In einem Fernen Land

In einem fernen Land

– Die Geschichte von Innozenz und Miril –

996 BF

Eine schicksalhafte Begegnung

Das Bornland ist auch im Sommer ein raues Land. Aber Koarmin war eine raue Natur gewohnt aus ihrer Heimat. Nur war der Isenhag wenigstens im Sommer etwas behaglicher. Sie hatten eine lange Reise hinter sich. Um die halbe Welt waren sie gereist. Für die Neunjährige war es das Abenteuer ihres Lebens. Zwei Monate waren sie unterwegs.[1] Sie waren zunächst mit dem Schiff den Großen Fluss hinaufgefahren bis nach Ferdok, dann mit den guten Pferden aus Rickenbach bis nach Gareth. Gareth allein war bereits ein riesiges Abenteuer. So viele Menschen hatte Koarmin noch nie gesehen. Dann ging es mit den Pferden weiter über Wehrheim und Altenzoll nach Warunk, anschließend über Eslamsbrück und Vallusa bis nach Festum. Sie hatten dort zwar bereits das Bornland erreicht und das heimische Mittelreich hinter sich gelassen. Aber dennoch brauchten sie von dort aus noch zwei weitere Wochen bis hinauf nach Sewerien in die Grafschaft Ilmenstein. Koarmin war überglücklich diese intensive Zeit mit ihrem Herrn Vater zu verbringen. Sie liebte ihn über alle Maßen. Er war ihr Held. Ein Ritter voller Stolz und Edelmut. An seiner Seite hatte sie keine Angst. Markhaus Adlerkralle war ihr großes Vorbild. Wenn sie groß war, wollte sie auch ein Ardariten-Ritter werden.

Ja, der Abschied auf der Hyndanburg war ihr sehr schwer gefallen. Ihre Zwillingsschwester Ustika. Mit ihr war sie aufgewachsen. Sie war nie von ihrer Seite gewichen. Alles hatten sie miteinander erlebt. Koarmin vermisste ihre Schwester sehr. Ihre Schwester würde bald auch eine Pagin eines Ritters werden. Und ihr kleiner Bruder Merkan. Er war erst sechs Jahre alt und stellte unglaublich dumme Fragen. Doch sie liebte ihn sehr. Sie würde ihn sehr lange nicht mehr sehen. Eine Träne stieg in ihre Augen. Und ganz besonders ihre Mutter Miranee. Sie war eine wunderbare Frau. So stolz und weise. Sie wusste alles. Sie war eine Albernierin. Von ihr hatte Koarmin und ihre Schwester sicher ihr Temperament – so sagten jedenfalls alle. Sie vermisste ihre Mutter. Wie sollte sie nur ohne sie zurecht kommen?

Der Weg schlängelte sich hinauf auf diesen bewaldeten, felsigen Berg. Da oben war der Bergfried einer Burg zu erkennen. Ein finsteres Gemäuer. Ganz anders als die Hyndanburg, wo Koarmin aufgewachsen war. Die Hyndanburg thronte auf einem Berg über den Pferdeweiden im Tal des Rickenbaches, der ihrer Familie ihren Namen gab. Aber hier war überall nur Wald und Fels bis zum Horizont – wenn man den Horizont überhaupt sah. Sie schienen am Ende der Welt angekommen zu sein. Sie würde bis ans Eherne Schwert reisen, hatte Witan gesagt – der Neunmalkluge. Witan von Hax würde bald der Göttin Hesinde geweiht.

Ihre Pferde hatten sichtlich Mühe hinauf zu gelangen. Sie wurden immer langsamer. Die Pferde quälten sich hinauf und es schien eine Ewigkeit zu währen, bis sie auf der Höhe angelangten. Sie ließen die Baumgrenze hinter sich und der Weg öffnete sich dem weiten Himmel. Koarmin atmete tief ein. Sie fühlte sich befreit von der Enge des Waldes und der Felswände, an denen sie entlang geritten waren. Der blauen, wolkenarme Himmel wölbte sich über ihnen. Ein Adler zog seine Kreise. Nun war die mächtige Burg in ihrer vollen Größe zu sehen. Beeindruckend. Koarmin öffnete staunend den Mund. Die starken Mauern umringten den alten Bergfried. Die Burg stand auf einem Felsen – auf der anderen Seite einer tiefen Kluft. Da ging es steil hinunter. Eine hölzerne Zugbrücke verband die beiden Seiten der Schlucht. Die beiden ritten hinüber unter einem hölzernen Fallgatter hindurch. Schon seitdem sie die Baumgrenze verlassen hatten, waren Stimmen zu hören, die offensichtlich ihre Ankunft wahrgenommen hatten. Koarmin und ihr Vater ritten in den Burghof. An den Bergfried schloss sich ein Pallas an, der auf drei Geschossen Fenster zum Inneren der Burg zeigten. Vom untersten Geschoss erstreckte sich eine mächtige Freitreppe hinunter in den Burghof. Im Hof schienen sich die Bediensteten und die Besatzung der Burg zu sammeln. Auf den untersten Stufen standen vier Personen erwartungsvoll – offenbar wollten die vier die Neuankömmlinge willkommen heißen. Es waren zwei Erwachsene und zwei Kinder. Und schon wieder musste Koarmin staunen und ihre Kinnlade klappte erneut nach unten. Die Frau war gar kein Mensch. Koarmin kannte aus ihrer Heimat den ein oder anderen Zwerg. Das gehörte zum Alltag im Isenhag hinzu. Aber einen Elfen hatte sie noch nie zu Gesicht bekommen. Ihre Mutter hatte ihr immer nur Geschichten von Elfen erzählt. Ein wunderschönes Wesen, so voller Anmut. Leicht und geschmeidig wirkten ihre Bewegungen. Sie hatte spitze Ohren, die aus ihrem hüftlangen silbern-glänzenden Haar hinauslugten. Da fiel es ihr auf: die anderen drei hatten ebenfalls spitze Ohren. Doch sie sahen im Vergleich viel gröber aus, als diese graziöse Frau. Der Mann hatte ein breites Kreuz. Er trug ein Kettenhemd und einen Wappenrock. Offensichtlich ein Ritter, wie Koarmins Vater. Sie hatte den Mann schon mal gesehen. Er hatte sie einige Male auf der Hyndanburg besucht. Er war ein guter Freund ihres Vaters. Das musste Kilian sein. Kilian Adlerkralle von Adlerstein. Bei ihm sollte Koarmin lernen, wie man eine Ritterin wird. Zunächst als Pagin und dann als Knappin sollte sie ihm dienen und er sollte sie lehren. Aber sie hatte schon soviel von ihrem Vater gelernt. Was sollte er ihr nur beibringen? Die beiden Erwachsenen legten jeweils eine Hand auf die Schultern eines ihrer Kinder – so vermutete jedenfalls Koarmin, dass die beiden Jungen die Söhne der beiden waren. Der eine, der bei seinem Vater stand, mit dunkelblondem Haar, war etwas älter als Koarmin. Der andere Junge stand bei seiner Mutter. Er hatte schwarze Haare. Beide hatten grüne Augen, wie ihr Vater... Augen wie sie auch in ihrer Familie üblich waren. Das fiel Koarmin sofort auf. Der ältere Junge war kräftiger gebaut, der jüngere hatte feinere Züge als sein Bruder. Irgendwas bannte Koarmins Blick auf dem jüngeren. Er schien in etwa so alt so sein wie sie selbst. Sie konnte ihren Blick nicht von ihm lösen. Was war es, was sie an ihm besonders fand?

Der Mann – Kilian – lies seinen Sohn los und schritt durch seine Familie hindurch nach unten in den Hof. Koarmins Vater stieg von seinem Pferd und ging seinerseits auf seinen Schwertbruder zu. Sie fielen sich in die Arme. Eine tiefe Freundschaft schien die beiden Männer zu verbinden. „Markhaus!“, sagte der Burgherr. „Sei herzlich willkommen bei uns auf dem Adlerstein! Mein Haus ist auch deins.“

„Es freut mich, dich zu sehen, Kilian. Wie ist es dir ergangen? Wir haben uns viel zu erzählen.“ Markhaus lachte aus tiefstem Herzen voller Freude seinem Freund zu begegnen. „Ihr habt sicher viel erlebt auf Eurer Reise.“, erwiderte Kilian. Er musste ein Verwandter sein, dachte Koarmin. Es gab durchaus Ähnlichkeiten zwischen seinem Vater und ihm. Außerdem trug er auch den Namen Adlerkralle. Sicher würde Koarmin bald herausfinden, wie sich alles verhielt. Kilian lies ihren Vater los und schritt nun auf Koarmin zu. Er griff nach den Zaumzeug ihres Pferdes, um es zu halten. „Möchtest Du nicht auch absteigen, Kleine?“

Kleine? Na, das war ja ein Einstieg. Das konnte ja nur besser werden. Schmollend verzog Koarmin ihr Gesicht. Doch dann kletterte sie von ihrem Pferd hinunter. Ihr Pferd war noch etwas zu groß für sie, als dass sie sich elegant wie ihr Vater hätte aus dem Sattel schwingen können. Kilian half ihr hinunter. „Du bist also Koarmin?“ Kilian musterte sie neugierig. „Sei auch du herzlich willkommen auf dem Adlerstein! Er wird für die nächsten Jahre dein Zuhause sein.“ Koarmin wusste noch nicht, ob sie sich über diese Aussicht freuen sollte. Höflich, wie sie es von ihrer Mutter gelernt hatte, machte sie eine Verbeugung. „Du siehst deiner Mutter sehr ähnlich. Eine kleine Albernierin.“, sagte Kilian und lachte herzlich. Er klopfte ihr auf die Schulter. „Na, dann, komm. Wir wollen hinein gehen. Ihr habt sicher Hunger. Es gibt gute bornländische Pierogi. Du wirst das mögen.“ Das war erst einmal eine Behauptung. Mal schauen, dachte Koarmin.

Sie gingen die Freitreppe hinauf. Ihr Vater zu ihrer Rechten und Kilian zu ihrer Linken. Beide legten jeweils eine Hand auf eine ihrer Schultern, als ob sie Koarmin leiten müssten. Doch sie fühlte sich ganz wohl, von diesen beiden Rittern geleitet zu werden. Die Familie auf der Treppe machte Platz. Der älter Junge wich nach links. Und die Elfin legte beide Hände auf die Schultern ihres dunkelhaarigen Sohnes und wich nach rechts. Der Jüngere sah seiner Mutter ähnlicher als sein Bruder. Wieder blieb Koarmins Blick an ihm haften. Irgendwas an ihm faszinierte sie. Aber offensichtlich beruhte das auf Gegenseitigkeit. Auch er starrte sie an. Etwas verschüchtert und unsicher. Doch dann lächelte er freundlich. Ein charmantes und nettes Lächeln. Das hielt Koarmin ganz gefangen.

Die Elfin lies ihren Sohn los, als die drei die Treppe hochschritten. Sie ging drei Stufen herunter auf Koarmin zu und legte ihre beiden Hände sanft auf ihre Schultern. „Sei willkommen!“, sagte sie mit sanfter Stimme und küsste sie auf ihre Stirn. Koarmin fühlte sich sofort wohl bei ihr. Ein Gefühl des Glücks durchfuhr sie. Sie war sich schon jetzt sicher, diese Elfin würde wie eine Mutter für sie sein.

Drinnen gab es nun eben jene angekündigten bornländischen Pierogi. Solche Teigtaschen hatte Koarmin noch nie gegessen. Aber man konnte es essen, dachte sie. Und sie hatte Hunger. Es gab so viel, dass sie durchaus satt wurde. Die Erwachsenen unterhielten sich ausgiebig. Ihr Vater erzählte ausgiebig von der Reise und von all den Neuigkeiten aus dem Reich. Die Elfin hatte sich ihr mit dem Namen Lúthien vorgestellt. Lúthien Nachtigall. Elfen hatten seltsame Namen. Ihr älterer Sohn hieß Accolon. Sein Bruder Galahan. Er konnte seinen Blick nicht von ihr lassen. Nachdem sie sich gegenseitig eine Zeitlang beäugt hatten, tauten die Kinder langsam auf, unterhielten sich ebenfalls und lachten viel. Koarmin erzählte begeistert von ihren Abenteuern, von der langen Reise. Accolon war drei Jahre älter als sie. Galahan nur wenige Monate. Koarmin war nun sicher, dass sie hier gerne bleiben wollte. Auch wenn sie ihre Heimat und ihre Familie sicher vermissen würde. Aber es musste wohl so sein. Wenn man eine Ritterin werden wollte, wenn sie ihrem Vater nacheifern wollte, dann musste sie wohl diesen Weg gehen. Und vielleicht könnten die vier hier ein wenig eine Ersatzfamilie werden. Koarmin fand sie jedenfalls sympathisch. Am meisten jedoch fesselte sie der gleichaltrige Galahan. Sie wusste nicht was es war. Aber sie würde es herausfinden.

***

Anfang des Jahres 1021 BF, EFFerd

Auf der Hyndanburg

Das war ein seltsamer Anblick, dachte der Junge. Der Mann, der in den Burghof ritt, saß kerzengerade in Sattel und hielt sich am Knauf des Sattels fest. Die Zügel hatte er allerdings nicht in der Hand. Es sah eigentlich gar nicht danach aus, dass der Mann mit seinem Pferd in den Hof hineinritt, dachte der Junge. Es sah eher danach aus, als ob das Pferd mit dem Mann in den Hof geritten kam. Sichtlich schien es ihn sehr eigenständig in den Hof zu führen. Der Mann starrte vor sich hin – ins Leere. Er trug eine weiten, schweren, dunkelbraunen Mantel. Die Kleidung darunter schien aber etwas farbenfroher zu sein, dennoch aber in Grün und Erdtönen gehalten. Nur ein breiter Gürtel in einem dunklen Rotton durchbrach die schlichte Kleiderwahl. An dem Gürtel hing ein Schwert. Es war aber keines, was der Junge von den Kriegern und Rittern kannte, die hier auf der Burg ein- und ausgingen. Derzeit hielten sich eine Reihe Flußgardisten auf der Hyndanburg auf. Das waren richtige Recken. Lupius bewunderte sie. Besonders den Hauptmann der Flußgarde, Ritter Hartmann von Brandans Stein.[2] Der war sein Vorbild. Doch dieser Mann da? Der Mann trug ein Schwert, das gerade die richtige Größe hätte für den Achtjährigen – er wurde in diesem Jahr neun. Lupius grinste. Da blieb das Pferd mit dem Mann auf seinem Rücken stehen. Es schien angekommen zu sein, wo es hinwollte. Lupius besann sich und ging auf den Mann zu... oder vielmehr auf das Pferd. Als Lupius näherkam, entdeckte er noch etwas erstaunliches. Im leeren Blick des Mannes sah Lupius keine Farbe in seinen Augen, keine Iris und keine Pupille. Die Augäpfel waren klar, weiß. Das irritierte Lupius und er fragte sich, ob der Mann wohl blind sei. Der Junge griff nach dem Zaumzeug und hielt das Pferd fest. „Danke, Junge.“, sagte der Mann in einem sanften Ton. Seine Stimme klang angenehm und friedvoll. Offenbar schien er doch nicht blind zu sein, denn er hatte ihn ja erkannt. Dann stieg der Mann behände vom Pferd, wie Lupius es ihm nicht zugetraut hätte.

„Danke, Lupius.“, rief Gera von der Tür des Hauses dem Jungen zu. „Führst Du das Pferd zum Stall, nimmst ihm Sattel und Zaumzeug ab, und reibst es ab? Danke.“ Lupius war kein Stallknecht, kein Gemeiner. Aber hier auf der Hyndanburg war es selbstverständlich, dass jeder mit anpackte. Auch der Sohn der zukünftigen Herrin. Nachdem seine Tante verstorben war – da war Lupius noch nicht auf der Welt – war seine Mutter Koarmin die Erbin. Auch war Lupius inzwischen im Pagenalter. Und zu den Tätigkeiten eines Pagen gehörte es auch, sich um das Pferd seines Schwertvaters zu kümmern. So hatte Lupius hier schon viel Erfahrungen sammeln können, denn auf dem Gut Rickenbach und auf der Hyndanburg gab es viele Pferde. Seine Familie züchtete die Pferde. Lupius blieb mit dem Pferd noch einen Moment stehen, um zu beobachten, was der merkwürdige Mann nun mit Gera besprach.

„Sei willkommen, Galahan! Was führt dich her?“, sagte Gera und umarmte ihn mit höflicher Distanz. „Man hört so einiges in Elenvina.“, sagte der Mann, den Gera Galahan nannte. „Sei gegrüßt, Gera. Ich möchte zu Merkan und zu Miranee...“ Galahan zögerte. „Ist das ihr Sohn?“ Gera schaute Galahan an. Ein wenig Mitleid war in ihrem Blick zu erkennen. Wie konnte jemand nur sein ganzes Leben der Vergangenheit nachhängen? Galt es nicht vielmehr in der Gegenwart zu leben? Wenn Gera sich jeden Tag nur daran erinnern würde, wie sie sich mit ihrem Vater entzweit hatte und sich den Weg zurück zu ihrer Familie verschlossen hatte[3], wie könnte sie nur leben? Gera hatte hier bei den Rickenbachern alles gefunden, was sie brauchte. Warum konnte Galahan sich nicht von dem, was vergangen ist, lösen? Das ganze Leben erfüllt von Gram und Melancholie. Gera wusste nicht, ob sie Mitleid haben sollte. Unverständig schüttelte sie den Kopf. „Komm hinein. Merkan freut sich sicher, dich zu sehen.“

***

Freunde

„Galahan!“ Merkan ging auf Innozenz zu und schloss ihn herzlich in die Arme. „Sei willkommen! Schön, dich zu sehen.“ Innozenz erwiderte den herzlichen Gruß und drückte Merkan. Merkan Tîll Adlerkralle von Rickenbach war der Sohn der Hausherrin. Er lebte hier zusammen mit Gera, mit der er erst seit kurzem wieder zusammengefunden hatte. Vor einigen Wochen ist ihr zweites Kind zur Welt gekommen, ein Junge, Ledan. Ein Versöhnungsgeschenk. Gera hatte Innozenz ins Haus begleitet. Merkan war sehr erfreut, Innozenz wiederzusehen. Die beiden verband eine tiefe Freundschaft, sie waren fast wie Brüder. Merkans Schwester Koarmin war bei Innozenz´ Vater Pagin und Knappin gewesen. Ihre Väter waren ebenfalls sehr gute Freunde gewesen. So war die Verbindung der Kinder über die Jahre gewachsen, trotz der Weltreise, die zwischen der jeweiligen Heimat des anderen lag. Innozenz kam aus dem Bornland, aber die letzten Jahre hatte er in Elenvina gelebt, kaum eine Tagesreise von der Hyndanburg entfernt. Innozenz lachte. Er war sichtlich froh seinen Freund wiederzutreffen. Er löste die Umarmung, fasste Merkan an beiden Schultern. „Es ist schön, wieder hier zu sein.“ Innozenz schien zu lauschen, die Atmosphäre auf sich wirken zu lassen. Es tat gut, so freundschaftlich empfangen zu werden. Das war in diesen Zeiten so viel wert! „Wie ist es dir ergangen, Merkan? Ich habe gehört, Rajodan hat dich eingespannt als seinen neuer Verwalter?“ Merkan seufzte vernehmlich. „Ich konnte mich nicht erwehren.“ Innozenz stutzte. „Ihr seid doch lange Waffenbrüder gewesen, Seite an Seite geritten. Da ist es doch sehr nachvollziehbar, dass er dich ausgewählt hat. Bei dir weiß er, dass er dir vertrauen kann. Den alten Theoderich Waegel hatte doch noch Balan von Sandowall eingesetzt. Dem konnte man doch nicht trauen. Aber du. Du hast doch schon früher für Rajodan die Kohlen aus dem Feuer geholt.“ Merkan zuckte mit den Schultern, so dass sich die beiden Hände, die immer noch auf Merkans Schultern ruhten, mit hoben. „Genau das ist das Problem. Nun darf ich wieder einmal für Rajodan die Kohlen aus dem Feuer holen, dieses Mal aber nicht als sein Schwertbruder, sondern ganz offiziell als sein Verweser. Ich bekomme die Prügel und er ist fein raus. Besser könnte es nicht laufen für Rajodan. Und am Ende ist er auch noch Sauer auf mich, wenn ich seine Fauxpas ausgebessert habe...“

„Nun, dass bekommen wir schon irgendwie hin“, sagte Gera und bezog sich sowohl in das Gespräch, als auch in die herausfordernde Situation ihres Lebenspartners mit ein. „Möchtest du vielleicht etwas essen, Galahan?“ Innozenz nahm die Hände von Merkans Schultern und drehte sich zu Gera. „Nein, vielen Dank. Das ist lieb, Gera. Aber ich möchte zuerst noch mit Miranee sprechen. Ich denke, das geziemt sich so...“ Merkan nickte. „Gut. Dann komm mal mit.“

***

Die Herrin

Innozenz machte eine tiefe Verbeugung. „Galahan! Sei gegrüßt!“ Miranee Ni Bennain hieß ihn herzlich willkommen auf der Hyndanburg. Merkan hatte ihn hereingeführt. Innozenz blickte starr vor sich, dennoch waren seine Bewegungen nicht von Unsicherheit geprägt. Er schien genau zu wissen, wo er war.

Miranee hatte eine angemessene Art gefunden, würdevoll und dennoch nahbar zu bleiben, wie es diesem Ort entsprach. Die Albernierin strahlte eine klare Eleganz aus. Man merkte ihr den Adel an. Sie strahlte es aus. Dennoch wirkte sie nicht hoffärtig oder arrogant. Sie war eine durch und durch sympathische Frau. Elegant und intelligent. Gebildet und doch nicht über den Dingen stehend. Weise und gütig. „Wie geht es deinem Vater?“ Miranee und Markhaus hatten ihren jüngsten Sohn nach Galahans Vater benannte. Kilian Adlerkralle war der beste Freund ihres Mannes gewesen.

Meinem Vater?, dachte Innozenz. Er hob die rechte Augenbraue. Trotz stieg in ihm auf. Aber er wollte sich nichts anmerken lassen. Innozenz hatte seinen Vater seit Jahren nicht mehr gesehen. „Soweit ich gehört habe, hat er die Schlacht auf den Vallusanischen Weiden überlebt...“ Da fiel Innozenz auf, wie unsensibel er war. „Das tut mir leid, Herrin Miranee... Ich wollte nicht... Ich möchte Euch mitteilen, dass ich aufrichtig Euren Verlust bedauere und mit Euch mitfühle...“

„Ist schon gut, Galahan.“, sagte Miranee sanft. In ihrem Gesicht konnte man die Trauer um ihren so sehr geliebten Mann deutlich erkennen. „Wir vermissen ihn alle sehr.“ Miranee blickte ihren Sohn Merkan an. Merkan Tîll Adlerkralle von Rickenbach war der ältere Sohn von Markhaus und Miranee, ihr drittes Kind. Der Ardariten-Ritter Markhaus Adlerkralle von Rickenbach war im PRAios, zu Beginn diesen Jahres, in der Schlacht gegen die Heere des Bethaniers, auf den Vallusanischen Weiden gefallen. Aber das entsprach allem, für was er gelebt hatte. RONdra hatte ihn geführt und sein Leben zur Vollendung geführt. Dennoch kam Miranee nicht darüber hinweg. Sie hatte für ihn alles hinter sich gelassen. Aus Liebe. Aber Markhaus war immerhin 60 Jahre alt geworden. Das war doch für einen Ritter ein langes Leben, oder?

„Herrin. Ich möchte Euch bitten, eine Weile auf der Hyndanburg bleiben zu dürfen.“ Innozenz kam direkt zur Sache. Vielleicht wollte er auch die unangenehmen Themen verlassen. Seinen Vater. Und den Tod von Markhaus. Die beiden waren die besten Freunde gewesen. Sie haben für die gleichen Ideale gelebt. Ideale die Innozenz so tief verletzt, ihm das Herz gebrochen hatten.

„Selbstverständlich darfst du bleiben. Du bist hier immer willkommen!“ Miranee lächelte ihn an. Auch wenn ihr nicht klar war, ob er ihr Lächeln überhaupt wahrnahm. „Vielleicht ist das derzeit nicht so ratsam...“ Merkan hatte bis jetzt geschwiegen. In seiner Stimme schwang ernsthafte Sorge. „Der Inquisitionsrat Ungolf von Föhrenstieg aus Elenvina und Dankwart von Firnholz halten sich derzeit in der Baronie Eisenstein auf. Sie untersuchen die Umstände des Mordes an der Inquisitorin Perihel Praiotreu. Sie haben schon Jagd auf eine Hexe und einen Druiden im Eschengrund gemacht. Auch mit Anhängern der Rondra wird nicht zimperlich umgegangen. Aber einem Magier droht sicherlich Unbill.“ Innozenz drehte seinen Kopf grob in die Richtung aus der Merkan sprach. „Genau deshalb bin ich hier. Ich möchte mir selbst ein Bild machen über die Ereignisse. Ich habe mithilfe der Schilderungen des alten Witan einen Bericht für die Nordmärker Nachrichten verfasst. Ich vermute aber, dass noch mehr dahinter steckt.“ Witan Hesindian von Hax war der Leiter der Hesindeschule in der Baronie. Da er die Kinder aller Edelleute und auch des Barons unterrichtete, war er selbst sehr gut unterrichtet über alles, was in der Baronie geschah. „Und die Inquisitoren machen mir keine Angst. Ich befürchte, da gibt es anderes in dieser Baronie, was mir mehr Sorge bereitet...“[4]

Miranee wollte das nicht hören. Die Nachrichten aus dem Osten des Reiches beunruhigten sie schon zu sehr. Nun musste nicht hier direkt vor der Haustüre nicht auch noch finsteres geschehen. Die Ereignisse der letzten Wochen in der Baronie Eisenstein waren sehr unschön gewesen. „Nun, es steht fest“, sagte Miranee mit klarer und fester Stimme, überzeugend, „Du bleibst auf der Hyndanburg. Und du stehst unter unserem Schutz. Das garantiert uns derzeit der Herzog, der uns dazu die Flußgarde auf der Burg gelassen hat.“ Es waren zwar nur ein Dutzend Mann, aber keiner wagte, ihre Autorität in Frage zu stellen. Der Hauptmann der Flußgarde, Ritter Hartmann von Brandans Stein, war immer wieder auf der Hyndanburg, um nach dem Rechten zu sehen. Innozenz nickte. „Danke, Herrin!“ Dann verlies er mit Merkan die Halle.

***

Mitte des Jahres 1021 BF, FIRun

Das Holz der Erdesche

Die Kinder spielten vergnügt im Hof der Hyndanburg. Der zehnjährige Milian schlug den Korkball mit großer Präzision. Er liebte dieses Spiel. Auch der zwei Jahre ältere Hagrian hielt den Eschenholzschläger fest in der Hand. Aber so gut, wie sein Vetter war er nicht. Hagrian war der älteste Sohn von Koarmin Adlerkralle von Rickenbach und Torm von Schellenberg. Er war in diesem Winter 13 Jahre alt und derzeit für ein paar Tage daheim auf der Hyndanburg. Er war Novize im Rondratempel zu Twergenhausen. Seine beiden jüngeren Geschwister spielten auch mit. Lupius war neun. Er war seit kurzem Page beim Baron von Eisenstein in Obena, weilte aber auch ein paar Tage auf der heimatlichen Burg. Man merkte ihm im Spiel an, dass er danach eiferte, es seinem älteren Bruder gleich zu tun, was ihm aber aufgrund des Altersunterschiedes nicht gelang. Das merkte er und es schien ihn durchaus zu ärgern. Seine kleine Schwester Imma war sieben. Sie war nicht so geschickt in diesem Spiel, weil sie körperlich eingeschränkt war. Doch ihre Brüder und ihr Vetter kümmerten sich rührend um das kleine Mädchen und nahmen bei diesem durchaus rauen Spiel viel Rücksicht auf sie. Die Schläger waren allesamt aus dem Holz der Erdesche, die in der Baronie Eisenstein wuchs. Dieses Holz galt weit und breit als das Beste Material für die Immanschläger.[5]

Der Magier ging über den Hof zum Herrenhaus. Die Kinder hatten sich bereits an ihn gewöhnt. Er war bereits mehrere Monate auf der Burg. Sie hatten diesen merkwürdigen blinden Mann sogar ein wenig lieb gewonnen. Er hatte begonnen, ihnen Unterricht zu geben. Damit wollte er sich bei der Herrin Miranee, der Großmutter der vier Kinder, bedanken für die Gastfreundschaft. Somit ergänzte Innozenz das, was Witan von Hax und Miranee Ni Bennain den Kindern beibrachte. Die Kinder mochten seine Art die Dinge zu erklären. Mit viel Geduld und Herz. Den Jungs wurde es zwar dann bald doch langweilig und sie wollten raus. Imma dagegen hing an seinen Lippen. Da sie wie Milan beständig auf der Hyndanburg waren, hatten die beiden auch bereits länger mit Innozenz zu tun, als die beiden anderen. Sie war ein sehr aufgewecktes, neugieriges und kluges Mädchen. Sie lernte bei Innozenz viel. Umgekehrt erkannte er besonders in Imma und auch in ihren Geschwistern vieles von ihrer Mutter, die er selbst von Kindesbeinen an kannte aus der Zeit auf dem Adlerstein im Bornland. Er mochte die Kinder sehr. Den Kindern gefiel, dass dem Magier, trotz seiner Blindheit nichts entging. Er bekam so vieles mit, von dem sie dachten, das sieht er ja nicht. Das beeindruckte sie. Er hatte ein Händchen im Umgang mit den Kindern.

„Kommt! Geht mit hinein!“, rief er ihnen zu, als er vorbei ging. „Es ist kalt. Wärmt euch auf.“ Den Kindern war nicht kalt. Sie hatten ja Bewegung. „Außerdem sollen wir zum Mahl bei eurer Großmutter erscheinen. Sie hat Gäste. Wir wollen sie nicht warten lassen.“ Na gut, dachten die Kinder und sammelten Schläger und Korkball ein. Sie gingen mit dem blinden Magier hinein in das Haus.

***


Das Mahl

Innozenz und die Kinder betraten den Saal. Eine lange Tafel war gedeckt. Miranee Ni Bennain und ihre Gäste hatten bereits Platz genommen und plauderten. Merkan und Gera stand noch neben dem Tisch und schienen sowohl nach dem Rechten zu schauen, als auch auf die Kinder zu warten. Sie waren mit Milan zu diesem Mahl aus dem Gestüt Rickenbach zur Hyndanburg hinauf gekommen. Seit ein paar Monaten nun lebten Merkan und Gera unten im Tal auf dem Gestüt. Rajodan von Keyserring, der Baron auf Eisenstein, hatte das Lehen nach dem Tod von Merkans Vater seiner älteren Schwester Koarmin zugesprochen. Sie weilte zwar immer nur für kurze Zeit auf der Hyndanburg, weil sie als Rondrageweihte in dieser dunklen Zeit zahlreiche Aufgaben hatte, dennoch war es für Merkan klar, dass er mit seiner Familie nicht auf dem Herrensitz derer von Rickenbach leben konnte. Seine Mutter Miranee jedoch war auf der Burg verblieben. Sie vertrat quasi ihre Tochter als Herrin auf der Burg. Das hatte sie die zurückliegenden zwanzig Jahre getan, wenn ihr Ehemann Markhaus als Ardaritenritter unterwegs und abwesend war. Sie wurde von allen als die Herrin akzeptiert, auch wenn sie es nominell nur ihre Tochter vertrat. Für ihre Enkelkinder war sie der Mensch, der ihnen Beständigkeit schenkte, während die Eltern in anderen Angelegenheiten an anderen Orten weilten.

„Na, da seid ihr endlich.“, sagte Gera. „Nun sagt den Damen aus Breewald höflich guten Tag!“ Die Kinder schauten kurz Gera und Merkan an. Es schien ihnen peinlich, aber auch nicht bewusst zu sein, dass sie irgendetwas falsch gemacht haben sollten. Imma lief vor und blieb vor dem Stuhl der älteren Dame stehen. Die Siebenjährige machte einen Knicks und sprudelte heraus: „Schön, dich zu sehen, Tante Noitburg!“ Die ältere Dame lachte. Sie war zwar nicht ihre wirkliche Tante, aber das Haus Rechklamm und das Haus Rickenbach waren nicht nur Nachbarn, sondern waren auch gut befreundet. Noitburg hatte mit Markhaus, Miranees verstorbenem Mann, Seite an Seite auf den Silkwiesen gegen die Orks gekämpft.[6] „Imma! Schön dich zu sehen! Du bist aber groß geworden!“ Noitburg von Rechklamm erfreute sich an dem kleinen Schatz. „Ihr seid lange nicht mehr hier gewesen, Noitburg. Dann machen die Kinder immer einen großen Sprung.“, lächelte Miranee. „Na, komm her, Imma!“, sagte sie zu dem Kind und Imma sprang auf ihre Großmutter zu und umarmte sie stürmisch. Nun kam Hagrian, Lupius und Milan hinterher und verbeugten sich höflich vor der Dame von Rechklamm, beinahe synchron. „Schön euch zu sehen, Jungs.“, sagte sie, immer noch lächelnd. „Auch ihr seid selbstverständlich groß geworden. Und das stimmt. Egal, wie oft ich in den letzten Wochen hier war.“

Die Kinder gingen um den Tisch herum und verneigten sich auch vor der jungen Dame. Dann gingen sie rasch an das Ende des Tisches und setzten sich auf ihre Plätze. Mit etwas Abstand kam nun vorsichtig auch Innozenz näher. In die Richtung, in der er Noitburg vermutete, machte er eine Verbeugung. „Hocherfreut, werte Dame! Mein Name ist Galahan Adlerkralle.“ Sie reichte ihm die Hand zum Kuss und obwohl Innozenz eigentlich nicht sehen konnte, wo die Hand war, ergriff er sie zielgerecht, führte sie seinen Lippen entgegen und deutete einen Handkuss an. „Mein Name ist Noitburg von Rechklamm. Ich bin die Nachbarin. Die Lehnsfrau von Breewald.“ Sie war noch von Baron Balan von Sandowall bestallt worden. „Aber wir sind uns bereits begegnet.“ Innozenz schien einen kurzen Moment nachzudenken. „Das mag sein, Wohlgeboren.“ Nun ergriff die Hausherrin das Wort. „Am Tisch ihrer Mutter gegenüber sitzt die junge Dame Miril von Rechklamm. Darf ich vorstellen: der Herr ist Galahan Adlerkralle, Sohn des Freiherrn von Adlerstein in der Grafschaft Ilmenau im Bornland. Er ist für einige Monate unser Gast.“

Miranee hatte es durchaus ernst gemeint, als sie im Spätsommer zu Innozenz sagte, du kannst solange bleiben, wie du möchtest. Ursprünglich – vor vielen Jahren – war es mal geplant gewesen, dass der junge Galahan Adlerkralle – wie Innozenz eigentlich hieß – bei ihrem Mann, dem Ardaritenritter Markhaus Page und dann Knappe werden sollte. So wie ihre Tochter Koarmin im Austausch im Bornland auf Adlerstein bei Galahans Vater Kilian Adlerkralle, dem Freiherrn von Adlerstein, Pagin und Knappin war. Eigentlich sollte Markhaus ihn damals 996 von seiner Reise aus dem Bornland mit in die Nordmarken nach Rickenbach bringen. Doch die Mutter des Knaben, diese Auelfin, hatte andere Pläne. Sehr zum Verdruss von Galahans Vater und auch von Markhaus. Das hatte beide enttäuscht. Galahan wurde bei einer Magierin namens Ynis Witrin in die Obhut gegeben. Sie soll eng mit Nahema verbandelt sein. Miranee war zwar selbst durchaus von Hesinde geküsst, doch sie wusste mit all dem arkanen Kram nichts anzufangen. Das war nicht ihre Welt.

Innozenz ging um den Tisch herum und verneigte sich auch vor der jungen Dame. Miril war die jüngste Tochter von Noitburg und Adelrich von Rechklamm. Seit früher Kindheit war ihr Gesicht vernarbt. Das hatte eine Krankheit mit Hautausschlag und Blasen hinterlassen, die sie aber überlebt hat. So ist ihr Gesicht zwar entstellt, aber ihr gegenüber nahm das offensichtlich nicht wahr. Miril reichte Innozenz ihre Hand und ebenso zielsicher wie bei ihrer Mutter gab er auch ihr einen Handkuss. „Freut mich, euch kennen zu lernen.“ Sie schaute ihn an. Ein wenig war sie irritiert aufgrund seines leeren Blickes. Aber ansonsten schien sie von seinem Antlitz eher angesprochen. Unschwer erkannte man an Innozenz´ Gestalt die elfische Seite seiner Mutter. Er war wirklich ein schöner Mann. Sehr feingliedrig. Vielleicht für jemand aus einer Ritter-Familie nicht muskulös genug. Aber auf Miril hatte er Eindruck gemacht. „Ganz meinerseits.“, sagte sie ehrlich erfreut. Dann drehte sich Innozenz um, wandte sich zu Miranee, die am Kopfende saß, und verneigte sich auch in ihre Richtung. „Herrin.“ Innozenz nickte ihr zu.

Im Firun 1021 hatte zwar die älteste noch lebende Tochter des in der Schlacht auf den Vallusanischen Weiden im Praios des Jahres gefallenen Markhaus Adlerkralle von Rickenbach bereits ihr Erbe und seine Nachfolge als Familienoberhaupt angetreten. Allerdings war Koarmin Adlerkralle, Gattin von Torm von Schellenberg, als Geweihte der Göttin Rondra und Ritterin der Heiligen Ardare, besonders in der gegenwärtigen Zeit mit vielen anderen Aufgaben betraut und viel auf Reisen. Die Verwaltung ihres Rittergutes Rickenbach übertrug sie deshalb ihrem Bruder Merkan. Und als Herrin auf der Hyndanburg waltete in ihrem Sinne ihre Mutter Miranee, die das zuvor ja bereits drei Jahrzehnte hervorragend gemacht hatte.

Fast unbemerkt war Gera an Innozenz heran getreten und legte ihm eine Hand in den Rücken. „Möchtest du neben unserem Gast, der jungen Dame von Rechklamm Platz nehmen.“ Das war weniger eine Frage, als vielmehr eine Aufforderung. Gera führte Innozenz sanft um den Stuhl von Miril herum auf den noch unbesetzten Platz neben ihr. Innozenz setzte sich. Gera ging um den Tisch herum. Merkan zog ihr den Stuhl zurück und Gera nahm neben Noitburg von Rechklamm Platz. Merkan setzte sich ebenfalls. Just in diesem Moment kam die Köchin herein mit der Suppe.

„Wir sind uns schonmal begegnet.“, fing Miril mit Innozenz ein Gespräch an. „Bei der Beerdigung von Markhaus... und vor Jahren bei der Beerdigung seiner Tochter Ustika.“ Innozenz nickte. „Bestimmt ist das so. Ich hoffe, ihr seht es mir nach, dass ich mich nicht an alle Trauergäste erinnere... Wie alt wart ihr denn bei der Beerdigung von Ustika?“ Es war nachvollziehbar, dass er sich unter einer großen Menge Menschen nur schwer einzelne merken konnte. Da stieß auch Innozenz an seine Grenzen. Auch wenn seine scharfen Sinne manches ausglichen, was seine Augen nicht mehr vermochten. Bei Miril schienen aber die damalige Begegnungen Spuren hinterlassen zu haben, dass sie sich daran noch erinnerte. Der blinde Magier hatte eine Ausstrahlung, der sie sich nicht entziehen konnte. „Acht.“, antwortete Miril.[7] „Das ist ja auch schon ein paar Jahre her.“ Innozenz nickte. „Stimmt es, das auch Ihr nahe Familienmitglieder im Krieg gegen den Bethanier verloren habt?“, fragte er. Und wieder fiel ihm auf, dass er wohl etwas unsensibel war. „Mein Vater und mein ältester Bruder Albuin sind gefallen. Mein zweiter Bruder Abbo wurde schwer verletzt, aber er hat überlebt. Das ist gut für seine beiden kleinen Töchter Isotta und Himiltrud, dass sie nicht ohne Vater aufwachsen müssen.“ Innozenz nickte versonnen. „Der Krieg hat viele Opfer gefordert... Es tut mir leid um Euren Verlust.“

„Was ist Eure Profession, Herr Galahan?“, fragte Noitburg von der anderen Tischseite herüber während ihr Löffel innehielt. „Ihr seht nicht aus, wie ein Ritter.“ Das hast du gut erkannt, dachte Innozenz und etwas Trotz stieg in ihm auf. „Ich schreibe für die Nordmärker Nachrichten. Ihr habt bestimmt schon etwas von mir gelesen.“ „Und er ist ein Meister der arkanen Künste.“, fügte Miranee hinzu. „Das dürfen die Damen ruhig wissen. Du darfst ihnen vertrauen, Galahan, sie sind unsere Freunde.“ Innozenz schaute etwas verunsichert drein. „In diesen Zeiten sind viele Menschen argwöhnisch gegenüber Magiern.“, ergänzte Gera. „Wenn ihr ein Freund der Familie von Rickenbach seid, dann mache ich mir da keine Sorgen.“, sagte Noitburg mit festem und bestimmtem Tonfall. „Adlerkralle? War das nicht Euer Name? Seid Ihr verwandt mit Markhaus?“ „Entfernt.“, antworte Innozenz kurz angebunden. Miranee, die Wert auf Genauigkeit legte, spezifizierte: „Ich glaube, Markhaus´ und Kilians Väter waren Brüder. Markhaus und Kilian waren also Vettern.“

„Da ist das schon außergewöhnlich in einer solchen Familie, dass Ihr kein Ritter geworden seid.“ Noitburg blieb hartnäckig an ihrem Thema. „Ich bin aus der Art gefallen.“, antwortete Innozenz schnippig. Ihm schien das Thema überhaupt nicht zu schmecken. Merkan und Gera wussten, dass Noitburg einen wunden Punkt getroffen hatte. „Wie sehen Eure Pläne für den Sommer aus, Herrin Noitburg?“, fragte Gera um auf ein anderes Thema zu lenken. Das klappte. Noitburg erzählte von den Instandhaltungsarbeiten an dem Wehrhof ihres Gutes bei Breewald. Die „Scheuburg“, wie die Bevölkerung von Breewald das alte Gemäuer nannten, war etwas baufällig geworden. Den von Rechklamm fehlte oft das Geld, um ihren Gutshof in Schuss zu halten. Manche Menschen spotteten: Rechklamm kommt von „recht klamm“...

Miril musterte Innozenz. Sie spürte Bitterkeit in seiner Stimme, als er ihrer Mutter so schnippig auf das Nicht-Ritter-Sein geantwortet hatte. Da steckte mehr dahinter. So ein schöner Mann, dachte Miril, und so viel Bitterkeit. „Seid Ihr verheiratet, Galahan?“, fragte sie. Merkan und Gera zuckten innerlich zusammen. Noch einen wunden Punkt, dachten beide. Das konnte ja noch ein heiterer Abend werden. „Die Götter haben es mir nicht gegönnt.“, antwortete Innozenz nachdem er einen Moment die Luft angehalten hatte. Da war sie wieder, die Bitterkeit, dachte Miril. „Das verstehe ich nicht. Ihr seid so ein hübscher Mann.“, sagte Miril frei heraus. Aber sie merkte, dass sie ihm zu nahe getreten war und errötete. Merkan seufzte. Musste er gleich auch hier die Kohlen aus dem Feuer holen. Das hatte er in der letzten Zeit schon zu Genüge für den Eisensteiner Baron Rajodan von Keyserring machen dürfen als dessen Verweser. Aber dieses Gespräch entwickelte sich in eine nicht vorteilhafte Richtung.

„Habt ihr Nachricht von Eurer Tochter?“, fragte Noitburg an Miranee. „Hat sie sich von Ihren Verletzungen, die sie sich beim Schwertzug des Blutbanners[8] zugezogen hat, erholt.“ „Ja, schon lange.“, erwiderte Miranee, „Koarmin war verärgert, dass sie nicht auf den Vallusanischen Weiden dabei sein konnte, weil sie von ihren Verletzungen genesen musste. Aber vielleicht war das gut so. Die Schlacht hatte einen hohen Blutzoll. Aber jetzt ist sie bereits wieder unterwegs. Ihr Mann Torm auch. In dieser Zeit gibt es an so viel Orten die Notwendigkeit für die Zwölfgötterordnung zu kämpfen. Ich kümmere mich derweil um ihre Kinder.“ Miranee deutete auf ihre Enkel am anderen Ende des Tisches. Noitburg hatte es irgendwie wieder geschafft, das Thema auf die Rondra-würdigenden Aktivitäten der Familie zu lenken. Ob absichtlich oder nicht schien sie damit erneut das Missfallen des jungen Magiers geweckt zu haben. Er verzog zunächst das Gesicht. Gera und Merkan blickten besorgt zu ihm rüber und wussten sofort, was in seinem Kopf vorging. Vermutlich wusste außer ihnen beiden vielleicht noch Miranee von der Geschichte, aber sie sprach über so etwas nicht. Natürlich wusste auch Koarmin davon. Innozenz sank sichtlich in sich zusammen. Und er schien mit seinen Gedanken hinfort zu driften. Miril merkte das. Welch eine Bitterkeit... und auch Melancholie, dachte sie. Was hatte das ausgelöst? Hatte er jemand verloren? In diesem Krieg? Oder auf eine andere Weise? Miril wusste nicht, wie nahe sie mit ihrer Vermutung dem Geheimnis der Seele des Magiers kam...

„Wart Ihr schon immer blind, Galahan?“, fragte sie ihn um ihn aus seinen Gedanken zu holen. Verdutzt wand Innozenz sich zu Miril. Solch direkte Fragen war er nicht gewohnt. „Nein“, antwortete er und begann aber bereitwillig zu erzählen, wie das geschehen war, dass er blind geworden ist. Nach seiner Ausbildung bei der Graumagierin Ynis Witrin legte er seine Prüfungen in der Magierakademie zur Riva, im Stoerrebrandt-Kolleg ab. Weil er zu Stolz war und unabhängig sein wollte, lehnte Innozenz es ab, dass sein Vater die Gebühren für die Prüfung bezahlte. Um diese Gebühren zu begleichen, nahm Innozenz nach seinen Prüfungen einen Auftrag von Stover Regolan Stoerrebrandt an und reiste für ihn nach Khunchom. Dort sollte er eine vertrauliche Botschaft persönlich in der dortigen „Drachenei-Akademie“ bei einem Magister abgeben. In der Khunchomer Akademie betrat er einen der Unterrichtsräume, in dem gerade jener Magister lehrte. Seine Schüler übten einen schlichten Lichtzauber, „Flim Flam Funkel“. Just als Innozenz den Raum betrat unterlief einem der Eleven ein schlimmer Zauberpatzer. Nach ein grellen Lichtblitz tauchte der Raum in ein abgrundtiefes Dunkel. Die Anwesenden waren alle mehrere Tage geblendet. Doch dann kehrte nach und nach ihr Augenlicht wieder zurück. Einzig der stümperhafte Eleve blieb vollends und dauerhaft blind, ebenso Innozenz, der wohl ungünstig in die Lichtquelle geblickt haben muss. Seither fristet er als blinder Magier sein Dasein und ist in der Ausübung seiner Profession stark eingeschränkt.

„Bis nach Khunchom seid Ihr schon gereist?“, staunend und neugierig ging Miril direkt in ein neues Thema über. Sie war begierig von der Welt zu hören. So weitgereiste Menschen, wie diesem blinden Magier, begegnete sie hier in der Baronie Eisenstein selten. Aus dem Bornland stammend, in Riva die Prüfung abgelegt und bis nach Khunchom gereist. „Wie ist es dort? Das ist doch das Land der Tulamiden, oder? Wo seid ihr noch überall gewesen?“ Es entspannte sich bald ein ausgiebiges Gespräch über die weite Welt. Wissbegierig ließ Miril sich alles beschreiben und erklären. Innozenz genoss es förmlich, von seinen Erlebnissen zu berichten. Nach den Tiefschlägen des Abends entwickelte sich dieser Plausch endlich zu einer angenehmen Begegnung, wo Innozenz sich wohl fühlte. In der weiteren Unterhaltung redeten sie noch über Literatur und Kunst und vieles mehr.

Augenscheinlich unterhielten sich die beiden sehr innig und nahmen die Gespräche der anderen am Tische kaum noch wahr, so sehr waren sie aufeinander bezogen. Gera stupste Merkan an, neigte sich zu seinem Ohr und flüsterte: „Was meinst Du? Die beiden passen doch zueinander?“ Gera hoffte so sehr, dass Innozenz sich aus der Vergangenheit lösen und sich einer neuen Beziehung zuwenden würde. Sie konnte es nicht ertragen, dass er sich immer wieder in Melancholie verlor.

Dieser junge Magier war ein gebildeter Mann... und intelligent, dachte Miril. Sie mochte Menschen, mit denen sie sich über solch spannende Themen unterhalten konnte. Nur seine Seele hielt er verschlossen. Was verbarg er? Miril fand ihn dennoch sympathisch. Vielleicht schon ein wenig mehr. Innozenz hatte sichtlich Eindruck bei ihr hinterlassen. Sie übernachtete mit ihrer Mutter auf der Hyndanburg und als sie am nächsten Morgen nach dem Frühstück nach Breewald aufbrach, sann sie unterwegs noch lange nach. Dann stellte sie fest, dass sie zugeben musste, dass sie sich wohl verliebt hat...

***

Phex 1022

Unterwegs

Merkan freute sich, mit seinem Freund unterwegs zu sein. Sie wollten den Hesindegeweihten Witan von Hax besuchen. Er war der Vorsteher der Hesindeschule in dem Ort im Erdeschtal, den Baron Rajodan vor Kurzem umbenannt hat in „Haxhaus“[9] – allerdings nicht zu Ehren von Witan, sondern zu Ehren seines Bruders Roban Lye. „Der alte Witan.“, seufzte Merkan. Alle nannten ihn den „alten“ Witan, obwohl er eigentlich nicht deutlich älter war, als Merkan und Innozenz. Sechszehn Jahre älter als Merkan und nur zwölf Jahre älter als Innozenz war Witan heute, im Phex 1022, Ende 40. Aber alle nannten ihn den „alten Witan“, weil er schon als junger Hesindegeweihter zurück in seine Heimat kam und die Aufgabe des Lehrers in der Hesindeschule übernahm. Er wirkte wohl mit Anfang Zwanzig bereits alt und weise. In der Baronie Eisenstein waren alle Kinder der Edlen und Ritter, auch die des Barons, von Witan unterrichtet worden. Viele fühlten sich mit ihm verbunden und verdankten ihm viel. So hatte Witan wohl das beste Netzwerk in der Baronie Eisenstein. Alle kannten ihn und er kannte alle gut. Mit vielen Stand er im Kontakt und im Austausch. So wusste er immer, was gerade passierte. Anfangs hat er deshalb zusammen mit Innozenz für die Nordmärker Nachrichten berichtet.[10] Doch das hatte Witan dann bald Innozenz allein überlassen, um durch die Berichterstattung nicht in Konflikt mit dem noch immer neuen Baron Rajodan zu geraten, der wohl auch als nachtragend galt. Doch für Innozenz und seine Berichterstattung war Witan immer die erste Anlaufstelle und beste Quelle. Witan war ganz anders als sein älterer Bruder Roban Lye von Hax. Roban Lye war der Hauptmann der Wehr des Barons. In den Unruhen um Erdeschmünd und um den Eulenturm, der zu herzoglichen Feste Treuenbollstein gehört[11], hatte Roban Lye einen Weibel der herzoglichen Garde erschlagen. Diesem groben Vorgehen seines Bruders konnte und wollte Witan nichts positives abverlangen. Doch Witan war sehr bedacht um ein friedliches Miteinander, so auch um den Familienfrieden. So mied er dieses Thema.

So ritten die beiden nun am Rande des Eschenbruchs entlang dem Karrenweg am Nordrand des Erdeschenwaldes. Die Bruchlandschaft, die Merkan zu seiner Linken bewundern konnte, erstreckte sich weit nach Norden bis hinauf nach Obena, bis an den Fuß des Berges auf dem das Bunte Schloss zu erkennen war. Gerade ritten die beiden an einem Karren vorbei, auf dem drei Torfstecher gerade eine Reihe Soden aufluden.

„Galahan. Auf ein Wort. Du kannst ihr nicht ewig hinterherweinen!“ Merkan war der einzige Mensch, der Innozenz auf dieses Thema ansprechen durfte. Er war sein bester Freund. Sie kannten sich seit ihrer Kindheit. Andererseits wussten auch nicht viele Menschen um das, was Innozenz auf der Seele lastete. Merkan hatte sich nach dem Mahl auf der Hyndanburg noch einige Male mit Gera über Innozenz unterhalten. Sie war der Meinung, dass sie ihm irgendwie helfen müssten und dass es nun an der Zeit sei und vielleicht auch die Umstände passen könnten, das auch zu tun.

Innozenz schwieg. Er wusste nicht, was er entgegnen sollte. Darum fuhr Merkan fort: „Du musst dich von ihr lösen. Du kannst nicht weiter einer unerfüllbaren Hoffnung hinterher laufen. Erkenne es doch! Das ist Vergangenheit. Das zerfrisst dich nur innerlich...“ Es war noch einmal besonders schlimm gewesen, als Merkans Schwester Koarmin über den Jahreswechsel für ein paar Wochen zuhause auf der Hyndanburg war. Innozenz war ihr in der Kindheit auf der elterlichen Burg Adlerstein zum ersten Mal begegnet. Koarmin war die Pagin seines Vaters. Schnell haben die beiden sich angefreundet. Und obwohl Innozenz immer wieder für längere Zeit von zuhause fort war, weil er von der Graumagierin Ynis Witrin ausgebildet wurde, vertiefte sich ihre Freundschaft immer mehr in den Zeiten, wo er zwischendurch wieder auf der heimatlichen Burg war. Sie eroberten das alte Gemäuer für sich, entdeckten die geheimsten Ecken der Burg und teilten viele Geheimnisse miteinander. Ihre Freundschaft vertiefte sich über die Jahre und aus dem kindlichen Miteinander wurde in ihrer Jugend, als beide heranreiften, mehr. Beide müssen etwa 14 Jahre alt gewesen sein, als Koarmin ihn eines Tages für ihn überraschend auf den Mund geküsst hatte. Doch trotz der Überraschung fiel ihm die Erkenntnis in jenem Moment wie Drachenschuppen von den Augen. Es war viel mehr, was die beiden miteinander verband. Er liebte sie. Beständig war diese Spannung zwischen ihnen, die er sich nicht so recht zu erklären mochte. Und was er als Heranwachsender auch noch nicht richtig begriff und in Worte fassen konnte: Er begehrte sie. Langsam wuchs ihre Liebe. Sie verbrachten Stunden der Intimität miteinander. Sie trafen sich an den Orten der Burg, die nur die beiden kannten. Vor Innozenz´ Vater verbargen sie ihre Beziehung. Von ihm hätte es wahrscheinlich ein Donnerwetter gegeben. Nur Innozenz´ Mutter wusste wohl bald um die beiden. Sie sagte es ihnen jedenfalls eines Morgens auf den Kopf zu. Aber von ihr kam viel Verständnis. Koarmin war für sie wie eine Tochter, die sie nie hatte. Umgekehrt hatte Koarmin die Auelfin als Ersatzmutter angenommen.

Die Jahre gingen ins Land. Beide wuchsen heran. Beide wurden in ihrer jeweiligen Profession ausgebildet. Koarmin zur Ritterin und Innozenz zum Magier. Mit der Ausbildung gelangten die beiden in vielen Fragen zu einer sehr unterschiedlichen Sicht auf die Welt. So kam es öfter auch zum Streit. Für Koarmin waren die Ritterlichen Tugenden und die Gebote ihrer Herrin Rondra ihre Orientierung und ihr Wertekanon. Mit der Zeit passte ein „verweichlichter“ Magier nicht mehr in ihr Bild. Koarmin liebte ihn zwar intensiv und abgöttisch. Seine herausragende, durch das Elfenblut in ihm geprägte Schönheit und sein ganzer Habitus hatte sie in den Bann gezogen. Die beiden hatten miteinander auch ihre ersten körperlichen Erfahrungen gemacht. Doch als Koarmin 16 und 17 wurde, bildete sich in ihr ein anderes Männerideal, geprägt von dem, was ihr Schwertvater Kilian ihr vermittelte. Während es mit 14 und 15 Jahren noch nicht sosehr auffiel, weil Innozenz´ Körper, Auftreten und Gestalt noch sehr jungenhaft war, traten mit 16 und 17 die Unterschiede zu anderen jungen Männern seines Alters immer mehr hervor. Er war nicht so kräftig und muskulös wie die meisten anderen, sondern blieb zierlich und schlank. Koarmin war ihm an Körperkraft weit voraus. Wenn sie sich liebkosten, wirkte Innozenz fast zerbrechlich in ihren Armen. Diese Erkenntnis wuchs in Koarmin und nagte an ihr und ihrer Liebe zu ihm. Als sie mit 17 auf einer ihrer Reisen mit ihrem Schwertvater den jungen Ritter Torm von Schellenberg kennenlernte, wurde ihr bewusst, dass Innozenz für sie nicht mehr der begehrenswerte Mann war, den sie wollte. Hinzu kam, dass Koarmin auch einen Ruf der Sturmherrin vernahm und mit dem Gedanken spielte, sich der Herrin Rondra weihen zu lassen. Da passte ihr Verhältnis zu einem angehenden Magier nicht mehr. Sie beendete ihre Beziehung zu dem Magierlehrling. Koarmin hoffte, dass die Freundschaft zu ihm erhalten blieb, was sich aber als schwierig und belastet herausstellte.

Das war ein schwerer Schlag für Innozenz. Sie hatte ihm das Herz gebrochen. Davon hatte er sich nie mehr erholt. Koarmin war die Liebe seines Lebens. Die vier Jahre mit ihr waren die schönsten, es waren die besten Erfahrungen, die er gemacht hat. Er fühlte sich erneut zurückgesetzt, wie damals, als seine Eltern darüber stritten, ob er als Page und Knappe in die Ausbildung bei Markhaus Adlerkralle von Rickenbach gehen sollte. Seine Mutter Lúthien hatte sich damals durchgesetzt. Aber sein Vater Kilian war schwer enttäuscht. Es passte nicht in seine Idealvorstellungen. Sein Vater hatte damals seine Enttäuschung nicht verbergen können. Das hatte seinen kleinen Sohn sehr verletzt. Er kam sich zeit seines Lebens vor, als ob er nicht genüge. Wie sehr sehnte er sich nach Anerkennung durch seinen Vater... Und nun? Nun schien er wieder an diesen rondraischen Idealvorstellungen zu scheitern. Seine große Liebe zerbrach deswegen.

Diesem Verlust hing er seither beständig hinterher. All das wirkte viel schlimmer als der Verlust seines Augenlichtes. Es hatte in seinem Inneren vieles zerstört. Merkan und Gera wussten davon und versuchten ihn nach ihren Möglichkeiten vor sich selbst zu bewahren. Aber das war sehr schwer.

„Was hältst du von der jungen Tochter von Noitburg von Rechklamm? Miril scheint an dir einen Narren gefressen zu haben.“, setzte Merkan nach einer Zeit des gemeinsamen Schweigens wieder ein und lachte leicht. Gera und Merkan hatten die beiden in der letzten Zeit beobachtet. Gera war der Überzeugung, dass die beiden zueinander passen würden. Mirils Zuneigung zu Innozenz war unübersehbar. Und Innozenz schien sie ebenfalls sympathisch zu finden, ansonsten würde er ihre Nähe nicht immer wieder zulassen. Gera hatte ein Gespür für diese Gefühlsdinge, dachte Merkan. Sie sah eine Chance und den Keim einer möglichen Beziehung.

„Ja, das ist mir wohl auch nicht entgangen.“ Innozenz schmunzelte. Bei jeder Begegnung mit Miril in den zurückliegenden Monaten seit dem Mahl auf der Hyndanburg suchte sie seine Nähe. Sie versuchte immer wieder mit ihm ins Gespräch zu kommen und ihn mit Scherzen und Anekdoten aufzuheitern. Es war offensichtlich, dass sie etwas für ihn empfand. „Ich glaube, die junge Dame verrennt sich in etwas.“ Innozenz unterstrich seine Bemerkung mit einer winkenden Handbewegung. „So wie du mit Koarmin...“, machte Merkan spitz klar. „Ja, vielleicht.“, gab Innozenz zu. Na, das war ja mal der Anfang von Einsicht, dachte Merkan. „Kannst du dir vorstellen, um ihre Hand anzuhalten?“ Innozenz guckte verblüfft. „Nun“, fuhr Merkan fort, „sie würde dir vielleicht eine neue Lebensperspektive eröffnen und vielleicht kämest du dann irgendwann von deiner alten Liebe los...“ Innozenz zögerte. „Ich weiß nicht.“ Er seufzte. „Ich bin mir nicht sicher, ob das ihr guttun würde. Ich wäre doch eher eine Last.“ Merkan stutze. So ein Selbstbild, dachte er. Eine Last? Innozenz war so ein toller Mensch. Aber er definierte sich immer nur von seinen vermeintlichen Unzulänglichkeiten, die ihm sein Vater und auch Koarmin vermittelt hatten. „Du könntest in Breewald wohnen und wärest ganz nahe bei uns.“ Diese Aussicht freute Merkan. Aber er wünschte sich auch, dass Innozenz endlich sein Glück finden würde. Und in Miril schien ihm endlich ein Mensch gekommen zu sein, mit dem Innozenz das gelingen könnte. „Wäre das nicht toll?“ Innozenz schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht...“ Die beiden ritten über eine Brücke über die Erdesch. Merkan schloss das Gespräch: „Denk mal darüber nach.“

***

Phex 1022

Die Zusammenkunft

Ein merkwürdiges Gefühl befiel Innozenz, als er mit Merkan von seinem Besuch bei Witan von Hax zurückkehrte auf die Hyndanburg. Das Gespräch was Merkan auf dem Hinweg zum „alten Witan“ angeschnitten hatte, hing ihm noch nach. Aber jetzt wurde seine Aufmerksamkeit gebunden durch eine Präsenz die er spürte. Er konnte es noch nicht einordnen. Hier ging etwas Besonderes vor. Es war aber keineswegs etwas bedrohliches. Den Menschen auf der Burg war eine nervöse Betriebsamkeit anzumerken. Das war spürbar, auch als der Stallknecht den beiden die Pferde abnahm. Innozenz spürte die Gegenwart von Wesen mit arkanen Kräften. Teilweise kam ihm die Aura sehr vertraut vor, teilweise auch nicht. Was war los?

Innozenz und Merkan wurden von Gera begrüßt. Sie tuschelte etwas mit Merkan, was Innozenz nicht richtig verstand, obwohl sein Hörsinn überdurchschnittlich geschärft war. Gera geleitete sie hinein und zur Halle. Vor der Türe blieb Gera stehen und ließ die beiden eintreten. Die Halle war gefüllt von einem Stimmengewirr. Es mussten sieben oder acht Personen sein. Innozenz konzentrierte sich und versuchte sich in dem Chaos der Stimmen, Geräusche, Gerüche und Präsenzen zu orientieren. Er erkannte Miranee, die Herrin des Hauses. ... Dann war da ein alter Mann, offensichtlich ein Magier, den er nicht kannte. ... Sein Vater. Dieser Geruch von Stahl und Schweiß. Unverkennbar. Und an seiner Stimme erkannte er ihn natürlich. Innozenz war unsicher, ob er sich freuen sollte... Bei der nächsten Person, die er wahrnahm, freute er sich umso mehr: es war seine Mutter, die Auelfin Lúthien „Nachtigall“. Wie lange hatte er sie nicht mehr getroffen? Er hatte sie vermisst. ... Bei der nächsten Person war er nicht minder überrascht und erfreut: die Graumagierin Ynis Witrin, seine Lehrmeisterin. ... Dann war da wohl noch ein Zwerg. Eine unverkennbare Mischung von Geruch nach einer Esse und Rauch, Tabak und Schweiß. Er kannte den Zwerg aber nicht. ... Die letzte Person im Raum, die er wahrnahm, roch umso besser. Innozenz war sich nicht sicher. Es schien eine Geweihte der Zwölfe zu sein. Es umgab sie eine Aura der jungen Göttin, der Jugend und der Erneuerung. Obwohl die Frau selbst nicht mehr allzu jung schien. Vermutlich eine Tsa-Geweihte.

Als Merkan und Innozenz die Halle betraten und die Anwesenden sie bemerkten, ebbten die Stimmen langsam ab und die Aufmerksamkeit richtete sich auf die Neuankömmlinge. „Auf euch beide haben wir gewartet. Schön, dass ihr da seid!“, begrüßte die Hausherrin ihren Sohn und seinen Freund. „Ihr wundert euch bestimmt, was hier los ist.“ Ja, das taten sie. Merkan war genauso überrascht über die unerwartete Gesellschaft. Er kannte auch nicht alle: zwei ihm unbekannte Magier,... Xallinosch, der Schmied aus Breewald,... die Tsageweihte Ise,... und – darüber freute er sich besonders – die Eltern von Innozenz. „Nun, dann möchte ich zunächst alle miteinander bekannt machen. Die meisten kennt ihr jedoch, manche gut. Die beiden Neuankömmlinge sind zum einen mein Sohn Merkan Adlerkralle von Rickenbach und Galahan Adlerkralle von Adlerstein, der Sohn von Kilian und Lúthien, einige kennen ihn unter dem Namen Innozenz.“ Innozenz war der Name, den er bei seiner Magierweihe zugesprochen bekam. Seine Lehrmeisterin Ynis Witrin meinte: Du tust immer so harmlos, Junge, aber in dir steckt mehr, als man auf den ersten Blick erkennen kann... „Also die weiteren Anwesenden sind der Hochgelehrte Magister Shavall-Dón vom Steyneychenwaid...“ Innozenz hatte von diesem Graumagier gehört. Er hatte sich besonders in den zurückliegenden Monaten einen Namen gemacht im Kampf gegen die Bethanier, denn das Gleichgewicht war aus den Fugen geraten. „...seine Kollegin die Magisterin Ynis Witrin,... Ihre Gnaden, die Geweihte der Tsa, Ise,... Xallinosch „Grimbergen“ aus Breewald,... und Galahans Eltern, gute Freunde unserer Familie.“

Was für eine illustre Runde? Was hatte sie hier zusammengeführt? Die Spannung stieg. Innozenz war neugierig. „Ich bin hocherfreut!“, nickte er in die Runde. Seine Mutter kam auf ihn zu und schloss ihn liebevolle in die Arme. „Schön dich zu sehen, mein Kleiner. Und schön zu sehen, dass es dir gut geht... Zumindest vom äußeren Erscheinen. Auch wenn dein Herz schwer ist.“ Seine Mutter konnte immer tiefer blicken als die meisten anderen. Vor ihr konnte man kaum etwas verbergen. „Es ist auch schön dich zu sehen, Merkan. Du hast dich gemacht!“, wandte sie sich zu Miranees Sohn.

„Können wir die Wiedersehensfreuden auf später verschieben?“, brummte der Zwerg, „Ich habe schließlich nicht alle Zeit der Welt gepachtet.“ Nun, der schien ja ein liebevoller Zeitgenosse zu sein, schmunzelte Innozenz. „Gut“, sagte der Graumagier Shavall-Dón in einem wohlwollenden aber bestimmten Ton, „kommen wir zur Sache.“ Mit diesen wenigen Worten verstand er es die Aufmerksamkeit voll und ganz auf sich zu lenken. Er hatte eine überwältigende Präsenz und füllte nun ganz unmerklich den Raum. „Innozenz! Ihr habt es sicher besser als wir beobachtet. Es gab in den beiden zurückliegenden Jahren gar merkwürdige und beunruhigende Vorkommnisse in diesen Landen hier, im Eisensteinischen. Wir meinen da besonders alljene Unbill, die von dem Schlosse des Schwarzmagiers Targunitoth ausgegangen sind...“ Ohne Umschweife kam er auf den Punkt. Der Schwarzmagier, der gerade ins Spiel gebracht wurde, wird von den Menschen hier in der Baronie Eisenstein „Tunich-Guhd“ genannt. Eine Verballhornung seines Namens. Auch besser so, denn seinen echten Namen auszusprechen bedarf viel Mut und war vielleicht auch nicht besonders ratsam, handelte es sich doch auch um den Namen eines Dämons. Laut einem Bericht von Koarmin hatte sie den Schwarzmagier auf dem Schwertzug des Blutbanners 1020 in den Schwarzen Landen gesehen.[12]

„Die Kirche des Praios hat sich bemüht, die Gefahr abzuwenden. Der Inquisitionsrat Ungolf von Föhrenstieg hat seinerzeit – Anfang 1021 – zusammen mit dem Hakonianer-Bruder Dankwart von Firnholz versucht den Zugang zum Schloss zu schließen. Wenigstens vorrübergehend ist ihnen das gelungen.“[13] Die Stimme des Graumagiers war voller Sorge. „In der Zeit der Magierkriege ist in den Wald zwischen Midderneit und Breewald ein Meteorit eingeschlagen. Er zerstörte ein Dorf und hinterließ einen Krater, den man heute „Die Öde“ nennt. Der Krater trennt heute den Breewald vom Trollwald. Das Pikante: dieser Vorfall hat auch einen Durchgang in den Limbus gerissen, ein Dimensionstor. Über die Jahrhunderte war es mal mehr, mal weniger offen. Genau dort hinein in das Tor zwischen den Dimensionen hat der Schwarzmagier sein Schloss errichtet. Man kann sich vorstellen, dass diese Pforte sich bei der Rückkehr Borbarads besonders öffnete und eine Bedrohung darstellte. Ich glaube vielen war die Gefahr gar nicht bewusst. Durch ein Wunder des Praios wurde das Tor verschlossen. Es ist unklar, für wie lange.“

„Das ist ein schlimmer Ort. Lebensfeindlich.“, schaltete sich Ise ein. „Ein Gegengewicht zu diesem Unort bildete über die Jahrhunderte nur die Aal Bosch mit einer friedvollen, lebensbejahenden Präsenz.[14] So wurde das Gleichgewicht gehalten. Sonst wären die Menschen hier in Eisenstein, vielleicht im ganzen Isenhag sicher schon den Auswirkungen dieses Dimensionentors zum Opfer gefallen. Die Gefahr, die davon ausgeht ist nicht zu gering einzuschätzen.“

„Die Diener des Praios sind der Meinung, das Thema sei erledigt. Was für ein fataler Irrtum. So ein Tor lässt sich wohl kaum für immer verschließen. Es ist eine Wunde im Raum-Zeit-Kontinuum.“, ergänzte Ynis Witrin.

„Die Völker der Elfen stimmen dieser Einschätzung der Situation zu.“, sagte Lúthien mit sanfter Stimme. Offensichtlich war sie bevollmächtigt in ihrer aller Namen zu sprechen.

„Die Zwerge auch.“, stimmte Xallinosch rau ein. Er war wohl weitaus mehr als nur ein Schmied.

„Und was gedenkt Ihr zu tun?“, fragte Innozenz nach dem ihn sehr überraschenden Bericht. Er hatte sich zwar in den vergangenen beiden Jahren mit den Ereignissen und der Präsenz der „Öde“ hier im Eisensteinschen befasst, war aber nicht im entferntesten zu diesen Erkenntnissen gelangt.

„Wachsam bleiben.“, antwortete Shavall-Dón. „Wir brauchen jemanden, der dieses Tor bewacht. Jemand der sensibel genug ist, um zu bemerken, dass sich etwas verändert. Einen Wächter.“

„Und wer sollte das sein?“, Merkan blickte prüfend zu Kilian, dann in die Runde. „Hier genügen die Tugenden eines Ritters wohl keineswegs.“

„Wir halten Galahan für geeignet.“, sagte Kilian. Der Ritter schaute seinen Sohn an. Innozenz erwiderte seinen Blick nicht, er schaute leer in den Raum, aber voller Anspannung und Aufmerksamkeit. „Er kennt sich hier aus, er hat sich mit den Ereignissen beschäftigt und ... er verfügt über ausgeprägte Sinne ... die hilfreich sein könnten.“ Schön, wie mein Vater über mich in der dritten Person spricht, dachte Innozenz.

„Das möchte ich unterstreichen.“, stimmte Ynis Witrin ein. „Du verfügst über eine besondere Sensibilität, die weit über das hinaus geht, was andere deiner Profession vermögen. Innozenz, du wärst die beste Wahl.“

„Ihr verlangt viel. Das würde mich hier binden. Ich habe aber durchaus auch andere Aufgaben.“, gab Innozenz zu bedenken.

„Du musst nicht permanent hier sein. Aber regelmäßig nach dem Rechten schauen und wachsam sein.“, schränkte Shavall-Dón die Aufgabenbeschreibung ein. „Gut wäre es aber, wenn du hier einen festen Wohnsitz hättest, wenn es für alle selbstverständlich wäre, dass du dich hier aufhältst. Möglichst nahe an der „Öde“ selbst. Du solltest nicht besonders auffallen. Es sollte allen ganz normal vorkommen. Und es sollte nicht besonders publik sein. Am besten stellst du die Schreiberei für die Nordmärker Nachrichten ein, oder verwendest einen anderen Namen dafür. Welche Orte liegen der „Öde“ am nächsten?“

„Midderneit und Breewald.“, sagte Miranee. „Der Wehrhof derer von Rechklamm sogar am nächsten. Auf der Rückseite des Berges, worauf der Gutshof steht, ist die Öde.“

„Vielleicht heiratest du in das Haus Rechklamm ein...“, sprudelte es aus Merkan hinaus. Miranee huschte ein kleines Lächeln über das Gesicht. Sie wusste, was ihr Sohn meinte. Aber schnell hatte sie die Fassung wieder zurückgewonnen. „Da ... da gibt es eine junge unverheiratete Tochter der Herrin Noitburg von Rechklamm...“, fügte Merkan hinzu.

„Das ist eine sehr gute Idee, Herr von Rickenbach!“, stimmte Shavall-Dón zu. „Das wäre die beste Tarnung!“

„Moment mal!“, in Innozenz stieg das Unbehagen. Hier ging etwas vor, was ihm gar nicht gefiel. Er wurde offensichtlich fremdbestimmt und bevormundet. Wie eine Spielfigur bei Rote Kamele. Das ganze widerstrebte ihm sehr... Gefühle stiegen auf. Widerstand...

Da schritt seine Mutter auf ihn zu, legte ihm sanft die Hände auf die Schultern, schaute ihn tief und fest an, als ob sie in seine leeren Augen blickte, und sagte mit sanfter Stimme: „Du möchtest die Menschen schützen, die du liebst.“ Innozenz wusste sofort, wen seine Mutter meinte. „Sie leben hier in großer Gefahr. Sie und ihre Kinder, Merkan und seine Familie. Nur du kannst sie schützen, das weist du.“ Innozenz´ Vater schaute irritiert. Von was sprach seine Frau? „Wenn du Miril heiratest kannst du ihnen allen ganz nahe sein. Sie ist nicht die verkehrteste Wahl. Sie wird deiner aufgescheuchten Seele gut tun. Glaube mir. Sie liebt dich. Und mit der Zeit wirst du vielleicht auch die Liebe zu ihr entdecken. Vielleicht auf eine andere Weise, als wie du Koarmin liebst...“ Jetzt schaute Innozenz´ Vater noch irritierter. Innozenz dagegen war verblüfft, wieviel seine Mutter bereits wusste. Offenbar hatte sie sich bereits intensiv mit Miranee besprochen. Konnte Innozenz seiner Mutter etwas abschlagen? Sie hatte stets zu ihm gehalten. Auch als seine Welt zerbrach, als Koarmin ihn verlassen hatte.

„Nun gut. Ich stimme zu.“, sagte Innozenz nach einem Zögern und Bedenken in dem der Raum in angespannter Stille gelegt war. Lúthien schloss ihren Sohn in die Arme und drückte ihn fest.

„Dann wirst du also um ihre Hand anhalten?“ Merkan klopfte seinem Freund freudig auf die Schultern. Er hoffte das Beste für seine Zukunft. Vielleicht war das die Lösung für all seine Probleme.

***

Peraine 1022

Brautwerbung

Innozenz war durch das Dorf Breewald geritten. Ein kleiner Ort umgeben von Wald. Er ritt vorbei an einer Wassermühle, die am Rande eines schmalen Baches stand, der von dem Berg auf den er zuritt zum Ort und dann in den Wald hinein verlief. Es war der Weißenbach, wie er später erfahren durfte. Vor der Mühle saß in der Sonne eine Katze. Als Innozenz vorbeiritt gab das Tier ein lautes „Miauuuu!“ von sich. Vor der Türe der Mühle saß auf einer Bank ein Zwerg und rauchte Pfeife. Ein merkwürdiges Szenario, dachte Innozenz. Er konnte noch nicht ganz zuordnen, was ihn befremdete. Dann ritt er weiter hinauf zu dem Wehrhof, den die Menschen hier „Scheuburg“ nannten. Es war der Stammsitz derer von Rechklamm. Merkan hatte ihm erzählt, dass Noitburg bereits Wind von der Sache bekommen und bereits verkündet hatte, dass sie zustimmen werde, froh, einen Mann für ihre Tochter zu finden. Und Miril erst... Sie muss Luftsprünge gemacht haben. Also warum ritt er denn noch hin, um bei Noitburg um die Hand ihrer Tochter anzuhalten, wenn sowieso schon alles klar war?

(...)


[1] Sie waren zunächst mit dem Schiff den Großen Fluß hinaufgefahren bis nach Ferdok (400 Meilen), dann bis nach Gareth (200 Meilen), dann über Wehrheim und Altenzoll (400 Meilen), nach Warunk, über Eslambrück und Vallusa nach Festum (600 Meilen), von dort hinauf nach Sewerien (200 Meilen) (gesamt: 1.800 Meilen).

[2] Vgl. Innozenz m.c. / Witan Hesindian von Hax in Nordmärker Nachrichten No. 1 Seite 5 und 9: „Unruhe in den Nordmarken“ sowie No. 3 Seite 7: „Wieder Ruhe in den Nordmarken“.

[3] Vgl. Catrin Grunewald / Henrik: „Unauffindbar“ (Vorgeschichte von Merkan und Gera), http://wiki.nordmarken.de/bin/view/Nordmarken/UnAuffindbar

[4] Vgl. Innozenz m.c. in Nordmärker Nachrichten No. 2, Seite 12: „Erneuter Eklat zu Eisenstein – Inquisitorin ermordet“; sowie Peter Schimunek in „Das Hakonianer Stiftsblatt“ No. 7 und No. 8 (1021 n.BF): „Das Komplott - Die Schrecknisse zu Eisenstein“, Hakons Stift, Baronie Riedenburg, Nordmarken [Nor-III-14];

[5] Hagrian ist der älteste Sohn von Koarmin und Torm, geboren 1008 ist er im Jahr 1021 also 13 Jahre alt. Sein Bruder Lupius ist 1012 geboren und im Jahr 1021 also 9. Seine Schwester Imma wurde 1014 geboren und ist jetzt 7 Jahre alt. Sein Vetter Milian ist der älteste Sohn von Gera und Merkan. Er wurde 1011 geboren und ist jetzt 10 Jahre alt. Sein kleiner Bruder Ledan ist gerade geboren (1020) und noch ein Baby. Gereon (1024) und Rotger (1028) sind noch nicht auf der Welt.

[6] 1./2. Phex 1012 n. BF.

[7] Miril von Rechklamm ist 1002 n. BF geboren und ist an diesem Abend 19 Jahre alt.

[8] Vgl. https://de.wiki-aventurica.de/wiki/Schwertzug_gegen_Borbarad sowie http://www.janiesch.de/schwertzug/derisch/xiii.htm

[9] Vgl. Innozenz m.c.: Nordmärker Nachrichten No. 6 (1022 Phex) – Seite 3: Innozenz berichtet über Namensänderung: Vogue zu Haxhaus; Al Vildoe zu Rajodansberg;

[10] Vgl. Innozenz m.c. / Witan Hesindian von Hax in Nordmärker Nachrichten No. 1 Seite 5 und 9: „Unruhe in den Nordmarken“.

[11] Vgl. https://de.wiki-aventurica.de/wiki/Treuenbollstein sowie http://www.wiki.nordmarken.de/bin/view/Nordmarken/FestungTreubollenstein

[12] Vgl. „Rondramut wider Dämonenbrut – Schwertzug gegen Borbarad“, über die Erlebnisse der Ritterin Koarmin Adlerkralle von Rickenbach im von den Schergen Borbarads besetzen Landen.

[13] Vgl. Innozenz m.c. in Nordmärker Nachrichten No. 2, Seite 12: „Erneuter Eklat zu Eisenstein – Inquisitorin ermordet“; sowie Peter Schimunek in „Das Hakonianer Stiftsblatt“ No. 7 und No. 8 (1021 n.BF): „Das Komplott - Die Schrecknisse zu Eisenstein“, Hakons Stift, Baronie Riedenburg, Nordmarken [Nor-III-14];

[14] Vgl. Catrin Grunewald: „Oh ihr Götter, was bedeutet eigentlich Wahrheit?“ – Die aal Bosch ist ein Koboldgebiet mit einem geheimen Tsatempel; http://wiki.nordmarken.de/bin/view/Nordmarken/DeiQuidEstVeritas

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Topic revision: r1 - 02 Mar 2021 - 21:29:36 - InnozenzMC
 

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