Alriks Traumreisen – Das Erbe unter der Haut
Das Erbe unter der Haut
Ort: Landtgrafschaft Gratenfels, Stadt Gratenfels
Zeit: Anfang Rondra 1048 BF
Inhalt: Eine Traumreise in den verwirrten Geist des Landtgrafen Alrik Custodias-Greifax.
Gespielt auf dem NKK 2026, gemeistert von BorBar, geschildert aus der Sicht von Doratrava.
Alriks Traumreisen – Das Erbe unter der Haut
Anfang Rondra 1048 BF lud der Landtgraf Alrik Custodias-Greifax zu einer Tsatagsfeier, auf der ich als Tänzerin zugegen war. Auf dieser Feier sollte der Landtgraf gleichzeitig von einer dubiosen Magierin, die wohl von seiner Tochter Lechmin Greifax angeheuert worden war, von seiner Krankheit, die ihn wirr im Kopf und vergesslich machte, geheilt werden. Doch das Ritual schlug fehl und führte dazu, dass viele der Gäste mehr oder weniger unfreiwillig zu Spaziergängen in Alriks teils verdrehten Erinnerungen eingeladen wurden. So traf es auch mich …
Ich spürte ein Ziehen und Reißen in meinem Kopf, mir schwanden kurz die Sinne, und dann … … fand ich mich im Freien wieder, zusammen mit einer Gruppe aus drei Adligen und einem Geweihten des Praios. Jasinai kannte ich von einer nicht weniger seltsamen Reise vor Kurzem, die anderen, namentlich Heliomatos (das war natürlich der Geweihte des Praios), Reto von Tannwirk (ein Verwandter von Jasinai) und Jast Godehard von Schleiffenröchte, waren mir zu diesem Zeitpunkt noch unbekannt. In der Ferne erhob sich eine Stadt, auf die wir uns zubewegten, sodass wir schnell erkennen konnten, dass es sich um Gratenfels handelte und wir uns dem Koscher Tor näherten. Seltsamerweise standen allerdings die Torflügel offen, und es waren auch keine Wachen zu sehen. Also traten wir ein und stellten fest, dass es sehr ruhig war, keine Menschenseele war in Sicht, und auch der typische Schwefelgeruch der Stadt war nicht wahrzunehmen. Im Übrigen bedeckten Wolken den Himmel, aber es war warm wie im Rondra, der ja auch in der wirklichen Welt angebrochen war. Bei genauer Betrachtung schienen die Mauern der Stadt und auch der Gebäude innerhalb zu atmen, was ein wenig unheimlich war, aber was sollte man in einem Traum oder einer verdrehten Erinnerung erwarten? Über dem Tor stand ein Schriftzug, ich entzifferte: „Wer warst du?“. Doch wir stellten schnell fest, dass jeder seinen eigenen Spruch dort lesen konnte. So erkannte Jasinai „Baldur“, Reto las „Greifax“, Heliomatos sah „Bastard“ und Jast „Alrik“. Direkt hinter dem Tor führte eine gerade Straße zum Marktplatz und zur Residenz. Als wir ein paar Schritte in diese Richtung gegangen waren, sahen wir zwar immer noch keine Menschen, aber wir hörten flüsternde Stimmen: „Nicht unser Blut“, zischten sie, „Nicht unser Graf“, „ein Name macht noch keinen Herrn“, „Nur gesetzt, nicht geboren“.
Die Anderen erzählten nun einige Dinge von der Erinnerungsreise von gestern, die ich offensichtlich verschlafen hatte. Danach befand sich Heliomatos mit einigen Gefährten in einer Welt, in welcher die Panthergarde, also die Leibwache der Kaiserin, tatsächlich aus aufrecht gehenden Panthern bestand. Dort begegneten sie einer jungen Frau, die sich aber als Alara Paligan herausstellte, der Frau des früheren Kaisers Hal, und es gab wohl Hinweise, dass Alrik und Alara eine Affäre gehabt haben könnten, welche möglicherweise sogar Frucht getragen hatte. Sie mussten wohl eine Frau aus einem Turm retten, um den ein schwarzer Drache kreiste, und haben spekuliert, dass es sich dabei um Emer ni Bennain, die Gemahlin des ehemaligen Reichsbehüterns Brin, gehandelt haben könnte. All das war für mich ein wenig verworren, da ich nicht in dieser Welt der Adligen zuhause bin und die ganzen Geschichten und Beziehungen nur vom Hörensagen kenne, sodass ich irgendwann den Faden verlor. Ich bekam nur mit, dass Heliomatos’ Gruppe die Aufgabe wohl nicht lösen konnte und keinen Seelensplitter fand, um den es dabei wohl ging, da diese für die Heilung des Grafen Alrik vonnöten waren.
Als wir eine Seitengasse erreichten, begab ich mich spontan hinein und fand nach ein paar Schritt einen Brunnen in einer Hauswand. Als ich hineinschaute, sah ich allerdings nicht mein Gesicht gespiegelt im Wasser, sondern das eines jungen Abenteurers, der verdächtig wie der Landtgraf in jungen Jahren aussah. Als ich das kundtat, kamen die anderen herbei und schauten ebenfalls hinein, doch jeder sah eine andere Version von Alrik: den Grafen, den Reichskronanwalt, einen alten, kranken Mann. Testweise tauchte ich meinen Finger in das Wasser, was natürlich (natürlich?) Wellen auslöste, dann sah ich mein eigenes Gesicht im Brunnen.
Bevor wir nun weiter in die Stadt vordrangen, schlug ich vor, einen der Tortürme zu erklimmen, denn es sei ja niemand da, der uns daran hindern könnte, und von oben könne man sich vielleicht besser einen Überblick verschaffen. Die Gruppe stimmte mir zu, und Heliomatos und dann auch Jasinai folgten mir zum einen Turm und dann hoch. Wie erwartet gab es keine Besatzung, sodass wir ohne weiteres nach oben konnten. Doch auch von oben war nichts als die Stadt Gratenfels zu sehen, nur ohne Bewohner, nur das Atmen der Mauern schien hier irgendwie stärker zu sein. Testweise schaute ich zu den anderen Fenstern des obersten Turmgeschosses hinaus und erkannte, dass bald jenseits der Stadtmauern überall ein diffuser Nebel begann. Vermutlich endete dort die Traumwelt, aber keiner von uns wollte ausprobieren, was passiert, wenn man dorthin läuft. Reto entschiedt sich, den anderen Torturm zu untersuchen. Doch zu seiner Überraschung traf er dort auf einen Wachmann, nur dass dieser kein Gesicht, wohl aber eine Stimme hatte. Er salutierte vor Reto und fragte: „Welchen Befehl, Euer Hochwohlgeboren … aber von welchem Euch?“ Ein echtes Gespräch mit der Wache war nicht möglich, also erkundete Reto erst einmal den Turm, fand aber nichts anders als wir in unseren Turm. Als er wieder herunter kam, war die Wache weg.
Da die Untersuchung der Türme nichts gebracht hatte, wandten wir uns nun doch in Richtung Residenz. Doch als wir den Marktplatz erreichten, war dieser nicht mehr leer, sondern darauf tummelten sich bestimmt Hunderte von Menschen, aber alle mit leeren Gesichtern wie der Wächter in dem einen Torturm. In der Mitte der Menge stand ein wie ein Herold gekleideter Mann, dessen leeres Gesicht allerdings einen zugenähten Mund aufwies, welcher eine Schriftrolle in beiden Händen hielt, als wolle er sie vorlesen. Jede der Personen auf dem Platz trug eine goldene Urkunde in der Hand. Nähere Betrachtung zeigte, dass es sich um eine Ehrenbürgerurkunde handelte, doch das Feld für den Namen war überall leer. Heliomatos erinnerte sich, dass Alrik während seiner Herrschaft viele Bürger der Stadt zu Ehrenbürgern gemacht hatte. Er überlegte, dass es ein Archiv geben müsste, in dem die Namen der Ehrenbürger verzeichnet sein sollten. Als wir die Schriftrolle des Herolds genauer betrachteten, erkannten wir, was darauf geschrieben stand: „Ein Herrscher ohne Erinnerung hat kein Volk. Ein Volk ohne Gesicht hat keinen Herrn.“ Nach kurzer Abstimmung mit den Gefährten schnitt ich dem Herold den Mund mit einem meiner Dolche auf (unsere Ausrüstung hat es nämlich in den Traum geschafft), doch als Ergebnis passierte nichts anderes, als dass der gute Mann den Text auf der Schriftrolle laut vorlas, immer und immer wieder. Heliomatos hatte sich derweil umgesehen und einen Mann in einer Magierrobe entdeckt, den er zu kennen schien. Er trug „Magister Balthasar Balthusius“ als Namen auf dessen Urkunde ein, und plötzlich bekam der Mann ein Gesicht. Heliomatos grüßte ihn, dieser grüßte zurück, dann fragte der Geweihte ihn, ob er weitere Ehrenbürger kenne. Er wies Heliomatos zu einer jungen Frau, der Müllerstochter Walderia, woraufhin der Geweihte deren Namen in ihre Urkunde eintrug. Auch sie bekam ein Gesicht, und Heliomatos tauchte kurz in eine Vision ein, in der die Frau auf einem Fest mit Alrik tanzte. „Du hast mit mir getanzt“, sagte sie dann auch laut. Darüber hinaus waren aber keine Interaktionen mit den „erweckten“ Personen möglich. Heliomatos hatte uns auch darauf hingewiesen, wo es zum Archiv gehen sollte, doch dort befand sich eine geschlossene, fünf Schritt hohe Mauer. Ich versuchte, diese zu erklettern, doch als ich fünf Schritt oben war, sah ich über mir immer noch fast dieselbe Strecke. Für meine Gefährten hatte ich gerade mal einen halben Schritt geschafft. Das hatte also wohl keinen Sinn. Jasinai [?] widmete sich derweil einem andern Bürger, dessen Urkunde aussah, als sei sie mit Blut umrandet. Als sie diese berührte, erhielt auch sie eine Vision von einem Feldlager, in der ein mittelalter Alrik in Grafentracht am Lagerfeuer mit den Soldaten trank, wobei er sie vertraut beim Vornamen nannte. Jasinai wiederholte daraufhin laut all die Namen, und bei „Odilalf“ bekam die Person ihr Gesicht zurück. Doch nicht nur das, nun öffnete sich auch ein Tor in der nicht erkletterbaren Mauer. Auch Jast hatte inzwischen nach bekannten Personen Ausschau gehalten, immerhin ist er selbst Rechtsgelehrter, und in Gratenfels gibt es eine entsprechende Schule. Tatsächlich war er erfolgreich und konnte der entsprechenden Person ihr Gesicht zurückgeben. Doch auf die Bitte, mit uns durch das Tor zu kommen, reagierte die Person nicht.
Hinter dem Tor öffnete sich allerdings nicht die Straße zum Archiv, sondern wir gelangten in einen riesigen Raum voller Regale mit Akten, die sich bis in die Dunkelheit erstreckten. Aus dem Boden wuchsen weitere Akten wie Pilze, Tinte tropfte von der Decke. Vor uns erhob sich Alrik als Reichskronanwalt, doch seine Gestalt bestand aus Akten, Siegeln und Paragraphen. Daneben saß ein kopfloser Schreiber, vor dem drei Prozessakten lagen. Eine Stimme ertönte aus der Alrik-Gestalt: „Ihr müsst entscheiden, welches dieser Urteile gerecht ist, nicht nur gesetzlich!“ Im ersten Urteil war ein Junge enterbt worden, weil er unehelich geboren wurde. Der Name des Jungen war Alrik. Im zweiten Urteil war ein Baron zu zwei Jahren Festungshaft verurteilt worden, weil er den Grafen Alrik öffentlich beleidigt hatte. Dadurch hatte er allerdings auch eine Fehde vereitelt, welche Gratenfels schwer in Mitleidenschaft gezogen hätte. Im dritten Urteil war ein Herrscher (Alrik natürlich) wegen Amtsanmaßung verurteilt worden, obwohl er von der Krone eingesetzt worden war, allerdings gegen den Willen des Adels. Das kostete uns einige Diskussionen, aber schließlich einigten wir uns darauf, dass keines der Urteile sowohl gesetzmäßig als auch gerecht war. Als wir das laut kundtaten, zerfielen die Akten zu Staub, und auf Heliomatos’ Hand manifestierte sich der Abdruck des Hlûtharssiegels, allerdings mit Rissen darin. Außerdem öffnete sich eine Tür zu einem weiteren Raum, oder vielmehr Saal.
Dieser Saal war völlig leer bis auf einen gigantischen Baum aus Holz, Knochen, Haaren, Pergamenten und rotem Siegelwachs in der Mitte. Die Pergamente wuchsen wie Blätter an den Enden von Ästen und Zweigen, und auf jedem stand ein Name, welcher Jast, Reto und Jasinai bekannt vorkam. Schnell wurde klar, dass es sich um den Stammbaum der Greifax handelte. Allerdings war ein Pergament mit dem Namen „Alrik“ nicht festgewachsen, sondern mit einem rostigen Nagel an den Baum geschlagen worden. Als wir uns dem Baum näherten, wehten von dort Stimmen zu uns herüber: „Angeheftet“, „Geduldet“, „Benutzt“, „Hal hat ihn gemacht, nicht wir!“, „Ein Greifax aus Gnade!“ waren die Worte, die wir verstanden. Einen weiteren Ausgang sahen wir im Moment nicht, dieser öffnete sich wohl wieder erst, wenn wir die Aufgabe, die sich uns hier stellte, gelöst hätten. Wir schauten uns die Pergamente mit den Namen genauer an. Diese waren mit einer rötlich-braunen Tinte geschrieben, womöglich sogar mit Blut. Zunächst waren wir ratlos, was hier zu tun sei. Dann schrieb Jast den Namen „Alrik“ bei Wilbur, seinem Vater, mit Tinte darauf, aber kaum war er fertig, zerlief die Tinte und tropfte spurlos vom Pergament. Danach versuchte ich, den rostigen Nagel mit einem Dolch aus dem Holz des Baumes zu hebeln, was ich aber erst schaffte, als Reto mir mit roher Kraft half. Danach hielten wir das Pergament mit Alriks Namen in der Hand und der Zweig, an dem es gehangen hatte, richtete sich ein wenig auf. Jasinai nahm das Pergament und hielt es an verschiedene Stellen des Baumes, in der Hoffnung, dass es irgendwo anwüchse, aber das tat es leider nicht. Dann nahm Reto das Blatt und hielt es an den ursprünglichen Zweig, wobei er die Worte sprach: „Bei Travia bist du nun rechtmäßig adoptiert und anerkannt.“ Da ertönte wie als Antwort eine Stimme aus dem Baum: „Nicht jeder Erbe wird geboren, manche werden geprüft.“ Das Pergament entwandt sich Retos Hand und zischte auf den Stamm zu, in den es einschlug wie ein Wurfstern. Ein Stück ragte noch heraus, sodass man den Namen „Alrik“ noch lesen konnte. Gleichzeitig fiel aus der Krone des Baumes ein schwarzer Apfel, der auf den Boden klatschte. Heliomatos hob den Apfel auf, der beim Aufprall einen Riss bekommen hatte. Es schien etwas darinnen zu sein, also brach der Geweihte ihn vollends auf und fand einen kleinen Spiegel, in dem aber nicht er selbst zu sehen war, sondern ein Thronsaal mit einem Thron, auf dem eine nur schemenhaft erkennbare Gestalt saß. Da zunächst nichts weiter passierte, fragte Reto in den Saal hinein nach einem Ausgang – und tatsächlich öffnete sich ein solcher in der Wand.
Wir sahen einen langen Gang vor uns, mit vielen Türen auf beiden Seiten, der sich leicht bog, sodass wir das Ende nicht erkennen konnten. Jasinai trat in den Gang und öffnete die erste Tür. Direkt dahinter stand ein gesichtsloser Mann in Baronskleidung, welcher ihr „Kaiserknecht!“ entgegenschleuderte. Hinter der nächsten Tür fand sich eine Frauengestalt in ebenso edler Kleidung mit einer Maske aus Hermelin und Silber, und sie keifte: „Emporkömmling!“ Das setzte sich so fort, hinter jeder Tür befand sich ein Adliger oder eine Adlige ohne Gesicht, der oder die irgendeine ähnlich geartete Beleidigung von sich gab. Da erzählte uns Reto von einem Lied, welches seiner Gruppe beim gestrigen Traum geholfen habe und welches vom Schelm Drill Tralala stamme. Er öffnete also eine weitere Tür und singt, der Beleidigung nicht achtend, „Alrik ist gut genug ...“. Nach kurzem Zögern fiel Heliomatos in den Gesang ein, doch leider passierte … nichts. Wir waren allerdings mittlerweile weit genug gekommen, dass wir eine Tür erkannten, welche den Gang am Ende verschloss. Außerdem ergab eine kurze Zählung, dass auf jeder Seite des Ganges zwanzig Türen angeordnet waren. Kurzerhand öffnete Jast die Tür am Ende und trat schnell zur Seite, man wusste ja nie. Aber es zischte kein Armbrustbolzen heran.
Hinter der Tür begann ein großer Raum, welcher verschiedenfarbige Bodenfliesen aufwies. Auf manchen stand etwas geschrieben, auf vielen aber nicht. Uns war schnell klar, dass man nur auf die beschrifteten Platten treten sollte. Heliomatos ging voran und trat auf die erste Platte mit der Inschrift „Ehre vor Eigennutz“. Nichts passierte. Die nächste erreichbare, beschriftete Platte trug den Spruch: „Die Schwachen stehen unter deinem Schutz“. Heliomatos betrat diese, wieder passierte nichts. Nun hatte der Geweihte allerdings zwei Platten zur Auswahl. Auf der einen stand: „Ein Adliger grüßt zuerst seinen Ranghöheren“, auf der anderen: „Ein Ranghöherer grüßt zuerst den Adligen“. Es folgte eine kurze Diskussion, denn wir folgten langsam, ebenfalls aber nur auf den beschrifteten Platten, und die Adligen meinten, es gehe hier um die Tugenden eines Ritters, was sich für mich plausibel anhörte. Wenn nur alle Ritter immer ihren Tugenden folgen würden … Wie auch immer, Heliomatos betrat die Platte mit „Ein Adliger grüßt zuerst seinen Ranghöheren“, und das war offensichtlich richtig, denn wieder passierte nichts. Allerdings stellten sich nun schon drei Platten zur Auswahl: „Ziehe die Waffe nur aus gutem Grund“, „Gehe keinem Duell aus dem Weg“ und „Rondra wird’s schon richten“. Hier diskutierten wir nur kurz, „Ziehe die Waffe nur aus gutem Grund“ war die richtige Fliese. Danach folgten wieder drei Platten: „Fremde stören nur“, „Behandle deine Gäste mit Achtung“ und „Wen du nicht magst, den lass nicht ein“. Natürlich ist die zweite Platte die richtige. Die nächsten drei Platten lauteten: „Lobe die Schönheit der Frauen“, „Lobe das Eigentum deines Nächsten“ und „Lobe die Tugend der Anderen“. Hier ist die dritte Platte die richtige. Nun folgten einmal mehr nur zwei Platten: „Tritt niemals ungewaschen zu Hofe“ sowie „Tritt niemals unbewaffnet aus dem Haus“. Hier diskutierten wir wieder etwas länger, entschieden uns dann aber für die erste Platte. Zu recht. Nun musste Heliomatos wieder aus drei Platten wählen: „Trinke, wenn es verlangt wird“, „Kämpfe, wenn es verlangt wird“ und „Tanze, wenn es verlangt wird“. Intuitiv schlug ich „Tanze, wenn es verlangt wird“ vor, was Wunder. Die anderen glaubten aber nicht daran und entschieden sich schließlich für „Kämpfe, wenn es verlangt wird“. Heliomatos machte also den entsprechenden Schritt … und trat ins Leere! Mit Mühe konnte er sich abfangen, bevor er in einen bodenlosen Abgrund fiel. Es stellte sich heraus, dass meine intuitive Wahl doch die richtige war. Ich hatte es doch gleich gesagt! Nach diesem Schock folgten zwei weitere Platten: „Respektiere den Götterfürsten und seine Diener“ sowie „Respektiere die Kirchen und ihre Diener“. Die zweite Platte war die richtige. Nun folgten wieder drei Platten: „Räche Beleidigungen“, „Verliere die Fassung nicht“ und „Nimm Niederlagen hin“. Wir diskutierten hier etwas mehr, wählten dann aber die zweite Platte. Nun folgte nur noch eine einzelne Platte mit der Inschrift „Hinterlasse deinen Namen in Ehren“. Als Heliomatos diese mangels anderer Alternativen betrat, öffnete sich eine Tür vor ihm in der Wand.
Hinter der Tür erstreckte sich eine Galerie mit Bildern an beiden Wänden, wiederum leicht gebogen, so dass man deren Ende nicht erkennen konnte. Die Bilder zeigten die Portraits unterschiedlicher Adliger aus unterschiedlichen Zeitaltern und sind versetzt angeordnet, so dass jedes Bild auf einer Seite gegenüber einer Lücke auf der anderen Seite hängt. Spontan trat ich vor und versuchte, das erste Bild anzuheben, um zu sehen, ob sich dahinter etwas befand. Doch kaum legte ich meine Finger an den Rahmen, schoss aus dem Bild plötzlich etwas wie ein Messer auf mich zu, welches mit „Baroness von irgendwas“ (so schnell konnte ich das nicht lesen) beschriftet war. Gedankenschnell zuckte ich zur Seite, und das Geschoss verflüchtigte sich, bevor es die gegenüberliegende Wand erreichte. Am nächsten Bild versuchte ich lediglich, vorbeizugehen, auf alles gefasst natürlich. Doch ungefähr bei der Mitte zuckte ein weiteres Geschoss auf mich zu, wieder beschriftet (Baron soundso oder so ähnlich). Dank meiner schnellen Reflexe konnte ich wiederum ausweichen. Ich machte dann einen letzten Versuch, indem ich geduckt unter dem nächsten Bild voran huschte, doch auch diesen Trick durchschaute die Dirigentin des Traumes, wieder musste ich einem messerähnlichen Geschoss ausweichen. Vorerst ratlos blieb ich unter dem Bild an die Wand gelehnt sitzen. Nun versuchte es Reto, in der Hoffnung, dass die Bilder, an denen ich vorbei war, ihr Pulver verschossen hatten, doch leider war dem nicht so. Es erwischte ihn schon beim ersten Bild, da er leider nicht so schnell war wie ich, und er verlor daraufhin sein Gesicht – und seine Sicht, wie seinem erschreckten Ausruf zu entnehmen war. Instinktiv trat er einen Schritt zurück und in den vorherigen Raum (diesmal hatte sich die Tür nicht geschlossen), was ihm glücklicherweise Gesicht und Sicht zurückbrachte. Nun versuchte Jast, sich an der dem ersten Bild gegenüberliegenden Wand entlang an diesem vorbeizudrücken, in der Hoffnung, dass er dann außer Reichweite der Geschosse sei, doch auch diese Hoffnung erwies sich als vergebens. Er teilte Retos Schicksal, aber auch bei ihm verschwanden die Auswirkungen wieder, als er zurück in den vorigen Raum wechselte. Heliomatos kam auf die Idee, dass möglicherweise der letzte Spruch auf der Platte des Tugend-Raumes, nämlich „Hinterlasse deinen Namen in Ehren“, auf die Lösung hinweisen könnte. Er schrieb also seinen Namen auf ein Stück Pergament und schritt dann hoch erhobenen Hauptes mit diesem Pergament in der Hand am ersten Bild vorbei. Das kostete ich das Gesicht und die Sicht, da er dem Geschoss nicht ausweichen konnte. Er versucht es ein zweites Mal, indem er das Pergament auf der Schwelle deponiert, mit dem gleichen Ergebnis. Nun schrieb er alle seine Namen (vorher hatte er sich mit seinem Weihenamen „Heliomatos“ begnügt) auf den Zettel, wieder ohne Erfolg. Er fügte seine Titel hinzu, doch auch das brachte nichts. Erst, als er die letzte Version des Pergaments wieder aufnahm und mit sich führte, bleibt er unbehelligt. Erleichtert folgten die anderen seinem Beispiel und schrieben alle ihre Namen und Titel ebenfalls auf Pergamente (zum Glück hatten wir genug Schreibzeug in der Gruppe; insbesondere Jasinai förderte immer wieder erstaunliche Dinge aus ihrer scheinbar unergründlichen Tasche), sodass sie die Galerie nun endlich unversehrt durchschreiten konnten. Als sie bei mir ankamen, ich saß ja noch immer unter dem dritten Bild an der Wand, stellte ich mir die Frage, was denn ich nun auf ein Pergament schreiben könnte, war ich doch die einzige hier ohne Adelstitel. Nun, ich versuchte es mit „Maestra Doratrava, weiße Rose des Firun“ (letzteres auf Tulamidya, denn diesen Beinamen hatte ich bei einer Aufführung in Al’Mharim bekommen und führte ihn seither gerne). Und tatsächlich, fast wider Erwarten funktionierte das, und auch ich musste nicht mehr ständig Adelstitel-Geschossen ausweichen.
Am Ende der Galerie befand sich eine Tür, welche sich nun ohne weiteres öffnen ließ und uns in einen verspiegelten Thronsaal brachte, den Heliomatos als denjenigen erkannte, welchen er in dem kleinen Spiegel aus dem schwarzen Apfel sehen hatte. Nur war die Gestalt auf dem Thron nun klar zu erkennen: Alrik, aber gesund, ohne Krankheit, ohne Bastardzeichen, aber auch ohne Wärme. Er trägt Hlûthars Rüstung, Hlûthars Siegel und die Lanze des heiligen Orgil. Alles wirkt zu groß, zu sauber, zu golden. Als wir herankamen, sagte er: „Ich bin das Vermächtnis, das sie verdient haben. Kein Bastard. Kein Kranker. Kein Narr auf Festen. Kein Mann, der mit Knechten trinkt. Kein Mann, der vergisst. Nur Landgraf.“ Dann richtete er das Wort an jeden von uns persönlich und machte ein Angebot. Zu Heliomatos: „Ich biete dir an, ein praiosgefälliger Herrscher zu sein ohne Makel.“ Zu Jasinai: „Ich biete dir Anerkennung durch das Blut.“ Zu mir: „Ich biete dir Begnadigung in meinem Reich.“ Zu Reto und Jast: „Ich biete euch Ruhm und Ehre.“ Heliomatos antwortete zuerst und wies den falschen Alrik (was sonst sollte er sein?) darauf hin, dass Makellosigkeit ein hehres Ziel sei, das nie erreicht werden könne. Auch Reto und Jast redeten auf ihn ein, versuchten ihn von der Falschheit seiner Angebote und Ansichten zu überzeugen, und schließlich taten sich Risse in seiner Gestalt auf. Aus deren Innern hörten wir ein Weinen. Daraufhin trat Heliomatos auf ihn zu und umarmte ihn tröstend, während ich durch die Risse eine Treppe nach unten erkennen konnte, die unter dem zur Statue gewordenen Landtgrafen nach unten führte. Von dort unten kam auch das Weinen.
Schließlich kippte die halb zerstörte Statue zur Seite und wir konnten die Treppe betreten. Sie führte in einen weiteren Raum, nicht groß diesmal. Dort stand ein Bett, in dem ein alter Alrik lag, erschöpft, verwirrt, aber auch würdevoll und gebrochen. Dieser Alrik sah echt aus. „Mein Kaiser, Ihr kommt zu mir“, sprach er Heliomatos an. Dann blinzelte er und sagte verwirrt und halb fragend: „Ich hatte das Siegel doch eben noch.“ Dieser zeigte ihm das Siegel auf seiner Handfläche. „Ja, das“, erklärte Alrik, um sich dann Jast zuzuwenden. „Ich habe dich besiegt!“, schleuderte er diesem entgegen, wenn auch mit brüchiger Stimme, nur um gleich darauf sich selbst zu fragen: „War ich Graf oder habe ich einen Platz freigehalten? Was bleibt, wenn sie mir meinen Namen nehmen?“ Daraufhin begann Jasinai, eindringlich auf ihn einzureden, dass er alles gut gemacht unde sich nichts vorzuwerfen habe, im Gegenteil. Er habe durch seine Taten jeden Respekt verdient und keinen Grund, an sich zu zweifeln – oder an der Anerkennung durch seine Vasallen. Ich fügte hinzu (wobei ich nicht zuletzt an mich selbst dachte), er habe seine Stellung, seinen Einfluss, seine Macht allein durch Leistung errungen, während seine Neider nur geboren wurden. Und Heliomatos versichterte ihm, dass der Adel heute ihn respektiere. Bei all diesen Worten blühte der echte Alrik im Bett ein wenig auf, während von oben die Stimme des schwer beschädigten perfekten Alrik ertönte: „Wenn ich sterbe, bleibt nur der Bastard!“ Nun ergriff ich erneut das Wort: „Ihr habt ein Vermächtnis und Ihr habt Kinder. Sorgt dafür, dass diese Euer Vermächtnis fortführen. Das ist Eure Aufgabe, versetzt sie in die Lage, das zu tun!“ Jasinai [?] ergänzte: „Ihr seid kein Bastard, sondern der Beginn einer ganz neuen Linie!“ Da zerfiel der perfekte Alrik vollends, und aus seiner Brust rollte ein roter Kristall die Treppe hinunter auf uns zu. Heliomatos ergreift ihn und…
… erneut verspürte ich ein Ziehen in den Schläfen, die Welt um mich herum zerriss und mir schwanden die Sinne. Als ich wieder zu mir kam, erkannte ich ein großes Schlafgemach. Im Bett lag niemand anderes als Landtgraf Alrik Custodias-Greifax. Um mich herum standen meine Gefährten und weitere Gäste der Geburtstagsfeier - verwirrt und erschöpft wie ich selbst. Die Traumreise war vorüber.