Das Lächeln der Firuni


Ort: In einer Höhle in den Wäldern der Baronie Ambelmund

Zeit: TRA 1047 B.F., am Rande der Adelsjagd zu Ehren des Geburtstags des Herzogs der Nordmarken

Inhalt: Die Firungeweihte Frunhild von der Hohen Bärenklamm, sowie Frederun Lechmin von Weitenfeld und Praiophan von Lerchentrutz richten einen Firunschrein ein.

Eine Briefspielgeschichte von Bärenklamm, Tommelsfurt, GutTreuklingen und RekkiThorkarson

Das Lächeln der Firuni

Frunhild lag wach. Eng war es ihr um die Brust. Wenn sie die Augen schloss, war es nicht besser. Sie drehte sich auf den Rücken und streckte ihre Hand zum Himmel aus, an dem sich die Nacht sternenklar und düster zeigte. Sie starrte auf ihre Hand und wartete auf das zarte Grau des Morgens.Dann würde sie sich an das Werk ihres Herrn machen, anstatt einen Feylamia zu töten.

‘Du hast Angst’, hörte sie die altbekannte Stimme flüstern.

“Nein”, antwortete sie laut und stand von ihrem Lager auf.

‘Dann…hast du einfach nur keine Lust?’, flüsterte es hörbar überrascht zurück. Frunhild antwortete nicht. Sie machte sich auf den Weg.

Auf dem Weg begegnete ihr Ihro Hochwürden Ivetta, die sich ihr schon fast in den Weg stellen musste, um die Aufmerksamkeit der Firungeweihten zu bekommen. Rasch waren eindringliche Worte gewechselt, der Wunsch der Perainedienerin war ehrbar: Sie suchte nach Stärkung ihres Geistes, um den namenlosen Einflüsterungen des Feindes, des Feylamia, zu widerstehen. So erbat Frunhild den Segen ihres Herrn auf Ihro Hochwürden und verriet ihr auch, auf welche Weise es ihr selbst gelang, den Fokus zu wahren.

“Firun mit Euch!”, sprachen beide dann und gingen auseinander.

[Dann traf Frunhild auf Frederun und Praiophan, beide auch schon wach und etwas rastlos.]

“Ich gehe zur Bärenhöhle”, sagte die Firungeweihte an die beiden Adligen gerichtet. Dann wandte sie ihren Blick ab gen Firun und ergänzte: “Ich will dort einen Schrein zu Ehren Firuns errichten. Begleitet mich.” Müde sah sie aus, doch ihr Blick war klar.

Praiophan blickte der Firunggeweihten in die Augen und danach schweifte sein Blick zu Frederun. Diese war, wie er selbst, noch gezeichnet von der Jagd auf den Bären. Als er daran dachte, wie sie den Bären mit den Messern zur Strecke brachten, bekam er ein warmes, zufriedenes Gefühl. Obwohl es keiner von Ihnen vorher für möglich gehalten hatte, haben sie sich alle auf das Wort der Geweihten verlassen und sind dem Bären mutig, nur mit Messern bewaffnet in seine Höhle gefolgt, und haben ihn in Würde erlegt, ganz wie es sich bei einem solchen Geschöpf Firuns gehört. “Ich denke, das ist eine gute Idee. Es ist sicher ein wahrlich passender Ort für einen Schrein.”

Frederun hatte am Abend zuvor noch recht lange wach gelegen und über die vergangenen Stunden nachgedacht. Sie bemerkte, wie die Anspannung wiederkehrte, als sie in Gedanken erneut den riesigen Bären in der Höhle vor sich sah … Aber, … sie hatten es ja schließlich gemeinsam vollbracht, diesen Bären zu bezwingen! Frederun hatte intensiv nachgedacht: Vielleicht war diese eindrückliche Tat, oder besser: die Erfahrung, dass sie über sich selbst hinauswachsen konnte, wenn sie sich nur ganz fest den Zwölfen anvertraute, genau das Richtige, um ihr neue Zuversicht zu schenken.

Am Morgen war Frederun trotz der kurzen Nachtruhe schon zeitig wach und sah sich voller Tatendrang: Ihre lange Erkrankung, das verpasste Turnier in Herzogenfurt, die Plage der Rotpelze; dieses bedrückende Ungemach lag mit einem Male in der fernen Vergangenheit. Gut gelaunt hatte Frederun nach dem Aufstehen also Praiophan aufgesucht und schon kurz darauf war Frunhild hinzugetreten und hatte von ihrem Vorhaben in der Bärenhöhle berichtet.

„Frunhild, … Euer Gnaden, es freut mich sehr, dass ich Euch begleiten darf. Nachdem …“ – Frederun schaute zu Praiophan herüber. – „wir die unbändige Kraft Firuns so eindrücklich erfahren haben.“

Den Weg zur Höhle gingen sie schweigend. Es war hell, aber noch lange hin bis Mittag, als sie die Höhle erreichten. Sie entzündeten Fackeln und Laterne, dann gingen sie hinein.

Ehrfürchtig betraten sie jenen Ort, an dem der Bär zur Strecke gebracht worden war und verharrten in einem Moment der andächtigen Stille. Dunkle Flecken zierten den Boden, Blut des Bären, Blut der Jäger.

Als Praiophan die Flecken auf dem Boden sah, zuckten Erinnerungen an den Kampf durch seinen Kopf. Die schnellen Bewegungen…. Die Prankenhiebe, ... die Bisse ... und dann die Messerstiche. Es waren so viele Einzelheiten, die ihm durch den Geist eilten, obwohl der Kampf nur wenige Sekunden angedauert hatte. Sein Kopf schmerzte, als er sich an den heftigen Treffer der gewaltigen Bärenklaue erinnerte, mehr denn je.

Frederun bemerkte, dass Praiophan einige Zeit gebannt auf das Blut auf dem Boden starrte. Sie betrachte den verbundenen Kopf ihres Gefährten und stellte sich vor, welche Schmerzen Praiophan dort immer noch erdulden musste. Frederun wünschte sich, die Wunden, die der Bär Praiophan und selbstredend auch Wunnemar geschlagen hatte, würden rasch verheilen. Die folgende Ansprache der Firuni brachte Frederuns Aufmerksamkeit zurück in die Höhle:

“Ich will ein Wandbild eurer Tat beginnen”, sprach die Geweihte und zog ein Stück Kreide aus ihrer Tasche. “Wenn die Linien fertig sind, malen wir sie gemeinsam mit Lehmfarbe aus.” Und sie begann: Mit groben Strichen zeichnete sie den Umriss des aufrecht stehenden Bären an die Wand, zu seinen Flanken zeichnete sie zwei Gestalten, eine dritte schräg unterhalb des Bären.

Frederun sah Frunhild beim Malen der Umrisse zu. Wie leicht es der Geweihten von der Hand zu gehen schien, dachte sie bei sich. Bei der Gestalt unterhalb des Bären hatte sie Wunnemar vor Augen. Fast immer, als im Kampf gegen den Bären etwas Missliches zu geschehen hatte, war eben dies seiner Hochgeboren widerfahren. Aber, und so kam sie nach einigen Momenten zu dem Schluss und über eben diesen freute Frederun sich sehr: Sie alle drei hatten sich dem Bären mutig entgegengestellt und sie alle drei würden hier gemeinsam gewürdigt werden, so wie sie alle drei gemeinsam in Firuns Namen siegreich gewesen waren.

Nachdem die Umrisse fertig waren, mischten sie gemeinsam die Lehmfarben an. Sie hatten Weiß, Grau, Rot und Schwarz. Den Unsicherheiten ihrer Gefährten begegnete Frunhild mit Ermunterung: Dieses Wandbild würde nicht heute fertig werden. Andere Gläubige würden kommen und sich vielleicht berufen fühlen, es weiter zu malen.

Gemeinsam trugen sie die Farben mit bloßen Händen auf.

Praiophan ziemte sich zunächst ein wenig, gewöhnte sich aber schnell daran die Farben mit der bloßen Hand an die Wand zu bringen. Er bemerkte, dass die Firuni Frunhild, ganz in ihre Arbeit versunken, ein mildes Lächeln auf den Lippen trug. Er mochte sie nicht ansprechen, um ihre Gedanken nicht zu stören. Er wandte sich lieber Frederun zu, die neben Ihm knieend sich ebenso unbeholfen mit den Farben anstellte wie er.

“Es hat seine ganz eigene Raffinesse mit diesen Farben die Bilder aus dem Geiste so an die Wand zu bekommen, dass man sie noch erkennt, nicht wahr, teuerste Frederun Lechmin. Wie ich sehe, fällt es euch eben so schwer wie mir.” Er versuchte etwas Farbe von Frederuns Handoberseite weg zu wischen, bevor der Klecks ungewollt nach unten rutschen würde. Die Farbe machte nun zwar keine Flecken auf der Kleidung mehr, aber Frederuns Hand sah farbiger aus als zuvor, hatte Praiophan doch selbst Farbe an den Fingern gehabt.

“Aber wenigstens sind die Spuren der Farbe weniger eindringlich als der Kampf mit dem Bären.” Er rollte die Augen nach oben, wo immer noch ein großer Verband um seinen Kopf gewickelt war.

Für Frederun fühlte es sich unweigerlich merkwürdig an, so mit den bloßen Händen Farben auf die Wand zu bringen. Sie war erleichtert, dass Frunhild die Umrisse vorgegeben hatte. So würde hier der eigenen Unbeholfenheit zum Trotz doch ein ansehnliches Bild entstehen können. Sie malte eine gute Weile lang und ihre Gedanken kreisten nun mehr wieder um das, was zuvor in dieser Höhle geschehen war.

Als sich Praiophan an sie wandte, richtete Frederun ihre Aufmerksamkeit wieder in die Höhle. Sie verdrehte die Augen und seufzte vernehmlich, als er sie bei ihrem vollen Namen nannte. ‘Bei Praios!’, schoss es ihr durch den Kopf, ‘als würde meine Frau Mutter mich maßregeln.’ Sie versuchte, sich im Angesicht der Weihe dieses Ortes ihre Verstimmung nicht anmerken zu lassen. Sicherlich, so dachte sie sich, hatte Praiophan nur seine Unsicherheit überspielen wollen, indem er ihr etwas Nettes sagen und etwas Nettes tun wollte.

“Praiophan, ja, … in der Tat, ich habe den Eindruck, dass ein ganzes Stundenglas vergeht, bis ich am Bild vorankomme. Derart lang scheine ich darüber zu grübeln. … Jedoch, ich darf annehmen, Ihr irrt euch in einer Sache.”

Als eine kleine Reposte drückte Frederun ihre mit Farben bedeckte Hand einmal ganz sanft auf den Verband auf Praiophans Stirn.

“Die Farben hier an der Wand werden auch nach vielen, vielen Götterläufen davon zeugen, was hier gestern Großartiges geschehen ist; lange, nachdem Ihr, Verehrtester Praiophan, selbst schon keine Spuren des heroischen Kampfes mehr vorzeigen könnt.”

Ein Lächeln huschte über Frederuns Gesicht. Sie griff mit den Händen tief in die graue Farbe und machte sich daran, den Bären kräftiger darzustellen. Als sie kurz darauf wieder einmal danach schaute, wie die Firuni mit den Farben umging, fiel Frederun auf, dass Frunhild milde lächelte, während sie alle immer mehr Farbe an die Höhlenwand brachten.

So verbrachten sie fast den ganzen Tag damit, das Bild zu malen. Zwischendurch ging jemand einen Hasen jagen, den sie dann draußen über dem Feuer grillten. Dann malten sie weiter. Die Hände begannen zu schmerzen, die nasse Farbe weichte die Haut auf und die raue Felswand tat den Rest. Irgendwann vermischte sich Blut mit der Farbe, doch spürten sie die Schmerzen nicht. Erhaben thronte das Werk an Firun über allem und ließ die Leiden des Körpers verstummen.

Es war Abend, da war Frunhild zufrieden: Das Bild des Bären war fast so groß wie er im Leben gewesen war. In seinen Flanken steckten die Messer, die wiederum die zwei Jäger hielten. Der dritte Jäger im Bild stand mit seinem Messer schräg unter dem Bär und blickte zu ihm. Auf Geheiß der Geweihten drückten Frederun und Praiophan noch ihre Handabdrücke in weißer Farbe auf den Fels, gleich neben ihre eigenen Abbilder.

Als Frederun ihre Hand neben ihr Abbild drückte, spürte sie ein wohliges Kribbeln im Körper. Sie empfand eine Mischung aus Stolz und Demut zugleich: Stolz, weil sie selbst die Jägerin auf dem Bild an der Wand war, die dem Bären ein Messer in die Brust gerammt hatte. Und eine tiefe Demut, weil all dies nicht hätte geschehen können, ohne dass sie sich Frunhild und damit dem Wirken Firuns anvertraut hatte. Ergriffen betrachtete Frederun das fertige Werk. Sie bemerkte, dass sie feuchte Augen hatte. Sie wandte sich an sie Firuni:

“Frunhild, Euer Gnaden, … ich möchte … ich … ich fürchte, ich kann gar nicht ausdrücken, wie dankbar und demütig ich im Angesicht dessen bin, was wir miterleben durften.”

Über dem Bären hatte Frunhild einen Gebirgszug angedeutet, perspektivisch in weiter Ferne. Ein Stern glänzte in weißer Farbe darüber. Die Geweihte hörte die Worte Frederuns und wollte schon etwas antworten, da flüsterte eine höhnische Stimme in ihrem Kopf:

‘So sah Firuns Finger nicht aus!’, und holte so den Fokus der Geweihten zurück zu dem Gebirgszug an der Wand.

“So habe ich ihn in Erinnerung”, antwortete die Geweihte der Stimme und hatte Frederun darüber ganz vergessen.

“Wen?”, fragte Frederun. Frunhild ließ sich nichts anmerken und antworte an Frederun:

“Den Firuns Finger. Und hier steigt ihr auf den Grat des Aisanyf und folgt dem Grat bis zu Firuns Thron. Dort sterbt ihr vor Kälte.” Sie wandte sich um. Und lächelte. Schon wieder! “Und Ifirns Kuss erweckt euch wieder zum Leben.”

- ‘Oder auch nicht!’, rief die Stimme. Doch Frunhild ignorierte sie.

“Ihr habt die Epiphanie des Weißen Gottes geschaut und nichts ist mehr wie es war.”

Frederun hatte die Firuni eine gute Weile beobachtet. Im Nachhinein empfand sie ein wenig Scham, weil sie Frunhild gestört hatte, während diese die Nähe Firuns gesucht hatte. Sie nahm sich vor, künftig mehr Acht darauf zu geben und sich zurück zu halten.

“Wir werden nun in der Nacht wachen. Wer wacht, sitzt hier und betrachtet das Bild. Durchlebt die Jagd erneut. Fühlt die Angst, die Entschlossenheit, den Triumph erneut. Und rezitiert im Geiste folgendes Gebet: Oh Firun, segne diesen Schrein! Er sei Zuflucht ehrbarer Jäger, Quell deiner Klarheit und ein Ort der Stille und des unbeugsamen Willens.”

Sie teilten die Wacht untereinander auf, Frunhild würde beginnen und danach ruhen bis zum Morgen.

So saß sie da und hörte, wie nach und nach ihre Begleiter in Schlaf gerieten. Sie selbst saß dort, starrte auf das Bild und rezitierte im Geist das Gebet. Mit aller Macht zwang sie sich, den Bären und den Berg anzublicken. Das war nicht so leicht, denn neben dem Berg stand die ihr bekannte Truggestalt und zeigte mahnend auf das Bild des Berges. Immerhin war sie gerade stumm, den Anblick der Narretei konnte Frunhild leichter ignorieren als das Geflüster in ihrem Kopf. Nur ein wenig Schlaf, und sie würde verschwinden. Und so war es auch: Als sie Frederun weckte und sich selbst zur Ruhe legte, schloss sie die Augen und fand rasch in tiefen Schlaf.

Frederun erwachte und setzte sich noch etwas verschlafen auf. Nachdem sie ihre Glieder gestreckt hatte, begann sie, das Wandbild zu betrachten. Frederun versuchte sich, so wie Frunhild zuvor gesagt hatte, die Einzelheiten des Kampfes wieder ins Gedächtnis zu rufen. Je länger sie so dort saß, und je länger sie leise das Bild betrachtete, desto mehr vertrieben die Gedanken und die dadurch ausgelösten Gefühle ihre Müdigkeit. Frederun spürte wieder das Kribbeln in ihren Armen und in ihrer Brust. Es war schon, so dachte sie bei sich, doch ein wenig verwegen gewesen, sich mit dem Jagdmesser diesem Höhlenbären zu stellen. Ohne die Gefährten an ihrer Seite und ohne den Segen der Firuni hätte sie dieses Wagnis sicherlich nicht auf sich nehmen können. Jedoch, was war es dann für ein erhabenes Gefühl gewesen, als Frunhild um Firuns Beistand erbeten hatte. Frederun fühlte es jetzt wieder, wie die Zuversicht über die Verzagtheit die Oberhand gewonnen hatte. Mit einer selten gekannten Leichtigkeit hatte sie dann in die Höhle treten und mit einer nie gekannten Siegesgewissheit sich dem Bären entgegenstellen können … In der Ruhe dieser Nacht empfand Frederun eine tiefe Dankbarkeit dafür, dass sie irgendwie auch ein Teil des Wirkens Firuns gewesen sein durfte und dafür, dass Frunhild ihr gestattet hatte, an der Weihe dieses Ortes teilzuhaben.

Nach einigen Stunden war es an der Zeit, Praiophan für dessen Wacht zu wecken. Frederun betrachtete ihren schlafenden Gefährten noch eine gute Weile. Sie erinnerte sich daran, wie Praiophan ihr davon erzählt hatte, wie gerne er in seinen heimischen Wäldern auf der Pirsch war und wie wohl er sich in der freien Natur doch immer fühlte. Nun denn, Frederun war sich sicher: Praiophan musste ob ihres gemeinsamen großen Jagderfolges einfach sehr glücklich sein. Ja, in der Ruhe der Nacht würde er das Besondere dieses geweihten Ortes spüren. Vorsichtig beugte sich Frederun nun vor und flüsterte Praiophan sanft ins Ohr:

„Teuerster Praiophan, … Mein Lieber: Die Wacht ist Eure.“

Frederun schaute dabei zu, wie Praiophan langsam erwachte. Sie lächelte ihn freundlich an und wünschte ihm leise eine angenehme Wacht. Dann rollte sie sich in Ihre Decke ein und schlief bald ein. Ebenso wie schon während der Wacht der Firuni fühlte sich Frederun hier sicher und geborgen. Schlafestrunken schaute Praiophan in Frederuns lächelndes Gesicht. Noch fühlte er sich wohlig warm und geborgen. Dann erst realisierte er langsam, dass es wohl kein Traum mehr war. Er blickte sich kurz um, bis ihm wieder einfiel, wieso Frederun ihn weckte. “Gewiss doch” flüsterte er ihr zu, während er sich aufsetzte. “War eure Wacht…. gut?” Fragte er rhetorisch.

Er setzte sich mit verschränkten Beinen vor das Wandgemälde und betrachtete ihre Arbeit. Die schwache Öllampe spendete zu dieser Stunde noch weniger Licht als beim Anfertigen des Kunstwerkes, dennoch sah er es klar und deutlich vor sich. In dieser dunklen Höhle, gerade aus dem erholsamen Schlaf gerissen, hatte er kein Zeitgefühl. Er starrte das Bild an und ließ die Gedanken schweifen. Immer wieder blieb sein Blick an einem neuen Detail des Bildes hängen. Nach mehreren Stunden… oder waren es Minuten? Er konnte die vergangene Zeit nicht erahnen… Stellte er sich die ganze Jagd von vorne noch einmal vor seinem inneren Auge vor. Nein, er durchlebte sie noch einmal! Angefangen bei dem Zusammenschluss der Jagdgesellschaft als Rudel, über die wahnwitzige Idee, einem Höhlenbären mit dem Messer entgegenzutreten. Die brennende Angst, aber auch diese innere Zuversicht. Diese kleine Stimme,die immer wieder sagt: Dies ist Firuns Wille. So wird es geschehen! Und dieses plötzliche Erstarren der lodernden Angst. Diese ruhige innere Kälte, welche die Angst verdrängt und Platz für Zuversicht macht. Dies ist Firuns Wille. So wird es geschehen! Und so geschah es. Es fühlte sich an wie eine kleine Ewigkeit, bis die ersten Sonnenstrahlen langsam in die Höhle krochen und die beiden Schlafenden langsam weckten.

Am nächsten Morgen war es getan. Die Weihe des Ortes war vollbracht, sie alle spürten es auf die eine oder andere Weise; oder waren sie schlicht nur müde und erschöpft und fühlten sich deshalb so erhaben und ätherisch?

Sie stellten noch einige Kerzen an die Wände, dann verließen sie die Höhle. Draußen zeigte die Geweihte auf einen Felsbrocken, der in der Nähe des Höhleneingangs lag.

“Lasst uns den als Opferstock auf die Schwelle stellen!”, forderte sie ihre Gefährten auf. Mit vereinten Kräften rollten sie den Fels an die gewünschte Stelle und richteten ihn dort auf. Frunhild malte mit Kreide das Symbol Firuns darauf, dann zogen alle drei noch einmal aus zu einer letzten Jagd. Es dauerte nicht lange, und sie trafen sich mit Beute am Opferstein wieder. Von den erlegten Hasen wurde das Kleine Jägerrecht, also die Innereien, zu ihrem Frühstück. Haupt, Balg und Träger mit Rippen, das Große Jägerrecht, opferten sie Firun auf dem neuen Stock. Dann war es vollbracht!

Mit einem Lächeln wandte sich Frunhild an ihre Gefährten:

“Ich danke euch! Möge Euer redlicher Dienst an Firun euch im Winter vergolten werden!”, sprach sie und blickte jedem noch einmal fest und mit frohem Gesicht in die Augen. Dann wurde sie wieder ernst und ihr Gesicht zur Maske aus Eis. Doch Frederun und Praiophan wussten von dem Herz, was darunter verborgen war; denn Frunhild hatte es ihnen gezeigt.

Auf dem Weg zurück tauschten Praiophan und Frederun öfter Blicke aus. Etwas stand unausgesprochen im Raum, bis Praiophan sich den Mut fasste und Frunhild ansprach:

“Euer Gnaden: lange Zeit bereits erfreue ich mich an den Gaben Firuns. Bisweilen verbrachte ich mehr Zeit damit, mich der äußeren Kälte mit innerer Disziplin zu stellen, als meinen Pflichten als Ritter und Erbe des Junkerguts meiner Eltern beizukommen. Durch die jüngste Wanderung auf den Spuren des weißen Jägers fühle ich etwas in mir. Als wir dem Bären gegenüber standen, breitete sich in mir eine kalte Ruhe aus und umfasste mein rasend´ Herz. In der Nacht, als ich vor dem Bildnis wache hielt, da forschte ich nach und kam zu dem Schluss, dass ich auch in späterer Zeit öfter dem Alten vom Berg nahe sein möchte. Weiter noch finde ich es als meine Aufgabe und Pflicht gegenüber den Einwohnern von Tommelsfurt dafür zu sorgen, dass wir dem Weißen Jäger wieder mehr Beachtung schenken. Also frage ich nun direkt und ohne Umwege: Wollt ihr mir helfen einen Schrein zu ehren Firuns in meiner Heimat zu errichten? Sicher wäre dies auch in eurem Sinne, euer Gnaden.

Frederun hatte dem Anliegen Praiophans aufmerksam zugehört. Der hohe Herr stand Firun ohne Zweifel nahe; das konnte sie wahrlich spüren. Sie selbst fühlte sich Praiophan und der Firuni durch die gemeinsamen Ereignisse der vergangenen Tage verbunden; und Praiophans Ansinnen würde nun dafür sorgen, dass von diesen intensiven Erfahrungen etwas Greifbares entstehen würde. Das wollte Frederun gern unterstützen. Einer Eingebung folgend ergriff sie Praiophans Hand. Sie schaute erst Praiophan an und dann die Firuni. Schließlich sprach sie:

„Euer Gnaden. Praiophan. … Ich meine, … einen Schrein zu Ehren Firuns zu errichten, halte ich für ein fabelhaftes Ansinnen, das ich gerne unterstützen möchte. … Nun, Praiophan, weil wir gemeinsam hier mit Segen Firuns so etwas Großartiges vollbracht haben; … wäre ich also vermessen, wenn wir gemeinsam einen Schrein an eben der Stelle errichten, an der sich unsere Ländereien an der Straße treffen?“

Frunhild ließ die Worte verhallen, schloss kurz die Augen und spürte ihrer Erschöpfung nach. ‘Zuviel Menschsein!’, flüsterte etwas. Frunhild nickte und es galt Praiophan und Frederun und der Stimme in ihrem Kopf, die nicht ihre war.

“Das will ich sehr gerne tun!”, antwortete sie. Und bekam langsam eine Vorstellung davon, weshalb die Götter ihren Weg zur Jagd des Herzogs gelenkt hatten.

“Im Winter komme ich an Euren Hof”, sprach sie weiter und ging davon aus, dass mit dieser Ankündigung alles gesagt war.

Praiophan nickte erst Ihr, dann Frederun zu. “Das machen wir meine teuerste. Das machen wir!”

Frederun freute sich darüber, dass Frunhild dem Wunsch Praiophans entsprechen würde. Ebenso fühlte es sich gut und richtig an, dass sie Praiophan gefragt hatte, ob sie gemeinsam einen Schrein errichten könnten. Das Praiophan einverstanden war, brachte Frederun ein breites Lächeln ins Gesicht. Wie viel ihr dies bedeutete, konnte sie schwerlich ausdrücken; so sagte Frederun schließlich nur:

„Praiophan, mein Lieber, einmal mehr kann ich in diesen Tagen kaum in Worte fassen, wie sehr ich mich freue.“

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Als Wunnemar zur Höhle kam, in der er nur kurz zuvor mit zwei weiteren, tapferen Streitern unter Anleitung einer Dienerin des Weißen Jägers einen großen Bären erlegt hatte, dämmerte es schon. Mit einer brennenden Pechfackel in der Linken und dem schweren Dolch aus seiner Scheide am Stiefel, die ihm als Waffe gegen das schwarzbepelzte Ungetüm gedient hatte, in der Rechten, betrat er das dunkle Loch mitten im Wald.

Er schlug den ihm bekannten Weg ein, der zur Lagerstatt des Höhlenbären führte, dorthin, wo sie ihn schlafend vorgefunden und wo er ihnen einen so zähen Kampf geliefert hatte. Und zu jenem Ort, an dem kaum einen Tag zuvor dem Meister der Disziplin ein Schrein eingerichtet worden war. Unweigerlich dachte der Rabenmärker an das Ringen mit dem so majestätischen Geschöpf Firuns, der aufgerichtet drei Schritt über ihnen aufgeragt war, zurück. Sein Blick glitt kurz hinab zu dem Loch in der Lederrüstung über seiner Brust. Es war keine Zeit gewesen sie ausbessern zu lassen. Die Narben der Zähne des Bären würde er mit stolz tragen, auch die Schrammen an seinem Arm, die weder Armschienen, Leder noch wattiertes Unterzeug hatten abwehren können.

Das, was Wunnemar vorfand, ließ ihn lächeln, doch das Wandbild, dessen zum Teil noch feuchte Farbe er roch, bewegte ihn. Und erneut fand er sich zurückversetzt, hörte das Brüllen des Bären, roch das Blut, fühlte den Schmerz, fühlte Entschlossenheit und Kälte.

“Oh Alter vom Berg”, sprach Wunnemar dann laut, als er sich vor dem Schrein auf die Knie fallen ließ. Seine Worte hallten wider von den steinernen Wänden der großen Höhle. “Ich wurde in deinem Mond geboren und doch warst du mir nie so nah wie andere deiner elf göttlichen Geschwister. Dies wird sich ändern, das ist ein Versprechen.

Mein Schwertvater lehrte mich die Jagd, wie sie dir zum Wohlgefallen ist, doch trotz dieser Tatsache habe ich mich dir nie so verbunden gefühlt wie hier, wie im Kampf mit einem deiner mächtigsten Raubtiere. Ich habe deine innere Kälte gespürt, die von meinem Herzen ergriff, während wir sein Blut und er das unsrige vergoss.”

Wunnemar legte den Dolch vor sich auf den Höhlenboden. Es war sein Opfer. Er brauchte kein Andenken an den Kampf gegen den Bären, denn dieser hatte ihn gezeichnet.

“Nimm dies demütige Opfer und höre meine Worte”, fuhr er fort. “Die Wälder des Landes im Rahja des Reiches, das der Herr Praios mir anvertraut hat, werden noch immer von Tieren bewohnt, die von den Widersachern der Zwölf pervertiert sind. Ich habe es bisher deinen Dienern und den dort heimischen Jägern überlassen, sie zu jagen und zu erlegen. Das hat nun ein Ende, denn ich habe erkannt, dass ich ebenfalls ein Jäger bin und dir dienen kann, dienen sollte. Ich danke dir und deiner treuen Dienerin für diese Einsicht. Ich werde mich dieser Jagd anschließen, wann immer ich es vermag, um dir zu dienen, so wie du es verdienst.”

Mit diesen letzten Worten erhob sich Wunnemar, jedoch nicht, um die Höhle zu verlassen, sondern um sich ein Lager zu bereiten. Stille Einkehr und Gebete waren das, nachdem ihm der Sinn stand. Aber er würde auch weiter an dem Wandbild arbeiten, so wie es Brauch war und seinen Handabdruck den anderen hinzufügen. Er würde die Nacht in der Höhle verbringen und erst am frühen Morgen aufbrechen, seinen Knappen und sein Pferd abholen und die Heimreise in die Mark des Rabens antreten.

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