Jagd im Ratsforst

Die Praiosscheibe stand hoch am Himmel und so verwunderte es kaum dass sich die beiden Männer im Schatten eines Obstbaumes von ihrer Arbeit erholten. Eine bruchsteinerne Mauer direkt am Wegesrand diente ihnen als Sitzgelegenheit. Beide waren sie stattliche Männer, doch während der eine etwas kleinere im Gesicht härter und kantiger wirkte, war der andere füllig und neigte zum Doppelkinn. Gedankenverloren stopfte der Kleinere seine Pfeife und sein rechts neben ihm sitzende Kompagnon wichtige sich den Schweiß von der Stirn.

„Sin viele Leut im Ratsforst unterwegs.“ Stellte der korpulentere von beiden fest. Sein Gegenüber jedoch paffte prüfend an seiner Pfeifen und sah zu wie sich der Tabak langsam entzündete.

„Der Herzog soll ma wieda die hohen Herrschaften zur Jagd eingeladen habn.“ Versuchte der Mann mit dem Schweißtuch erneut ein Gespräch anzufangen, doch der Mann mit den kantigen Gesichtszügen sog nur geräuschvoll die Luft ein und spie auf das Pflaster.

„Hab jehört es soll ein Preis für den besten Jäjer winken.“ Unternahm der Schwitzende einen weiteren kläglichen Anlauf, doch der Raucher schenkte ihm noch immer keine Aufmerksamkeit und sah stattdessen seinem Rotzfleck beim Trocknen zu.

„Hast ja Recht!“ Resignierte er schließlich, als ihn der andere endlich ansah. Ein weiteres Mal paffte er und puhlte sich anschließend herzhaft im Ohr. „Haste wa jesacht? Seit heut morgen hör i nix als dumpfes Pfeifen! Furschtbar!“

Geschickt bei der Jagd ist zweitrangig, immerhin bietet sich hier die Möglichkeit persönliche Politik zu betreiben. Zählst du einen oder mehrere deiner SC’s zu den treuen Vasallen, verdienten Recken oder Günstlingen des Herzogs und hast Lust dich der Gesellschaft anzuschließen?

Dann melde dich bei mir. Irdisch wird es Mitte März losgehen, aventurisch werden wir uns Ende Ingerimm 1040 BF im Ratsforst bei Elenvina bewegen.



Jagd im Ratsforst


Ingerimm 1040 BF, Ratsforst in der Stadtmark

Personen

Auf der Eilenwïd

In reger Betriebsamkeit wuselten die Bediensteten der Eilenwïd auf dem Hof umher, dabei wurde der übliche Trubel noch durch den anstehenden Jagdausflug verstärkt. Alles war bereitet, einige Getränke und Häppchen sollten den Gästen das Warten bis zum Aufbruch versüßen. Und Getränke waren wohl nötig, denn die morgendlichen Temperaturen trieben einigen den Schweiß in die Poren und versprachen einen bereits jetzt einen brütend heißen Sommertag. Umso glücklicher konnte sich schätzen wer dem Treiben des Hofes entfliehen durfte, wen die Verheißung des Ratsforstes ins den kühlenden Schatten des Waldes lockten.
Die Hitze war lästig. Der wie immer ganz in schwarz gekleidete Baron von Rabenstein ließ seinen Blick über seine Begleiter – zwei Büttel, die Pagen, einen offensichtlichen Tulamiden und die herzogliche Zuchtmeisterin – und stieg vom seinem Pferd, einer eleganten Rappstute. Das Tier hob den Kopf und spielte aufmerksam mit den Ohren, ausgeruht und voller Neugier. Alt konnte es noch nicht sein. Der Baron warf die Zügel einer seiner Paginnen zu. Die beiden Mädchen in den identischen rabensteiner Wappenröcken glichen sich wie ein Ei dem anderen. Der Baron trat zu dem Pferd der Zuchtmeisterin und hielt die Zügel des Tieres, damit sie aus dem Sattel springen konnte. Das übliche Gewimmel der Herzogenburg wurde noch durch einen Trupp an Bediensteten, Jägern und weiteren Gästen verstärkt, die sich in sicherer Erwartung dieser Lustbarkeit – und angesichts der seltenen Gelegenheit, an einer Jagd auf den Gütern des Herzogs teilzunehmen – hier eingefunden hatten.
Als sie auf dem Hof eintrafen, redete Verema, eine zierliche junge Frau, gerade enthusiastisch auf den rabensteiner Baron ein, natürlich, ohne eine Veränderung bewirkt zu haben. Kaum auf dem Hof, schwieg sie, schaute sich neugierig um und bemerkte ihren nordmärkischen Herren erst, als er die Zügel ihres Pferdes hielt. Ein ruhiger, abzeichenloser brauner Elenviner, groß gebaut und anscheinend älterer Wallach. Sie stieg ab, ihre Miene unbewegt fixierte sie den Baron und sprach kurz etwas zu ihm. Im allgemeinen Trubel war es allen außer Hochgeboren unmöglich, sie zu verstehen.
Einem Mann in Begleitung des Rabensteiners schien die Hitze nicht das Geringste auszumachen. Seine Wüstenkleidung konnte kaum angenehmere Bedingungen bieten, obwohl die Wärme—denn als Hitze hätte er die augenblicklichen Verhältnisse niemals bezeichnet—ihm auch ohne diese Gewandung kaum hätte zusetzen können. Auch eher stieg ab und warf dem Rabensteiner einen Blick zu, mit dem er sich zu verabschieden gedachte. Ein kurzes Nicken des Rabensteiners deutete ihm, dass man sich zu späterer Stunde noch sehen würde. Dann führte er sein Shadif zur Tränke und danach in die Stallungen, um es zu versorgen.

*

Lares war derweil damit beschäftigt, sein eigenes Pferd zu pflegen. Er hatte nicht vergessen, dass sich heute großer Besuch angekündigt hatte, jedoch war ihm nicht danach zumute gewesen, großen Empfangszeremonien beizuwohnen oder aber diese zu begleiten. Sein Herr, der Allwasservogt, würde ihm schon einen Auftrag erteilen, wenn er ihn bräuchte. Stattdessen striegelte er lieber seinen Rappen und beobachtete dabei die Vorgänge im Hof. Als die rabensteiner Gesandtschaft eintraf, erkannte er die junge quirlige, etwas verirrte Rittmeisterin. Es wurden sich über die junge Adlige so manche Geschichten erzählt. Ich habe kein gutes Gefühl bei der Sache. Die ist ein Pechmagnet, sicherlich, dachte er bei sich, verdrehte die Augen und versuchte, so unsichtbar wie möglich zu wirken. Wie Recht er haben würde, wenn man bedachte, dass man sich alsbald aus großer Gefahr zu unerwarteter Gelegenheit würde befreien müssen.

*

Kurz darauf ritten zwei weitere Personen im Schritttempo in den Innenhof der Eilenwïd über den Wassern. Zunächst sah man eine wahrlich großgewachsene Frau, sie mochte Mitte der Vierziger sein auf einem hellbraunen Tralloper Riesen durch das Tor herannahen. Auf sie folgte ein von der Statur her gut genährter Waffenknecht auf einer bedeutend schmächtigeren Fuchstute.
Die Rittersfrau, Jolenta Lindwin von Galebfurten war das Familienoberhaupt eines noch jungen Hauses, welches in der Grafschaft Gratenfels ansässig war. Die Erbvögtin der Baronie Galebquell war gleichzeitig Junkerin von Galebfurten, einem Lehen welches am im doppelten Sinne namensgebenden Fluss Galebra gelegen war und vom Quellpass nahe dem Fürstentum Kosch.
Ihre hellblonden, langen Haare und die stechend grünen Augen waren Teil eines trotz ihres vorangeschrittenen Alters noch recht ansehnlichen Äußeren. Die feinen Lachfältchen um ihre Augen machten sie darüber hinaus sympathisch.
Während der hinter ihr reitende Mann in Kettenhemd, -hose und -zeug mitsamt einem einfachen Eisenhut angetan war und darüber einen Wappenrock des Hauses Galebfurten mit den zwei springende blaue Fischen über blauem Wellenschildfuß auf goldenem Grund trug, war die Edelfrau schlichter gekleidet.
Die Junkerin trug lediglich leichtes, dunkles Wildleder an den Beinen, hohe, dazu passende Reiterstiefel und einen mit Schnallen versehenen Gambeson. Allein der große, schwere Reitersäbel an ihrer Seite sprach für ihren Stand.

*

Ein kleines Pferdchen galoppierte fast bis zum Zugang zur Burg, machte eine recht elegante Volte und dann zwei Schritte seitwärts. Die junge Reiterin schüttelte sich die dunklen Locken aus dem Gesicht und tätschelte dem Pferdchen begeistert den Hals, während sie auf ihre Begleiterin wartete. Diese kam in deutlich gemessenerem Tempo herangeritten, was ihrem altgedienten Schlachtross bei diesem Sonnenschein auch ganz recht zu sein schien. Ein riesiger, zotteliger, grauer Hund tappte hinterher.
„Frederun, wo bleibst Du denn?“, rief das Kind. Ritterin Frederun Lechmin von Weitenfeld verdrehte noch in sicherer Entfernung stumm die Augen. Als sie heran geritten war, sagte sie leise zu ihrer neuen Pagin: „‚Hohe Dame‘ oder einfach ‚Herrin‘ wäre vielleicht angemessener, Karline.“ Die hatte schon dem Mund zum Widerwort geöffnet, besann sich dann aber eines besseren und nickte: „Ja, Base Frederun Lechmin.“ Frederun musste lachen und Karline stimmte erleichtert ein. Noch grinsend betraten die beiden den Burghof und vertrauten den Bediensteten ihre Pferde an, wobei sie ob ihrer Heiterkeit einige verwirrte und teilweise etwas verstimmte Blicke ernteten.
Karline konnte nicht recht stillhalten und zupfte immer wieder an ihrem neuen und noch etwas steifen blauen Waffenrock herum, der genau wie Frederuns auf der linken Brust das Wappen derer von Weitenfeld aufwies. Bei Frederun war darunter noch das Wappen des Edlenguts Treuklingen aufgestickt. Die blonde Ritterin betrachtete kritisch Karlines Haare. „Die wirst du diesen Mond noch schneiden müssen, du siehst ja fast nichts mehr“, bemerkte sie.

*

Eine bunte Gesellschaft tat sich vor Thalissa di Triavus auf, als sie an der Spitze ihres kleinen Gefolges in den Burghof ritt. Die junge Frau streifte ein helles Stirnband ab, welches ihr während des Reitens die Haare aus dem Gesicht gehalten hatte, und schüttelte ihr üppiges, gewelltes dunkelblondes Haar aus, während ihre dunkelblauen Augen die Szenerie vor ihr musterten und sie versuchte, all die größtenteils noch ungewohnten Wappen zuzuordnen, war es doch noch nicht lange her, dass sie überraschend mit der Baronie Rickenhausen belehnt worden war, nachdem ihre entfernte Tante Biora Tagan auf dem Haffax-Feldzug während eines Kommandounternehmens verschwunden und seitdem nicht wieder aufgetaucht war. Ihr grüner Reitmantel bauschte sich, als sie vom Pferd sprang, und offenbarte darunter ein weißes Rüschenhemd, eine schwarze, enge Lederhose und Reitstiefel, sowie ein Rapier samt Linkhand an ihrem Gürtel.
Hinter ihr tat es Tar‘anam sin Corsacca, Edler von Hottenbusch, ihr gleich, der alte Leibwächter der vormaligen Baronin, der anders als ihre Tante von eben jenem Kommandounternehmen zurückgekommen war, doch seither noch weniger sprach als vorher schon, besonders dann, wenn es um die Umstände seiner Trennung von Biora ging. Mit seiner wuchtigen Gestalt in Lederrüstung, seinem kantigen, bartlosen Kopf und den kurzen weißen Haaren und dem trotz seines offensichtlichen Alters noch immer beschwingten Schritt war er eine durchaus beeindruckende Persönlichkeit. Auffällig für alle, die ihn nicht kannten, war das Tuzakmesser, das in einer Scheide über seinem Rücken lag.
Es folgten zwei weitere Pferde, ein Packtier und eine etwas mager aussehende braune Stute, welche eine weitere junge Frau, fast noch ein Mädchen trug, welche ebenfalls mit Mantel und darunter praktischer Reisekleidung in gedeckten Farben angetan war und das ordentlich beladene Packtier am Zügel führte. Ihre mittellangen schwarzen Haare wurden von einer Haube gebändigt, ihre feingliedrigen Hände und die silberne Kette, welche sie um den Hals trug, ließen vermuten dass es sich eher um eine Zofe denn um eine Magd handelte.

*

Bereits in den vergangenen Praiosläufen waren die Vorbereitungen auf Hochtouren gelaufen. Die Jagdhütte hatte man hergerichtet und mit Vorräten versorgt, genauso wie man den Empfang der Gäste auf der Herzogenveste organisiert hatte. Nochmals mögliche offene Punkte durchgehend hatte der Jagdmeister einige Anweisungen erteilt eh er nun zu den bereits eingetroffenen Gästen stieß. Zielstrebig führte ihn sein Weg zu einem kleinen Podest, dennoch vergaß der junge Richtwalder seine Manieren nicht und begrüßte, wenn auch nur flüchtig, jene Gäste die er direkt passierte. An seinem Ziel angelangt erklomm er die wenigen Stufen um von seiner leicht erhöhten Position aus für alle Anwesenden gut sichtbar zu sein. Von der morgendlichen Praiosscheibe beschienen sah man ihm ganz seine Funktion an, auch wenn er dabei keinen Hehl aus seinem Stand machte. Ein dunkelgrünes Hemd bekleidete locker seinen Oberkörper, wobei die Ärmel hochgekrempelt waren und so die ledernen Armschienen zu sehen waren. Hohe Stiefel und Hose aus weichen, hellen Leder vervollständigten das Bild, wobei Jagdmesser und ein gefüllter Köcher bereits jetzt an seinem Gürtel hingen.
„Verehrte hochgeborene, wohlgeborene, hohen, edlen und jungen Herrschaften, so sehr es ihn betrübt ist seine Hoheit durch dringliche Geschäfte verhindert und so ist es an mir Euch in seinem Namen herzlich auf der Eilenwïd willkommen zu heißen. In Kürze werden wir uns gemein auf den Weg zur Jagdhütte machen und von dort aus die Jagd eröffnen, doch bevor wir dies tun habe ich noch einige organisatorische Kleinigkeiten. Wer sich seiner Ausrüstung nicht sicher ist oder noch ein passendes Jagdgerät benötigt kann sich dort drüben von kundiger Hand für die Dauer der Jagd ausstatten lassen. Sollte es während der Jagd etwas mit dem Jagdgerät passieren verfügen wir auch dort über eine rudimentäre Auswahl.“ Dabei wies er auf eine offene Tür zu seiner Rechte, in der verschiedene Waffen zur Jagd aufbewahrt wurden. „Um die Jagd selbst jedoch etwas spannender zu gestalten, war es der Wunsch seiner Hoheit einen kleinen Wettbewerb auszurufen. Der Sieger darf sich unter den zur Verfügung stehenden Jagdwaffen eine auswählen und ihm oder ihr wird darüber hinaus die Möglichkeit zugestanden seine Trophäe in der Jagdhütte auszustellen.“
„Hört, hört!“ Kam es da von der Galebfurtenerin. Mit einem breiten Lächeln nickte sie dem herzoglichen Jagdmeister zu. Das versprach ja reizvoll zu werden.
Thalissa hob nach dieser kurzen Ansprache die Hand, um auf sich aufmerksam zu machen, und als der Blick des Jagdmeisters auf sie fiel, erklang ihre klare, leicht dunkle Stimme, deren Vinsalter Dialekt unverkennbar war. „Euer Hochgeboren, gibt es ein Reglement, welche Waffen zur Jagd zugelassen sind? Zum Beispiel die leichte und die schwere Armbrust? Zudem wäre ich - wie auch sicher die anderen Anwesenden - Euch verbunden, wenn Ihr näher erläutern könntet, was es mit diesem Wettbewerb auf sich hat?“
Mit Fragen war zu rechnen gewesen und so war der Jagdmeister darauf vorbereitet, zumal die zur Auswahl stehenden Themen alle im Rahmen der Vorbereitung von ihm geklärt werden mussten. So führte er in ebenso ruhigem Tonfall auch diese Auskunft aus: „Seine Hoheit hat keine Einschränkungen bei der Wahl der Waffen verhangen, das Stellen von Fallen jedoch – da weder Firungefällig, noch im Sinne des Wettstreits – sind untersagt! Um eine Brauchbarkeit als Trophäe möchte ich zudem davon abraten das Wild mit Äxten oder Schwertern zu bekämpfen.“ Noch lieber wäre ihm gewesen wenn die Nutzung von Armbrüsten ebenfalls untersagt wäre, jedoch war ihm bewusst dass viele der Gäste dann nichts mehr schießen würden. „Was Eure Frage zum Wettbewerb anbelangt Hochgeboren, so wird jedem Wild ein anderer Wert zugesprochen. Wie Ihr sicherlich versteht erfordert das Erlegen eines Rehkitz ein anderes weidmännisches Geschick und bedeutet eine andere Gefahr als das Stellen eines Ebers oder eines kapitalen Hirsches.“
Thalissa nickte knapp nach dieser Auskunft, die durchaus zu ihrer Zufriedenheit ausfiel. Mit einem Bogen konnte sie nämlich nicht umgehen, und sie würde sich hüten, einem Jagdwild so nahe zu kommen, dass sie sich diesem nur mit einer Saufeder oder sonstigen Nahkampfwaffe erwehren konnte – zumindest, wenn es sich vermeiden ließ. Ansonsten vertraute sie auf Tar‘anam, auch wenn in ihrer kurzen bisherigen Bekanntschaft bislang noch nicht viel Gelegenheit war, dass dieser ihr seine Kampffertigkeiten hätte demonstrieren können. Worüber sie keinesfalls traurig war.
Von den Anwesenden, welche sie bisher erblickt hatte, kannte sie nur den Baron von Rabenstein näher. Sie schlenderte ohne Eile in dessen Richtung, nachdem er ganz offensichtlich mit der jungen, ihr unbekannten Dame in seiner Begleitung beschäftigt war, nachdem sie Tar‘anam, der interessiert in Richtung der ausgestellten Jagdwaffen schaute, bedeutet hatte, dass sie im Moment seiner Dienste nicht bedurfte.

*

Unsicher, jedoch bemüht, dies nicht in ihrem Gesicht zu zeigen, berührte die Junkerin den Rabensteiner sanft am rechten Arm. Nur kurz, aber er würde wissen, dass sie eine Frage an ihn hatte. Als er, kaum mehr als eine zufällige Regung, zu ihr sah, wisperte sie so leise, dass nur er es hören konnte. "Hochgeboren, ich habe, wie Ihr wisst, meinen Bogen, ein Elfenbogen. Und das Jagdmesser .... brauche ich noch mehr?" Ihr Blick war dabei scheinbar teilnahmslos auf den Redner gerichtet.
Der Baron musterte die junge Dame eingehend. “Könnt Ihr mit einer Saufeder umgehen? Ansonsten reicht Eure Ausrüstung. Vermeidet nach Möglichkeit den Kontakt mit verwundetem Wild.” Bei aller fachlichen Kompetenz, die er der jungen Zuchtmeisterin zutraute – in einem Gefecht mit einer verwundeten Wildsau würde sie schlechte Karten haben. Er plante indes, mit ebenso vielen Begleitern sich aus der Jagd zu verabschieden, wie er hineingeführt hatte.
"Natürlich nicht." Sie sah ihn nun doch an, entrüstet. "Ihr kennt mich doch. Ich werde mir ein paar Pfeile zusätzlich besorgen." Wieder gefasst richtete sie ihren Blick nach vorne. "Glaubt Ihr, dass es noch was zu essen gibt, oder müssen wir das erst jagen? Ihr habt einen guten Einfluss auf mich, ich habe wieder mehr Hunger.....Entschuldigung, ich bin ja schon ruhig."
In dem Blick, der ihr auf ihre letzte Bemerkung wartete, lag wohlwollende Zustimmung. Die junge Dame war regsam und wach im Geiste. „Ich bin mir gewiss, dass sich noch ein Imbiss für euch finden lässt, Wohlgeboren. Nach was steht euch der Sinn? Auf seinen Wink trat Rhena, eine der beiden Paginnen, neben seine Begleiterin. „Was darf ich euch bringen?“ Aufmerksamkeit, so hatten die Zwillinge rasch gelernt, zahlte sich aus in Diensten dieses Herrn.
"Irgendwas mit Fleisch wäre mir am liebsten, aber ein Stück Brot reicht auch schon. Danke, wie aufmerksam." Die Zwillinge fand sie niedlich, sie konnte die Beiden nur noch nicht richtig auseinanderhalten.
„Ihre Hochgeboren von Rickenhausen.“ grüßte der Baron die neu Hinzugetretene mit einer höflichen Verbeugung, griff ihre Hand und deutete einen formvollendeten Handkuss an. „Euer Hochgeboren, darf ich Euch die Junkerin von Verema Artigas von Likan, die Zuchtmeisterin des herzoglichen Gestüts, vorstellen? Wohlgeboren, dies ist Ihre Hochgeboren von Rickenhausen, Thalissa di Triavus.“ machte er die beiden Damen miteinander bekannt. Seine Miene blieb ausdruckslos und von sehr kalkulierter Höflichkeit.
"Die Zwölfe zum Gruße, Hochgeboren, es freut mich, Eure Bekanntschaft zu machen." Artig grüßte Verema die schöne Frau. Sie mochte nicht viel älter als sie selbst sein. "Hochgeboren von Rabenstein war so freundlich, mich auf die Jagd mitzunehmen. Ich bin fremd hier und immer auf der Suche nach Personen, die Elenviner züchten oder sich für sie interessieren. "Sie fuhr sich mit der Hand durch die dunklen Haare "Also in ganz knappen Worten ist das meine Aufgabe."
„Ebenfalls die Zwölfe zum Gruße, Eure Wohlgeboren, Hochgeboren.“ Die Baronin nickte dem Rabensteiner zu und widmete ihre Aufmerksamkeit dann seiner Begleitung. Ihr Blick hatte etwas Analytisches, als sie die Junkerin schnell und geübt von oben bis unten musterte, doch war er ansonsten nicht unfreundlich, höchstens neugierig. „Nun, ich denke, auf der Jagd werdet Ihr sicher einige Interessenten für Elenviner treffen. Wenn ich mir auch habe sagen lassen, dass das nicht unbedingt die für eine Jagd über Stock und Stein am besten geeigneten Tiere wären, aber das muss ja nicht der Wahrheit entsprechen?“ Ein halbes Auge hielt Thalissa weiterhin auf den Baron von Rabenstein gerichtet, während sie ihre schwarzen Lederhandschuhe abstreifte und im Gürtel verstaute.
Der hüstelte angesichts der Worte der Rickenhausenerin, hielt sich aber zurück, um den Austausch der beiden Damen nicht zu unterbrechen. Diese Debatte versprach kurzweilig zu werden.
Verema runzelte die Stirn und sah kurz irritiert den Baron an. Ungewöhnlich. Dann seufzte sie und antwortete Ihrer Hochgeboren gefasst aber freundlich. "Ja, sowas behaupten gerne Leute, die keine Ahnung haben. Ich kann das gerne noch weiter ausführen, aber zuerst würde mich interessieren, was für ein Pferd ihr, als Baronin der Nordmarken denn reitet. Ich habe es vorhin nicht gesehen, aber ich habe eine gewisse Ahnung. Überrascht mich doch bitte positiv."
Thalissa hob eine Augenbraue ob dieser forschen, ja geradezu angriffslustigen Antwort der jungen Dame, doch ihre Miene behielt das Lächeln, dass sie vorher zeigte, wenn es auch für einen genauen Beobachter ins Unverbindliche abglitt. „Nun, ich reite einen fünfjährigen Hengst aus dem Gestüt ya Brameni nicht weit von Vinsalt. Ihr würdet ihn wohl als Warunker bezeichnen, wie es dem allgemeinen Sprachgebrauch entspricht. Ein schönes, auch temperamentvolles Tier, rappwindfarben mit Äpfelung. Ihr könnt es Euch bei Gelegenheit gerne ansehen.“
Die Baronin wandte sich nun halb dem Rabensteiner zu, behielt die Junkerin aber im Blick. „Würdet Ihr im Gegenzug meine Neugier befriedigen, und mich erleuchten, wie es die Zuchtmeisterin des herzoglichen Gestüts in die Begleitung des Herrn von Rabenstein verschlägt?“
„Gewiss.“ Der Baron hatte den Schlagabtausch zwischen den beiden Damen gespannt verfolgt. „Ich habe Ihrer Wohlgeboren versprochen, sie mit einigen Adligen und Pferdezüchtern der Nordmarken bekannt zu machen.“ Eine absolut plausible Antwort, bedachte man, dass die möglicherweise künftige Herrin des herzöglichen Gestüts und damit Wächterin des Zuchtbuchs der Elenviner ansonsten an alle möglichen eigenartigen Gestalten hätte geraten können – gewiss nicht zum Nutzen der Rabensteiner Elenvinerzucht. „Weshalb fragt Ihr?“ setzte er hinterher.
„Reine Neugierde“, antwortete Thalissa mit feinem Lächeln.
Die zierliche Junkerin atmete erleichtert aus und konnte sich ein kurzes Lachen nicht verkneifen. "Gut, Hochgeboren, ich hatte Schlimmeres erwartet. Eine solide Wahl, außerdem gehe ich davon aus, dass Ihr Euer Tier gut kennt." Sie schielte kurz prüfend zum Rabensteiner Baron, er würde sie rechtzeitig tadeln, hoffentlich nur nicht wieder zu streng..."Es wundert mich nur, dass in den Nordmarken anscheinend außer dem Baron von Rabenstein außerhalb des herzöglichen Gestütes niemand sonderlich viel von der im eigenen Land hervorgebrachten Rasse zu halten scheint. Es wundert mich nun nicht, dass man eine Ausländerin wie mich ins Gestüt geholt hat, anscheinend hat niemand sonst Interesse oder Ahnung und innerhalb von zwei drei Generationen hätten wir keine reinen Elenviner mit definierten Zuchtzielen sondern eine bunte Mischung an Halbblütern, da viele es für eine hervorragende Idee halten alle möglichen Kombinationen zu testen.." Ihr Tonfall war nun wieder deutlich zorniger geworden, sie merkte selbst, dass sie sich gerade in Rage redete, strich verlegen über ihren Bauch und lächelte, diesmal fast entschuldigend. "Tut mir leid, ich neige dazu, zu viel zu reden. Wenn Ihr wollt, kann ich Euch noch erklären, warum so Viele die Elenviner für schlechte Jagdpferde halten, wir können das aber auch lassen oder beim Essen weiter besprechen."
Die Baronin hob fast unmerklich eine Augenbraue beim Ausbruch der Junkerin, ging aber sonst nicht darauf ein. „Ich denke, beim Essen wäre eine gute Gelegenheit – wenn ich auch nicht genau weiß, wann das sein wird. Seid Ihr denn schon über den weiteren Ablauf des Tages informiert?“
"Gute Idee, Baronin Thalissa" Verema sortierte eine widerspenstige Strähne ihres gelockten Haares. "Ich habe keine Ahnung, wann es essen gibt. Es geht wohl wie immer erst um Waffen und ich befürchte, dass wir, nach einigen ansprachen, auf der Jagdhütte etwas bekommen. Ich werde mich an meinen nordmärker Baron halten, Dom Lucrann." Sie wies mit dem Kopf in dessen Richtung.
„Nun denn, dann sehen wir uns dort.“ Thalissa ließ sich zwar nicht offensichtlich etwas anmerken, aber zumindest dem Rabensteiner, der sie ein ganz klein wenig besser kannte, fiel ein Hauch von Unbehagen auf. „Wohlgeboren, Hochgeboren“, nickte sie zum vorläufigen Abschied.
„Hochgeboren.“ Der Baron beugte sich über die Hand seiner Standeskollegin und verabschiedete die Liebfelderin mit einem nur angedeuteten Handkuss. „Wir sprechen uns später.“

*

Durch die Tür eintretend, gelangte man in eine andere, angenehmere Welt. Angenehm kühl war die Luft und auch der Schein der Praiosscheibe blendete hier die Augen nicht mehr. Es dauerte deshalb einen Augenblick bis sich die Augen an die neuen Lichtverhältnisse gewöhnten, doch sobald sie das getan hatten erblickten sie eine großzügige Auswahl. Auf Waffenständern lagen Saufedern, Jagdmesser, leichte Armbrüste, Bögen und andere Gerätschaften bereit, ebenso wie verschiedene sich hier Sehnen und Köcher mit Bolzen und Pfeilen hier vorfanden.
Inmitten dieser Auswahl wartete ein untersetzter Mann im fortgeschrittenen Alter, bereit die Anfragen der adligen Gäste sachkundig beantworten zu können.
Jolenta von Galebfurten war die erste die eintrat. Die fast fünfundneunzig Finger große Junkerin zog ihre Lederhandschuhe gemächlich aus, sah sich interessiert um und lächelte dem Zeugwart dann freundlich zu. „Firun mit euch guter Mann!“
Sie warf einen kurzen Blick zurück auf ihren Waffenknecht, welcher über einer Schulter eine schwere, offenbar gut gefüllte Satteltasche gehängt hatte. Auf der anderen Seite trug der Mann einen länglichen, kunstvoll verzierten Holzzylinder aus dem die Enden, zweier ungespannte Langbögen herausragten, sowie zwei voll beladene, kleinere Pfeilköcher, welche an diesem festgeschnürt waren.
„Es freut mich das ich recht in der Annahme angereist bin bei euch einen Spieß für die Jagd gestellt zu bekommen. Welchen könnt ihr mir empfehlen? Ich bevorzuge ja eher den langen, stabilen Stoßspeer, doch ist dieser im Kampf mit einem kapitalen Eber von Nachteil, wenn dieser es schafft den Schaft zu unterlaufen.“
Der so gefragte war in einem deutlich fortgeschrittenen Alter, sein graues Haar bedeckte nur noch im Kranz sein Haupt und auch der Rest seiner nur 1,60 Schritt messenden Gestalt sah dürr aus. „Ein Stoßspeer ist sicherlich keine Schlechte Waffe, für die Jagd auf Wildsauen jedoch empfiehlt sich eine Saufeder. Der Schaft ist kürzer, sehr stabil und das Blatt richtet beim Auflaufen die notwendigen Verwundungen an um das Tier augenblicklich oder zumindest schnell zu Töten. Falls die Edle Dame tatsächlich beabsichtig besagtes Wild zu stellen, empfiehlt es sich einen angemessenen Schutz zu tragen. Wenn die Hauer eines Ebers einem die Gedärme aus den Leib reißen kommt Hilfe meist zu spät, nur ein Schutz aus Leder oder gar noch mit einigen Kettenteilen verstärkt verhindert hier ein unschönes Ableben.“ Dienstbeflissen und durchaus kompetent verwies er dabei auf eine schön anzusehende Saufeder, wobei seine Stimme einen schnarrenden Unterton aufwies.
Die Junkerin hielt sich an diese Empfehlung. Sie nahm die beschriebene Saufeder und wog sie in den Händen. Ja, dies war eine gute Jagdwaffe befand Jolenta für sich.
Mit bestätigendendem Nicken und einem durchaus charmanten Lächeln bedankte sie sich für die Hilfe bei der richtigen Wahl beim Zeugwart und überließ dann den anderen das Feld. Bögen und Jagdmesser führte sie ja selbst mit sich.

*
Frederun Lechmin hatte ihren Bogen dabei, würde aber noch Jagdpfeile benötigen. Karline brauchte auch noch einen Bogen, der auf ihre Kraft und Größe abgestimmt war. Nie wäre es der Edlen auch nur in den Sinn gekommen, mit einer Armbrust – gleich welcher Art – auf die Jagd zu gehen. Außerdem würde das Mädchen ein gutes Jagdmesser brauchen. Als sie den Blick über all die vorrätigen Jagdwaffen schweifen ließ, entschied sie sich noch für eine Saufeder für sich selbst, das war zwar nicht ihre Lieblingswaffe, aber wenn einem eine wütende Bache über den Weg lief, dann gab es kaum etwas Besseres. Die Ritterin überlegte noch, ob sie noch etwas brauchen würden, sie war noch nicht recht daran gewöhnt, jemanden an ihrer Seite zu haben, die immer mitbedacht sein wollte, als sie das Gespräch des kleinen Mannes mit der großen Junkerin hörte. „Karline“, sagte sie daraufhin, „lass Dir auch so ein Schutzzeug aus Leder und Ketten geben. Und zieh es auch an“, setzte sie noch hinzu. Karline würde vielleicht nicht immer dabei sein, aber wenn, dann sollte sie auch gut ausgerüstet sein.

Der Rabensteiner ließ sich Zeit damit, die vorhandenen Waffen zu inspizieren. Er war mit seiner eigenen Auswahl – Rapier, Linkhand, Saufeder und Armbrust – für seinen Geschmack ausreichend bewaffnet. Die beiden Knappinnen indes beschauten mit offenen Augen und Mündern die große Auswahl an allerlei Jagdwaffen – und schienen im Geiste zu überlegen, was am besten ihr Knappenschwert, den Hirschfänger und die leichte Armbrust, die sie jeweils trugen, ergänzen könnte – wohl wissend, dass ihnen als Knappen die Auswahl nicht zustand. Der Baron indessen schien sich auf seine Pflichten besonnen zu haben und zeigte seiner Begleiterin die reichhaltige Sammlung an hochwertigen Waidwaffen, das eine oder andere besondere Stück erläuternd. “Habt Ihr schon an vielen Jagden teilgenommen?” erkundigte er sich halblaut, so dass seine Stimme nicht allzu weit trug.
Verema blickte etwas verlegen zu Boden. "Nein, der Herr von Cres schätzt solche Jagden nicht, wir haben das nur zur Selbstversorgung gemacht. Als ich noch sehr jung war, habe ich mit meinem Bruder an einer kleinen Jagd teilgenommen, aber ich habe schon damals keine große Rolle gespielt..." Sie blickte in sein Gesicht, suchte nach einer Regung, einer Wertung, es sollte es zwar sein aber es war noch nicht ihre Welt, der Baron war ihr Vertrauter, bei ihm wurde sie ruhiger und sicherer. Ihre Neugier hatte sie unter anderem dazu gebracht, ihm zur Jagd zu folgen. Außerdem war sie immer auf der Suche nach guten Leuten und Pferden. Sie wollte noch etwas sagen, hielt aber inne und bemerkte nur "Hochgeboren, Jahman scheint Euch sprechen zu wollen. Bis später."
Der Novadi, der in Begleitung des Rabensteiners angereist war, betrat das Zeughaus mit einem dezenten, akzentfreien „Seid gegrüßt“ auf den Lippen. An eigener Bewaffnung führte er im Augenblick eine Dschadra, einen Waqqif und einen Pfeil mit sich. Sein Blick streifte den Rabensteiner und die beiden Knappinnen, deren Staunen er—zu seiner eigenen Überraschung—leicht erheitert wahrnahm. Ein Nicken des Zeugwartes auf seinen fragenden Blick deutete ihm, dass man auch ohne „Aufsicht“ Waffen in die Hand nehmen dürfte. Er nahm den Stoßspeer, der am stabilsten aussah und gerade nicht von anderen Teilnehmern der Jagdgesellschaft begutachtet wurde, stellte ihn neben seine Dschadra, verglich Durchmesser und Biegeverhalten der Schäfte und wog der Stoßspeer in der Hand aus. „Hm“, sagte er knapp als er zu dem Schluss gekommen war, dass dieser Stoßspeer in der Handhabung seiner Dschadra sehr ähnlich wäre. Ein weiteres Nicken des Zeugwartes auf seinen wiederum fragenden Blick machte die Ausleihe perfekt. Er stellte Dschadra und Stoßspeer an die Seite und widmete sich dann den Pfeilen, schien jedoch keine zu finden, die ihm in Bezug auf Länge und Lage des Schwerpunktes zusagten. Er stieß einen Atemzug Luft durch die Nase und sah sich dann mit stark verringerter Aufmerksamkeit einige Jagdmesser an, die im Vergleich zu seinem Waqqif eher wie Spielzeug waren. Dann suchte seine Blicke Kontakt zum Rabensteiner, von dem er annahm, dass er seine Erläuterungen inzwischen beendet haben müsste.
Der blickte zurück und hob auffordernd eine Augenbraue. Das überaus Angenehme an Jahman war, dass er auf überflüssige Worte verzichtete. Der Rabensteiner wog den Hirschfänger, den er gerade begutachtet hatte, in der Hand, prüfte Griff und Balance, und legte sie entschlossen wieder zurück.
Der Novadi nahm Dschadra und Stoßspeer und ging auf den Rabensteiner zu. Seine eigene Ausbeute kommentierte er mit einem Schulterzucken. Nach einem Blick auf die leeren Hände seines Gegenübers quittierte er dessen Ausbeute mit einem Stoß Luft durch die Nase.
Der Baron strich sich mit der Hand über den Griff seines Rapiers. Nicht die perfekten Jagdwaffen, die er trug, aber geübt und erprobt. Für ein Hirschmesser mochte es wohl genügen. Dass an seinem Sattel noch eine Armbrust mit ausreichend Bolzen hing – und die Knappinnen brav eine Saufeder mitschleppten, war genug für eine Jagd. Der Aufbruch weckte Erinnerungen an eine Jagd im Norden, drei Jahre zuvor. Ob der Blutzoll, den diese hier von den Jägern erforderte, geringer sein würde?
Der Knappe des Allwasservogts lugte durch die Tür herein. Er hatte seine Pflichten im Stall erfüllt und seine Kleidung gegen wetterfeste, aber schmucke Jagdgewänder ausgetauscht. Aufgrund seines Standes stand ihm ein eigener Satz Waffen noch nicht zu. Sollte allerdings etwas übrig bleiben, hatte sein Herr gesagt, so könne er sich damit ausrüsten. Ansonsten müssten sein teures Schwert und der Übungsspeer ausreichen, um sich entsprechend zu erwehren. Einen Bogen würde er auch noch irgendwo auftreiben können. Ansonsten betrachtete er die illustre Runde. Einen Novadi hatte er hier in den doch manches Mal abgeschiedenen, vom Rest des Dererunds abgeschnittenen Nordmarken noch nicht gesehen. Diese Kleidung mochte in den weißen Weiten der Wüste Khom bequem und angenehm sein, doch störten die Lagen des Stoffes nicht? Verwickelte man sich darin nicht? Er würde fragen müssen – und vielleicht, wenn sich die Gelegenheit bot, um einen Übungskampf bitten? Sein Herr würde das garantiert nicht gutheißen, aber…
Jahman nahm den Knappen aus dem Augenwinkel wahr, richtete dann aber den Blick auf die Stichwaffe seines Gegenübers. Landsleute würden jetzt spotten, so etwas hätten die Weiber im Herzen der Khom als Stricknadeln. Jahman wusste jedoch, wie tödlich eine derartige Waffe in der Hand eines geübten Kämpfers sein konnte. Daher kämen ihm derartige Äußerungen nur wider besseren Wissens und zum Behufe der Provokation über die Lippen. Er blickte ibn Boronian ins Auge und machte eine Bewegung mit dem Kopf, die seine Nase kurz auf die Ausgangstür zeigen ließ.
Hatte er wieder zu lange gestarrt? Offensichtlich! Dieser Novadi hatte eine gute Auffassungsgabe, das musste man ihm lassen. Auch wenn sie ihm nun zum Verhängnis wurde. Verschwinden oder Eintreten? Nein, er hatte genug draußen vor der Tür gestanden. Er betrat den Saal und musterte ebenfalls einen kurzen Moment das Rapier – eine ungewöhnliche Waffe für diese Region. Er trat an die beiden Männer heran und verbeugte sich. „Euer Hochgeboren, Ihr verzeiht bitte meine Unhöflichkeit. Es war nicht meine Absicht, Euch ungeziemlich mit Blicken zu durchbohren, doch es scheint mir, als wäre eure Waffe dazu wohl in der Lage. Meine Neugier verlangte von mir, diese feine Arbeit zu bestaunen. Lares von Mersingen ist mein Name.“ Zugleich bedachte er Jahman ebenfalls mit einem grüßenden Nicken.
Jahman erwiderte das grüßende Nicken. Auf tulamidisch sagte er zum Baron: „Wenn Ihr dem jungen Effendi auch zeigen wollt, wie Ihr damit umzugehen versteht, habt Ihr einen Zuschauer, ibn Boronian. Ansonsten werde ich mein Shadif auf dem Ritt neben Euer Ross lenken.“
„Von den rodaschqueller Mersingern?“ Weit spannen sich die Netze dieser Familie mittlerweile in den Nordmarken – aber von wahrer Unübersichtlichkeit waren sie noch ein gutes Stück entfernt. „Hat Dir Dein Herr nicht beigebracht, dass es unhöflich ist, die Nase in die Angelegenheiten anderer Leute zu stecken?“ Das Jungvolk wurde wahrlich mit jedem Jahr naseweiser. „Und jetzt erwartest Du, dass ich Dir die Waffe zeige?“ Der Blick des Einäugigen hatte etwas von einer Schlange ... zumindest blinzelte er nicht, als er den Burschen zum ersten Mal genau betrachtete.
Die dunklen Augen des Mersingers blitzten einen kurzen Augenblick auf. Die schwarzen, kurz geschnittenen Haare konnten diese kaum verdecken. Zu weit hatten sie sich bereits hinter die längliche Stirn zurückgeschoben. Das Wappen der Familie von Mersingen aus Rosenhain zierte dezent sein Wams. „Tatsächlich, euer Hochgeboren entstamme ich diesem Familienzweig.“ Er stockte einen kurzen Moment – eine rhetorische Pause? „Mein Schwertvater, der Allwasservogt, bescheinigte mir bereits, dass irgendwann meine Neugier mein Untergang sein würde. Es zeigt sich aufs Neue: seine Lektionen sind zutreffend. Und dennoch: Lehrt uns nicht die Herrin HESinde, stets neugierig zu sein? Dem Ruf der Göttin musste ich an dieser Stelle folgen, bitte verzeiht meine Penetranz.“ Er lächelte entschuldigend. „Selbstverständlich euer Hochgeboren steht es mir keinesfalls an, etwas von euch zu erwarten. Dennoch würdet ihr mir wahrlich eine Freude und der Herrin HESinde wohl gleichsam einen Dienst erweisen.“
Verema war zu den Pfeilen gegangen, um sich noch welche zu holen und hatte aus dem Augenwinkel gesehen, wie der seltsame junge Kerl zu den erfahrenen Kriegern gegangen war. Sie hörte zwar nicht, was gesprochen wurde, aber sie war gespannt. Mit diesem Blick hatte der Rabensteiner sie auch schon angesehen. Mal sehen, wie lange der Kleine durchhielt.
Die Junkerin von Galenbfurten gestellte sich zu Verema und drehte einig Pfeile mit der Spitze auf dem behandschuhten Zeigefinger, um ihre Qualität zu prüfen. Das leicht süffisante Schmunzeln, welches sie dabei zur Schau stellte, deutete jedoch auf ein gänzliches anderes Interesse. Auch sie schien zu interessieren wie bissig der alte Rabesteiner antworten würde.
Wusste der Bursche eigentlich, was er sprach? Schwerlich. Der Blick, mit dem der Baron den Knappen bedachte, hätte selbst Feuer gefrieren lassen können.
„Gewiss würde es das.“
Wenn er es denn unternähme. Er wandte sich ab und ließ den Mersinger stehen.
Genau das hatte sie erwartet. Verema blickte die Junkerin von Galebfurten kurz an und ihre Mundwinkel zuckten leicht, deuteten ein Schmunzeln an. Dann nahm sie sich ein paar Pfeile und verließ den Raum.
Jolenta schien ebenfalls wenig überrascht nach ihrer Miene zu urteilen, erwiderte Veremas Blick jedoch nicht, sondern Blickte dem Baron hinterher. Das nur leise geraunte, „na, das kann ja wahrlich heiter werden“, verstand sie aber doch und wahr offensichtlich nur für ihre Ohren bestimmt.
Lares blieb einfach wie angewurzelt stehen. Was sollte er – nein, er sollte einfach gar nichts. Er sollte lernen, wo sein Platz ist. Endlich. Dem Herrn PRAios zur Ehr
Auf tulamidisch raunte Jahman dem Baron im Vorübergehen zu: „Die zweimal zwei Worte haben mehr Wirkung erzielt als dreimal neun Hiebe mit der Bastonade.“ Seine Stimme klang ungewöhnlich amüsiert. Er wechselte in Garethi zurück: „Der junge Effendi scheint meine Geste missverstanden zu haben. Ich wollte Euch fragen, ob wir den Raum verlassen, und nicht ihm deuten, dass ich ihn erspäht habe.“
„Knappenjahre sind keine Herrenjahre.“ zuckte der Rabensteiner die Schultern Es war bedauerlich genug, wenn der Allwasservogt seinen Knappen allein zur Jagd schickte. Doch dieser würde seine Gründe dafür haben. Dass ihm dieser Schachzug indes die Mühen der Knappenausbildung abnehmen würde, war nicht zu erwarten. Und dass ihm ein derart vernachlässigter Knappe Ehre einbringen würde, gleichfalls nicht. Es blieb die Frage, wer das tatsächliche Opfer in dieser Angelegenheit war – und ob es tatsächlich nur eines gab.
Jahman wechselte wieder ins Tulamidiya: „Neun Gottesnamen an der Grenze, und ich hätte diesem Sohn der Vorwitzigkeit seine Frechheiten ausgetrieben. Im Winter reichen drei.“

Während die Ritterin und die Pagin von Weitenfeld noch warteten, bis sich alle Mitglieder der Jagdgesellschaft ausreichend gerüstet sahen, drängelte sich ein Page durch die Reihen von Mensch und Tier. „Frau von Weitenfeld! Euer Wohlgeboren!“, rief er und drückte sich an einem Pferd vorbei, das natürlich gerade in diesem Moment einen Schritt zur Seite machte. Karline fing den strauchelnden Jungen gerade noch am Arm auf und führte ihn zu ihrer Herrin. „Das ist die edle Dame von Weitenfeld!“ Der Junge rang nach Luft und ratterte dann seinen Auftrag herunter: „Ihr müsst noch einmal in die Burg, edle Dame! Ein Bote ist gekommen, ich weiß nicht von wem, mit einem Brief für Euch! Er wartet auf Antwort, edle Dame! Ich soll Euch gleich mitbringen, edle Dame!“ Frederun und Karline tauschten einen wortlosen und etwas verwirrten Blick. Der Junge schien ihre Verwirrung falsch zu deuten und wollte mit seinem Sermon von vorn beginnen, aber Frederun gebot ihm energisch Einhalt. „Halt! Halt, ich hab’s schon verstanden! Karline, sorg‘ dafür, dass unsere Pferde hier nicht im Weg rumstehen und sag‘ denen Bescheid, die die Jagd organisieren, dass wir wahrscheinlich nachkommen werden. Am besten bringst Du die Pferde erst einmal in den Stall, lass Dir zeigen, wo.“ Karline nickte und Frederun Lechmin folgte dem hektischen Pagen zurück zur Eilenwïd.

*

Es hatte etwas an Zeit in Anspruch genommen bis alle Gäste ausgerüstet waren. Doch endlich konnten sie alle in die Sattel steigen und den Jagdausflug in Kürze einläuten. Als alle Gäste auf den Rücken ihrer Rösser Platz genommen hatten führte der Zeugwart Lukardis den Kohlrappen des Jagdmeisters herbei, der sogleich aufstieg während Lukardis ein zweites Pferd bestieg und direkt vom Hof ritt. Der junge Richtwalder indes dirigierte sein Tier an die Spitze des Zuges. „Meine Damen, meine Herren wie mir zugetragen wurde sind wir bereit für den Aufbruch. Bitte folgt mir!“
Nachdem alle Gäste auf den Rücken ihrer Rösser saßen, ließ der Jagdmeister seinen Rappen antraben. Von der Eilenwïd ging es hinunter in die Stadt. Im Gedränge der verstopften Straßen und Gassen kamen sie nur langsamen voran, als sie jedoch endlich die Kaiser Allee und das Tor passiert hatten konnten auch die Pferde in eine zügigere Gangart schalten. Heiß brannte der Schein der Praiosscheibe auf der Haut, während zugleich die allgemeine Wärme den Schweiß in die Poren trieb. Verheißungsvoll dennoch fern war da der kühle Schatten und des mächtigen Ratsforstes. Weite Teile der Ratslande Klippag wurden von diesem Forst bedeckt, ein Dickicht aus zerklüfteten Höhenzügen und nacktem Felsen. Selten verirrt sich eine Seele in das urwüchsige Gehölz, welches dem Herzog und Grafen als Jagdreservoir dient.
Verema trabte neben Jahmann, äugte kurz zu dem Novadi und deutete ein Nicken an. "Bisher zufrieden, Dom Jahmann ?"
„Hm. Recht entspannend, wenn man gerade erst einen Krieg hinter sich hat. Um das Überleben zu lernen, ist dieses Gelände auch weit weniger herausfordernd als die Grenzregion in Nablafurt.“
"Ach ja genau, der Krieg., ich vergaß... Wie Ihr wisst, kann ich da nicht mitreden." Sie betrachtete etwas den Wald und rollte dabei mit den Augen, er konnte es nicht sehen, diese Barone ... immer mussten sie sich das raushängen lassen. Dann sah sie wieder zu ihm, besser gesagt zu "Shenny" seiner älteren Shadif-Stute. "Für Eure alte Dame muss da nicht gelten. Ihr werdet sie schon von schützen, aber bei dem Untergrund bricht sich ein Pferd schon mal leicht ein Bein und ich weiß nicht, ob wir einen Heilmagier für solche Fälle dabeihaben. Aber Ihr macht das sicher vorzüglich, Ihr kennt Euch ja schon ewig."
„Lang genug, dass solche Fehler nicht geschehen. Eine Maga haben wir dabei, wenn die Baronin von Witzichenberg die ihre mitnimmt oder -schickt—allein, ich hätte diese Tochter des Übermutes längst gesehen, wäre sie hier.“ Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, kam Jahman in den Sinn, dass der Bezug nicht ganz eindeutig war. Statt dies klarzustellen, wartete er ab, ob er seine Gesprächspartnerin verwirrt hatte.
"Dom Jahmann, ich muss sagen, Ihr seid gut vorbereitet. Auf Eure Jagdtrophäe bin ich gespannt." sie war sich fast sicher, dass der Kerl sich irgendwelche Namen ausdachte und fasilierte, um sie zu nerven. "Aber sagt doch mal, ich hatte ganz vergessen, zu fragen, ob ihr Frau und Kinder habt."
Jahman wollte gerade sagen, Frauen und Söhne habe er keine, schluckte diesen Satz jedoch hinunter und sagte stattdessen: „Verheiratet war ich nie, und Kinder habe ich auch nicht“. Jahman hatte von Landsleuten und Glaubensbrüdern gehört, die sich damit brüsteten, ihre Töchter gar nicht erst zu zählen und die Möglichkeiten der Zahlenmystik nur zu nutzen, um ihre Söhne und Reittiere zu zählen. Diese Zeitgenossen zählte Jahman allerdings eher zu den `Verweichlichten der Flussländer´. Er verwendete diesen Begriff als Sammelbezeichnung für alle, die eher dem Müßiggang nachgingen. Er hatte festgestellt, dass viele Adlige in den Nordmarken in beiderlei Hinsicht diesem Klischee entsprachen, viele mehr, als es der Gegend guttat. Er riss sich selbst aus seinen Gedanken, als er sagte: „Ich jage niemals für Trophäen, sondern nur, um mich und gegebenenfalls die Grenzer in Nablafurt zu versorgen.“ Damit sich die Gedanken seiner Gesprächspartnerin nicht irgendwohin abgleiten konnten, frug er: „Wo sollte ich die Trophäen aufhängen? Ich bin die meiste Zeit im Gelände.“ Außerdem wollte er auch etwas über sein Gegenüber erfahren und nicht immer nur Fragen beantworten.
"Ihr sollt sie doch nicht in Eurer Behausung aufhängen, sowas machen wir auch nicht, wir jagen, wenn wir das Fleisch wollen." Wenigstens sprach er endlich etwas, womit sie etwas anfangen konnte. "Ihr sollt, oder dürft sie später ausstellen, in der Jagdhütte, und der, der die tollste oder prächtigste Trophäe bringt, darf sich eine Waffe aussuchen oder so. Das hatte doch der Jagdmeister gesagt. Meint Ihr nicht, dass Ihr da gute Chancen habt?"
„Eher nicht, da ich—wenn überhaupt—nur Kleintiere jage. Hase oder Fasan sind wohl kaum Tiere, die der Sieger gejagt hat.“ Jahman war nicht häufig in Burgen, Palästen oder Herrenhäusern im Mittelreich gewesen und widersprach Verema: „Die ein- oder andere Jagdtrophäe habe ich durchaus im Kaminzimmer einer Burg hängen sehen. Ist das in Eurer Heimat nicht üblich?“
Sie lachte belustigt auf, anscheinend fand sie die Vorstellung eines stattlichen Geweihs in Cres sehr amüsant. "Verzeiht, Jahmann, aber das mag auf die anderen Barone durchaus zutreffen, sich ihre Beweise angeblicher Heldentaten über der Tür zu hängen, Dom Danilo kann sich jedoch selber in einen stattlichen Hirsch verwandeln-auch wenn er sich ziert, das zu tun- und es leben viele Elfen bei uns." Sie sah wieder zum Rabensteiner, dessen Schonzeit schien abgelaufen. "Nein, bei uns nicht. Entschuldigt mich bitte, ich muss, Dom Lucrann um eine Pause bitten, ihr Männer scheint Blasen wie Weinschläuche zu haben." Sie nickte ihrem Begleiter artig zu und ließ ihr Pferd dann antraben, um zu dem Nordmärker zu gelangen, der ahnungslos ein paar Meter vor ihr ritt.

Die Jagdhütte

Nachdem sie in die kühlen Schatten des Ratsforstes eingetaucht waren, war ihr Ritt um einiges angenehmer geworden. Keine stechende, sengende Sonne mehr, sondern kühle Schatten und ein laues Lüftchen. Dennoch währte ihr Ritt mehr als ein weiteres Stundenglas bis sie das Jagdlager erreichten. Ein zweistöckiges Blockhaus war das Erste was sie zu sehen bekamen, an der Seite schloss sich ein Nebengebäude mit Ställen, Unterkünften für das Personal und die Hundemeute an. Die rechteckige Fläche vor den beiden Gebäuden war überdacht, auf kräftigen Stämmen lag das inzwischen begrünte Dach auf unter dem sich Sitzbänke, Tische und Feuerstellen zum Braten der Jagdbeute befanden. Wer genauer hinsah konnte Halterungen erkennen mit deren Hilfe der Pavillon gegen Wind und Wetter verschlossen werden konnte.
Alles war vorbereitet für ihre Ankunft, Knechte nahmen die Pferde in Empfang und führten sie in die nahen Ställe, während andere die Gäste zu einigen erfrischenden Getränken führten. Das Gepäck der Herrschaften wurde derweil ins Blockhaus geschafft, wo im Obergeschoss Unterkünfte für Hochadlige und Höhergestellte und im Erdgeschoss ein großer Saal auf die anderen Gäste wartete.
Jahman ließ erwartungsgemäß nicht zu, dass ein Knecht sein treues Shadif versorgte. Das durften nur alte Weggefährten und ausgewählte Knechte der Baronin von Nablafurt, wenn Jahman zu Fuß auf Patrouille war oder den Gardisten aus Nablafurt beibrachte, im Gelände unbemerkt zu leben und zu überleben. Bevor der Rabensteiner Baron sich seine Unterkunft im Obergeschoß zeigen ließ, fragte Jahman ihn: „Wo kann ich Euch finden, ibn Boronian?“
„Ich werde hier sein.“ beschied der alte Baron seinem Begleiter. Und ein Auge darauf haben, dass die beiden Pagen die Pferde, ihre Aufgabe auf dieser Reise, entsprechend versorgten. Sein neuestes Streitross, eine Rappstute, würde sich erst noch bewähren müssen – und war auf ihre Weise ebenso unerfahren wie die beiden Galbequeller Pagenmädchen.
Jahman nickte dem Rabensteiner zu und folgte seinem Blick, der auf die beiden Paginnen fiel. Er legte sein Gepäck ab und führte sein Shadif quasi hinterher. Dem Rabensteiner und auch seinen Paginnen musste dies auffallen. Jahman hatte in der Reichsarmee und später im Fürstlich darpatischen Heere gelernt, wie sehr schlichte Anwesenheit eines Vorgesetzten oder eines Beobachters den Arbeitseifer von Waffenknechten und Gemeinen steigern konnte, ohne dass auch nur ein Wort gesprochen werden musste. Diese Art der Aufsicht war auch im Sinne der Paginnen, denn sie würden sich manchen Tadel ersparen. Er stellte sein Shadif direkt neben der Rappstute des Rabensteiner ab und unterband auf diese Weise auch jedwedes Gewäsch der Pagenmädchen mit den anderen Knechten. Er ließ sich Zeit mit der Versorgung und warf anschließend noch einen Blick auf das Futter. Als auch die Paginnen mit der Arbeit fertig sein mussten, verließ er den Stall und brachte sein Gepäck in die Unterkunft.
Auch die Junkerin aus Almada versorgte ihr Tier selbst. Sie schien etwas bleicher zu sein und ließ sich, nachdem sie ihre Arbeit verrichtet hatte, ihr Zimmer zeigen. Sie fragte etwas verwirrt. "Junker im Obergeschoss oder bin ich unten?"
„Das würde mich auch interessieren!“ Mit diesen Worten betrat die nun auch Junkerin aus Galebfurten das Haus, offensichtlich von den Göttern mit spitzen Ohren ausgestattet.
Ein junges Ding von einem Mädchen erwartete die Gäste im Inneren des Gebäudes. Dem von ihr getragenen Wappenrock zu folge musste es sich um eine Knappin oder eher Pagin des Jagdmeisters handeln. Auf die Frage der beiden Junkerinnen lief Maura erst rot an, eh ihr die Worte mit anfänglichen Stammeln schnell in einem sprudelnden Quell über die Lippen kamen. „E..edle Dame, ich meine natürlich Wohlgeboren … für Euch wurden hier im Erdgeschoß Lager vorbereitet. Ihr könnt Euch frei entscheiden welches Ihr wählen wollt, … sofern natürlich nicht bereits jemand anderes dieses Lager ausgewählt hat… Für … für die Gäste aus dem Hochadel wurden hingegen die wenigen derzeit verfügbaren Zimmer hergerichtet … die die Zimmerleute sind noch nicht fertig und deshalb können wir die Räume nicht benutzen müsst Ihr verstehen…“ Sich innerlich ihrer Torheit schallend konnte sie ihre Unsicherheit dennoch nicht abstellen. Vor Scharm lief sie noch etwas weiter rot an, dabei wollte sie ihren Herrn doch keine Schande bereiten und hatte sich zugleich so sehr auf dieses Ereignis gefreut – immerhin war es ihr erstmals erlaubt worden eine Jagdgesellschaft zu begleiten.
Innerlich seufzte die Junkerin. Mal wieder typisch, dauernd wurde man daran erinnert, dass man eigentlich zu niedrig war und manche Barone erinnerten sie auch ständig daran. Aber was konnte die Kleine dafür. "Es ist schon in Ordnung, ich wollte einfach wissen, wo ich mich kurz hinlegen kann, mir ist nicht ganz wohl. Gebt mir einfach ein Zimmer unten, welches noch frei ist." Sie zögerte kurz, strich sich erst die verschwitzen Locken aus dem Gesicht, dann über ihren Bauch, der schmerzte, sie freute sich auf das Essen. "Gebt mir doch bitte eine Flasche Wasser mit auf mein Zimmer, ich werde gleich zum Empfang nachkommen."
Nichts von Veremas Unzufriedenheit mit ihrem Platz in der praiosgewollten Ordnung oder der gefühlten Ungleichbehandlung wissend fühlte sich Maura dennoch nicht wohl in ihrer Situation. „Es tut mir leid Wohlgeboren, doch im hier gibt es keine Zimmer im normalen Sinne.“ Tatsächlich, ließ man den Blick durch den großen und offenen Raum schweifen sah man keine weiteren als die Außenwände. „Für die Nachtlager in diesem Raum werden Vorhänge zum Sichtschutz aufgehangen. Dicke schwere Vorhänge die ein wenig die Geräusche schlucken werden über diese Balken hier geworfen.“ Dabei zeigte sie sogleich Pflichtbewusst auf die besagte Konstruktion. „Aber… also wenn … nunja … wenn Ihr sagt dass es Euch nicht gut ginge würde ich schnell meinen Herrn fragen ob sich nicht etwas machen lässt, für die von Euch gewünschte Kanne Wasser muss ich müsste ich sowieso kurz raus.“ Sprudelte es aufgeregt aus ihr heraus. „Ich bin gleich wieder bei Euch und bringe Euch etwas Wasser.“ Meinte sie noch und flitzte bereits durch die Tür heraus.
Förmlich stehen gelassen worden konnten die beiden adligen Damen sich etwas genau im Raum umsehen. Auf beiden Seiten der Tür führten Treppen ins obere Stockwerk, wo sich verschiedener Aussagen nach die Quartiere des Hochadels befanden, im Erdgeschoß hingegen stützten kräftige Pfähle die darüber liegenden Zimmer und den Rundgang der vor ihnen entlang führte. Unter diesen Zimmern würde zu späterer Stunde die von der Pagin erwähnten Vorhänge vorgezogen werden und ein wenig Privatsphäre zu schaffen. Einfache und doch bequem aussehende Pritschen standen an den Wänden, während der hohe und geräumige zentrale Teil des Hauses Platz für eine Tanzfläche oder auch Bänke und Tische bot.
Überrumpelt sah sich Verema um, würde sie sich nicht gerade so unwohl fühlen, sicher das Klima der Nordmarken, besonders der Baronie Rabenstein, aus der sie gerade kam, wäre es schon in Ordnung. Aber wer hauste dann oben? Der Gastgeber, die hübsche Baronin und der Novadi und der Rabensteiner konnten sich, wie auf der Anreise schon, ausgiebig anschweigen.
Jolenta hatte unterdessen ihren Packen auf einer Lagerstätte in einer der Ecken des Raumes abgestellt und damit begonnen alles Notwendige auszupacken.
Die Junkerin kannte sowohl das vornehme Leben aus den Zeiten da sie als Erbvögtin den Baron von Galebquell in Galebbogen vertrat, wie auch das eher einfache Dasein auf ihren Landgütern, wo man gerade bei dem Einbringen der Ernte näher zusammenrücken musste, da Hilfsarbeiter aus den Umliegenden Dörfern in Galebquell weilten.
Bereits kurze Zeit später platze die eben erst entschwundene Pagin wieder ins Haus herein. In den Händen eine tönerne Kanne voll kühlem Wasser und leuchtenden Augen. „Wohlgeboren! Ich habe Euer Wasser und …“ Kurz schnaufte sie durch und Versuchte sich zu sammeln um nicht gänzlich durch den Wind zu erscheinen. „… und mein Herr sagte dass Ihr Euch ruhig auf seinem Zimmer ausruhen könntet. Dort wird es sicherlich ruhiger sein und …“ Ihre Stimme nahm einen beinahe verschwörerischen Tonfall an. „… vermutlich schläft er sowieso wieder in einer Hängematte unter freiem Himmel und wird das Zimmer den ganzen Aufenthalt nicht nutzen.“
Auch Lares betrat das Haus und sah sich zuerst im Flur des Eingangsbereichs um. Auch er stieß auf die Pagin und hörte noch die letzten Worte. Dieser Luxus würde ihm sicher nicht angedeihen. Er würde warten, bis die Pagin die Damen hinreichend bedient hatte, dann würde er ebenfalls nach seinem Platz fragen – und rechnete fest damit, dass es maximal das Heu vor der Hütte sein würde. Mehr musste es auch nicht sein, das war er schließlich gewohnt. Und doch nagte die Herabwürdigung noch immer an ihm. Bald musste er sich das nicht mehr gefallen lassen. Bald.
Jetzt errötete die Junkerin etwas. Was für ein liebes Kind, und wie peinlich ..."Habt Dank, Pagin, das war sehr ordentlich von Euch. Wie war gleich Euer Name." Sie strich sich wieder eine verirrte Strähne aus dem Gesicht. "Ich trinke flugs was, dann wird es schon gehen. Bringt Ihr mich dann bitte zu Eurem Herrn? Ich möchte mich gerne persönlich bedanken und für die Unannehmlichkeiten entschuldigen."
„Maura vom Schwarzen Quell, Wohlgeboren.“ Stellte sich das Mädchen vor und deutete einen Knicks an, wobei ein Schluck Wasser aus ihrer Kanne schwappte. „Mein Herr ist sehr beschäftigt mit den Vorbereitungen und wenn es Euch nicht gut geht, Wohlgeboren – wollt Ihr Euch nicht erst etwas ausruhen?“ Mit einem Blick auf Lares deutete sich zugleich ihre zweite Sorge an. Würde sie mit Verema zum Jagdmeister gehen, würde sie ihren Posten verlassen müssen und für weitere Anfragen nicht zur Verfügung stehen. Da die Galebfurterin bereits ihr Lager aufschlug, war sie zumindest dieser Sorge befreit.
"Ihr habt Recht, zeigt mir doch bitte mein Zimmer, dann ruhe ich mich etwas aus und bei eurem Herrn kann ich mich immer noch bedanken, sobald es etwas ruhiger ist. Es wird auch langsam voll hier." Den Herrn mit der Hängematte wollte sie gerne noch persönlich sprechen, sollte es sich ergeben. Nun waren aber die Beine schwer, eine kurze Rast würde alles bessern.
Ihrer Pflicht nachkommend wies Maura der Almadanerin den Weg. Der vermeidliche Luxus des Zimmers bestand dabei weniger in einer opulenten Einrichtung, sondern darin das es ein geschlossener Raum zum Zurückziehen war. Das solide Bett, der kleine Tisch mit einer Schüssel zum Waschen, sowie Kleidertruhe und -ständer waren auch schon alles was dieses Zimmer enthielt. Die Kanne mit Wasser auf dem Tisch abstellend, verbeugte sie sich nochmals vor Verema, wünschte eine erholsame Ruhe und zog sich zurück.
Wieder am Treppenabsatz angelangt traf sie auf den noch immer wartenden Knappen. „Kann ich etwas für den Jungen Herrn tun?“ Fragte sie ihn nun deutlich gefasster in einer pflichtbewussten Tonlage.
„Ja, das könnt Ihr tatsächlich. Ihr könnt mir mitteilen, wie meine Unterkunft für die Nacht gestaltet sein soll.“ Lares rang sich ein Lächeln ab. Er konnte ihre Nervosität verstehen – war es doch nicht so lange her, dass er selbst die Anerkennung begehrte, die aus angemessenem Verhalten resultieren sollte.
Auch die Jagdgäste aus Rickenhausen fanden sich nun in der Jagdhütte ein, nachdem sie sich bei den Getränken großzügig bedient hatten. Der Ritt war eine angenehme Abwechslung gewesen, die Kühle des Waldes eine Wohltat zu der Hitze in der Stadt. Thalissa hatte Melisande della Yaborim, ihre Zofe, damit beauftragt, für das Wohl der Pferde zu sorgen, während Tar‘anam eine ausgezeichnete Figur als ihr Schatten machte, meist unbeachtet, am Rande der Wahrnehmung, aber immer vorhanden. Aufmerksam verfolgte die Baronin die Verrichtungen der Pagin des Jagdmeisters, leicht amüsiert über deren hektische Beflissenheit, doch machte die junge Frau ihre Sache gut. Abwartend betrachtete sie Lares von Mersingen, welcher ihrer Einschätzung nach ein wenig zu vorlaut daherkam. Mal sehen, wie die Pagin dieses „Problem“ behandeln würde.
Die Frage des Knappen traf bei der Pagin auf Unverständnis. „Wenn der junge Herr mit seiner Exzellenz dem Allwasservogt hier wäre, würde seine Exzellenz darüber bescheiden – da dies allerdings nicht der Fall ist steht Euch die gleiche Wahl zu wie jedem anderen Gast.“ Insgeheim fragte sich das Mädchen was der Mersinger an Behandlung erwartete, befürchtete er in den Stallungen zu schlafen? „Sucht Euch einfach eines der freien Lager aus.“ Um ihre Aussage noch zu unterstreichen wies sie auf die noch freien Betten.
„Danke euch! Das werde ich tun.“ Noch einmal versuchte es der Mersinger mit einem Lächeln – was mehr schlecht als recht erfolgreich war. Das würde absolut mehr als genügen. Erfreulicherweise wurden seine Erwartungen damit nicht bestätigt. Er nahm seinen Rucksack und platzierte ihn in einem freien Bett. Ja, eine Jagd war wohl doch bequemer als sein sonstiges Leben…

Ein erster Ausflug

Eifrig in ihre Pflichten vertieft bereiteten Jagdhelfer und weiteres Personal alles für den ersten Jagdausflug vor. Derweil konnten die kürzlich eingetroffenen Gäste sich vom Ritt durch die mitttägliche Hitze erholen und ihre eigenen Vorbereitungen treffen. So verging gut ein Stundenglas bis ein tiefer Gong die Anwesenden dazu verleitete sich vor den Gebäuden zu versammeln.
Auf einem abgesägten Baumstumpf stehend ragte der Jagdmeister für alle gut sichtbar auf, während sich links und rechts neben ihm das Personal der Jagdhütte in Reihen aufgestellt hatte. Einige von ihnen, ganz offensichtlich an ihrer Kleidung als Jagdhelfer zu erkennen, hatten zudem noch Hunde zu ihren Füßen sitzen. Geduldig abwartend bis keiner mehr nachzukommen schien wartete der Richtwalder ab, eh er zu sprechen begann. „Meinen Damen, meine Herren. Bevor wir am morgigen Praioslauf zu einer gemeinsamen Jagd aufbrechen, möchte ich einen jeden von Ihnen herzlich einladen das hiesige Revier kennen zu lernen. Ob allein oder bereits in kleinen Gruppen sei allein Euch überlassen, jedoch würde ich zur allgemeinen Sicherheit darum bitten einen meiner Jagdhelfer mit zu nehmen.“ Bei der Erwähnung der Helfer wies er kurz auf einige Gehilfen, die allesamt einen Hut mit grüner Feder trugen. „All jenen die sich bereits auf die Jagd begeben, wünsche ich Firuns Segen. All jene die es hier im Lager bei Speis und Trank hält, heiße ich erneut im Namen seiner Hoheit Herzog Hagrobald und der gütigen Herrin Travia willkommen.“

Lucrann, Jahmann, Verema, Thalissa

Der Novadi hatte sich bei den `frommen Wünschen´ außerhalb des Blickfeldes des Jagdmeisters aufgestellt, wie er es stets tat. Er überlegte, ob er die Empfehlung des Jagdmeisters, einen Jagdhelfer mitzunehmen, als Beleidigung auffassen sollte, aber da dieser ihn nicht kannte, zügelte er seine Verärgerung. Da der Jagdmeister seine Ansprache offensichtlich beendet hatte, trat Jahman an den Rabensteiner heran. „Ich sehe mich nach Spuren um. Kommt Ihr mit?“ Er achtete darauf, dass auch Verema seine Frage wahrnahm.
Der Baron, der gerade einen Jagdhelfer hatte herbeiwinken wollen, zuckte die Schultern. „Warum nicht?“ Es zahlte sich immer aus, das Gelände so gut als möglich kennenzulernen. Er warf einen Blick auf die almadanische Junkerin und die Baronin von Rickenhausen, mit stiller Abschätzung, ob der Ausritt zu einer Gruppenveranstaltung geraten würde – oder eher nicht.
Die kurze Pause hatte ihr gut getan und bis eben war sie in Gedanken die anwesenden nach möglichen, angenehmen Partnern durchgegangen, bisher ohne Ergebnis, sie schwankte zwischen zwei Personen... Da hörte sie die mittlerweile vertraute Stimme des Novadis. Definitiv nicht ihre Wahl, jedoch konnte man von ihm sicher viel lernen. Dom Lucrann sah zu ihr, sie nickte kurz und bestätigte somit, dass sie sich der Gesellschaft anschließen würde. Den Preis für die heiterste Gruppe spielte sie in Gedanken, konnten sie abschreiben, aber wahrscheinlich hatte sie die erfahrensten Krieger dabei, soweit sie es bisher beurteilen konnte.
Jahman winkte einen der Jagdhelfer herbei. Bevor der Jagdhelfer in Hörweite kam, raunte Jahman dem Rabensteiner so leise auf Tulamidya zu, dass nur dieser es verstehen konnte: „Mal sehen, was der Flussländer so kann“. Dabei grinste er dezent, was er sehr selten tat. Jahman war in seinem Element, auch wenn er den Jagdhelfer nicht würde schleifen können, wie er es bei nablafurter Grenzwachen getan hatte. Jahman sah sich um und versuchte, aus dem einsehbaren Bereich eine geeignete Route und deren Dauer abzuschätzen. Er schlug vor: „Was haltet Ihr davon, wenn wir uns hier ins Gelände schlagen, dann in etwa zwei Meilen Entfernung einen Bogen schlagen und in etwa zwei Stunden hier wieder herauskommen?“ Er zeigte auf die Stelle, an der er den Wald wieder zu verlassen gedachte. „Wenn wir sehr genau nach Spuren suchen, mag es länger dauern“, fügte er hinzu.
Thalissa hatte den Blick des Rabensteiners sehr wohl aufgefangen und war gerade zu der Gruppe um diesen hinzugetreten, so dass sie die Worte des seltsamen Novadis vernommen hatte. Ihrer Miene konnte man bei entsprechender Menschenkenntnis entnehmen, dass sie offenbar nicht genau wusste, wie sie die Worte des Wüstenbewohners deuten sollte, doch das hielt sie nicht davon ab, die Stimme zu erheben: „Werte Mitjäger, wenn es Euch genehm ist, würden wir uns dem kleinen Ausritt anschließen.“
„Das tun wir.“ Stimmte der Rabensteiner Jahman zu, wissend, dass das Spurensuchen die Domäne des Südländers war – und bleiben würde.
Er wandte sich seiner Standeskollegin zu und deutete eine Verbeugung in ihre Richtung an, keinen Zoll tiefer als unbedingt notwendig. „Gerne, Hochgeboren.“ Auf ein Fingerschnippen hin brachten ihm seine Paginnen Pferd und Ausrüstung – und führten auch ihre Tiere hinter sich her. Wo ihr Herr hinging, würden auch sie sein – es sei denn, sie erhielten anderweitige Befehle.
Die Almadanerin trat nun doch neben den Rabensteiner, ganz sicher hatte sie seinen Blick nicht deuten können. "Hochgeboren, ich komme auch mit, aber weiß zwar, wie man in der Wildnis übernachtet, Spuren finden ist leider mal wieder nicht meine Stärke..." Sie trat einen Schritt näher, als es der Etikette entsprechen würde. "Passt etwas auf mich auf, Ihr hattet es mir einmal versprochen. Ich fürchte, dieser Novadi will mich testen oder in Gefahr bringen. So ganz sicher bin ich mir bei ihm nicht."
„Er wird Euch nichts tun.“ beruhigte sie der Baron. „Solange ich dabei bin.“ setzte er nach einem Sekundenbruchteil hinzu. Doch dass sich die almadaner Junkerin vor dem Pfeil des Südländers finden würde, dafür müsste wohl so einiges Zusammenkommen. „Seid Ihr abmarschbereit?“ – schließlich würde sie ihre Jagdsachen selbst packen müssen.
Verema warf dem Baron einen vernichtenden Blick zu, für wie blöd hielt er sie denn, natürlich hatte sie alles dabei.
Der Mann den der Jahman herbeigewunken hatte war ein großer, schlaksiger Mann mit reichlich Lebenserfahrung, zumindest ließen die grauen Strähnen im schwarzen Haar des Mittvierzigers diese Vermutung aufkommen. Den Hut ziehend und sich verbeugend stellte er sich knapp als Disibold vor. „Edle Damen, edle Herren, sobald Ihr zum Abbruch bereit seid können wir gern aufbrechen. Das Terrain ist nicht immer einfach, der Forst ist von Graten durchzogen – aus diesem Grund wurde ich nochmals dazu angehalten Euch darauf hinzuweisen, dass der Untergrund tückisch sein kann.“
"Moment, Disibold, was heißt ´tückisch´? Besteht besondere Gefahr für die Pferde, in diverse, verborgene Löcher zu treten? Meiner ist trittsicher, aber ich möchte ihn ungern auf einer Jagd verlieren. Oder habt ihr einen kundigen Magus für Rösser zur Stelle?" Sie hatte ihren Elfenbogen samt Köcher mit einigen Pfeilen sowie einen hübschen Jagddolch dabei.
Sich verlegen am Kopf kratzend versuchte der Jagdhelfer die Sorgen des Gastes zu zerstreuen. „Haltet die Rösser auf den wenigen schmalen Pfaden und passt zu Fuß einfach auf wo ihr hintretet, dann sollten alle Knöchel diesen Ausflug überstehen.“
Euer Weg führt tatsächlich recht schnell in einen der erwähnten Grate, dort findet ihr auch einige Spuren und Wildwechsel allerdings nichts Frisches. Nach etwas über einer Stunde findet ihr dann die Hufabdrücke eines Rehs im feuchten Boden.
Unsicher, an wen sie sich wenden sollte, ging die quirlige Frau, die sich bisher sehr brav zurückgehalten hatte (sicherlich hätten böse, düstere Blicke des Rabensteiners und des Novadi sie getroffen, hätte sie gar geplappert und so Wild verschreckt). Nun, dieser Disibold natürlich, Dom Lucrann sicher nicht, der hatte sicher nicht so viel Ahnung von Spuren, genauso wie diese Baronin Thalissa. Jahmann war der Typ, der sich sicher am besten auskannte. Da er von ihren Fähigkeiten wohl jedlicher Art nichts hielt, sprach sie ihn an. "Dom Jahmann, schaut mal. Ist das da alt oder frisch?"
„Taufrisch“, murmelte der Gefragte leise, ohne seinen Blick von der Fährte zu lassen, die er bereits mit seinem Blick verfolgte. Er ließ kurz von der Fährte ab und prüfte am Laub die Richtung des Windes und vergewisserte sich, dass nicht irgendwo im Geäst ein Eichelhäher saß und sich anschickte, Radau zu machen. Er hob die Hand und zeigte dem Rabensteiner die Windrichtung an. Da der Wind gegen in Gegenrichtung wehte, machte Jahman sich auf, der Spur zu folgen, nicht ohne vorher ein Shadif anzubinden. Er tat dies allerdings sehr langsam—wie stets, wenn er sich im Gelände bewegte, das er nicht kannte; dafür war er auch wirklich nicht zu hören. Nach etwa dreimal neun Schritten blieb er an einer Stelle stehen, an der man etwas weiter in den Wald hineinsehen konnte, und zog ein Fernrohr aus seiner Tasche. Er begann, die Umgebung abzusuchen.
Wohl war die Baronin von Rickenhausen leidlich in der Kunst des Fährtensuchens bewandert, doch nicht in solch einer Waldwildnis. Zudem hatte sie noch immer im Ohr, das es hier lediglich um eine Begehung des Geländes zum Kennenlernen ging und um nichts sonst. Deshalb hatte sie es auch nicht für nötig befunden, eine Armbrust mitzunehmen. Thalissa wandte den Kopf nach hinten, ihr Blick traf Tar‘anam, der stoisch im Sattel seines Pferdes saß und ihr zunickte – beruhigend, wie sie vermutete, denn noch immer hatte sie nicht gelernt, die sparsamen Regungen des alten Kriegers in jeder Situation zu deuten.
Thalissa wandte ihre Aufmerksamkeit daraufhin wieder dem Novadi zu. Nun hielt sie diesen Wald nicht gerade für die Umgebung, in der der Wüstenbewohner sich am besten auskannte, aber er strahlte zumindest so viel Kompetenz aus, dass man annehmen konnte, er wisse, was er tat. Was man von der almadanischen Junkerin nicht sagen konnte. Doch das behielt sie für sich, denn erstens wollte sie selbst nicht diejenige sein, die Wild aufschreckte, und zweitens war ihre eigene Kompetenz, was eine Jagd im Wald anging, nicht dergestalt, dass sie sich ein Urteil über andere anmaßte.
Ebenso lautlos, wie aus dem Blickfeld der „Spurensucher“ getreten war, betrat der Novadi dieses wieder. Er spreizte Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand und deutete damit zuerst auf seine Augen und dann auf eine vom Wege aus nicht einsehbare Stelle. Danach hob er die Hand erneut und zeigte vier Finger. Dann senkt er die Hand, jedoch nur, um unmittelbar darauf beide zu erheben. Diesmal zeigte seine rechte Hand fünf Finger, und die linke Hand war zur Faust geballt. Er blickte fragend in die Runde.
Dem unverständlichen Gefuchtel nach, hatte der Novadi wohl irgendwas gefunden. Sie zuckte mit den Schultern, versuchte, das Schmunzeln zu unterdrücken und flüsterte zu Disibold. "Anscheinend hat er irgendwelches Wild entdeckt, oder irgenwas jedenfalls. Was nun ? Die Jagd ist doch erst morgen. Merken wir uns die Stelle und reiten weiter? Und wie machen wir das ihm (sie nickte Richtung Jahmann) klar?"
Fünf Vierbeiner abseits des Weges? Oder was wollte Jahman damit sagen? Thalissa beschloss, das Spiel mitzuspielen. Sie fing den Blick des Wüstenkriegers auf, dann führte sie ihre Hände parallel zueinander vor den Körper, erst in einem Spann Abstand, dann so weit, wie ihre Arme reichten, dabei hielt sie den Kopf fragend zur Seite geneigt. Anschließend legte sie beide Hände an ihr Gesicht, neben ihren Mund , die Zeigefinger schräg nach oben gespreizt bei ansonsten nach innen gekrümmten Fingern, dann verschob sie die Hände in unveränderter Handhaltung rechts und links an ihren Hinterkopf, erneut mit schräggestelltem Kopf und hochgezogenen Augenbrauen.
Der Rabensteiner saß ungerührt auf seiner jungen Stute, die mit wachsam gespitzten Ohren die Umgebung musterte und deutlich mehr Aktivität zeigte als ihr Herr. Er hatte seine Armbrust mitgenommen, doch diese stak noch immer in ihrem Futteral am Sattel. Auf die Gesten des Novadi zuckte er die Schultern und wies mit seinem Kopf weiter auf den Trampelpfad, auf dem sie sich bisher bewegt hatten. Von fünf Rehen ging keine Gefahr für die Gruppe aus ... wobei er sich da nicht bei jedem Mitglied gleich sicher war. Indes war morgen der Tag für die Jagd, nicht heute.
Der Novadi war sich zumindest sicher, Thalissas zweite Geste richtig verstanden zu haben. Da niemand Anstalten machte, die Schusswaffe zu ziehen oder ebenfalls Sichtkontakt aufzunehmen, drehte er sich nochmal nach den Tieren, die nach wie vor ästen, um und begab sich dann langsam und lautlos wieder auf den Weg zurück. Er trat an Thalissa heran und flüsterte ihr zu: „Vier Rehe zwischen vierzig und fünfzig Schritt entfernt“. Dann sprach er etwas lauter: „Da niemand Armbrust oder Bogen in die Hand genommen hat, nehme ich an, dass Ihr weiterzureiten gedenkt“.
„Wir sehen uns etwas um – mehr nicht.“ Entschied der Baron. Eine leidliche Kenntnis des Geländes mochte sich am morgigen Tag auszahlen – oder auch nicht. Zum Schaden jedenfalls wäre es auf keinen Fall. So verbrachte die Gruppe die nächsten Stunden damit, die gangbaren Wege des Waldstückes auszuloten, kehrten einmal an einer tiefen Schlucht um, die den Weg wie ein Schwert durchschritt und folgten eine Weile einem Wildwechsel, der auf einem mit Kiefern bestandenen Höhenrücken auf einem dichten, federnden Nadelbett dahinführte. Spuren von Reh, Wildschwein, Hirsch und Wolf – und in zwei Fällen Mensch und Pferd – fanden sich im Lauf des Tages, nichts jedoch, das über Gebühr aufsehenerregend oder gefährlich geworden wäre.
*

Jolenta

Die Junkerin von Galebquell hatte sich indes zu einem anderen der Jagdhelfer gesellt.
Jolenta schätzte den jungen Mann höchstens auf Anfang zwanzig. Mit nur 1,66 Schritt deutlich kleiner als die Junkerin trug er sein braunes Haar kurz geschnitten, braunes Haar das die gleiche Farbe hatte wie das Fell des Hundes der ihm bei Fuß folgte. Welche Kräfte in dem schlanken Körper steckten konnte sie jedoch nur erahnen. Wie auch sein Kollege bei der Gruppe des Rabensteiners verbeugte auch er sich und stellte sich vor. „Es freut mich mit Euch auf die Jagd gehen zu dürfen, mein Name ist Willigis und gemeinsam mit meinem Freund hier werden wir hoffentlich ein prächtiges Tier stellen.“
Jolenta indes sprach ohne jeden Standesdünkel mit ihm. Offensichtlich war ihr die andere Gruppe zu groß und da sie nach ihrer Aufmachung, dem Bogen nebst Köcher auf ihrem Rücken und dem Spieß in der Hand bereits jetzt auf die Jagd gehen wollte, wohl auch zu laut.
Willigis wählte eine andere Richtung, als die große Jagdgruppe und wurden sie alsbald von den Geräuschen des Waldes verschluckt. Nach einiger Zeit, man hatte sich bereits ein knappes Stundenglas durch den Forst bewegt, fand der Jagdhelfer die Spur eines Rotfuchses. Die Junkerin nickte und zwinkerte ihrem Wildführer frech zu, als dieser sie fragte, ob er die Fährte verfolgen solle und so ging es weiter durch den dichten Mischwald.
Nach einem weiteren, halben Stundenglas deutete Willigis auf eine kleine Öffnung in einem Erdhang, ganz ohne Zweifel der Eingang zu einem Fuchsbau. Jolenta wies dem Jungen zu warten und schlich alleine zu dem Erdloch. Schon befürchtete der Jagdhelfer die Junkerin hätte böse Absichten, doch schließlich kniete sie sich unmittelbar vor den Bau, schloss die Augen und betete.
Was indes nur der Jagdhelfer wahrnahm war der Fuchs, welcher ein Dutzend Schritt entfernt, auf einem weiteren Erdhügel erschien, witterte und dann schleunigst verschwand.
So entging ihm aber, was Jolenta in den Bau warf, Willigis nahm nur die Bewegung wahr.
Innerlich war Willigis sehr erleichtert als das Jolenta davon absah den Fuchs zu stellen. Er mochte zwar als Jagdhelfer dem Herrn Firun verbunden sein, dennoch achtete er den Listenreichen. Frischen Mutes und eventuell auch von Phex geküsst machte er sich wieder auf die Suche nach einer neuen Fährte der sie folgen könnten.
Sie bogen gerade in einen Grat, welcher sie langsam wieder gen Jagdhütte führen würde, als es aus den Büschen zu ihrer rechten grunzte und die Blätter raschelten. Grad noch konnte Willigis beide aus dem Weg schaffen, als auch schon ein dicker Eber ihren Weg kreuzt. Keinerlei Kenntnis von den beiden Jägern nehmend, verschwand er jedoch recht schnell wieder im Unterholz. Ihm zu folgen war jedoch weder für den Fährtenleser, noch für dessen treue Spürnase bei Fuß eine schwere Aufgabe.
Jolenta reichte Willigis den Spieß und hielt ihn an die Waffe zu halten und während der Verfolgung immer ein Auge auf die Bäume zu haben. Im Notfall würde man sich auf einen von ihnen retten müssen. Daher wäre es hilfreich, wenn er ein paar nicht ganz so hohe Äste hätte. Die Junkerin grinste und war dennoch offenkundig erregt, das Jagdfieber hatte sie gepackt.
Mit dem Bogen in der Hand und einem Pfeil locker an der Sehne folgte die Ritterin Willigis, welcher routiniert der Spur des Ebers folgte. Nur wenige Dutzend Schritt später hob der Jagdhelfer die Hand und gab Zeichen, so dass sie von da an weiter schlichen. Wieder war das Grunzen deutlich zu vernehmen.
Jolenta nickte in Richtung einer knorrigen Esche, an die eine fast kahle, umgefallene Tanne gelehnt war. Es ging steil hinauf, aber die grobe Rinde würde den Füssen Halt geben, wenn es seien musste.
Die Junkerin legte einen Pfeil auf die Sehne und gemeinsam taten sie die letzten Schritte, bis sie den Eber sahen. Er stand gute zwanzig Schritt entfernt auf einer kleinen Lichtung und wühlte im Waldboden. Augenblicklich legte Jolenta an, solch eine Gelegenheit durfte man nicht ungenutzt verstreichen lassen.
Jolenta erhob den Bogen und wollte die Sehne gerade zu spannen beginnen, als der Schrei einer Eule von hinter den Jägern ertönte und die Stille durchbrach. Der Eber blickte augenblicklich auf und wurde sich seiner Jäger gewahr. Ohne zu zögern ließ er ein hohes, angriffslustiges Quieken vernehmen, nahm den Kopf herunter und preschte los.
Nun ging alles rasend schnell. Geistesgegenwärtig ließ die Junkerin den Bogen fahren, trat einen schnellen Schritt an Willigis heran, entriss ihm die Saufeder und stieß ihn gleichzeitig mit ihrer Schulter aus der Bahn des herannahenden Ebers.
Gerade noch konnte sie die Spitze der Waffe herabsenken, dem Tier entgegen, sogleich erfolgte der Aufprall. Die Saufeder durchstieß das Fell des Ebers in seinem Nacken und wurde durch dessen eigene Wucht bis zu den seitlichen Sicheln in das Fleisch gebohrt.
Jolenta drehte sich gewandt zur Seite und doch streifte sie der Eber am Bein, stieß sie mit Gewalt zur Seite. Hart schlug sie auf den Boden auf und verlor einen kurzen Moment die Orientierung, wusste nicht wo oben und unten und vor allem nicht in welcher Richtung das wildgewordene Tier steckte. Ihre Rippen schmerzten, das Atmen war eine Qual.
Dennoch sprang sie hektisch auf und drehte sich, bis sie des Ebers ansichtig wurde. Mit zitternden Beiden sah Jolenta, wie das Tier unwillig den Kopf hin und her warf und mit ihm die Saufeder. Er grunzte und schrie, nahm dann noch einmal Maß und lief los.
Weit jedoch kam das Tier indes nicht mehr. Nach einigen Schritten brachen die vorderen Beine ein und der Eber kam auf der Seite liegend zur Ruhe. Schnell hob und senkte sich der massige Brustkorb, die Augen immer noch wach auf die Jägerin gerichtet.
Mit müden Bewegungen, Schmerzen im rechten Bein und in den Rippen, sie war auf einen großen Stein gefallen, schleppte sich die Junkerin zu dem großen Tier. Im Augenwinkel nahm sie wahr, dass Willigis zu ihr gelaufen kam, doch sie hob die Hand und deutete ihm, dass es gut war für den Moment.
Jolenta kniete sich vor den Eber und streichelte ihm durch das vor Anstrengung und Panik nasse Fell. Mit einem laut ausgesprochenen Dank an den Gott der Jagd zog sie ihr Jagdmesser und erlöste das Tier von seinen Qualen.

Gute zwei Stundengläser später erreichten die Junkerin, der Jagdhelfer und dessen Hund wieder die Jagdhütte. Auf ihren Schultern trugen sie einen langen Ast, an dem der erlegte Eber kopfüber herabhing. Jolenta und Willigis hatten das Tier an Ort und Stelle ausgenommen und die Innereien Firun geopfert. Sie hatten sie vergraben und sie damit der Natur zurückgegeben.
Die Adlige aus Galebfurten sah ein wenig mitgenommen aus. Ihre Miene zeigte Schmerzen beim Laufen, was das bandagierte, rechte Knie zu bestätigen schien. Dazu hielt sie sich mit dem freien linken Arm den Brustkorb, die andere hielt den Ast auf ihrer Schulter fest. Schweiß rann ihr durch das Gesicht und hatte ihre Kleidung dunkel gefärbt.

Zurück im Lager

Langsam kehrten die Gäste zurück, die die Möglichkeit ergriffen hatten einen ersten Jagdausflug zu begeben. Gemeinsam mit ihren Führern hatten sie den mächtigen Ratsforst, der rund ein Fünftel der Ratslande bedeckte, erkundet. In der Kürze der Zeit hatten sie jedoch nur einen kleinen Teil des weitläufigen und oft schwer gangbaren Forstes entdecken können. Tatsächlich hatte es bereits einen ersten Erfolg gegeben und so war der von Jolenta erlegte Jungeber fachmännisch versorgt auf ein Holzgerüst gespannt worden.
An der Jagdhütte hatte man indes die Vorbereitungen für den Abend direkt in Angriff genommen. Reges Treiben in der Küche versprach einige leckere Spezereien, während sich Fleisch über dem Feuer drehte. So empfing der Wohlgeruch von gebratenen, saftigen Fleisch die Heimkehrer und weckte deren Appetit. Gegen eine trockene Kehle hingegen wurden Bier und Wein ausgeschenkt. Mit dem nahenden Ende des Tages, sanken die Temperaturen weiter ab. Es war nicht kalt, aber die drückende Hitze – die im Schatten der Bäume bereits deutlich erträglicher war – verlor sich weiter und ermöglichte es einem Jeden erleichtert durchzuatmen.
Er hatte, während die verschiedenen Grüppchen in den Wald aufgebrochen waren, um erste Jagderfolge zu zeitigen, seine Unterkunft bezogen. Eigentlich wollte er selbst Jagdvorbereitungen treffen, doch ziemlich bald wurden ihm die monotonen Tätigkeiten zu langweilig und er hatte ein Buch aus seinem Rucksack hervorgeholt und sich vor der Jagdhütte zur Lektüre niedergelassen. Ohne ein gutes Buch ging er nicht aus dem Haus – auch und erst Recht nicht auf die Jagd. So konnte er Jolenta mit der Jagdbeute zurückkehren sehen – ein beeindruckender Erfolg. Die Verletzungen, die sie sich dabei zugezogen hatte, schienen sie auch nicht zu beeinträchtigen. Der junge Knappe musste sich zugestehen: Das flößte Respekt ein.
Die Junkerin aus Galebfurten hatte sich auf einem Lehnstuhl niedergelassen und ihr lädiertes Bein auf einem Schemel gelegt, um es gerade halten zu können. Das Knie und auch die blauen Rippen hatte man ihr inzwischen fachmännisch verbunden. Der Laune Jolentas schien dies indes nicht zu schaden. Mit einem Kelch Rotwein in der Hand genoss sie das rege Treiben und schien mit sich und der Welt im Reinen.
Aufmerksamen Augen mochte nicht entgangen sein, dass auf einem der bislang noch leeren Betten im großen Saal nun Gepäck lag, und wer sein Ross selbst in den Stall brachte, dem mochte sicherlich ebenfalls nicht entgangen sein, dass darin ein weiteres Tier stand. Eine hübsche Schimmelstute.
Tatsächlich trat irgendwann, als man gemeinsam darauf wartete, dass aufgetischt wurde, einer der Jagdgehilfen in Begleitung einer jungen Frau aus dem Wald. Ob der sommerlichen Hitze trug die Frau eine weit geschnittene kurzärmelige Bluse über einer kurzen, knackig engen Lederhose, das braune Haar zu einem lockeren Knoten seitlich des Ohres gebunden, auf dem Kopf ein keckes grünes Filzhütchen mit einer schwarzen Rabenfeder daran. Ihr Schuhwerk waren hellbraune Ledersandalen, deren Schnürung bis fast unter das nackte Knie reichte. Sie war schlank, wohlproportioniert, auch ihr Gesicht - sie war etwas fürs Auge, wie man so schön sagte. In der Hand trug sie ein Büschel eines Enziankrautes.
Mit ihrer natürlichen Heiterkeit musste die junge Frau ihren männlichen Begleiter wohl in ihren Bann gezogen haben, denn er stutzte verdutzt, als beide lachend aus dem Wald traten und feststellten, dass die anderen hohen Gäste zurückgekehrt waren und sich daher in diesem Moment viele Augen auf sie richteten. Den Jagdbegleiter ereilte der Ernst der Situation und er trat ertappt, ja sogar demutsvoll einen Schritt hinter die junge Frau zurück. Er ließ ihr standesgemäßen Vortritt. Drei der Anwesenden war zumindest die junge Adlige gleich bekannt: Rahjada und Rhena, die beiden Pagenmädchen des Rabensteiners kannten die hübsche Edeldame vom Hofe ihres Vaters, des Barons von Galebquell, weil diese dort schon immer vertrauensvoll ein und aus ging. Und die Junkerin Jolenta erkannte die Jüngere, waren sie doch miteinander verwandt.
„Hildegund, wie immer bist du etwas spät“, rief da Jolenta freudig, als sie ihrer ansichtig wurde und erhob das Glas zu Gruße. „Das Beste am heutigen Tage hast du leider verpasst.“
„Wenn du mir sagst, was aus deiner Sicht das Beste war, liebe Base, kann ich sagen, ob ich derselben Meinung bin,“ entgegnete die junge Frau beim Näherkommen schmunzelnd. Mit einem bedauerlichen Blick zu dem erlegten Eber: „Seine Meinung wäre auch sehr interessant,“ feixte sie.
Jolenta lachte bei den Worten herzhaft. „Oh ja, das wäre sie mit Sicherheit! Er und ich“, die Junkerin zwinkerte, „wir hatten bei unserem ‚Aufeinandertreffen‘ eine kleine Meinungsverschiedenheit musst du wissen.“ Nochmals lachte sie. „Aber du weißt ja, ein Argument aus Eisen, kann das Gegenteil beweisen. Immerhin ist es ihm gelungen mir ein paar schmerzhafte Andenken an ihn zu hinterlassen.“
Die junge Dame lachte noch einmal trocken auf: "Na, das ist, damit wenigstens einer an den anderen denkt." Von der organisierten Jagd hielt Hildegund nämlich nicht viel. Das blutrünstige, prahlerische Gehabe solcher Jagdgesellschaften, wie diese hier eine war, war ihr ein Graus. Um anderen näher kennen zu lernen, ihr Wesen zu ergründen, studieren zu können, war das enge Beisammensein in den Wäldern hingegen zum Vorteil.
Nach dieser kurzen Begrüßung ihrer Verwandten wandte sich Hildegund sogleich noch einmal ihrem Begleiter zu, drückte ihm dabei das Kräuterbüschel in die Hand. „Ich danke Euch für Euer Geleit. Hängt dies bitte zum Anwelken ans Feuer. Es darf ruhig trocknend verschrumpeln, aber nicht verbrennen, das ist wichtig!“ mahnte sie sanft und schenkte dem Mann ein zauberhaftes Lächeln.
Der so Angesprochene nickte, fast schien er zu erröten, als die Hand der jungen Frau bei ihrer Bitte seinen Arm berührte.
Im Folgenden nahm die Frau das Hütchen ab, sich selbst eine Sitzgelegenheit und stellte sich der Gruppe Adeliger als Hildegund von Galebfurten, Edle zu Galebquell und Gesandte des Galebqueller Barons Roklan von Leihenhof vor – welcher leider nicht selbst an dieser Jagd teilnehmen konnte, weshalb er die junge Edeldame bat, an seiner statt zu kommen. Leider sei sie selbst noch verhindert gewesen und habe deswegen den Weg in den Ratsforst später am Tag allein unternommen.
Nur Jolenta wusste um den Umstand, dass ihre junge Cousine nirgends allein hinging. Meist nicht einmal allein zu Bett. Dies mochte vielleicht der Grund dafür sein, dass die Galebquellerin den Knappen des Allwasservogts ein kleines bisschen interessierter musterte, als dieser sich mit ihr bekannt machte.
Mit so viel neu gewonnener Aufmerksamkeit hatte der Knappe nicht gerechnet. Gerade wo die junge Dame, die ja nun auch aus Galebfurten zu stammen schien, – genauso wie die eigentliche Heldin des Abends Jolenta – doch viel interessierter an den beeindruckenden Leistungen ihrer Base sein sollte. Aber gut, sie war ihm direkt sympathisch. Seine sonst abweisende, nassforsche und besserwisserische Art Menschen im Zweifel erst einmal von sich zu weisen, schien an diesem offenen Wesen wohl nicht durchschlagen zu wollen. Woran lag das nur? Sie war gerade erst aus dem Wald zurückgekommen – und dorthin wohl aufgebrochen, kurz nachdem sie hier angekommen war. Sie musste sicherlich Durst haben. Er entschloss sich, der Dame einen Becher Wein zu besorgen. Nur kurz verschwand er, ließ sich einen weiteren Becher Wein reichen und bot ihn freundlich der jungen Edlen an. „Ihr seid sicherlich durstig, wenn ihr noch keinen Moment hattet, hier so richtig anzukommen“, meinte er und streckte ihr den Becher hin.
Hildegund nahm die Erfrischung dankbar an. „Oh, sehr aufmerksam von euch, Herr Lares." Sie beugte sich dem schneidigen Knappen verschwörerisch entgegen: "Wie ich vernehmen konnte, haben wir etwas gemeinsam." Eine kleine Pause zum Nachdenken ließ sie ihm, ehe sie auflöste. "Wir sind beide ohne unsere Herrn da." Ob sie damit etwas sagen wollte und wenn ja, was, löste sie hingegen nicht auf. Stattdessen fuhr sie etwas lauter fort: "Warum seid ihr denn nicht mit den anderen hohen Damen und Herren ins Gelände?" Sie wollte wissen, ob der junge Mann mit den braunen Augen ein Langweiler war. Und einfach ein wenig plaudern.
„Nun, Ihr habt ja richtig festgestellt, dass ich alleine hier hergekommen bin. Mir fehlte eine anregende Begleitung, um aus dem Jagdausflug eine Bereicherung zu machen – schade, dass Ihr so spät eingetroffen seid“, meinte der Knappe ganz beiläufig.
„Wisst ihr, ich sah eure Lektüre hier liegen als ich ankam, hm, da wart ihr wohl gerade…fort,“ sagte sie, meinte aber ausgetreten. „Man sagte mir, dass nicht alle Jagdgäste zur Erkundung aufgebrochen sind. Ich wollte allerdings schauen, ob es hier in der Gegend Meserich gibt, daraus lässt sich ein wunderbares Getränk herstellen, drum habe ich mich sogleich in die Büsche gestürzt.“ Erklärte Hildegund den Umstand, warum sie und der Knappe sich bisher noch nicht über den Weg gelaufen waren. Gleichzeitig wedelte sie mit einer einzelnen Blattspitze des Krautes, das sie gepflückt hatte. Sie blinzelte ein paar Mal und legte sanft die Stirn in Falten. „Macht ihr Euch nichts aus der Jagd?“
„Ich bevorzuge das Reiten auf dem Turnierplatz oder im Gefecht. Da wird einem nicht so schnell langweilig. Eine Jagd, wenn Sie so erfolgreich ist, wie die eurer Base, kann sehr wohl spannend sein, doch nicht selten reitet man ziellos umher und findet keine Beute. Und wenn einem das Wild vor die Lanze getrieben wird, dann ist die ganze Herausforderung auch schon wieder passé.“ Für einen kurzen Moment war sein Blick abgeschweift und Hildegund konnte den Eindruck haben, er würde anstatt mit ihr zu reden an ihr vorbei sprechen – dann sah Lares sie plötzlich wieder direkt an und hob die rechte Augenbraue ganz leicht. Dabei schienen seine tief in den Höhlen sitzenden braunen Augen kurz aufzuleuchten. „Mit dem richtigen Gesprächspartner – oder der richtigen Gesprächspartnerin – besteht allerdings kein Risiko.“ Jetzt war er es, der eine kurze Pause ließ. „Und, wärt Ihr mit ausgeritten?“
„Ihr meint mit Euch? Natürlich! Warum nicht?“ antwortete Hildegund aufgesetzt naiv, als wundere sie sich über diese seltsame Frage. Dabei schmunzelte sie in sich hinein. Der Kerl war mehr Jäger, als er zugab. Ihr gefiel das Spiel, das er ihr anbot zu spielen und sie war gewillt, dabei mitzumachen. Aber sie seufzte gleichermaßen in sich hinein: warum nur geriet sie in letzter Zeit öfter an die übereifrig Selbstverliebten als es ihr lieb war? Sei’s drum, dieser Lares war so jung und schien angetan… außerdem war er ein Mersinger. Und zu denen bekam man sonst weniger einfach Kontakt.
„Ich bin ganz eurer Meinung, mit einer interessanten Begleitung macht vieles Freude. Aber verzeiht mir die Frage, naja, ich bin weder Ritters- noch Jägersmann – Ihr geht wirklich mit der Lanze auf Jagd?“
Für eine Millisekunde verfinsterte sich das Gesicht des Mersinger Knappen. Dabei machte er dem Namen des Hauses alle Ehre. Doch plötzlich fing er an zu lachen. „Ihr – Euch entgeht absolut garnichts! Natürlich nicht! Ich habe mich schlicht versprochen. Ich meinte natürlich den Stoßspeer oder die Saufeder, je nachdem, was für Wild zu erwarten ist. Nein, absolut: Ihr seid eine wahre Bereicherung und ich wette garantiert auch eine gute Jägerin. Mit Eurer Auffassungsgabe bringt Ihr, bei FIRun, das wohl wichtigste Talent mit, auf das es meines Erachtens bei der Jagd ankommt.“ Wie unvorsichtig von ihm, solch falsche Worte zu wählen. Wollte er sich denn vor der ganzen Jagdgesellschaft noch mehr blamieren, als es Baron Lucrann bereits vermocht hatte? „Aber: Was haltet Ihr denn von der Jagd? Habt Ihr Freude daran? Oder präferiert Ihr das Wortgefecht mit scharfer Zunge?“ Jetzt war es der Knappe, der eine Doppeldeutigkeit offen ließ.
Hildegund genehmigte sich erst noch einen Schluck und spähte dabei über den Rand des Bechers. Über die Schärfe ihrer Zunge hatte sich bislang noch niemand beklagt. Das ließ sie schmunzeln. „Ich halte die Jagd ansich für eine notwendige Sache, denn nicht jedes Wild lässt sich bitten.“ antwortete sie wahrheitsgetreu. „Dem blutigen Gemetzel kann ich leider nichts abgewinnen, auch wenn ich zugeben muss, dass ich die Jagd als gesellschaftliche Veranstaltung mag und neben meiner …Zunge… auch mit der Armbrust umzugehen weiß.“ Retourkutsche oder zweideutige Anspielung? Hildegund ließ es offen und fuhr plaudernd fort: „Es liegt für mich auch ein großer Reiz darin, den Wald nach Plätzen zu durchstreifen, die anderweitige Genüsse versprechen… Pilze, Beeren, das eine oder andere schmackhafte Kraut, meine ich…“ Die Galebquellerin brach den Blick und beugte sich vor, um nebenbei eine große freche Waldameise von ihrem nackten Bein aufzulesen, die sich zu den Adligen verirrt hatte, die vor der Hütte saßen. Hildegund ließ das hübsche, schwarzglänzende Tier ein paar Mal vertrauensvoll über ihre Hand krabbeln, dann über den Unterarm, ehe sie es vorsichtig wegpustete.
Lares schluckte kurz und überlegte fieberhaft, wie er antworten sollte. Dieses Gespräch nahm Züge an, die die Herrin TRAvia sicherlich nicht guthieße. Wenn das so weiter ging, dann würde er dem Allwasservogt garantiert wieder Ärger bereiten – und er sollte doch eigentlich nur etwas Jagen gehen – Wild, versuchte er sich selbst zu erinnern! Aber diese Ameise war schon besonders aufmüpfig. Wie sie da das Bein hinaufkroch… Er konnte, so sehr er es auch wollte, seinen Blick - von dem Tier selbstverständlich – nicht loseisen. Irgendetwas Unverfängliches, irgendetwas Unschuldiges musste her. Der Knappe nahm noch einmal einen tiefen Schluck aus seinem Becher. Mit Wein würde es allerdings ganz sicher nicht einfacher werden. Also, ein weiterer Versuch: „Ihr sucht also die Ruhe des Waldes? Ich meine, also, Ihr…“ In diesem Moment jedoch:
Derweil war der Rabensteiner mit dem Novadi ebenfalls vor das Haus getreten. Die Pferde waren versorgt, und der Abend versprach ein ruhiger zu werden – eine durchaus angenehme Aussicht. Er betrachtete die beiden plaudernden Gruppen – typischerweise jeweils um eine Dame geschart – und betrachtete die leere Bank vor dem Haus mit einem Blick, der fast Wehmut verhieß. Mit einem angedeuteten Schulterzucken und so leise, dass nur Jahman es hören konnte, murmelte er. „Auf in den Kampf.“ ehe er zu der neu angekommenen Dame mit dem aufmüpfigen Knappen an ihrer Seite trat.
„Seid gegrüßt, Wohlgeboren. Welch angenehme Überraschung, Euch hier anzutreffen.“ Nicht, dass die Bekanntschaft zwischen ihm und den Vasallen seines Schwagers Roklan eine nennenswert enge gewesen wäre.
Lares wurde mitten im Satz unterbrochen. Lucrann schien dies überhaupt nicht zu bemerken. Auch wenn kurz Zorn in dem jungen Mersinger aufwallte, so mischte sich dieser sogleich mit einer gewissen Erleichterung. Auf eine gewisse Art und Weise hatte der Baron ihn aus seiner Zwickmühle gerettet. Und doch – es wäre wahrlich spannend gewesen, wo dieses Gespräch hingeführt hätte. „Euer Hochgeboren“, grüßte Lares knapp unter einer angedeuteten Verbeugung, um den Baron in seinem angebahnten Gespräch nicht zu stören. Danach nickte er Jahman freundlich zu und versuchte festzustellen, wie gut es der Wald mit dieser Jagdgesellschaft gemeint hatte.
"Oh, Hochgeboren von Rabenstein! Ich grüße Euch! Gesellt Euch doch zu uns." Hildegund stand sogar kurz auf und deutete in einer einladenden Geste auf Sitzgelegenheiten in der unmittelbaren Nähe. Sie war zwar nicht versessen darauf, den kühlen Baron und dessen ebenfalls undurchschaubaren fremdländischen Begleiter um sich zu scharen, und vermutlich würde es ihrem bisherigen Gesprächspartner auch nicht freuen, doch sie wusste, was sich gehörte. Immerhin war der alte Rabensteiner kein Unbekannter. "Man sagte mir schon, dass Ihr und die beiden kleinen Wohlgeboren mit von der Partie seid." Die Edle lächelte die beiden Mädchen im Schlepptau des Rabensteiners nickend zu. Immerhin kannte Hildegund die adretten Zwillingstöchter ihres Lehnsherrn und Freundes von Geburt an. Sie waren gewachsen, alle beide. Und im Stillen hoffte sie auf ein vertrauliches Gespräch mit den beiden Baronessen, aber das hatte noch Zeit.
Dann fing ihr offenherziges Wesen den Blick des Novadis ein. Sie unterließ es, den Fremdling zu mustern, aber eine gewisse Neugierde konnte sie doch nicht verbergen. "Wollen Hochgeboren uns nicht bekannt machen?" Natürlich hatte sie die Information erhalten, dass es sich bei dem Fremden um den Gesandten aus Nablafurt handelte, sie überließ es nur gerne dem Höhergestellten, für Aufklärung zu sorgen. Immerhin schien der Fremde die Gesellschaft des Barons zu suchen und nicht andersherum.
“Gerne, Wohlgeboren. Dies ist der Herr Jahman al Kheft, ein äußerst geländekundiger Jäger und Herr und Schrecken der Nablafurter Grenzwacht. Jahman, Ihre Wohlgeboren Hildegund von Galebfurten, eine Gefolgsfrau Baron Roklans von Leihenhof, des Vaters von Rhena und Rahjada.” Er nickte der Dame zu. “Ich sehe, Ihr rüstet Euch zur Jagd, Wohlgeboren. Es freut mich, Euch in des Herzogs Revier zu sehen.” Den Knappen schien er indes nicht zu bemerken.
Der Novadi nickte bei der Vorstellung durch den Rabensteiner dezent und deutete eine Verbeugung an. Als „Schrecken der Nablafurter Grenzwacht“ war er noch nicht bezeichnet worden, obwohl die Gardisten, die die Baronin ihm unterstellt hatte, ihn ganz offen als „Sohn der Hartherzigkeit“ bezeichneten - ein Name, der ihn mit Stolz erfüllte, auch wenn er in Nablafurt anfangs für reichlich Verwirrung gesorgt hatte. Jahmans Blick fiel auch auf Lares, der vom Rabensteiner mit Missachtung gestraft worden war. Jahman hatte sich das Gesicht des vorwitzigen Knappen aus der Rüstkammen durchaus eingeprägt.
Hildegund erwiderte das Nicken. "Ich rüste mich nicht nur zur Jagd, Hochgeboren - der junge Herr Lares und ich," dabei deutete sie mit der Hand und einem Lächeln auf den Knappen, der neben ihr saß und ausharrte, "wir unterhielten uns gerade auch darüber. Nun, werter Jahman, sicher mögt Ihr mich aufklären, wie Ihr zu diesem eindrucksvollen Beinamen kommt..." Natürlich griff die Edle den Knochen, den ihr der alte Schwarzträger hinwarf, auf. Sie wollte ja nicht unhöflich sein. Und außerdem interessierte es sie wirklich. Sie ließ ihre Worte allerdings so klingen, als unterhielten sie sich über eine Nebensächlichkeit. "Hat es etwa damit zu tun, dass ihr im nördlichen Gratenfels soweit Eurer Heimat seid?"
„Wohlgeboren, es hat damit zu tun, dass die Baronin von Nablafurt mir einige ihrer Gardisten unterstellt hat, die nun — nachdem sie die notwendigen Fähigkeiten erlernt haben - mit mir zusammen die Nordgrenze der Baronie überwachen. Mit dem eindrucksvollen Beinamen wollte seine Hochgeboren andeuten, dass jene Zeit des Erlernens von Mühsal, Schweiß und Entbehrungen geprägt war.“
"Das hört sich an, als wäret Ihr als Lehrmeister ein besonders harter Hund, was?" Die hübsche Edle schmunzelte und fuhr dann weiter interessiert fort: "Verzeiht meine Neugier: wie kommt jemand wie Ihr, dessen Wiege im sonnigen Süden stand, ausgerechnet in den finsteren, zugigen Norden der Nordmarken?" Entweder hatte die Baronin von Nablafurt ein Faible für das Exotische, zu viel Geld, zu wenig Geschmack, ein auf fragwürdige Weise fehlendes Vertrauen in die hiesige Auswahl an Dienstmannen oder von allem etwas. Denn dass es diesen Kerl gar der Liebe wegen nach Nablafurt verschlagen hätte, schloss Hildegund aus. Dazu schien er nicht der Typ.
„Aber unsere Lande sind doch auch voller Reiz! Da könnt Ihr mir doch zustimmen, Herr al Kheft?“, schmunzelte der Knappe, wobei er vielsagend in Hildegunds Richtung blickte.
Der Novadi antwortete nur knapp: „Die Baronin und ich sind uns im Orkkrieg kurz begegnet, selbstredend auf derselben Seite. Als wir uns dann nach vielen Jahren erneut begegnet sind, hat sie mir diese Aufgabe angeboten.“
Zu Lares gewandt sagte er: „Ihr empfändet Eure Heimat nicht als reizvoll, müsstet Ihr ihr jeden Bissen, den Ihr äßet, abtrotzen und wärt Ihr jeder Witterung ausgesetzt“. Nach kurzer Pause fügte er hinzu: „Eure Heimat bietet zumindest mehr Wasser, als es die meine tut, dafür sind jedoch die Winter empfindlich kalt“.
Mit dieser Reaktion hatte der Knappe nun gar nicht gerechnet. Erstaunt und kurz sprachlos stand er da und grübelte. Dann musste er nicken. „Da muss ich euch zustimmen – der Reiz der Heimat ist von den Umständen des Heims abhängig. Und doch: Auch der Wüste liegt ein eigener Zauber inne? Ist nicht die Oase so viel schöner, weil außenherum das Land trocken und unwirtlich ist? Wäre Schönheit besonders, wenn alles schön wäre?“
Nun, wenn sich Männer – egal wie alt und welcher Herkunft – über Schönheit unterhielten, dann machte es eine Frau am besten so, dass sie die eigene Klappe hielt. Man erfuhr dabei nämlich viel Aufschlussreiches. Drum hörte die Edle nur zu. Sie musste allerdings zugeben, dass beide Redner, der Knappe und der Novadi, sehr philosophisch veranlagt waren.
Dem Baron von Rabenstein schien es nicht nach philosophischen Betrachtungen über das Wesen der Schönheit zu sein. Er lauschte den beiden und beließ es dabei, ihre Ausführungen gedanklich zu vermerken. „Gibt es einen Landstrich, an dem Euer Herz hängt?“ wollte er schließlich von der Edlen wissen.
"...Hm, was?" Hildegund war mit ihrer Aufmerksamkeit ganz beim Gespräch des Novadi und des Knappen gewesen. Die Ansprache des Rabensteiners riss sie daher aus den Gedanken und sie brauchte einen kurzen Moment, um sich der Frage des Barons bewusst zu werden. "Landstrich, an dem mein Herz hängt... nun... ich mag die Wälder unserer schönen Nordmarken ganz gerne. Vor allem die lichten Laubwäldern in den Niederungen, in denen sich entspannt unter Birken sitzen lässt und man ganz herrlich der Herrin der Kunst frönen und Gedichten lauschen kann - oder welche schreiben - während Praios tanzend durch die Zweige scheint." Hildegund lächelte versonnen, als sie mit mehr als einem Wort als Antwort erwiderte. Nicht ohne Hintergrund. Sie erwähnte immer gern, dass sie Gedichte mochte, denn nicht selten kamen Männer dann auf die Idee, mit ihr in den Hain zu gehen für ein wenig Poesiezeit... und mehr. Gerade spekulierte sie darauf, dass einer der beiden Stuben-Philosophen am Rande zuhörte und vielleicht auf die gleiche Idee käme. "Aber die dunklen Gehölze finde ich auch reizvoll," fuhr Hildegund fort, um die Antwort noch auszuweiten. "Nicht unbedingt der Jagd wegen, aber es macht Spaß darin nach Köstlichkeiten Ausschau zu halten, welche der Herr Firun der Herrin Peraine erlaubt gedeihen zu lassen. Als Hofdame auf der Galebburg weiß man Ausflüge zum Pilzesuchen als Kurzweil zu schätzen, denn die Wälder Galebquells sind im Herbst voll davon. Wie ist es mit den Euren, Hochgeboren? Gedeihen im Gehölz Rabensteins Röhrlinge, Zitterzahn und Braunkappen auch? - Natürlich gehe ich nie ohne kundigen Führer in die Pilze!" fügte sie sogleich an, um sich des Eindrucks zu erwehren, sie bediene sich Aufgabe, für die der Adel Personal besaß. "Aber ich habe schon einige zu erkennen gelernt." Sie schmunzelte neckisch. Sicher würde ihr wortkarger Gegenüber schon innerlich die Augen rollen. Sie wollte ihn also erlösen: "Was plappere ich... Die Antwort auf Eure Frage lautet natürlich: mein Herz hängt an dem Fleckchen Dere, von dem ich herkomme.... Aber wenn wir schon dabei sind: Woran hängt das Eure?"
*

Verema hatte, als sie wieder zum Jagdhaus kamen, Vicente im Stall versorgt und war etwas länger dort geblieben. Er war nicht ihrer, Guntwine vom Berg hatte ihn ihr geborgt. Sie war die Gestütsmeisterin und gab Verema bisweilen Reitunterricht. Der Wallach war ein geduldiges Tier, gewohnt, mit Gruppen von Pferden zu arbeiten. Durch seine beruhigende Art war er im Gestüt bei allen beliebt und von unschätzbarem Wert bei der Ausbildung der Jungpferde. Außerdem brachte ihn fast nichts aus der Ruhe, wenn es darauf ankam, konnte man sich aber auf seinen gewaltigen Antritt und sein beeindruckendes Springvermögen verlassen. Die Junkerin knetete seine weichen Nüstern und sprach zärtliche Worte zu ihm. Schade, dass sie eigentlich nur mit Dom Lucrann so über Pferde reden konnte.
Als sie zur Jagdhütte ging, wurde sie neugierig. Eine hübsche, ansprechende Frau war im Gespräch mit diesem seltsamen Kerl, ein Knappe, wenn sie nicht alles täuschte. Sie roch das Essen und ihr Magen knurrte. Eigentlich sollte sie sich zurückhalten, schalt sie sich selbst, sie hatte zugenommen, ihre Reithose spannte schon etwas.
Dann sah sie die verletzte Jolenta und gesellte sich zu ihr. „Bei den Göttern, Wohlgeboren, wird das mit Eurem Bein wieder? Braucht Ihr Hilfe?" Sie schnappte sich ein Glas Wein von einem der Tische und sah nun den erlegten Eber. "Hat Euch das Vieh angegriffen? Mit dem Bogen bin ich nicht so schlecht, wie einige hier glauben und hätten wir gewusst, dass wir heute schon jagen, hätten wir nicht so vier bis fünf Rehe mitgebracht." Sie setzte sich neben die andere Junkerin und nahm einen Schluck. "Doch nun erzählt, was Euch widerfahren ist."
Milde lächelte Jolenta, als die jüngere sie ansprach. „So setzt euch doch bitte zu mir“, wies sie Verema zunächst auf eine Sitzgelegenheit zu ihrer rechten hin. „Leistet mir doch Gesellschaft.
Mein Bein und meine Rippen werden schon wieder, sorgt euch nicht. Nur wird es wahrscheinlich so sein, dass ich morgen noch etwas steif in den Gliedern seien werde, wenn zur Jagd geblasen wird.“ Jolenta zuckte gleichgültig mit den Schultern. „So spielt einem das Leben.“
Sie trank einen Schluck aus ihrem Weinkelch und berichtete im Folgenden von der Jagd, wie sie zunächst einer Fuchsfährte gefolgt waren, sie dem Tier des Phex ein Opfer dargebracht hatte und schon auf dem Weg zurück zur Jagdhütte dem Keiler über den Weg gelaufen war.
„So seht ihr also, der Bogen mag die schönste und edelste Jagdwaffe von allen seien, doch kann zumindest der Eber einen dazu zwingen ihm mit anderen Mitteln beizukommen. Ich bin froh die Saufeder dabei gehabt zu haben. Zuhause auf meinen Gütern jagen wir nur mit dem Stoßspeer, doch da sind wir auch nie allein unterwegs. Sagt, wie sind eure Erfahrungen?
Verema setze sich und begann, sich zu entspannen. "Ja, Ihr habt Recht, doch wurde ich nicht als Kriegerin ausgebildet. Ich bin Gestütsmeisterin in Elenvina, eine lange, uninteressante Geschichte. In Cres, Almada, ist mein Baron ein Elf. Da ist vieles anders, wir jagen, wenn wir Wild brauchen und so bin ich irgendwie eine Fremde, egal, wohin ich komme." Sie hing ein paar Sekunden eigenen Gedanken nach. "Ich kenne niemand richtig und niemand will mich kennen, da ich in deren Augen uninteressant bin. Diese Jagd ist die erste für mich. Dom Lucrann interessiert sich für die Elenviner, ansonsten ist es recht frustran. Was führt Euch hierher?"
„Nun, dies ist recht einfach erzählt“, begann die Ältere. „Die Freude an der Jagd, dem einfachen Leben weit ab vom Hofe und den dortigen Verpflichtungen führt mich hierher. Ich habe viele Jahre als Erbvögtin die Geschicke der Baronie Galebquell führen müssen, da Roklan von Leihenhof, mein Lehnsherr, sich anderer Dinge widmen musste, wie unter anderem den finstern Geschehnissen im Osten. Dazu kam natürlich noch die Verwaltung meiner eigenen Güter. All das bot mir nie viel Freiraum für eigene Unternehmungen, da ich stets gebunden war. Nun, da der Baron wieder in Galebbogen weilt, nutze ich die Gelegenheit Turniere zu besuchen und auf die Pirsch zu gehen.“
Jolenta tat einen weiteren Schluck aus ihrem Kelch und lächelte dann verschmitzt. „Und nun Wohlgeboren, trinkt mit mir und lasst uns nicht länger fremde sein. Der Abend ist hoffentlich noch lang, so dass ihr mir von euch und eurer Heimat berichten könnt.“
"Oh, wie nett." Ehrlich überrascht huschte Verema neben Jolenta. Sie begann zu erzählen, hauptsächlich von Ragathien, vom Lieblichen Feldern, schönen Pferden, dem weiten Blick, den man hatte, vom, von Rahja geküssten Land. Man merkte ihr Heimweh, doch erzählte sie lebensfroh und heiter. Selbst als sie kurz ihren Bruder ansprach, der ihr bis damals glückliches Dasein- sie sollte nahe Likan das Gehöft eriter führen- mit einer Dummheit zerstört hatte und sie, mit finanziellen Sorgen und unausgebildet Junkerin von Cres wurde. "Aber so ist das nun mal...andere haben es schlimmer getroffen und ich hätte so nie die Liebe meines Lebens getroffen. Sie wischte sich verlegen eine Strähne aus dem Gesicht und nahm noch einen Schluck Wein. "Ich langweile Euch, Hochgeboren. Eure Heimat ist sehr schön, nur einfach anders und es ist nicht meine Heimat. Doch sagt bitte, wer ist die hübsche Frau dort drüben, um die sich die Männer wie Hunde um eine läufige Hündin scharen? Ihr scheint sie zu kennen."
Angeregt, fast ein wenig verträumt hatte Jolenta der Jüngeren gelauscht und sich bildlich deren Heimat vorzustellen versucht, denn die Nordmärkerin hatte das Alte Reich nie zu Gesicht bekommen. Die Galebfurtenerin kannte annähernd alle Teile des Raulschen Reiches, viel weiter war sie jedoch nie gekommen, vor allem nicht gen Praios.
Als Verema aber den Auflauf der edlen Herren um Hildegund auf so treffliche Weise beschrieb, musste sie unweigerlich prusten und konnte ein herzhaftes Lachen nur unzureichend mit einem Hustenanfall überspielen, der sie schmerzhaft zusammenzucken und zum Verband um ihren Torso greifen ließ.
Frech grinsend, als sei sie noch ein junges Mädchen, sah sie darauf die Jüngere an und ging recht amüsiert auf deren Frage ein. „Sie ist eigentlich nur eine entfernte Verwandte, aber wir kennen uns vom Hof des Barons in Galebbogen dennoch recht gut. Hildegund ist eine Vertraute Roklan von Leihenhofs wie ich es bin“, erklärte sie Verema. „Alles Weitere solltet ihr selbst herausfinden“, ergänzte sie wiederum nicht ohne humorvollen Unterton. Dann sah Jolenta nochmals zu dem Auflauf und lehnte sich verschwörerisch zur Gestütsmeisterin herüber. „Ich möchte wetten, dass das noch interessant werden wird“, flüsterte sie ihr zu.
Auch Verema lachte und prostete Jolenta nochmal zu. "Tut Euch nicht weh" Sie grinste verschmitzt. "Wir können ja wetten, einfach so. Jahmann kenne ich, mit dem bin ich angereist, ein seltsamer Kauz, ich glaube, wir haben beide die richtige Meinung voneinander. Der ist nix für sie. Den Rabensteiner kenn Ihr sicher selber, er ist meine Bezugsperson in der Fremde hier. Ich glaube nicht, dass sie bei ihm Chancen hätte, selbst wenn sie wollte. Bleibt noch der Knappe. Ob sie sich den antun will? Mein Typ ist er nicht, aber wahrscheinlich der, der ihr am wenigsten widerstehen kann. Sie hat es nicht leicht mit den Männern hier."
„Ihr vergesst eines“, erwiderte Jolenta nun deutlich ruhiger, aber immer noch mit einem amüsierten Zug ihre Mundwinkel. „Sein Name hat klang im ganzen Reich, auch wenn er selbst relativ unbedeutend seien mag.“
Die Junkerin tat einen weiteren, großen Schluck Wein und suchte kurzzeitig eine bequemere Position für ihren verbundenen Oberkörper bevor sie fortfuhr. „Vielleicht verfolgt sie Interessen von denen wir nichts wissen und das mit Waffen die nicht die unsrigen sind. Unterschätzt nie eine Frau, die auf den ersten Blick eindeutige Absichten hegt. Aber all das habt ihr nicht von mir.“ Nun lachte die Nordmärkerin wieder.
"Ach wirklich? Mit den Adelshäusern kenne ich mich hier nicht aus. Trotzdem nett, das zu beobachten. Mal sehen, wie er sich Dom Lucrann gegenüber macht." Sie strich sich wieder über den Bauch und sah sich etwas um. "Wisst Ihr, ob wir alle gemeinsam essen oder holt man sich recht ungezwungen etwas? Ich könnte Euch was mitbringen, wenn dem so wäre. Aber wahrscheinlich gibt es erst eine offizielle Ansprache von Basin von Richtwald." etwas leider und leicht beschämt, sich nun an den Haaren zupfend fügte sie hinzu. "Ich muss mich bei dem armen Kerl noch bedanken. Mir war vorhin nicht ganz wohl und meinetwegen schläft er nun in der Hängematte und ich oben."
„Um ehrlich zu sein weiß ich nicht wo wir essen werden. Jagdgesellschaften sind zum Glück ja zumeist weniger steif der Etikette verhaftet, möglich ist also beides denke ich. Aber egal ob wir nun alleine speisen oder gemeinsam an einer großen Tafel, ich wäre erfreut, wenn ihr mir weiterhin Gesellschaft leisten würdet.
Wir könnten die… Verwicklungen… gemeinsam verfolgen und ich euch die großen Familien des Reiches näher bringen, so ihr dies wollt. Ich möchte wetten wir würden uns nicht langweilen.“

*

Seit ihrer Ankunft war noch das Essen noch nicht aufgetafelt worden, noch immer drehte sich das Fleisch träge über dem Feuer und gelegentlich troff Fleischsaft in die Flammen und verursachte ein gut vernehmliches Zischen. Aber auch in der Küche verebbte die Geräuschkulisse nicht, Töpfe und Pfannen stießen aneinander während angefangen wurde das Geschirr auf der Tafel zu drapieren. Keine feine Tafel wie es sie auf der Eilenwïd gegeben hätte erwartete die Gäste des Herzogs, sondern ein eher rustikaler Anblick. Statt Porzellan gab es metallene Teller mit dekorativen Ätzungen. Statt Tafelsilber gab es einfach Gabeln und Messer, die zum Schneiden von Fleisch geeignet waren. Statt teurer Kristallgläser gab es irdene Bierkrüge und metallene Weinkelche. Es mochte rustikal erscheinen, dennoch sollte es den Essern nichts mangeln.
Alles war eingedeckt, als eine Glocke läutete um die Aufmerksamkeit aller Besucher zu erlangen. „Werte Gäste, wir mir soeben berichtet wurde ist das Essen bereitet und wird, sobald alle Platz genommen haben, aufgetischt. So seit herzlich im Namen Travias an die Tafel seiner Hoheit geladen.“ Es war nur eine kurze Einladung des Jagdmeisters gewesen, doch eine die man angesichts des köstlichen Wohlgeruchs nur ungern ausschlug. Sobald sich alle einen Platz gesucht hatten, denn eine Ordnung hatte man nicht verkündet, wurden Schüsseln und Platten aus der Küche herbeigeschafft und gleichmäßig verteilt. Das Fleisch wurde zur gleichen Zeit nach am Feuer geschnitten und noch heiß auf weiteren Platten zur Tafel gebracht. Als alles auf dem Tisch platziert war erhob sich der Richtwalder ein weiteres Mal, diesmal für einen Tost vor dem Essen: „Auf eine erfolgreiche Jagd, auf den Herzog und unsere geliebten Nordmarken!“ Mit seinem Weinkelch den Anwesenden zuprostend eröffnete er so das Essen und überließ jeden seinem Hunger und seinen Tischnachbarn.
Wenige Minuten später versammelten sich einige Spielleute am Rand und begannen mit sanften Klängen für etwas Zerstreuung zu sorgen.

Besuch am Abend

Die Praiosscheibe war inzwischen untergegangen und Phexens Hort war in seiner Pracht durch das Blätterdach des Waldes zu erspähen. In Ratsforst war Ruhe eingekehrt, nächtlicher, borongefälliger Frieden nur durchbrochen von Musik und Gesang, von Gelächter und Gesprächen. Große Lagerfeuer erhellten die Szenerie und boten allen Anwesenden nicht nur ausreichend Schutz vor der wesentlichen kühleren Nacht, sondern spendeten zugleich warmes und einladendes Licht.
Von den Geräuschen des Lagers übertönt war im Wald Knacken und Rascheln zu vernehmen. Erst unhörbar leise, wurden die Klänge zunehmend lauter und vermochten langsam an jene mit feineren Ohren dringen. Nur wenige Augenblicke nachdem die ersten es gehört haben mochten, wurden auch die anderen Gäste ihrer gewahr. Als würden sie wider die Natur kämpfen, wurden Blätter und Gestrüpp zur Seite gebogen und zwei mitgenommene Gestalten traten in das Licht der Lagerfeuer. Blätter hingen beiden in den Haaren, hatten sich wie einige Zweige darin verfangen. Die Robe des einen war an diversen Stellen eingerissen und sein Begleiter hatte so einiges an Grünzeug in seinem Kettenhemd hängen.
Jahman hatte sein Besteck auf den Teller gelegt und war aufgesprungen. Er stellte sich zwischen den Tisch und die beiden Gestalten und hatte die Hand am Waqqif, zog ihn aber noch nicht. Es musterte die beiden Gestalten und warf ihnen strafende Blicke zu, verlangte jedoch—zumindest verbal—keine Erklärung. Er versuchte, die Robe der einen und das Kettenhemd der anderen Gestalt einzuordnen, indem er versuchte, kirchliche oder arkane Abzeichen und Wappen zu erkennen.
Auch die Junkerin erhob sich, wenn auch weniger fließend und betont langsam. Jolenta legte ihre Hände auf die Oberfläche der Tafel und stemmte sich mit Hilfe der Arme hoch. Sie legte irritiert den Kopf schief und pfiff vorsichtshalber nach ihrem Waffenknecht, welcher abseits gesessen hatte und sich nun eilte an die Seite seiner Herrin zu kommen.
Hildegund hielt in ihrem Gespräch mit dem jungen Herrn von Mersingen inne. Ihre Hand griff nach dem Arm des Knappen. Vordergründig, um die beschützenswerte Edeldame zu mimen, der die Gestalten suspekt waren und die, aufgeschreckt von deren Eindringen, Nähe suchte. Mit den Ohren hörte sie in die Nacht hinein und hoffte, etwas von ihrem Gefährten zu vernehmen.
Lares stand langsam, aber gespannt von seinem Stuhl auf, bedacht, die Hildegunds Hand nicht von seinem Arm gleiten zu lassen. Er wollte sie nicht noch nervöser machen, als sie war. Zugleich fuhr die Linke an seine Seite und zog die Klinge, die er gegürtet hatte, ganz leicht aus ihrer Scheide. „Bewahrt die Ruhe, ich bin bei euch, sollte euch Gefahr drohen“, flüsterte er leise. „Wären das Strauchdiebe, so hätten sie eine schlechte Wahl für ihre Beute getroffen, so viel Waffenfähige, wie hier versammelt sind. Ich denke, die beiden Personen bringen andere Nachricht. Aber eine gute?“ Dann wandte er sich an den Hausherrn. „Herr von Richtwald, seht dort, da nähern sich zwei Personen. Erwartet Ihr weitere Gäste?“
Verema hatte sich zwischen Jolenta, mit der sie noch etwas geschwatzt hatte, und den Rabensteiner Baron gesetzt. Als die seltsamen Gestalten auftauchten war sie erstaunt, neugierig, Angst hatte sie jedoch keine, was mal wieder naiv sein mochte, doch wusste sie, was Jahman konnte. Oder glaubte es zu wissen. Sicher war er gerade in seinem Element. Außerdem war Dom Lucrann da, er würde sie beschützen, auch wenn es sie ärgerte, dass sie so wohl nicht zur geplanten Übung mit dem Dolch, er versuchte tapfer, ihr mehr beizubringen. Sie fasste ihn kurz am Arm, sicher war es gegen die Etikette und würde Folgen haben..."Hochgeboren, droht von denen Gefahr oder ist das übliches Volk aus Eurem Lande?"
Der Rabensteiner, der beim Auftauchen der beiden abgerissenen Gestalten die Hand an den Griff seines Rapiers gelegt hatte, ließ den Blick über die Umgebung schweifen. Auf die beiden konzentrierten sich schon genug Waffenträger.
“Akute Gefahr? Kaum.” beschied er die Dame an ihrer Seite, und kurz streiften seine Finger beruhigend den Rücken ihrer bloßen Hand. “Seltsame Vögel sind es dennoch. Warten wir ab, was sie uns zwitschern.” Hätten die beiden Übles im Schilde geführt, so wären ein paar Armbrustbolzen aus der Deckung das probatere Mittel gewesen, die Jagdgesellschaft in Bedrängnis zu bringen.
“Dennoch dürft Ihr den Messerkampf nicht schleifen lassen. Wir werden uns morgen vor dem Frühstück für ein Wassermaß daran versuchen, einverstanden?”
"Vor dem Frühstück...wunderbar. Ihr werdet mich wecken müssen, aber wenn wir etwas üben, werde ich sicher bald mit.." sie besah sich kurz die zerlumpten Gestalten "..mit so einem da fertig. Wir müssen aber noch üben, und wie immer beuge ich mich Eurem Zeitplan." Sie hatte leise gesprochen, das Interesse galt aber sowieso den Neuankömmlingen, und auch Verema war neugierig. Dennoch, kurz sah sie dem Rabensteiner ins Auge, in ihrem Blick eine Frage, auf die wohl nur der Baron die Antwort wusste.
Na gut, dann eben nicht. Etwas enttäuscht, da aus ihrem Training wohl nichts werden würde, lies sie Lucrann in Ruhe.
„Ich werde euch wecken.“ Kurz blitzte es im verbliebenen Auge des Barons auf und er ließ offen, ob er dies als Versprechen oder als Drohung zu sehen sei. Die beiden Paginnen, die sich achtsam im Hintergrund hielten und, wie es sich gehörte, ihren Herrn und dessen Gäste bedienten, hätten es ohne zu zögern als Drohung aufgefasst und tauschten Blicke, die besagten, dass sie am folgenden Tag nicht mit langem Ausschlafen rechneten.
„Oder glaubtet Ihr, es gäbe ein Entkommen für Euch?“ Definitiv Amüsement, was in der dunklen Stimme des isenhager Barons mitschwang.
Verema beobachtete anscheinend sehr interessiert die zerlumpten Gestalten, zu ihrem Nachbarn aber flüsterte sie leise, die Hand teilweise auf ihrem Dolch und ihrem Oberschenkel. "Wenn nicht alles passt, schlafe ich nicht tief, klopft also lieber an, ich will Euch nicht für einen Wüstling halten und verletzen... Und glaubt bloß nicht, Ihr könntet mir entkommen, Hochgeboren."
Der Angesprochene blinzelte. „Ihr habt eine hohe Meinung von Euch, Wohlgeboren. Passt auf. Ich könnte dies als Aufforderung sehen.“ Seine Gestik verriet wenig, während seine Aufmerksamkeit noch immer angeblich auf den beiden Neuankömmlingen lag, und dennoch schaffte er es, die Zufriedenheit einer Katze auszustrahlen, die eine besonders leckere Maus vor ihrer Nase weiß.

Als der Jagdmeister sich von seinem Platz erhob, machte er nicht den Eindruck in irgendeiner Form beunruhigt zu sein. Schlendernd ging er auf die beiden Gestalten zu, die sich langsam ins Licht der Feuer begaben. Die Arme vor der Brust verschränkt, bedurfte es keiner Drohgebärde um klarzustellen wer hier das Sagen hatte. „Wer wagt es diesen Forst unerlaubt zu betreten, sprecht!“ Die beiden Gestalten waren kurz verharrt, stolperten nun aber ins endgültig ins Licht. Der größere von beiden war schlaksig, hatte hellbraunes Haar und einen Drei-Tage-Bart. Seine einst weiße Robe war von Dornengestrüpp zerrissen worden und der Goldbrokat in weiten Teilen abgerissen. Alles in allem machte er eine verdreckte und abgerissene Erscheinung, der die Sphärenkugel am Gürtel keinen Glanz verlieh. Sein Begleiter, war kleiner, doch noch immer größer als der Jagdmeister und von kräftiger Erscheinung. Ein Streitkolben hin an seiner Hüfte, ebenso wie ein Dolch von einem Schild wie es einige erwarten würden fehlte jedoch jede Spur. Das Kettenhemd welches er trug war vergoldetem worden und glänzte nun warm im Schein der Feuer. Kleine Äste und Stöcke hatten sich genauso wie einige Blätter darin verfangen, von seinem Wappenrock war jedoch nichts mehr geblieben als ein paar Fetzen. Die Erschöpfung stand ihm ins Gesicht geschrieben, sein blondes Haar zerzaust und seinen sonst vermutlich gepflegter Vollbart wild. Der Mann in der Robe sank erschöpft nieder: „Praios sei’s Gedankt, endlich haben wir zurückgefunden!“
Überraschung zeigte sich auf der Miene der Junkerin, als sie den einen der Männer als Diener des Götterfürsten erkannte. Sogleich machte sie Anstalten um den Tisch herum zu eilen, doch ging dies nur langsam und nicht ohne Schmerzen von statten und so wedelte sie mit der Hand und gab Anweisungen an ihren Waffenknecht. „Arwulf, bring seiner Gnaden einen Stuhl und hilf ihm auf, dass er sich setzen möge, um sich auszuruhen. Dann sieh was du für seinen Begleiter tun kannst.“ Sie selbst nahm einen der schweren, noch ungenutzten Pokale und goss Wein ein.
Als der Praiot mit Hilfe Arwulfs kurz darauf platzgenommen hatte, trat sie an den Götterdiener heran. „Trinkt dies eure Gnaden. Seid ihr verletzt?“
Die Hand Tar‘anams, welche die neben ihm sitzende Thalissa federleicht, aber dennoch nachdrücklich daran gehindert hatte, ebenfalls aufzuspringen, als die beiden Gestalten aus dem Wald gebrochen waren, verließ den Arm der Baronin ebenso schnell wieder, wie sie ihn ergriffen hatte. Wer so einen Lärm veranstaltete, konnte wohl kaum eine Bedrohung sein, das wurde Thalissa nun auch klar, zumal sie nun des abgerissenen Aussehens der Neuankömmlinge gewahr wurde. Fast schien es, als zöge kurz eine leichte Röte über ihr ebenmäßiges Gesicht, doch bei der flackernden Beleuchtung des abendlichen Mahles konnte das niemand so genau erkennen, der ihr nicht aus kürzester Entfernung in ebenjenes schaute. Sie schüttelte diese Anwandlung ein wenig unwillig ab und war nun gespannt, was diese beiden Herrschaften im Namen Praios‘ zu berichten hatten.
Der alte Baron hob eine Augenbraue, als sich das ungleiche Paar aus dem Dunkel schälte. Doch auf die Neugier seiner Begleiter war Verlass, so dass er sich zufrieden zurücklehnte und dem Schauspiel, das sich vor seinen Augen entspann, interessiert folgte.
'Na toll, ausgerechnet ein Diener des Herrn des Licht und sein Handlanger', dachte sich Hildegund und zürnte in Gedanken ihrem Schwarzgefiederten Freund, der irgendwo über ihnen in einer Baumkrone sitzen musste und von dem sie sich zumindest erhofft hatte, dass er sie vorwarnte, wenn ausgerechnet so einer ins Lager stolperte.
Noch bevor Jolentas Gefolgsmann sich um den Begleiter des Geweihten kümmern konnte, schwankte dieser bedrohlich und schlug nur dank der schnellen Reflexe des Richtwalders nicht der Länge nach auf den Waldboden. Sich seinen Arm über die Schulter legend stützte er den etwas größeren Mann. „Ich werde seine Gnaden wohl euch überlassen und diesen hier nach drinnen bringen.“
Nach einigen hastigen Schlucken antwortete der der Praios-Diener auf die Frage Jolentas: „Wir irren seit Praiosläufen durch diesen Wald, ohne Essen und Trinken und suchen einen Ausweg, aber verletzt sind wir nicht.“ Derweil trank er so gierig aus dem dargebotenen Kelch, sodass sich ein jeder Kundige Sorge machen musste, dass ein derart dehydrierter und offensichtlich ausgehungerter Mann im Anschluss einen im Tee hatte. Besonders Jahman, als Wüstensohn, wusste, dass man in einer solchen Situation erst nur wenig und in kleinen Schlucken trinken durfte. Welche Wirkung hingegen der Alkohol entfalten würde, dass wusste nur Rahja persönlich.
Die Fragen würde die Junkerin den anderen überlassen, das Durcheinander wäre sonst zu viel und sie fühlte sich recht unbehaglich bei der Vorstellung, der Kerl, der den Wein soff, könnte sich übergeben. Ihr wurde selbst schon bei dem Gedanken übel. Waren die menschlichen Spuren, die sie heute gesehen hatten von diesen Beiden? Sie lauschte aufmerksam und kaute auf einem Stück Brot.
Hildegund war nach einer ersten Schreckminute wirklich hin und her gerissen. Auf der einen Seite hätte sie am liebsten die Fliege gemacht. Auf der anderen Seite mahnte sie sich zur Geduld und rief sich ins Bewusstsein, dass die beiden Männer gerade alles andere als gefährlich waren und andere Probleme hatten. Außerdem konnten sie vielleicht sogar ihre Hilfe gut gebrauchen. Dem Kräutergarten auf der Galebburg und den Lehren des Herrn Rhioban und ein paar Freundinnen hatte sie es zu verdanken, dass sie sich einigermaßen gut mit Heilkräutern auskannte. Sie machte es davon abhängig was noch alles geschah und rief erst einmal nur einen Bediensteten mit einem Krug Wasser herbei.
„Ist euch nicht wohl?“, fragte der aufmerksame Lares, der merkte, dass seine Nachbarin beileibe nicht zufrieden war, was die Gesamtsituation anbetraf. „Habt keine Sorge, das sind nur zwei abgerissene Diener des Herrn PRAios. Vor diesen braucht Ihr euch nicht zu ängstigen. So viel Verwirrung für so wenig Gefahr…“ Allerdings machte ihn Hildegunds Verhalten insgesamt stutzig. Sie hatte seine Hand ergriffen, als noch alle Welt geglaubt hatte, die beiden seien gefährlich. Aber jetzt konnte sie sich doch beruhigen. War sie etwa so schreckhaft?
„Na, den Göttern sei Dank sind das nur zwei abgerissene Diener des Herrn Praios.“ Entgegnete Hildegund dem Knappen und atmete erleichtert auf. Dass sie eigentlich ganz anderer Meinung war, sah man ihr nicht an. Sie beugte sich Lares entgegen und senkte die Stimme: „Habt ihr gehört, wie Euer Gnaden sagte, dass sie schon lange durch diesen Wald irren. Ich frage euch: wie kann das sein?…“ raunte sie dem Jüngeren zu und lenkte damit dessen Aufmerksamkeit auf einen Aspekt, der ihr, zugegeben, auch nicht unbedingt ein Wohlgefühl verschaffte. Sie hatte eine ungefähre Ahnung, was den beiden passiert sein konnte, schließlich hatte Hildegund Zirkelschwestern, die in ihrem Zorn vermochten Gestrüpp und Wildnis lebendig zu machen. Waren die beiden Praiosdienern von Astwerk und Getier angefallen worden? Wenn dem wirklich so war, dann sicherlich nicht ohne Grund.
„Hm. Diener des Herrn PRAios sind häufig Städter und dort heimisch. In einem Forst verirrt man sich schnell und nicht immer ist der Weg so klar zu erkennen – manchmal wurde er schon seit Langem nicht mehr gerodet, dann… Aber Ihr habt Recht. So wie die beiden aussehen und wie viel Durst sie haben war das nicht nur ein kleiner Umweg, sondern das muss eine Odyssee gewesen sein.“ Auch den Mersinger beschlich ein sehr unwohles Gefühl. Mit Madas Frevel hatte er in letzter Zeit weiß der Herr des Lichts deutlich mehr Berührung gehabt als ihm lieb war…
Jahman ging auf den Praioten zu und nahm ihm den Kelch kurzerhand weg. Um den Einwänden, die er jetzt erwartete, zuvorzukommen, sagte er: „Nicht alles auf einmal, sonst kippt Ihr gleich tot um“. Es hätte ihm zwar um einen Verkünder des Unglaubens nicht leid getan—zumal dieser sich außerhalb seiner Tempelmauern nicht fortbewegen konnte, ohne sich zu verlaufen, und selbst zu dieser Jahreszeit, in der einem die Wildnis so gut wie nichts abverlangte, auf fremde Hilfe angewiesen zu sein schien—, aber ein toter Praios-Pfaffe hätte jede Menge Unruhe gebracht und womöglich noch viele andere von der Bande auf den Plan gerufen. Rasch fügte er hinzu: „Eine kurze Pause machen und dann langsam in kleinen Portionen Wasser trinken. Es ist schon jemand unterwegs, welches zu bringen.“ Er drehte sich zu Hildegund um, die eben schon um Wasser gebeten hatte, und nickte ihr zu. Um die Gedanken des Praioten vom berauschenden Getränk abzulenken, fragte Jahman so laut, dass es jeder hören konnte: „Was ist Euch und Eurem Begleiter widerfahren?“
Endlich jemand, der die wichtigen Fragen stellte. Fast alle zumindest. „Was hat Euch überhaupt in den Wald geführt?" Lucrann betrachtete die einsame, einzelne Sonnenkugel am Gürtel des Praioten und entschied sich dann für die höfliche Variante. „Euer Gnaden?“
Sehnsüchtig dem Weinkelch hinterher blickend, nahm dieser dankend den ihm dargebotenen Tonbecher mit Wasser entgegen und nippte daran. „Danke.“ Misstrauisch ließ er seinen prüfenden Blick über die Anwesenden schweifen, jener Mann, der scheinbar das Sagen hier hatte war mit seinem Begleiter gegangen, jetzt musste er abschätzen, wer der Anwesenden seiner Aufmerksamkeit verdiente. Der ungläubige Wüstensohn, der ihm soeben den Weinkelch entrissen hatte, war es auf jeden Fall nicht. Er konnte es nicht sein und eigentlich wunderte es ihn dass ihn kein aufrechter Nordmärker inzwischen niedergestreckt hatte, man ihn im Gegensatz sogar zu dulden schien. Dann erkannte er den Rabensteiner, eine markante Persönlichkeit die schon seit vielen Götterläufen Einfluss auf die Politik des Herzogtums nahm. „Verzeiht meine Unhöflichkeit. Ich bin Lichtbringer Praiotin von Elenvina. Gemeinsam mit meinem Begleiter, der soeben ins Gebäude gebracht wurde, habe ich einer Hexe nachgestellt. Dieses Weibsstück hat ein Kind entführt. Wir verfolgten sie, verloren sie jedoch hier im Wald und verirrten uns zudem auch noch. Irgendetwas hat Fürchtepraios mehrfach angegriffen und geschwächt, sodass er sich kaum noch auf den Beinen halten konnte.“ Während er unverwandt den Rabensteiner dabei anblickte und versuchte allen Stolz auszustrahlen, dessen er fähig war, nippte er weiterhin regelmäßig an seinem Becher und trank vom erfrischenden Nass.
Die Miene der Junkerin wurde eisern, als sie die Worte des Praioten vernahm. Kurz warf sie ihrer Base einen undeutbaren Blick zu, dann ergriff sie mit ernster Stimme das Wort. „Wann wurdet ihr angegriffen, wie weit von hier ist es gewesen?“
Sie streckte die Hand aus und ließ sich von Arwulf ihren Waffengurt mit der schlichten Scheide und ihrem Reitersäbel aushändigen. Dann nickte sie in Richtung Wald und gab ihrem Waffenknecht so stumm zu verstehen, dass er sich umsehen sollte, was dieser auch sogleich tat.
„Das letzte Mal vorgestern Abend, aber wir irren bereits seit einer geschlagenen Woche durch diesen vermaledeiten Wald! Wieso hat eigentlich niemand darin Wege angelegt?“ Hätte der junge Richtwalder diese Frage gehört, wäre seine Antwort wohl schlicht und einfach ausgefallen. Weil dies der herzogliche Jagdforst war und niemand ihn ohne dessen Erlaubnis zu betreten hatte.
Hexe, soso. Ja, Thalissa hatte davon gehört, dass es in den Nordmarken so einige dieses Schlages geben sollte, doch beschränkte sich ihr Wissen über die magiekundigen Frauen auf Hörensagen. Zudem war sie noch zu neu in der nordmärker Politik, um beurteilen zu können, wie hier mit einem solchen Vorfall umgegangen wurde. Wobei recht klar war, was der Praiot vorgehabt hatte.
Was die angebliche Entführung eines Kindes anging, so hielt sie es lieber mit ihrer Erfahrung: erst beide Seiten hören, dann ein Urteil fällen. Was der Geweihte sicher anders sah. Und welche der hier Anwesenden würden seiner Sicht der Dinge folgen? Aufmerksam sah sie sich um, während sie ihrer Zofe mit einer kurzen Geste zu verstehen gab, dass ihr Becher einer erneuten Füllung mit Wein bedurfte.
Nein, ab jetzt war sie nicht mehr gewillt, auch nur einen Finger krumm zu machen für dieses Pack. Kind entführt - das war doch sicher wieder ein Vorwand. Lachhaft. Hildegund stupste Lares an und raunte ihm ein "Habt ihr das gehört!?" zu, was eher wie ein besorgtes 'Oh Mann, unsere Vermutung hat sich bewahrheitet' anhörte. Jolentas Blick war ihr nicht entgangen, doch erwiderte sie ihn nicht. Es galt nun das rechte Maß zu finden. Nicht auffallend neugierig, aber auch nicht zu still. Sie schickte nebenbei das Gefühl von Ärgernis zu ihrem gefiederten Freund. Da war also nicht nur ein Praiot mit Anhang, sondern auch eine andere im Wald, vielleicht sogar in der Nähe, und er hatte nicht einmal die Güte ihr das irgendwie mitzuteilen?
Lares schluckte. Hexenwerk. Das hatte er gerade noch gebracht. Nach der kürzlichen Begegnung mit einem Druiden hatte er eindeutig auf magisches Werk verzichten können. Und dann auch noch ein Frevel an dem hohen Herrn PRAios. So zerrupft, wie die beiden aussahen, konnten sie gut das Opfer solch lästerlicher Zauberei geworden sein. Er nickte nur und ballte die Faust. Aber: Er musste mehr erfahren. Das reichte ihm noch nicht.
„Setzt Euch zu uns, Euer Gnaden.“ Das Herumgeiere ergab nichts – vor allem nicht gegenüber einem Diener des Götterfürsten. „Und dann erzählt uns, soweit ihr vermögt, etwas mehr über die Hexe. Wer ist sie, woher kommt sie, welches Kind hat sie entführt – und wie seid ihr auf ihr Fährte gestoßen?“ In einigen Belangen verstand er den Praios-Diener wahrlich gut – er selbst hätte es gleichfalls nicht geduldet, dass sich jemand an seinen Untertanen gütlich tat.
Nun war auch Veremas Neugier geweckt, hatte sie die beiden doch bisher für dämliche Geweihte gehalten, die, wahrscheinlich mit Wein statt Wasser im Gepäck in den Wald gezogen waren. Dom Lucrann überließ sie das Ausfragen, kaum einer konnte das so gut, wie er und sie war gespannt, wir die zerlumpten Gestalten (davon irrten wohl in den Nordmarken genug umher) sich verhalten würden.
Erschöpft ließ sich der Praiot auf dem Stuhl nieder. Den Tonbecher vor sich auf der Tafel abstellend, lehnte er sich vor und verschränkte die Hände ineinander. „Tatsächlich war es ein Wink des Götterfürsten der uns auf diese Queste entsandte. Aufmerksame Passanten machten eine Patrouille der Stadtwache auf ungewöhnliche Vorkommnisse aufmerksam. Als die Wachen sich erkundigen wollten wieso dieses Weibsbild ein Kind auf höchst verdächtige Art und Weise durch die Nebengassen der Herzogenstadt zerrte, ergriff dieses die Flucht – das Kind fest gepackt hinter sich her zerrend. Alles noch keine Hexerei, zugegeben doch dieser Verdacht sollte sich noch stellen und erhärten. In der Nähe des Stadttores sprang die Flüchtige aus dem Stand über einen voll beladenen Karren. Am Tor selbst, lief sie einfach die Mauer hinauf und auf der anderen Seite wieder herunter, ganz so wie ihr über diesen Hof laufen würdet. Mein Begleiter und ich waren auf dem Weg in die Reichskanzlei als uns eine Wache um Hilfe ersuchte. Wir nahmen die Verfolgung auf, warten der Flüchtigen dicht auf den Fersen bis sie letztlich im Wald verschwand. Als wir ihr zwischen die Bäume folgten verloren wir sie das erste Mal aus den Augen, doch wir folgten ihren Spuren – sofern wir sie fanden. Wir schlugen irgendwann ein Nachtlager auf, da wurde Fürchtepraios das erste Mal angegriffen. Ich befürchte diese Hexe hat uns bewusst in die Irre geführt, sodass wir die Orientierung vollends verloren. Zwischenzeitlich worden wir mehrfach attackiert, doch seit zwei Praiosläufen sind wir nur noch auf der Suche nach einem Weg oder einem Anzeichen um endlich aus diesem Wald herauszukommen.“ Die Worte des Geweihten waren aus Überzeugung gesprochen und bar jeder Lüge, allerdings konnte jemanden mit besonders ausgeprägter Menschenkenntnis und Erfahrung den leisen Eindruck erhalten dass ein gewisser Übereifer und Wunsch nach Aufmerksamkeit den Götterdiener verleitet haben überstürzt aufzubrechen.
Lares hörte sich die Geschichte des Geweihten gründlich an. Es sprach viel für Hexerei, doch jemand als Hexe zu bezichtigen war ein schwerer Vorwurf. Auch wenn der junge Knappe ein glühender Verfechter des Herrn der Sonne war, so sehr hatte er eine Ausbildung an der Rechtsschule in Wehrheim genossen - und dabei nicht nur Lehren über (gerechtes, aber) hartes Strafen erhalten, sondern auch etwas über ordentliche Ermittlungen gelernt.
"Euer Gnaden, lasst mich zuerst meine besondere Anteilnahme euer Schicksal betreffend aussprechen. Diese Reise durch den Wald muss weit mehr gewesen sein als avesgefällige Wanderschaft! Doch erlaubt mir bitte eine Frage: Ihr sagtet, die Frau, die ihr verfolgtet, hätte auf verdächtige Weise ein Kind durch die Herzogenstadt geschleift. Könnt ihr dies näher schildern? Woraus habt Ihr geschlossen, dass hier nicht nur eine Mutter ihren ungezogenen Bengel maßregelte?" Wenn diese Frage beantwortet war, würde er noch wissen wollen, ob es eine Verbindung zwischen der Frau und den - magischen? - Vorfällen im Wald gab. Aber auch das hatte man ihm gelehrt: Nur eine Frage nach der anderen...
Beide Augenbrauen Jolentas wanderten überrascht nach oben. Ohne Frage, der Junge war nicht nur verbal ein wenig, nun ja, tollpatschig und vorlaut, hier hatte er obendrein auch Schneid bewiesen. Anerkennend nickte die Junkerin zu den Fragen des Knappen und wartete im Folgenden interessiert auf die Antworten des Pfaffen.
„Eventuell wäre es auch eine Idee gewesen, Verstärkung zu rufen, um die Verdächtige zu verfolgen?“ Gab der Einäugige zu bedenken – in einem sehr ruhigen, überlegenden Ton, der seine Paginnen zusammenzucken ließ. „Nun denn – habt Ihr eine genaue Beschreibung des Weibes? Und hat sie das Kind mit sich über die Mauer geschleift“ (ein schwieriges Unterfangen am helllichten Tag – insbesondere gekoppelt mit einem Sprung über einen Karren) „oder dieses zurückgelassen?“
Schön, das waren genug Fragen, jetzt musste man auf eine Antwort warten, sollten die Gestalten heute dazu überhaupt fähig sein. Verema blieb brav, nur zu oft hatte sie den Herrn von Rabenstein durch Geplapper verärgert, dazu hatte sie heute keine Lust. Auch, wenn sie keine Angst vor ihm hatte, was viele als dumm und naiv sahen.
Der Praios-Diener hatte sich soweit gesammelt und so kehrte er auch zunehmend in sein gewohntes Naturell zurück. Leicht herrisch und zugleich wirsch erwiderte er dem Knappen: „Wenn Ihr mir zugehört habt, …“ Im Schein der Feuer musterte er Lares genauer. „… junger Herr. Wird Euch sicherlich nicht entgangen sein das ich berichtete erst später hinzugezogen worden zu sein. In welcher Form sich dieses Weibsbild anfänglich auffällig benahm ist mir vollkommen egal! Egal ist mir jedoch nicht das sie ohne Dispens in der Herzogenstadt Magie gewirkt hat! Und bevor Ihr Fragt, nein ich habe sie nicht darum ersucht ihn mir vorzulegen. Dafür trug sie aber auch kein Ornat das dem Codex Albyricus Konform gewesen wäre, womit sie folglich von der Akademie keine der äußerst raren Befugnisse erhalten haben kann. UND DARÜBER HINAUS…“ Ereiferte er sich nun, auch um eine erneute vorlaute Nachfrage im Keim zu ersticken. Das hatte ihm grade noch gefehlt, dass das Wort eines Dieners des Götterfürsten angezweifelt wurde. „… wirkte sie eindeutig hexische Magie!“ Einen erneuten Schluck nehmend beruhigte er sich ein wenig und wandte sich nun dem Rabensteiner zu. „Das mag in der Theorie ein vortrefflicher Gedanke sein Hochgeboren, doch war Gefahr im Verzug! Und selbst wir, die wir der Verdächtigen direkt auf den Versen waren hatten unsere Probleme ihr nachzustellen. Wie stellt ihr Euch das vor wenn erst ein oder zwei Stundengläser verstrichen, eh überhaupt jemand aufgebrochen wäre. Dieses unsägliche Frauenzimmer wäre längst über alle Berge! Und das Kind gleich mit! Den Eltern entrissen und wer weiß schon was diese Weiber für schändliche Taten an Kindern vollziehen?“ Mahnend ließ er nun seinen Blick über die versammelten Anwesenden wandern, wobei er mit besonderem Argwohn die Frauen musterte. Im Stillen klagte er eine jede von ihnen der Hexerei an, misstraute ihnen und löste nicht selten damit ein unangenehmes Kribbeln im Nacken und Gänsehaut aus. Die Männer hingegen musterte er einfach um ihre Nützlichkeit einzuschätzen, wobei seine Einschätzung beim, seiner Meinung nach, vorlaut gewordenen Knappen nicht zu dessen Vorteil ausfiel. „Ihr wolltet eine Beschreibung von der Hexe? Das Weib ist von zierlicher Gestalt mit langen rotblonden Haaren. Feenküsse verunstalten ihr Gesicht und ihre Augen sind von einem bösen Grün.“
Bei den Zwölfen, Hesinde allen voran, ja, na klar. Es waren mal wieder die Rothaarigen! Und dieses Gewäsch mit den Feenküsschen und den grünen Augen entstammte doch sicherlich ebenfalls einem sehr schlecht recherchierten sogenannten ,Fachbuch' der Praiosschule, das von den selben engstirnigen Fanatiker geschrieben worden war, wie die Glatte, Hexen wären per se alle durchtrieben und schlecht. Zum Kotzen mit diesen Pfaffen! Das Mustern ließ sie ungeachtet über sich ergehen, während sie überlegte, ob und wie sie den Götterdiener mit seiner eigenen Dämlichkeit konfrontieren sollte. Aber noch überließ sie anderen das Wort. Sie selbst hatte nichts gegen die Praioskirche - herrje, sie gehörte dem Adel an und war Praiosfürchtigkeit gewohnt. Nur verblödete Idioten und selbsternannte Richter im Unsinne der Verblendung mochte sie nicht.
„Euer Gnaden habt Dank für Eure ausführlichen Schilderungen. Bitte verzeiht, wenn ich erneut nachfrage. Euer Schicksal hat mich gepackt - im Namen des Herr PRAios müssen wir gemeinsam Licht auf diese Sache werfen und jeden Hinweis aufdecken, der uns zu den Beteiligten führen könnte. Ihr schildertet, erst später wegen der Vorfälle hinzugezogen worden zu sein. Habt Ihr mit den Herrschaften der Stadtwache gesprochen, die Zeugen dieser Vorkommnisse geworden sind?“ Der Knappe räusperte sich kurz. Sein Auftreten war sichtlich verändert, er wirkte professionell, fast ein wenig verstockt sachlich. Trotz der scheinbaren Emotionalität der Worte hatte er eine eher beiläufige Art angenommen, auch wenn er dies nach außen zu verdecken suchte.
Leicht angesäuert wegen der ihrer Meinung nach deutlich zu einseitigen Argumentation des Pfaffen, mehr aber noch aufgrund dessen anklagenden Blicken, ließ Jolenta einen Seufzer vernehmen.
Die Junkerin schritt wieder gemächlich zu ihrem Platz und ließ sich vorsichtig auf ihren Stuhl nieder. Sollte der Knappe den Praioten weiter reizen, wollte sie nicht in der Nähe der beiden so ungleichen Kampfhähne sein.
Die Brauen des einäugigen Barons zogen sich zusammen, als er der Rede des Praioten lauschte.
"Ihr habt also im Beisein der Stadtwache zugesehen, wie das Hexenweib ein Kind über die Stadtmauer schleifte, auf der anderen Seite dann wieder nach unten kletterte und über die städtischen Äcker davonrannte. Mit seiner Beute." Sehr ruhig war die Stimme des alten Isenhagers und erinnerte doch an das Schleifen von Eiswind durch kahle Winteräste.
"Sei es wie es wolle. Ihr werdet Eure Kirchenoberen informieren wollen. Bringt den guten Leuten Schreibzeug und einen Boten."
‚Was dachten diese Leute sich eigentlich?‘ Fragte sich der Praios-Diener ernsthaft. ‚Sind sie denn unfähig zuzuhören?‘ „Wie ich es bereits wiederholt sagte, ich wurde erst im Nachhinein hinzugezogen! Keine dieser Begebenheiten habe ich mit eigenen Augen gesehen, sondern erst im Anschluss davon erfahren. Aus diesem Grund konnte ich das magische Treiben am Tor nicht unterbinden und musste mich auf die Berichte der Zeugen verlassen.“ Alles in allem hatten diese Zeugen mehr oder minder die gleichen Szenen beschrieben, auch wenn einige Ausschmückungen von ihm herausgesiebt werden mussten. „Aber Ihr habt Recht Hochgeboren, ich sollte einen Bericht gen Elenvina entsenden – bevor ich die Verfolgung morgen mit frischer Verstärkung wieder aufnehme.“
Mit Verstärkung meinte der Praiot doch wohl hoffentlich nicht sie alle hier, oder? Obgleich es Hildegund schon selbst in den Sinn gekommen war, ihre Hilfe nun doch anzubieten, einfach, um vielleicht doch etwas beitragen zu können - nicht zum Aufstöbern dieser unglaublich dummen Schwester, sondern zu ihrem Schutz. Im Moment wollte sie sich allerdings noch nicht aufdrängen. Diese 'Ehre' gebührte Höherrangigeren. Ja, sie wusste wirklich, was sich gehörte, um der praiosgefälligen Ordnung zu entsprechen. So stand sie auf und ging zum Koch, ließ sich etwas Fleisch reichen und kam damit zu dem Platz, wo sich der Geweihte niedergelassen hatte. Sie würde erst einmal nur dienen, wie es sich für einen Gläubigen gehörte.
"Euer Gnaden, Ihr solltet zuerst etwas essen, damit Ihr zu Kräften kommt. Es ist vorzüglich. Und garantiert frei jeglichen Zaubers," ergänzte sie mit einem feinen freundlichen Schmunzeln, als sie den Teller vor den Geweihten abstellte. "Die Wildsau wurde von Ihrer Wohlgeboren Frau Jolenta erlegt." Dabei deutete sie auf ihre Base.
Jahman stellte sich zum Rabensteiner und fragte leise auf Tulamidya: „Gedenkt Ihr, diesem Sohn der Verblendung bei dem zu helfen, was er in einem Anfall von Übereifer, Queste nannte?“
Irgendwie kam Thalissa der Blick des Praioten, mit welchem dieser vor allem die anwesenden Frauen musterte, wie der eines ihr bekannten Vinsalter Richters vor, wenn dieser nach dem Beweis der Untaten eines Delinquenten diesen sezierte, um das Strafmaß zu ergründen. Nun, sie gedachte nicht, sich davon in irgendeiner Weise beeindrucken zu lassen, sondern rückte ein wenig näher heran, um sich keine seiner Antworten auf die Fragen der Anwesenden entgehen zu lassen. Solange die Befragung zu ihrer Zufriedenheit geführt wurde, sah sie keinen Grund einzugreifen.
Praiotin nahm Hildegund kaum wahr. In sich gekehrt murmelte er seinen Dank leise in seinen Drei-Tage-Bart und begann mit dem Essen. In Gedanken bereits bei dem Brief, den er niederzuschreiben nun gedachte.

*

Es mochte kaum ein halbes Stundenglas verronnen sein als der Jagdmeister wieder mit dem Begleiter des Geweihten ins Freie trat. Man hatte ihn seines Kettenhemdes entledigt, ihn gesäubert und seine Kratzer und Schrammen verbunden. Doch noch immer war er geschwächt, sodass er der Hilfe des Richtwalders bedurfte. Der kräftigende Sud hatte ihm wohlgetan, dennoch brauchte er etwas Richtiges zu Essen im Magen. Vom Jagdmeister auf einen Stuhl abgesetzt bekam er kurz darauf etwas kalten Braten, Brot und stark verdünnten Wein gereicht um wieder zu Kräften zu kommen.
So saß er nicht weit entfernt von Jolenta, sodass seine geschwächte Stimme vernahm – wie er erst darüber fluchte sein Amulett verloren zu haben, sich dann aber bei der gütigen Herrin Travia für die ihm gewährte Gastfreundschaft bedankte. Beinahe konnte sie sich etwas schäbig vorkommen ihn, wenn auch ungewollt, in diesem intimen Moment zu belauschen. Zugleich wurde ihr aber auch bewusst wie ungleich die beiden Männer ganz offensichtlich sein mussten.
Die Junkerin räusperte sich und ergriff mit sanfter Stimme das Wort. Sie hatte dem Mann gegenüber keine Vorurteile, war er doch wohl ‘nur’ der zweifelsohne starke Arm des Götterdieners.
“Bitte sagt mir, wenn ihr noch etwas zu Essen oder zu Trinken möchtet hoher Herr. Ich habe zwar heute ungewollt intensive Bekanntschaft mit einer Wildsau gemacht, aber dennoch sicher einen weitaus angenehmeren Tag als ihr.”
Gerade als sie geendet hatte bemerkte sie vor lauter Ungezwungenheit des Abends ihren Irrtum. “Verzeiht meine Unhöflichkeit.” Sie schenkte dem Mann, den sie für einen Ritter hielt, ein freundliches, warmes Lächeln. “Mein Name ist Jolenta.”
„Malter, Fürchtepraios Malter. Habt Dank edle Dame, aber ich denke, dass Ihr Euch nicht bemühen müsst.“ Verstohlen warf er dabei einen Blick in Richtung seines geweihten Begleiters. Leise und etwas beschämt wandte er sich Jolenta zu: „Ich möchte mich für seine Gnaden entschuldigen, wenn er Euch oder vielmehr der Frauenwelt gegenüber ausfallend geworden sein sollte. Eigentlich ist er ein guter Mann, aber gegenüber Frauen hat er irgendwie ein Problem.“
„Ihr müsst euch nicht bei mir entschuldigen.“ Jolenta lächelte abermals. „Ihr tut nur Eure Pflicht.“ Die Junkerin ließ bewusst eine Pause entstehen, in der sie Malter die Chance gab sich zu erholen und sich zu stärken. Nach einiger Zeit, in der sie den anderen zugehört hatte, nahm sie das Gespräch aber wieder auf. „Sagt, seid ihr dieser Frau im Wald wirklich ansichtig geworden?“
Nachdem der Mann nur müde genickte hatte wurde die Junkerin wiederum eine Weile still und grübelte. Sie wollte wahrlich nicht aufdringlich sein, doch ihre Sorge trieb sie schließlich zu einer weiteren Frage. „Seine Gnaden beschrieb die Frau in eurer Abwesenheit recht einfach und genauso, wie sich die einfache Landbevölkerung eine Hexe vorstellt. Ist euch vielleicht noch etwas Besonderes an ihr aufgefallen?“
Fürchtepraios legte für einen Moment sein Besteck weg und kratzte sich am Kinn. „Rotblondes langes Haar, Feenküsschen im Gesicht, grüne Augen. Also ja, sie entsprach dem typischen Bild des einfachen Volkes von Hexen.“ Bedächtig nahm er sowohl Messer, als auch Gabel wieder auf, schnitt sich ein Stück Fleisch ab und schob es sich langsam in den Mund. Während er kaute überlegte er weiter, gab es etwas das an dieser Frau – abgesehen von alledem was Hexe an ihr schrie – tatsächlich auffällig war? Plötzlich wedelte er mit dem Messer, etwas war ihm noch eingefallen. Etwas das seine Gnaden nicht bemerken konnte, war er ihr doch nicht so nahegekommen wie er. „Sie hat lange, spitze Fingernägel.“ Garstige Dinger die unangenehme Kratzwunden hinterlassen.
„Hm“, Jolenta überlegte einen kleinen Moment. „Meint ihr nur äußerst lang, oder wirklich spitz? Nein, anders gefragt, sahen sie einfach so aus, als seien nur eine lange Zeit nicht mehr gekürzt worden, oder hatten sie eine unnatürliche Form?“
Träge schüttelte der Mann den Kopf: „Ihr missversteht mich, ich habe sie nicht gesehen. Ich habe sie zu spüren bekommen und sie fühlten sich mehr wir Krallen an.“
Flüchtige Verwunderung zeigte sich auf den Zügen Jolentas. Sie beugte sich interessiert vor. „Nur um sicherzugehen, dass ich euch richtig verstanden habe. Ihr habt sie gesehen, so dass ihr sie beschreiben könnt, selbst die Farben ihrer Augen. Ihre Hände jedoch habt ihr nur ‚gespürt‘?“
Die Junkerin lehnte sich wieder zurück und präsentierte wieder ihr charmantes Lächeln. „Verzeiht nochmals hoher Herr, aber dieser Wiederspruch erscheint mir recht seltsam.“
Erneut legte er sein Besteck nieder und blickte Jolenta mit seinem müden Blick an. „Ich befürchte da irrt Ihr. Wenn man jemanden sieht, achtet man erfahrungsgemäß auf bestimmte Details. Haar, Augen, Narben, Geschlecht und Größe, die Hände oder genauer gesagt die Fingernägel sind mit Verlaub sehr weit hinten in dieser Liste. Im Kampf mag man genauer auf die Füße und Hände achten, aber die Fingernägel wenn man eigentlich nur deinen Angriff vorhersehen will?“ Träge schüttelte er den Kopf, nein die Fingernägel gehörten wahrlich nicht zu jenen Punkten auf die er als erstes in Gefahrensituationen achtete.
„Richtig“, die Galebfurtenerin nickte knapp und seufzte, auch wenn sie innerlich nicht überzeugt war. „Was bleibt ist das Bild der typischen Hexe.“ Eine Feststellung die Jolenta ein leichtes Schmunzeln auf die Lippen trieb. Nüchtern jedoch fuhr sie fort. „Was meint ihr wird seine Gnaden nun unternehmen, um dieses Weibes habhaft zu werden?“
Sein Besteck wiederaufnehmend, Schnitt sich der erschöpfte Kämpfer ein weiteres Stück vom Fleisch ab und kaute es bedächtig. Eventuell wo er ab welche Möglichkeiten seiner Gnaden zur Auswahl standen oder aber er überlegte was er preisgeben konnte. Eine gefühlte Ewigkeit verstrich, erneut schnitt er ein Stück Fleisch ab, eh er es sich jedoch in den Mund schon gab er endlich Antwort. „Ich denke dass seine Gnaden Praiotin nicht auf Verstärkung warten wollen wird. Stattdessen wird er an die Pflicht des Adels appellieren und die hier Anwesenden für dieses Unterfangen einbinden wollen. Zumal mir scheint, dass wir sowieso auf die Hilfe der Jäger des Herzogs angewiesen sind um uns in diesem Wald zu bewegen.“ Schon schob er sich die Gabel zwischen die Zähne und kaute auf seinem Essen. Schnell folgte der letzte Happen, bevor er sich nach einem Bediensteten umsah um sich den Teller wieder füllen zu lassen.
Jolenta schloss die Augen. Genau das hatte sie befürchtet. Seufzend nahm sie ihrerseits einen weiteren Schluck Wein von sich und ergab sich scheinbar in ihr Schicksal. Es war nicht nötig noch weiter in den Mann zu dringen.

*

Währenddessen suchte Verema Basin auf, wartete brav einen günstigen Moment ab, um kurz mit ihm zu sprechen. "Hochgeboren, bitte auf ein Wort." etwas verlegen strich sie ihr Gewand glatt. „Zuerst möchte ich mich dafür bedanken, dass Ihr mir Euer Zimmer im Obergeschoß überlassen habt und meinetwegen in der Hängematte geschlafen hättet... jedoch hat sich die Situation nun geändert und ich werde, da wir zwei Geweihte des Herrn Praios hier haben, mir einen Platz anderswo suchen. Es geht mir bereits besser, das wechselt zurzeit etwas, ich komme gerade aus Rabenstein, vielleicht hat mir das Klima dort nicht gutgetan." Sie senkte den Blick etwas, was ihre langen, dunklen Wimpern betonte. "Ich kann auch mit Dom Lucrann sprechen, er wird einen Platz für mich finden, zur Not bei seinen Paginnen."
Im ersten Moment war dieser etwas verwirrt, hörte sich jedoch an was die Almadanerin zu sagen hatte. „Werte Dame, im Namen seiner Hoheit bin ich für diese Jagd und für seine Gäste verantwortlich. Für seine Gnaden und Herrn Malter habe ich bereits Vorbereitungen getroffen, sodass Ihr Euch nicht sorgen müsst. Ihr bleibt, wo Ihr Euer Lager bereits aufgeschlagen habt. Und um mich müsst Ihr Euch auch nicht sorgen, ich hätte sowieso hier draußen geschlafen.“ Wo der Rabensteiner hingegen seinen Paginnen unterbrachte war ihm relativ egal, sofern nicht seine Planung durcheinandergebracht wurde.
*
Hildegund hatte den Rest des Abends damit verbracht, aufmerksam zuzuhören. Denen, die das Bild der fürchterlichen Hexe schufen wie auch denen, die alles darüber wissen wollten. Ihr war allerdings die Lust für weitere Spielchen ihrerseits angesichts der Anwesenheit des Praioten vergangen und so ergab sie sich der allgemein bangen Unruhe, die mit stiller Besorgnis einherging und hielt Lares gegenüber ihr zweideutiges Plappergöschlein im Zaum. Gut, es mochte wohl welche geben, die die Anwesenheit eines Praiosdieners sogar als Ansporn genommen hätten, aber Hildegund gehörte nicht dazu.
Mit Jolenta hätte sie sich gerne mehr ausgetauscht, nur verhinderte der unerwünschte Besuch auch das.
Zur späten Stunde, als alle sich zur Ruhe begeben hatten, ließ sie es sich allerdings nicht nehmen, noch einmal das Zwiegespräch mit ihrem geflügelten Freund zu suchen. Sie nutzte den Besuch des Aborts, um Hugin dazu zu benutzen, die andere, die dort draußen irgendwo war, zu informieren, dass es zweibeiniges Großwild sein würde, nach dem man am nächsten Tag zur Jagd blies.
Auch Verema war die Lust am Plaudern vergangen. Mit den Praioten fühlte sie sich nicht wohl, sie hätte nicht genau sagen können, warum. So ging sie auch früh auf ihr Quartier und ließ den Rest ihrer Reisegefährten noch weiter reden.

Neuer Tag, neues Glück

Der vergangene Praioslauf hatte ein überraschendes Ende für alle, die an dieser Jagd beteiligt waren, genommen. Ausführlich hatten sich die herzoglichen Gäste beim Praios-Diener erkundigt und zumindest einigen von ihnen schwante bereits jetzt, dass dieser sich nicht in Müßiggang ergehen würde bis die von ihm erbetene Unterstützung eintraf, nein, er würde die Hilfe der hier Anwesenden in Anspruch nehmen wollen. Und konnte denn ein Angehöriger des Adels ein Ersuchen eines Praios-Geweihten ausschlagen?
In der Abgeschiedenheit des Waldes hatten sie die Nacht in ihren Lagern verbracht und einen von Boron gesegneten Schlaf genossen, nur gelegentlich von den nächtlichen Geräuschen des Waldes gestört. Bereits kurz nach dem Aufgehen der Sonne gesellte sich ein erstes Hufgetrappel dazu, welches jedoch schnell wieder verklang kaum dann das Ross aus der Anlage geführt war.
Einige Zeit später erwachte das Leben im Gesindehaus, wo die Bediensteten damit begonnen das Frühstück für die Hohen Herrschaften vorzubereiten. Der Morgen war bereits fortgeschritten und einem jeden war ausreichend Zeit gelassen worden langsam aufzuwachen, als ein allgemeiner Ruf die Gäste endgültig zum Essen rief. Erneut war aufgetafelt worden, doch deutlich leichter als am Vorabend – sollten die Jäger vom zu schweren Frühstück doch nicht gehemmt werden.
Als die meisten Gäste eintrafen war Seine Gnaden Praiotin bereits zugegen. Rasiert und gewaschen machte seine Erscheinung wesentlich mehr her als noch einige Stundengläser zuvor am abendlichen Feuer. Seine lädierte Robe jedoch konnte trotz einige Flickarbeiten und Reinigungsversuche nicht über die Erlebnisse der letzten Praiosläufe hinwegtäuschen. Mit kräftiger Stimme begrüßte er die Eintreffenden, ganz so, als würden sie zu einem Götterdienst im Tempel erscheinen. Von Fürchtepraios Malter hingegen, dem schützenden Arm des Geweihten, war auch einige Minuten nach dem Aufruf weder etwas zu sehen, noch zu hören.
Für die irritierenden Nachrichten am Abend war die Nacht überraschend ruhig. Lares hatte genug Zeit, sich dementsprechend alles noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen. Er hatte noch immer Zweifel - ein Augenzeuge wäre wichtig gewesen - die Informationen, die Jolenta erhalten hatte, kannte er ja nicht. Dass sich Hildegund plötzlich reserviert verhielt war ihm aufgefallen, jedoch in Anwesenheit eines Geweihten des PRAios sicherlich nicht verwunderlich. Im Auge des Götterfürsten schickten sich ungebührliche Neckereien nicht. Er hatte sich fest vorgenommen, seine offenen Fragen des Vortags heute noch beantwortet zu bekommen. Mit Irritation musste er dann jedoch das Fehlen von Fürchtepraios feststellen. In die morgendlich eintröpfelnde Runde meinte er: "Sagt, hat einer der hohen Herrschaften den Fürchtepraios Malter heute schon gesehen? Er sah gestern übel mitgenommen aus." Nachdem niemand bejahte machte sich Lares auf die Suche nach dem Mann - nicht ohne vorher zu fragen, wo die Praioten genächtigt haben.
Die Junkerin von Galebfurten war gut gelaunt an diesem Morgen. Sie grüßte alle Herrschaften freundlich denen sie ansichtig wurde und hatte auch für die Bediensteten ein herzliches Lächeln auf den Lippen.
Zwar taten ihr ihre Rippen immer noch weh, aber ihr Knie ließ sich immerhin schon bedeutend besser belasten als noch am Abend zuvor. Dennoch würde sie noch eine Weile an den Keiler denken, wenn sie sich zu unüberlegt oder ruckartig bewegte.
Auch Jolenta war indes das Fehlen des Mannes mit dem fürchterlichen Namen aufgefallen, mit welchem sie noch am Abend so angeregt gesprochen hatte. Als der Knappe nach ihm fragte sah sie deswegen interessiert und auffordernd zu seiner Gnaden hinüber. Wenn einer dazu etwas sagen konnte, dann ja wohl er.
Mit einem kaum verhohlenen Gähnen setzte Thalissa di Triavus sich an den Frühstückstisch. Die ungewohnte Umgebung, das Erscheinen des Geweihten und seines mittlerweile wieder verschwundenen Begleiters und die nächtlichen Geräusche – sowohl tierischer als auch menschlicher Natur – hatten Bishdariel eine Weile auf Abstand gehalten. Doch man konnte der Baronin ansehen, dass sie Wert auf ein gepflegtes Äußeres legte, denn ihre offensichtliche Müdigkeit paarte sich in keinster Weise mit Nachlässigkeit, was Sitz der Kleidung oder Pflege der üppigen dunkelblonden Haartracht anging. Sie trug wieder ein weißes Rüschenhemd und eine schwarze, enge Lederhose. Ein kleiner goldener Ring mit einer weißen Perle zierte ihr linkes Ohr, recht unpassend für eine Jagd. Wer darauf achtete und sich mit weiblicher Mode auskannte, dem fiel zudem auf, dass ihr Hemd heute ein wenig offener geschnürt war und sie sich möglichst nahe des Geweihten so auf eine Bank setzte, dass dieser nicht umhin kam, von ihr Notiz zu nehmen.
Tar‘anam und die junge Zofe der Baronin traten direkt hinter dieser zu den bereits anwesenden Gästen. Während die Zofe sogleich dafür sorgte, dass es ihrer Herrin an nichts fehlte, suchte sich der alte Leibwächter überraschender Weise einen Platz weit hinten in der Gästeschar, so dass er sich mit dem Rücken an eine Holzwand lehnen konnte und nach vorne den Überblick über alle Anwesenden behielt. Da man sich unter Freunden befand, hatte er keine größere Waffe mit zum Frühstück gebracht und trug auch keine Rüstung, sondern lediglich einfach und praktisch aussehende Lederkleidung ohne besondere Akzente.
Auch Verema gähnte. Was für eine unangenehme Nacht. Gerne hätte sie noch etwas privat mit Hochgeboren gesprochen, doch sie hatte ihn nicht mehr angetroffen, dann schien auch noch einer der Praioten den Sonnengruß sehr genau genommen zu haben und war wohl mit seinem Pferd irgendwohin. Oder er suchte bereits wieder die Hexe. Sie setzte sich neben Jolenta. "Guten Morgen, Wohlgeboren. Wie schaut´s denn aus, ich bin gestern ja schon etwas früher weg. Jagen wir jetzt alle die Hexe oder folgt erstmal eine erbauende Ansprache des Praioten?" Sie nickte in Richtung Praiotin.
Die Junkerin aß Obst und trank Tee mit Honig zum Frühstück wie Verema erkennen konnte, als sie sich setzte. „Praios zum Gruße Wohlgeboren“, entgegnete Jolenta mit einem strahlenden Lächeln. „Das kann ich euch noch gar nicht sagen. Bisher hat sich seine Gnaden dazu leider nicht weiter geäußert.“ Sie senkte die Stimme und lehnte sich zur Zuchtmeisterin vor. „Ich fürchte jedoch ihr habt Recht.“
Jahman, der unter freiem Himmel übernachtet und sein Shadif schon versorgt hatte, schnappte die Bemerkung Veremas auf und verzog deutlich sichtbar das Gesicht. Eine Predigt dieses Kerls hatte im gerade noch gefehlt. Bisher hatte es Jahman stets geschafft, sich bei Predigten von Verkündern des Unglaubens zur Wache einzuteilen oder unter einem anderen Vorwand abzuseilen. Er würde sich ein Grund ergeben, falls der Praiot sich tatsächlich anschickte, eine Ansprache zu halten. Jahman beobachtete die anderen Mitglieder der Jagdgesellschaft, um herauszufinden ob das, was man zu jagen gedachte, vier oder zwei Beine haben würde.
Wie es sich gehörte, hatte Hildegund alle Anwesenden und auch den Götterdiener höflich begrüßt, als sie zum Frühmahl fand. Sie trug ihr langes blondes Haar zu zwei Zöpfen geflochten, selbige beide am Hinterkopf zu Schnecken gedreht und streng festgesteckt, was fast ein wenig bieder wirkte. Auch ihren Ausschnitt bedeckte auf züchtige Art um den Hals gebundenes, in den Ausschnitt gestecktes edles Tüchlein. Vielleicht, weil es noch frisch war an diesem Morgen mitten im Wald? Jolenta, die ihre Base kannte, hatte jedoch eine Ahnung davon, dass Hildegund – anders als Ihre Hochgeboren Thalissa – gedachte, dem Geweihten eben gerade nicht durch Freizügigkeit aufzufallen.
Nach einer kurzen Prüfung der allgemeinen Stimmung bei Tisch und der Auswahl an Sitzgelegenheiten hatte die hübsche Galebfurterin sich entschieden, erneut neben dem jungen Mersinger Platz zu nehmen, dem sie eines ihrer zauberhaften Lächeln schenkte, das freilich nicht mehr gar so neckisch war wie am Abend zuvor. Sie knüpfte dennoch an ihrer beider Konversation an, in dem sie ihm beim Platznehmen „Schade, dass es gerade im Wald nicht sicher ist, ich hätte euch sonst gefragt, ob ihr mir als Bedeckung für einen Nachtspatziergang zur Verfügung stündet. Aber dieses Hexenbiest…“ zuraunte und dabei ehrlich bedauernd seufzte.
„Womöglich ist es heute Nacht wieder sicher in diesen Wäldern. Wir werden sehen, was wir tun können.“, meinte der Knappe nur. Hierbei lächelte er Hildegund aufmunternd zu. Auch ihm machte diese Sache erhebliche Sorgen. Nachdem der Streiter Malter jetzt nicht auftauchte, konnte er sich tatsächlich vorstellen, es mit einer ernsthaften Bedrohung zu tun zu haben. Diese Ablenkung konnte grundsätzlich nicht schaden.
Im Folgenden harrte sie der unvermeidlichen Dinge und berührte Lares immer wieder mehr zufällig.

Die allgemeine Verwunderung um das Nichterscheinen des Herrn Malter führte einer kurzen und ebenso erfolglosen Suche nach diesem. In der kleinen Anlage hatte man ihn seitdem zu Bett gehen nicht mehr erblickt und so war es die ihm zugeteilte Unterkunft die Allgemein Rätsel aufgab. Der Vorhang war noch immer zugezogen gewesen, sein Kettenhemd hing noch immer auf dem Ständer zusammen mit seinem Unterzeug und Schuhen, sein Lager war zerwühlt und wies – wie unschwer zu erkennen gewesen war – einige Blutsspritzer auf.
Wo war der Mann hin und würden sie seine Fährte aufnehmen können? Für Seine Gnaden Praiotin war die Sache klar. Sie mussten diese Hexe dingfestmachen und einen treuen Diener des Götterfürsten finden! Die Pflichten des Adels im Dienste des Götterfürsten beschwörend, blieb dem Jagdmeister nichts anderes übrig als die Gäste vor die Wahl zu stellen. Anschließend würde er die ihm zur Verfügung stehenden Leute entsprechend für die Vorhaben verteilen.
In der Junkerin von Galebfurten gehrte eine ganz üble Ahnung, von der sie innig hoffte, dass sie sich irrte. Das durfte nicht wahr sein.
Mit einem Seufzen nickte Jolenta in Richtung des Jagdmeisters und fügte sich in das Schicksal.
Das merkwürdige Verschwinden des Begleiters des Praioten schürte auch in Hildegund latente Panik. Hatte Hulgin die ‚andere‘ etwa nicht erreicht? Wollte diese etwa keine Hilfe? Und: War es gerissen, Fluchmagie anzuwenden oder dumm, falls es das war, was hier für Verwirrung sorgte? Mit etlichen eigenen Gedanken beschäftigt, verfolgte die Edle Bange, wie sich das Drama zuspitzte. Sie spielte allerdings ihre eigene Rolle, indem sie hilfsbedürftig nach dem Arm des Knappen griff. „Glaubt ihr, das war die Hexe?“
Er fasste ihren Arm und legte den anderen um ihre Schultern. „Macht euch keine Sorgen. Ich weiß es nicht – ich bin mit magischen Dingen nicht bewandert und doch habe ich schon einige Schrecken des Madafluchs erlebt. Sollte es die Hexe gewesen sein, dann wird sie dafür büßen. Das Auge des Herrn PRAios sieht jedes Verbrechen und sühnt jede Tat!“, grummelte Lares pathetisch. Insgeheim war er sich allerdings nicht sicher, ob eine Hexe zu so etwas im Stande war. Er brauchte mehr Tatsachengrundlage.

„Jagdmeister, sagt, was war das heute Morgen für ein Reiter, der das Lager verließ?“ Die Hinterlassenschaften des Waffenknechts Fürchtepraios waren seltsam genug – woher stammten die Blutspritzer, wenn er es selbst gewesen wäre, der sich da hoch zu Ross davonmachte? Oder hatte das Pferd zwei Reiter getragen?
Der Rabensteiner wandte sich an die versammelte Runde. „Hat jemand diesen Reiter im Morgengrauen gesehen?“
Auf die Nachfrage des Rabensteiners hin, wandte sich Basin diesem zu. „Ein Bursche, Hochgeboren. Da ein Ritt bei Dunkelheit zu gefährlich gewesen wäre, habe ich ihn ausgesandt sobald die Lichtverhältnisse wieder gut genug waren.“
„Was war sein Auftrag, Hochgeboren?“ Der Baron hatte in all den Jahren aufgehört, über Gebühr an Zufälle zu glauben. Und einen Bannstrahler – oder zumindest einen Wächter in Diensten der Praioskirche – aus einer vollbesetzten Jagdhütte herauszubringen, ohne das es irgendjemand bemerkte, war eine durchaus beachtliche Leistung.
„Seine Aufgabe ist es das Schreiben zu überbringen und die Herrschaften, sobald sie sich gesammelt haben, hierher zu führen. Anschließend können sie sich mit Hilfe eines Führers an die Fährte von Seiner Gnaden, und seiner Begleiter heften.“ Dabei blickte er bei der Erwähnung kurz zu Praiotin, der daraufhin zufrieden nickte.
„Ich werde sein Bett näher untersuchen – mag sich noch jemand daran beteiligen?“ Der Einäugige blickte in die Runde.
„Gerne, Hochgeboren, ich helfe Euch, Ich kann sicher viel von Euch lernen“ Rasch und enthusiastisch sprang Verema auf und gesellte sich zu ihrem Begleiter. Vielleicht war sie froh, etwas zu tun zu haben, vielleicht war es Neugier. Der Rabensteiner würde wissen, wie er sie wann bremsen musste.
Die Junkerin erhob sich auf die Nachfrage des Rabensteiners und nickte stumm in seine Richtung, bevor sie an die Seite des Barons trat.
„Verzeiht. Welche Herrschaften?“ Hildegund konnte wirklich gut darauf verzichten, dass es hier vor Dienern des Praios wimmelte. Sie stand allerdings ebenfalls auf. „Ich will auch sehen, was da neben mir heut nach passiert ist, ohne dass ich davon aufgewacht bin…“ Irgendwie ärgerte sie das schon. Aber aus anderen Gründen.
Auch die Baronin von Rickenhausen erhob sich von ihrem Platz und gesellte sich zu der Gruppe um den Rabensteiner. Nachdenklich und geistesabwesend kaute sie auf ihrer Unterlippe, hatte sie doch als selbstverständlich angenommen, dass der nächtliche Reiter kein anderer war als der Waffenknecht des Geweihten. Sie schalt sich selbst für diesen voreiligen Schluss. Offenbar kam sie außer Übung. Kein erstrebenswerter Zustand. Nun, vielleicht würde die Untersuchung des Lagers des Mannes ja etwas zutage fördern, obwohl sie sich fast sicher war, dass die vorausgegangene Suche nach dessen Verbleib mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit alle verwertbaren Spuren zunichte gemacht hatte.
Sie fing einen fragenden Blick ihrer Zofe Melisande auf und nickt kaum merklich. Sechs Augen sahen mehr als zwei. Oder neun.

*

Die meisten Vorhänge waren inzwischen wieder zurückgezogen worden und so hatte man mehr Licht als angenommen zur Verfügung, auch die Vorhänge der vom Gesuchten bewohnten Schlafstätte hatte man inzwischen aufgezogen. Bereits auf den ersten Blick sah man das Kettenhemd, das er am Vorabend getragen hatte, auf einem Holzgestell hängen. Derweil standen seine Schuhe zu Füßen des Gestells und sein Unterzeug lag auf einer Truhe ausgebreitet. Alles drei ordentlich dort abgelegt und scheinbar seither nicht mehr angerührt. Sein Nachtlager hingegen war zerwühlt und unordentlich. Erst bei genauerem Hinsehen jedoch fielen Blutspuren auf. Um sie genauer zu betrachten mussten die Jäger jedoch die Decke anheben.
Lares hob die Bettdecke an. Hierunter kamen Blutflecken zum Vorschein. Sie waren verschmiert, aber breit gefächert. Es schien so, als ob Blut durch Verbände hindurch auf das Bett gesickert und durch die Bewegungen eines Schlafenden verteilt worden war. „Seine Wunden haben sich nicht geschlossen. Wenn Malter so in die Nacht hinaus ist, dann wird er nicht weit gekommen sein!“
Jahman hatte sich mit dazugesellt, sich aber im Hintergrund gehalten, so dass er die Blutspuren noch nicht sehen konnte. Es machte keinen Sinn, wenn noch einer mehr um das Nachtlager herumstand. Er sprach den Rabensteiner gezielt an: „Habt Ihr Hinweise, die bei der Suche helfen, ibn Boronian? Trägt er beispielsweise das Schuhwerk, mit welchem er gestern hierherkam? Ich gedenke, die Jagdhütte in einem größeren Kreise zu umgehen und dort zu suchen, wo noch keine Spuren zertrampelt worden sind.“
„An einigen nicht ganz geschlossenen Wunden wird er nicht so rasch umfallen.“ Der Rabensteiner betrachtete das zerwühlte Bett, überging den vorlauten Knappen und warf einen Blick auf die Schuhe des verschwundenen Kriegers – oder das Fehlen derselben. Ohne Schuhe würde er zumindest nicht schnell vorankommen – mit Schuhen sprach das von einer gewissen Planung beim Aufbruch.
Verema schaute sich kurz um, vielleicht führten die Spuren ja irgendwo hin, auch wenn es unwahrscheinlich wäre, hier waren genug Koryphäen. Sie wandte sich kurz an den Herrn von Rabenstein "Ich schaue im Stall nach, nicht, dass der Bote ein falsches Pferd genommen hat. Wenn Ihr mich benötigt, sagt Bescheid"
Der Baron nickte auf die Aussage der Junkerin, Bestätigung und Kenntnisnahme in einem.
Die Schuhe standen noch sauber und getreulich vor Ort. Blieb die Frage: wo war der Krieger?
Der Rabensteiner wandte sich an Jahman. “Er wird es nicht gewohnt sein, barfuß zu gehen – könnt Ihr ein Perimeter ums Lager nach Spuren absuchen?”
„Gewiß. Wie groß sind denn seine Füße in etwa? Ach, was, gebt mir zumindest einen Stiefel mit.“ Jahman ging mit einem Stiefel und einem Nicken nach draußen und machte sich im Umkreis der Jagdhütte auf die Suche nach Spuren.
Mit ein paar bedächtigen Schritten näherte Thalissa sich dem Praiosgeweihten, nachdem sie die Aktionen der Jagdgesellschaft aufmerksam, aber schweigend verfolgt hatte. „Euer Gnaden, wenn ich Euch richtig verstanden habe, verdächtigt Ihr die flüchtige Hexe, etwas mit dem Verschwinden Eures Gefolgsmannes zu tun zu haben? Und würde es Euch etwas ausmachen, kurz die Habseligkeiten des Verschwundenen daraufhin zu überprüfen, ob etwas fehlt?“
„Praios zum Gruße, Hochgeboren.“ Begrüßte er die rickenhauser Baronin huldvoll, dabei machte er zumindest bei diesen wenigen Worten den Eindruck weniger feindselig zu klingen als noch am Vorabend. „Ich kann gern einen Blick auf sein Lager werfen, doch ob ich beurteilen kann was fehlt mag ich Euch nicht mit vollkommener Sicherheit sagen können. Das eine oder andere ging uns im Wald verlustig, was aber genau kann ich beim besten Willen nicht sagen.“ Beide Hände auf den Tisch stützend stemmte er sich hoch. Es schien fast so, als wolle er Tatkraft verströmen.
„Wenn wir nach Eurer Begutachtung in ungefähr wüssten, was der Mann an und bei sich trägt, wäre uns schon geholfen, denke ich,“ ermunterte die Baronin den Geweihten mit einer einladenden Geste. Leider war es wohl so, dass eine einigermaßen geschickte Person sich nachts hätte ohne weiteres davonstehlen können, ohne zwangsläufig über andere Mitglieder der Jagdgesellschaft zu stolpern, wenn auch das nächstgelegene Fenster ein wenig schmal für die breiten Schultern eines Kriegers war.
Ein kurzer Wink galt Melisande, welche sogleich herbeieilte. Thalissa raunte ihr zu, sie solle sich mal bei den Bediensteten umhören, ob denn von diesen niemand seit gestern Abend etwas Ungewöhnliches - wie zum Beispiel den nächtlichen Ausflug eines nackten, verletzten Mannes – bemerkt hatte. Melisande deutete einen Knicks an und entfernte sich, wer sie zufällig dabei sah, vermeinte ein Leuchten in ihren Augen sehen zu können.
„Ich gehe mit euch. Niemand sollte allein in den Wald gehen, solange wir nicht wissen, ob uns irgendeine Gefahr droht.“
Mit schnellen Schritten trat sie an ihre Lagerstadt. Sie griff nach dem Waffengurt mit dem langen Reitersäbel und nahm auch Bogen und Köcher an sich, bevor sie sich an die Seite des Wüstensohnes stellte.
Doch rund um das Haus gab es nur wenige Spuren, welche nicht von Pferden stammten. Diejenigen die sie fanden ließen sich nur wenige Schritte verfolgen, was angesichts des trockenen Bodens schon einem Wunder gleich. Die beste Spur war indes die, welche den Priester und Fürchtepraios am Vorabend zur Jagdgesellschaft geführt hatte.
Jahman blickte auf das Waffenarsenal, welches die Junkerin mitgenommen hatte. Er selbst führte nur seinen Waqqif mit sich und den Stiefel. Er schlug seiner Begleiterin vor: „Wohlgeboren, hier etwas zu finden, kann mehrere Gottesnamen dauern. Holen wir den Jagdmeister und die Spürhunde, über die er sicherlich verfügt?“
Die angesprochene überlegte kurz, bevor sie bedächtig nickte. „Das können wir noch versuchen. Wenn überhaupt, dann finden die Hunde die Spur.“ Jolenta lächelte. Er mochte ein Wüstensohn sein, doch sein Verstand war wach.
Kurze Zeit später fanden sie sich wieder in der Jagdhütte ein und brachten ihr Anliegen vor.
Das Bellen der Hunde hatte man bereits am Vortag gehört, sodass deren Anwesenheit außer Zweifel lag. Und auch den Jagdmeister zu finden war keine Kunst, da dieser noch immer in der Nähe des Praios-Geweihten auf die Entscheidung der versammelten Adligen wartete.
Da scheinbar alle Einverstanden waren die Suche aufzunehmen erhob sich der Götterdiener energisch und bat den Jagdmeister alles vorzubereiten um die Fährte aufzunehmen. Der so angesprochene löste sich daraufhin von der Wand an der er gelehnt hatte und machte sich auf dem Weg um die Hundemeute vorbereiten zu lassen. Er hatte kaum die ersten Schritte getan, als er nochmals stehen blieb und sich zu den Anwesenden umdrehte. „Es wäre besser, wenn jeder etwas Proviant mitnehmen würde und eventuell etwas Ausrüstung falls wir ein Nachtlager aufschlagen müssen.“ Dann schritt er davon um seinen Leuten die notwendigen Anweisungen zu erteilen.
Nickens bestätigte die Junkerin dass sie begriffen hatte und machte sich auf den Weg. Jolenta ließ sich von ihrem Waffenknecht Arwulf einen von ihnen mitgebrachten Rucksäcken geben, welche bei der Anreise an dessen Pferd befestigt gewesen war. Bei ihrer Lagerstatt in der Jagdhütte packte sie einige bereits dort gelagerte dicke Kleidungsstücke ein. Es war möglich, dass sie draußen im Wald übernachten mussten. Hierzu war ebenfalls die Decke aus grober Wolle gedacht, die sie ebenfalls mitnahm. Proviant, haltbare Lebensmittel und reichlich Wasser kamen auf ihr Bitten hinzu. Eine der fleißigen Mägde händigte ihr die Sachen auf Nachfrage aus.
Als Jolenta der Meinung war, alles beisammen zu haben sah sie sich nach Hildegund um. Sie mussten dringend einiges besprechen, bevor sie aufbrachen.
*
Während die anderen sich der Schlafstatt, dem Stall und den Spuren widmeten, reckte Hildegund den Kopf und überlegte sich, wo jemand unbemerkt hinein oder auch hinausgelangt sein konnte – außer durch die Türe. Vertrautentier inbegriffen. Sie maß den Weg von Fenster zur Schlafstatt des Verschwundenen, dann, wie selbst, den zu ihrer eigenen. Innerlich den Kopf schüttelnd ging sie und schaute sich die Fenster an. Vielleicht stand eines einen verräterischen Spalt offen? Sie wollte eigentlich nicht helfen, aber ganz unbeteiligt konnte sie ja auch nicht bleiben, darum suchte sie sich eine Aufgabe, innerhalb der sie agieren konnte, ohne dass es komisch wirkte. Ein Recke, einfach so verschwunden, Blut in seinem Lager. Blut, klar. Sie hatte bislang von Schwestern aus dem Süden gehört, die Menschen in Tiere verwandeln konnten. Eine Laus war auch ein Tier, und außerdem klein genug, um nicht gleich gesehen, entführt, zertreten zu werden. Hildegund wurde immer unwohler bei der Sache. Dass es auch in den Nordmarken jene gab, die diese Art von Magie beherrschten, wusste sie bisher nicht. Für möglich hielt sie es dennoch, denn schließlich teilte man auch in jenen Reihen, denen Hildegard angehörte, nicht jedes Geheimnis. ‚Aber warum der Begleiter?

Während der Geweihte mit der Baronin von Rickenhausen die Habseligkeiten des Verschwundenen prüfte, besah Hildegund sich jedes Fenster im Raum. Dabei hatte sie schnell einen Unterschied ausgemacht – und sich entschieden, dieses Detail doch für sich zu behalten. Stattdessen hatte sie damit begonnen, den Unterschied geschickt und unauffällig zu tilgen. Ein Ergebnis ihrer Suche musste sie trotzdem liefern, aber es brauchte ja nicht die volle Wahrheit sein. Ein Teil der Wahrheit reichte schließlich auch schon.
So trat sie an den Geweihten heran. „Nun, Euer Gnaden. Was die Fenster angeht… es ist zumindest keines gewaltsam geöffnet worden, sind alle leicht zu öffnen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ein kräftiger Mann wie Euer Begleiter durch eines davon aus der Hütte klettern würde, selbst wenn er, verzeiht, die mindere Größe dazu hätte. Ich werde von außen mal nachsehen, ob ich noch etwas in Erfahrung bringen kann.“
‚Impertinentes Weib!‘ schoss es Praiotin durch den Kopf, woher sollte er denn wissen wie Fürchtepraios verschwunden war. Glaubte dieses Frauenzimmer er hätte daneben gestanden und tatenlos zugesehen? „In Anbetracht des angeschlagenen Zustandes, würde ich nicht annehmen das Tempelgardist Malter den unwürdigen Weg durch das Fenster wählen würde. Zumal jeder dessen Sohlen nicht genagelt sind und der keine scheppernde Rüstung trägt, getrost durch die Tür hinausschreiten kann ohne dabei die Schlafenden zu wecken.“ Ob er diese Aussage nun überprüft hatte blieb offen, doch zumindest schien er davon überzeugt zu sein.
Hildegund stutzte bei den Worten des Geweihten. Weil der Dinge von sich gab, die seine praiotische Überheblichkeit mal wieder deutlich machten, ließ sie es sein, den Götterdiener weiter zu bemühen. Bei sich dachte sie: ich muss mit Jolenta sprechen. Ein weiterer Gedanke gehörte ihrem geflügelten Begleiter. Der war nämlich immer noch nicht zurück. Jolenta ebenso wenig, darum ging Hildegund anschließend nach draußen und wartete, bis der Wüstensohn und ihre Base von ihrem Rundkurs zurück waren. Mehr konnte – und wollte – sie im Moment nicht tun.

*

Jolenta fand ihre entfernte Verwandte unter freiem Himmel, wo diese gerade ihr Pferd versorgte. “Gut, dass ich dich finde”, eröffnete die Junkerin neutral, doch Hildegund kannte das Oberhaupt der Familie nur zu gut, um die Anspannung in ihrer Stimme zu missinterpretieren.
“Hast du gut geschlafen”, fragte die Ältere und es war klar, worauf sie abzielte?
"Wie ein blinder, tauber Stein." Auch eine Aussage, die keine weitere Erklärung brauchte. Kurz fuhr Hildegunds Blick über Jolentas Rumpf und dahin, wo diese gestern noch über eine Verletzung geklagt hatte. Leider war es das erste Mal seit Ankunft der Jüngeren, dass beide Zeit für einander hatten. "Was machen die Wehwehchen? Sind da irgendwo noch...Muskeln..., die...durchgeknetet... werden müssen, um nicht mehr verspannt zu sein? Du solltest dir wirklich endlich mal einen Knappen zulegen, der das macht. Aber, falls du möchtest..." bot sie Jolenta ihre Dienste an, bedacht, Worte zu wählen, die einen zufälligen Zuhörer nicht gleich an magische Heilung erinnerten.
Darauf angesprochen schnaubte die Jolenta nur unwillig. “Es geht schon. Das ist jetzt auch unwichtig”, sagte sie mit leicht gereiztem Unterton.
Eindringlich sah die Junkerin Hildegund an und senkte ihren Ton merklich. “Du versicherst mir, nichts mit dem Verschwinden des Mannes und dieser sogenannten ‘Hexe’”, ihr Stimme verriet ihren Zweifel, “zu schaffen hast?”
„Jolenta, jetzt kränkst du mich aber.“ Hildegund zog die Brauen verärgert in die Stirn und duckte sich unter dem Pferdehals hindurch, woraufhin sie sich dem Blick der Junkerin entzog. Der Schimmel-Wallach, den sie für gewöhnlich ritt, schnaubte, als sie ihm mit der Hand Flanke und Kruppe ausstrich. „Ich wollte hier nur auf die Jagd gehen!“ drang ihre empörte Stimme nun von jenseits des Pferdekörpers. Dass die hübsche Edle neben waid- auch männliches Wild jagen wollte, konnte Jolenta ahnen. „Wer ahnt denn, dass ausgerechnet so etwas dazwischen kommt.“
Ihr Kopf tauchte unvermittelt am Schweif wieder auf, von dort sah sie skeptisch zu der Älteren. Auch senkte sie ihrerseits jetzt die Stimme: „Findest du etwa auch, dass das alles reichlich seltsam ist? Und mit alles meine ich alles.“
Die Junkerin blies die Luft stoßartig schnaufend durch die Nase aus. “In der Tat, das tue ich! Und es beruhigt mich ungemein, dass ich nun weiß, dass du nichts, aber auch gar nichts damit zu schaffen hast.” Immer noch klang sie nicht zur Gänze überzeugt. Doch als ihr forschender Blick keine verräterische Regung in der Miene der Jüngeren fand, gab sie sich zufrieden und nickte.
“Gut”, sagte Jolenta dann milde. “Da wir das nun geklärt haben, was denkst du sollten wir unternehmen? Du bist auf diesem Gebiet ja fast sowas wie die Expertin.”
Jolenta konnte Hildegund ansehen, dass sie diesem Umstand ganz und gar nichts Lustiges abringen konnte. Die Edle seufzte stöhnend. „Ich habe Hugin schon nach der Gesuchten ausgeschickt.“ Sie nahm an, dass ihre Anverwandte wusste, dass Hildegund eine, die ihr ähnlich war, nicht so einfach ausspähen und verpfeifen würde. „Er ist seltsamerweise noch nicht wieder zurück und so langsam mache ich mir Sorgen, weil ich ihn nicht erreichen kann. Was mir auch noch Sorgen macht ist aber, dass dieser Mann verschwunden ist, und dass Seine Gnaden nun einen wunderbaren weiteren Grund hat, um diese Frau…“ Sie ließ den Satz unvollendet, streichelte ausgiebig den Kopf des verlässlichen Tieres. Wenn sich jemand Fremdes ihnen näherte, würde sie es an der Regung des Wallachs merken. „Nun, ich habe selbst keine Ahnung, was in diesem Falle richtig ist und was nicht. Aber du solltest folgendes wissen: Während du fort warst haben wir anderen drinnen die Schlafstatt untersucht. Die Sachen des Mannes sind noch alle da. Aber ich habe mir die Fenster angesehen, Jolenta, und genau das beim Bett des Mannes sieht, ich meine, sah so aus, als wäre es vor kurzer Zeit offen gestanden. Nur passt im Leben kein Kerl da durch. …. Menschen… generell schlecht. Du verstehst, was ich meine?“
Der Mund der Junkerin verzog sich zu einem dünnen, fein gezeichneten Strich. Das, was sie da hören musste, gefiel ihr wiederum nicht. Die Sache konnte sehr schnell hässlich werden.
“Sagen wir ich habe Phantasie. Aber das haben andere leider auch.” Jolenta sah kurz zur Seite und vergewisserte sich nochmals, dass sie ungestört waren. “Könntest du so etwas…?” Sie ließ die Frage unbeendet, doch Hildegund wusste, ja sah ihr an, dass sie eine Antwort, eine nähere Erklärung wollte.
Hildegund wand sich unwillig, wie der Schleier ihrer Augen verriet. Jolenta als Oberhaupt der Familie wusste zwar Bescheid über die Madakräfte Hildegunds, doch alle Geheimnisse ihrer Zunft durfte auch eine gute Freundin wie Jolenta nicht erfahren, darum versuchte Hildegund es anders: „Es wäre zumindest möglich, dass …jemand… nachts durch das Fenster hineinkam um eine… Botschaft… zu überbringen. Und mit jemand meine ich jemand wie Hugin.“ Antwortete sie vorsichtig, bevor sie näher auf ihre Bedenken einging. „Ich frage mich nur die ganze Zeit, warum dann der Begleiter verschwunden ist und nicht Seine Gnaden selbst, wenn doch er es ist, der diese… Frau… zwanghaft verfolgt.“ Sie schüttelte den Kopf. „Nein, Jolenta, ich habe zwar auch manchmal zu viel Fantasie, aber für mich passt hier vieles nicht zusammen! Rotes Haar und grüne Augen – so stellt sich der gemeine Alrik eine Hexe vor. Und was machen Hexen im Auge des gemeinen Alrik? Kinder rauben und die Natur mit schändlichen Zaubern belegen, auf dass Bäume und Sträucher wild um sich schlagen.“ Hildegund stöhnte, als sie darauf zu sprechen kam, was die beiden Männer berichteten. Volksmund. Aberglaube. Sicherlich entsprach etwas davon der Wahrheit, jedoch machte ihr Unglauben und ihre Wut deutlich, dass sie sich ungern auf diese Dinge reduzieren ließ. „Sag mir bitte, warum sollte irgendwer ein Kind am helllichten Tag in einer Stadt wie Elenvina entführen, wenn es doch nachts viel einfacher ist? Und warum verschwindet der Begleiter eines“ sie sah sich prüfend um, ehe sie weiter flüsterte, „Praiospfaffen einfach so?“
„Da bin ich ganz bei dir”, erwiderte Jolenta nachdenklich. „Das stinkt bis hinauf nach Alveran.” Die Junkerin schüttelte den Kopf. “Doch ich sehe derzeit nicht wie uns das weiterhilft. Meiner Meinung nach können wir derzeit nur gute Miene zum bösen Spiel machen. Oder was denkst du ist das beste Verhalten?”
Die Jüngere zuckte mit den Schultern. „Hm, ich glaube viel mehr als vorsichtige Skepsis und ein waches Auge dürfen wir nicht zeigen. Seine Gnaden macht nämlich auf mich nicht den Eindruck, als gefiele ihm, wenn man Kritik übt.“ Dabei dachte sie mit bangem Seufzen daran zurück, wie der Geweihte ihr über den Mund gefahren war, als sie nur sagte, sie könne sich nicht vorstellen, dass sein Begleiter die Hütte durch das offene Fenster verlassen habe. „Du weißt, ich muss selbst überaus vorsichtig sein. Wenn aber jemand ernsthafte Zweifel anbringen kann, dann bist DU das, denn immerhin bis DU Junkerin, Ritterin, das Oberhaupt unseres Hauses! Dir wird man eher zuhören – und vor allem auch eher vertrauen! Und damit meine ich nicht nur Seine Gnaden Praiotin.“
Gerade, als sie ausgesprochen hatte, machte der Wallach kopfhebend einen Schritt mit der Vorderhand und die beiden Damen ließen erst die kurz darauf auftauchenden Bediensteten ihre Arbeit tun, bevor sie die Köpfe wieder zusammen steckten konnten. Viel gab es allerdings nicht mehr zu sagen. „Ich werde weiterhin die Augen und Ohren aufhalten – auch nach Hugin – und im Fall der Fälle…“ Sie zögerte einen Moment, denn was sie vorhatte, konnte ihr den Kopf kosten, darum schluckte sie auch schwer dabei. „…bin ich bereit das Meinige zu tun, damit die Gerechtigkeit göttergefällig bleibt.“ Hildegund sah Jolenta eindringlich an: „Versprich mir bitte, dass du das Deinige tust.“
Jolenta nickte. “Wollen wir hoffen, dass das reichen wird!”

*

Als Verema in die Stallungen kam konnte sie mit geschulten Blick schnell die Pferde ihrer Reisegruppe ausmachen. Die stolzen rabensteiner Rösser, ebenso wie das ihre. Nach einer kurzen Suche fand sie auch den Knecht, der ihr noch am Vortag das Pferd abgenommen hatte. Im hinteren Teil der Stallung war er damit beschäftigt einen hübschen Kohlfuchs zu bürsten.

*
Natürlich hatte das mit dem Brief länger gedauert. Es war nicht so, dass Frederun Lechmin nicht gut genug hätte lesen und schreiben können. Ihre Familie war an einer durchaus guten Bildung interessiert gewesen. Aber ihr fehlte einfach die Geduld für umfassende Briefwechsel. Als absehbar gewesen war, dass die Beantwortung des Briefes nicht warten konnte und etwas mehr Zeit in Anspruch nehmen würde, hatte die Ritterin Karline losgeschickt, für diese Nacht um ein Quartier auf der Burg zu bitten und um einen Führer zum Jagdgrund für den nächsten Tag.
Nun waren sie auf dem Weg und ritten in den Wald hinein. „Wir werden mehr als eine Stunde brauchen“, hatte der waldkundige Führer prophezeit und recht behalten: In der Stadt war viel los. Der Wald empfing sie als wohltuend stiller Ort nach dem Trubel in Elenvina und so erreichten sie am späten Vormittag die Jagdhütte.
Dort fanden sich noch ein Bett und ein Platz für Karlines Schlafrolle sowie ein Raufe Heu für die Pferde. Während die beiden schnell ihre Sachen, die sie momentan nicht brauchen würden, ablegten und alles für die Jagd zusammenpackten, erzählte ihnen eine der Bediensteten vom gestrigen Abend, den seltsamen Neuankömmlingen und dem Verschwinden des einen, welches die Spurensuche von heute Morgen ausgelöst hatte.
Frederun schüttelte überrascht den Kopf, sagte aber nichts dazu, es klang recht phantastisch. Als sie beide fertig waren, brachen sie in die gewiesene Richtung auf.
Unterwegs erklärte der waldkundige Führer der jungen Pagin einige Geheimnisse des Spurenlesens, die diese mit der unersättlichen Neugier eines Stadtkindes aufsog.

Auf zur Jagd

Es dauerte kein halbes Stundenglas bis sich die Fährtensucher und Hundeführer samt ihrer Ausrüstung versammelt hatten. Zwei kräftige Hundeführer hielten jeweils drei Schweißhunde an ihren Leinen, während sie auf ihren Rücken Rucksäcke mit verschiedenen Ausrüstungsgegenständen geschultert hatte. Auch die anderen Männer des Jagdmeisters hatten Ausrüstungsgegenstände geschultert, neben einer robusten Klinge an der Hüfte hielten sie jeweils einen Stoßspeer locker in der Hand. Etwas Abseits wartete die junge Pagin auf ihren Herrn, um diesen seine Waffen für die Jagd auszuhändigen. Eine schwarze Klinge, mit einer nicht minder prächtigen Scheide, die den Herrn Firun und seine heilige Jagd huldigten und seinen Bogen samt gefüllten Köcher.
Als der Jagdmeister aus dem Haus kam hatte er das verschmutze Unterzeug des Vermissten in den Händen und trat vor die Jagdgesellschaft. „Meine edlen Damen und Herren es freut mich das wir nun zur Jagd aufbrechen können, auch wenn wir leider einer anderen Beute nachstellen. Meine Herren, wenn ihre Hunde den Duft des Gesuchten aufgenommen haben, führen sie diese bitte einmal um das Lager herum.“ Begierig schnupperten die Schweißhunde an dem Rüstzeug und warfen sich sogleich voll Tatendrang in ihre Leinen, sodass ihre Führer auch sogleich mit ihnen die angeordnete Runde begannen. Derweil wandte sich Basin an die verbliebenen: „Sobald die Hunde eine Fährte aufgenommen haben, würde ich die Gesellschaft bitten gemeinsam der Spur zu folgen. Meine Fährtenleser und ich werden die Gruppe mit einigem Abstand auf beiden Seiten flankieren und noch weiteren Spuren Ausschau halten.“ Das Unterzeug auf dem Tisch ablegend schnallte er sein Schwert auf den Rücken, machte seinen Köcher an der Hüfte fest und nahm dankend seinen Bogen zur Hand eh er sich wieder umdrehte. „Gibt es noch Fragen?“
„Ja. Was tun wir, wenn wir einen der beiden Gesuchten auffinden und irgendwie, hm, nunja, etwas im Spiel ist, gegen das man nicht einfach mit Klinge, Pfeile, Bolzen oder Überredungskunst ankommt? Magie zum Beispiel.“ Hildegunds Frage war eher an den Geweihten des Herre Praios adressiert, sie blickte aber in die gesamte Runde. „Und werden wir uns als Gruppe ebenfalls aufteilen? Oder ist es gewollt, wie bei einer Treibjagd durchs Holz zu pflügen?“
„Meine Hundeführer kennen sich in diesem Forst aus. Sollte die Fährte durch dichtes Gehölz führen, wird einer von ihnen – sofern möglich – eine alternative Route aufzeigen und der andere der eigentlichen Fährte folgen. Ansonsten edle Dame, haben weder meine Leute noch ich Einfluss auf den Verlauf der Fährte des Gesuchten. Wollen wir ihn finden, müssen wir wohl oder übel seinen Spuren folgen.“ Beantwortete der junge Richtwalder die Frage Hildegunds. Insgeheim fragte er sich dabei jedoch, was einige Adlige von einer Jagd erwarteten? Man folgte den Spuren um das Beutetier zu stellen, wich man von der Fährte ab, war es wahrscheinlich, dass man sie nicht wiederfand.
Alternative Route? Danach hatte sie doch gar nicht gefragt. Aber schön, wenn man sie für dämlich hielt, ließ sich das eine oder andere dann doch vielleicht eher bewerkstelligen. Dabei fragte sie sich, ob der junge Baron zu Vairningen den Anfang ihrer Frage bewusst ignoriert oder einfach nur nicht richtig zugehört hatte. Viele Jagden innerhalb von Adelskreisen hatte der ja noch nicht ausgerichtet, so jung wie er war.
Hildegund stellte – nicht ohne Hintergedanken – ihren unbeantworteten Frageteil noch einmal, diesmal aber direkt an den Praios-Diener: „Euer Gnaden, sagt, was können wir tun, um uns vor der verderbten Magie dieser…Frau… zu schützen? Ist das überhaupt für unsereins möglich?“
Abschätzig blickte der Praios-Geweihte auf Hildegund. Gleichermaßen sprach sein Blick von seiner Geringschätzung für Frauen, wie auch für Leute die ihn – wie er befand – mit dummen Fragen daher kamen. „Vertraut auf die Richtigkeit Eures Tuns im Dienste der praiosgewollten Ordnung und den Beistand des Götterfürsten. Ansonsten solltet ihr sie daran hindern euch mit ihrer Magie zu belegen und bevor ihr fragt wie, sorgt einfach dafür, dass sie tut, was sich für ein verderbtes Weibsbild wie sie gehört - sorgt dafür, dass sie schweigt!“ Dabei war recht offensichtlich, dass der Geweihte ein endgültiges Schweigen präferierte.
Lares zog bei den Worten des Praioten die Augenbrauen hoch. Also so ein Geweihter war das. Lares präferierte eindeutig die, die der anderen Seite Möglichkeit zur Stellungnahme einräumten, bevor sie sie richteten. Er flüsterte Hildegund zu: "Ich habe in der Wehrhalle ein Gebet zur Abwehr des widernatürlichen Madafrevels gelernt. Wenn Ihr euch so sicherer fühlt, werde ich es euch beibringen."
Kurz zögerte Hildegund. Abwehr – das klang gefährlich. Andererseits: es war nur ein Gebet. „Was passiert, wenn man es spricht?“ flüsterte sie interessiert zurück.
Lares schaute kurz verdutzt und kam dann ins Grübeln. "Meine Lehrmeister erklärten mir, dass sich durch dieses Gebet der Geist wappnen soll und unser natürlicher Funke der Sonne, der uns die Herrschaft über den eigenen Geist gewährt, gegen Einflüsse von außen gestärkt würde. Wer nur fest genug an den Schutz des Herrn PRAios glaubt, der erhält seinen Beistand. Aber natürlich ist das nicht zu vergleichen mit den machtvollen Gebeten, mit denen die Geweihten der Zwölfe die Macht der Götter auf Deren herabholen."
Den Geist wappnen. Nun, so etwas konnte nie verkehrt sein, denn es gab ja nicht nur schlechte Magie, sondern auch schlechten Einfluss! Ihr Blick glitt bei diesem Gedanken einerseits bang, andererseits skeptisch zu dem Götterdiener, der sich hier wie ein Inquisitor aufspielte. Für Lares sah es natürlich so aus, als betrachte sie Seine Gnaden Praiotin, weil dieser der einzige war, der hier die Macht der Götter herabrufen konnte. „Euer Schwertvater muss stolz auf euch sein. Hört mal, ich … würde mich freuen, wenn so ein kluger, götterfürchtiger Kämpe wie ihr an meiner Seite bliebe, damit ich im Fall der Fälle auf Euer Angebot zurückkommen kann.“ Raunte die Edle dem Knappen ohne Herrn zu und lächelte dabei mädchenhaft.
Der junge Adlige musste sich räuspern. Damit hatte er jetzt nicht gerechnet. Wo der Ernst der Situation - aber nein, dies war ja gerade die Reaktion der Dame auf die Bedrohung! Er fasste sich wieder und neigte den Kopf zu Seite, Hildegund leicht entgegen. Seine sonst so misstrauische, aufdringliche Art kam bei ihr einfach nicht zum Zuge. "Ihr schmeichelt mir. Aber das ist meine Pflicht! Diese werde ich gerne erfüllen und Euer Schild sein."
„Ich danke euch.“ Sie fand es nicht verkehrt, den jungen Mersinger in ihrer Nähe zu wissen.

Thalissa meldete sich mit einem kurzen Handzeichen zu Wort. „Euer Hochgeboren, Euer Gnaden, dem vorgeschlagenen Vorgehen entnehme ich, dass Ihr der Meinung seid, die Spur des Verschwundenen führt uns auch zu der gesuchten Frau. Oder liege ich da falsch?“ Ihr Gesicht verriet keine andere Regung als milde Neugier bei dieser Frage.
Es der Richtwalder der als erstes Antwortete. „Auch wenn es der Wunsch seiner Gnaden war die Hexe zu stellen, so musste er sich leider der Wahrheit beugen das wir für diese Hatz keine Fährte haben. Wir werden aus diesem Grund der Spur des Herrn Malter folgen und ihn hoffentlich ausfindig machen. Mit etwas Glück stehen die Fälle im Zusammenhang und wir können eine neue Fährte ausmachen.“ Das Gesicht des Praios-Geweihten zeigte dabei deutlich wie unzufrieden er mit diesem Umstand war.

Hexen- statt Hirschjagd. Wann war die letzte Jagd bezüglich des Wildes so verlaufen, wie sich das der Jagdherr gedacht hatte? Der Rabensteiner zuckte innerlich die Achseln, während er gedanklich die letzten Jagdgelegenheiten durchsuchte. Wenn mehr als zwei Adlige an einem Ort zusammenkamen, schien das Durcheinander eingeladen und fröhliche Zustände zu feiern. Er wies seine beiden Paginnen an, der Junkerin Bescheid zu geben, auf dass diese sich der Gruppe anschlösse, und ließ sich von den Kindern deren Ausrüstung zeigen, um sicherzugehen, dass sie nichts Wichtiges vergessen hatten. Bei dieser Hatz würde es voraussichtlich keinen Platz für lehrreiche Selbsterfahrungen geben - aber eine durchaus erhöhte Wahrscheinlichkeit, mit weniger Gefolge in aus dem Wald zurückzukehren, als er mit hineingenommen hatte. Und seiner aufgebrachten Gemahlin zu erklären, warum es notwendig und wünschenswert war, einem unversehens in neuer Form gestrandeten Maulwurf wieder menschliche Form zurückzugegeben oder ein sonst wie verhextes Wesen zu kurieren, dies gedachte er zu vermeiden. Dennoch – lehrreich wäre eine solche Erfahrung für das Jungvolk gewiss. Er lud sich seine Armbrust auf den Rücken und steckte zwei mit Schlafgift präparierte Bolzen in seinen Köcher. Bei der Jagd auf Zweibeiner hatten diese sich schon mehr als einmal als Nützlich erwiesen. Schweigend wartete er in der Nähe der Hundeführer, bis die Meute die Spur aufgenommen hatte.
"Muss ich da wirklich mit, Baron? Das ist, glaube ich keine so gute Idee, ich würde nur stören." Verema behagte die Aussicht, zu Fuß im Wald eine Hexe zu jagen, die zuvor schon zwei Geweihte genarrt hatte, gar nicht verlockend. "Es ist vielleicht besser, wenn ich bei der Hütte bleibe, vielleicht kommt der verletzte Kerl ja zurück." Sie schien die Vorstellung in Gedanken weiterzuspinnen. Vielleicht kam er zurück und war nicht alleine.... "Wartet! Andererseits gibt es sicher einen guten Grund, warum Ihr mich mitnehmen wollt." Brav folgte sie den anderen.
Der Baron folgte den Gedankengängen der Junkerin mit Wohlwollen. „Sehr schön, Wohlgeboren. Es freut mich, dass Ihr Euch uns anschließt.“ Nicht, dass er sie allein zurückgelassen hätte. „Wir lassen die Bediensteten hier – das wird reichen, sollte der … Beschützer Seiner Gnaden zurückkehren.“ Er betrachtete die Junkerin. „Ihr bleibt in meiner Nähe.“ Sicher war sicher.

*

Die Hunde hatten inzwischen das Lager umrundet, zur Überraschung hatten sie sich an jener Stelle versammelt, an der Fürchtepraios und der Geweihte am Vorabend aus dem Wald gebrochen waren. Während die Jagdgesellschaft dem Duft folgte, betraten Basin von Richtwald und seine Fährtenleser mit einigem Abstand zu beiden Seiten den Forst. Bellend und schnaufend zogen die Schweißhunde durch den Wald und wo immer sie vorbeikamen schwand die erholsame Ruhe und kehrte erst wieder, als sie vorübergezogen waren.
Der Rabensteiner hatte seine Armbrust gespannt und sie sich griffbereit umgehängt. Er schätzte diese Schleicherei zu Fuß überhaupt nicht, fast ebenso wenig wie den Drang der Gruppe, alles und jedes zu Kommentieren. Glücklicherweise hatte sich nun, da die Jagdgesellschaft endlich in Bewegung gekommen war, ihr Drang zur Unterhaltung gedämpft. Aufmerksam musterte er den Wald beiderseits des Weges und den Grund vor den Jägern, vorsichtiger, als er dies bei der Jagd auf vierbeiniges Wild getan hätte. Die Möglichkeiten einer Hexe waren unheilvoll vielgestaltig, eine Sache, die er zu seinem Grimm seit Jahren unter die Nase gerieben bekam und die nicht dazu beitrug, seine Langmut und Gnade in dieser Hinsicht zu befördern. Er tauschte einen Blick mit Jahman, genug, um dessen Einschätzung der Umgebung zu erfahren.
Die Galebbfurtener Junkerin lief kurz hinter und leicht seitlich versetzt zum Baron von Rabenstein. Ihr Gang war noch nicht wieder so leicht und federnd, wie sie es trotz ihres Alters immer noch von sich selbst gewohnt war, doch konnte sie zumindest ohne größere Schmerzen mit den anderen mithalten. Das spannen ihres Bogens, welchen sie nun beständig in der Rechten hielt, war jedoch unangenehm. Die Spannung die der Oberkörper hierfür aufbringen musste, hatte sie beim Ausprobieren vor dem Aufbruch das Gesicht verziehen lassen.
Da sich der Aufbruch wohl noch etwas hinauszögerte, nutze Verema die Chance, etwas zu fragen. Sie wandte sich sowohl an den Rabensteiner als auch an Jolenta. "Hochgeboren, Wohlgeboren. Ich habe mit Hexen so gut wie keine Erfahrung, außerdem nur Dolch und Bogen und bin nicht sehr widerstandsfähig gegenüber magischen Einflüssen, um es kurz zu fassen. Ich bin um jede Hilfe und jeden Rat dankbar, wie ich mich am besten verhalten soll oder was ich tun soll, wenn ich eine Hexe treffe."
Der Einäugige warf ihr einen überlegenden Blick zu. „Stellt Euch nach Möglichkeit nicht in die erste Reihe, seht ihr nicht in die Augen – und schießt im Zweifelsfall zuerst.“ Einige Augenblicke später setzte er hinzu. „’fast’ keine Erfahrung? Und wie sieht es mit Euch aus, von Galebfurten?“
Unweigerlich lachte die Junkerin auf, nur kurz, doch herzhaft und glockenhell. “Eure Hochgeboren, ich enttäusche euch nur ungern, aber die letzten Götterläufe verbrachte ich am Hofe zu Galebbogen und vertrat meinen Lehnsherrn als Vögtin. Ich hatte Praios sei es gedankt lediglich Umgang mit Beamten, Höflinge und Hofdamen. Wenn ihr mich fragt davon aber über alle Maßen- zu viel. Seit dennoch gewiss, ich habe nicht verlernt wie ich meinen Reitersäbel halte und auch nicht, wie ich damit umzugehen habe.”
„Ah ja.“ Kurz blitzte etwas in dem verbliebenen Auge des alten Barons auf. „Soll ich Euch nun beglückwünschen – oder bemitleiden?“
"Das sei ganz euch überlassen Hochgeboren. Wisset aber, dass Roklan von Leihenhof mir unmissverständlich deutlich machte, dass mein Platz in der Heimat sei, während er dem Herzog folgte. Es war schlicht nicht meine Entscheidung.
Darüber hinaus ist euch sicher bekannt, dass der Feldzug auch ein Mitglied meiner Familie das Leben kostete."
“Ich werde das Opfer Eurer Familie nicht missachten.” Genug Blut und Tod war ihm auf dem Feldzug begegnet – genug von ersterem hatte er selbst vergossen. “Schätzt es nicht gering, dass Ihr die Ordnung hier aufrechterhalten habt.”
Kurz musste Jolenta überlegen. ‚War das eine Art Lob gewesen?‘ Sie konnte nicht verhindern, dass Verwunderung über ihre Miene strich, doch dann nickte sie lediglich nüchtern und schloss somit mit dem Thema.
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Sich kräftig in die Leinen werfend zogen die Schweißhunde ihre Führer tiefer in den Wald. Auf Wege oder ähnliches nahmen sie keine Rücksicht, was der Jagdgesellschaft nicht zwangsläufig zum Vorteil gereichte. Die eine oder andere übersehene Wurzel, führte zum Straucheln. Aus dem Weg gedrückte Äste peitschten dem Hintermann gegen Leib oder ins Gesicht. So verging knapp ein halbes Stundenglas, eh sie auf einen Wildwechsel einschwenkten. Über den Lärm der Hunde gab es lange nichts anderes zu hören oder zu sehen. Längst hatte das Wild die Flucht ergriffen, lange bevor die Gesellschaft auch nur in ihrer Nähe war.
Auch die Jäger die sich links und rechts von der Hauptgruppe in den Wald begeben haben, sah die Gesellschaft nichts. Erst nachdem sie bereits fast ein Stundenglas lang über verschiedene Wildwechsel gelaufen sind, wurden sie über deren Anwesenheit wieder gewahr. Als plötzlich ein Rudel Hirsche aus dem Unterholz brach und den Weg kreuzte. Wahrscheinlich hatte einer der Jäger sie aufgeschreckt.
Der Knappe dachte bei sich, wie schade es war, dieses wertvolle Rotwild ziehen lassen zu müssen. Jetzt ein solches Tier zu erlegen würde ihre eigentliche Hatz nur unnötig verzögern und die letzten Spuren, den letzten Anhalt sicherlich zu Nichte machen. Er wandte sich seiner schönen Begleiterin zu, die er seit ihrer Bitte nicht mehr aus den Augen gelassen hatte und für die er dafür sorgte, die lästigen Äste und Zweige abzufangen, bevor sie sie trafen. „Das wäre jetzt prachtvolle Jagdbeute gewesen. Deswegen bin ich hier eigentlich angereist.“, murmelte er leise. Seiner eigenen Worte gewahr setzte er dann allerdings schnell hinzu: „Aber jetzt haben wir ja ein noch ehrenvolleres Ziel, nicht wahr?“ Noch war er sich selbst nicht sicher, ob er sich damit nicht anlog – und war die Lüge nicht der größte Frevel vor dem Herrn der Sonne?
Jahman schätzte die Gefahr entweder völlig anders ein als die anderen Mitglieder der Jagdgesellschaft oder er war sich seiner Sache sehr sicher: Er hatte seinen Kompositbogen nicht gespannt und seinen Khunchomer ebenso (oder ebenso wenig) griffbereit wie auf der Reise.
Er nahm von Zeit zu Zeit die Blicke des Rabensteiners auf und beobachtete ansonsten die Umgebung, auch dem Luftraum. Er bewegte sich mit der Gesellschaft, jedoch so weit von den Hundeführern entfernt, dass diese seine Wahrnehmung nicht zu stark beeinträchtigten. Ab und zu nahm er einen abgeknickten Ast wahr, auf den er wortlos mit dem Finger hinwies. Als er einen Stofffetzen fand, nahm er ihn an sich und hielt ihn hoch, um den anderen „Verfolgern“, auch denen, die sich nicht in der ersten Reihe befanden, das Auffinden anzuzeigen. Als mal wieder unnötig Geräusche verursacht wurden, raunte er: „Für gute Verfolger sind wir eindeutig zu laut“. Mit Blick auf Lares fügte er hinzu: „Und lassen uns zu leicht ablenken“.
Für Hildegund ging es lange schon nicht mehr ums Jagen. Es ging hier nur noch um Macht. Machtdemonstration und Dagegenhalten. In welcher Art beides auch immer geschah, es würde nicht gut ausgehen, dessen war sie sich fast sicher. Ob nun ihr Vorhaben oder das Ziel ehrenvoll war, überließ die Edle anderen zu beurteilen. Sie genoss auch Lares Aufmerksamkeit – schließlich war es immer praktisch, jemanden zu haben, der einem den Weg ebnete – doch bereitete ihr diese Hatz zu viele Sorgen, als dass sie viel an Worten verlor, während sie selbst die Augen nach allen Seiten aufhielt. Mit ihrer Armbrust in der Hand und dem Knappen des Allwasservogts bildete sie alsbald das Schlusslicht.
Auf das Geplänkel hätte verzichten können – doch war bei diesem Massenauflauf die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Hexe auf den Trupp längst aufmerksam geworden war und sich bemerkbar machen würde – auf die eine oder andere Weise. Noch nicht jetzt.
Der Baron beschränkte sich darauf, seine Begleiter und den Wald zum sie herum im Auge zu behalten und tauschte gelegentlich einen Blick mit Jahman, dessen Aufmerksamkeit in solchen Dingen er sehr vertraute. Wenn hier etwas ungewöhnlich war, würde der Novadi es als erster bemerken.


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Unnachgiebig trieben die Hunde an, auch wenn ihnen selbst die Kraft versiegen würde, galt ihre gesamte Aufmerksamkeit in diesem Augenblick nur einer einzigen Aufgabe. Zu finden, was am Ende dieser Fährte auf sie wartete. Als sie schließlich einen kleinen Bachlauf erreichten waren es letztlich die beiden Hundeführer, die der Gesellschaft eine Pause verschafften. Ein kurzer Blick zwischen den Beiden genügte und einer von ihnen verkündete, dass sie hier eine Rast einlegen würden. Mit Sicherheit konnte es bereits um die Mittagsstunde sein, durch das dichte Blätterdach fehlte es jedoch an Gelegenheit den Sonnenstand und somit die Tageszeit zu erfahren. Einzig die schmerzenden Füße und der leere Magen vermochten ein Indiz dafür zu sein.
Fröhlich und verheißungsvoll sprudelte das kühle Nass hier über den Waldboden, hatte sich sogar ein flaches Bett hineingegraben. Ein Stück entfernt nutzen die Hunde bereits die sich bietende Chance und labten sich am erfrischenden Wasser. Nur wenig später traten zwei der Jäger aus dem Dickicht und brachten sogar einige erlegte Tiere mit die über einem eilends entzündeten Feuer geröstet wurden. Wie sich zeigte würde diese Pause etwas längere Zeit andauern, ein Umstand der den Diener des Lichts nicht zu erfreuen schien. Mehrfach redete er auf ihre Fährtenleser ein es gäbe keine Zeit zu vertrödeln, doch diese blieben stur und hielten sich an ihre Anweisungen. Da der Jagdmeister selbst jedoch nicht ins Lager kam, blieb dem Geweihten nichts anderes übrig als sich missmutig dessen Wünschen zu beugen.
Nachdem alle etwas gegessen, sich erfrischt und etwas getrunken hatten ging die Suche weiter. Das Feuer wurde sorgfältig gelöscht, die beiden Jäger verschwanden wieder im Wald und die Hundeführer nahmen ihre Tiere wieder in die Pflicht. Dieses Mal achteten die erfahrenen Jagdbegleiter darauf häufiger kleinere Pausen einzulegen, was das Vorankommen augenscheinlich verlangsamte, jedoch waren die Leute auf diese Weise konzentrierter, über sahen weniger Wurzeln und waren auch allgemein besser bei Kräften.
Die zweite Pause war soeben nach nicht einmal fünf Minuten beendet worden und lag kaum halb solange zurück als die Meute zum Stehen kam. Eine erste für alle ersichtliche Spur! Ihre Bedeutung jedoch mussten die Jäger erst besprechen. Gleich mehrere Äste waren abgeknickt, an einem hing noch ein Streifen Stoff und ein feiner Film Blut war an einem der Äste heruntergelaufen. Was hier geschehen sein mag, ließ sich nur schwer erahnen, vermutlich jedoch hatte man hier gerungen, viel wichtiger jedoch war, dass sich die Spur hier gabelte.
Jahman entdeckte Spuren auf dem Boden und hielt mit Handbewegungen alle zurück, die sich gerade anschickten, die Spuren zu zertrampeln. Als er darüber hinaus einen Stofffetzen wahrnahm, wies er mit dem Zeigefinger auf diesen hin und schnippte mit Daumen und Mittelfinger. Den deutlichsten Fußabdruck, den er finden konnte, glich er mit dem Schuh des Gesuchten ab, den er immer noch bei sich trug. „Passt“, stellte er bestimmt fest und blickte dem Rabensteiner ins Auge. Er versuchte auch gleich, das Alter der Spur abzuschätzen, behielt dies jedoch zunächst für sich. Dann glich er die anderen Spuren am Boden ebenso und mit demselben Ergebnis ab, wobei er sorgsam darauf achtete keine Spuren unleserlich zu machen. Er blickte ernst in die Runde und frug: „Gegen wen hat unser Überraschungsgast vom gestrigen Tage hier gekämpft?“ Spitz fügte er die Antwort hinzu: „Offenbar gegen jemanden, der es nicht für notwendig erachtet hat, den Boden zu berühren.“ Zuguterletzt glich er den Stofffetzen noch mit den Spuren ab, die bislang gefunden wurden.
Wie unangenehm, man würde sich aufteilen, und wie Verema ihre beiden alten Herren kannte, würde Jahmann sofort eifrig der Spur folgen, der Rabensteiner natürlich hinterher und sie mit sich schleppend, verbal. Die ganze Zeit wich dieses unbehagliche Gefühl nicht von ihr. Als würde sie etwas aus dem düsteren Wald beobachten, gar darauf warten, dass sie ihm nichtsahnend in die Arme lief. So flüsterte sie dem Baron entschieden zu. "Lucrann, den Weg da gehe ich nicht, schon gar nicht mit dem Geweihten. Lasst uns warten, horcht mal, mir ist so unheimlich. Ich glaube nicht, dass es daran liegt, dass ich keine Kriegerin bin. Und ich bleibe bei Euch. Was nutzt mein Bogen, wenn mich was von hinten anfällt? Und mit dem Dolch bin ich noch nicht schnell genug."
„Natürlich werden wir beobachtet.“ Die Seelenruhe, mit der der Rabensteiner das Offensichtliche feststellte, war kein Labsal für Veremas aufgewühltes Gemüt. „Seit einigen Stunden.“ Er rieb sich über seine schmerzenden Knie und verfluchte insgeheim den eiligen Fußmarsch. Die Blöße, zurückzufallen, würde er sich jedoch nicht geben. „Vermutlich ihr Begleittier.“ Gefiederte Spitzel waren nützlich – leider in beiderlei Richtung, und sie verfügten bei diesem Anlass nicht darüber. Blieb nur zu hoffen, dass die Zuverlässigkeit dieses Wesens irgendwann nachließ. „Hoffentlich ein Tier. Sie selbst wird uns kaum im Dickicht hinterherkriechen.“ Und so es eine Hexe war, würde sie – hoffentlich – keinen Dämon beschwören. Wenngleich er sich da alles andere als sicher war. „Wir folgen Jahman.“ Er nickte seinem Begleiter zu. Umso schneller würde diese elendigliche Hatz ihr Ende finden.
Die Junkerin kannte den Baron besser, als es ihm lieb war, so war ihr etwas nicht entgangen. "Ihr kennt Euch gut mit Hexen aus, in einem privaten Moment müsst Ihr mir mal davon berichten. Ich folge Euch weiter." Sie streckte den Rücken und dehnte sich. "Ich weiß, ich bin nur eine Last für Euch, doch könnten wir etwas langsamer gehen? Mir schmerzen Rücken und Bauch, zu Pferd wäre es sicher nicht so." Es war nur die halbe Wahrheit, doch sie wollte ihm eine Chance geben.

Der Rabensteiner verharrte und betrachtete seine Begleiterin mit einem nachdenklichen Blick. „Meint ihr, ihr schafft es, bei der Gruppe zu bleiben? Es wäre ungeschickt, jetzt zurückzufallen.“ Er schwieg einen Augenblick und setzte dann hinzu. „Doch wenn ihr gar nicht mehr könnt, werde ich zusehen, dass ich und einer der Jäger Euch zurückbegleiten.“ Was ihm keinesfalls schmeckte – das Jagdfieber hielt auch ihn in ihrem Bann, wie sie wohl wusste – trotz allem. Oder gerade deshalb.
Innerlich rollte sie die Augen. Dieser sture Kerl wollte es nicht anders haben. "Hochgeboren, Eure Worte sind mir eine Lehre, keine Schwäche zu zeigen. Ich bleibe bei Euch. Lasst uns etwas schneller gehen, wir sollen nicht meinetwegen zurückfallen." Sollten seine Knie doch knarzen, das wäre jetzt sein Problem.
Jahman achtete nicht auf irgendwelches Geflüster und wies auch auf die Abdrücke nackter Füße hin: „Die hier sind höchstens zweimal neun Stunden alt“. Er hielt den Schuh hoch und führte weiter aus: „Die anderen Abdrücke sind eher vor zwei Tagen entstanden“. Dann wies er nochmal auf den Stofffetzen hin: „Das ist ein Rest des Verbandes vom gestrigen Tage“. Jahman versuchte sogleich, herauszufinden, in welche Richtung der Barfüßige den Platz verlassen hatte, damit die Hunde die Gesellschaft nicht zurück zur Hütte führten.
Jolenta war indes sehr wortkarg entlang des Weges. Sie hatte Mühe die Geschwindigkeit der anderen mitzugehen aufgrund der Verletzung vom Vortag. Ihr Stolz gebot ihr trotz der wieder aufkeimenden Schmerzen keine Miene zu verziehen. Die Anstrengung war ihr dennoch in Form einer ständig schweißnassen Stirn anzusehen.
Es war richtig gewesen sich der zweiten Gruppe anzuschließen und die zusätzliche Pause in Anspruch zu nehmen, befand die Junkerin im Stillen bei sich, auch wenn sie lieber ihrem Naturell und Ehrgeiz entsprechend weiter mitgelaufen wäre. Doch hätte sie dort wohl kein gutes Bild abgegeben. Dass sie nicht wusste, was in der Gruppe um den selbstgefälligen Praios-Geweihten vor sich ging beunruhigte sie allerdings, das musste sie sich eingestehen.

Leg dich nicht mit Hexen an

Während die bunte Jagdgesellschaft, angetrieben von den fleißigen Nasen der Schweißhunde und dem steten Vorwärtsdrang Seiner Gnaden Praiotins, den Forst durchpflügte, ließ sich Hildegund mehr und mehr zurückfallen. Die Pirsch war anstrengend, denn der Wald war dicht und das Unterholz nicht wirklich vergleichbar mit dem höfischen Parkett, auf dem die junge Edle sich sonst bewegte. Sie war alles andere als trittsicher. Immer wieder stolperte sie über Wurzeln am Boden. Lares, der ihr dann stets galant und helfend die Hand reichte, belohnte sie dankbar mit ihrem strahlendstem Lächeln. Er merkte Hildegund deutlich an, dass es ihr bald regelrecht peinlich war, den Anforderungen dieser Jagd nicht entsprechen zu können, oder zumindest nicht so, wie sie es wohl gerne gehabt hätte: zuerst überspielte sie die Stolperer mit Lächeln, als ihre Kräfte sichtbar nachließen das Stöhnen, und zuletzt merkte der Knappe der Edeldame an, dass sie ihre Mühe hatte, weil sie leise über diesen Umstand anfing zu fluchen.
„Ist euch nicht wohl?“, fragte der Knappe etwas hilflos. Die Probleme, die Hildegund mittlerweile hatte, der Kompagnie zu folgen, waren nicht an ihm vorbeigegangen. „Wollt Ihr Rast machen oder soll ich die Hundeführer bitten, etwas langsamer voranzugehen – soweit die Hunde folgen?“ Sicher machte ihr der Schrecken des Vortags noch zu schaffen! Sie konnte keinesfalls erholsam geruht haben.
Atem holend lehnte sich Hildegund an einen Baumstamm, fuhr aber beim Vorschlag des Knappen entsetzt auf: "Nein! Nein, das... Ich möchte nicht den Erfolg der Jagd ... von mir ... abhängig machen," Sie schüttelte den Kopf. "Lares, ihr seid besser zu Fuß als ich. Bitte springt kurz zu meiner Base vor, der Junkerin Jolenta, und sagt ihr, dass ich nur einen Augenblick rasten muss.... Sie sollen keineswegs auf mich - uns - warten! Dafür ist die Suche zu wichtig!!... Und falls sie Bedenken hat wegen dem Hexenweib... Ihr habt euer Schwert, könnt damit umgehen,... und ich dieses Schätzchen hier, mit dem Ich gut umgehen kann." Sie klopfte hoffend, dass ihr Einsatz nicht von Nöten sein würde, auf ihre kurze Armbrust. Hildegund hatte, bevor sie in den Wald aufbrauchen, einen Bolzen eingelegt und erzählt, als Hofdame habe sie zwar nicht den Gebrauch von Klingenwaffen erlernt, aber das Schießen, und bei anderen Jagden schon oftmals Vögel vom Himmel geholt. "Außerdem wisst ihr ja, wie man dieses Gebet spricht..." fügte sie hinzu, dabei blickte sie dem jungen Mann vertrauensvoll entgegen.
„Ich halte das für keine gute Idee, meine Dame. Schon seit einer Weile habe ich das Gefühl, das uns etwas – nun ja – folgt? Meines Erachtens wartet da jemand nur darauf, dass wir uns trennen, um uns einzeln anzugreifen. Ihr mögt zwar Recht haben, wenn Ihr sagt, dass ich an dem Schwert ausgebildet bin, aber gegen Zauberkraft brauchen wir, so fürchte ich, mehr Schwerter.“ Einen Moment lang betrachtete er die gutaussehende junge Dame, die mit dem Atem rang. Hätten sie nur ein Pferd! Aber in diesem dichten Wald wäre das garantiert untauglich. Die Gruppe war in der Zwischenzeit weitergeeilt, schon tat sich eine kleine Lücke auf, in die der Wald unwillkürlich zu kriechen schien. „Hildegund, bitte verzeiht meinen Vorschlag; keinesfalls möchte ich Euch an Eurer Ehre kränken, aber: Ich könnte euch auf meinem Rücken ein Stück des Wegen tragen, bis ihr wieder zu Kräften kommt…“ Als der Gedanke seinen Mund verlassen hatte schoss ihm das Blut in den Kopf. Verdammt, da war die Zunge einmal wieder schneller als das Gehirn.
"Damit auch Ihr an Kräften verliert, die vielleicht noch von Nöten sein könnten?... Nein Herr Lares... So wichtig bin ich nicht." Hildegund lachte tapfer auf, sie schien aber nicht sonderlich glücklich mit der Situation. Zeit, sie brauchte etwas Zeit. Einen klaren Kopf. Und einen Taktikwechsel. Lächelnd streckte sie daher im nächsten Moment eine Hand aus und strich ihrem jungen Gegenüber fast liebevoll über die Schulter. "...aber euer selbstloses Angebot meinetwegen macht euch zu einem ehrvollen Mann. Ihr seid... habt ein wunderbares... Herz. Und ich bin sehr froh euch gerade an meiner Seite zu haben,...hier nicht allein zu sein,... Lares!" Einen Herzschlag lang blieb Hildegunds Hand auf der Schulter des Mersingers liegen - eine kleine feine streichelnde Bewegung ihres Daumens, kaum merkbar - blicke ihn die hübsche Edle an. Fast konnte Lares meinen, dass ein unausgesproches Angebot, etwas, das aber mit dem Leuchten in ihren Augen einherging, auf ihren leicht geöffneten vollen Lippen stand, ehe sie den Blick senkte, den vielleicht ein wenig zu direkten Kontakt brach und sich - beschämt? - das Haar hinters Ohr schob.
Anschließend wandte sie sich um und sah in Richtung der verschwindenden anderen. Noch hörte man Holz knacken, Laub rascheln, vor allem aber sah man die Schneise, die von einer guten Handvoll Leute getreten worden war. Sie war zwar nicht breit und es war auch nicht alles aus dem Wege geräumt, jedoch konnte man trotzdem den Pfad vieler Füße nachvollziehen.
Sie seufze noch einmal, wandte sich dabei wieder dem Knappen zu: "In Ordnung... Lasst mich kurz noch verschnaufen... Etwas trinken," Sie ließ die Armbrust sinken, griff stattdessen ihren Wasserbeutel. "...und dann können wir gern... uns wieder aufmachen." Und dabei lächelte sie noch einmal, raffte sich aber gequält pflichtbewusst.
„Hmm“, seufzte der Knappe – einerseits vollkommen aus der Fassung gebracht, andererseits ausnehmend besorgt um die Edeldame. Man hatte ihm in seiner Knappschaft sehr wohl gelehrt, dass das Wohlergehen einer solchen Dame ein eigenständiger Wert an sich ist. Eine weitere Motivation hätte es nicht mehr gebraucht. So aber war der junge Heißsporn nicht mehr zu bremsen. Diese Frau brachte ihn um seinen wohlgehüteten Verstand. Das sonst an ihm krankhaft nagende Misstrauen prallte an dieser Person einfach ab. „Ich. Ihr. Ähm.“ Er wandte sich einen Moment ab. „Nehmt Euch so viel Zeit wie Ihr braucht. Wir holen die Anderen schon wieder ein. Für den Notfall habt Ihr meinen Schwertarm.“ Demonstrativ legte er die Hand an den Griff seiner gegürteten Waffe. Dabei blickte er sich jedoch immer wieder um. Jetzt nicht auch noch abgelenkt sein. Wäre er auf sich allein gestellt, müsste er die Augen besonders offenhalten.
Hildegund trank einen schnellen Schluck aus dem Wasserschlauch, während sie sich umsah. Zum einen in die Richtung, in die die anderen davongespurtet waren - nur noch leise hallten ihre Schritte durch den Wald, das war gut, denn das hieß, der Abstand vergrößerte sich - zum anderen in die nähere Umgebung, auf den knorrigen Ast auf dem Boden, auf Lares, der sich irritiert durch ihr Bezirzen von ihr weggedreht hatte. Natürlich hatte sie ihre Zuneigung gekonnt vorgespielt, hm, nein, forciert traf es eher, denn der Knappe gefiel ihr ja wirklich. Das war praktisch, denn so war ihr Vorhaben für alle einfacher. Sie wusste trotzdem, dass das, was sie tun wollte riskant war. Sie bedauerte es, das er nicht gehen und Jolenta Bescheid sagen wollte. Das hätte zumindest möglicherweise eine Sache leichter gemacht. Nun, es musste und würde auch so gehen. Sie schaffte sich ja nicht zum ersten Mal jemandem aus dem Weg...
Hildegund trank noch einmal hörbar. Dann ließ sie den Schlauch abrupt fallen und fasste sich von einem Moment auf den anderen mit den Handflächen auf ihre Ohren und schlug im Folgenden wie wild auf ihre Ohrmuscheln ein, zog wie wahnsinnig an ihnen. Ihre Stimme klang dabei voller Angst, ihre Augen waren panisch weit aufgerissen: "Bei den Zwö--.... Lares!... Ich...ich kann nichts mehr hören!..... Was passiert hier??... Meine Ohren,... was ist mit meinen... OHREN??... LARES!!... Alles so -- Stille!" Ihre letzten Worte waren nur noch ein heiseres Flüstern, dann erstarb auch ihre Stimme, denn nur wenige Augenblicke später machte ihre Lippen nicht mehr als tonlose Bewegungen, denn alles an Geräuschen war plötzlich verschwunden. Das Knistern von Laub unter ihren Füßen, die Geräusche des lebendigen Waldes, das Knarren der Stämme, Zwitschern der Vögel, das Hämmern des Spechts, das Bellen der Schweißhunde in der Ferne... Sogar der Wind hatte aufgehört die Blätter in den Baumkronen zum Rauschen zu bringen. Gespenstische, unwirkliche Stille.
Was - was war geschehen? Auch Lares hörte plötzlich nichts mehr! Was ging hier vor sich? Er zog sein Schwert und stellte sich direkt vor die junge Adlige Suchend schaute er sich in alle Richtungen um, nach einer Gefahr Ausschau haltend. Trotzdem schrie der junge Mann, Hildegund solle hinter ihm bleiben. Seine freie Hand streckte er aus, um sie zu bedecken. Zu seinem Entsetzen stellte er sofort fest, dass auch seine Stimme versiegt war. Mit dem Rücken zu ihr gedreht umkreiste Lares die Frau langsamen Schrittes. Die Gefahr witterte er (nur) von vorne...
Es tat ihr zwar leid, denn plötzlich nichts mehr zu hören war ein Gefühl, das verrückt machte. Aber der Zauber war notwendig, denn er sollte keinesfalls hören, dass sie die Hand nach ihm ausstreckte und „Blendung“ sprach. Die Auswirkung davon spürte der junge Mann allerdings sofort: genauso plötzlich wie ihm der Gehörsinn abhandengekommen war, tauchte nun ein greller Blitz vor seinen Augen auf. Ein Licht, so gleißend, dass es in den Augen schmerzte und einem die Besinnung nahm.
Hildegund sah sich erneut mit schnellem Blick um, nahm dann den auserkorenen dicken Ast vom Boden auf. „Ich mach das wieder gut, Süßer!“ murmelte sie unhörbar, dann zog sie dem sich vor Schmerz die Augen bedeckenden, taub- und stummgezauberten Mersinger mit dem Prügel eins über den Schädel. Und ehe beide Zauber erloschen, war Lares nicht mehr bei Bewusstsein und lag auf dem Waldboden.
Hildegund überprüfte die Atmung, strich dem jungen Mann seufzend über die Wange. Sie hoffte, dass ihr Tun nicht vergebens war und sah sich um. Lauschte. Blickte in die Baumkronen hinauf. Wo war IHRE Eule?
Und verdammt nochmal wo blieb Hugin? Warum konnte sie ihn bislang nicht erreichen? Hildegund hoffte, er würde nur außer Reichweite sein und nichts anderes.
Sie wusste, viel Zeit blieb nicht, bis der Knappe wiedererwachte, aber wenn jemand sie aufmerksam beobachtet hatte, war jetzt sichtlich der Zeitpunkt gekommen, Kontakt mit ihr aufzunehmen. Wegen nichts anderem lag ihr tapferer Begleiter nun neben ihr auf dem Grund. So wartete die Galebqueller Edle still lauschend und alle Sinne gespannt.
Komm schon, zeig dich, Schwester, lass uns reden!
Auch wenn sich niemand zeigte, so formten die Worte in Hildegunds Geist dennoch ein Bild von einem Ort. Dunkel und Erdig, bedroht von einer düsteren Bosheit, aber da war noch etwas. Kaum wahrnehmbar und von der drohenden Gefahr fast völlig überstrahlt war da auch noch das Gefühl von Geborgenheit und dem Bedürfnis zu schützen. Doch war dieses Gefühl kaum wahrzunehmen, nicht zu greifen und in Wahrheit kaum mehr als eine Bewegung im Augenwinkel die nur den Bruchteil eines Bruchteils einer Sekunde Bestand hatte.
Dann war Stille. Als hätte man jegliche Geräusche des Waldes abgeschaltet war es für einen unendlich langen Augenblick vollkommen still. Hatte man nun auch sie verzaubert? Wollte man auch sie blenden und niederknüppeln? Angestachelt von der Angst, die die Nachricht des Boten in Hildegund geweckt hatte, stieg Panik in ihr auf, doch dann zerriss das Hämmern eines Spechts die Stille und ließen die Hexe wieder aufatmen. Dennoch blieb ein bitterer Nachgeschmack zurück, denn was auch immer in diesem Wald lebte, war abgrundtief böse und löste in ihrer Schwester panische Angst aus.
Nach diesem beängstigenden Tagtraum fuhr sie sich stöhnend übers Gesicht. Ihr Herz klopfte und Schweiß stand Hildegund auf Nasenrücken und Stirn. Frösteln fuhr ein Schauer über ihr Kreuz und sie fühlte sich schlapp wie nach einem schnellen Lauf. Die Gefühlswelt anderer war immer wieder anstrengend, denn man wusste nie, was einen erwartete. Man konnte sich nicht vorbereiten, auf das, was man sah. So war die Flut an Eindrücken, die sich am Ende doch nur auf wenige Bilder reduzierte, eindringend und mächtig. Eine dunkle Bedrohung lag über diesem Wald. Und Hildegund war sich sicher, dass die andere dagegen vorgehen wollte. Musste. Doch rein mit Gefühlen und vagen Vermutungen würde sie niemanden von den anderen Adligen überzeugt bekommen, ihrer unbekannten Schwester zu helfen statt sie zu verbannen. Lediglich Jolenta würde ihr glauben. Allerdings war sie darüber hinaus ja eh die einzige, mit der Hildegund über diesen Tagtraum reden konnte, das war das Dumme.
Etwas durcheinander und hilflos klagte die Edle flüsternd Bäume und Wind und Laub an und hoffte sehr, dass auch diese Worte von ihr Gehör fanden.
„Ich brauche noch mehr Hinweise. Informationen!... Was ist da draußen? Und wo? Ist der Mann, den sie suchen, auch dort? Und wo bist DU??“
Still lag der Wald, und auf eine zweite Antwort wartete Hildegund vergebens.
Mit bangem Blick vergewisserte sie sich, dass der ohnmächtige Knappe noch ohnmächtig war, und blickte sich ein letztes Mal um.
„Du erreichst mich über meinen Gefährten. Keine Angst. Uns wird etwas einfallen.“
Ganz sicher war sich Hildegund zwar nicht, aber vielleicht wusste Jolenta Rat. Dabei meinte Hildegund nicht nur die dunkle Bedrohung, sondern selbstverständlich auch die Sache mit dem aufgebrachten Praioten. Oje. Ihr schwante, dass noch viel Mühsal vor ihr lag.
Zuerst musste sie jedoch noch etwas tun, etwas Schmerzhaftes. Diese Stelle mochte sie bei solcherlei Geschichten nie. Aber sie war notwendig, der Glaubwürdigkeit wegen. Zuerst beugte sie sich noch einmal eilig über ihren Begleiter. Er würde sicherlich 1, 2, 3, 4 Haare nicht vermissen. Um sie ihm nicht ausreißen zu müssen, nahm sie ihren Jagddolch zur Hilfe. Anschließend tupfte sie ganz vorsichtig ein wenig von dem Blut, das aus der Platzwunde an seinem Hinterkopf gedrungen war, mit ein paar Blättern auf und verstaute ihre Beute unauffällig in einem Beutelchen aus ihrer Gürteltasche, das getrocknete Galebqueller Heilkräuter enthielt, ohne die sie nie aus dem Haus ging. Man wusste ja nie, wann man sie brauchte. (Und sei es nur, um damit zu vertuschen, dass man Wunden mithilfe von Speichel heilen konnte.)
Ihren Umhängebeutel, in dem sie wohlweislich etwas mehr Proviant und ein paar Tücher mit sich führte, knautschte sie fest zusammen und warf das ganze Bündel hoch in eine der Baumkronen. Phexseidank blieb der Beutel mit dem Riemen schon beim ersten Versuch gleich in einem Ast hängen. Hildegund atmete auf. Gleichzeitig hoffte sie, dass sich die andere über dieses Geschenk freute. Dann setzte sie sich zu Füßen des Baumes, unter dem sie zum rasten stehengeblieben war und wo ihr geöffneter Wasserschlauch und die Armbrust lag und schlug sich nach einem kurzen Zögern selbst mit dem Knüppel gegen die Stirn. Blut floss nicht, aber es würde mit Sicherheit eine Beule werden. Und rot. Und schmerzhaft.
Sie warf den Knüppel keinen Augenblick zu spät ins Gebüsch, denn ihr Gegenüber begann zu erwachen.
Bevor er sich regte, gab der Knappe nur ein ersticktes Stöhnen von sich. Mit dem Gesicht auf dem Waldboden war er zum Liegen gekommen. Jetzt spürte er Blattwerk im Mund. Angewidert spuckte er es aus, doch die Bewegung sandte Blitze des Schmerzes durch seinen Kopf. "Argh", war der einzige Laut, zu dem er im Stande war. Er griff sich mit der Rechten an den Hinterkopf. Es fühlte sich feucht an. Sein Schädel brummte dumpf, als hätte er die Nacht durchgesoffen. Noch konnte er sich nicht erinnern, wo er war. Als er sich seine Hand vor Augen hielt, konnte er rotes, klebriges Blut erkennen. "Oh bei Praios, was ist passiert?"
Von seiner hübschen Begleiterin hörte Lares keine Antwort. Und als er sich umwandte wusste er auch warum: Hildegund lag in verrenkter Position auf dem Waldboden, zu Fuße des Baumes, gegen den sie sich erst vorhin noch gelehnt hatte, um Atem zu holen. Das war kurz bevor sie beide nichts mehr hörten. Ihre nun mehr nicht weiter geladene Armbrust lag nicht weit von ihr im Laub, ihr Trinkschlauch auch. Ihre Augenlider waren geschlossen und auf ihrer Stirn färbte sich eine Stelle rot.
Entgegen jeder Vernunft sprang der Knappe sofort ruckartig auf, was höllische Schmerzen durch seinen wirren Schädel fahren ließ. Einen kurzen Moment lang tanzten erneut die Sterne vor seinen Augen, doch er schüttelte die Ohnmacht ab und lief zu Hildegund. "Hildegund! Was ist mit euch?", schrie er. Er nahm sie bei den Schultern und schüttelte sie zuerst sanft, dann etwas kräftiger. Die Übelkeit, die seinen Rachen hinaufstieg, versuchte er dabei nach Kräften zu ignorieren.
Als ihre Lider sich flackernd öffneten, stahl sich ein feines Schmunzeln ins Gesicht der Edlen. Eine Frage nach den alveranischen Paradiesen fand sie dann doch zu dick aufgetragen, also tat sie nur verwirrt und murmelte: „Was… war das…?“ Auch fasste sie sich, nachdem sie sich mit Lares‘ Hilfe aufgerappelt hatte, an den Kopf, als teste sie ihre Sinne. „Meine Ohren… ich konnte Euch nicht mehr hören… Und dann war da dieses Licht… als wenn man ins Praiosmahl blickt ... und ich konnte nichts mehr sehen… Und dann… Irgendetwas erwischte mich… Hier… Auf der Stirn…“
Ihre Erschöpfung war immer noch gespielt, ihr Zusammenzucken beim Befühlen der Beule war stattdessen echt. Aber das wusste ja der Knappe nicht.
Hildegund sah ihn an. „Wie geht es dir?“ sie hatte die Etikette dabei bewusst ignoriert. Männer gefiel, wenn man sich ihnen annäherte. Rein versehentlich, natürlich. „ Oh, ich meine natürlich… Euch… Junger Herr… oje ich bin durcheinander“ Sie lächelte entschuldigend. „…Was ist passiert?“
„Ich kann es Euch auch nicht sagen. Ich habe dasselbe wahrgenommen wie Ihr. Auch meine Sinne waren plötzlich wie... verhext. Seid Ihr verletzt?" Lares selbst versuchte sich nach Kräften auf den Beinen zu halten. Einer Dame gegenüber zeigt man keine Schwäche. Trotzdem schwankte der Knappe leicht und die Übelkeit wurde immer stärker.
„Ver..hext? Ihr meint…“ Ihre Augen weiteten sich.
Dass er jetzt so schwankte tat ihr wirklich sehr leid. „Grundgütige Güte!!“ Hildegunds Mund klappte weit auf, bis ihre Hand ihn schloss. Als er sie daraufhin ansah, tat sie so, als könne sie nicht recht formulieren, welche Erkenntnis ihr gerade durch Mark und Bein lief: „Lares!...Ich… Ich hatte einen Traum… dachte ich zumindest… Aber jetzt bin ich mir nicht mehr sicher ob es einer war… Oder ob.. jemand mir… Etwas… In den Kopf gelegt hat…. Denn es ist… Seltsam…“ Aufgewühlt griff sie nach ihm. „Lares! Meint ihr eine…Hexe…“ Das Wort flüsterte sie nur. „…kann so was??“
Der jungen, schönen Dame schien es gut zu gehen - jedenfalls musste sie kein vordringliches Weh klagen. "Sicherlich! Diese praiosverfluchten Frevlerinnen können doch die schlimmsten Dinge! Was für niederhöllische Bilder musstet Ihr sehen?" Nur noch größere Besorgnis um Hildegund verdrängte den Schmerz in seinem Kopf. Dass allerdings noch immer ein dünner Faden frischen Blutes seinen Nacken hinabrann irritierte ihn. Wie um eine Fliege zu verscheuchen griff er sich in seinen Hemdkragen, nur um die Hand erneut blutverschmiert hervorzuholen. "Verdammt", presste er heraus.
„Bei der gütigen Peraine, ihr blutet ja!“ Diese Tatsachen war Hildegund nicht neu, allerdings wusste er ja nicht, dass sie es schon wusste und dass sie sich schon gedacht hatte, dass sie dagegen etwas tun müsse. Deswegen musste nun die Erzählung ihres „Traumes“ warten.
Besorgt kam sie hinter ihn, um sich anzusehen, welche Verletzung er hatte. „Da rede ich von Traumbildern und Ihr… - Darf ich mir das mal ansehen? Ich bin einigermaßen bewandert in der Heilkunde und…“ Sie fasste in das Täschchen an ihrem Gürtel, „ich habe ein paar Kräuter dabei, die Blutungen stillen.“ Beides entsprach der Wahrheit.
"Ich nur halb so wild", knirschte er, was allerdings nicht überzeugend klang. "Aber ich möchte Euch nicht abhalten. Dafür wird das frevlerische Weib büßen." Er hielt den Kopf nach Kräften gerade und neigte ihn leicht nach vorne, dass sie die Wunde betrachten konnte. "Ich hätte Euch das Gebet beibringen sollen, als wir noch unbehelligt waren... Erzählt doch bitte, was Ihr durchleiden müsstet."
Hildegund holte etwas von der getrockneten Kräutermischung heraus, zeigte sie ihm. „Erst mal eure Wunde. Ihr könnt mich nicht beschützen wenn ihr deswegen umfallt," sagte sie mit freundlicher Strenge, bevor sie erklärte, was für ein Häufchen ‚Heu‘ da in ihrer Hand lag: „Das sind heilsame Pflanzen aus dem Kräutergarten des Barons von Galebquell, meines Herrn. Dieser ist von Peraine gesegnet. Sie werden euch also helfen, glaubt mir. Ich kaue sie zu Brei, den drücken wir dann auf eure Wunde.“ Sie maß seine Reaktion. „Bitte. Lasst mich helfen. Was sonst kann ich tun.“
Dabei warf sie dem jungen Mann erneut eines ihrer zauberhaften Lächeln zu.
Lares nickte knapp und hielt still.
Entweder dieses Kraut, mit dem die hübsche Edle ihn behandelte, war der Grund dafür, dass ihm der Kopf bald nicht mehr schmerzte, oder es war die Tatsache, dass man sich an Schmerz auch gewöhnen konnte.
Während Hildegund an Lares zugange war, erzählte sie, was sie – angeblich – für Traumbilder empfangen hatte. Dass eine Gefahr hier im Wald lauere, dunkel und mächtig, aber auch, dass es ihrem Gefühl nach nicht die Hexe war, vor der sie sich fürchten mussten, denn irgendwie deute sie die Bilder in ihrem Kopf anders. Als stünde diese sogar mit ihnen allen auf derselben Seite, um die dunkle Gefahr zu bannen. Hildegund vergaß jedoch dabei auch nicht zu erwähnen, sie sei sich nicht sicher, was das alles zu bedeuten habe. Denn auch dies entsprach der Wahrheit. Sie wusste es nämlich wirklich nicht und wirkte daher in all ihren Aussagen sehr authentisch. Dass das Ganze aufwühlend war, sah man ihr wahrlich an. Das bestritt aber auch keiner.
Die zärtliche, sorgsame Behandlung seines Kopfes führte alsbald zu Linderung. Er nahm sich vor, sie beizeiten darum zu bitten, mit ihm etwas des Wissens zu teilen, das hinter der Behandlung stand. Lares lauschte aufmerksam der Erzählung, nickte hin und wieder, jedoch verfinsterte sich sein Ausdruck stetig. Als sie geschlossen hatte meinte er: "Seid euch bewusst, dass eure Visionen von dieser teuflischen Frau geschickt wurden. Selbstverständlich möchte sie Euch weiß machen, sie sei keine Bedrohung! Doch hat sie nicht an eurem wie an meinem Kopf bewiesen, dass das eine Lüge ist? Sie wird sich dem Licht des Herrn stellen müssen." Einen Augenblick schwieg er. "Aber Ihr hattet einen Eindruck, der Euch zu diesem Urteil führte. Was für eine Bedrohung soll das sein, die in diesem Wald lauert? Die Hexe natürlich ausgenommen..."
Sie seufze innerlich. Verbort praiotisch dieser Süße. Ihm nahm sie diese Denke nicht übel. Nur denen, die ihm einimpften, Magie, die nicht durch die Gilden geregelt war, wäre per se verdammungswürdig und schlecht. Und jene, denen diese Kraft zu Eigen war, gleich mit.
"Nur so ein Gedanke, aber was, wenn sie uns fürchtet, wegen dem was wir von ihr denken, und sie sich uns... Mir... nur im Traum nähern wollte...konnte? Denkt doch mal daran, was Seine Gnaden Praiotin gestern erzählt hat: er und sein Gefährte seien immer wieder von etwas im Wald angegriffen worden. Mit Krallen sogar. Uns hat auch etwas zugesetzt. Was, wenn das nicht die Hexe war sondern diese dunkle Bedrohung? Vielleicht hat sie uns gar vor Schlimmerem bewahrt?? Immerhin, Seine Gnaden ist ein Diener des Höchsten! Wenn..." Sie senkte die Stimme, um zu zeigen, dass sie ihre eigenen Gedanken fürchtete. "...Was, wenn diese dunkle Bedrohung nicht von Dere kommt, sondern aus..." Sie ließ ihn den Satz vollenden, wischte sich Schweiß vom Nasenrücken und den bleichen Wangen. Das Ganze gefiel Hildegund gar nicht. Nein, hier herzukommen hätte sie wirklich besser sein lassen.
Anders als Hildegund dachte war Lares zwar ein verbohrter Praiosgläubiger, allerdings niemand, der sich ein vorschnelles Urteil bildete. Nichts verabscheute der Herr der Sonne mehr als befangene Richter. Dementsprechend ließ er sich ihre Argumente durch den Kopf gehen und wägte sorgfältig ab. Dabei wanderten seine Augen in die Höhlen, er neigte den Kopf und machte den düsteren Eindruck, der ihn sooft umgab, den er jedoch auf die Anweisung seines Schwertvaters im Gesellschaft nach Möglichkeiten vermied.
Eine prekäre Pause trat zwischen den beiden ein, die Lares zögerlich durchbrach. "Lasst uns einmal unterstellen, Ihr habt die Zeichen richtig gedeutet und die Hexe war euch gegenüber ehrlich. Dann sollten wir mit der Frau reden. Am besten von Angesicht zu Angesicht. Schläge auf den Hinterkopf als Gesprächsgrundlage sind nicht gerade vertrauenserweckend.", grummelte der junge Mann. "Dieses Gespräch muss ohne den Geweihten stattfinden, so Leid mir diese Feststellung tut. Ich hatte nicht das Gefühl, dass er die nötige Unbefangenheit mitbringt, um eine vom Lichte des Herrn geleitete Entscheidung treffen kann. Er schien mir, vorsichtig gesprochen, bereits festgelegt, wo doch der Vorwurf, Schadzauber zu wirken ein schweres, sorgfältig zu prüfendes Verbrechen darstellt."
„Hmh.“ Machte Hildegund und blickte nachdenklich. „Kennt ihr die, die mit uns auf dieser Jagd sind, eigentlich? Ist eurer Meinung nach jemand dabei, der…hm.. wie soll ich das jetzt sagen… der ebenfalls ein Interesse daran hätte, sich anzuhören, was diese Hex von uns will?“ fragte sie vorsichtig, während sie sich selbst mit den zerkauten Blättern behandelte. „Von meiner Base abgesehen, meine ich. Ich kenne Jolenta. Sie wird sich, wenn ich an sie herantrete, unsere Überlegung gerne anhören, denke ich.“
"Ihr sagt das so, als hätte ich bereits eingewilligt", brummte er knapp und sah ihr dann in die braunen Augen.
„Ja… habt ihr das denn nicht? Immerhin war es Eure Idee, sich ohne Seine Gnaden zu beratschlagen. Zugegeben eine mir einleuchtende Überlegung, mit der ihr sogar recht habt: Seine Gnaden hat auf mich auch nicht den Eindruck gemacht, als würde er sich mit mehr beschäftigen wollen als mit seiner eigenen Meinung. Und die hat er sich bereits gebildet, wie es mir vorkommt.“ Nun grummelte auch Hildegund.
"Hmm. Dann tragen wir das eurer Base vor. Leider kenne ich hier niemanden."
Das wunderte Hildegund nicht sehr. Was sie eher wunderte, war, warum ein Knappe ohne seine Schwertmutter oder seinen Schwertvater unterwegs war. Allerdings hatte sie auch gehört, dass diese Freiheit manchmal aufgrund besonders guter Taten ‚verschenkt‘ wurde, und Lares machte, zumindest was manches Verhalten anging, einen sehr anständigen Eindruck. Sein Mut, Zweifel an einem Götterdiener auszusprechen, war im Grunde bemerkenswert.
Etwas unschlüssig sah die Edle dann in beide Richtungen, bevor ihr Blick wieder auf dem jungen Mann ruhte: „Wie gut beherrscht ihr es, den Spuren der anderen zu folgen? Wir sollten versuchen, sie einzuholen, wenn wir sie warnen wollen….“ Wieder maß sie seine Reaktion. Mutiges Wort machte leider noch keine mutige Tat. Sie ging mit gutem Beispiel voraus und stand auf.
"Ich bin darin bei Leibe nicht der beste, aber auch nicht völlig unbeleckt. Ich denke, die Spuren der großen Jagdgesellschaft werde ich finden können."
"Hm, dann wohl genauso viel – oder wenig – wie ich.“ Sie lächelte zu ihm hinüber. „Gut. Dann sollten wir aufbrechen, ehe sie noch weiter im Wald verschwunden sind. Wer weiß, wie lange wir hier gelegen haben!" Ein tiefes Seufzen entrann ihrer Brust, die sich dabei aufregend hob. "Hoffen wir bei den Göttern, dass sie der Gefahr noch nicht begegnet sind." Fügte sie leiser an und schüttelte sanft den Kopf, denn anders konnte sie ihrem Hader nicht Ausdruck verleihen.
Es war gefährlich. Alles. Nicht nur das ihrige Spiel, sondern diese ganze verschissene Jagd. Dabei hatte sie doch einfach nur herkommen und ein bisschen Spaß haben wollen. Hildegund seufzte abermals, während sie ihre Armbrust neu lud. Dann deutete sie dem Mersinger an, dass sie ihm folgen würde.
In Gedanken sandte sie erneut eine Botschaft an ihren Gefährten mit der Bitte um Unterstützung.
Lares schüttelte den Kopf. "So geht Ihr doch bitte voraus. Ich lasse Euch keine Sekunde mehr aus den Augen." Er wollte versuchen zu verhindern, dass erneut jemand in den Kopf Hildegunds eindrang. Noch einfacher musste man es ihrer Gegenspielerin - oder aber dem unbekannten Dunkel dieses Waldes - nicht machen.
Kurze Zeit später, die beiden Turteltauben waren noch nicht lange wieder unterwegs, um den voraneilenden zu folgen, da hörten sie von vor sich Geräusche. Zunächst waren es nur vereinzelte, kaum einzuordnende Klänge, die sich nur wenig von den üblichen Geräuschen des Waldes zu unterscheiden schienen. Es war ihnen als raschelte etwas im Unterholz, als bräche ein dünner Ast oder ähnliches. Das auffällige daran war ihre Häufung. Dann jedoch, als sie schon vermuteten, dass sie sich anderen Mitgliedern ihrer Jagdgesellschaft näherten, bestätigte sich diese Annahme und sie vernahmen leise Stimmen.
Bereits ein Dutzend Schritte weiter erreichten sie den Rastplatz der zweiten, bewusst zurückgebliebenen Gruppe, zu denen neben den Jagdhelfern und einigen Hunden auch der Praiot und die Junkerin von Galebfurten gehörte. Ersterer kam gerade wieder aus dem Gebüsch auf die kleine Lichtung zurück. Anscheinend hatte er sich erleichtern müssen.

Die Spur gabelt sich (Gruppe 1)

Nach nur fünfzig Schritt war die von der kleinen Schar verfolgte Spur scharf abgeknickt und in einer Senke verschwunden. Bereits auf den ersten Blick konnte selbst das ungeübte Auge ein verlassenes Lager ausmachen. Neben einer kleinen, von Steinen eingezäunten, Feuerstelle war der Boden von einer Schlafstatt aufgewühlt, hier musste sich Fürchtepraios ausgeruht haben.
Lucrann blieb stehen und hob die Hand, um seinen Begleitern zu bedeuten, es ihm gleichzutun. Er blickte Jahman an. „Könnt ihr nachsehen, was uns die Spuren verraten?“ Mehr, als wenn nun gleich seine Begleiter mit dem Enthusiasmus der Jugend sich darüber hermachen würden. Er lehnte sich an einen Baum und streckte – unbemerkt, wie er hoffte – seine schmerzenden Knie. Diese Fußmärsche waren entschieden ein Vergnügen, das er gerne dem Jungvolk überlassen hätte.
Jahman nickte und sah sich den Boden genau an, um keine Spuren zu zertreten. Vorsichtig betrat der die Lagerstätte und betrachtete die Schlafstatt genau. Ebenso akribisch sah er sich die Feuerstelle an. In Gedanken versuchte er, sich in den Götzendiener hineinzuversetzen. Wieso umgab dieser Sohn eines Kamels seine Feuerstelle nur mit Steinen, statt sie tief genug in den Boden einzulassen? Hatte er jetzt gerade die genügsamen Vierbeiner beleidigt, die den Bewohnern der Khom seit Generationen Überleben und Auskommen sicherten? Jahman sponn den ersten Gedanken weiter. Wollte dieser Bruder der Torheit, dass des Nachts jeder im Umkreise von dreimal drei Meilen auf sein Lager aufmerksam wurde? Jahman stieß verächtlich Luft durch die Nase aus. Jahman zügelte seinen Zorn, auch wenn dieser Ungläubige jetzt gerade nicht auf ihn zutrat, um seine gerechte Strafe entgegenzunehmen, und sagte: „Entweder war es ihm gleichgültig, ob sein Lager entdeckt würde, oder er war einfach nur völlig unerfahren.“ Währenddessen suchte er nach weiteren Spuren in der Vegetation und versuchte auch, die Stelle zu finden, an der der Ungläubige das Lager verlassen hatte. „Dieses Lager hier wurde vor höchstens vier Stunden verlassen“, tat er kund, als er sich nach einiger Überlegung sicher war, wie alt die soeben betrachteten Spuren waren.
Die Baronin von Rickenhausen sah ob der wilden Hatz über Stock und Stein und durch teilweise dichtes Unterholz schon ein wenig zerzaust aus, ein schwarzer Striemen quer über ihr Gesicht musste wohl von einem vorwitzigen Ast stammen, der sich nicht rechtzeitig zur Seite hatte biegen wollen, doch schien sie das nicht wirklich zu kümmern. Zum Glück hatte sie zum Antritt der Jagd ihr weißes Rüschenhemd gegen ein praktischeres grünes aus Leder (ohne Rüschen) getauscht, welches die Strapazen des Tages deutlich besser überstanden hatte als sie selbst bis jetzt. Tar‘anam hatte seine Hartholzrüstung angelegt, welche die paar Streiche, welche Büsche und junge Bäume im Wald auszuteilen in der Lage waren, wenig beeindruckte, insofern waren dem alten Krieger kaum Spuren des „Waldspaziergangs“ anzumerken. Auch rein körperlich schien Tar‘anam in bester Verfassung zu sein, kaum dass sein Atem schwerer ging als heute Morgen nach einer mehr oder weniger erholsamen Nacht. Ihre Zofe Melisande hatte Thalissa natürlich im Lager zurückgelassen, obwohl diese durchaus den Wunsch geäußert hatte, an „der spannenden Menschenjagd“ teilzunehmen. Thalissa hatte sie etwas verwundert ob ihrer Wortwahl zurechtgewiesen und dann damit vertröstet, doch im Lager noch weitere Nachforschungen anzustellen, denn das Drängen des Praios-Geweihten war einer gründlichen Suche dort sicher nicht förderlich gewesen.
Die Baronin selbst war dagegen durchaus nicht wenig erschöpft. Zwar war sie noch jung und in guter körperlicher Verfassung, aber Verfolgungsjagden durch die Straßen Vinsalts waren nun doch etwas anderes als solche durch einen recht unzivilisierten Wald, welcher auch noch stolz auf selbiges Attribut zu sein schien. Sie hatte sich auf den Boden gesetzt und den Rücken an einen Baumstamm gelehnt, um zu Atem zu kommen, während Jahman seine Untersuchung durchgeführt hatte, wobei sie ihm durchaus aufmerksam zugesehen hatte. Nachdem dieser seine Ergebnisse verkündet hatte, erhob sie sich seufzend und warf in die Runde: „Weiß eigentlich jemand, wo wir überhaupt sind? Kann man aus dem Weg des Flüchtigen vielleicht schließen, wohin er überhaupt will?“
Ihr Hundeführer hielt sich bewusst zurück. Weder wollte er, dass seine Hunde eine eventuelle Spur verwischte, noch wollte er Jahman in seinem Tun stören. Es war immerhin eine Jagd, anders als geplant, aber eine Jagd und da konnte man dem Gast wohl kaum den Spaß am Erlebnis verderben. Es war sowieso eher selten, dass die Teilnehmer wussten, was sie taten, also sollten sie so die Worte des Jagdmeisters, zumindest all das tun zu, was sie im Stande sind und wollten. Auf diese Weise hatte er jedoch auch Zeit auf die Frage der Baronin einzugehen. "Wir bewegen uns unentdeckt gen Efferd und etwas genauer Firun Hochgeboren. Noch ein Stück auf diesem Weg weiter und im Praios werden die Ausläufer der Herzogenstadt beginnen."
„Nun,“ Thalissa blickte erneut in die Runde, „das sieht mir ja fast danach aus, als würde der gute Fürchtepraios den Wald in Richtung Elenvina verlassen wollen. Wäre es da vielleicht angebracht, jemanden zum Waldrand vorauszuschicken, der dort nach Spuren sucht oder – im Idealfall – den Flüchtigen gar noch abfangen kann? Das müsste doch sicher schneller gehen, als mühsam seiner Spur zu folgen?“
Jahman blickte Thalissa an und sagte: „Verzeiht Hochgeboren, aber es gibt keine Anhaltspunkte für diese Annahme. Diese Spuren“--dabei deutete er auf die Spuren im Lager--„sind vier Stunden alt oder sogar jünger. Diese Spuren“--er deutete nun auf alle sichtbaren Spuren, die das Lager verließen oder zu ihm führten, abgesehen von den eigenen--„sind älter. Die Spuren, die wir bislang kennen, besagen also, dass der Effendi, den wir suchen,“--Jahman vermied ganz offensichtlich das Aussprechen eines Namens, der sich von einem der Zwölfe ableitete,--„das Lager verlassen hat, ohne solche zu hinterlassen, wie auch immer er das bewerkstelligt haben mag. Somit sind Mutmaßungen über die Richtung, die er eingeschlagen haben mag, eher Raterei.“ Jahman hielt einen Augenblick inne, stieß halblaut ein paar Flüche in seiner Muttersprache aus und deutete mit der Waffe, die er plötzlich gezogen hatte, auf eine Stelle im Gebüsch. „Vielleicht hilft uns das weiter.“ An der Stelle, auf die Jahmans Khunchomer zeigte, war ein Schimmern zu entdecken.
Der Rabensteiner, dem das Glitzern gleichfalls ins Auge gefallen war, blickte die Junkerin an seiner Seite an. “Lasst uns nachsehen.” Er wartete ab, bis sie zustimmend nickte, und machte sic h dann auf in Richtung des Schimmerns, die Hand sicherheitshalber am Griff seines Rapiers
Verema nahm einen Stecken und fischte nach dem Amulett, das der Baron entdeckt hatte. Der Gedanke, es könnte irgendwie verzaubert oder mit etwas anderem behaftet sein, bereitete ihr Unbehagen, ihre Erfahrungen mit Magie waren großenteils gefährlich oder lästig gewesen. "Meint Ihr, dass wir es anfassen können, Hochgeboren?" Sie warf dem Novadi einen kritischen Blick zu. Sie hatte schon Schlimmeres gehört, aber es war immer wieder amüsant, wenn diese Kerle fluchten.
Interessiert sah Thalissa den anderen nach, die sich in die Büsche stürzten. Sie würde noch früh genug erfahren, was sie fanden, und konnte solange noch ein wenig ihre müden Beine ausruhen. Ein Blick traf Tar‘anam, welcher ein wenig abseits stand, die Waffe in der Hand, aufmerksam die Umgebung im Auge behaltend, dabei auch den Himmel, oder was davon zu sehen war, nicht vernachlässigend. Seine entspannte Haltung drückte aus, dass nicht unmittelbar Gefahr drohte, aber bei Magie konnte man nie wissen …
Von der Tirade des Novadis hatte sie nur Bruchstücke verstanden, irgendetwas über eine Frau, die nicht da war, wenn man sie brauchte, einen Götzendiener, einen fliegenden Teppich und ein paar derbe Schimpfworte. Nun, natürlich mochte der Weg des Praiosdieners hier abrupt umgelenkt worden sein – oder Schlimmeres. Dennoch … „Sagt,“ wandte die Baronin sich an den Hundeführer, der neugierig den Hals in Richtung des Schimmerns gereckt hatte, „nur zur Sicherheit – kannst du jemanden entbehren, der am Waldrand nachsieht? Sicher ist sicher.“
Jahman blickte in die Runde. „Gibt es irgendwelche Zeichen, die jemandem bekannt vorkommen? Falls das nicht der Fall ist, schlage ich vor, die anderen Herrschaften danach und nach Spuren zu fragten. So auch dies ergebnislos bleibt, bietet sich noch die Möglichkeit, auf die vorhin geäußerte Mutmaßung zu setzen und zu hoffen, am Rande des Waldes eine Spur zu finden.“
„Irgendein Praiosamulett“ befand der Rabensteiner, nachdem er das Amulett mit gerunzelter Stirn betrachtet hatte. „Fragt den Praioten. Aber fasst es nicht an.“ Fügte er mit einem Schulterzucken hinzu. Dieser würde wissen, ob es sich um das Amulett seines Leibwächters handelte – und eventuelle magische Kontaminationen herausfinden. So oder so.
Offensichtlich unwillig hielt die junge Frau das Amulett wie an einer Angel an dem stecken. Wo war dieser Knappe, wenn man ihn mal brauchte? Sicher hätte er mit Freuden das Ding rumgeschleppt. "Na schön, Baron. Die andere Gruppe müsste eigentlich jeden Moment kommen. Ich gehe ihnen mit dem Dings hier entgegen, da wird schon nichts passieren." Missmutig machte sie sich auf den Weg zurück.
Jahman war froh, dass niemand ihn aufforderte, dieses Amulett an sich zu nehmen. Schließlich konnte man nie wissen, welchen unheiligen Einfluss dieses „Dings“, wie Verema es nannte, die sich immerhin zu diesen Wesenheiten bekannte, ausüben würde. Jahman kam in den Sinn, dass schon lange niemand mehr versucht hatte, ihn vom wahren Glauben weg zu den Kulten der Zwölfe zu bekehren. Offensichtlich hatte sich in den Kaiserlichen Landen, für die er seit dem Orkkrieg kämpfte, die Unerschütterlichkeit seines Glaubens herumgesprochen. Jahman versuchte einzuschätzen, wie viel Überwindung und Mut es die Junkerin tatsächlich kostete, dieses „Ding“ mit sich herum- oder besser vor sich herzutragen. Der Druck auf der Seele und die Angst würden sie zumindest ein wenig stählen. Gleichzeitig konnte er so widernatürliche Veränderungen an ihr wahrnehmen, so dieses „Ding“ solche auf Verema ausüben sollten. Jahman behielt auch die Umgebung im Auge, falls das widernatürliche „Ding“ ebenso widernatürliche Feinde anlocken sollte.

Die Spur gabelt sich (Gruppe 2)

Bisher hatte niemand bemerkt dass zwei ihrer Mitstreiter den Anschluss an die Gruppe verloren hatten und das obschon die Gruppe sich bereits vor fünf Minuten getrennt hatte. Gemeinsam hatten die Mitglieder um die zweite Hundemeute inmitten der Kampfspuren gewartet, vor allem jedoch versucht wieder zu Atem zu kommen. Ihr Fehlen wurde den Wartenden ganz offensichtlich jedoch erst bewusst als Lares und Hildegund endlich wieder zu ihnen stießen. Eine rote Beule prangte auf der Stirn der Galebfurterin, während der Knappe des Allwasservogtes einen leicht schwankenden Gang an den Tag legte.
Hildegund und Lares sahen beide ein wenig zerzaust aus - wenn man davon absah, dass sie alle hier durch ein von Menschen weder gehegtes noch für Menschen ohne Weiteres gangbares Stück ursprüngliche Natur pflügten. Beide hielten ihre Waffen bereit, sie ihre Armbrust, er sein Knappenschwert. Und beide wirkten auf den ersten Blick glücklich, aufgeschlossen zu haben. Auch, wenn Jolenta im Gesicht ihrer ihr gut bekannten Base etwas ausmachen konnte, das sich (noch) nicht betiteln ließ. War es Sorge? Angst? Jedenfalls irgendeine Form des Unwohlseins, welches nicht damit zusammenhängen mochte, dass Hildegund und der Mersinger unterwegs hierher verloren gegangen waren, sondern ein Unwohlsein, das mit einem schnellen Blick auf den Geweihten nicht unbedingt weniger schmolz. Andere, denen Hildegund genauso fremd war wie dieser Wald, erkannte nur, dass die beiden jungen Leute etwas gehetzt wirkten. Was aber nach ihrem Fehlen nun kein Wunder war. Und auch nicht, wenn man sich den Grund dieser Reise hier in die grüne Unwegbarkeit vor Augen rief.
Was alle hingegen zu sehen vermochten war ein roter Fleck auf Hildegunds Stirn. Möglicherweise hatte ein Ast sie beim Durchkämmen der Büsche getroffen.
Die Augen der Junkerin zeigten zunächst nur wenig Interesse, als sie der Nachzügler gewahr wurde. Sie hatte damit gerechnet, dass sie aufschließen würden, nachdem die Gruppe die Rast eingelegt hatte. Doch dann erkannte Jolenta den Zustand Hildegunds und wurde misstrauisch. So schnell, wie es ihr ihre lädierten Rippen erlaubten stand sie von ihrem Platz am Stamm eines großen Baumes auf und eilte Knappen und Edlen entgegen.
“Was ist euch zugestoßen”, fragte sie im leicht herrischen Ton. Allein Hildegund erkannte die Sorge, die in der Stimme Jolentas mitschwang.
"Wieso?" Fragte Hildegund unschuldig, als wären rein gar nichts geschehen, nachdem sie jedoch einen prüfenden Blick zu dem Geweigten geworfen hatte, der Jolenta nicht entgehrn sollte. "Ach, du meinst das da?" entgegnete sie wie zur Antwort selbst und winkte lachend ab. "Du, das war irgendein Ast. Ich hab nicht aufgepasst. Das ist aber auch eine Wildnis hier... Da kommt man ja ganz aus der Puste, wenn man euch folgen will! Gut, dass der Herr Lares so ein guter Fährtenleser ist, sonst hätten wir euch wohl nicht mehr gefunden," beschwerte sie sich, nach wie vor lächelnd. Allein Jolenta erkannte, dass die Heiterkeit Hildegunds aufgesetzt war. Sogleich um von sich selbst abzulenken: "Wooo...sind denn die anderen? Der Herr Lucrann und sein Freund aus dem Süden und die beiden Damen? Warten wir hier auf sie? Ist mir recht, ich muss sowieso wieder verschnaufen..." Mit diesen Worten ließ Hildegund sich stöhnend an Ort und Stelle niederplumpsen.
Wieder ging ihr Blick zu Seiner Gnaden. Mit Lares hatte sie besprochen, dass er ihr Zeit verschaffen würde, dass sie erst einmal allein mit der Junkerin sprechen könne.
Es viel Jolenta wahrlich nicht einfach nicht die Augen zu verdrehen. Sie hasste diese Spielchen aus tiefstem Herzen. Anstelle einer flapsigen Bemerkung, welche ihr auf der Zunge brannte, beantwortete sie etwas zu trocken und leicht desinteressiert die gestellte Frage. „Die sind voraus und verfolgen eine Spur. Wir werden ihnen gleich folgen.“
Während sie sprach zog die Junkerin eine Augenbraue hoch und ließ ihre Augen einmal in Richtung des Knappen zucken. Die umgestellte Frage dahinter warf eindeutig.
Hildegund folgte Jolentas Blick, aber eher um zu prüfen, ob Lares den Geweihten in ein Gespräch verwickelte, damit sie erst einmal mit Jolenta sprechen konnte.
Dieser ein Zeichen gebend, fasste sie die Junkerin am Bein an. "Jolenta!" Ein 'ich brauch dich kurz' sparte sie sich, stattdessen traf die Edle ein unauffälligeres Thema: "Sag...was macht deine Seite?" Das Humpeln war ihr natürlich aufgefallen.
Die Galebfurtenerin sparte sich eine Antwort auf diese Frage. Anstelle dessen zog ernst die Augen zusammen. Sie hatte registriert, dass ihre Verwandte wenig subtil dafür gesorgt hatte, dass sie sich ungestört unterhalten konnten. Dies musste einen guten Grund haben. Sogleich nutzte sie die sich ihnen bietenden Gelegenheit.
“Nun sag schon, was ist geschehen?”
Ohne Umschweife kam Hildegund direkt zum Punkt, denn ihre Zeit der geheimen Unterredung war nun mal begrenzt: "Ich hatte Kontakt. Mit Ihr! Und sie schickte mir eine Warnung vor einem bösen Übel, das hier im Wald haust und das wir alle gemeinsam bekämpfen müssen. Mit ihr! Statt gegen sie! Sie ist nicht das Böse, sie will nur beschützen, das spürte ich. - Achtung: Lares denkt, dass ich während einer Ohnmacht eine...Vision...gehabt habe. Lares ist nun der festen Überzeugung, Seine Gnaden in Unwissenheit darüber zu lassen, weil dieser ja einzig und allein Sie für das Übel hält. Wir wollten also erstmal mit dir sprechen, weil ich sagte, dass du zumindest zuhören und wahrscheinlich auch zum gleichen Schluss wie wir kommen würdest - was wir von Ihm dort," sie nickte kurz verstohlen in Richtung des Geweihten, "nicht erwarten können, weil er eben ist, was er ist, und denkt was er denkt. Du hast ihn ja sprechen hören. Wir glauben nicht, dass wir ihn davon überzeugen können, gemeinsam mit Ihr zu arbeiten. Wie gesagt, du bist die erste, die wir einweihen. ICH denke ja nach wie vor, dass das Verschwinden des Begleiters mit all dem zusammenhängt. Und ich spüre es auch ganz deutlich:" Ihre eh schon leise Stimme wurde eindringlicher. "Jolenta, es ist eine dunkle Bedrohung in diesem Wald, grundböse, zerstörerisch, vielleicht ist sie sogar nicht von Dere!! Aber es ist nicht Sie, die wir fürchten müssen! Hugin hat mir eine ähnliche Botschaft gesandt.... Nun... Was denkst du? Was sollen wir tun?" Ihr fiel noch ein Detail ein, was sie nur Jolenta erzählen würde, die ja über Hildegunds Wesen bescheid wusste: "Nochmal zu Lares: er dachte erst, dass ihn die andere mutwillig niedergeschlagen hat, aber mittlerweile hält er es für möglich, dass Sie uns vielleicht sogar vor dem bösen Übel gerettet hat und dass wir genauso Opfer des Bösen wurden wie Seine Gnaden. Als ich ihm von meiner Vision erzählte, konnte ich ihn glauben machen, dass Sie sich uns nur in der Ohnmacht nähern wollte aus Angst, weil wir ja mit Seiner Gnaden Jagd auf sie machen. - Und bevor du frägst: ich habe seine Wunde Natürlich versorgt, wo denkst du hin. Ich bewahre, ich zerstöre nicht. Das weißt du doch. Ich hatte nur keine andere Wahl, er sollte ja nichts mitbekommen." Hildegund sprach es nicht aus, aber zwischen ihren Worten klang heraus, dass sie den jungen Knappen für kurze Zeit in die Träume geschickt haben musste.
Die Augen der Junkerin zuckten hin und her, während sie mit wachsender Anspannung zuhörte. Ihre Miene zeigte deutliches Missfallen, als sie die Andeutung der Mittel richtig deutete, welche Hildegund eingesetzt hatte, um den Knappen im übertragenem Sinne auf ihre Seite zu ziehen.
Jolenta seufzte nachdem die jüngere geendet hatte. „Was wir jetzt tun sollten“, fragte sie leicht gereizt. Die Situation begann bedrohlich zu werden. „Wir hoffen, dass die anderen die Spur des Fürchtepraios gefunden haben. Mehr können wir im Moment wohl nicht tun. Vor allem nichts, was mich und noch mehr dich nicht ins Gerede bringt.
Vielleicht ist sie“, die Betonung machte deutlich wen die Junkerin meinte, „so gerissen uns zu dieser von ihr dir gegenüber erwähnten Bedrohung zu führen. Seine Gnaden wird vermutlich zugänglicher für die Argumentation was ihre Unschuld betrifft, wenn er das gesehen hast was sie meint. Oder hast du einen anderen, gewaltlosen Vorschlag?“
Der letzte Satz hätte ernst und mahnend klingen sollen, doch Jolenta schaffte es nicht sich soweit zusammenzureißen. Das Hildegund den Knappen tatsächlich niedergeschlagen hatte, um ihm danach auch noch zu beschwatzen, kündete nicht nur von Verwegenheit, sondern auch von Mut, das musste sie zugeben. Vielleicht war es der erfolgversprechendste Weg gewesen aus dem Blickwinkel ihrer jungen Verwandten. Irgendwie gefiel Jolenta der Gedanke und ein bisschen schämte sie sich für diesen Gedanken, ein wenig.
„Kannst du mit ihr Kontakt aufnehmen?“ Fragte sie abschließend und wartete gebannt auf eine Antwort.
"Ich muss dazu allein sein. Hm, deswegen musste ich ja..." Hildegund ließ den Satz unvollendet. Dass es der Rechtfertigung bedurfte, gefiel ihr nicht, daher sah sie ihre Base fast ein wenig verärgert an. Dass Jolenta sie nicht mehr zusammengestaucht hatte, war wohl der Situation geschuldet - dessen war sie sich bewusst. Sich allerdings austauschen und die Sorgen teilen zu können mit ihr, machte die Edle hingegen auxh sehr froh. "Wenn du mir sagst, wie das möglich ist, versuche ich's natürlich nochmal."
“Ganz einfach”, antwortete Jolenta entschlossen. “Wir schließen zu den anderen auf und sehen was sie herausgefunden haben. Ich werde dann wohl oder übel wiederkehrende Schmerzen an meinen Rippen vortäuschen müssen. Etwas was mir nicht schwerfallen wird”, ergänzte sie zerknirscht. Ihre Schmerzen waren noch immer da.
“Da ich mich für eine Untersuchung ausziehen muss, werden wir uns zurückziehen können. Daran sollte niemand etwas merkwürdig finden. Der Anstand gebietet es. Da wir zwei verwandt sind und du zudem Fachkundig bist, wird darüber hinaus auch keiner argwöhnisch werden. Zumindest hoffe ich das.”
Die Junkerin schmunzelte. „Phexens Augenzwinkern. Ich sah einen Fuchs am Vortag der Jagd und brachte dem Listenreichen ein Opfer. Man könnte meinen, dass das Wildschein welches mich umgerannt hat sein Werk war.“
Ganz mochte das zwar nicht Hildegunds Vorstellung entsprechen, aber sie nickte: "Dein Wort in des Herrn Phexens Ohr. Gut, lass es uns so versuchen."

***
Lares nickte noch einmal Hildegund zu und drückte sich dann an ihnen vorbei. Als er in der Mitte der Nachzügler vor dem Geweihten zu stehen kam frug er laut und dem Geweihten zugewandt: "Wo ist denn die restliche Jagdgesellschaft? Sind die Hunde ausgebüchst? Bei dem prächtigen Wild, das hier im Forst unterwegs ist, kann man das verstehen!"
Auch wenn ihm die Praiosscheibe einen Lichtstrahl direkt ins Gesicht entsandte, so beschirmte der Götterdiener seine Augen nicht als er zu Lares aufblickte. Mit klarer und kräftiger Stimme antwortete er, ganz so als würde er etwas kundtun das jedem bekannt wäre. "Die Spuren teilen sich hier. Einige unserer Begleiter sind der einen Spur gefolgt, während wir hier wartend ihnen etwas Vorsprung gewähren - sodass sie, sollte es sich um eine Sackgasse handeln, zu uns aufschließen können - während wir der anderen Fährte zu folgen beabsichtigten. Wenn mich nicht alles täuscht sollten wir gleich aufbrechen können, ihr Sechstel Stundenglas ist bereits zur Hälfte verstrichen."

Wieder zusammen

Den erst vor wenigen Minuten zurückgelegten Weg nun erneut gehend, kehrten die Mitglieder der ersten Gruppe zu den wartenden Gefährten zurück. Diese unterhielten sich derzeit mehr oder minder angeregt oder aber waren froh über die sich ihnen bietende Pause. Dem unebenen Weg folgend musste sich vor allem Verema anstrengen, balancierte sie auf dem Ende ihres Stockes doch das gefundene Amulett. Eine herausstehende Wurzel übersehend geriet sie jedoch ins straucheln, sodass ihr Fundstück direkt in den Händen des überraschten jungen Knappen landete.
Gerade noch im Gespräch mit dem Praioten begriffen wandte sich Lares um, als er plötzlich Verema herannahen hörte. Anstatt schlicht geradeaus zu laufen fiel sie ihm auch noch entgegen! Er hatte nicht einmal mehr Zeit, sich einen bissigen Kommentar zu verkneifen - da hatte er schon dieses Ding in der Hand. Und plötzlich wurde um ihn herum alles schwarz. Der Knappe schrie laut auf, drehte sich panisch einmal im Kreis und ließ dann das Amulett wie eine heiße Kartoffel fallen. "Hexerei!", brüllte er und war im Inbegriff, seinen rechten Stiefel auf dieses Hexenwerk niederfahren zu lassen.
Mit einem laut hörbaren Fluchen hastete Jolenta an die Seite des erschrockenen Knappen und griff ihn an die Schultern, um ihn mit sanfter Gewalt zwei, drei Schritte von dem am Boden liegenden Kleinod wegzuzerren. „So beruhigt euch“, rief sie dabei aus. „Impulsives Handeln war noch nie besonders zielführend.“
Lares fuchtelte wir wild um sich, doch schlug er nicht etwa nach Jolenta, sondern ruderte nur ziellos mit den Armen. "Ich bin blind! Ich kann nichts mehr sehen!"
Im ersten Moment wie alle anderen überrascht von der Reaktion des Knappen und sprachlos, wuchs nun in Hildegund Wut. Wollte die andere etwa unbedingt brennen? Instinktiv hielt sie sich zurück – auch, aber von allem, weil sie glaubte zu wissen, dass es Fluchmagie war. Prekärer Weise dieselbe, die sie selbst erst vorhin gewirkt hatte. Ein wenig tat der junge Mann ihr leid.
Mehr aus Instinkt heraus, denn aus weiser Vorhersehung warf die Junkerin gerade noch rechtzeitig ihren Oberkörper nach hinten und ließ vom Knappen ab, als dieser panisch wurde. „So kommt doch zu euch“, rief Jolenta mit angespannter Miene, während sie Raum zwischen sich und Lares brachte. Die ruckartige Bewegung hatte sie wieder an ihre lädierten Rippen erinnert.
Jahman rief Lares zu: „Lasst Eure Arme unten!“ Mit diesen Worten hechtete der Novadi auf Lares zu und hoffte, dass er tat wie ihm geheißen. Dabei achtete er darauf, nicht auf das Ding zu treten. Innerlich fluchte er. Jetzt trafen die Flüche dieser Götzen schon die, die an sie glaubten. Vielleicht hatte dieser Flaumbart auch wider seine Götter gehandelt und es nicht besser verdient, aber das konnte Jahman einerlei sein. Er packte den Knappen und drückte ihn zu Boden. „Runter, dann könnt Ihr nicht stolpern und Euch weitere Verletzungen zuziehen.“ Jahman packte den Knappen zwar kraftvoll an, jedoch nicht so grob, dass es zu Verletzungen kommen konnte. Dabei griff er Lares zuerst in den Schwertarm, um zu verhindern, dass der Knappe in Panik seine Waffe zog und die Umstehenden gefährdete. Zu oft hatte er schon in den Kriegen gesehen, wie auch gute Soldaten in Panik oder aus Verzweiflung Dinge taten, die sie selbst noch wenige Augenblicke zuvor für unmöglich gehalten hätten. Bei diesem Knappen hielt Jahman dies schon aus nichtigem Anlass für möglich.
Von dem festen Griff des Novadi völlig überrumpelt - er hatte ihn ja nicht kommen sehen - wurde Lares wie ein nasser Sack umgerissen. Auf dem Boden fixiert, der rechte Arm gebunden, hörte er schon nach kurzer Zeit auf zu strampeln und schlug nur beide Hände über dem Gesicht zusammen. "Nun tut doch etwas", war das einzige, das er noch hervorpresste.
Aus dem Griff Jahmans würde der Knappe so schnell nicht entrinnen – der Wüstenfuchs war durch so manchen Sturm gehärtet. Mit einem wohlwollenden Nicken bedachte der einäugige Baron die Junkerin an seiner Seite. „Gut gemacht, Wohlgeboren. Seht ihr – Vorsicht zahlt sich jederzeit aus.“
Er trat zu dem Praioten, der wohlweislich ebenfalls einigen Abstand von dem tobenden Knappen einhielt. „Gewiss liegt es doch in Eurer Macht, diesen Burschen vor den Auswirkungen unheiliger Magie zu bewahren, Euer Gnaden? Zudem – handelt es sich bei dem Amulett um den Besitz Eures Begleiters?“
Jahman war verwirrt, entließ aber trotzdem den Knappen nicht aus seinem Griff, der für den Kenner eindeutig dem Unauer Stil zuzuordnen war. War es jetzt unheilige Magie oder Wirken der Götzen? Gehörte nicht vielmehr das erste Eigenschaftswort zum zweiten Hauptwort? Egal, wenn dieser Praiot die Blindheit des Knappen beenden könnte, sollte er sich beeilen.
Aua, blöde Wurzel. Sie war zwar nicht gefallen, doch krampften sich ihre Eingeweide schmerzhaft zusammen. Der arme Knappe, sie wollte ihm zwar das Amulett am Stock geben, aber...nicht so! Jahmann würde nicht loslassen, der hatte sich festgebissen. Ob auf den Geweihten Verlass war, das würde sich zeigen.
Jolenta schenkte Jahman ein Lächeln und nickte ihm anerkennend zu, während die neben ihm und dem Knappen in die Knie ging. Sie würdigte sein tatkräftiges Eingreifen, schätzte sich doch Männer der Tat. Solche die allzu klug reden konnten gab es leider viel zu viele im Adel des Reiches.
Die Junkerin legte Lares die Hände auf die Wangen und hielt seinen Kopf ruhig. Dann versuchte die etwas Auffälliges an dessen Augen auszumachen.
Da wirst du nichts finden. Seufzend sah Hildegund zu, wie Jolenta den Knappen untersuchte. Das einzige, was sie selbst tun konnte, war die Klappe halten und so zu tun, als wäre sie ähnlich der anderen vor Entsetzen erstarrt.
Die Stimme voll Missbilligung wandte Praiotin das Wort an die Anwesenden: „Genug mit dem Gerangel. Helft dem Knappen auf und führt ihm dort hinüber, auf das sein Antlitz im Schein unseres Herrn baden möge.“ Dabei zeigte der Götterdiener auf eine Stelle nur wenige Schritt entfernt, an der ein Lichtstrahl durch das Blätterdach des Waldes brach und bis auf den Waldboden fiel. Scheinbar vollkommen und unerschütterlich auf die Macht des Herren Praios vertrauend ging Praiotin derweil zum gefundenen Amulett hinüber und hob es auf. Mit stechendem Blick musterte er das goldene Kleinod. Besah es sich mit argwöhnischer Genauigkeit und fast schien es das er tastend eine jede Kante mit der Spitze seines Fingern nachfuhr. Offensichtlich zufrieden holte er anschließend ein Tuch hervor und reinigte das Zeichen seines Gottes.
Erst jetzt ging er zum wartenden Lares hinüber und musterte auch ihn mit stechenden Blicken. „Tretet einen Schritt zurück und kniet nieder… keine Sorge der Boden ist eben!“ Darauf wartend das Lares seinen Anweisungen nachkam nahm Seine Gnaden Praiotin vor ihm Aufstellung. „Beide Knie!“ Ranzte er den Knappen nochmals an, bevor er fortfuhr. „Gut. Nun streckt die Hände vor und haltet dieses Amulett für mich.“ Nachdem Lares das Amulett entgegen genommen hatte erhob der Diener des Götterfürsten das Wort, doch keine Spur von Missbilligung färbte seine Stimme ein stattdessen erklang diese Kraftvoll und Gebieterisch. „Herr Praios! König der Götter! Gott der Könige! ERSTER unter Gleichen! Herr auf Alveran! Erhöre das demütige Bitten deines ergebenen Dieners und erweise dieser kleinen Gemeinschaft deine Gunst. Dieser Bursche, voll brennendem Eifer für deine gerechte Sache, wurde durch Madas Fluch mit Blindheit geschlagen! Herr des Lichts erbarmt euch dieser jungen Seele, erfüllt ihn mit eurem Licht und bannt was Mada einst über Dere brachte. Oh Gleisender, zerschmettert die unheilige Magie die diesen Burschen blendet auf das er fortan noch inbrünstiger von deiner Wahrheit zu künden vermag.“ Und während Praiotin das Zeichen seines Gottes schlug, gewann der Lichtstrahl, in den Lares gebadet wurde, an Intensität.
Im eisernen Griff des Novadi hatte Lares das Um-sich-schlagen aufgehört und versuchte, sich zu beruhigen. Er fühlte keine Schmerzen an den Augen, doch war er mit Blindheit geschlagen. Die gebietende Stimme des Geweihten des Götterfürsten war ihm dementsprechend sehr willkommen. Stolpernd versuchte er sich zuerst aufzurichten und den Weisungen zu folgen, doch wusste er sich, seines Augenlichts beraubt, nicht zu orientieren. Er wollte sich schon umdrehen, um vorwärts zu laufen, doch besann er sich und trat einfach einen Schritt zurück. Dann sank er behutsam auf die Knie. Auch wenn er auf das Wort des Geweihten vertraute, war er gerade übermäßig vorsichtig.
Als Praiotin seine Stimme erhob, um den Herrn zu preisen streckte der Knappe seinen Rücken durch und reckte das Gesicht in das Licht der Sonne, die wohlig warm auf seiner Haut prickelte. Auf den Lippen trug auch er stumm das Gebet wider die widernatürliche Zauberkraft und versuchte, dem Geweihten im Stillen nachzusprechen. Die Gerechtigkeit des Götterfürsten musste man sich verdienen und doch: Noch nie war ihm in seinem jungen Leben ein so großes Glück widerfahren. Selbst das Licht des Herrn der Sonne zu spüren, von seinem gleißenden Bannstrahl berührt! Doch statt der Gewalt des sengenden Zorns wurde Lares von seiner väterlichen Güte umfangen. In ihm wurde es warm. Wie in einem samtenen Mantel geborgen wurden zugleich alle Sorgen des jungen Mannes offen gelegt und von ihm genommen. Zurück blieb allein ein felsenfestes Vertrauen in die Macht des Hüters Alverans. Der Knappe schlug seine Augen auf und sah direkt in die strahlende Sonne. Ungerührt blieb er auf seinen Knien. "Preist den Herrn PRAios! Er hat die schändliche Magie vertrieben! Er ist wahrlich der Götterfürst.", rief Lares verzückt. Wenn sein Oheim Merovan das wieder gehört hätte - was für Predigten über den Schutzgott seines Hauses würde er sich wieder anhören müssen...
Als der Geweihte die göttliche Kraft Praios‘ herabrief, hielt sie Abstand, denn sie wollte keinesfalls vom Lichte des Herrn gesehen und vielleicht sogar getroffen werden. Vornehmlich bedacht, nicht aufzufallen, hatte sie so getan als behielte sie mit schussbereiter Armbrust die Umgebung im Auge. Damit man ihr ihre innere Angst nicht ansah. War IHR Vertrauter denn vielleicht irgendwo zu erahnen, weil er die Situation für SIE beäugte? Ein Gutes konnte Hildegund dem Wirken des Geweihten allerdings abringen: wenn er die Magie von dem Knappen nahm, würden auch die Reste ihrer eigenen Zaubereien verschwinden.
Was sie auch noch hoffte war, dass Lares vor Regung nicht vergaß, wie er und Hildegund sich darauf geeinigt hatten, die sogenannte „erste Begegnung“ mit der Hexe vorerst dem Geweihten nicht mitzuteilen.
Völlig überrumpelt vom Ablauf der Geschehnisse hatte Thalissa nur zusehen können, wie dem Knappen das Amulett in den Schoß gefallen war und er daraufhin offenbar erblindete. Die nachfolgende Rettungsaktion kam ihr sehr unwirklich vor, und erst während des Gebets des Geweihten konnte sie sich ausreichend sammeln, so dass ihr Verstand langsam wieder einsetzte. An den Geweihten gewandt, doch auch an alle Umstehenden, erhob sie, immer noch mit leicht verwirrtem Unterton, die Stimme. „Euer Gnaden, gepriesen sei Praios‘ Macht, doch sagt, wieso erblindet ein Mann, wenn er ein göttergefällliges Amulett berührt? Und stammt es nun aus dem Besitz des Flüchtigen oder nicht?“
Jolenta nickte bekräftigend, dies war eine durchaus berechtigte Frage. Sie ging in ihren Gedanken, auf diese Richtung gebracht noch ein Stück weiter. “Und wenn es das heilige Symbol von Fürchtepraios ist, wie konnte es dann verhext werden, denn das könnte die Erklärung für die zeitweilige Blindheit des Knappen sein?”
Im Anschluss an sein Gebet und damit an die von ihm heraufbeschworene Macht des Götterfürsten musste sich Seine Gnaden Praiotin erst einen Moment sammeln. Mit geschlossenen Augen und von der Praiosscheibe beschienenen Gesicht atmete er einige Male tief durch, eh er auf die drängenden Fragen der beiden Frauen einging. „Ich erkenne dieses Amulett wieder. Herr Malter sagte mir einmal es wäre ein Geschenk seiner Eltern zum Eintritt in die Tempelgarde, gewesen. Auf der Rückseite findet ihr seine Initialen!“ Kam es noch immer Entrückt über seine Lippen, eh er dozierend fortfuhr. „Was Eure anderen Fragen anbelangt. In der Tat handelt es sich bei diesem Amulett um ein göttergefälliges Objekt und dennoch ist es ein profaner Gegenstand. Nur weil Ihr das Zeichen der Leuin in ein Schwert graviert, zwingt das den Träger nicht dazu ehrenhaft zu kämpfen. Nur weil Ihr das Zeichen der Allweisen auf einen Stirnreif montiert, werdet Ihr nicht von ihrer Weisheit erleuchtet. Es ist ein Symbol, ein Zeichen, das die Verbundenheit seines Trägers mit der Gottheit verkörpert, und dennoch ist es nicht von göttlicher Macht erfüllt – und nur diese ist es, die den von Euch vermuteten Schutz gewährt.“
Ohne eine sichtbare Regung lauschte Jolenta der Ausführung des Geweihten. Natürlich hatte sie gewusst, welchen Inhalt seine Antwort haben würde, dennoch hatte sie die Frage stellen müssen. Den Allmachtanspruch der Praioten musste man infrage stellen wo man es konnte.
„Also, wie gehen wir weiter vor“, fragte sie anstelle weiter auf das Thema einzugehen.
„Habt Dank für diese Ausführungen, Euer Gnaden.“ Thalissa neigte leicht den Kopf, um dann fortzufahren: „Aber eine Frage hätte ich noch: habt Ihr nun den Fluch nur vom Herrn von Mersingen genommen, oder ist nun auch das Amulett frei von schädlicher Magie?“
Die rickenhauser Baronin musternd legte sich der Geweihte seine Worte erst säuberlich zurecht. „Sowohl der junge Knappe, als auch das Amulett des Herrn Malter sind durch die Gnade des Götterfürsten von Madas Frevel gereinigt worden. Der junge Herr von Mersingen kann wieder sehen und bei diesem Symbol meines Herrn handelt es sich nun wieder um genau jenes – ein Symbol des Herrn Alverans.“
„Nun denn, Euer Gnaden – habt Dank, dass Ihr den beiden Damen meine Frage beantwortet.“ Die Stimme des Rabensteiners erinnerte an den eisigen Atem Firuns, der im Winter über die kahlen Hänge der Eisenberge strich. Dieser Pfaffe hatte seine Frage schlichtweg ignoriert und damit vor allem eines demonstriert: die absolute Abwesenheit von Benehmen und Übersicht. Beides auf keinem Maßstab gesundheitsfördernd.
Er blickte in die Runde und bedachte den Priester mit einem stechenden Blick. „Hat Euch Euer Herr auch mitgeteilt, was mit dem Herrn Malter geschehen ist?“
Mit einiger Wahrscheinlichkeit kroch dieser inzwischen als Kröte durch die Wälder.
Nach einem Augenblick fügte er hinzu. „Konntet Ihr herausfinden, wer das Amulett derart verunreinigte?“
Sie war zufrieden. Dem jungen Knappen war geholfen und der Baron hatte ausgesprochen, was sie gerade hatte sagen wollen. Sicher wäre sie vom Rabensteiner gescholten worden, wäre sie es gewesen, die den Praioten darauf hinwies, dass er die Etikette eines tumben Bauerntrampel besaß. Sie wollte es sich merken, ihr almadanischer Baron schrieb gerne Bücher über Etikette, es würde ihn amüsieren.
Jahman hatte Lares aus dem Griff entlassen, als Praiotin sich anschickte, seinen Herrn anzurufen und seine Macht herabzurufen. Jahman zog es ebenfalls vor, eine gewisse Distanz zwischen sich und das Zentrum Praiotins (oder gar Praios‘?) Wirken zu bringen. Folglich trat er einige Schritte beiseite, beobachtete die Umgebung und hoffte, nicht vom Tun des Praioten abgelenkt zu werden. Er trat sogar hinter ein Gebüsch, um die Geräusche etwas abzuschirmen, und begann dann, das Lager zu umrunden. ‚Rastullah füge es, dass ein Feind nicht gerade an der gegenüberliegenden Seite auftaucht‘, dachte er. Was war das? Es näherte sich jemand. „Halt! Wer ist da? Erklärt Euch!“ rief er in die Richtung, aus der er die Person kommen hörte. Natürlich war er so laut, dass die anderen aufmerksam wurden. Gleichzeitig ging seine Hand zum Griff der Waffe. Behende wechselte er den Standort, für den Fall, dass die Einzelperson nur ein Ablenkungsopfer sein sollte.
Das war kein Wald, das war ein Markplatz. Mit einem halben Seitschritt positionierte sich der Rabensteiner Baron zwischen dem Geweihten und dem Neuankömmling und legte die Hände auf die Griffe von Rapier und Linkhand. So ungehobelt der Praiot auch war - man brachte keine Geweihten in Gefahr. Das war schlichtweg schlechter Stil.
Langsam den langen, schweren Reitersäbel aus der Scheide ziehend, trat die Junkerin von Galebfurten im Schatten der Gruppe einige Schritte abseits und lehnte sich mit der linken Schulter gegen einen Baum, so dass dieser ihr Sichtschutz gab, falls Jahman in die richtige Richtung gerufen hatte.
Nun, nachdem die „offensichtliche“ Gefahr praiosgefällig gebannt war, die in Form des Hexenfluchs auf Amulett und Knappe gelegen hatte, und es Lares wie dem Amulett wieder gutging, rechnete Hildegund nicht mehr damit, dass ihr selbst Gefahr drohte, also überwand sie ihre Furcht vor dem Praiotischen und trat an Lares heran. Sie wollte den Knappen in erster Linie fragen, ob es ihm gutging, ihn aber in zweiter Linie mit einem eindringlichen Blick mahnen, dem Götterdiener wie besprochenen bloß nicht mehr zu erzählen. Hildegund kam nur nicht dazu, denn der Ruf des Wüstensohnes zog alle Aufmerksamkeit auf sich.
Die Ursprüngliche Frage des Barons hatte der Geweihte in dem Geschrei des Knappen überhaupt nicht mitbekommen, aber Anstalten sich zu rechtfertigen machte er erst gar nicht. Zumal er überhaupt nicht verstand wieso er dem alten Baron eine Erklärung schuldig sein sollte, bei den ungebildeten Weibsbildern hingegen musste er Nachsicht üben – sie konnten es schließlich nicht besser wissen. Die Fragen des Rabensteiners zum Amulett, ließen ihn jedoch zweifeln ob er ihn nicht doch lieber zu den Frauen zählen sollte. „Euer Hochgeboren, sehe ich in Euren Augen aus wie ein von Mada Verfluchter? Sehe ich aus wie ein Wahrsager oder habe ich mit meinen Worten an den Götterfürsten auf Euch den Eindruck erweckt, den Fürst der Götter darum zu ersuchen mir Einblicke in die frevlerische Welt Madas zu erbitten?“
Schlechtes Benehmen indes war gleichfalls schlechter Stil – insbesondere von einem Geweihten, der derlei Sachen beherrschen sollte.
„Bedauerlich, Euer Gnaden, wenn Ihr über keine tiefergehenden Einsichten verfügt – doch schwerlich mir anzulasten, findet Ihr nicht?“ Sehr ruhig war die dunkle Stimme des Barons – und liess dennoch keinen Zweifel daran, dass auch der Rabensteiner seinen Rang gegen den des einfachen Geweihten sehr genau einzuschätzen verstand.
„Ein 'ich weiß es nicht' ist absolut ausreichend .. Euer Gnaden.“ Weich wie Stahl war seine Stimme bei den letzten Worten. Er warf dem Priester einen Blick zu, der kein Quäntchen Wärme mehr denn notwenig enthielt, und wandte seine Aufmerksamkeit den Dingen zu, die sie verdienten – Jahman und dem Neuankömmling.
Wirkungslos prallten die Worte des Rabensteiners an Wehr aus Überzeugung und Glauben des Götterdieners ab. Er, einer der Erwählten des Götterfürsten, hatte soeben den Glanz Alverans auf diesen Flecken Deres herabbeschworen und die schändliche Magie, die den Knappen das Augenlicht geraubt hatte, getilgt. Er, den Praios als einen der Seinen der Erwählte, sah sich als das Sprachrohr des Götterfürsten. Auf die Idee Magie zu ergründen würde er nie kommen, käme vermutlich auch kein Bruder und keine Schwester im Glauben. Das der Baron glauben mochte über ihm zu stehen, war ihm gleichgültig – wenn nicht gar ein Trugschluss dem der Adel erlegen war. Praios hat verfügt dass der Baron eben jenes Amt ausüben solle, erwählt aber hat er ihn nicht.
Der Rabensteiner investierte einen weiteren Blick in die hochmütige Miene des Praios-Dieners, hob eine Augenbraue, verzichtete aber auf jeden weiteren Kommentar. Hochmut kam vor dem Fall – und bei einem derart selbstüberzeugten Praioten versprach dieser tief zu werden. Dass Demut gegenüber den Zwölfen durchaus auch ein mögliches Konzept für einen Priester war … nunja. Vielleicht würde er eines Tages die Gelegenheit erhalten, dies zu lernen.
Vermutlich nicht.
Der alte Baron zuckte die Schultern, wandte dem Priester den Rücken zu und trat neben Jahman.
Nachdem Tar‘anam zwar durchaus wachsam die Hand an sein Tuzakmesser gelegt und dies auch gezogen hatte, sonst aber weder Anstalten machte, Deckung zu suchen, noch ihr bedeutete, solches zu tun, entspannte sich Thalissa ein wenig, hatte die Ankündigung eines unbekannten Neuankömmlings sie doch durchaus in Alarmbereitschaft versetzt, so kurz nach dem Zwischenfall mit dem Amulett. Doch so war sie recht aufmerksam dem Duell zwischen dem ihr nicht unbekannten Rabensteiner Baron und dem Praios-Geweihten gefolgt und wunderte sich nicht wenig, was sie sich äußerlich aber kaum anmerken ließ. Nach dem Unentschieden zuckte sie innerlich die Schultern und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder der Umgebung zu.
Jahman vergewisserte sich, dass sich nur wenige Personen der Gruppe näherten. Er trat wieder ins Sichtfeld der anderen und wechselte auf die andere Seite, um die Rückraumsicherung zu übernehmen. Im Vorübergehen raunte er dem Rabensteiner zu: „Wenige Personen nähern sich“. Seine Worte waren jedoch auch von den Umstehenden wahrnehmbar. Er deutete in die Richtung, aus der er die Person erwartete. „Mal sehen, ob von der anderen Seite auch noch Gäste im Anmarsch sind“, fügte er in derselben Lautstärke hinzu. Dann wurde er leiser und wechselte ins Tulamidische: „Wäre ja nicht das erste Mal.“ Mit gezogener Waffe behielt er den Rückraum im Auge.

Ein neuer Gast


Eine ganze Weile wanderte die kleine Gruppe durch den Wald, immer der Spur nach. Da hier die Hundemeute entlanggelaufen war, war es bisher nicht schwer gewesen der Spur der Jagdgesellschaft zu folgen. Ein Rastplatz, der anscheinend auch der Jagdgesellschaft gute Dienste geleistet hatte, lud zu einer kurzen Rast ein. Raul stürmte vor, blieb dann am Rand der Lichtung stehen und blickte auffordernd zu den Menschen hin. ‚Weiter? Weiter?‘
Nach einer kurzen Rast ging es weiter. Karline und Raul waren nach wie vor begeistert vom Fährtensuchen und den Geräuschen im Wald und milde lächelnd beantwortete der Jagdgehilfe immer noch ihre Fragen. Frederun ließ sich etwas zurückfallen und genoss die Stille. Als Knappin hatte sie auch schon an großen Jagden teilgenommen und wusste, sie waren mehr gesellschaftliches Ereignis als echte Jagd, obwohl es auch immer begeisterte Jäger in der Gruppe gab, denen alles andere egal war. Bei der Versorgung von Frederuns Heimat, Burg Fischwacht, mit Wild, hatte sie schon seit frühester Kindheit geholfen. Aber für eine solche Jagd zum Zeitvertreib hatte man im rauen gratenfelser Norden wenig Sinn. ‚Ohne den Brief wäre das alles einfacher gewesen‘, grübelte sie. Gleichzeitig empfand sie ein kleines bisschen Freude darüber, sich einen ganzen Tag feine Konversation gespart zu haben.
Nach einiger Zeit wurde Raul unruhig und Karline fasste sie am Halsband, damit sie trotz aller Erziehung nicht plötzlich davonstürmte. „Die anderen Hunde“, stellte Frederun fest. „Wir sind gleich da.“ Sie kamen auf eine Lichtung, auf der einige Leute erwartungsvoll zu ihnen hersahen. Karline gab Raul ein Zeichen, nicht zu bellen und die anderen zu erschrecken. Dennoch reagierten natürlich die Jagdhunde auf die Neuankömmlinge.
„Firuns Segen mit Euch und Waidmannsheil, verehrte Mitjäger!“, grüßte die Ritterin von Weitenfeld die versammelten Adligen auf der Lichtung, von denen einige bereits zu ihren Waffen gegriffen hatten.
Jolenta schmunzelte über die anderen, nicht weniger jedoch über sich selbst. Sie waren nervös, kaum anders konnte man ihr Verhalten deuten. Erleichterung war das dominierende Gefühl in diesem Moment.
Mit einem, „und den Segen des Weißen Mannes auch für euch“, ließ sie den Säbel wieder in die Scheide gleiten und trat aus dem Rücken der Neuankömmlinge, wo sie sich hatte verborgen gehalten, heran.
Frederun Lechmin hätte beinahe die Hände gehoben, um zu zeigen, dass sie keinerlei Waffen in ihnen hielt, so merkwürdig war die Stimmung, die ihr hier entgegenschlug. Sicher, die Bediensteten hatten vom Auftauchen des Praioten und seines Begleiters und vom Verschwinden des Letzteren gesprochen, aber was war denn hier los? Hatten sie etwas verschwiegen?
Langsam drehte die Ritterin sich zur Seite und sah die Dame an, die sich in ihrem Rücken genähert hatte. Es wurmte sie, sie nicht gehört zu haben, so was konnte im Ernstfall tödlich sein.
„Ich danke Euch, edle Dame. Ich bin Frederun Lechmin von Weitenfeld und unendlich betrübt, so lange aufgehalten worden zu sein“, erwiderte sie den Segen der anderen und neigte anerkennend den Kopf. ‚Hier die erste echte Jägerin‘, vermerkte sie in Gedanken.
“Es freut mich eure Bekanntschaft zu machen Hohe Dame”, entgegnete die Angesprochene warmherzig. “Mein Name ist Jolenta Lindwin von Galebfurten aus dem Praios der Landgrafschaft. Wir hatten bisher noch nicht das Vergnügen. Ich kenne euren Großonkel aus Elenvina. Als Erbvögtin von Galebquell führen mich meine Wege häufig in der Kapitale des Herzogtums.”
Erfreut über diese Gemeinsamkeit erwiderte Frederun: „Die Freude liegt ganz auf meiner Seite. Ich würde mich freuen, wenn Ihr mir auf dem weiteren Weg kurz erläutern könntet, ob Ihr mit der Suche, von der man mir in der Jagdhütte erzählte, schon weitergekommen seid.“
Dann wandte sie sich wieder zur Gruppe und schritt auf den Praios-Geweihten zu.
„Praios zum Gruße, Euer Gnaden, ich bin Frederun Lechmin von Weitenfeld, eine Teilnehmerin dieser Jagdgesellschaft, die leider aufgehalten wurde. Ich hörte vom Verschwinden Eures Begleiters und bin gerne bereit, mich der Suche nach ihm anzuschließen“, grüßte sie ihn, wohl wissend, dass ihr Angebot zwar ernstgemeint war, aber angesichts dieser Jagdgesellschaft mit all den Jagdführern wohl doch als symbolisch angesehen werden musste.
Noch ein Jäger. Vermutlich. Der Rabensteiner nahm widerstrebend seine Hand vom Griff seines Rapiers, ohne indes den Neuankömmling ganz aus dem Auge zu lassen
Wer die Neuhinzugekommenen betrachtete, sah eine blonde Frau etwa um die 30, deren Jagdkleidung zwar aus gutem Material, aber abgetragen war, so als hätte sie schon viele Jagden in ihr bestritten. Sie hatte ein langes Jagdmesser gegürtet und Pfeil und Bogen am Rücken. Der Jagdgehilfe, der sie hierher geführt hatte, hatte ihr die Saufeder zurückgegeben, die er bei der Begrüßung gehalten hatte. Das dunkelhaarige Mädchen mit dem struppigen grauen Hund am Halsband, trug dagegen Jagdkleidung, aus der anscheinend ein größeres und schmaleres Kind herausgewachsen war.
„Praios mit Euch.“ Grüßte seine Gnaden Praiotin die neu eingetroffene Jägerin in seiner scheinbar Tempelgewohnt huldvollen Art und Weise. Seine Robe glattstreichend betrachtete er nochmals den soeben von schändlicher Magie befreiten Knappen, bevor er seinen Blick über die inzwischen psychisch angeschlagene Gruppe schweifen ließ. Auch wenn er es nicht zugeben wollte, musste der Geweihte dennoch zugeben, dass die Taten dieser Hexe genau das gewesen waren, was diese verwöhnten Adligen dringend gebraucht hatten. Wollten oder konnten sie nicht begreifen wie schändlich das Wesen dieser Naturzauberer war? Wie sehr diese Missgeburten an den Grundfesten der Ordnung rüttelten?
Bevor er sich jedoch weiter in seinen eigenen Gedanken ergehen konnte, meldete sich einer ihrer Führer zu Wort. „Euer Gnaden, edle Herrschaften wollen wir dann wieder aufbrechen?“ Die Mittagsstunde war bereits seit einer Weile vorüber und auch wenn die sommerlichen Praiosläufe lang waren, so würde es hier im Wald früher dunkel werden.
„Aber gewiss.“ Der Rabensteiner musterte den Priester, als sei der ein bleiches, aufgedunsenes Ding, das man unter einem Stein gefunden habe. „Wir sollten schleunigst das Schicksal Eures verschollenen Begleiters ermitteln.“ Suchend blickte der einäugige Baron sich um. „Ach ja, ich vergaß … dieser hat ja ab hier keine Spuren mehr hinterlassen. Also, Euer Gnaden – wohin?“
Jahman hatte mit dem Rücken zum Rabensteiner gestanden, da er den Rückraum, Letzterer jedoch den Neuankömmling im Auge behalten hatte. Nun gab es keinen Grund mehr zur Annahme, ein Angriff aus dem Hinterhalt stünde unmittelbar bevor. Da Jahman nicht damit rechnete, dass sich der Praiot mit der Antwort unmittelbar an den Rabensteiner richten würde, frug er den Baron leise in seiner Muttersprache: „Kennt Ihr die Dame von Weitenfeld?“

Ein schmales Lächeln auf den Lippen sprach der Geweihte das Offensichtliche aus, noch bevor einer ihrer Führer ihm diese Freude nehmen konnte. „Wenn sich Seine Hochgeboren recht erinnern mag, so befinden wir uns hier an einer Weggablung. Wir haben folglich sehr wohl einen Pfad den unsere Führer verfolgen können.“ Wie um die Worte des Praioten zu bestätigen wies der Führer in die entsprechende Richtung.
Blöder, aufgeblasener Geweihter. Sicher war er von seinen armen Eltern beim Tempel abgegeben worden... "Euer Gnaden, Geweihter..." begann Verema artig und brav. "Wir sind von da" sie deutete auf den Weg, den sie mit dem Amulett gekommen war. "gekommen, dort haben wir das Amulett gefunden und die Spuren des anderen Kerl führen hin, aber nicht mehr zurück... Sicher logisch und unwichtig. Ihr meint also, wir sollten da lang gehen?" Sie deutete auf den anderen Weg." Dann seit uns doch ein gottgefällger Führer und geht voraus." Jahmann und Lucrann schienen nicht mehr angespannt als sonst, also ging von dem Neuankömmling wohl keine Gefahr aus. Zeit, endlich weiterzukommen.

Frederun winkte ihre Pagin und den Hund zu sich und gesellte sich wieder zur hohen Dame von Galebfurten. Ein kleines Lächeln spielte um ihre Lippen, als sie dem Disput lauschte. Das versprach ja noch eine längere Suche zu werden.
„Auf die von euch zuvor geäußerte Frage zurückzukommen“, begann Jolenta. „Wir haben lediglich einen Platz auf dem offenbar gekämpft wurde und das Sonnensymbol des Ritters gefunden.“ Die Junkerin verzog das Gesicht zu einem schiefen Grinsen und neigte den Kopf verschwörerisch in Frederuns Richtung. „Was bei der vertretenden Diskussionsfreude schon fast einem Wunder gleichkommt.“
Frederun schüttelte still den Kopf. ‚Sicher, einen Menschen im Walde zu suchen, ist nicht unbedingt die Art von Jagd, die die hier Anwesenden betreiben wollen‘, dachte sie. Sie konnte nur hoffen, dass derjenige, der auf dem neuen Pfad vorn ging, gut im Spurenlesen war, denn wenn sie da alle drüber gestapft waren, würden keine Spuren mehr übrig sein.
„Aber wenigstens es ist schön hier im Wald“, sagte sie zur Dame von Galebfurten.
„Da muss ich euch beipflichten“, entgegnete Jolenta. „Der Ratsforst ist schön und voller Wild. Nehmt euch nur vor den Wildschweinen in Acht. Die sind sehr streitlustig und verkaufen ihre Haut sehr teuer wie ich schmerzhaft habe feststellen müssen.“ Ein schiefes Grinsen der Junkerin verriet die Selbstironie.
„Ich hörte schon, dass die Wildschweine hier eine anspruchsvolle Jagd verheißen“, meinte Frederun und hob ihre Saufeder, die sie bisher sträflicherweise eher als Wanderstab genutzt hatte. „Mir wurde an der Jagdhütte erzählt, wir würde Euch das erste Fleisch verdanken?“, ergänzte die Ritterin mit einem mitfühlenden Blick auf Jolentas Beine.
„Dem ist so“, sagte die Galebfurtenerin, wiederum nicht ohne dabei über sich selbst zu schmunzeln. „Ich hoffe ihr hattet Zeit davon zu kosten. Mir hat es ausgezeichnet geschmeckt, das mag aber auch daran liegen, dass es mich ein wenig über die Rippenschmerzen hinweggetröstet hat.
Lares, der sich in der Zwischenzeit beruhigt hatte, aber noch immer im Lichte des Herrn badete hörte Veremas Einwurf. Diese Junkerin litt ganz eindeutig unter ihrem almadanischen Temperament - zumindest vermutete der Knappe, dass diese Südländer so aufbrausend seien. "Verema, hier irrt Ihr Euch! Der Geweihte hat Praios Einblick genossen. Wir haben eine weitere Spur noch nicht verfolgt. Wir hatten auf Eure Rückkunft gewartet, bevor wir dieser folgen wollten. Lasst uns darum diesen neuen Weg einschlagen, um nicht einen Hinweis liegen zu lassen und damit ein Stück der Wahrheit zu verpassen. Denn nichts ist dem Herrn des Lichts gefälliger als die aufrechte Suche nach der Wahrheit."
Unverschämter Kerl. "Für Euch Domna Verema, Knappe. Seid froh, dass es Euch besser geht und erholt Euch, am besten schweigend. Wir werden tun, was der Geweihte vorschlägt."
Lares Kiefer klappte für einen kurzen Moment auf, dann wieder zu. Hinter dem Rücken ballte sich seine Faust. Man konnte, wenn man aufmerksam lauschte und das Geräusch von den Stimmen des Waldes unterscheiden konnte, das Leder seiner Handschuhe quietschen hören. "Entschuldigt. Domna.", presste er hervor. Der Herr Praios gebot, dass jeder seinen Platz kannte. Und sagte sein Oheim nicht immer, er solle die Werte des Herrn Boron mehr zu schätzen wissen? Aber was wahr ist, das musste doch gesprochen werden - dem Höchsten zur Ehr?! Mit einem gefrorenen Lächeln setzte er hinzu: "Ich danke Euch, dass Ihr Euch um mein Wohlergehen sorgt. Der weise Ratschluss seiner Gnaden haben hieran zentralen Anteil." Darauf wandte er sich zu Praiotin um und senkte seinen Kopf, um ihm seinen Dank auszudrücken.
Den Grund für diesen plötzlichen Streit nicht verstehend, vor allem aber nicht verstehen wollend, überging Praiotin das in seinen Augen kindische Gezänk einfach und besann sich lieber auf das eigentlich relevante Thema – die Suche nach Fürchtepraios Malter! „Ihr habt einen von zwei möglichen Pfaden, denen wir von hier aus folgen können soeben untersucht und es führten keine Spuren von dort fort, es war folglich eine Sackgasse. Wir haben eine Fährte und dieser sollten wir folgen, so einfach ist das.“ Als sich die Gruppe dem angezeigten Pfad zuwandte, lag dieser im Schein der Praiosscheibe während die beiden anderen Pfade vom Zwielicht der Baumkronen beschattet wurden.
„Dem pflichte ich bei“, sprang die Junkerin dem Praioten zur Seite. „Wir sollten besagter Spur folgen. Für ‚Diskussionen aller Art‘“, die Betonung der letzten Worte verriet ihr Missfallen, „ist später noch genug Zeit. Erst müssen wir den Vermissten finden.“
„Hatten die Hunde denn eine Spur?“, fragte Frederun Lechmin die Junkerin.
Jolenta nickte. „Sie haben uns bis hierhin geführt und werden es hoffentlich auch noch weiter tun. Hier ist Beharrlichkeit gefragt.“
Die neu hinzugekommene Dame gefiel Thalissa nicht schlecht, zeigte diese doch Tatendrang und sah so aus, als könnte sie sich in der Waldwildnis zurechtfinden. Allerdings machte sie sich eine geistige Notiz, sich bei nächster Gelegenheit endlich einmal die Adelslisten zumindest der Grafschaft Gratenfels in größerem Detail zu Gemüte zu führen, denn seine eigenen mehr oder weniger direkten Nachbarn sollte man doch kennen.
„Also: worauf warten wir?“ fragte sie in die Runde.
Während sich die hohen Herren noch über das weitere Vorgehen stritten, hielten sich die Jagdhelfer, darauf bedacht diese nicht zu stören, dezent im Hintergrund. Ihre Aufgabe war es den Jägern die notwendige Unterstützung bei der Jagd zu gewähren, zu mehr waren sie jedoch nicht befugt. Genau aus diesem Grund redeten sie in das Gespräch auch nicht hinein, sondern folgten der Unterhaltung bis man sie gezielt ansprechen würde.
Der Geweihte des Herrn Praios hingegen, kannte derlei Vorschriften oder Benimmregeln nicht und war ganz im Gegenteil sogar darauf aus, die richtungsgebende Rolle auch weiterhin inne zu haben. „Dann sollten wir …“ Gut Möglich das einige hier – die Herrschaften – heraushörte. „… uns nicht länger in Diskussionen ergehen und endlich aufbrechen.“ Sich den Jagdhelfern zuwendend sprach er sogleich weiter. „Er da, lasst die Hunde die Fährte aufnehmen und weißt uns den Weg!“
Welch weiser Entschluß, des Praioten. Er fragt die Hündeführer. Sie suchte Jahmanns Nähe und raunte ihm auf gebrochenem Tulamidisch etwas zu. "Seid doch so gut, und passt auf, dass dieser Kerl von einem Geweihten uns nicht alles kaputt macht. Ich vertaue Euren Fähigkeiten mehr. Er scheint keine Ahnung zu haben."
Jahman blickte Verema an und nickte.
Thalissa schüttelte innerlich den Kopf. Hatte nicht gerade sie zum Aufbruch ermuntert? Und nun tat dieser aufgeblasene Geweihte so, als wäre das seine Idee gewesen. Aber es hatte keinen Sinn, darüber ein Wort zu verlieren, das würde niemandem weiterhelfen. Nur ein leises Seufzen entrang sich ihrer Kehle, bevor sie sich den Jagdhelfern anschloss, Tar‘anam an ihrer Seite wissend.
Frederun musste sich zum wiederholten Male ein Grinsen verkneifen. Sie ließ sich zu ihrer Pagin mit dem Hund zurückfallen. „Wenn ich noch länger diesem ehrwürdigen Diener Praios‘ zuhören muss, dann tue ich etwas Dummes“, raunte sie dem Mädchen zu, das daraufhin lachen musste.

***

Weiter führten sie die Spuren durch den Wald, immer tiefer in den Forst hinein. Nicht immer war der Weg für eine Gruppe ihrer Größe geeignet, sodass sie einzeln verschiedene Engstellen passieren mussten. Beengt durch scharfe Grate, umgestürzte Bäume oder sumpfigen Grund. Und je schmaler ihr Weg wurde, desto langsamer kamen sie voran. Zäh zog sich die Zeit dahin, während Dornenranken, Äste und Zweige an ihrer Kleidung zogen.
Bei den Zwölfen und der, die aus dem Ei schlüpfte… Hildegund seufzte. Sie würde wirklich froh sein, wenn sie den Gesuchten endlich fanden. Immer wieder hielt sie ihr Augenmerk auf die Baumwipfel gerichtet. Auch, wenn sie es nicht sah – ihr Gefühl sagte ihr, dass die Eule sie nicht aus den scharfen Augen ließ. Ihr eigenes Tier aber vermisste sie noch immer und das machte ihr zusätzlich Sorge.
„Hm, so langsam mache ich mir Sorgen, ob wir wohl in dieser Wildnis nächtigen müssen? Darauf ist doch niemand hier vorbereitet?“ flüsterte Thalissa leise, aber für ihre nächsten Nachbarn vernehmbar. Zwar waren noch viele Stunden des Tages übrig, doch so langsam, wie sie hier vorwärtskamen, würde auch eine Umkehr sie nicht mehr zum Jagdlager zurückführen, wenn sie ihre Einschätzung nicht trog. Zudem sah sie sich immer wieder unbehaglich um, denn irgendetwas in der Umgebung verschaffte ihr eine veritable Gänsehaut, auch wenn sie nicht benennen konnte, was das wohl sein könnte. Ihre Hand lag sicherheitshalber auf dem Griff ihres Rapiers. Sie warf Tar‘anam gelegentlich einen Blick zu, doch dieser ließ sich nicht anmerken, ob er beunruhigt war. Immerhin schien damit keine unmittelbare Gefahr zu bestehen. Was machte eigentlich Jahman? Suchend sah sie sich um.
"Ja, die Wahrscheinlichkeit besteht und wächst beständig." Jolenta rümpfte die Nase. So ganz schien ihr dieser Gedanke wohl auch nicht zu gefallen.
Die Junkerin zumindest machte den Eindruck ebenfalls beunruhigt zu sein. Sehr aufmerksam beobachtete sie die Umgebung, die Rechte immer auf dem Griff des Reitersäbels.
Und wenn schon. Der Rabensteiner zuckte die Schultern. Wenn seine Gnaden der Meinung war, Weg und Steg gegenüber den Jagdhelfern klarer zu erkennen und in der Lage sein, die Anweisungen zu geben, dann war es doch die Sache eines jeden Zwölfgöttergläubigen, ihn darin zu unterstützen ... und ihm später den Allerwertesten zu retten. So war es seit jeher – und ohne Erfahrungen kein Lernen, eine Sache, die seine Pagen leidvoll nickend unterschrieben hätten. Er legte die Hand an den Griff seines Rapiers, blickte sich um und überließ dem Praioten weiterhin den Vortritt.
Verema blieb, während sie weiter der Spur folgten, bei dem Baron. Sie hätte ihm zuvor bei dem Praioten gerne besser geholfen, doch fehlte es ihr an seinem treffenden Ausdruck und sie ahnte, dass er Gefechte dieser Art gerne alleine austrug. Sie warf ihm einen warmen Blick zu, wohl wissend, dass er diesen nicht wahrnehmen würde. Ihnen beiden wäre ein Pferd lieber gewesen.
Nachdem die Jagdgesellschaft nun endlich einiges an Weg zurückgelegt hatte, merkte Frederun, dass sie erneut stolperte, weil sie einfach nicht auf den Weg achtete. Stattdessen riet ihr das Bauchgefühl die ganze Zeit, sich umzusehen. „Da ist nichts“, sagte Karline leise, als ihre Dienstritterin dieses Mal nach oben schaute. „Glaubst du? Ich denke eher, dass uns da jemand beobachtet, der sich in diesem Wald einfach besser auskennt als wir. Und wir übertönen ja nun auch fast jedes Geräusch“, erwiderte die Ritterin. „Bleibt hier, Karline. Ich sehe mal vorn nach dem Rechten.“ Damit arbeitete sich Frederun Lechmin in der Gruppe weiter nach vorn, wenn der Weg und ihre Mitreisenden es zuließen.

Rauch liegt in der Luft

Ihr Weg führte die Gruppe immer weiter, wobei die Grate, denen sie inzwischen folgen mussten, die Strecke sicherlich verdrei-, wenn nicht sogar vervierfachten. Eine Rückkehr in das Jagdlager war deshalb schon vor langer Zeit unrealistisch geworden, aber dergleichen hatte man vorausgeahnt und Vorbereitungen getroffen. Im Gegensatz zu den Teilnehmern der Jagd, hatte jeder der Helfer gut gefülltes Gepäck dabei. Eine Erkenntnis die sich nochmals verdeutlichte als zwei der Jäger, die sie bisher flankiert hatten, schweigsam der Gruppe anschlossen. Langsam, aber sicher neigte sich der Tag dem Ende zu. Die Schatten sind inzwischen deutlich länger geworden und die Stimmen des Waldes schlugen um. Während sich der Tag verabschiedete, erwachten die ersten nächtlichen Jäger. Soeben wollte man sich darauf einrichten ein abendliches Lager aufzuschlagen, als der Geruch von Feuer die empfindlicheren Nasen umspielte.
Vorsichtig dem Rauchgeruch folgend, erblickte die Gruppe schließlich dessen Quelle. Einige Bäume schützen sie vor einer Entdeckung, während die Jäger auf einen von flackernden Schein eines Lagerfeuers erhellten Höhleneingang blickten.
Die Junkerin aus Galebquell setzte ganz behutsam einen Fuß vor den anderen, darauf Bedacht unnötige Geräusche, die sie verraten konnten, zu vermeiden.
Nur kurz hielt sie inne, steckte die Saufeder mit der Spitze voran in den weichen Waldboden und lockerte den Sitz ihres Reitersäbels, um ihn möglichst schnell aus der Scheide ziehen zu können, sollte dies notwendig werden. Danach schlich Jolenta weiter, wählte jedoch nicht den direkten Weg zum Feuer, sondern brach seitlich aus, nachdem sie dies per Augen- und Handzeichen dem Rabensteiner und Jahman angezeigt hatte.
Die Handzeichen deutend, zeigte Frederun an, leise in die andere Richtung als Jolenta schleichen zu wollen, das Jagdmesser zum Ziehen bereit und die Saufeder an einen Baum gelehnt. Vorsichtig vermied sie es, dem Waldrand zu nahe zu kommen und langsam schleichend machte sie sich auf den Weg zur anderen Seite des Höhleneingangs.
Die Baronin von Rickenhausen hielt sich eher in der zweiten Reihe, so dass auch Tar‘anam gezwungen war, sich zurückzuhalten. Thalissa konnte fast körperlich spüren, dass der alte Krieger am liebsten sofort einer möglichen Gefahr auf den Grund gegangen wäre, doch sein Pflichtgefühl war stärker, und so deckte er weiterhin ihren Rücken. Thalissa bemühte sich, im Schein des flackernden Feuers irgendwelche Einzelheiten auszumachen. Lag da Ausrüstung, Kochgeschirr, Essensreste, konnte man daraus auf die Anzahl der lagernden Personen schließen, sah man gar irgendwo die Schatten derselben?
Um nicht durch eine Unvorsichtigkeit entdeckt zu werden noch immer etwa Abstand haltend, lagen noch immer einige Bäume und Sträucher zwischen der Jagdgesellschaft und der erspähten Höhle. Wollten die Jäger zum jetzigen Zeitpunkt kein Risiko eingehen, mussten sie in Kauf nehmen noch immer einige Äste in ihrem Sichtfeld zu haben. Im seichten Wind wehend wiegend diese träge auf und ab und mit ihrer Bewegung bahnten sich immer wieder die letzten Sonnenstrahlen des Tages ihren Weg bis an den Waldboden.
Dennoch konnte die rickenhausener Baronin einen Blick auf das kleine Lager erhaschen. Vom Schein der Praiosscheibe abgeschnitten lag diese bereits in vollkommener Dunkelheit, die einzig vom Schein des Feuers gebannt wurde. Viel vom Licht schluckte ein schwerer, rußgeschwärzter Kessel, der dank eines Dreibeins über dem wärmenden Flammen hing. Vom Flackern sporadisch aus dem Dunkel gerissen, tastete der warme Schein über die rauen Felswände. In einigen Nischen standen kleine Fässer und Kisten, während einige Tontiegel und Töpfe verstreut herumstanden. Personen jedoch konnten niemand von ihnen ausmachen, allerdings erweckte ein großer Lumpenhaufen den Verdacht, dass dort jemand liegen könnte.
Thalissa raunte den Umstehenden zu, was sie sehen konnte. Da sie sich bemühte, möglichst keinen Lärm zu machen, konnten ihre Worte aber nur diejenigen hören, welche sich tatsächlich in unmittelbarer Nähe befanden. „Da hängt ein Kessel über dem Feuer. Ich nehme nicht an, dass Fürchtepraios einen dabeihatte, geschweige denn diese Kisten und Fässer. Und Vorsicht, da drüben, dieser Lumpenhaufen, vielleicht schläft da jemand.“

Jolenta ging in die Hocke, um die Deckung eines morschen, umgefallenen Baumes zu nutzen. Sie war einen Halbkreis um das Lager und den Höhleneingang gelaufen und war nun gute zehn Schritt von den anderen entfernt. Die Hand am Griff des Säbels wartete sie, dass die Gruppe die Aufmerksamkeit einer etwaigen Person auf sich zog und für den Fall, da sie für eine Überraschung gebraucht wurde
Das „Nest“ der anderen! Hildegund wusste, dass sie am Ziel waren. Untrüglich lag Gefahr in der Luft, nicht nur der Feuerrauch. Vorsorglich griff sie das Holz ihrer Armbrust stärker, während ihre Sinne gespannt lauschten.. Alles an ihr sagte ihr, dass etwas geschehen würde. Etwas Schlimmes! Sie wusste nur nicht recht, wie schlimm.

Die Absprache war noch voll im Gange als sich plötzlich eine Gestalt aus dem Wald löste und vorsichtig zum Feuer schlich. Ständig sah sich diese um, ganz so als fürchte sie dass der eigentliche Bewohner des Lagers gleich zurückkehren könnte, und eilte sich ganz offensichtlich aus eben diesem Grund auch mit ihrem Vorhaben. Eine besorgte, leise flüsternde Stimme wurde zu den Jägern hinüber getragen: „Miril? Miril, mein Herz bist du hier?“ Woraufhin es sich sachte in den Lumpen regte. Ein Mädchen von vielleicht zehn Lenzen schälte sich daraus hervor und sah den Ankömmling hoffend, doch auch misstrauisch ab.
Wie gebannt war der Geweihte dem Schauspiel gefolgt, als die unbekannte zierliche Gestalt jedoch die Kapuze zurückschob und somit Gesicht und langes rotblondes Haar offenbarte schritt er alle Vorsicht fahren lassend ein. Durch das Unterholz brechend bahnte er sich seinen Weg, während er bereits vom heiligen Zorn erfasst losdonnerte: „HEXE! IN PRAIOS NAMEN LASS AB VON DIESER UNSCHULDIGEN SEELE! NIE! WERDE ICH HINNEHMEN DASS DU DIESES KIND MIT DEINEN ABSCHEULICHEN LEHREN VERDERBEN WILLST!“
“Wie der Heliodan in Garether Platte”, murmelte Jolenta genervt mehr zu sich selbst. Die Junkerin blieb weiterhin in Deckung, obwohl sie sich wohl keine Sorgen mehr machen musste in den Fokus der Aufmerksamkeit der beiden, unbekannten Gestalten zu geraten. Diese galt nun ungeteilt dem Schreihals.
Oh Grundgütiger, dieser Kerl war…einfach nur dämlich. Wie viele seiner Art.
Frederun verharrte erschrocken im Unterholz, als sie die zornige Stimme des Praioten hörte. Sie schlich dann näher zur Lichtung, um einen Blick erhaschen zu können.
Die Baronin von Rickenhausen erstarrte, eine Gänsehaut bildete sich auf ihren Unterarmen und auf ihrem Rücken, als der Praiot die Stille des Waldes mit seinem Geschrei durchschnitt. Gebannt starrte sie in Richtung des jungen Mädchens und der rothaarigen Frau, in banger Erwartung ihrer Reaktion.
Tar‘anam hingegen zog ruhig sein Tuzakmesser und ließ sich vom offensichtlichen Geschehen nicht beirren. Sein Blick suchte die Dunkelheit am Rande des Feuers ab und vernachlässigte auch nicht den Raum über ihnen.
Jahman versuchte abzuschätzen, wann der Verkünder des Unglaubens die Frau, die er als Hexe bezeichnete, erreichen würde, hob rasch einen stärkeren Ast auf und bereitete sich darauf vor, dem Praioten den Ast zwischen die Beine zu werfen, auf dass es ihm nicht gelänge, die Frau einfach so zu erschlagen.


Während alle Aufmerksamkeit auf den Geweihten und die Umgebung des Lagerfeuers gerichtet war, drängten sich die Hunde winselnd mit eingekniffenen Schwanz an ihre Führer.
Karline betrachtete überrascht Raul, die sich vor ihr aufgebaut hatte und sehr tief in Richtung der Lichtung zu knurren begann. „Was ist denn, du Gute?“, fragte das Mädchen leise des großen Hund, der es allerdings nicht beachtete. Dann zog das große Tier den Schwanz ein und senkte sich angespannt auf die Hinterläufe, als wollte es sich zur Flucht bereithalten. Karline stand verängstigt hinter Raul und versuchte durch die Bäume irgendetwas auf der Lichtung zu erspähen.
Der Schrei einer Eule zerriss das sich plötzlich ausbreitende Schweigen des Waldes und ließ die Frau am Feuer sich hektisch umgucken. Ihr Blick verhaftete am oberen Rand der Felswand, wo nun für alle sichtbar eine Frau stand.
Als würde die Jagdgesellschaft doppelt sehen, glichen sich die beiden Frauen wie ein Haar dem anderen – nur an ihrer Kleidung waren sie zu unterscheiden. „Schwester, schön dass du dich zu uns gesellst! Oh, wie ich sehe hast du Freunde mitgebracht.“ Tönte ihre Stimme bis an die Ohren der Jäger. Protestierend schimpfte Praiotin über die angebliche Verbrüderung mit einer Hexe. Das Geschrei des Geweihten veranlasste die Frau auf der Klippe erneut das Wort zu erheben: „Bring diesen törichten Wicht zum Schweigen!“ Ordnete sie ohne jemanden zu adressieren an, während ihre Worte Seine Gnaden noch mehr in Rage brachten. Abrupt endete sein Toben als sich eine Gestalt hinter ihm aus dem Dickicht erhob und ihm einen Dolch tief in die Seite rammte.
Als die Gruppe zuerst die Lichtung erblickte, dachte Lares nicht, dass sie mit den Lagern ihre Beute angetroffen hätten. Die waren scheinbar einfach viel zu friedlich. Als er die roten Haare der Dame in der Runde erblickte wurde er jedoch zunehmend nervös. Das soll diejenige gewesen sein, die ihn KO schlug? Das konnte beim besten Willen nicht möglich sein. Er drehte sich fragend zu Hildegund um, sein irritierter Blick sprach Bände.
Nur kurz fing diese seinen Blick auf, nickte hektisch. Sie war sich nur nicht sicher, ob sie damit die Frage des Knappen wirklich beantworte.
Als Praiotin sich zu dem überstürzten Manöver hinreißen ließ, so auf die Lichtung zu treten, wurde er panisch. Lares sah seine Einschätzung bestätigt. Dieser Mann fällte seine Urteile eindeutig zu schnell, und dass, obwohl der Segen den Herrn der Sonne auf ihm lag. Doch ihn diesem Wald waren die Schatten lang. Obwohl der Knappe auf den Praioten zutrat und von der Stimme auf der Erhebung zuerst überhaupt nicht abgelenkt wurde hatte er die Gestalt im Dickicht nicht erkannt. Als er den Dolch blitzen sah brüllte der junge Knappe vor Zorn. "Halt! Nein!" Er zog sofort seine Klinge und brachte sich in kampfbereite Stellung. "Leg die Waffen nieder oder bei allen heiligen Namen des Herrn Praios ich lasse dich brennen!"
Ein Lächeln zeichnete sich auf den Lippen der Frau ab, als sie sah wie Praiotin zu Boden ging. „An den anderen kannst du dich laben, aber spiel nicht zu sehr mit ihnen.“ Äußerste sie erneut ihre Wünsche, woraufhin sich die Gestalt bedankte und den Jägern im Wald zuwandte. Sofort erkannten sie den Gesuchten wieder, sein Gesicht war zerkratzt und blutverschmiert: es war Fürchtepraios Malter!! Sein Blick traf den des rabensteiner Baron, bohrte sich in sein verbliebenes Auge und während sich ein zufriedenes Lächeln auf seinen Lippen abzeichnete, spürte Lucrann von Rabenstein wie etwas seinem Innersten, seiner Selbst entrissen wurde.
Jolenta beobachtete derweil mit blankem Entsetzen das sich ihr bietende Szenario aus ihrem Versteck heraus. Erst als Fürchtepraios auf den Plan trat, war sie imstande die Benommenheit aufgrund des grotesken Schauspiels abzulegen, zog ihren Säbel und eilte mit langen Sätzen auf den offenbar besessenen Streiter des Sonnengottes hinzu. Doch noch während sie ihre Schritte beschleunigte blitzte der Dolch auf und fand sein Ziel.
Zu langsam! Viel zu langsam! Wütend auf sich selbst sah der Rabensteiner den Priester zu Boden gehen, während der Griff eines seiner Wurfdolche in seine Hand glitt. Er wandte sich zu dem blutverschmierten Handlanger des Praioten um, gab den Blick mit einer Kälte zurück, die sich einem Stilett gleich in das Hirn des gemarterten Waffenknechtes grub – den Bruchteil eines Lidschlags, bevor der Dolch sein Ziel fand und sich die mit Schlafgift präparierte Waffe in den Leib des Waffenknechtes grub.
'Das, Bursche, haben schon Bessere versucht.“ Geschwind zog der Baron sein Rapier aus der Scheide und schritt, mit einer fließenden, raschen Bewegung, die sein Alter Lügen strafte, zu der Frau auf der Lichtung. Vielleicht stimmte was, was manche behaupteten – das er längst kein Herz mehr besäße. Oder der Waffenknecht war es gewesen, der ihm soeben jenes letzte Quäntchen Gnade gestohlen hatte – zu seinem eigenen Pech. Die Zeit zu reden war hiermit vorüber.
Doch ganz so wie der Rabensteiner es gewohnt war. Mit einer Mischung aus Verwunderung und Belustigung in seinem Blick zog Fürchtepraios den Dolch aus seiner Schulter und musterte ihn, den Segen Borons jedoch schien er nicht empfangen zu wollen. Unerwartet behände überwand der die Distanz zum eifrigen Knappen und versetzte ihm einen Rückhandschlag der ihn gleich mehrere Schritte zur Seite taumeln ließ. Mit einem grausamen Lächeln auf den Lippen sah er weiterhin zum Rabensteiner. „Lass uns spielen, alter Mann!“ Noch während er die Worte sprach konnte man sehen, wie die frische Wunde verheilte.
Ihr Gefühl, ihre dunkle Ahnung, die Botschaft aus der Anrufung – alles hatte sich auf einen Schlag bewahrheitet. Die dunkle Bedrohung an einem Ort der Geborgenheit. Passierte das alles gerade wirklich? Der Knecht, der seinen Herrn niederstach und eine dritte, die ihm befahl? Hildegund suchte sich instinktiv Deckung hinter einem Stamm und zog die Armbrust dicht an sich, um dünner und weniger auffällig zu sein, während ihr Herz vor Angst raste. Gerne wäre sie den Stamm hinaufgehechtet, um zu fliehen. Das ging jedoch nicht. Zu viele Augen, auch wenn selbige abgelenkt waren. Was also sollte sie tun, außer von diesem wild-wütendem Malter oder den anderen nicht gesehen zu werden? Vieles wüsste die schöne Hexe, aber auf diese Frage kannte sie im Moment keine Antwort…
In Sekundenbruchteilen verfärbte sich das Gesicht des Mersingers blau wie Feilchen im Sommer. Rotes Blut rann aus der Nase des jungen Mannes und tropfte stetig auf den moosigen Waldboden. Lares taumelte einige Schritte zurück – das war am heutigen Tag schon der zweite Schlag auf seinen Kopf. Allerdings anstatt ihn kampfunfähig zu machen wurde er dieses Mal wütend. Wie konnte dieses Monster nur so stark sein? Warum wollte es so dringend mit dem alten Fechter kämpfen? Allein, da war sich der Knappe sicher, hatte keiner von ihnen eine Chance, mit diesem Mann – oder war er das überhaupt noch – fertig zu werden. Allerdings war das kein Grund, aufzugeben, sondern offenkundig wurde jedes Schwert gebraucht. Mit der Rückseite der Linken wischte er sich das Blut aus dem Gesicht. Solange das Monster mit ihm und dem Rabensteiner beschäftigt war konnten sich die anderen um seine Herrin kümmern. Aber sie mussten eindeutig zusammenarbeiten. Ein kurzer Blick auf die Seite verriet ihm, dass Lucrann sich wieder umgewandt hatte.
Rapier und Linkhand gezogen schoss der alte Baron herum und stellte sich dem Waffenknecht. Der nicht mehr hätte stehen dürfen – das Schlafgift hatte für einen Ochsen gereicht. Er drang mit einem Ausfall auf den Waffenknecht – oder dessen Reste – ein und hieb dem Burschen zwei Finten um die Ohren, ehe er einen Doppelschlag auf den Hals ansetzte, der das Problem beseitigen sollte.
Aber nicht tat. Verärgert betrachtete der Rabensteiner, wie sich der Schnitt im Hals des Kerls, der nur noch von der Wirbelsäule hätte gehalten werden sollen, sofort wieder zu schließen begann.
Ein geschmeidiger Schritt zur Seite brachte ihn aus der Reichweite des Hiebes dieses Dinges, das einmal Fürchtepraios gewesen war, und verschaffte ihm Überblick über den Kampfplatz. Ohne den Blick von seinem Gegner zu lassen hob er die Stimme. „Knappe – das Sonnenszepter!“ Mit seinem Schwert würde der Mersinger nichts ausrichten.
Und wenn nicht der Kopf, dann das nächste Ziel. Wie eine zustoßende Schlange hieb die schwarze Klinge des alten Kämpfers auf die Waffenhand des Knechtes, präzise und mit solcher Wucht, dass sie das Handgelenk mit einem Hieb durchtrennen würde. Doch anstatt wie erhofft die Waffenhand zu verletzten, drehte Fürchtepraios seinen Arm an der niederstoßenden Waffe vorbei und verletzte dem Rabensteiner im Gegenzug einen Schnitt am Waffenarm.
Alles passierte viel zu schnell. Bevor Thalissa sich entscheiden konnte, was sie nun tun sollte, lag der Praios-Geweihte in seinem Blut, prügelten sich Hexenschwestern und dieser Fürchtepraios, was immer er nun war, stürzte sich auf den Baron von Rabenstein. Hektisch und viel zu spät zog sie Rapier und Linkhand, doch in diesem Moment packte sie eine kräftige Hand an der Schulter und schob sie hinter einen dicken Baum. „Tut nichts übereiltes,“ raunte Tar‘anams Stimme in ihr Ohr. „Hexen und möglicherweise Vampire. Gegen letztere kann selbst ich nicht viel ausrichten. Aber ich kann Zeit gewinnen, allerdings nur, wenn Ihr mir versprecht, Euch aus dem Kampfgeschehen herauszuhalten, denn ich habe geschworen, Euch zu schützen!“ Der alte Krieger blickte der jungen Baronin fest in die Augen, bis diese zögerlich nickte. Erst dann ließ er ihre Schulter los und lief in Richtung des Rabensteiners los. Wo war eigentlich das Kind geblieben?
Panisch beobachtete Verema, wie sich die Ereignisse überschlugen. Ihre Hände zitterten, erst wollte sie nach ihrem Bogen greifen, darin war sie gut, doch dann sah sie mit Entsetzen, die Wirkungslosigkeit, die die Waffen auf diese Kreaturen hatten. Außerdem wollte sie nicht aus Versehen Jolenta treffen. Ihr Herz raste. Das war doch...sie fingerte an ihrem Gurt, neben dem Dolch, den ein lieber Mensch ihr geschenkt hatte, besaß sie ein einfaches Schwert. Ein wertvoller Besitz, sie war keine gute Kämpferin, doch war es bei einer unsäglichen Aktion einst Peraine geweiht worden. Sie zog es, und lief auf den Gegner des Rabensteiners zu, um es ihm egal wohin zu rammen.
Die Galebfurtener Junkerin hatte im herbeieilen beobachten können und mitansehen müssen, wie der gut gesetzte Stich des Rabenstein nichts ausrichtete. Ihre Gedanken überschlugen sich infolge. Konnte dies sein, was war mit Füchtepraios geschehen? Dies war mehr als eine Art von Beherrschung.
Fleisch mochte heilen, Muskeln zusammenwachsen, aufgerissene Haut sich schließen, doch durchtrennte Sehnen taten dies nicht, denn sie schnellten durch ihre Vorspannung auseinander und blieben getrennt, raubten Bewegungsmöglichkeit, da die Muskeln, in die sie überliefen ihre Kraft nicht mehr der Motorik zur Verfügung stellen konnten.
Dies hatte die Junkerin im Sinn, als sie den Ritter des Götterfürsten von hinten anging, als sie das Geschehen endlich erreicht hatte und ihm mit dem schweren Reitersäbel von hinten über die Kniekehle seines Standbeines ziehen wollte. Doch dieser zog in der letzten Sekunde das Bein aus der Bahn von Jolentas Waffe, nur im nächsten Augenblick gegen die Angreiferin auszutreten.
Der Knappe dachte nicht lange nach, sondern bückte sich nur nach dem schweren Gegenstand, der im Gürtel des Praioten hing. Dabei fiel ihm ein weiteres Objekt in die Hände: Das Medaillon, das zuvor sein Augenlicht nahm. Gehörte es nicht auch diesem Monster? Er packte beide Gegenstände, wodurch sich die Kette um den Griff des Sonnenszepters schlang, mit seiner Rechten und ließ dabei sein treues Schwert im Waldboden zurück. Sollte er Lucrann die Waffe zuwerfen? Aber der hatte gerade beide Hände voll! Das war zu riskant. Er war zwar sicherlich der bessere Kämpfer – Lares musste noch lernen, dessen war er sich bewusst. Aber der Knappe durfte ihm keinesfalls ablenken. Während der gezielte Streich des Rabensteiners und Jolentas überraschender Schlag von hinten das Monster beschäftigten stürmte der Knappe auf Fürchtepraios los. Auf der Seite des ungeschützten Waffenarms hieb er die geweihte Waffe auf den Kopf des Verfluchten.
Jahman zog den Khunchomer und griff an der Seite des Rabensteiners dessen Gegner Fürchtepraios an.
Frederun schüttelte ihre Erstarrung ab und fluchte leise in sich hinein. Sie hatte zu spät begriffen, was hier passierte. Raul würde auf Karline aufpassen, aber sie hatte die Warnung des Sumen zu sehr auf die leichte Schulter genommen. Sie trug zwar ein ifirngesegnetes Amulett, allerdings war eine Schwanenfeder nun einmal eine denkbar schlechte Angriffswaffe. Frederun rannte über die Lichtung, als der Rabensteiner das Monster eigentlich schon zu Boron geschickt haben sollte, und umging dabei die Hexen. Vielleicht konnte sie für Ablenkung sorgen, bis jemand mit einer geeigneteren Waffe zur Stelle war? Frederun machte sich keine Illusionen. Alles, was sie bisher mit dieser götterverfluchten Bedrohung erlebt hatte, führte ihr nur allzu deutlich vor Augen, dass sie dem nicht Herr werden konnte. In die Gruppe schießen wollte sie nicht, daher rannte sie zu dem Monster und hieb mit dem Jagdmesser zu. Sie ahnte schon, dass dies nicht helfen würde und tatsächlich schloss sich der Schnitt fast augenblicklich wieder. Frederun wich aus, als das Monster (sie vermochte es nicht mehr ‚Fürchtepraios‘ zu nennen) zu ihr herumfuhr und nach ihr schlug. Seine Hand glitt vom Leder ihrer Jagdkleidung ab, aber er bekam einen Gurt zu fassen und riss Frederun hart zu Boden.
Tar‘anam erblickte das Kind in einer Nische der Felswand, wo es sich wohl möglichst aus dem Kampfgeschehen heraushalten wollte. Gute Idee. Sein nächster Blick galt wieder diesem wohl nun ehemaligen Praios-Diener, der mittlerweile von mehreren Personen umringt wurde, so dass sein ursprünglicher Plan, ihm mit dem Tuzakmesser den Kopf abzuschlagen, nicht mehr umsetzbar war. Schade, denn den Vampir mochte er sehen, der einen abgeschlagenen Kopf regenerieren konnte. Der Krieger hielt sich aber nicht weiter mit derartigen Überlegungen auf, sondern umging die Traube der Kämpfenden, um sich den Hexen zu widmen. Wenn ihn nicht alles täuschte, war die eine Schwester nicht nur Hexe, sondern ebenfalls Vampirin, und vermutlich eine mächtigere als dieser Fürchtepraios, der ihr wohl zum Opfer gefallen war.
Thalissa hatte ihre Nahkampfwaffen weggesteckt und versuchte sich derweil von ihrer Position hinter dem Baum einen Überblick zu verschaffen, wobei sie nervös ihre Balestrina aus dem Gürtelhalfter an ihrem Rücken nestelte. Kein Ort, um die Waffe schnell zu ziehen, aber sie war auch nicht davon ausgegangen, diese auf der Jagd zu brauchen, hatte sie vielmehr aus Gewohnheit mitgenommen. Allerdings würde sie damit vermutlich nur Nadelstiche verabreichen können gegen solcherart übernatürliche Gegner, aber für eine Ablenkung mochte es allemal reichen. Und solange sie auf Distanz blieb, brachte sie Tar‘anam hoffentlich auch nicht in Gewissenskonflikte.
Zwar traf Lares Schlag das Monster mitten ins Gesicht, doch die verschobenen Wangenknochen rückten sofort mit einem widerwärtigen Knacken an ihren Platz zurück, sodass für einen Augenblick das verzerrte Grinsen des Vampirs unnatürlich verlängert wurde, nur um dann wieder an Ort und Stelle einzurasten. Als wäre nichts gewesen lachte Fürchtepraios den jungen Mann aus und versetzte ihm mit ebenjenem verletzten Kopf einen Stoß auf die Nase. Es fühlte sich an, als ob er von einem zwergischen Schmiedehammer getroffen worden wäre. Laut hörbar knackte der Knochen und gab nach. Aus dem schief in seinem kantigen Gesicht hängenden Zinken schoss das Blut auf den Waldboden und befleckte seinen Waffenrock. Lares schrie und kippte nach Hinten, konnte sich aber gerade noch abfangen, bevor er unsanft auf dem Erdboden aufkam.
Als der widerwärtige Widersacher nachsetzen wollte und sich sein Oberkörper dem jungen Mann entgegenneigte – Lares hörte bereits Golgaris Schwingen nahen – fing der Rücken des Monsters plötzlich Feuer und warf widerliche schaumige Blasen. Der Vampir war in einen Lichtstrahl getreten, den die blutrote Abendsonne durch das Blätterdach warf. Das Kreischen der Unkreatur übertönte jeden Laut auf der Lichtung. Der Mann, der einmal Fürchtepraios gewesen war, eilte aus dem Licht und klopfte sich mit der freien Hand die Flammen auf dem Rücken aus. „Schlagt auf die Äste!“, blubberte der Mersinger durch das strömende Blut aus seiner Nase hindurch. „Zerhackt die Blätter, er hasst das Licht!“ Der junge Mann raffte sich auf und packte das Medaillon, das von dem Szepter herabhing. „Schicken wir dieses Vieh zu Boron – oder in die Niederhöllen!“
Die Junkerin tänzelte einige, schnelle Schritte nach hinten, geschmeidige Bewegungen, die ihrem Alter spotteten. Dieses Monstrum, dass einmal ein recht umgänglicher und auch symphatischer Mann gewesen war, würde sie nicht in die Finger bekommen, jedenfalls ließ Jolenta entsprechende Vorsicht walten und vermied deshalb den Nahkampf. Ihr langer Reitersäbel verschaffte ihr jedoch einen Reichweitenvorteil, und so wagte sie bald einen erneuten Vorstoß, jedoch unterschritt sie die entsprechende Distanz nicht und hielt die Klinge so, dass Fürchtepraios sich selbst aufspießen musste, um an sie heranzukommen.
Zu den anderen rief sie: „Wenn sich seine Wunden schließen, so zertrennt seine Sehnen.“
Mühsam war Frederun wieder auf die Füße gekommen und verfluchte sich selbst einmal mehr, dass sie die Saufeder am Baum gelassen hatte. Sicher war auch diese nicht geweiht, aber sie hätte das Monster wenigstens an einer Stelle am Boden festnageln können, auf die noch Sonnenlicht fiel. Stattdessen versuchte sie nun, den Ruf der Junkerin in die Tat umzusetzen und lenkte die Stiche ihres Jagdmessers in Richtung der Gelenke der Kreatur. Dennoch richtete sie verdammt wenig aus.
Nein, sie würde keine Blätter mit ihrem Rapier zerhacken, dachte Thalissa sich. Der größte Teil des Blätterdachs befand sich in unerreichbarer Höhe, und ein Rapier war keine Machete. Stattdessen hatte sie endlich eine Position gefunden, die ihr einen einigermaßen ungehinderten Schuss mit der Balestrina erlaubte. Da Lares und Jolenta schon wieder Anstalten machten, sich auf den gerade freistehenden Vampir zu stürzen und ihr die Sicht zu nehmen, blieb keine weitere Zeit zu überlegen. ‚Jetzt oder nie!‘ - sie drückte ab.
Trotz ihrer Überzahl konnte die Jäger wenig gegen die Wesenheit, die einst Fürchtepraios Malter geheißen worden war, anrichten. Sie war schneller und kräftiger als ein normaler Mensch und verfügte darüber hinaus nicht nur über eine besonders starke Selbstheilung, nein ihre Waffen richteten auch nur begrenzt Schaden an. Kaum verwunderlich, dass die Jäger, die sich in den Nahkampf mit dem Vampir gestürzt hatten, nun deutlich ramponiert aussahen.
Das Klicken, als Thalissa ihre Balestrina abfeuerte, ging im Kampfeslärm vollkommen unter, ebenso wie das Geräusch des fliegenden Geschosses. Dicht am Ohr des Rabensteiners vorbeizischend, schlug die kleine Kugel auf Höhe der Nasenwurzel im Gesicht des Fürchtepraios ein. Ein Treffer wie ihn selbst die erfahrensten Schützen nicht inmitten eines Getümmels landen könnten, einzig Phex konnte diesen geleitet haben. Einen Augenblick noch konnte man das Erstaunen im Gesicht der Kreatur aufblitzen sehen, dann zerfiel es auch schon zu Staub.
Völlig überrascht ob der Wirkung ihres Treffers – oder war da etwas anderes im Spiel gewesen, was sie in der Hektik übersehen hatte? - erstarrte Thalissa für einen kurzen Moment und wäre in diesem Augenblick leichte Beute für jeden Angreifer gewesen. Doch die keuchenden Worte des Geweihten und das daraufhin aus dem schon sehr dämmrigen Himmel herabstürzende, gleißende Licht rissen sie wieder aus ihrer Lethargie und sie ließ sich sicherheitshalber auf den Boden fallen, da ihr gerade jede Übersicht abging.
Frederun starrte verdutzt auf die Staubwolke, die langsam zu Boden sank. Sie hatte den Schuss nicht mitbekommen und gerade zustechen wollen. Dann gleißte das Licht des Herrn PRAios vom Himmel und geblendet und voller Ehrfurcht schloss Frederun für einen Moment die Augen.
Was war denn da passiert? Verema ging es wie Frederun, sie selbst war unverletzt und konnte sich erstmal nicht erklären, was dem Vampir so schnell den Gar ausgemacht hatte. Der Schuss? Woher kam plötzlich das Licht? Gut, dass die hexen anderweitig beschäftigt waren…
Schwer atmend sah sich die Junkerin irritiert um. Sie konnte sich beim besten Willen nicht erklären, warum ausgerechnet das Geschoss dieses Monstrum gefällt und sogleich ‚zerstört‘ hatte, wo schwere Klingenwaffen versagt hatten. Zerstört- ihr viel kein anderes Wort für diese Auflösung ein, auch wenn es ihr fast schändlich vorkam dieses Wort für ein vormals lebendes, atmendes Wesen zu nutzen.
Vielleicht, so überlegte Jolenta, war dies tatsächlich ein Fingerzeig des Nachtrichters, dessen göttlichem Tier sie erst vor kurzem begegnet war.
Von diesem Ausgang völlig überrascht starrte der Mersinger Knappe für eine, vielleicht zwei Minuten einfach nur auf den Fleck, an dem der übermächtige Vampir gerade noch gestanden hatte. Das kam einfach viel zu plötzlich! Als er realisierte, dass der Kampf vorbei war, stürzte der junge Mann zu dem am Boden liegenden, blutenden Geweihten.
Die Augenbraue des Rabensteiner schoss nach oben, als er tief Luft holte. Was auch immer das gewesen war – es war mächtiger als ein gewöhnlicher Vampir – und im Gegensatz zu seinen bisherigen Begegnungen mit dieser Art war dieser hier gänzlich unbeeindruckt von einem Treffer mit einer geweihten Waffe geblieben. Er konnte nur hoffen, dass sich diese neue Seuche nicht weiter ausbreiten würde. Er blickte sich um, analysierte die Situation und nickte der Baronin zu. „Guter Schuss, Hochgeboren.“


***
Zur gleichen Zeit blieben auch die beiden Frauen nicht untätig. Mit einem mächtigen Satz sprangen beide Frauen aufeinander zu, sodass sie sich inmitten der Luft trafen und aufeinanderprallten. Schwer landeten sie auf dem Boden, wobei es der Hochspringenden gelungen war auf der anderen zu landen. Furien gleich schlugen sie aufeinander ein, zerkratzten sich gegenseitig die Gesichter und trennten sich schließlich voneinander. Doch während die Frau, die die Gruppe zuvor hatte ins Lager schleichen sah, nach Atem rang, war der anderen keine Erschöpfung anzusehen. „Jocasta was ist los, wieso so außer Atem?“ Wurde die nach Atem ringende Verhöhnt, selbst jedoch nicht um eine Erwiderung verlegen. „Dafür schlägt mein Herz noch Jolenta!“ Fauchte sie zurück, beförderte einen langen Stecken mit einem geschickten Tritt vom Boden erst in die Luft und anschließend direkt in ihre Hand. Als sie sich erneut auf ihr Ebenbild stürzte wurde sie von einer großen Eule unterstützt die ihrer unnatürlichen Widersacherin mit Krallen und Schnabel zuzusetzen begann.
Zwar konnte der Krieger sich durch das Unterholz und ohne einen seiner Kampfgefährten über den Haufen zu rennen an die beiden ineinander verschlungenen Hexen herankommen, doch musste er schnell einsehen, dass er mit dem Tuzakmesser kaum eingreifen konnte, wollte er die „normale“ Hexe und ihre Eule schonen. Dem Diener des Herrn Praios wäre das vermutlich herzlich egal gewesen, aber dieser war ja im Moment nicht fähig, unsinnige Anweisungen zu geben, was Tar‘anam innerlich mit fast so etwas wie grimmiger Befriedigung für sich feststellte. So beschränkte er sich zunächst darauf, Hiebe der Vampirhexe nach bestem Vermögen abzufangen, bevor sie ihre Schwester trafen, und auf eine günstige Gelegenheit zu lauern, einen entscheidenderen Schlag anzubringen.
Langsam war Seine Gnaden, nachdem Lares bei ihm gewesen war, wieder zu sich gekommen. Unfähig seinen Blickwinkel zu verändern, musste er den Kampf zwischen den beiden Hexen mit ansehen. Niederhöllische Kreatur focht gegen eine dieser verdammten Hexen. Augenblicke später schritt der eigenwillig gerüstete Mann in den Kampf mit ein und schütze die Hexe vor einigen der Angriffe durch diese Kreatur. Dabei hatten diese Kreaturen einander verdient, ihre Existenz auf Dere wollte er allerdings von beiden beendet sehen. Mit aller Kraft die er noch aufbieten konnte, reckte er die Rechte, zur Faust geballt, in Richtung des Kampfes. „Herr Praios! Fürst der Götter! Himmlischer Richter! Gleißender! Richte deinen strafenden Blick auf diese unheilige Kreatur und bade sie in deinem reinigenden Licht!“ Die drei Kämpfenden in goldenes Licht tauchend, fiel Praios Bannstrahl auf das Dererund. In gellenden Schreien verging das Wesen und zerfiel zu Staub, wurde vom Windhauch erfasst und in die Richtung restlichen Jäger geweht.
Geblendet riss Tar‘anam einen Arm vor sein Gesicht und sprang instinktiv zwei Schritt zurück, um etwaigen Angriffen zu entgehen, welche seine plötzlich drastisch eingeschränkte Kampffähigkeit auszunutzen gedachten. Phex – oder Praios? - sei Dank währte die Blendung aber nur einen Moment und er sah gerade noch, wie die eine Hexe zu Staub zerfiel. Er duckte sich zur Seite, da er keine Lust verspürte, die feinverteilten Überreste der Vampirin einzuatmen, richtete seine Aufmerksamkeit aber sogleich wieder auf die überlebende Hexe und ihr Tier sowie auf den offensichtlich noch handlungsfähigen Geweihten des Praios, um je nach Reaktion der beiden (oder anderer Jäger) sofort einschreiten zu können.
Auch die Gelebfurtenerin eilte nun herbei, ihren Reitersäbel wieder drohend erhoben und stellte sich an Tar’anams Seite. Für den Moment schien sie jedoch unschlüssig, was zu tun sei. Praios Bannstrahl hatten schließlich die Spreu vom Weizen trennen sollen. Wer noch stand konnte keine Bedrohung darstellen.
Voller Ehrfurcht betrachtete Lares die geballte Macht des Herrn des Lichts. Diese anmutige Erfahrung bestärkte ihn noch einmal in seinem Glauben – die Allmacht des Herrn PRAios war nicht zu bestreiten. Als das Licht langsam die Schatten des Waldes wieder preisgab drehte er seinen Kopf kurz zu dem Geweihten um. Wie ging es ihm? Er musste am absoluten Ende seiner Kräfte sei! Im selben Moment spürte er plötzlich die unfassbaren Schmerzen, die von seiner Nase in sein Gesichtsfeld, den Rücken hinunter und in seinen Bauch strömte. Eine starke Übelkeit machte sich breit und ihm wurde schwindelig.
Frederun hatte die Augen wieder geöffnet und murmelte nun ein kurzes Gebet wider das Böse, während sie sich umsah. Keine Kämpfe mehr, gut. Einige Schritt neben ihr schwankte auf einmal der Knappe. Frederun fuhr herum, ob es einen Schützen gäbe, sah nichts und packte dann seinen Arm, damit er nicht stürzte. Der junge Mann fing sich wieder und taumelte auf den am Boden liegenden Geweihten zu. Frederun folgte ihm beunruhig ob der Regungslosigkeit Praiotins.
Nachdem das was einst ihre Schwester gewesen sein mochte zu Staub zerfallen war, stürzte die als Jocasta angesprochene Frau zum verängstigt zusammengekauerten Mädchen und schloss es in die Arme. Die kleinen Arme der Kleinen schlossen sich, einem Schraubstock gleich, um den Hals der Frau, während ein gelegentliches, ersticktes – doch Glückseliges - Schluchzen in der plötzlich eingetretenen Stille zu vernehmen war. Die Eule, die sich ebenfalls in den Kampf gegen die Wesenheit eingemischt hatte, drehte derweil noch einige Runden über dem Geschehen, eh sie sich auf einem erhöhten Punkt niederließ und aufmerksam über die Szenerie wachte.
Die Junkerin steckte ihren Säbel derweil in die Scheide zurück und beobachtete die Umarmung der beiden Fremden. Jolenta hatte Fragen, jedoch war sie für den Moment nicht gewillt den innigen Moment zu stören.
Immer noch überrascht von ihrem Erfolg, schüttelte Thalissa schließlich endgültig die Starre von sich, lud die Balestrina noch im Liegen nach und erhob sich wieder, als keine unmittelbare Gefahr mehr zu drohen schien. Tar‘anam erschien schattenhaft an ihrer Seite, denn beide hatten den gleichen Gedanken und schritten vorsichtig auf die Hexe und das Kind zu. Thalissa hockte sich hin, um zu zeigen, dass sie keine Bedrohung darstellte, und begann leise zu sprechen: „Schnell, erzähle, was das hier alles sollte und was es mit dem Kind auf sich hat. Wenn der Geweihte wieder zur Besinnung kommt, kann ich leider für nichts mehr garantieren, aber wenn wir wissen, dass du unschuldig bist, können wir ihn vielleicht im Zaum halten.“ Sie warf einen Blick über die Schulter, um zu sehen, wie es um Seine Gnaden stand.
Sanft lächelnd nickte Jolenta der Frau, welche Jocasta hieß und dem Mädchen auffordernd zu und bekräftigte somit die Worte ihrer Vorrednerin.
Sanft versuchte sich Jocasta aus dem Klammergriff des Mädchens zu befreien, doch dieses wimmerte daraufhin leise immer wieder „Mama“. So bleibt der Frau nichts anderes übrig als die Kleine im Arm haltend sich zu den drei Unbekannten umzudrehen, während sie dieser beruhigend über das Haar strich. „Was all dies zu bedeuten hat kann ich dir nicht sagen, aber das was einst meine Schwester gewesen ist hat meine Tochter entführt. Ich bin hierhergekommen um Miril zurückzuholen, was dich und deine Freunde hierher getrieben hat ist mir dabei ebenso schleierhaft alles andere.“
Thalissa hob eine Augenbraue ob dieser harschen Ansprache, dennoch antwortete sie mit ruhiger, weiterhin leiser Stimme. „Deine – Schwester? - hat den Begleiter des Geweihten dort“, sie deutete auf den gefallenen Praiotin, „unter ihre Herrschaft gezwungen. Seine Gnaden hat uns, die wir uns lediglich zur Jagd nach Tieren im Wald befanden, gebeten, ihm bei der Suche nach diesem zunächst verschwundenen Begleiter zu helfen. Außerdem erklärte er uns, er verfolge eine Hexe, welche ein Kind entführt hätte. Wen meinte er damit eigentlich – dich oder deine Schwester?“ Thalissa warf einen kurzen Blick in die Runde, doch noch war der Großteil der Jagdgesellschaft anderweitig beschäftigt.
Misstrauisch musterte Jocasta die Baronin von Rickenhausen, während sie zugleich aus den Augenwinkeln nach einer Fluchtroute Ausschau hielt- von ihrer erhöhten Position aus thronte Jocastas Eule über der Gesellschaft und behielt die Umstehenden für seine Herrin im Blick. Jolenta war an allem schuld, dieses selbstsüchtige Biest! Hätte sie nicht Miril entführt wäre die kleine ungestört aufgewachsen und wäre mit den Götterläufen zur Eulenhexe herangereift, aber Jolenta kannte als Schöne der Nacht nur sich selbst und ihre Verwandlung in diese Kreatur hat ihrer Persönlichkeit auch nicht geholfen. „Meine Schwester hat Miril entführt, als ich davon erfahren habe bin ich sofort aufgebrochen um sie zu suchen.“
Die Baronin warf einen kurzen, abschätzenden Blick nach oben zur Eule, während Tar‘anam zwei Schritt entfernt stand, dass Tuzakmesser locker nach unten hängend in einer Hand haltend, und die Gesamtsituation im Blick behielt. Dann wandte Thalissa sich wieder der jungen Frau zu und versuchte, ihren Blick einzufangen. „Und wie ist deine Schwester zu dem Ding geworden?“
‚Eine berechtigte Frage‘, dachte die Galebfurtenerin bei sich und nickte zustimmend, während sie sich gemächlichen Schrittes an die Seite der Rickenhausenerin stellte.
Mit sorgenvollem und ernstem Blick zugleich stellte sie Blickkontakt mit Thalissa her. „Wenn ich das wüsste, …. Wir sind zu wenige und der Kampf der letzten Monde fordert Opfer unter uns. Diese Kreaturen werden mehr, während unsere Zahl abnimmt. Der Mörder meiner Schwester mag unbekannt bleiben, aber so wahr ich hier stehe – ich werde jede dieser Kreaturen, derer ich habhaft werden kann, vernichten und mit etwas Glück wird auch der Mörder Jolentas unter ihnen sein!“
„Gut,“ gab sich Thalissa für den Moment zufrieden und machte eine beschwichtigende Geste mit der linken Hand in Richtung Jolenta. „Du kannst versichert sein, dass keiner der hier Anwesenden möchte, dass hier Vampire nach Belieben die Gegend durchstreifen. Wir sind auf derselben Seite. Es wäre hilfreich, wenn du uns alles erzählst, was du darüber weißt. Wenn Seine Gnaden überlebt, werden wir versuchen, ihn zu überzeugen, dass er besser daran ist, mit dir zusammenzuarbeiten statt ...“ Die Baronin brach unvermittelt ab. „Hoffentlich ist der Jagdmeister nicht einem weiteren dieser Wesen zum Opfer gefallen! Jocasta – kannst du uns helfen? Wir vermissen … drei, glaube ich, sind es, drei Leute unserer Jagdgesellschaft. Wenn du sie findest, könnten wir das vor seiner Gnaden als Beweis deines guten Willens präsentieren, um ihn zu überzeugen. Denn ich denke, wir werden alles brauchen, was wir aufbieten können – sowohl Praios‘ Macht als auch Hesindes Gaben!“
Auch wenn der Junkerin von Galebfurten Fragen auf der Zunge brannten, ließ sie Thalissa gewähren und weiter das Wort an die Hexe richten. Geduld war schließlich die Tugend eines würdigen Alters.
Noch immer war die Hexe misstrauisch und zweifelte daran diesen Leuten tatsächlich vertrauen zu können. Der Geweihte sah ganzschön hinüber aus, aber sofern noch ein Funken Leben in ihm schlummern sollte so würde er ihr – kaum in der Lage einen Finger zu rühren – ans Leder wollen. Das Beste für sie und ihre Tochter wäre es sich bei der ersten bietenden Gelegenheit das Weite zu suchen, diese Gelegenheit müsste sich jedoch erst noch einstellen. Mit klarer Stimme richtete sie das Wort an ihren treuen Begleiter: „Hlûthar könntest für mich nach ihren Begleitern suchen?“ Einen missmutigen Schrei ausstoßend bereitete die stattliche Eule ihre Schwingen aus und schwang sich in die Lüfte.
Bei dem Namen des Tieres, welches offenbar zu der Hexe gehörte und dieser gehorchte, musste die Gelebfurtenerin schmunzeln. Auch die vermeintlichen Feinde der Praios- Kirche ehrten offenbar die Heiligen… oder beliebten einfach nur zu scherzen.
Anschließend lieferte Jocasta der Baronin, ihrem Begleiter und Jolenta einige Erkenntnisse zur Gefahr, die die Nordmarken aus den Schatten heraus bedroht.
Ungläubig starrte die Galebfurtenerin die Hexe an. Das was diese erzählte konnten doch nur Schauergeschichten sein und billige noch dazu.
Sie ließ ihren Blick über die Mitglieder der Jagdgesellschaft gleiten und schüttelte energisch den Kopf. “Haltet ihr es für möglich, dass sie die Wahrheit spricht? Ich hatte solche Geschichten bisher als Aberglauben abgetan.”
Thalissa wiegte unschlüssig den Kopf „Nun … was ich über diese Wesen weiß, widerspricht zumindest nicht den Worten Jocastas: Vampire trinken Blut, werden dadurch selbst stärker und das Opfer schwächer, bis zum Tod. Ihre Kräfte, wie wir es selbst eben erlebt haben, sind denen eines Menschen überlegen. Sonnenlicht verbrennt Vampire. Soweit mein eigener Wissensstand. Alles andere müssen wir ihr glauben, oder auch nicht.“ Die Baronin hielt inne. Sie hatten sich nun einige Zeit mit der Hexe unterhalten, aber ihre Eule war noch nicht wieder aufgetaucht. War das nun ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?
Nachdem Seine Gnaden Praiotin den vernichtenden Blendstrahl seines himmlischen Herrn auf das Kampfgeschehen hat fallen lassen, war er kraftlos zu Boden gegangen. Der Dolchstoß seines einstigen Beschützers war gewiss gut platziert gewesen, bedingt durch das schwindende Licht und den dafür ungeeigneten Untergrund konnte jedoch niemand von weitem einschätzen wie viel Blut er verloren haben mochte.
Jahman, der im Kampfe keine Verletzungen davongetragen, aber auch nichts zur Vernichtung der Kreatur beigetragen hatte, begab sich zu Praiotin und nahm dessen Verletzung in Augenschein. Er versuchte, aus der Nähe einzuschätzen, ob der Blutverlust lebensbedrohend sein mochte und ob Dreck in die Wunde geraten war. Weiterhin achtete er darauf, dass der Geweihte nicht so zu liegen kam, dass die Stichwunde auf dem Boden—und damit in den Dreck—geriet.
Während Jahman zu ihnen trat, war Lares schon eine Weile neben dem Geweihten in die Hocke gegangen. Der schlaffe Körper in der wallenden Robe rührte sich nicht mehr. Zuerst versuchte der junge Mann den Priester nur anzusprechen. Als er hierauf nicht reagierte, rüttelte er ihn vorsichtig an der Schulter. Auch hierauf keine Reaktion. Lares wurde nervöser – er versuchte den Puls zu spüren. Sein eigener Gesundheitszustand wurde duch das wieder aufwallende Adrenalin verdrängt. Nachdem er auch keinen Hauch eines Atems spüren konnte, war er sich vollends sicher. Als Jahman herantrat, drehte sich der Mersinger zu ihm: „Herr BORon holt ihn zu sich! Schnell! Holt Hilfe! Kann hier irgendjemand in der Not heilen?“ Lares presste verzweifelt beide Hände auf die schwere Wunde in Praiotins Leib. Seine Hände wurden mit Blut besudelt.
Heilen. Der Ruf drang durch Hildegunds Geist und in die Angst, die sie die letzten Momente über stocksteif in ihrer Deckung hatte verharren lassen. Sie vernahm die Worte eines näselnden Knappen. Irgendwer starb da drüben gerade. Hoffentlich war es der Geweihte. Aber nach dem Klingengewitter konnte sie das nicht genau sagen. War denn das unsäglich düstere Grauen vorbei, so dass sie herauskriechen und sich ein Bild machen konnte? In ihrer völligen Überforderung, weil sie so etwas noch nie zuvor erlebt hatte und ihr die Angst tief in die Seele schnitt, entschied etwas in Hildegund – vielleicht ihr Überlebenswille – dass sie noch etwas hinter ihrem Baum verharren sollte…und das tat sie dann auch, während sie ihren Geist auf Reisen und auf die Suche nach ihrem eigenen Gefährten machte, um den sie sich mittlerweile mehr sorgte als alles andere. Hugin mein Hugin, wo bist du nur? Ich brauch dich hier. Melde dich, oh bitte bitte melde dich doch! Hildegund hatte kein gutes Gefühl. Völlig untypisch, dass sie seit langem schon nichts mehr spürte, keine Verbindung, keine Nähe, das machte ihr mindestens noch einmal genauso viel Angst wie der Angriff der Kreaturen.
Frederun ließ sich neben dem Knappen nieder, immer noch ging ihr Atem etwas kurz, aber wirklich verletzt schien sie nicht zu sein. Anders der Geweihte. Die Wunde zuzuhalten war sicher keine schlechte Idee, aber er hatte schon sehr viel Blut verloren. Frederun hatte schon so einige schwere Wunden gesehen und selten war es gut ausgegangen. Was konnte sie für einen Verband gebrauchen? Warum hatte sie so etwas eigentlich nicht eingepackt? ‚Nicht denken, handeln!‘, hörte sie eine der Therbuniterinnen sagen, die an der Tesral-Schlaufe die Verwundeten versorgt hatten. Keine Zeit zum Zögern, Frederun löste eine der langen Lederschnüre am Schuh, vielleicht konnte man noch eine Art Druckverband anlegen?

Vermisste Jäger

Da die Dämmerung bereits einsetzte war es nicht mehr ratsam noch ins ursprüngliche Jagdlager zurückkehren zu wollen. Stattdessen machten sich die anwesenden Jagdhelfer daran das bereits bestehende Lager in Augenschein zu nehmen und das Beste aus der Situation zu machen. Die ganze Zeit über hatten sie genau für diese Situation Ausrüstung mit sich herumgetragen, doch fehlten bisher noch immer der Jagdmeister und zwei der flankierenden Jäger.

“Sollten wir den Jagdmeister suchen gehen”, richtete Jolenta fragend das Wort an einen der sie begleitenden Jagdhelfer. “Vielleicht ist ihm etwas zugestoßen. Besitzt ihr ein Horn, um ihnen zu signalisieren, wo wir sind? Vielleicht suchen sie uns auch nur“, mutmaßte sie und seufzte sogleich im Anschluss über ihre schnelle, unbedachte Zunge. Die Idee war eher abwegig. Spuren wie die, welche die große Gruppe hinterlassen hatte, würde ein nahezu Blinder verfolgen können.
Währenddessen war Verema zum Rabensteiner gegangen und setzte sich neben ihn. „Wie geht es Euch, Hochgeboren?" Sie sah ihn dabei nicht an, das hatte so oft keinen Zweck und ihr ging die Sache mit den vermissten Jägern noch durch den Kopf. "Er hatte Euch fast erwischt ... meint ihr, die verschwundenen Jäger sind Opfer eines ähnlichen Wesens geworden? Es wäre nicht klug, uns zu trennen."
„Das habe ich nicht vor.“ Der Baron inspizierte den klaffenden Schnitt an seinem Waffenarm, den ihm der ehemalige Waffenknecht beigebracht hatte, mit distanziertem Interesse. „Wir würden vermutlich nur noch mehr Leute verlieren. Dass wir die beiden besiegt haben, besagt nicht, dass es keine weiteren gibt.“
Er krempelte sich den inzwischen blutdurchtränkten Ärmel nach hinten und entnahm seiner Gürteltasche Verbandszeug und ein kleines Flächen mit einer hellen Flüssigkeit. Kurz musterte er die Junkerin, die ihrerseits mit zusammengezogenen Augenbrauen dasaß und ihre Missbilligung auch ohne jedes Wort deutlich zum Ausdruck brachte. „Mögt ihr mir helfen?“
Fast zornig doch mit unterdrückter Sorge sah sie ihren, na ja ihren Baron in den Nordmarken an. "Natürlich, gerne, zeigt mal her, ich kenne mich da auch etwas aus." Die Frage war nicht, ob sie helfen wollte, sondern helfen durfte, das sah er in ihrem Blick deutlich ... "Ihr Entschuldigt...Ihr habt davon sicher genug ..." Sie schnitt den Ärmel weiter Richtung Unterarm auf, bis sie in gesundem Bereich war, säuberte die Wunde mit etwas in Flüssigkeit getränkten Mull und legte einen kleinen, sauberen in den Trank, der wohl in dem Fläschchen war, auf die Verletzung. Man könnte versuchen, durch eine Naht eine primäre Wundheilung zu erzielen und sie hoffte, dass der Trank gut genug dafür war. Ansonsten musste man die sekundäre Heilung abwarten ... aber es war ja nicht seine erste Verletzung. "Seid froh, dass es das Handgelenk nicht erwischt hat. Ich hätte den Handschuh entfernen müssen" Fast klang ihre Stimme amüsiert.
„Da hatte ich ja wirklich Glück.“ bemerkte der Baron mit aufgeräumter Stimme, als die Junkerin seinen Arm versorgte. „Hoffen wir, dass es nicht noch mehr Gestalten dieser Art hier gibt.“ Er blickte nachdenklich auf den gesenkten Schopf Veremas. „Die Hexe weiß es vermutlich einzuschätzen. Sie wird aber besser darauf reagieren, wenn eine Frau mit ihr spricht – wollt ihr dies tun?“
Jahman merkte an: „Je früher wir sie finden, desto eher können wir ihnen helfen—falls wir das überhaupt noch können“. Er blickte Verema an: „Bei dieser Art von Feinden ist eine Aufteilung sicher viel zu gefährlich.“
„Dem stimme ich zu.“ Die Galebfurtener Junkerin stellte sich neben den Wüstensohn. „Wir sollten unser Glück nicht überstrapazieren. Der Schuss war ein Fingerzeig des Fuchses. Er wird uns nicht ewig hold sein. Wir müssen etwas unternehmen, möglichst geschlossen.“
Verwirrt sah die Junkerin ihren Baron an, dann Jolenta. "Ich soll nochmal zu der Hexe und dem Kind? Da war doch Wohlgeboren Jolenta gerade, aber wenn Ihr meint. Ich könnte auch zu dem Knappen, der da versucht, eine Leiche zu retten ... ich mag sie beide nicht, aber ich bin sicher besser, als er." Sie sah zwischen Baron und Junkerin hin und her. "Nun? Viel Zeit hat der Knappe da nicht mehr."


Der Baron seufzte, erhob sich und nickte Verema zu. „Schauen wir nach ihm.“ Er trat mit ihr zu dem selbstgerechten Praioten, der emsig dabei war, mit seinem Blut den Boden zu tränken. Er fischte seinen letzten Heiltrank aus seiner Gürteltasche, musterte seine vom Blut glitschigen Handschuhe und drückte die Flasche ohne ein weiteres Wort der Junkerin in die Hände, was die Überlebenschancen des Geweihten jäh verdoppelte.
Verema schritt forsch und durchaus ernst auf den sterbenden Geweihten und den verzweifelten Lares zu. "Knappe, hebt seine Beine hoch und betet zu seinem Gott!" Der Mann würde sterben, sie hoffte, dass der Trank in dem Fläschchen wirklich gut war. Sie warf einen kurzen Blick auf die blutende Wunde. Sie opferte den gesamten Inhalt der Flasche und tamponierte die Stelle mit einem Lappen, nun gut einem Fetzen aus ihrer Bluse, den sie sich mit ihrem Dolch abtrennte, ab. Der Mann spuckte kein Blut, mit etwas Glück war die Lunge unverletzt, einem Pferd hätte sie jedoch den Gnadenstoß gegeben. "Loss, Jahmann, irgendein anderer Held, helft hier mal mit, polstert seine Kopf und kontrolliert, seine Atmung. Ich war nicht in Mendena, auch in keinem anderen Krieg. Ihr sicher irgendwann mal... Wollt ihr ihn verrecken lassen?!"
Frederun reichte der energischen Dame die Lederschnur, falls sie den Lappen befestigen wollte und rollte aus ihrem kurzen Jagdumhang ein Kopfpolster, das sie ihm vorsichtig unterschob.
Jahman entfernte sämtlichen Schmutz, den er erkennen konnte, aus der immer noch offenen Wunde und drückte Verbandsmaterial auf die offene Stelle. „Könnt Ihr meinen Umhang auch so rollen“, frug er Federun, „und dann einmal falten? Ich brauche etwas, das die Stelle zudrückt.“ Ohne Verema anzusehen, sagte er: „Reicht mir mal einen Gürtel oder einen Riemen, Domna.“ Als Jahman die erbeten Dinge bekommen hatte, legte er den zusammengerollten und gefalteten Umhang von außen auf die Abdeckung der Wunde und schnallte ihn so mit dem Riemen fest, dass der Umhang eine federnde Wirkung hatte und die Wunde zudrückte, die durch den Heiltrank des Rabensteiners weitaus weniger blutete als vor dessen Verabreichung. Als er fertig war, erhob er sich und raunte Federun und Verema zu: „Hoffentlich reißt er sich das jetzt nicht wieder runter“. Jahman achtete auf die Bewegungen des Geweihten, vor allem die der Hände.
Frederun war besorgt. Da Verema dem Verletzten sogar einen Heiltrank in die Wunde geträufelt hatte, hätte sie sich eigentlich schließen müssen, das schien aber nicht der Fall zu sein. Jedenfalls hatte sie immer noch geblutet, bevor sie verbunden worden war. „Solange er blutet, ist es doch ein gutes Zeichen, nicht wahr?“, fragte sie leise niemand bestimmtes. Dann erinnerte sie sich an eine Sache, die sie während ihrer Zeit im Lazarett immer wieder gesehen hatte: Sie hielt Praiotin ihren Dolch so vor die Nase, dass etwaige Atmung die Klinge leicht beschlagen lassen musste. Sie wagte beinahe nicht, hinzusehen.
Lares war heilfroh, dass ihm jemand half – und schlussendlich die Verantwortung für die Behandlung des Patienten abnahm. Er konnte zwar passabel Wunden auf dem Schlachtfeld zusammenflicken, aber bei einem Verblutenden stieß seine Kunst an ihre Grenzen. Zugleich schwanden auch ihm zunehmend die Kräfte und der leichte Schwindel von vorher setzte wieder ein. Zugleich kamen plötzlich schreckliche Kopfschmerzen, die dafür sorgten, dass sich die Welt vor dem Knappen drehte. Nach Möglichkeiten riss er sich zusammen, doch irgendwann übermannte ihn die Übelkeit und er konnte nur noch ein wenig von den Helfenden wegstolpern, bevor er sich in die Büsche übergab.
Der Rabensteiner beobachtete mit distanziertem Interesse die Bemühungen um den Praioten. Es erhöhte dessen Möglichkeiten beträchtlich, dass es die berufeneren Heiler waren, die sich um ihn kümmerten – selbst bei gegenteiligen Bestrebungen seinerseits hatten die Verletzten die Tendenz, ihm unter den Händen wegzusterben, eine Sache, die er irgendwann als unausweichlich akzeptiert hatte. Er warf einen abschätzenden Blick auf die Hexe und die Jäger, die diese umstanden, befand, dass sie auch wenig Neues zu berichten hatte und behielt ansonsten die Umgebung im Auge – es fehlten noch immer die Jagdhelfer und der Richtwalder, und die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich zu ähnlichen Dingen wie der ehemals praiosgefällige Waffenknecht entwickelt hatten, war nicht von der Hand zu weisen.

Unerbitterlich wurde um das Leben von Praiotin gerungen, doch ließ sich dieser nicht ohne weiteres den Fängen Golgaris entreißen. Die starke Blutung versiegte, doch konnte man nicht sagen ob dies an den Bemühungen der Helfer oder am Fehlen weiteren Blutes lag. Blass lag der Geweihte auf dem Waldboden danieder, noch immer ohne Anzeichen von Atmung.
Als Jahman bemerkte, dass dem Geweihten der Odem abhandengekommen war, stieß ein paar Unmutsäußerungen aus, wobei er sich seiner Muttersprache bediente. Er blickte Federun an und sagte: „Nehmt die Rolle wieder weg und drückt sein Haupt in den Nacken. Er muß atmen.“ Leise fügte er hinzu: „… vor allem atmen können“. Jahman versuchte seinen Puls an der Schlagader zu ertasten und sonstige Anzeichen für (oder gegen) ein schlagendes Herz festzustellen. Währenddessen bat er Federun: „Öffnet mal seinen Mund. Wenn er etwas im Rachen hat, muß das raus, wenn er nicht daran ersticken soll.“
Jahman stellte rasch fest, dass auch der Herzschlag des Geweihten ausgesetzt hatte. „Kamelscheiße nochmal,“ zischte er. Er zog seinen Waqqif und trennte die Bekleidung des Geweihten auf, ohne ihm eine weiteren Verletzung zuzufügen, und entfernte jene. Dann tastete er den Oberkörper ab, vor allem die Stelle, an der sich normalerweise das Herz befand. Er sah Federun und Verema an und sagte: „Nichts.“ Er begann, mir beiden Handballen immer wieder kurz auf die Stelle zu drücken und sagte zu Federun: „Atmet durch den Mund aus in seine Nase hinein. Habe mal gesehen, wie sie so jemanden zurückgeholt haben. “ Ohne sich nach dem Rabensteiner umzusehen, frug er diesen: „Ibn Boronian, habt Ihr noch eine von diesen Phiolen? Jemand von den anderen Herrschaften vielleicht?“ Während er alle Anstrengungen unternahm, diesen arroganten Un-, aber dennoch Rechtgläubigen zu retten, schossen ihm alle möglichen Fragen durch den Kopf. Hatte der, den auch der Rabensteiner so verehrte, beschlossen, diesen Verkünder abzuholen? Wo war die, die die Ungläubigen stets anriefen, wenn sie von irgendwelchen Zipperlein geplagt wurden? Hatten sie alle miteinander etwa beschlossen, den Ungläubigen abzuholen, nur weil einer, der sie nicht verehrte, ihn zu retten versuchte? Jahman würde es vermutlich nicht so schnell erfahren und setzte seine Anstrengungen fort. Schließlich hatte sich der Ungläubige überzeugend wider das blutsaugende Echsengezücht gestellt, und der Gottgefällige ließ seine Kampfgefährten nicht im Stich. Jahman spürte, wie er eine Rippe des Ungläubigen zumindest angebrochen hatte. Jetzt bloß keine inneren Verletzungen, die zu noch mehr Blutverlust führten. Andererseits konnte er ein allzu sanftes Drücken auch gleich bleiben lassen. ‚Rastullah steh mir bei, auch wenn‘s ein Ungläubiger ist—wenn‘s die Götzen partout nicht wollen‘, ging es ihm durch den Kopf. Er spürte abermals, dass eine Rippe nachgegeben hatte. Er hielt ganz kurz inne, tastete nach der Schlagader und horchte an der Brust, ob sein Einsatz den gewünschten Erfolg gebracht hatte.
Jolenta schüttelte den Kopf auf die Frage des Wüstensohnes hin. „Bedauere nein.“ Sie hatten geplant auf die Jagd zu gehen und nicht in den Krieg zu ziehen. Niemals hätte die Galebfurtenerin damit gerechnet magische Tränke zu bedürfen. Die Tatsache, dass der Rabensteiner einen mitgeführt hatte fand sie schon daher schon ein wenig merkwürdig. Andererseits waren viele gekrönte Häupter von einem Jagdausflug ‚nicht zurückgekehrt‘.
Der Rabensteiner schüttelte nur stumm den Kopf auf die Frage al’Fenneqs und betrachtete mit gerunzelter Braue die Bemühungen seines alten Weggefährten. So hätte der Praiosdiener wahrlich nicht enden müssen – doch Zeit und Ort wusste der Rabe allein.
Jahman stellte seine Anstrengungen ein, als er nach mehrmaligem Horchen und Tasten nicht feststellen konnte, dass das Herz des Praioten wieder zu schlagen angefangen hätte. Geistesabwesend blickte er über den Toten hinweg. Er schien auch die Umgebung nicht wahrzunehmen.
Als es unweit des Kampfplatzes leise geworden war, trat eine völlig perplexe Hildegund zaghaft hinter einem Baum hervor, der ihr bislang Schirm und Schutz geboten hatte. Für erfahrene Kämpfer litt sie unter Schock ob der überstandenen Gefahrensituation. Zumindest waren ihre Bewegungen ungelenk, ihr Blick langsam, das Gesicht blutleer und die Art, wie die junge Edle die Armbrust geradezu an sich gepresst hielt, ein deutliches Zeichen ihres verängstigten, verwirrten Geistes. Sie war Höfling. Nicht geschaffen für einen Kampf und womöglich auch nicht geschult für solch derartige Situationen, darum war ihr Verhalten bei näherem Betrachten sogar recht verständlich. Als Hildegund den Leichnam des Götterdieners sah, fiel ihr augenblicklich die Jagdwaffe aus der Hand, sie sank dieser nach zu Boden, wo die hübsche Edle die aschfahlen Hände vors Gesicht schlug und schluchzend bittere Tränen der Trauer weinte. Dabei wusste ja niemand, dass ihr nicht wegen dem verstorbenen Praiotin, sondern darüber die Tränen kamen, dass sie sich schrecklich allein fühlte, sie bereits langsam aber sicher das Allerschlimmste fürchtete, und der Grund, der erst zur Trennung von ihrem geliebten Gefährten geführt hatte, nun sinnlos tot auf dem Waldboden lag. Hatte dies also sein müssen? Obwohl sie sich vorhin nicht über Praiotins Ableben beschwert hätte, zog der Anblick des Toten ihr nun hinsichtlich ihres vermissten Freundes, erst einmal den Boden unter den Füßen fort.

Zunehmend schwand das Licht und ungewiss war wie lang es wohl gedauert haben mochte, als endlich das Vertrautentier der Hexe zurückkehrte. Nach einer Pause richtete Jocasta ihre Aufmerksamkeit wieder auf die junge Baronin und ihren ungewöhnlichen Leibwächter: „Es war nicht leicht doch Hlûthar hat eure Freunde gefunden. Da sich eure Freunde ausgezeichnet darauf verstehen unbemerkt zu bleiben hat es etwas gedauert, doch sie sind zielstrebig auf dem Weg hierher.“
„Hm,“ machte Thalissa, noch nicht ganz überzeugt, dass sie nun erleichtert sein sollte. „Heißt das, sie sind unverletzt – und nicht verwandelt?“

Es sollte etwas mehr als ein Viertel Stundenglas vergehen, eh sich endlich die vermissten Jäger aus dem Dickicht des Waldes lösten und in Sicht kamen. Schwer auf den Jagdmeister gestützt, wurde einer der Jäger mehr vom jungen Richtwalder getragen, als das er noch selbst ging. Ebenfalls schwer beladen war der dritte im Bunde, trug er doch neben seinem eigenen Gepäck auch das seiner beiden Begleiter. Erst als sie sich der restlichen Jagdgemeinschaft ausreichend genähert hatten, konnten diese weitere Details erkennen. Den beiden schwer beladenen Männern stand der Schweiß im Gesicht, während der Letzte üble Blessuren aufwies. Selbst mit einem umgeschulten Auge konnte man erkennen, dass das Gesicht des Mannes spätestens am morgigen Praioslauf von zahlreichen blauen Flecken geziert würde. Die stark blutende Platzwunde quer über beide Augenbrauen erzeugte dabei den Eindruck dass der armen Seele besonders übel mitgespielt worden war.
Rasch sprang die Junkerin auf, als sie die schweren Schritte vernahm, die sich ihnen näherten. Angespannt wartete sie, wie auch die anderen Mitglieder ihrer Gruppe, bis der Jagdmeister mit seinen Begleitern durch das Dickicht des Waldes hinweg zu sehen waren.
Jolenta schritt den abgerissenen Gestalten sogleich eiligst entgegen und half dann dem Richtwalder, den Verwundeten zum bereits errichteten Lager zu schaffen. „Was ist euch zugestoßen“, presste sie dabei angestrengt hervor.
Hildegund saß immer noch unweit des toten Geweihten, als die Jäger mit dem Jagdmeister aus dem Dickicht stolperten. Ihr Kopf wandte sich den Männern zu, aber ihr Blick war immer noch sorgenvoll traurig und leer. Sie blieb auch weiterhin dort an der Stelle sitzen und machte keine Anstalten am Geschehen teilzuhaben.
Durch die Anstrengung den verwundeten Jäger zu stützen, musste sich der Jagdmeister mit kurzen, stoßweise erfolgenden Sätzen begnügen. „Benlin wurde Angegriffen. Eine Kreatur, aus dem Hinterhalt. Ein Mann, der sich wie ein Tier gebärdete. Ich forderte ihn, sodass er von meinem wehrlosen Jäger abließ. Er oder es stürmte auf mich zu. Lief in meinem Hieb und zerfiel zu Asche.“ Um seinen Herrn etwas zu entlasten, stand Basin nur der Zweite Jäger mit Worten zur Seite. „Seine Hochgeboren Benlin zur Seite und nachdem dieses Wesen besiegt war haben wir uns auf den Weg gemacht zum Rest aufzuschließen.“
Die Augen Jolentas weiteten sich. „Dann war es also noch ein Vampir!“ Erschrocken geriet sie außer Tritt und stolperte über eine Baumwurzel, vermochte es jedoch sich wieder zu fangen und Basin weiter eine Hilfe zu sein.
„Wir mussten auch gegen so ein… Unwesen kämpfen, konnten es jedoch erst durch einen gezielt gesetzten Bolzen besiegen. Andere Waffen richteten keinen Schaden an, egal wie gut die Schläge getroffen hatten.
Ist euer Schwert geweiht, dass es ihn vernichtet hat?“
Der Rabensteiner trat neben die Gruppe und musterte den zerschlagenen Haufen. „Hat er einen von euch gebissen?“ wandte er sich an den Richtwalder.
Endlich am Feuer angekommen wurde Benlin langsam zu Boden gelassen, wo er es sich etwas gemütlich machte. Der Jagdmeister drückte derweil endlich den Rücken durch und wandte sich den Fragestellern zu. „Nur mein Jäger wurde verwundet. Ich schritt ein um schlimmeres zu verhindern, zu unserem Glück verging die Kreatur bereits nach dem ersten Treffer.“ Um einen tiefen Schluck aus seinem Schlauch zu nehmen unterbrach sich Basin für einen Moment, bevor auf die Frage des Rabensteiners einging. „Er hat hauptsächlich Prellungen davongetragen, sowie einige Kratzwunden die verbunden wurden. Einzig der stark blutenden Verletzung auf der Stirn konnten wir kein Einhalt gebieten.“
„Gut.“ nickte der alte Baron. Glück für die jungen Leute, dass sie zufällig eine Waffe mit der passenden Weihe für ihren Gegner zur Hand gehabt hatten.
„Seht zu, dass Ihr Euch etwas ausruht.“
Ohne dass sie zu Atem kamen, würde hier wenig passieren. „Ihr solltet Euch mit einem Geweihten unterhalten, wenn ihr wieder zurück seid.“
"Euer Schwert war also nicht geweiht, oder? Ihr habt Euch tapfer und rondragefällig verteidigt..." Es war immer noch verwirrend, was diesen Wesen Schaden zufügen konnte und was nicht. Für die junge Frau zumindest.
„Die Frage ist, ob das nun alle von dieser Brut waren?“ warf Thalissa in die Runde, nachdem sie zu der Gruppe um den Verletzten getreten war.
Ernst nickte Jolenta auf diese Äußerung hin. „Richtig. Wir sollten uns nicht noch einmal trennen, solange wir nicht sicher sind, dass es keine dieser… Verfluchten mehr gibt. Damit erhöhen wir unsere Chancen sie zu vernichten, sollten wir noch einmal auf sie stoßen.“
„Vernünftig.“ Der alte Rabensteiner nickte und strich sich grübelnd über den Bart. Angesichts der aufgeheizten Gemüter – die nicht nur die Jäger anbelangten - und des blutenden Verletzten waren sie wie ein Leuchtfeuer für sämtliche blutdurstigen Vampire im Umkreis, es gab wenig bessere Gelegenheiten, diese hervorzulocken.
„Lasst uns den Verletzten und den Praioten transportfertig machen – dann gehen wir zurück. Einverstanden, Jagdmeister?“ wandte er sich an den Richtwalder.
Jahman nickte dem Rabensteiner zu und begann, die Kleidung des Praioten einzusammeln. Gleichzeitig begann er, sich nach geraden, starken Ästen umzusehen, aus denen man eine Bahre und eine Trage anfertigen konnte.
Inzwischen war die Praiosscheibe gänzlich hinter dem Horizont verschwunden und Dunkelheit legte sich, einem Mantel gleich, über das Land. Licht spendete nun nur noch das Feuer an dem vor nicht einmal einem halben Stundenglas noch auf Leben und Tod gekämpft worden war. In Anbetracht dessen sah der vom Rabensteiner Angesprochene wenig Anreiz für einen baldigen Aufbruch. „Sofern niemand der Anwesenden bei Nacht sehen und unseren Weg zurückverfolgen kann, sollten wir uns hier ausruhen und morgen Früh zurückkehren. Meine Leute haben alles Nötige dabei, auch wenn dies eine Nacht auf dem Waldboden mit einer einfachen Decke bedeuten mag.“ Abgesehen davon hatten Basin und seine Jäger, bevor sie angegriffen worden waren, eine gute Vorstellung wo im Forst sie sich ungefähr befanden, sodass sie bei ausreichend Licht am nächsten Morgen den direkten Weg zurück zur Jagdhütte einschlagen und einige Stundengläser Fußmarsch einsparen könnten.
Mit einem stummen Nick quittierte die galebfurtener Junkerin das Gehörte. Die Aussicht auf ein hartes Lager bereitete ihr wenig Kopfzerbrechen, war sie doch derlei durchaus gewohnt. Sicher, sie war nicht mehr die jüngste und spürte des Morgens jedes Mal ihre Knochen, doch konnte sie der besonderen Romantik eines Lagerfeuers in der Wildnis immer noch etwas abgewinnen. Einzig die Umstände ihres nun zwangsweise verlängerten Aufenthaltes im Wald missfielen ihr.
„Ich übernehme gern eine der ersten Wachen“, bot sie in Richtung des Jagdmeisters gesprochen an.
„Ich nehme die Hundswache.“ Der Rabensteiner zuckte die Achseln – eine Nacht im Wald schreckte ihn wenig, Komfort war nett, aber leicht verzichtbar. Wichtiger war und blieb, sich gegen einen Überfall abzusichern. „Wir machen Doppelwachen.“ Genug Leute umfasste die Jagdgesellschaft, und die alte Regel ‚Eine Wache ist keine Wache’ hatte sich leider schon zu oft bewahrheitet. Auch wenn der harmlose Ratsforst schwerlich mit den tobrischen Wäldern – oder den Mendener Sümpfen – vergleichbar war – den Göttern sei dank.
„Schließe mich Euch an, ibn Boronian“, sagte Jahman zum Rabensteiner und fügte dann leise—jedoch laut genug, dass der Rabensteiner es noch hören konnte—auf Tulamidiya hinzu: „Wieso sollten wir den Weg zurückverfolgen? Hat denn der Orientierungssinn der Ortskundigen vor der Ahnungslosigkeit Reißaus genommen wie eine Herde Ziegen vor ein paar Khoramsbestien? Selbst ich könnte in etwa sagen, wo die Jagdhütte liegt. Der Reichsmarschall hat gut daran getan, die Burschen hierzulassen und andere in den Krieg zu schicken.“ Dann kehrte er wieder zum Garethi und zur normalen Lautstärke zurück: „Bahre und Trage brauchen wir morgen wohl auch“. Verärgert machte er sich daran, vier tragfähige, gerade Äste für Bahre und Trage vorzubereiten.
Eigentlich hätten seine Leute ohne Probleme einen Großteil der Wachen stellen können, wenn sich die Herrschaften aber direkt derart in den Vordergrund spielen mussten sollten sie ihren Willen haben. Die Gelegenheit nutzend schaute sich Basin erstmals im Lager um und die Anwesenden genauer an. „Und was genau, ist eigentlich hier vorgefallen?“
Lares hatte ausnahmsweise keine Kraft mehr, um sich mit seinem Tatendrang hervorzutun. Noch immer schwer angeschlagen von den Kopftreffern brachte der junge Mann kaum ein Wort mehr heraus. Als sich die anderen für die Wache meldeten, blieb er dementsprechend schweigsam. Über einen Platz am Feuer würde er sich auch nicht beschweren.
Jolenta warf Hildegund einen fragenden Blick zu. „Meinst du, du hast die Kraft gemeinsam mit mir zu wachen?“ Fragte sie ihre Verwandte mit sanfter, verständnisvoller Stimme. Das mitschwingende ‚wir haben zu reden‘, konnte nur sie heraushören.
„Hmm,“ murmelte die Angesprochene nur, es war kein richtiges Ja aber auch kein konkretes Nein. Verwirrt wischte Hildegund sich über das vom Weinen verquollene Gesicht, bevor sie sich kraftlos erhob und zum Feuer wankte. Sie fühlte sich leergesaugt und schrecklich müde. Dass Jolenta etwas von ihr wollte, war in ihr angekommen. Ihr fehlte allerdings gerade der Sinn.
Während die einen sich selbst zur Wache einteilten, ging die Domna zu dem Verwundeten und säuberte mit einem feuchten Lappen die Wunde. Mal sehen, wie tief sie war, und ob sich die Blutung stillen ließ.
Jahman hatte inzwischen wieder ein Auge für die Ereignisse. Er sah Domna Veremas Bemühungen. Er hatte—zumindest in Bezug auf die rein anatomischen Auswirkungen—schlimmere Verletzungen gesehen, wollte aber der junge Domna zumindest Unterstützung anbieten. Er trat zu ihr und frug: „Kommt Ihr klar?“
In der Tiefe der gesäuberten und leider größer als erhofften Wunde hatte konnte Verema ein kleines Blutgefäß entdecken, welches auch nach mehrmaligem Tupfen unartig weiterspritzte. "Ich brauche nochmal Hilfe!" sie rief es ungerichtet in die Menge, ohne die Wunde aus den Augen zu lassen. Faszinierend. "Ein paar starker Männer sollen ihn festhalten, richtig fest. Da ist ein Gefäß, das ich versorgen muss. Ich brauche auch noch einen Helfer, ich muss das Veröden....Wer hilft mir? Ob, mit wem und welche wache ich dann mache, ist mir wurscht." Mit der einen Hand hielt sie den Kopf den verwundeten, mit der anderen wedelte sie auffordernd in der Luft. Sie hatte Lares im Augenwinkel zum Feuer gehen sehen und das Gefühl, dass sie sich ihn auch noch genauer anschauen sollte.
Das wiederum war keine Aufgabe, nach der sich der Rabensteiner Baron drängte. Er trat ans Feuer und rieb sich die Hände – die Nacht würde kurz werden. Und doch besser so, als wenn ein Geselle der Hexe sich noch durch die Wälder trieb.
Jahman warf den ersten Ast für die Trage, den er gerade bearbeitete, zu Boden und trat zu Domna Verema, die—wie er bereits vermutet hatte—die angebotene Hilfe zu benötigen schien. Er packte den Verletzten fest und nahm ihm damit—so gut er es vermochte—die Möglichkeit, sich der gewiss sehr schmerzhaften und länger dauernden, jedoch zweifelsohne notwendigen Behandlung zu erwehren. Sanft fasste er ihn dabei nicht an, achtete aber darauf, einen guten Blick auf die Handgriffe Veremas zu haben. Diese Behandlung hatte er noch nicht aus der Nähe gesehen, und nach dem Krieg war schließlich vor dem Krieg. „So? Fest genug?“ frug er kurz und ohne Einhaltung irgendeiner Etikette.

Verema griff härter, als man erwartet hätte zu und steckte ein Stück Ast quer in den Mund des Jagdhelfers. Sollte er ruhig darauf beißen und weniger schreien, es würde ihn ablenken. "Jahman, richtig festhalten, ja!" Sie vertraute auf Kraft und Erfahrung ihres Begleiters (und hoffte, dass ein paar andere, vielleicht unversehrte Helfer die Beine halten würden...", eilte zum Feuer und erhitzte die Spitze ihres Dolches. Ihre Umgebung nahm sie nur noch schemenhaft wahr, als sie sich über den Verletzten beugte, mit einer Hand die Wunde spreizte und die glühende Dolchspitze kurz auf das spritzende Gefäß hielt. Kurz davor hatte sie mit Jahman Augenkontakt aufgenommen, ein stummes Nicken, er verstand, dass er jetzt alle seine Kräfte brauchen würde...
Jahman ärgerte sich, dass er vergessen hatte, die ihm Augen zu verbinden. So musste er abschätzen, wann die Reaktion käme und einen winzigen Augenblick früher die richtigen Gegenbewegungen machen. Immerhin war die Gefahr einer Selbstverletzung durch den Ast weitgehend gebannt, auch wenn leisere Laute des Schmerzes noch Feinde—sofern vorhanden—würden anlocken können. Als Verema die Wunde verödet hatte, erkundigte sich Jahman noch nach dem weiteren Vorgehen: „Reicht die Klinge im Feuer? Nicht dass er sich noch Wundfieber holt.“
Die Beine vom Jagdmeister gehalten, hatte sich der verwundete Jäger gut gehalten. Wie schmerzhaft die Behandlung gewesen sein mochte, konnte sich ein jeder der Anwesenden vorstellen der selbst schon einmal Verwundet worden ist.

Die Frau wirkte erschöpft und klopfte dem Novadi anerkennend auf die Schulter. Er hatte seine Sache gut gemacht, es war schnell gegangen und in dem Moment, als der Verletzte sich vor Schmerzen aufbäumte, hatte er ihn gut gehalten. Der Arme wimmerte leise, lies sich die Wunde jedoch mit frischem Tuch ausstopfen. "Gebt ihm etwas Schnaps oder so. Ich schaue später noch nach der Wunde." Dies hatte sie laut zu allen gesprochen, zu Jahmann flüsterte sie in gebrochenem Tulamydisch. "Das wissen nur die Götter...Das Feuer sollte gereinigt haben, doch besteht große Gefahr, dass sie sich infiziert, und dafür reichen meine Kenntnisse nicht. Ich werde die Verbände wechseln, aber alleine ohne Magus oder Heiltrank..." Sie ließ das Ende offen. Erschöpfung und Müdigkeit zeichneten ihre Züge, als sie zur Feuerstelle ging. Sie konnte seltsamerweise den Geruch des Erbrochenen nicht ertragen, Lares sowieso nicht, dennoch wollte sie ihm helfen. Mit etwas Glück hatte er keinen Bruch des Schädels oder eine Einblutung, das wäre sein Ende. "Lares!“ Rief sie ihm zu. „Hier, legt Euch auf Euer Lager, ich will mir mal Euren Kopf ansehen."
Lares, der schon am Einnicken war, ruckte hoch und starrte etwas apathisch vor sich hin. Dass er angesprochen wurde, nahm er nur noch peripher wahr. So hatte Verema den Eindruck, als würde der junge Mann durch sie hindurchschauen. Trotzdem legte er sich hin - ob nun, weil Verema ihn dazu aufgefordert hatte oder er schlicht verwirrt war. Gegen eine Behandlung protestierte er nicht.
Hoffentlich übergibt er sich nicht wieder, das hätte Verema wohl nicht ertragen. Sie betastete den Kopf des Knappen, er schien keine Fraktur zu haben. "er soll liegen bleiben und wir legen ihm kühle Tücher auf die Stirn. Vielleicht übergibt er sich auch noch ein paarmal darauf sollte die Wache achten....wenn es mehr ist, wird er sterben. Und wir sollten ihn warm halten." Etwas desorientiert sah sie sich um. "Mit wem habe ich Wache?"
„Ihr werdet schlafen. Wir haben genug Jagdgehilfen hier, die nötigenfalls einspringen können.“ beschied der Rabensteiner seiner Begleiterin. Sie hätte so oder so wenig Möglichkeiten, einem ernsthaften Angriff standzuhalten – zumal die Jagd heute sie schon über Gebühr gebeutelt hatte.
Jahman hatte Verema auch hier unterstützt. Aus seinem Wasserschlauch hatte er ein Tuch getränkt, welches er Lares auf die Stirn legte. Anschließend deckte er Lares mit seinem eigenen Umhang zu. Sollte es Decken geben, würde er seinen Umhang später tauschen. Da ibn Boronian Veremas Frage bereits beantwortet hatte, kam er direkt auf die von Verema durchgeführte Verödung zurück. Aus gutem Grunde wechselte er dazu ins Tulamidya und in den Flüsterton: „Zu Eurer Aussage—oder besser, zu Eurer geäußerten Hoffnung—: Eine Feldscherin auf den Silkwiesen hat damals einem übel zugerichteten die gelbe Galle—seine eigene—in die Wunde gegossen. Das sei das wirksamste Mittel gegen die Gilbe—neben der Magie selbstredend. So hat sie mir das damals erklärt. Ist hart, und das Geschrei wird groß sein, aber schneller wieder verstummen als bei einer Infektion.“
Sie überlegte, sah zu dem toten Praioten, zu Jahmann und runzelte die Stirn. "Damit kenne ich mich nicht aus, versuchen könnten wir es, aber...." sie flüsterte auf Tulamidya. "woher nehmen? Ibn..Boronian, er würde uns dafür hassen."
„Man könne nur seine eigene nehmen, sonst mache man alles nur noch schlimmer, hat die Feldscherin gesagt. Wenn ich mich irre, dann auch. Wenn er nicht kann, hat sich das sowieso erledigt. Und warum sollte ibn Boronian uns dafür hassen? Ich habe nicht vor, seinen Eressnapf auf diese Weise unbrauchbar zu machen.“
Verema stutzte. "Oh...ach DAS meintet Ihr mit der Galle....also." Sie lief etwas rot an, lag es an dem, an was sie gedacht hatte, oder was zu tun wäre? "wahrscheinlich schläft er jetzt, aber wir könnten einen anderen Napf strategisch günstig platzieren...Vielleicht kommt ja was. Bis dahin lassen wir es so."

Die Ankunft der vermissten Jäger und die stark blutende Wunde hatten die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf sich gezogen. Nach und nach waren alle zu den Ankömmlingen gestoßen und hatten die sich bietenden Szenerie in Augenschein genommen. Alle, ausgenommen von Jocasta und ihrer Tochter, von denen nun am Feuer keine Spur mehr zu sehen war.
Jahman war zwar erschöpft, aber noch zu aufgewühlt, um sich sofort bis zum Beginn seiner Wache zur Ruhe zu legen. Er nahm daher den weggeworfenen Ast wieder auf und präparierte diesen Ast für die Trage, die am folgenden Tage würde benötigt werden. Die restlichen drei Äste würde er während seiner Wache oder am anderen Morgen anfertigen.
Hildegund hingehen hielt es wie der junge Mersinger: sie ließ sich in Borons Arme fallen. Die Beine schützend vor den Leib gezogen, mummelte sie sich in den Umhang, den irgendwer von den Jagdhelfern ihr brachte, murmelte noch ein leises „…wo bist du…?“ und ließ sich fast schon dankbar vom Schlaf dem Schmerz entreißen.

Thalissa würde sich nicht als Wache aufdrängen, so sie niemand explizit darum bat. Derweil Tar‘anam immer wachsam bleiben würde, wäre er nun als Wache eingeteilt oder nicht, dessen war sie sich sicher. Also verdrängte die Baronin mühsam alle unangenehmen Gedanken aus ihrem Kopf, wickelte sich in ihre Decke, versuchte, auf dem harten Waldboden eine einigermaßen bequeme Stellung zu finden und fiel schließlich in einen unruhigen Schlummer.
Jahman Augen fielen dann doch sehr bald zu. Eine bequeme Lage war das nicht, und er spürte auch seine Knochen, als er—aus dem gerade einsetzenden Tiefschlaf gerissen—zur Hundswache geweckt wurde. Es würde mindestens ein Kampf gegen sich selbst werden. Er sprach mit den anderen Wachen ab, sich gegenseitig im Auge zu behalten, um sich bei einsetzendem Sekundenschlaf wieder zu wecken. Jahman entschied sich, die Äste für die Tragen nicht zu bearbeiten, weil er befürchtete, dieses Geräusch könnte ungebetene Gäste auf die Jagdgesellschaft aufmerksam machen. Er versuchte, neben der Umgebung und den anderen Wachen auch noch ein paar Augenblicke Zeit zu finden, die Verletzten zu beobachten. Bewegten sie sich? Stießen sie im Schlaf Laute aus? Musste einer seine Notdurft verrichten? In diesem Falle würde er ihn sein Wasser in einen Napf abschlagen lassen, um es zur Vorbeugung gegen das Wundfieber beim Wechsel des Verbandes auftragen zu können. Dieses Vorhaben im Halbschlaf zu erklären, würde nicht leicht sein. Er widmete sich ansonsten den Geräuschen der Umgebung, welche das nachtaktive Getier verursachte. Ansonsten suchte er die Umgebung ab, insbesondere nach Augen irgendwelcher Wesen, die sich um das Lager bewegten.
Auch die Galebfurtenerin legte sich alsbald zur Ruhe, bat die erste Wache jedoch darum Hildegund und sie gemeinsam zur zweiten zu Wecken.
Jolentas Liegestatt war nah am Feuer. Sie liebte das beruhigende Prasseln und die Wärme, die Geräusche des nächtlichen Waldes- den Ruf der Eule und sogar des Käuzchens- die einfachen Dinge, in deren Genuss sie als Vögtin von Galebquell nur selten kam.

Lucrann schüttelte die Schläfrigkeit ab, als ihn die vorhergehende Wache weckte. Wie die anderen mochte er unterbrochene Nachtruhen nicht – noch weniger allerdings einen Überfall zu nachtschlafender Zeit.
Er streckte seine Schultern und nickte Jahman zu, der den Eindruck machte, sich nur widerwillig aus Borons Armen zu lösen. Ein starker, heißer Tee würde das zumindest ansatzweise kurieren. Schweigend schritt er eine Runde um das Lager und befand alles ruhig, ehe er, knapp außerhalb des Lichtscheins, sich neben seinen alten Reisegefährten setzte.
Der Nacht war es gleich, ob sie die nordmärker Wälder oder den feinen Sand der Khom mit ihrem Tuch aus Schatten bedeckte.
Jahman nickte dem Baron zu und schwieg ansonsten. Er beobachtete weiterhin die Verwundeten und die Umgebung. Da die Verwundeten durchzuschlafen schienen, gab es vorerst keine Möglichkeit, die Gelbe Galle für eine Wundfiebervorsorge der schmerzhaften Art aufzufangen. Leise flüsterte Jahman Lucrann zu: „Gerettet sind sie noch nicht. Beim Wechsel des Verbandes wissen wir mehr.“ Einige Male wies Jahman den Rabensteiner mit der Hand oder mit der Waffe, die gezogen neben ihm lag, auf eine Stelle hin, wo er etwas gesehen oder gehört zu haben glaubte. Ein wenige Herzschläge dauerndes Blickduell zwischen Jahman und einem Rotfuchs war noch die aufregendste Unterbrechung der nächtlichen Monotonie. Gegen Ende der Wache zeigte Jahman auf die nächsten Wachen, die er nun zwar sanft zu wecken gedachte, aber dennoch aus dem Schlaf reißen würde. Er blickte dem Rabensteiner ins Auge und nickte ihm zu.
Sah man von den Geräuschen der Wachen ab, blieb es die Nacht über friedlich. Ruhe war im Wald einkehrt, lautlos gingen die nächtlichen Jäger auf die Pirsch und nur ihre Beute kündete durch gelegentliches Rascheln vom Überlebenskampf.
Als das provisorische Lager am Morgen zu Leben erwachte, hatten die meisten Anwesenden nur wenig oder schlecht geschlafen. Die Jagdhelfer hingegen schritten frisch und frohen Mutes zur Tat um den Gästen der Jagd ein einfaches Frühstück zu bereiten. Das Feuer wurde erneut geschürt, Pfannen erhitzt und ein erstes Mahl gebraten – bevor sie gemeinsam den Rückweg zum Jagdlager antreten würden.
Jahman bereitete die Äste für die Tragen. Er achtete dabei auch auf Verema, um seine Arbeit zu unterbrechen, wenn sie sich anschickte, die Wunden anzusehen.

Das Ende der Jagd


Doch auch der Weg zurück schien unter einem guten Stern zu stehen – es schien, dass der gestrenge Herr Firun die Jäger für’s erste aus seiner Prüfung zu entlassen gedachte. Viel gesprochen wurde auf dem Rückweg nicht – und so begrüßte die Jagdhütte und mit ihr das gesamte zurückgebliebene Personal bald wieder die Jäger, Jagdgehilfen – und die Verwundeten, die nun endlich umfassend versorgt werden konnten. Dennoch – ein denkwürdiger Ausflug, befand der alte Baron, der sich – nicht zum ersten Mal – fragte, warum er sich denn immer wieder auf solche Unternehmungen einließ – wohl wissend, dass die Hoffnung, dass es ein einziges Mal vielleicht doch eine ganz unauffällige und nicht nur vermeintliche harmlose Angelegenheit werden würde, verschwindend gering war.

Mehr oder minder wohlbehalten war die gesamte Jagdgesellschaft wieder im Jagdlager versammelt. Direkt nach der Rückkehr der Gäste waren die Bediensteten betriebsam ausgeschwärmt. Verletzte mussten versorgt werden, erschöpften und verdreckten Adligen wurde der Weg zu einem Nebeneingang gewiesen, in dem bereits einige Wannen mit warmen Wasser auf ihre Nutzen warteten und eine anständige Mahlzeit wollte zubereitet werden.
Der verheißungsvolle Duft von Essen wehte durch das gesamte Lager und rief alle Anwesenden sukzessive zu Tisch. Bis es allerdings soweit gewesen ist, war ausreichend Zeit vergangen für ein ausgiebiges Bad und auch ein kurzes, erholsames und von Boron gesegnetes Nickerchen. Wie auch die einfachen Betten im Erdgeschoß, konnten die Wannen durch Vorhänge voneinander abgetrennt werden und boten einen angemessenen Umfang an Privatsphäre. Der gesamte Raum war angenehm warm und verströmte das erfrischende von Fichtennadel, deren belebendes Öl sich im heißen Badewasser gelöst hatte.
Als nun endlich alle erquickt und neu angekleidet an der Tafel beisammen saßen richtete der Jagdmeister des Herzogs nochmals das Wort an die versammelten Gäste. „Edle Damen, Edle Herren. Gemeinsam sind auf aufgebrochen um eine Jagd zu begehen, doch sollte unser hehres Ziel dem grimmen Herrn die Ehre zu erweisen durch unvorhersehbare Vorkommnisse vereitelt werden. Statt stolzem Wild, stellten wir vermissten Seelen nach. Statt wilde Tiere zu jagen, mussten wir wider wilde Kreaturen bestehen. Es mag keine Jagd geworden sein, wie wir sie erwartet haben und dennoch vermochten war es uns beschienen eine große Gefahr für unsere Heimat abzuwenden. So lasst uns gemeinsam diesen Erfolg feiern und ein andermal die Hatz erneut eröffnen.“ Seinen Weinkelch erhebend, prostete er der Gesellschaft zu. „Auf die stolzen Nordmarken!“
Sogleich begannen Bedienstete damit Platten voll dampfenden Speisen überall auf der Tafel zu verteilen. Von saftigen Fleisch, über zartes Gemüse bis hin zu feinen Saucen war alles dabei was der Gaumen begehrte.


Kategorie: Briefspielgeschichte

Topic revision: r3 - 21 Aug 2019 - 09:16:36 - VonRichtwald
 

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