Löwe und Schwan
Ort: Rondratempel Kaldenberg, Baronie Kaldenberg
Zeit: 6. Rahja 1047, späterer Mittag (war: 6. Efferd 1048, redaktionell verschoben)
Inhalt: Geschehen beim Kaldenberger Turnier (Vorspiel zum NKK 2025): Ernstes Gespräch zwischen Olwen und Grimo nach beinahe tödlichem Kampf gegen Namenlosen-Anhänger.
Personen:
- Olwen von Immental, Ifirn-Geweihte (Knechtstett)
- Grimo Steinklaue von Orgils Grab, Rondra-Hochgeweihter (Dario)
- Yanis von Kaldenberg, Rondra-Geweihte (YanTur)
- Familie Weidenbaum (Dario)
- Diverse Rondrianer.
Da das Wetter gut war, nahmen die Rondrianer und Familie Weidenbaum ihren Mittagsimbiß im Hof des Rondratempels ein. Man diskutierte einzelne Lanzengänge, rätselte oder mokierte sich über den Faulen Ritter, tauschte Scherze, unterhielt sich aber auch weit ernster über Andesine und über die Geschehnisse der vergangenen Nacht.
Da tauchte auf einmal die Ifirngeweihte Olwen von Immental am Eingang zum Hof auf.
Grimo stand auf. “Euer Gnaden von Immental!”, rief er erfreut. “Ifirn mit Euch! Was führt Euch hierher?”
Die Angesprochene war recht erstaunt, dass sie gewissermaßen in eine kleine Versammlung platzte, und hielt abrupt inne, um sich einen Überblick über die Anwesenden zu verschaffen.
Fragend und suchend musterte sie die Gesichter. Als aber die von ihr gesuchte Person aufstand und sie begrüßte, lächelte Olwen Grimo freundlich an.
“Rondra zum Gruße!” erwiderte sie kurz und fügte dann an: “Mich führt mein Herz hierher.”
Olwens Lächeln wurde etwas weiter. “Ich habe Euch gesucht. Aber es ist nicht meine Absicht, Euch in Eurer Gemeinschaft zu stören.”
Unsicher sah sie zu den restlichen Anwesenden herüber, ehe sie wieder Grimos Augen suchte. In ihrem Blick lag Frage und Bitte zugleich und ihre Haltung machte deutlich, dass sie erstmal nicht gehen würde, auch wenn sie gerade unpassend kam.
“Ganz und gar nicht, Euer Gnaden!”, erwiderte Grimo und schaute selber in die Runde. “Olwen von Immental, Geweihte der Ifirn”, stellte er die Besucherin dann vor und im Folgenden gegenüber Olwen die Anwesenden, vor allem Rondrianer des Kaldenberger Tempels und Rorik Donnerschall, Tempelbote, dann aber auch: “Marsilea, meine Frau, Lea, meine Drittälteste und inzwischen auch Novizin, Wulfi, mein Jüngster.”
“Mögt Ihr Euch zu uns gesellen und an unserem Imbiß teilhaben?”, fragte Grimo die Ifirngeweihte anschließend. “Oder sollen wir gleich irgendwo Ungestörtes hingehen …”, er zögerte und schaute zum Tempel und den Nebengebäuden.
Yanis von Kaldenberg, eine der Geweihten, schlug einen Raum vor und wies auf eins der Gebäude.
“Oh, mir ist gerade nicht nach Essen”, entschuldigte sich Olwen. Und gerade als sie ansetzen wollte, etwas zu sagen, sprach eine andere Geweihte und schlug einen Raum für ein Gespräch vor. Die Ifirngeweihte schmunzelte und deutete in die gewiesene Richtung. “Nun, ich habe zwar nichts zu verbergen, aber wir können uns gerne kurz zurückziehen. Vielleicht ist das, was noch gesagt werden will, auch nicht unbedingt für jedermanns Ohren bestimmt."
Olwen hoffte, dass Grimo durch die Andeutung verstand, dass ihr Anliegen mit den Ereignissen an der alten Mühle zu tun hatte.
“So vermutete ich”, bemerkte Grimo, “auch wenn ich noch nicht weiß, worum es geht.”
“Nach Euch!”, sagte Olwen.
Grimo führte sie in den vorgeschlagenen Raum, wobei er sich darin umsah, als kenne er den Anblick selber noch nicht allzu gut. Immerhin gab es angenehme Sitzgelegenheiten, auch wenn – natürlich – Waffen und Rüstungsteile an den Wänden hingen.
Er streckte, sobald er saß, sein rechtes Bein aus und rieb es unwillkürlich. “Und nun, Euer Gnaden – was ist es, warum Euer Herz Euch hierher führte?”
Ein sanftes Lächeln trat auf Olwens Mund und breitete sich bis in ihre Augen aus. Sie stand noch einen Moment vor dem Rondrageweihten und betrachtete ihn.
Narben im Gesicht sprachen von heftigen Kämpfen, aber mit seinem grauen Haupthaar, über der Stirn schon zurückgehend, hinten in einem kurzen Pferdeschwanz zusammengehalten, seinem frisch gestutzten Bart und freundlichen Ausdruck hätte er auch ein Diener Peraines oder Travias sein können. Möglich, daß er selbst jetzt, wo er gerade beim Imbiß gesessen hatte, unterm Wappenrock ein Kettenhemd trug. Auf jeden Fall trug er sein Schwert an der Seite, dessen Knauf tatsächlich eine Art Klaue bildete.
Dann ließ die Ifirngeweihte sich auf ein Knie herunter, als würde sie vor dem Herzog selber stehen und ihm Respekt erweisen, legte eine Hand auf ihr Herz und sprach: “Mein tiefster, von Herzen kommender Dank, Euer Gnaden Steinklaue.” Dann erhob sie sich wieder und setzte sich neben Grimo auf einen der Stühle.
“Ohne Euch wäre ich wahrscheinlich nicht mehr fähig, den Willen Firuns und den seiner Tochter in die Welt zu tragen. Auch wenn Ihr nicht allein an meiner Rettung Anteil hattet, so wollte ich Euch mitteilen, dass Rondras Ruf den Flügelschlag des Raben vertrieben haben muss. Denn ich hörte, wie das Rauschen der Schwingen leiser wurde, nachdem die Stimme der Leuin in meinen Ohren hallte.” Einen Moment musste Olwen innehalten und mit feuchter werdenden Augen kämpfen, bei ihrer Erinnerung.
Grimo starrte die Ifirngeweihte einen Moment lang völlig verblüfft an. Dann erhob auch er sich kurz, legte die flache Hand aufs Herz und machte eine leichte Verbeugung, dann nahm auch er wieder Platz.
“Ihr seht, Ihr macht mich sprachlos”, langsam trat ein Schmunzeln auf sein Gesicht. “Oder vielmehr hätte ich beinahe gesagt: ‘Dafür sind wir doch da!’” Seine Miene wurde wieder ernst, und auch er musterte Olwen aufmerksam. “Ich bin selber sehr froh, daß ich meinen Teil beitragen konnte – und daß die Herrin meiner Bitte Gehör geschenkt hat …”
Sein Zögern, sein Stirnrunzeln und seine angespannte Miene verrieten, daß ihn etwas an der Sache sehr beschäftigen mußte.
Der blonden Frau entging Grimos Nachdenklichkeit am Ende seiner Worte nicht. Sie wandte sich ihm zu und fragte vorsichtig: “Aber Ihr seid wegen irgendwas beunruhigt, nicht wahr!?”
Olwens Augen suchten behutsam im Gesicht des Gegenübers nach weiteren erklärenden Hinweisen ihrer Vermutung.
Offen und mit verlegenem Lächeln begegnete Grimo ihrem Blick. “‘Beunruhigt’ trifft es nicht ganz …”, erwiderte er nachdenklich. “Seht Ihr … vor fast einem Jahr wohnte ich einer Firunsmesse bei und erhielt auch die Segnung. Jetzt frage ich mich …” Er verlor den Faden, setzte neu an. “Die ganze Zeit hadere ich, daß es mir nicht gelang, diesen verfluchten Grakvaloth zur Strecke zu bringen. Meine Frau hielt mich schon für … also, in etwas anderen Worten, aber für größenwahnsinnig. Oder so ähnlich. Jetzt …”, weiterhin sah er Olwen an, die Stirn etwas gerunzelt, offenbar nach den richtigen Worten suchend. “Jetzt glaube ich, ich habe eigentlich Euch zu danken – daß Ihr mir gezeigt habt, was wahrscheinlich wirklich meine Aufgabe war: dabei zu helfen, Euch und die anderen aus diesem Feuer und …”, er schmunzelte, “diesem ganzen Schlamassel rauszuholen.”
Der verdutzte Gesichtsausdruck Olwens veränderte sich wieder zu einem sanften Lächeln. Die Worte überraschten sie zuerst, doch dann meinte sie, die tiefere Bedeutung zu verstehen.
“Eure Erkenntnis und der Dank ehren mich”, meinte sie etwas verlegen. “Wenn Ihr dies als Eure Bestimmung in der Situation erkannt habt, sind Schwan und Löwin wahrlich zusammen geschritten.” Olwens Augen wurden etwas abwesend. “Wenn man den Gedanken weiter denkt, scheint Rondra Euch einer besonderen Lektion unterwiesen zu haben. Die Herausforderung eines Kampfes anzunehmen und zu unterliegen, aber zu erkennen, dass die Gemeinschaft ein anderer Schatz ist, den es zu bewahren gilt.” Das Antlitz der Ifirngeweihten leuchtete leicht, als ihr Blick wieder den von Grimo suchte und fand.
Zu ihren Worten nickte der Rondrianer ernst.
“Verehrter Grimo, ich glaube, Ihr seid nicht nur ein begabter Kämpfer, sondern auch ein begnadeter Magier”, sagte Olwen. Die blonde Frau sah zum Hochgeweihten schelmisch herüber. Jetzt war es an Grimo, sehr verdutzt dreinzuschauen. “Ich?! Ein Magier?!”, rief er aus, und es klang fast empört – oder womöglich erschrocken? Entschieden schüttelte er den Kopf. Dann bemerkte er Olwens schelmischen Blick, stutzte und schmunzelte selber. “Ich glaube, für einen Magus wäre ich zu dumm. Erklärt mir doch, was Ihr meint!”
“Nun, ich bin hergekommen, um meine trauernde Seele zu erleichtern und um die erschütternden Ereignisse zu sortieren", sagte Olwen. "Die Last des Todes meiner Lehnsherrin liegt schwer auf mir und die Gram, mich nicht persönlich um die Aufklärung ihres Ablebens kümmern zu dürfen, ebenso. Dazu kommt die verstörende Erfahrung der Verletzungen bei der Mühle, die ich kaum in Worte fassen kann und deren Tragweite mich schaudern lässt. Ich wollte die Ereignisse aufarbeiten, indem ich damit beginne, mich zu bedanken. So kam ich hierher mit einem Herzen, schwer wie Stein. Doch Eure Erkenntnis nimmt - zumindest für diesen Augenblick - die Schwere von mir und lässt mich in tiefer Zuversicht zurück, dass die Götter einen Plan haben und unsere Schritte – Eure wie meine – lenken. Das, verehrter Grimo, ist ein Zauber, den ich gerne auf mich legen lasse. Macht er mir doch leicht ums Herz und schenkt Hoffnung. Genau das, wofür meine Göttin steht.”
Olwen lächelte den Rondrianer aus vollstem Herzen an. “Und daher sage ich, seid Ihr ein begnadeter Zauberer. Allerdings nicht durch Madas Mittel, sondern im Sinne der zwölf göttlichen Geschwister.”
Unvermittelt ergriff sie Grimos Hand und drückte sie sachte. Ihr Tonfall wurde ebenfalls zärtlicher, als sie ihr Gegenüber mit sichtlicher Dankbarkeit anblickte.
“Nochmals, werter Grimo, ich danke Euch von Herzen. Jetzt noch mehr als zuvor schon.”
Grimo war den Worten der Ifirngeweihten mit zunehmend wärmerem Lächeln gefolgt, auch wenn er bei ihrer Einschätzung von mada-gegebener Zauberei leicht die Brauen hob. Auf ihren Händedruck hin umfaßte er ihre Hand mit beiden Händen und blickte ihr gerade in die Augen.
“So haben wir denn beide gezaubert, verehrte Olwen. Ich freue mich sehr, daß die Götter unsere Wege sich haben kreuzen lassen, und hoffe, es wird nicht das letzte Mal sein. Aber selbst wenn, so werde ich das alles hier und insbesondere Euch, die Ihr mir zu der Erkenntnis verholfen habt, nie vergessen. Mögen die Zwölfe auch weiterhin unsere Schritte lenken und uns die Möglichkeit geben, den wahren Schatz, die Gemeinschaft, zu schützen und zu stärken!” Er gab ihre Hand frei und fuhr in nüchternerem, aber nicht weniger freundlichen Ton fort: “Mögt Ihr noch mit uns hier zu Mittag essen?”
“Sehr gerne”, war Olwens simple Antwort. Noch einmal lächelte sie den Rondrianer herzlich an und badete im Gefühl des Trostes, den der erfahrene Kämpfer ihr gebracht hatte.
Sie wusste, die gefundene Beruhigung würde sicherlich nicht von Dauer sein, aber im Moment half es ihr ungemein, die schwere Trübsal abzuschütteln und sich wieder auf das Leben zu fokussieren.
So folgte sie Grimo beschwingt nach, um mit ihm und seinen Leuten etwas Zeit in traviagefälliger Gemeinschaft zu verbringen.