ Jerg schaute zu Aerin „Wenn ihr recht habt werte von Auenstein und Oda nicht alleine gehandelt hat. So befürchte ich, dass Oda eine Ablenkung war. Wenn Ihr keinen mehr auf dem Oberdeck gesehen habt…“ Jerg pausierte kurz, schaute zurück zur Kapitänskajüte, drehte sich leicht hin „…ist ein Mittäter vielleicht in der Kajüte und kommt nicht raus, ohne uns in die Arme zu laufen?“ und Jerg griff mit seiner Hand zum Schwert in der Scheide, ohne es zu ziehen. Rahjamans eh schon grübelnder Blick legte sich mit einer eindeutig skeptischen Note auf Jerg sein Antlitz. Er sagte aber nichts zu der Vermutung. „Vorsicht, wir sollten in dieser Kabine nichts anfassen. Wenn tatsächlich etwas gestohlen oder manipuliert wurde, dann ist dies in diesem Zustand deutlich leichter festzustellen, als wenn wir nun versuchen dort für Ordnung zu sorgen. Ich habe die Tür zur Kabine hinter uns zugezogen, aber das Schloss wurde aufgebrochen und einen Schlüssel hatten wir sowieso nicht. Aber wenn es euch beruhigt, wir können die Kabine noch einmal kontrollieren, aber ich bezweifle, dass die Verantwortlichen noch auf dem Schiff sind. Ich denke mittlerweile sie haben dieses verlassen, bevor das Schiff gelöst wurde.“ „Ihr mögt recht haben Werte von Nadelgrat, aber bei den Zwölfen. Ich würde mich wohler fühlen einen Blick zu riskieren“ Jerg schaute zu Luzia. „Wenn Ihr wollt, gehe ich vor und Ihr gebt mir Deckung. Ich möchte nicht rein stürmen. Ihr habt natürlich gute Argumente vorgebracht.“ Vorsichtig ging Jerg zur Tür der Kapitänskajüte uum hineinzuspähen. Mit leichtem Kopfschütteln folgten die Augen des Maats dem jungen Mann. Folgen tat Rahjamn aber nicht. Er überließ die Angelegenheit ganz den Adelsleuten, wandte sich lieber zu seinen Seefahrerkollegen und schwor sie darauf ein, sich mit dem Gedanken zu befassen, die Lotsenboote zu bemannen und die Concabella zurück zum Land zu rudern. Aerin hatte dem kurzen Austausch zwischen Luzia und Jerg aufmerksam gelauscht. „Tut, was Ihr für nötig haltet. Aber seid vorsichtig. Wenn sich tatsächlich noch jemand an Bord verbirgt, hat er uns jetzt längst bemerkt. Überraschung ist nicht mehr auf unserer Seite.“, sagte sie ruhig in Richtung der beiden. Dann wandte sie sich an Luiza:„ Wenn Jerg die Kapitänskajüte durchsieht, können wir beide danach den Laderaum kontrollieren, ich begleite Euch gern. Wir sollten auf jeden Fall jetzt handeln, denn wenn das hier eine Ablenkung war… dann wird der nächste Schritt nicht lange auf sich warten lassen.“ Jerg schaute zu Luzia und Aerin: „Ich würde ungern alleine gehen. Ihr seid deutlich erfahrener im Schwertkampf.“ Er knibbelte an dem Schwertknauf. „Wenn das Abenteuer hier vorbei ist, werde ich meinen Bruder deutlich eindringlicher darum bitten müssen, mit mir zu trainieren.“ „In Ordnung, in Anbetracht der Umstände glaube ich nicht, dass wir etwas zu befürchten haben, aber wir gehen gemeinsam. Die Kapitänskajüte ist auf unserem Weg, die vorderen Aufgänge habe ich als erstes verbarrikadieren lassen, als wir an Bord kamen. Bleibt hinter mir und gebt Acht. Wenn ich Unrecht habe, dann könnte es im beengten Rahmen des Schiffs ungemütlich werden.“ Luzia nickte Jerg und Aerin zu, und setzte sich dann in Bewegung. Außer dem Chaos, dass vorher schon herrschte und dem schreienden Vogel, war die einzige Auffälligkeit in der Kapitänskajüte, die gefunden werden konnte, ein Brief des Barons zu Kyndoch an die Kapitänin Salmfang, dessen Siegel bereits gebrochen schien.
Der Brief lag weiterhin inmitten der ganzen Unordnung und war vorhin nicht weiter beachtet worden. Erleichtert kam Jerg nach einigen Minuten zurück. „Scheint alles wie gehabt. Der Vogel schreit und das Chaos ist unverändert.“ Zufrieden sah Firunhard dabei zu, wie die Concabella mit dem behelfsmäßigen Anker vor weiterem Abdriften gesichert wurde. Wenigstens hatte er noch etwas helfen können, den Großteil der Aufregung dürfte er aber verpasst haben. Warum musste er auch so gut schlafen.Vielleicht muss er einfach mal wieder auf eine längere Jagd in den heimatlichen Bergen. Aber zurück zum Hier und Jetzt, sonst würde er wieder etwas Wichtiges verpassen. Versuchter Einbruch in die Schatzkammer, das hätte er schon gerne direkt miterlebt. Aufmerksam lauschte er den Bericht von Luzia und Jerg, die beiden dürften diese Oda ja auf frischer Tat ertappt haben. ‘Da bin ich ja gespannt, was die Kapitänin sagen wird’ dachte er sich. Vielleicht löst sich ja auch mal das Geheimnis um die ominöse Fracht. Als Filwald wieder an Deck kam erkannte er schnell, dass seine gefundenen Gewichte nicht mehr erforderlich waren und die Lage offensichtlich wieder unter Kontrolle war. Aus den Gesprächen seiner Adelskollegen und der Mannschaft schloss er darauf, was hier wohl vorgefallen sein mochte. Einen wirklichen Sinn ergab das allerdings immer noch nicht. Sollte er Oda gestern mit seinen Fragen so erschreckt haben, dass sie tatsächlich dachte, es befindet sich etwas gefährliches in der Schatzkammer? Wollte sie das vielleicht von Bord bringen? Hatte sie womöglich mit dem Steuermann gesprochen, der ja ebenfalls sehr merkwürdig auf seine Fragen reagiert hatte? Filwald beschloss, Antworten zu erhalten. Und die erste Anlaufstelle erschien ihm die noch immer bewusstlose und gefesselte Oda. Er begab sich zu dem Mast und sprach Rahjamn an: „Weiß man schon was über die Hintergrümde, was mit Oda passiert sein mag?“ Der erste Maat schüttelte flüchtig den Kopf in Richtung Filwald und zuckte mit den Schultern. „Ich hab keinen blassen Schimmer, warum die hohen Herrschaften Oda so zugesetzt haben, noch was sie geritten haben mag, dass es begründet wäre.“ Rahjaman schien aber beschäftigt, da einer der anderen Matrosen ihm was zurief, was seine Aufmerksamkeit sofort in eine andere Richtung lenkte. Bevor er aber Filwald einfach stehen ließ, meinte er noch im wegdrehen: „Entschuldigt mich bitte. Wir versuchen das Schiff zurück zu bringen. Ich werde da hinten gebraucht.“ Dann ließ er Filwald stehen.

Von Klippag bis Elenvina

Nach dem Schrecken am frühen Morgen konnte die Concabella mit vereinter Kraft zurück in den Hafen von Klippag befördert werden, wo die Kapitänin Arbarhild Salmfang sich über die Vorkommnissen aufklären ließ. Der Dank an die unterstützenden Adligen war knapp, aber mit etwas Menschenkenntnis konnte man eine tiefe Erleichterung im Antlitz der stämmigen Frau finden. Die meuternde Matrosin Oda wurde vorerst in Verwahrung genommen und im Lagerraum des Schiffes eingesperrt , um später am Tag zu ihrem seltsamen Verhalten befragt zu werden. Erstmal konzentrierte sich alles aufs Ablegen, denn schließlich sollte das herzogliche Flussschiff pünktlich zum Herzogenturnier in Elenvina sein. Mit der Stadt Klippag im Rücken brach die Concabella auf. Der andauernde Schneefall war vergangen, wolkenlos spannte sich das hellblaue Alveranszelt von Horizont zu Horizont und ein milder Hauch von Praios brachte die erste Ahnung des Endes des gestrengen Griffs des Alten vom Berg.
Es war windstill, so dass wieder getreidelt werden musste. Eine Abordnung Treidler mit einem guten Dutzend Pferden zogen den weißen Segler langsam flussaufwärts. An jedem Dorf mit Treidelrecht wechselte die Zugmannschaft, bis der Segler schließlich am Abend im Hafen von Zinnen einlief. Das kleine Dorf besaß knapp 500 Einwohner und verfügte über verhältnismäßigen Wohlstand, bedingt durch eine Fähr- und Zollstation und die am Dorf vorbeiführende Reichsstraße 3. Eine fünf Schritt hohe Mauer sicherte es zur Flussseite hin. Dahinter reihten sich schmucke Fachwerkhäuser, deren strahlend weiß gekalkte Gefache selbst im trüben Licht der Wintersonnen leuchteten. Um den Marktplatz sammelten sich große Bürgerhäuser, deren Erdgeschoss aus festem Stein gemauert war und die bis zu vier Stockwerken in die Höhe wuchsen. Drei Gasthöfe nannte es sein eigen, eines das Hotel Silberpracht, das erst vor wenigen Götterläufen eröffnet hatte, nachdem Graf Frankwart vom Großen Fluss sein Elsternschloss unweit des Ortes hatte umbauen lassen und dass nun vielen durchreisenden adligen und hochadligen Gästen Obdach bot. Die anderen beiden Gasthäuser, der Hirsch, ein gutes Haus, und der Flussbarsch, eher eine Unterkunft für die Schiffer und kleinen Leute.
Das Haus der Bürgermeisterin sowie ein Handelshaus verfügten über schmucke große Häuser mit einem Hof, in dem ein ganzes Fuhrwerk zum Entladen Platz fände. Zinnen war in der Tat ein schmucker Ort.
Am Hafen versammelte sich eine bunte Schar aus Dörflern, angeführt von der Bürgermeisterin, Perainitrud Häckerle, und hieß das Schiff des Herzogs und seine adligen Mitreisenden willkommen. Lehren aus den vorherigen Ereignissen ziehend, ordnete Arbarhild Salmfang zusätzliche Wachen für die Nacht an, die dann auch erstaunlich friedlich verging. Die Strapazen bisher forderten ihren Tribut der Erschöpfung und so blieb trotz der herrschaftlichen Unterkunft ein großes Gelage aus. Zu frisch war der Schrecken, den die angebliche Sicherheit und Bequemlichkeit der Nacht in Klippag mit sich brachte.
Nach dem Aufbruch aus Zinnen war es nur noch ein kurzes Wegstück, der bis zur endgültigen Ankunft in Elenvina absolviert werden musste. Diese Zeit der letzten Etappe wollte die Kapitänin nutzen, um die mitreisenden Vasallen des Herzogs, die adligen Gäste, zu einer Gesprächsrunde ins Offizierskasino zu laden. Das Offizierskasino war ein nahezu quadratischer Raum mit einer langen Eichentafel in der Mitte, umgeben von zehn stabilen, gepolsterten Stühlen. Der Tisch, im Boden verankert, konnte jederzeit entriegelt und an die Seite gestellt werden. Links und rechts neben einem der Schränkchen deuteten zwei Taue darauf hin, dass man die Stühle auch stapeln und dann an der Wand fixieren könnte. Den Boden bedeckte ein Wollteppich, welcher die Schritte dämpfte.
Je eine Tür aus massiver Eiche führte vom Deck aus an dem hinteren Mast vorbei ins Kasino. Eine weitere Tür auf der gegenüberliegenden Seite verband den Raum mit der Kapitänskajüte. Die Seitenwänden schmückten je zwei schmale, vergitterte Fenster mit Butzenglas, die Licht hereinließen. Abends sorgten eiserne Wandlampen mit Öllaternen für Beleuchtung. Seekarten, Jagdszenen und das Wappen des Hauses vom Großen Fluss zierten die Wände und ein kleines Schränkchen an der Wand hielt Krüge mit Wein und Zinnbecher bereit. Arbarhild Salmfang befand sich schon einen ganzen Augenblick lang im Offizierskasino. Neben ihr war der Steuermann Diemut Häberle und der erste Maat Rahjaman Bockschlag anwesend, die beide relativ unauffällig in einer Ecke des Raumes Position bezogen hatten. Salmfang stand mit auf dem Rücken verschränkten Händen an der Stirnseite der großen Tafel und war in nachdenklicher Betrachtung der Seekarten versunken, bis sich durch die Ankunft der Adelsleute ihre Aufmerksamkeit zum Eingang lenkte.
Luzia erreichte früh das Offizierskasino, und schon das Schweigen als sie die Tür öffnete verriet ihr, dass sie die Erste war. Ein Blick bestätigte ihr dies. „Praios zum Gruße.“ nickte die Junkerin der Kapitänin und ihren Offizieren zu, als sie den Raum betrat und sich zum Tisch begab. Sie und die Kapitänin hatten sich nicht immer auf die bestmögliche Art und Weise verstanden - tatsächlich hatte sie am Vortag ganz kurz den Impuls zu einem bissigen Kommentar unterdrücken müssen, als die Wachen angeordnet wurden - aber schlussendlich zogen sie am selben Strang, was Luzias Schritte in Richtung der Stirnseite des Tisches lenkten, wo sie zur Linken der Kapitänin Salmfang stehen blieb.
Da sowohl die Kapitänin, als auch die beiden Offiziere immer noch standen, blieb auch die Junkerin ebenfalls hinter „ihrem“ Stuhl stehen. Zwar war sie durchaus neugierig, was die Kapitänin ihnen zu sagen hatte, aber die junge Frau wusste auch, wie man sich in Geduld übte, so erkundigte sie sich lediglich bei der Kapitänin ob alles in Ordnung sei, bevor sie mit mildem Interesse auf die ihr unbekannten Karten an der Wand hinüberschaute, welche vor ihrer Ankunft auch schon das Interesse der Kapitänin gehalten hatten. Etwas müde, da er die Hundswache in der letzten Nacht übernommen hatte, trat Firunhard in das Offizierskasino. Da er aber so gespannt war auf eine Erklärung, warum diese ganzen seltsamen Vorfällen stattgefunden haben, hätte er sowieso letzte Nacht nicht richtig schlafen können. Vielleicht löst sich ja auch das Geheimnis um die Fracht nun endlich auf. “Die Zwölfe zum Gruße!” grüßte er die bereits Anwesenden.Er war früh dort, aber wie er feststellte, nicht der Erste. Luzia von Nadelgrat stand bereits hinter einem der Stühle. Also stellte er sich neben die Frau, die gefühlt doch einiges mehr bei dieser Fahrt geleistet hatte als er. Nur zu gern wäre er bei den Geschehnissen unter Deck dabei gewesen, warum musste er auch so gut schlafen. Aber wenigstens hat er bei der Sicherung des Schiffes mit angepackt.
Grundsätzlich wollte er ja warten, bis das doch die ganzen Mitreisenden eintreffen würden, konnte es sich aber nicht verkneifen, doch noch das Wort an Luzia zu richten. “Frau von Nadelgrat, ich hoffe ihr konntet euch gut erholen nach den Ereignissen in der Nacht bei Klippag?” richtete er doch eher flüsternd das Wort an die Junkerin. „Ja, danke der Nachfrage.“ Flüsterte diese zurück. „Ich war zwar noch eine ganze Weile wach und habe mich an der Nachtwache beteiligt - man weiß ja nie - aber dafür habe ich danach wunderbar geschlafen.“ Luzia schmunzelte leicht. „Die wirklich harte Arbeit hat die Mannschaft hier geleistet, dazu verstehe ich zu wenig von Schiffen. Wie geht es euch selbst?“ “Nur ganz leicht angeschlagen. Aber eigentlich nichts was der Rede Wert ist. Ich habe mir nur eine Blase an der Handfläche zugezogen, wie wie die Concabella vor dem Eis schützen mussten.” antwortete Firunhard. Er fuhr fort: “Von Schiffen verstehe ich auch nichts, habe immer nur das gemacht, was mir aufgetragen wurde. Aber ich glaube nicht das ich jetzt zum großen Schiffsreisenden werde.” Nach einer kurzen Pause ergänzte er: "Leider habe ich das Gefühl, dass alles Wichtige an mir vorbei gegangen ist. Ich habe dann zwar auch ‘geholfen’ auf diese Oda aufzupassen, aber die sah weder danach aus wegzulaufen oder dass sie gleich anfängt zu reden. War ja doch etwas mitgenommen, muss ja ein ordentlicher Schlag gewesen sein, der ihr da widerfahren ist.” „Ach was, macht euch in dieser Hinsicht keine Sorgen, von Wildklamm, ich denke nicht, dass euch das jemand zum Vorwurf machen wird. Immerhin wart ihr bei unserer beinahe-Havarie dabei und habt fleißig mit angepackt.“ Die Junkerin sah zur Tür. „Ich hätte nicht gedacht, dass wir so früh bereits hier sind.“ “Meine Stärken liegen sicher wo anders, wie bei der Schiffsfahrt. Ich muss auch gestehen, es war auch meine erste. Ein einfaches Boot auf einem Fischteich war davor das einzige, was ich in diese Richtung vorweisen konnte. Für größere Gewässer ist unser Gut nicht bekannt, wir benötigen den Platz für Wälder und Berge.” versuchte sich Firunhard an einem kleinen Scherz. “Aber, ja. Wir sind tatsächlich die ersten zwei, die sich hier neben der Kapitänin und der Besatzung eingefunden haben.” Sein Blick wanderte zur Tür. “ Aber es dürften schon die Nächsten eintreffen.” Mit gesenkten Schultern schlurfte Phelinda lustlos in das Offizierskasino. Ihr ging es körperlich deutlich besser, aber die Reise hatte ihr zugesetzt. Sie hatte die Nacht über kaum glauben können, dass nicht ein Magier das Schiff in Flammen gesteckt hatte, ein Riese sich aus den Fluten erhoben und das Schiff mitgenommen hatte oder sonst eine absurde Wendung ihnen allen das Leben schwer gemacht hatte. „Den Zwölfen…" sagte sie, ohne die Grußformel zu beenden. Stattdessen nickte sie zur Bestärkung ihres Grußes. Sie überlegte kurz, einen der Stühle zu besetzen, aber sie musste Anstand wahren. Stattdessen lehnte sie sich gegen die Wand und blickte sich im Raum um. Sie war nicht unbedingt auf Gespräche aus, würde sich ihnen aber auch nicht erwehren. Die Tür zum Offizierskasino öffnete sich ein weiteres Mal, zuerst trat Erlberga ein, aufrecht wie eh und je, ihre Haltung geprägt von militärischer Disziplin und höfischer Erfahrung. Kaum einen Herzschlag später folgte ihr Aerin, dicht hinter ihr. Gemeinsam durchschritten sie den Raum, ohne Hast, aber mit Zielstrebigkeit. Erlberga warf einen prüfenden Blick in die Runde, ein Blick, der alles erfasste: die Gesichter, die Ausrichtung der Fenster, selbst das geringe Spiel im Teppich, das Schritte dämpfen sollte. Als sie sprach, war ihre Stimme warm und freundlich: „Die Zwölfe mit euch an diesem neuen Tag.“
Sie neigte den Kopf erst zur Kapitänin, dann zu den Anwesenden, eine klare, ehrliche Geste des Respekts. Aerin erwiderte den Gruß fast zeitgleich, aber etwas leiser, ruhiger: „Praios zum Gruß. Ich hoffe, Ihr hattet eine ruhige Nacht.“ Ihre Augen wanderten der Reihe nach über Luzia, Firunhard, Phelinda und schließlich zur Kapitänin Salmfang. Ihre Stimme war höflich, aber das Gewicht der letzten Tage lag noch immer ein wenig in ihrer Haltung. Die beiden Frauen traten gemeinsam an den Tisch. Erlberga wählte einen Platz gegenüber von Luzia von Nadelgrat und blieb hinter dem Stuhl stehen, die Hände ruhig hinter dem Rücken verschränkt. Aerin trat ruhig neben sie, wählte den Stuhl zur Rechten Erlbergas, und stellte sich ebenfalls dahinter. Auch sie blieb stehen, den Blick nun auf die Seekarten an der Wand gerichtet, ehe sie ein wenig zu Luzia hinüberblickte – ein stummes, anerkennendes Nicken als Gruß. So warteten sie – schweigend, aber präsent – darauf, was die Kapitänin ihnen zu sagen hatte. Firunhard grüßte die neu angekommenen. Er überlegte noch, ob er förmlicher grüßen sollte, ist es doch eine Versammlung, die von der Kapitänin einberufen wurde. Entschied sich aber dann dagegen, er selbst hat ja schon einfach begonnen. “Die Zwölfe zum Gruße, Phelinda von Twergenloch.” Dieses Mal ohne ihre Mutter unterwegs, dachte sich Firunhard. Da sie aber eher abweisend wirkte, beließ er es vorerst bei dem Gruß. Oder sollte er sich doch höflichkeitshalber ein Gespräch beginnen? Unentschlossen stand er so hinter seinem Stuhl. Die Entscheidung wurde ihm aber abgenommen, da die Frauen von Auenstein auch ins Offizierskasino eintraten. Da diese nach ihrem Gruß an die Kapitänin und in die Runde schweigend auf die Worte der Kapitänin warteten, erwiderte Firunhard das Nicken und wartete auch auf die Worte Salmfangs. Luzia lächelte den Neuankömmlingen höflich zu, und erwiderte die Grüße. Ihre Augen blieben für einen Moment auf Erlberga gerichtet, bevor sie weiterwanderten. Sie wollte nicht starren. Sie kannte die Junkerin nicht, hatte auch auf dieser Fahrt bislang wenig mit ihr interagiert, aber sie wusste um den strengen Ruf der Frau, und mit einem stillen Lächeln reflektierte sie, dass dies wohl auch ein Grund war, weshalb Aerin bislang meist so nervös gewirkt hatte. Die arme Frau bemühte sich, so vermutete sie zumindest, außerordentlich um den Erwartungen der Mutter gerecht zu werden. Der Blick der Junkerin wanderte weiter und blieb an Phelinda hängen. Die junge Frau sah nicht gerade begeistert aus hier zu sein. Ob es ihr immer noch schlecht ging? Luzia versuchte sich ihren Gedankengang nicht anerkennen zu lassen, blickte wieder auf die Seekarte an der Wand. Aber sie hatte zwar auf dieser Reise bislang auch noch nicht wirklich mit der jungen Ritterin Kontakt gehabt, aber am Rande mitbekommen, dass die Reise ihr zugesetzt hatte. Luzia beschloss ein weiteres Mal, die Initiative zu ergreifen. Ohne große Geste zog sie den Stuhl vor sich heraus und setzte sich in einer eleganten Bewegung. Ihre Hoffnung war, dass auch ihre Standesgenossen ihrem Beispiel folgen würden. Oder zumindest sollte es Phelinda die Möglichkeit geben, sollte es dieser immer noch etwas schlechter ergehen, ohne dass sie dieses Eis selber brechen musste. Kaum hatte Luzia sich gesetzt, folgten Aerin und Erlberga ihrem Beispiel. Ein kurzer Seitenblick zu Erlberga, ein leichtes, kaum merkliches Nicken, dann rückten sie fast synchron, mit ruhigen, fließenden Bewegungen, die Stühle zurück und nahmen Platz. Aerins Haltung war aufrecht, die Hände ruhten locker auf den Armlehnen. Im Moment des Niedersetzens jedoch spürte Aerin einen Blick. Ihre Augen glitten leicht zur Seite und trafen auf die von Luzia. Die Junkerin wandte den Blick rasch wieder ab, doch Aerin hatte es gesehen. Sie lächelte leicht, kurz, aber freundlich. Eine stille Geste des Einvernehmens, vielleicht auch der Anerkennung. Ein Stück weiter lehnte Phelinda an der Wand. Ging es der jungen Ritterin besser? Aerin wusste, dass ihre Mutter versucht hatte, ihr zu helfen. Hoffentlich wirkte die Salbe. Es war kein langer Blick auf Phelinda, doch es lag ehrliches Interesse darin, ehe sie sich wieder nach vorn wandte, dorthin, wo die Kapitänin bald das Wort erheben würde. So saßen Mutter und Tochter: ruhig, konzentriert - die eine mit wachsamer Offenheit, die andere mit disziplinierter Zurückhaltung - und lauschten dem, was nun folgen sollte.

Xanthrax betrat das Offizierskasino, ohne eine Miene zu verziehen. In voller Montur gekleidet, den kunstvoll geschmiedeten Helm am Gürtel, hob er die Hand zum Gruß. Sein Blick blieb dabei einen Augenblick länger als nötig an der Frau Kapitän hängen, ehe er sich zu Phelinda gesellte. „Angrosch zum Gruße“, lächelte er ihr freundlich zu. Der prüfende Blick verriet, dass er Salinda in der Runde vermisste, enthielt sich aber jeglichen Kommentars. Stattdessen bot er Phelinda neuerlich eine Stützmöglichkeit an, in Form seines Schulterpanzers. Der Prunk und die Ausstattung des Offizierskasinos interessierten den Ambosszwerg herzlich wenig. Es galt aufzuklären, wer für die ganzen „Unfälle“ der vergangenen Tage verantwortlich war – ohne unnötiges Pathos und dergleichen. Als Aerin und ihre Mutter den Raum betraten, fühlte Phelinda sich gleich viel sicherer. Ihrer Fürsorge in Klippag war es zu verdanken, dass sie wieder sicher auf den Beinen stand. Als Aerins Blick sie streifte, glätteten sich ihre Gesichtszüge für einen Moment. Sie mochte die junge Frau, auch wenn sie sich nur einmal richtig unterhalten hatten. Als Xanthrax garoscho Xolgram sich zu ihr gesellte, atmete sie abermals auf. Der Angroscho hat ihr während der Reise des Öfteren beiseite gestanden und auch abseits ihrer Verpflichtungen hatten sie sich Gesellschaft geleistet. Sie wusste wohl, dass für einen Sohn Angroschs ein paar Tage wenig Zeit waren, aber sie hoffte, ihre Sympathie zu dem Angroscho im Laufe der Zeit zu einer gegenseitigen Freundschaft ausbauen zu können. Als Xanthrax ihr die Schulter bot, nahm sie das Angebot gerne wahr. Leise flüsterte sie in seine Richtung: „Xandroschem [Danke]." Bald darauf nahm Luzia auf einem der Stühle Platz, was Phelinda unheimlich freute. Sie setzte sich und wischte sich eine Strähe aus dem Gesicht, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatte. Als sie an ihrem Platz saß, holte sie das Tabula-Tryptichon aus ihrer Tasche hervor. Auf zwei der insgesamt vier Wachstafeln hatte sie während der Reise, vor allem zum Anfang hin Notizen gemacht. Die letzten Tage hatte sie ihre Mutter gebeten, die wichtigsten Vorkommnisse zu ergänzen. Sie war gespannt, ob und was diese Aussprache hier bringen würde. Knapp hinter Aerin und Ihrer Mutter kam Jerg herein. Er schien einer der letzten zu sein. Er nickte allen knapp zu, lächelte ein brüchiges Lächeln und suchte einen passenden Platz aus. Sein Gesicht war von Müdigkeit und Schlafmangel gezeichnet.

Das alle standen irritierte Ihn und er kannte jetzt spontan keine höfiche Regel dafür, aber stellte sich ebenfalls hinter einen Stuhl. Die Kapitänin war dem Schweigen wohl gewogen, während sie betrachtete, wie die hohen Gäste nach und nach ankamen. Sie ersparte es sich, irgendeine Einladung zum Sitzen auszusprechen und dachte bei sich ‚Die sind sicherlich alt genug, sich selbst einen Platz zu suchen, wenn sie denn wollen.‘ Und so blieb sie einfach eine Weile wortlos am Tischende stehen und nickte zwar höflich, aber mit finsterer Miene. Als dann einige Gäste anwesend waren und sich die ersten setzten, meinte sie halblaut „Na also! Geht doch.“ und schickte sich ebenfalls an, an der Stirnseite Platz zu nehmen. Düster musterte sie die Passagiere und blickte dann ebenso düster zur Tür, als ob sie noch jemand erwarten würde. Als ihre Hand mit einem Klatschen aber auf die Tischplatte fiel, erklang ihre Stimme ziemlich laut und klar durch den Raum. „Werte Herrschaften! Es freut mich, dass Ihr meinem Angebot nachgekommen seid, die erschreckenden Dinge der letzten Tage zu besprechen und zu beleuchten.“ Arbarhild machte eine Pause und ließ die Augen von Person zu Person wandern. Auch wenn ihre Worte freundlich gewählt waren, sprach ihr Gesicht doch Bände davon, dass sie diese Besprechung wohl nicht mit der größten Begeisterung durchführen würde. „Es ist einiges passiert und es stellte sich erschreckenderweise heraus, dass es sich bei einigen schwerwiegenden Ereignissen nicht um Zufall, sondern um gezielte Sabotage handelte. Ich erhoffe mir, durch Ergänzung der eigenen Eindrücke der hohen Herrschaften, ein noch umfänglicheres Bild machen zu können, als es die Befragung der Hauptsaboteurin ergab. Vielleicht schließen sich ja noch ein paar Lücken und Hesinde schenkt uns Erleuchtung.“ Wieder machte sie eine Pause, während sie die Gäste fast schon lauernd betrachtete. „Aber vorweg, was stehen bei den hohen Herrschaften für Fragen im Raum, denen wir uns gegebenenfalls zuerst widmen sollten?“ Luzia lächelte leicht und lehnte sich auf dem Stuhl vor, als sie das Wort ergriff. „Wenn niemand einen Einwand hat, so nehme ich an, dass wir wohl alle hoffen unsere Fragen werden durch das was ihr zu berichten wisst beantwortet. Sollte es danach noch Unklarheiten geben, so können wir diese hinterher aus der Welt räumen.“ Trotz der recht klaren Worte, warf die Junkerin einen Blick den Tisch hinab, ob nicht doch einer ihrer Standesgenossen bereits jetzt etwas anzumerken hatte. Langsam wurde Firunhard ungeduldig. Er wollte einfach mal erfahren, um was es hier eigentlich ging! Er fühlte sich, als würde er ständig nur im Dunklen tappen.Tagelang war er nun mittlerweile unterwegs und hat versucht, jeden Befehl so gut er es konnte auszuführen. Warum? Das war ihm bis jetzt immer noch nicht klar. Vielleicht war das ja auch das Los des Lehensnehmer, von dem predigte doch seine Großmutter Mengarde immer. Immer brav tun, was der Lehensgeber von einem verlangt. Wobei man doch gerade bei seinen Eltern gesehen hat, wohin das führt. Er wollte einfach mal eine Information, warum das hier alles passiert. ‘Jetzt soll ich wieder fragen bevor ich irgendwas gesagt bekomme...’ Doch die Wortmeldung von Luzia von Nadelgrat kam ihm glücklicherweise zuvor, er entspannte sich. So schüttelte er nur mit angespanntem Gesichtsausdruck den Kopf, als Luzias Blick ihn streifte, nachdem sie gefragt hatte, ob noch jemand einen Einwurf hätte.
Die Kapitänin war ziemlich offensichtlich nicht mit Geduld gesegnet heute, so nickte sie nach Luzias Worten und begann zu resümieren. „Also verehrte Herrschaften, lasst uns zusammentragen was sich sonderliches ereignet hat.“ Arbarhild hielt einen Moment inne, um nachzudenken. „Da war als erstes das Segel, das auf sonderbare Weise ausfiel und den guten Merkan über Bord katapultierte. Dies hätte auf Unzulänglichkeit des Materials oder gar der unachtsamen Handhabe meiner Leute zurück zu führen sein. Nichts, was auf Anhieb verdächtig erschien. Anschließend berichtetet Ihr, dass die Treidler in dem einen Dorf dafür bezahlt wurden, nicht zu helfen, was schon ein eindeutigerer Akt von Behinderung darstellte. Am Tag danach kamen wir in ein Eisschollenfeld und unsere liebe Bugwache - die gute Oda ….“ , die Kapitänin presste den Namen unwillig durch die Zähne, „…war anscheinend zu beschäftigt oder zu sehr vom Tageslicht geblendet, als dass sie rechtzeitig Bescheid hätte geben können … oder wollen.“ Die Hand der Kapitänin ballte sich wütend zur Faust.
„Und zu guter Letzt sabotierte jemand des nächtens das Schiff im Hafen und Frau Hugendubel wurde in flagranti erwischt, wie sie sich Zugang zur Schatzkammer verschaffen wollte.“ Finster blickte Arbarhild Salmfang in die Runde und meinte zerknirscht: „Hab ich irgendwas vergessen?“ Phelinda blickte zu Xanthrax herüber. Sie hatten nach der Rückkehr zur Concabella genug Zeit gehabt, sich über die neusten Entwicklungen zu informieren. Die Frage war nun, ob sie die Informationen, die ihre Mutter und der Angroscho in Erfahrung gebracht hatten, teilen würden. Sie sah es nicht als ihre Entscheidung und überließ sie Xanthrax. Luzia blickte indessen gelassen die Kapitänin an. „Nun, Frau Kapitänin Salmfang, das fasst die Ereignisse bislang gut zusammen. Ich denke vom Gedanken, dass diese Ereignisse auf Zufall oder mangelnde Fähigkeiten von Einem oder Zwei Matrosen zurückzuführen seien, davon hat sich mittlerweile jeder hier verabschiedet. Die Frage, die es nun zu klären gilt ist, mit was wir es hier zu tun haben.“ Die Junkerin hielt ihre Hand hoch, und zählte Möglichkeiten an ihren Fingern ab. „Natürlich könnten wir das ganze auf die Gier der Matrosin Oda… Hugendubel?- zurückführen und es uns einfach machen. Aber es gibt auch die Möglichkeit, dass diese noch Komplizen hier hatte. Es ist möglich, dass wir es mit einer größeren Sabotageaktion von einer externen Gruppe zu tun haben, welche Oda bestachen oder erpressten. Dies kann dem reinen Diebstahl dienen, kann aber auch politisch motiviert sein und da wir hier vom Schiff des Herzogs sprechen ist dieser Unterschied bedeutend.“ Luzia sah in die Runde. „Genauso gut kann es sein, dass Oda eine Opportunistin war, die einfach persönlichen Reichtum suchte und ihre Stunde gekommen sah als wir alle abgelenkt waren.“ Die Junkerin wandte sich wieder an die Kapitänin. „Ein zusätzlicher Umstand, den ich euch mitteilen kann ist, dass die Verwüstung in eurer persönlichen Kabine nicht bei der Rettungsaktion des Schiffs angerichtet werden konnte. Dazu hatte Oda nicht die Zeit. Hat denn die Gefangene bislang den Mund aufgemacht und etwas gesagt?“ Gespannt musterte Luzia die Kapitänin. Aerin hob leicht den Kopf, als Luzia geendet hatte. Ihre Stimme war ruhig, aber klar, als sie sich zu Wort meldete: „Ich halte es ebenfalls für unwahrscheinlich, dass Oda allein gehandelt hat. Was mich stutzig macht, ist der Einbruch in die Kapitänskajüte... dort lagerten keine Wertgegenstände, oder? Es wirkte... zielgerichtet. Jemand suchte etwas.“
Sie machte eine kurze Pause, dann glitt ihr Blick zur Kapitänin. „Falls Ihr feststellen konntet, ob etwas fehlt oder verrückt wurde, könnte das helfen, das Muster zu erkennen.“ Erlberga warf einen kurzen Blick zur Tochter, dann wandte sie sich an die Runde, die Hände gefaltet auf dem Tisch. „Meine Tochter hat recht, Spekulationen sind nur so nützlich, wie sie uns weiterbringen. Was uns fehlt, ist ein Überblick: Wer war zu welcher Zeit an welchem Ort, und wer hatte Zugang zu den entscheidenden Bereichen des Schiffs?“
Ihr Blick ruhte kurz auf Arbarhild. „Wenn wir die Ereignisse der letzten Tage wirklich aufarbeiten wollen, müssen wir mit mehr rechnen als einer einfachen Diebin. Und wir sollten nicht davon ausgehen, dass der letzte Angriff bereits hinter uns liegt.“ Sie lehnte sich etwas zurück, ließ den Blick über die Versammelten schweifen, dabei keine Spur von Nervosität, nur eine ruhige, fast wache Erwartung. Aerin ergänzte, leiser, beinahe nachdenklich: „Ich frage mich trotzdem... was hat sie dazu gebracht, es zu riskieren? Wenn sie einfach nur gierig war, hätte sie fliehen können. Stattdessen ist sie auf uns losgegangen.“ Sie blickte zu Luzia, dann wieder zur Kapitänin. „Falls sie schweigt, vielleicht nicht aus Trotz, sondern aus Angst, genau wie die Dorfbewohner, die uns nicht helfen wollten. Wir sollten uns dann überlegen, wie wir sie zum Reden bringen. Bei den Dorfbewohnern half kein Druck, vielleicht hilft uns das hier auch nicht weiter. Eventuell hilft uns etwas, was sie am wenigsten erwartet: Verständnis. Aber das sind natürlich auch nur Spekulationen, wir sollten sie definitiv befragen, dann wissen wir mehr und können unsere Strategie anpassen.“ Ein kurzer Moment verging, dann ließ Aerin die Hände wieder in den Schoß sinken und wartete auf weitere Reaktionen.

Filwald war diesmal tatsächlich absichtlich zu spät zu dieser Versammlung erschienen. Er vertraute der Kapitänin nicht so weit, wie er die Concabella hätte werfen können, und der restlichen Mannschaft nicht einen Deut mehr. Zumindest was den ersten Maat und den Steuermann anbetraf. Merkan und Oda hatte er als sehr leutselig, wenn auch etwas abergläubisch kennengelernt. Das ersterer von alleine vom Mast fiel machte genauso wenig Sinn als das Oda plötzlich die Schatzkammer ausräumen wollte. Nein, hier war etwas ganz anderes im Spiel, und bei Prajos, das roch verdammt nach dem Zeug, mit dem sein Sohn und diese druidischen Verwandten seiner Frau sich beschäftigten: Zauberei. Zwar war er dagegen alleine recht machtlos, dennoch wollte er sein möglichstes tun um dem finsteren Treiben ein für alle mal ein Ende zu bereiten. Also hatte er seinen Plattenpanzer angelegt, sein Bastardschwert über den Rücken geschnallt, den schweren Dolch am Gürtel befestigt und war zum Kasino gezogen wie in einen Krieg. Allerdings hielt er sich erst noch verdeckt und ließ der Mannschaft und seinen Adelskollegen den Vortritt. Als die Salmfang mit ihrer Rede begann, stellte er sich von außen an die Tür um kein Wort zu verpassen. „Hab ich irgendwas vergessen?“, stellte sie gerade die Frage in den Raum. Während der zaghaften Diskussion, die dieser Frage folgte, betrat Filwald von Landwacht leise den Raum und stellte sich demonstrativ mit dem Rücken zur Tür. Hier sollte so schnell niemand den Raum verlassen. „Vielleicht hättet Ihr nun die Freundlichkeit uns zu erzählen, vor was Ihr Euch eigentlich seit Beginn dieser Reise fürchtet?“, stellte er seine Frage an die Kapitänin Firunhard konnte nur den Worten der Mitreisenden folgen. Was konnte nur in der Kapitänskajüte gesucht worden sein? Die Anderen hatten schon recht, das konnte niemals die Oda alleine gewesen sein. Was war eigentlich mit den seltsamen Gestalten, die sie in Crumold beim Ablegen gesehen hatten? Haben die etwas damit zu tun? Hat man die jemals wieder gesehen? Grübelnd saß Firunhard bei Tisch und machte eine finstere Mine als er eigentlich wollte. Er nickte grüßend Filwald zu, als dieser doch auch noch eintrat, nach dessen Frage sah er erwartungsvoll zu Salmfang. Die Aufmerksamkeit der Kapitänin richtete sich zur Tür, als Filwald von Landwacht eintrat. Sie nickte ihm kurz zu und wandte sich wieder den Personen am Tisch zu, ehe die Bemerkung Filwalds ihr ein tiefes Stirnrunzeln abverlangte und sie den Kopf abermals in seine Richtung drehte. „Wie kommt Ihr darauf, dass ich mich fürchten sollte?“ polterte Arbarhild in einem leicht zornigen Anflug. „Ich habe mich seit Crumold nicht gefürchtet. Eher dachte ich, dass ich in Gesellschaft der Vasallen des Herzogs wohl ein ziemlich leichtes Leben habe, während der Fahrt. Ein bisschen die Landschaft zeigen, ein bisschen für Unterhaltung sorgen, damit sich die hohen Herrschaften nicht langweilen. Hier bestand meine einzige Sorge, nicht genügend Abwechslung bieten zu können.“ Ihr Ton war harsch und das die Unterstellung sie kränkte verdeutlichten noch die vor der Brust verschränkten Arme, als sich die Kapitänin auf ihrem Stuhl zurück lehnte. Dann entschied sich Arbarhild Filwald zu ignorieren und lieber Luzia und Aerin zu zu wenden. „Ich habe den vergangenen Tag die meuternde Matrosin verhört. Viel ist meiner Meinung nach nicht bei raus gekommen. Zumindest erschließt sich mir ihr Verhalten nicht gänzlich.“ Kurz schürzte die Salmfang ihre Lippen und dachte nach. Dann sprach sie weiter: „Oda hatte irgendwas haben wollen. Sie meinte, sie sollte etwas aus der Schatzkammer beschaffen und jemanden aushändigen. Sie wollte aber partout nicht sagen, wer dieser jemand ist. Sie erwiderte immer wieder, dass sie mir das noch nicht mal im Angesicht des Todes sagen wird und spie mir dabei sogar vor die Füße. Wer immer hinter ihr der Drahtzieher ist, scheint ihr entweder gehörig den Kopf gewaschen zu haben, im Sinne von eingeschüchtert, oder hat ihr ganz andere Versprechen aufgetischt.“ Jerg hörte aufmerksam zu. Er konnte sich keinen Reim daraus machen. Er klebte förmlich an den Lippen der Kapitänin und am Ende saß er da und war sprachlos. In welch schreckliches Abenteuer ist er hier geraten. Das wird Ihm sein Bruder niemals glauben! Wenn er an Oda dachte konnte er sich glücklich schätzen nicht allein gewesen zu sein. Er verpasste Ihr zwar den betäubenden Schlag, aber das wahre Lob für die Heldentat stand wahrlich Luzia zu. Auch wenn Jerg es zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht wusste, so wurde die Fahrt mit der Concabella zu einer wiederkehrenden Muse für Ihn und so manch lyrischer Vers widmete sich den starken Frauen der Reise und den drohenden ==Schatten des Verrates.==

Filwald schmunzelte. Ihm war klar gewesen, dass er mit der brüsken Bemerkung zum Mut der Kapitänin deren Zorn erregte. Anscheinend war ihm das auch gelungen. Leider nicht gut genug, um sie tatsächlich aus der Reserve zu locken. Die Kapitänin, der Steuermann und der erste Maat, sie alle wussten mehr, als sie sagte. Davon war Filwald überzeugt. Leider schien er hier allerdings bedächtiger vorgehen zu müssen. Bei Praios, das Weib war aber wirklich störrisch! Also verschränkte er die Arme hinter dem Rücken, nahm einen Stand ein, den er problemlos noch mehrere Stunden aushalten könnte, und verfolgte die weitere Unterhaltung. Bedächtig bedankte sich noch mit einem Kopfnicken bei Firunhard für dessen Gruß. Luzia folgte den Ausführungen der Kapitänin mit einem entspannten, jedoch ausreichend ernst anmutendem Gesichtsausdruck. Sie hatte nach ihrem ersten kleinen Missverständnis mit der Kapitänin eingesehen, dass sie sich um Fingerspitzengefühl bemühen musste. Also räusperte sie sich leise und warf mit ruhiger Stimme in den Raum. „Nun, unsere Aufgabe ist der Schutz des Schiffes. An sich steht es uns nicht zu, auch wenn ich meine Neugierde natürlich zugeben muss, zu wissen was sich in der Schatzkammer befindet, aber ich würde annehmen wenn es mehrere Objekte sind, dann könnte es ein jedes davon sein. Ich denke deutlich wichtiger ist für den Moment die Frage: Hat Oda alleine gehandelt, oder gab es mehrere Personen die in diese…“ Luzia suchte kurz nach einem Wort. „ ‚Verschwörung‘ eingebunden waren. Wenn ich richtig liege, dann dürften wir Elenvina bald erreichen, oder? Ich würde vorschlagen, dass wir für diese Zeit eine Wache bei dieser Schatzkammer platzieren und den Schutz des Schiffes noch einmal besonders ernst nehmen.“ Die Junkerin lehnte sich zurück. Sie hoffte, dass sie sich nicht zu sehr aus dem Fenster lehnte, besonders in solchen Angelegenheiten. Manch einer würde ihre Aussage als Feigheit interpretieren, aber einer direkten Frage würde die Kapitänin wahrscheinlich ausweichen. Also meinte sie stattdessen. „Die Aufklärung der Ereignisse wäre zwar sehr wünschenswert, aber ich weiß nicht, ob es uns zusteht uns solchermaßen in die Angelegenheiten des Herzogs einzumischen.“
Arbarhild nickte mehrmals auf Luzias Worte und signalisierte so ihre Zustimmung bei der Vermutung mit der Verschwörung und den Wachen. Dann antwortete sie mit einem Stirnrunzeln: „Zusätzliche Wachen, die einen Blick auf die Schatzkammer haben, ist wahrlich eine gute Idee. Allerdings kann ich keinen meiner Matrosen mehr entbehren, dies zu übernehmen, wenn das Schiff weiter fahrtüchtig bleiben soll. Zieh ich Leute ab um dumm herum zu stehen, passieren womöglich wieder irgendwelche Unglücke auf dem letzten Teil der Reise. Ich will das nicht riskieren. Wenn die Herrschaften sich aber einigen und bereit erklären, Wache zu stehen, wird der Herzog dies sicherlich positiv in Erinnerung behalten.“ Aerin hörte still zu, ihr Blick blieb ruhig auf der Kapitänin ruhen, während diese Oda beschrieb: trotzig, unkooperativ, beinahe fanatisch. Als Luzia geendet hatte, runzelte Aerin leicht die Stirn. „Wenn sie sich weigert, auch nur ein Wort über den Auftraggeber zu verlieren, sogar im Angesicht von Strafe…“, sie sprach leise, fast mehr zu sich selbst „…dann hat jemand sie wirklich in der Hand. Entweder durch Angst... oder durch Überzeugung.“
Ein kurzer Blick ging zu Erlberga. Keine Worte zwischen ihnen, aber ein stilles Einverständnis schien zwischen Mutter und Tochter zu bestehen. Dann, etwas lauter:
„Wenn wir nicht wissen, was genau gesucht wurde, bleibt uns nur, darauf zu achten, ob noch jemand anderes versucht, dorthin zu gelangen. Ein wachsamer Blick ist in diesem Fall vermutlich mehr wert als ein zweites Verhör.“ Erlberga hob nun den Kopf. Ihre Stimme klang kontrolliert, ruhig – aber man spürte den Ernst in ihren Worten. „Der Vorschlag der Junkerin von Nadelgrat ist richtig. Die Sicherung der Schatzkammer hat nun oberste Priorität, ebenso wie eine doppelte Nachtwache. Wenn dies wirklich Teil einer größeren Intrige war, dann ist der Vorfall mit Oda vielleicht nur ein Auftakt.“
Aerin schien über diese Worte nachzudenken, und schließlich sprach sie wieder: „Wenn es wirklich um etwas ging, das in dieser Kammer liegt, und wenn noch andere danach suchen, dann haben wir nicht viel Zeit. Was wir nicht erfahren, müssen wir beobachten.“ Dann, mit einem kurzen, festen Nicken zu Luzia und der Kapitänin: „Ich bin bereit, einen Teil der Wache zu übernehmen.“ Aerins Worte erzeugten einen beeindruckten Gesichtsausdruck bei der Kapitänin. Dankbar aber stumm nickte sie der jungen Frau zu. „Wie geht es Oda eigentlich? Ist sie schon wieder… wach?“, fragte Filwald in die Runde. „Hat sich eigentlich jemand mal die Mühe gemacht, mit ihr zu reden? Zu fragen, was sie zu dieser Tat bewogen hat?“ Die Kapitänin warf Filwald abermals einen schiefen Seitenblick zu. „Hat der Herr vielleicht Läuse in den Ohren? Das habe ich doch eben gerade schon geschildert.“ entgegnete sie leicht gereizt. Mit einem Augenverdrehen, wandte sie sich den anderen Personen wieder zu. Xanthrax nickte sowohl Phelinda als auch Filwald zu, ehe er sich lautstark räusperte. Dem Gespräch war er lange genug gefolgt und beim Einwand seines Gefährten hakte er ein. Denn genau diesen Gedanken verfolgte er auch schon seit geraumer Zeit. Mit seinen Informationen beschloss er, sich zurückzuhalten, vorerst. Der Ambosszwerg trat vor, sodass man ihn gut in seiner Montur sehen konnte. „Wie hoch ist die Heuer, die Ihr Euren Leuten bezahlt, Frau Kapitän? Ausreichend etwa, damit ein Silberstück nicht auffällt? Oder ist es hart verdient? Und wie lange ist Frau Hugendubel bereits bei Euch im Dienst? Eine altgediente Veteranin oder ein Frischling? Mit wem hat sie meist Dienst getan und warum?“ Das waren alles Fragen, die bisher noch nicht gestellt worden, aber dennoch von höchster Wichtigkeit waren. Es galt, ein Muster zu erkennen. Angst war ein treibender Faktor, das wusste er aus seinem, im Vergleich zu den Anwesenden hier langen Leben, aber er vermutete ein Versprechen hinter Odas Weigerung, sich zu äußern. Die Kapitänin wirkte bei den Fragen des Zwerges nachdenklich. Dann holte sie Luft zur Antwort. „Also die Hugendubel fährt etwa ein halbes Jahr mit mir. Vielleicht etwas länger. Vorher war sie wohl auf einem anderen Kahn. Sie ist nicht die Neueste in der Mannschaft, aber auch nicht die Alteste.“ Arbarhild deutete auf den stummen Steuermann, der immer wieder an seinen abgegriffenen Dreispitz langte, ihn zurecht rückte oder einfach die Hutkrempe zwischen seinen Fingern rieb. „Diemut und Rahjaman sind mit Wipert diejenigen, mit denen ich am längsten Arbeite. Ihnen vertraue ich blind.“ Bei der Erwähnung des ersten Maates strafte sich seine Statur, die ebenso unscheinbar wie der Steuermann in einer Ecke des Raumes stand. „Wie hoch die Heuer ist, muss ich hier wohl nicht kund tun. Aber vertraut mir, dass es für den Transfer der Concabella von Crumold nach Elenvina mehr Lohn als üblich gibt. Allein schon als Gefahrenzulage für die Jahreszeit.“ Unwillig mehr zur Entlohnung der Matrosen zu berichten, sah Arbarhild zum Zwergen. Ehe sie in ihrer Antwort weiter fortfahren konnte, wurde sie von Pehlindas Frage unterbrochen. Der Honiggeruch von Bienenwachs lag in der Luft, während Phelinda in ihrer persönlichen Kurzschrift die aufgeworfenen Punkte so gut notierte wie möglich. Dass Oda nicht allein gehandelt haben konnte, war klar. Spätestens seit sie auf ein Dorf gestoßen waren, das bewusst abgehalten wurde, ihnen beim Treideln zu helfen, lag das auf der Hand. Sie hatte den Schilderungen ihrer Standesgenossen genau zugehört und auch im Vorfeld Erkundungen bei ihnen eingeholt.

Phelinda wusste, dass ihre Notizen ein sinnvolles Unterfangen waren. Allerdings nur, wenn sie jetzt auch den Mut aufbringen würde, sich tatsächlich in die Unterhaltung einzubringen. Sie atmete drei mal tief, aber leise ein und aus und bei der nächsten sich gebenden Pause sagte sie: „Ich wüsste gerne, welchen Zweck die Verwüstung - und Durchsuchung? - der Kapitänskajüte gehabt haben könnte. Meinen Notizen zufolge hat Euer Vogel den Eindringling wahrgenommen und sich noch während der Durchsuchung lautstark über diesen beschwert? " Einmal in Fahrt fuhr Phelinda fort: „Hat Merkan inzwischen etwas zu den Vorkommnissen sagen können? Ich erinnere mich außerdem sehr gut, dass das Tauwerk falsch aufgewickelt war. Wenn das alles auf Oda zurückzuführen ist, wärer ich schon sehr beeindruckt." Sie überlegte, ob sie die ‚Verdachtsmomente‘, die die Smutje zu Beginn der Reise gegen den Seemann Rahjaman aufgeführt hatte. Zwar führte sie der Vorwurf, er würde den Frauen an Bord nachzustellen, zumindest in dieser Sache nicht weiter, aber ein solcher Ruf mochte ihm gewisse Freiheiten gegeben haben. Frei nach dem Motto: Ach, der Rahjaman, der wird wieder irgendwem nachsteigen. Von den Gedankengängen der Ritterin nichts ahnend, stand der erste Maat weiterhin mit stolz geschwellter Brust etwas im Hintergrund und aalte sich im Lob der Kapitänin. Die Ritterin entschied sich jedoch dagegen, Rahjaman ins Spiel zu bringen. Ihre Vorbehalte waren vermutlich nicht zuletzt in der Abneigung gegen dessen Ruf für mindestens sehr lustgesteuertes bis womöglich sogar übergriffiges Verhalten begründet. Das war keine gerechtfertigte Grundlage für einen Vorwurf in dieser Sache. Dennoch konnte Oda sicher nicht allein gehandelt haben. Sie rückte auf die Vorderkante ihres Stuhls vor. „Frau Kapitänin," Phelinda sprach sie jetzt noch einmal gezielt an, „bitte beanwortetet mir neben meinen anderen Fragen auch noch diese: Wem aus eurer Mannschaft vertraut ihr wie sehr? Wenn wir diese Verschwörung vor dem Eintreffen in Elenvina aufklären wollen, müssen wir uns davor hüten, irgendwem leichtfertig zu vertrauen." ‚Und das schließt die Kapitänin genauso ein wie die Edelleute.' An ihre Standesgenossen gewandt schlug sie daher noch vor: „Wir sollten bei allem, was wir fortan tun, am besten zu zweit unterwegs sein." Fast hätte sie gesagt: ‚So können wir sichergehen, dass niemand von uns Teil der Verschwörung ist.' Gerade rechtzeitig fiel ihr jedoch ein besserer Vorwand ein: „So können wir sicherstellen, dass niemand überrumpelt wird. Gerade nach dem Vorfall mit Oda…" Sie ließ den letzten Satz unvollendet, rutschte wieder zurück auf ihrem Stuhl und lehnte sich an dessen Rückenlehne. Sie war einerseits froh, den Mund aufbekommen zu haben, allerdings hatte sie auch alle ihre Gedanken auf einmal in den Raum geworfen. Ob und wie klug das war, würde sich zeigen.
„Zu der Unordnung in der Kapitänskajüte möchte ich mich kurz äußern.“ Jerg war sichtlich nervös und erhob sich. „Ich kam kurz vor der Werten von Nadelgrat in der Kapitänskajüte an. Auf meinem Weg von meinem Zimmer zum Oberdeck konnte ich Oda nicht sehen, aber den Papagei hören.“ Jerg schaute kurz zu Luzia herüber und sprach dann weiter „die Person hatte zumindest genug Zeit dort zu suchen. Sollte es Oda gewesen sein, müsste Sie mir ausgewichen sein.“ Jerg hielt kurz Inne und ergänzte „mit der Werten von Nagelgrat, welche unmittelbar danach auftauchte kann ich mir nur schwer vorstellen, dass Oda sich versteckte, Werkzeug nahm und nach unten schlich, vorbei an der Werten von Nadelgrat, mir und den anderen die zu dem Zeitpunkt das Schiff betraten.“ Jerg nickte Phelinda zu „ich möchte mich der Vermutung anschließen, dass Oda nicht alleine auf dem Schiff war, befürchte aber dass sich ein weiterer Eindringling eventuell in der Unordnung der Rettungsaktion absetzten konnte.“ Jerg saß sich darauf hin und fühlte wie seine Zunge vor Aufregung am trockenen Gaumen klebte und trank ein Schluck. Luzia nickte Jerg zu. „Das stimmt, Oda hat das Schiff nur kurz vor uns betreten, sie hatte nicht die Zeit in die Kabine zu gelangen und unbemerkt wieder hinauszuschleichen. Aber das war als das Schiff abtrieb. Kapitänin Salmfang, war die Matrosin beim Rest der Mannschaft, als die Alarmglocken erschollen sind? Ich vermute, dass jemand das Schiff durchsucht hat, bevor die Leinen gelöst wurden. Ob dies Oda war oder nicht, das weiß ich nicht. Allerdings stimme ich meinen Standesgenossen zu, dass eine Befragung Odas durchaus noch Ergebnisse erzielen könnte, auch wenn ich annehme, dass die Herangehensweise eine Andere sein müsste. Habt ihr sie denn schon gefragt, ob sie in eurer Kabine war, ob sie die Leinen gelöst hat, ob sie Komplizen außerhalb des Schiffs hatte-?“ Es war der Steuermann, der auf einmal anstatt der Kapitänin etwas in die Unterhaltung einwarf.
„Oda war des nächtens im Gasthaus `ne ganze Weile weg. Also da in Klippag. Wir ham ja alle im Gemeinschaftszimmer geschlafen. Bin irgendwann aufgewacht, weil sich was neben mir regte. Oda zog die Schuhe an. Auf meine Frage sagte sie, sie muss zur Latrine. Das Essen vom Wirt wütete in ihrem Bauch, sagte sie, und ließ gehörig einen fahren. Dann war sie weg. Lag noch `ne ganze Weile wach, aber ich hab nicht mitbekommen, dass sie wieder kam.“ Die Kapitänin hörte dem Steuermann aufmerksam zu und man sah ihr an, dass es hinter der Stirn arbeitete. „Oda war mit im Gasthaus, als der Hafenwächter die Nachricht überbrachte. Sie ist also irgendwann wieder zur Mannschaft dazu gestoßen. Ob sie nun auf der Latrine war oder woanders.“ murmelte die Kapitänin vor sich hin. Nach ein paar Herzschlägen seufzte sie frustriert auf.
„Also ob sie nun allein gehandelt hat oder nicht, kann derzeit nicht abschließend geklärt werden. Wie ich bereits sagte, besitzen genau drei Mannschaftsmitglieder mein uneingeschränktes Vertrauen. Vielleicht sollten wir Rahjaman mit ihr mal sprechen lassen. Der schaffte es bisher immer, jede noch so sture Ziege um den Finger zu wickeln.“ Müde rieb sich Arbarhild mit zwei Fingern die Augen. „In Elenvina wird Frau Hugenduddel den Flußwächtern übergeben. Die können sich dann weiter mit der Aufklärung der Hintergründe befassen. Für solcherlei Vergehen wie Meuterei, Piraterie und die allgemeine Sicherheit auf dem Fluss ist der Allwasservogt zuständig.“ Dann brauchte die Salmfang einen Moment, ihre Gedanken und die offenen Fragen zu sortieren. Suchend blickte sie von einem Gesicht zum anderen, ehe sie an Phelindas Miene hängen blieb. „Ach ja … und der Vorfall in meiner Kajüte! Eine unvorstellbare Sauerei, einfach an mein privates Hab und Gut zu gehen. Aber auch hier vermute ich, dass es sich um Oda gehandelt haben muss. Der Vogel, den ich glücklicherweise auf dem Schiff gelassen hatte, kreischte unentwegt etwas von eine unfähigen Schollenwache oder so ähnlich. Das erinnert mich doch sehr an den Vorfall vor ein paar Tagen, wo wir uns das unschöne Leck zugezogen haben. Und das Schimpfwort `blinde Seekuh`kam eindeutig von Diemut, als er sich über Oda aufgeregt hatte nach dem Leck.“ Anschließend blickte die Kapitänin zu Jerg: „Hattet ihr eigentlich irgendwas auffälliges in meiner Kajüte entdeckt?“ Jerg überlegte kurz. „Nichts besonderes, am auffälligsten war ein Brief mit dem Wappen des Barons von Kyndoch, welcher“ Jerg zögerte kurz „wenn ich so frei sein darf wirkte wie Stümperhaft versiegelt.“ Jerg hielt einen Moment inne und dachte nach.
„Ich habe selbst im Zuge meiner Arbeit auf dem Familienhof oft gesiegelte Briefe in der Hand gehabt und diese sehen irgendwie sauberer aus. Gerade, sorgfältig ohne diese zarten feinen Haarrisse die gebrochenes Wachses.“ Jerg gestikulierte dabei ein wenig mit den Händen und beendete seine Antwort mit „Aber genau dieses Detail des Siegels ist mir in Erinnerung geblieben. Der Rest wirkte, wenn man das so sagen darf, unauffällig.“ „Und wo ist dieser Brief jetzt?“ war die verdutzte Reaktion der Kapitänin auf Jergs Worte. Luzia war gerade ihren eigenen Gedanken nachgegangen, aber bei den Worten der Kapitänin schnellte ihr Kopf wieder hoch und fixierte die Frau. „Wie, wo ist dieser Brief jetzt? Er ist nicht mehr da?“ Ungläubig starrte die Junkerin die Kapitänin Salmfang an, dann Jerg. „Das Schriftstück war außerordentlich auffällig. Von Mitterberg, als ihr gestern noch einmal in die Kajüte geblickt habt - lag es zu dem Zeitpunkt noch dort?“ Arbarhild wirkte weiter verdutzt, zog auf Luzias erste Frage ahnungslos die Schultern hoch und sagte:“Ich weiß nicht, ob der Brief weg ist. Ich habe alles auf einen Haufen geschoben und erst mal beiseite gelegt. Habt ihr ihn den nicht mitgenommen, wenn er so verdächtig aussah?“ Die Junkerin zuckte ebenfalls mit den Schultern. „Frau Kapitän Salmfang, der Brief selbst war in meinen Augen nicht allzu verdächtig. Es handelt sich, oder zumindest ist das meine Annahme, bei dem Brief um ihre persönliche Korrespondenz. Das Siegel war das Wappen des Barons von Kyndoch, adressiert an sie. Meine Annahme war, dass besagter Eindringling, wer immer das gewesen sein mag, den Brief aufgebrochen und gelesen hatte. Der Schluss ergab sich aus der Tatsache, dass der Brief mitten im Raum mit aufgebrochenem Siegel lag.“ Luzia blickte zu Jerg hinüber. „Was meint ihr dazu, von Mitterberg?“ Xanthrax entschied sich dazu momentan nicht weiter in das Gespräch einzutauchen. Phelinda tat sich gut hervor und er wollte ihr die Lorbeeren für ihre Beobachtungen gönnen und schon gar nicht streitig machen. Der Ambosszwerg trat zurück und überließ das Feld den anderen. Nebenbei zündete er sich sein Pfeifchen an und wartete ab. Phelinda nickte er anerkennend, fast schon auffordernd zu. Aerin runzelte leicht die Stirn, als die Diskussion um den Brief an Fahrt aufnahm. Ihr Blick wanderte von Luzia zu Jerg, dann zur Kapitänin. Sie beugte sich ein wenig nach vorn, ihre Stimme war leise, aber klar und ruhig: „Wenn der Brief tatsächlich verschwunden ist, während er unbeachtet in der Kajüte lag, dann war das entweder ein Zufall, oder jemand wusste genau, wonach er suchte.“ Sie hielt kurz inne, dann wandte sie sich mit einem höflichen, beinahe entschuldigenden Ton an Arbarhild: „Verzeiht bitte, wenn ich das anspreche... es liegt mir fern, in eure Privatsphäre einzudringen. Aber... falls Ihr euch an den Inhalt des Schreibens erinnert: Gab es darin vielleicht Andeutungen über Orte, Namen oder Pläne, die mit dieser Überfahrt zu tun haben könnten?“
Ein kurzer Blick ging in die Runde, dann wieder zur Kapitänin. „Ich denke nur, wenn jemand gezielt nach diesem Brief gesucht hat, dann könnten solche Hinweise, selbst beiläufige, etwas darüber verraten, wo womöglich ein nächster Angriff oder Sabotageversuch geplant ist. Oder zumindest, wo wir besonders wachsam sein sollten.“ Sie senkte leicht den Blick, fast als wolle sie betonen, dass es nur ein vorsichtiger Gedanke sei, kein Vorwurf. Die Äußerungen ihrer Standesgenossen ermutigten Phelinda, aber dieser Brief hatte nun vorerst Priorität. Sie beschloss abzuwarten, ob Jerg zu der Angelegenheit etwas beizutragen hatte. Sollte er nichts wissen, würde sie vorschlagen, das Schiff nach dem Dokument zu durchsuchen. Wenn Oda den Brief nicht vernichten oder entwenden wollte, erschien es ihr unwahrscheinlich, dass er seither vernichtet oder entwedet worden war. ‚Aber ob die Kapitänin ihn bereits gelesen hat? Wenn ich es richtig verstanden hab, war das Siegel wieder so hergerichtet worden, dass es ungebrochen aussehen sollte. Wenn auch schlampig.‘ Gespannt blickte sie nun zwischen Jerg und der Kapitänin hin und her.
Filwald straffte die Schultern. Da schien ja doch einiges an Bord passiert zu sein, während er am Hafen nach möglichen Saboteuren gesucht hatte. Anscheinend hatten einige seiner Adelskollegen die Kabine der Kapitänin unverschlossen und durchwühlt vorgefunden. Und dann dieser Brief. Offenbar war dieser geöffnet, anschließend aber wieder notdürftig verschlossen worden. Hatte die Kapitänin diesen dann gar nicht gelesen? Dann wäre das Siegel schließlich bereits geöffnet gewesen, kein Grund also, ihn wieder zu verschließen. Wer auch immer den Brief geöffnet hatte, er wollte versuchen, seine Spuren zu verwischen. Er wollte den Brief nicht einfach entwenden, sondern zurücklegen. Aber dann würde er das Zimmer nicht in einem solchen Chaos hinterlassen. Offenbar war ja in der Kajüte alles auf den Kopf gestellt worden. Jemand, der so vorgeht, macht sich nicht die Mühe, einen Brief vorsichtig zu öffnen und wieder zu verschließen. Nein, hier sind mindestens zwei Personen im Spiel. Filwald fragte sich, welche. Die unglaubliche Wut, die Oda nach den Beschreibungen seiner Kollegen an den Tag gelegt hatte, könnte dafür sprechen, dass sei auch die Kapitänskajüte verwüstet hatte. Unter welchem Einfluss sie auch immer stand. Filwald war noch immer davon überzeugt, dass sie nicht aus freiem Willen gehandelt hatte. Derjenige, der heimlich den Brief geöffnet und wieder zurückgelegt hatte, das war derjenige, den es zu finden galt. Zur Kapitänin gewandt meinte Filwald: „Ich wäre gern dabei, wenn Rahjaman mit Oda spricht.“ Wieder striff Fillwald ein schiefer Seitenblick der Kapitänin. Diesmal aber weniger zornig, eher nachdenklich. Dann huschte Arbarhilds Aufmerksamkeit zum ersten Maat. „Vielleicht kann Rahjaman ja mal in meine Kajüte gehen und nach dem ominösen Schrieb gucken!?“ Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, da flog auch schon ein kleiner Schlüssel durch die Luft, den die Kapitänin aus der Innentasche ihres Jacketts zog und dem Maat zuwarf. Wieder zu Filwald blickend meinte sie mit einer fahrigen Geste: „Begleitet ihn gerne. Aber hütet Euch, noch mehr Unordnung zu stiften.“ In den letzten Worte schwang ein deutlicher Warnton. Dann sprach Frau Salmfang zu den anderen: „Ich bin mir wirklich nicht sicher, ob ich einfach unachtsam war, oder der Brief wirklich weg ist. Aber wenn der Schrieb in dem Haufen Unterlagen gefunden wird, die ich recht unachtsam auf meinem Schreibtisch geworfen habe, dann habe ich keine Scheu, diesen Brief vor allen hier offen zu legen. Ich kann mich zumindest nicht an eine persönliche Korrespondenz mit dem Baron von Kyndoch erinnern.“ Damit nickte sie entschlossen Rahjaman zu, der sich sogleich aufmachte, zur Kapitänskajüte zu eilen. Filwald dachte nicht einen Moment, dass dieser Brief noch zu finden war. Dennoch folgte er dem ersten Maat sofort auf dem Fuße. Er wollte sich nicht die Gelegenheit entgehen lassen, selbst auch mal einen Blick in die Kapitänskajüte zu werfen. Hauptsächlich aber wollte er erfahren, wie Rahjaman über diese ganze Sache dachte. Und, wenn es irgendwie möglich ist, verhindern, dass Oda hier zum Sündenbock gestempelt wurde. Er hatte sich noch immer auf seine Menschenkenntnis verlassen können, und alles in ihm schrie förmlich, dass es eine andere Erklärung geben müsse. Er hoffte inständig, dass sie ihn hier nicht im Stich ließ. Entschlossen schüttelte er die Zweifel ab und folgte Rahjaman zur Kapitänskajüte. „Seltsame Sache, oder?“, fragte er wie beiläufig. Rahjaman nickte zu Filwalds Worten und meinte „Aye! Seltsame Sache.“ Dann nestelte er bereits am Schlüssel herum und wandte sich zur Tür, die sich vom Offizierskasino direkt an den hinteren Teil des Hecks anschloss. Er brauchte dafür gar nicht den Raum verlassen und alle anderen Adelsleute konnten mit ansehen, wie er die Tür zur Kajüte der Kapitänin öffnete. Wer sich etwas reckte und streckte, dem war es möglich einen Blick in das Zimmer dahinter zu werfen, wo zumindest der Boden soweit frei geräumt war, dass man dort laufen konnte. Nichts desto trotz war immer noch ein Durcheinander im Raum auszumachen, wenn auch mittlerweile ein etwas geordnetes. Kurz orientierte sich der erste Maat und und steuerte dann den Schreibtisch an, auf dem ein Haufen von zusammen gerammschten Papieren lag. Eilig blätterte er hindurch und zog einen ramponierten Brief mit Kyndocher Siegel heraus. „Hier ist etwas, Kapitänin!“ quakte er aus dem hinteren Zimmer und Arbarhild, die ungeduldig weiter mit den anderen Passagieren am Besprechungstisch saß, quakte zurück: „Dann bring`s halt her!“. Als er dies tat und den Brief vor der Salmfang auf den Tisch legte, zog sich ein Stirnrunzeln über das Antlitz der Kapitänin. Verwundert murmelte sie: „Ein Brief von Liafwin von Fadersberg - Baron zu Kyndoch? … Mir wäre nicht bewusst, mit ihm in Korrespondenz gewesen zu sein.“
Luzia runzelte die Stirn. „Ihr habe diesen Brief noch nie gesehen? Das ist dann doch eher ungewöhnlich. Was steht denn darinnen geschrieben?“ Die Junkerin versuchte sich keine Ungeduld anerkennen zu lassen. Aber in ihren Augen war die ganze Sache äußerst seltsam. Für Spekulationen war es etwas zu früh, aber wenn es sich bei dem Brief um eine Fälschung handeln sollte- nein, für Spekulationen war es etwas sehr früh. Sie besah sich das Gesicht der Kapitänin als diese den Brief ansah und versuchte zu erkennen ob sie die Wahrheit sagte. Arbarhild Salmfang griff nach dem Brief, drehte in untersuchend in den Händen und meinte: „Das sieht aus, als hätte ihn jemand schon mal aufgemacht und gelesen. Ich kann aber versichern, dass ich es nicht war. Das Schriftstück sehe ich zum ersten Mal.“ Wer die Kapitänin dabei beobachtete und über eine gute Menschenkenntnis verfügte, merkte recht schnell, dass der Brief wirklich Fragen bei der Seefahrerin aufwarf. Die Augen blickten misstrauisch und ins Gesicht war eine Spur von Skepsis geschrieben, gepaart mit eine ehrlichen Ahnungslosigkeit. Eher zögerlich öffnete sie das Schreiben und begann den Text zu lesen. Der entgleisende Ausdruck ehrlichem Entsetzens auf ihrem Antlitz unterstrich die vorherige Einschätzung, dass Arbarhild die Wahrheit sprach, diesen Brief nicht zu kennen.

Fassungslos hob sie den Blick und sah die anwesenden Adligen an. Es hatte ihr schier die Sprache verschlagen und so glotzte sie mit offenem Mund einfach in die Gesichter der anderen. Unvermittelt stieg Wut in ihr auf, als sie den ersten Schock überwunden hatte. Zornig pfefferte sie das Schreiben auf die Tischplatte und stand ruckartig auf, so dass ihr Stuhl rumpelnd über den Boden rutschte. „So eine Unverschämtheit! Was soll das bedeuten? Wer zweifelt hier meine Loyalität zum herzoglichen Hause an? So ein dreistes Blendwerk! Wenn ich den erwische, der mir das in die Kajüte gelegt hat.“ Dabei stiefelte sie in wutentfachtem Marsch hin und her, verschränkte die Arme auf den Rücken und versank ins Grübeln. Wer sich des Briefes bemächtigen wollte, oder einen Blick auf den Inhalt erhaschte, konnte folgendes lesen:

`Hochgeehrte Frau Kapitänin,
Mit Feder und Siegel sende ich Euch Gruß und Ehrerbietung aus meinem Sitz auf Burg Efferdwacht, wo die Kunde Eures jüngsten Privilegs wie ein frischer Wind durch die Hallen wehte. Es ist mir ein aufrichtiges Bedürfnis, Euch zu beglückwünschen, das herzogliche Juwel, die glanzvoll wiederinstandgesetzte Concabella, auf einer kühnen Fahrt befehligen zu dürfen. Wohl weiß ein jeder, der das Meer und den Fluss kennt, dass nicht allein Holz und Segel ein Schiff ausmachen, sondern das Herz und die Hand, die es führen. Und wahrlich, Frau Kapitänin, Euer Ruf eilt Euch voraus wie das Morgenlicht dem Tage: Geschick, Mut und ein feines Gespür für Wind und Wellen zeichnen Euch aus wie das Gold den Sonnenaufgang. Möge Efferd selbst Euch wohlgesonnen sein, und die Sterne Euren Kurs leiten. Doch erlaubt mir, in aller Verschwiegenheit, ein Anliegen von persönlicher Natur an Euch heranzutragen. Es ist so, dass ich – zu meiner Schande gestanden, in einer Stunde der Übermütigkeit – eine Wette einging, betreffend der Ankunft eines bestimmten Schiffes in seinem Hafen in Elenvina. Ihr ahnet wohl, welches Schiff gemeint ward. Sollte die Concabella in Elenvina einlaufen, so verlöre ich nicht nur eine stattliche Summe Dukaten, sondern auch ein kleines Stück meines Stolzes, der mir teuer ist wie mein Wappen. Daher wage ich, Euch zu bitten – nein, zu vertrauen – dass Ihr, in stillem Einvernehmen und zum Wohl meines Hauses, die Ankunft im Hafen von Elenvina irgendmöglich vermeidet. Wie ihr das bewerkstelligt lege ich vertrauensvoll in Eure Hände, denn als erfahrene Seefahrerin denke ich, könnt ihr am besten die Möglichkeiten und Machbarkeiten in die Tat bringen. Ich weiß, dass ich mit dieser Bitte viel verlange, doch ich tue es im Vertrauen auf Eure Klugheit und Euer Verständnis für die feinen Spiele der hohen Häuser. Und solltet Ihr meinem Wunsch Gehör schenken, so sei Euch mein Dank gewiss – samt einer Kiste besten Weines, eingebettet in klingenden Dukaten. Verbunden mit der Einladung an meinem Tisch, wann immer Ihr wieder festen Boden unter den Füßen sucht.
Mit Hochachtung und in der Hoffnung auf Euer Wohlwollen verbleibe ich
Euer ergebenster Freund,
Liafwin von Fadersberg - Baron zu Kyndoch`

Aerin blieb ruhig sitzen, während der Zorn der Kapitänin den Raum erfüllte wie ein aufziehendes Gewitter. Ihre Hände ruhten gefaltet im Schoß, doch ihre Augen lagen wach auf dem Brief, den Arbarhild auf den Tisch geworfen hatte. Sie ließ die Worte wirken, ließ den Ton, die Wortwahl, den Inhalt sacken. Als die Kapitänin zu Ende getobt hatte, wartete Aerin einen Augenblick, dann hob sie mit ruhiger, beinahe nachdenklicher Stimme an: „Das klingt nicht wie eine Drohung, aber wie eine Versuchung. Eine Einladung zur Korruption, mit höflicher Stimme und goldenen Schleifen.“ Sie richtete den Blick auf Arbarhild, offen, aber nicht anklagend.
„Verzeiht mir den Gedanken, Frau Kapitänin, ich zweifle nicht an Eurer Ehre. Aber vielleicht hat jemand gehofft, dass andere es tun. Jemand, der diesen Brief fand und entschied, ihn zu öffnen, statt ihn zu entwenden... und dann demonstrativ zurücklegte.“
Sie legte den Kopf leicht schräg, wie ein Falkner, der den Wind prüft. „Es wirkt beinahe so, als wollte man nicht nur Euch in Verruf bringen... sondern das ganze Schiff. Die Mission. Vielleicht sogar den Herzog selbst.“ Luzia ergriff den Brief, den die Kapitänin auf den Tisch geworfen hatte und begann ihn kurz zu überfliegen, wobei der Junkerin ein kurzes, amüsiertes Schnauben entkam, ob der blumigen Ausdrucksweise. Dann nahm sie die Versiegelung des Briefes genauer in Augenschein, bevor sie den Brief dorthin zurücklegte, wo sie ihn aufgenommen hatte. „Ich stimme von Auenstein zu, das hier klingt sehr danach, als würde jemand versuchen Kapitänin Salmfang auf der einen Seite, Baron von Fadersberg auf der anderen die Schuld für eine Verspätung anzulasten. Wobei ich nicht sagen kann, dass dieses Siegel nicht sehr überzeugend aussehen würde. Dass es nun aber angebliche Wetten um das pünktliche Erscheinen der Concabella im Hafen von Elenvina gibt, das finde ich sehr bedenklich. Wie viel Fahrt haben wir denn noch vor uns?“
„Nur noch wenige Stunden.“ war die Antwort, die aber nicht von der Kapitänin selbst kam, sondern vom Steuermann aus dem Hintergrund erklang. Arbarhild Salmfang war zu sehr in rage und damit beschäftigt gedankenversunken und wutschäumend hin und her zu tigern. „Sollten heute Nachmittag Elenvina erreichen.“ ergänzte Diemut.
Die Kapitänin hielt inne und wirbelte mit zornigem Gesicht herum. Diemut, der eben noch Antwort gegeben hatte, blaffte sie an :“Genau! Noch wenige Stunden. Daher sollten wir zusehen, dass wir das Schiff in den besten Zustand versetzen könnten, den es in seiner Verfassung hergibt. Los - Rhajaman, Diemut - ab an die Arbeit. Das Schiff muss blitzblank geschrubbt werden. Schafft die faulen Kerle und Weiber an die Schrubber und an die Putzlumpen. Ich will auch ein paar extra Wimpel gehisst sehen.“ Die bissige Anweisung unterstrich die Salmfang mit einer herrischen Geste. Ohne einen Widerspruch trollten sich die beiden Mannschaftsmitglieder. Dann richtete die Kapitänin ihre Aufmerksamkeit in Richtung Gäste. „Verehrte Herrschaften, ich denke, ich kann zu der ganzen Angelegenheit nicht mehr beitragen. Oda wurde der Meuterei überführt, mehr kann ich aber aus ihr nicht heraus bringen. Hier darf der Allwasservogt sich gerne die Zähne ausbeißen. Und das da ….“ Arbarhild zeigte auf den Brief am Tisch und schnaubte abfällig „…wird wohl ein Fall für den Magistrat oder die Praioskirche. Die können sich mit der Echtheit des Dokument beschäftigen. Ich lasse mir zumindest nichts zu schulden kommen.“ Bei den letzten Worten straffte sich die Statur der Kapitänin und sie zog energisch ihr Jackett gerade. Der Zorn stand ihr immer noch ins Gesicht geschrieben und färbte ihr Gesicht mittlerweile rot. Pampig richtete sie nochmal das Wort an die Passagiere, bevor sie zielstrebig den Raum verließ: „Werte Herrschaften, ich empfehle mich. Ich muss meiner Mannschaft in den Ar…. - Verzeihung - Allerwertesten treten!“ Damit drehte sie sich um und ging. Die jüngsten Entwicklungen verunsicherten Phelinda. Sie hielt die Kapitänin für aufrichtig, machte sich jedoch große Sorgen, dass sie angesichts der Geschehnisse und des Briefinhalts in Schwierigkeiten geraten würde. Vor allem, nachdem sie nicht aufklären konnten, wer die Fäden in diesem Spiel gezogen hatte. Allerdings würde eine Kapitänin in Diensten des Herzogs auch ausreichend Unterstützung zu Hof finden. Nachdem sich eine Weile nichts tat, schob Phelinda ihren Stuhl zurück und erhob sich. „Ich schätze, wir sind hier vorerst fertig, oder?" Sie konnte nicht verhindern, dass ihre Mundwinkel nach unten sackten. Die Situation frustrierte sie sehr.

Ankunft

Elenvina! Die Stadt am Großen Fluss grüßte die Reisenden, als die Concabella in einer sanften Brise unter einem wolkenlosen, hellblauen Winterhimmel mit gefüllten Segeln gemächlich der Herzogenstadt entgegen glitt. Schon von weitem war die stolze Herzogenfeste Eilenwïd-über-den-Wassern mit ihren grauen Mauern und dem leuchtend weiß gekalkten Palas auf einer Klippe hoch über dem Fluss zu erkennen. Alles überragte der ‘Dicke Eppo’, der trutzige Bergfried der Feste, auf dessen Zinnen eiserne Spieße in den Himmel ragten und über dem im leichten Wind das bunte Banner des Herzogenhauses und jenes der Nordmarken wehte. Im Hafen zu Füßen der Burg hatte sich eine bunte Menschenmenge versammelt. An den Häusern wehten Wimpel und Banner in den unterschiedlichsten Farben und auch die Schiffe im Hafen trugen einen Schmuck aus munter im Wind flatternden Fahnen. Die Herzogenturnei stand bevor, und ein farbenfroher, lauter Jahrmarkt überzog die Plätze der herausgeputzten Stadt, in der sich die Einwohner in ihren prächtigsten Gewändern amüsierten. Die Einfahrt des herzöglichen Schiffes wurde mit lauten Rufen begrüßt. “Hoch, hoch!” jubelte die Menschenmenge, “Für den Herzog - und für die Nordmarken!”
Nachdem die Concabella trotz ihrer Blessuren recht majestätisch in den Hafen eingefahren und vom lauten Jubel der Menge Willkommen geheißen war, wurden die Vasallen des Herzogs von einer kleinen Empfangskommission des herzoglichen Hofes begrüßt. Der kurze Rapport der Kapitänin jedoch ließ tiefe Sorgenfalten auf den Gesichtern entstehen und eilig wurde eine kleine Krisensitzung einberufen, zu der die Adelsleute unmittelbar befehligt wurden, um ihre Erfahrungen und Aussagen beizusteuern. Erst als alles bis ins Detail besprochen war, wurden die Vasallen vom Allwasservogt Gorfang Reto vom Großen Fluss persönlich aus dem herzoglichen Dienst entlassen.
“Hochgeschätzte Anwesende”, begann der Allwasservogt, “Im Namen des Herzogs spreche ich einen tiefen Dank für den Dienst aus, den Ihr geleistet habt. Laut den Berichten und Ermittlungen, die Ihr schon selber beitragen konnten, wird die Flussgarde ihr möglichstes tun, noch mehr Licht in die Angelegenheit zu bringen. Denn die Berichte sind wahrlich besorgniserregend. Allerdings - die Ereignisse zeigen doch abermals, dass auf die Adelsfamilien im Herzogtum Verlass ist und die hier anwesenden Familien das Vertrauen des Herzogs zu recht genießen. Ihr habt nicht nur das Prestigeobjekt unseres Landesoberhauptes mehr oder minder unversehrt her gebracht, sondern auch ein Mannschaftsmitglied vor dem Ertrinken gerettet, ein Dorf der Beeinflussung durch unlautere Machenschaften überführt, eine meuternde Matrosin enttarnt und Euch mehrfach für die Sicherheit des Schiffes eingesetzt.” Der Allwasservogt nickte anerkennend den Adelsleuten zu. “Seid gewiss, dass dies dem Herzog gegenüber nicht unerwähnt bleibt und er sicherlich die hier Involvierten mit einem persönlichem Dankesschreiben nach dem Turnier beehren wird. Ich werde mich persönlich dafür einsetzen, dass seine Hoheit dies auch nicht vergisst.” Damit neigte der Allwasservogt vor der kleinen Adelsversammlung sein Haupt und entließ allesamt aus der Versammlung und wünschte jedem viel Vergnügen und Unterhaltung bei der Turnei und in der festlichen Hauptstadt der Nordmarken.

      • finis ***